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Frau Käßmann setzt sich dafür ein, Terroristen mit Liebe und Gebeten zu begegnen und glaubt sich damit in direkter geistiger Nachfolge der Bergpredigt. Eine ganze Reihe neuer christlicher Märtyrer könnte die Folge sein, wenn sich die Meinung durchsetzt, dass man Selbstmordattentäter umarmen müsse. Wenn sich der Attentäter am Ende dennoch in die Luft sprengt könnte das daran gelegen haben, dass er nicht innig genug umarmt wurde.

Aber ist Frau Käßmann nicht Botschafterin eines besonderen Ereignisses, welches auf den Schutzpatron ihrer Konfession, Martin Luther, zurückgeht? Feiern wir nicht 2017 den 500. Jahrestag eines Prozesses, der das Christentum erst in die Lage versetzt hatte, sich der Moderne zu stellen? Anstatt also den Christen das Kuscheln mit dem Islam zu verordnen, wie wäre es mal mit der Anregung einer Reformation im Islam? Warum spricht Frau Käßmann nicht zu den Muslimen über die Erfahrungen, die das Christentum in 500 Jahren machte und gibt Tipps? Keine Idee, Frau Käßmann? Hier haben Sie ein paar gedankliche Eckpunkte für zukünftige Reden in Kairo, Riad und Teheran, denen ich mit Freude entgegen sehe:

Wie wäre es mit einer kritischen und auf die Epoche bezogenen Auseinandersetzung mit den Quellen und einer kontextuierten Interpretation der eigenen heiligen Schriften? Hat im Christentum stattgefunden, findet dort weiterhin statt und nachhaltig geholfen. Hat im Judentum stattgefunden, findet dort weiterhin statt und nachhaltig geholfen. Hat im Islam bisher nicht stattgefunden (von einer kurzen Epoche im 9. Jahrhundert einmal abgesehen) und ist auch nicht in Sicht. Jeder Kritiker des Islams wird betrachtet, als sei er ein äußerer Feind und entsprechend behandelt.

Manche westliche Beobachter setzten auch bei religiösen Menschen einen freien Willen als übergeordnete Instanz voraus, der dem Glauben sagt, was richtig und falsch ist. Diese Instanz sei empfänglich für Argumente von jenseits des eigenen Glaubensgebäudes. Kant würde hier sicher von „Vernunft“ sprechen. Schön wäre es, wenn diese Instanz genetisch im Menschen angelegt wäre – ist sie aber nicht. Diese Instanz ist aber ohne Luther, Hegel, Spinoza und Kant nicht zu haben. Diese Instanz entsteht als Ergebnis der Aufklärung und auch nur dann, wenn es geschafft ist, Glaubens- und Rechtssystem voneinander zu trennen. Das ist im Islam nirgends der Fall. Fragen Sie einen Muslim, warum er bei seinem Glauben bleibt, und ihn nicht untreu werden will/kann. Er wird ihnen zunächst erzählen, dass es der einzig richtige sei, religiös kann man das so stehen lassen. Fragen Sie aber weiter, insistieren Sie, fragen Sie nach dem warum. Am Ende, wenn alles Für und Wider erörtert ist, wenn Glaubenssätze und Prinzipien von Judentum, Christentum, Islam oder Buddhismus vorgebracht worden sind, wird er sich auf eine letzte Linie zurückziehen: Weil es verboten ist. Das Recht schlägt zu, wo der Glaube in Zweifel steht. Glaube hat in Islamischen Gesellschaften nichts Freiwilliges, er ist Bestandteil des Rechtssystems, weshalb sich z. B. ein Atheist im Islam nach dem islamischen Rechtsverständnis außerhalb des rechtlich Erlaubten befindet – ganz unabhängig vom religiösen Aspekt.

Dies zu korrigieren wäre die Aufgabe einer Reformation des Islam, denn religiös verbrämte Denkverbote und die juristischen Machtansprüche des Islam sind die Crux in allen Islamischen Gesellschaften.

Los, Frau Käßmann, seien Sie eine wahrhaftige Botschafterin der Reformation! Gehen Sie nicht nur dorthin, wo es bequem ist und nach Weihrauch duftet, gehen Sie dorthin, wo’s unbequem werden kann und nach Blut riecht. Luther war ja auch nicht zimperlich.

Nachtrag: Ja, ich weiß, dass es in protestantischen Kirchen nicht nach Weihrauch duftet! Aber Frau Käßmann wurde einerseits auch schon in katholischen Kirchen gesichtet und andererseits fand ich die Methapher passend. Der Weihrauch, den Frau Käßmann nämlich am liebsten einatmet ist der leichte, süße Duft ihrer eigenen frohen Botschaften.