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Er ist wieder da!

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Er ist wieder da!

Kalter Krieg 2.0

Was war die Welt früher doch einfach zu verstehen! Je nach dem auf welcher Seite des eisernen Vorhangs man saß, gab es in der Summe klare Vorstellungen von Gut und Böse. Die atomare Abschreckung sorgte dafür, dass sie Großmächte jeweils das Messer an der Kehle des anderen hatten, alle Konflikte traten hinter diese „Mutter der Konflikte“ zurück. Ich stand damals natürlich – wie jeder andere überall auf der Welt übrigens auch – auf der „guten“ Seite. Jedenfalls sagten uns die Greise im Politbüro, das dies so sei und dass das Bestreben der anderen, bösen Imperialisten aus dem Westen sei, uns zu vernichten. Und wenn sie das nicht mit Pershigs, Leopardpanzern und Helmut Schmidt schafften, versuchten sie es eben mit den Verlockungen des Wohlstands. Reisen, Autos, Musik…perfinde Dinge, die uns schwächen und einlullen sollten. Der arme, geknechtete Arbeiter im Westen hingegen, wenn er nicht der imperialistischen Hirnwäsche erlegen war, liebte die DDR. So sollten wir das sehen. Taten wir aber nicht. Wir schauten nicht nur die aktuelle Kamera und den Schwarzen Kanal, wir wurden umso misstrauischer, je mehr Geifer über unsere offiziellen Medien verbreitet wurde.

War die Welt wirklich so böse und uns feindlich gesinnt? Machten die Imperialisten nicht auch mal Pause vom Imperien bauen und die Revangisten vom revangieren? Ständige Klassenkämpfe machen müde und die Fassade aus Abschottung, Verschwörungstheorien, und absoluten Gewissheiten bekommt Risse. Und genau dann werden die Gewissheiten zum Problem. Wer im Besitz der Wahrheit ist, das „bessere System“ hat und immer das Richtige zu tun behauptet, kann eben nicht glaubhaft „nur ein bisschen“ danebenliegen – „Unsinkbar II“ ist ja auch kein passender Name für ein Schiff.

Hinter dem Horizont gings weiter

Mielke sprach „…ich liebe doch alle Menschen“, die Rumänen ließen ihren Spitzen-Kleptokraten etwa Metall durch den Kopf gehen, von kleinen baltischen Völkern erfuhren wir, dass sie doch gar nicht so gern russisch sprachen. Eine Implosion folgte der anderen. Die Leute sahen einander an wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern und machten sich wieder an die Arbeit. Mancherorts mit mehr, anderenorts mit weniger Erfolg. Aber da war ja noch „der Russe“, der hatten ja immer noch das große Messer. Und genau hier beginnen die Missverständnisse. Der Westen dachte, Russland möchte so etwas werden wie die USA, nur mit Wodka statt Whiskey, mehr Rohstoffen, Platz und kyrillischem Alphabet. Anfangs sah das ja auch ganz danach aus. Die GUS zerbrach, die kleinen Völker an der russischen Peripherie wurden unabhängig, die Wirtschaft wurde privatisiert und Bereicherung in Russland fand nicht mehr im Geheimen, sondern in aller Öffentlichkeit statt. Um Russland bei seiner Selbstfindung nicht allzu nahe zu kommen, wurden Einflussgebiete und „rote Linien“ definiert. Eine davon bezog sich auf die Osterweiterung der Nato. Kein Problem dachte der Westen. Weißrussland, Ukraine…ist doch alles irgendwie auch noch Russland, was sollen wir mit denen schon anfangen. Man teilte also die Welt wieder einmal auf. Bis sich die Ukrainer irgendwann fragten, warum es in ihrem Land so gar nicht voran ging, warum alles was sie taten, jede Regierung die sie hatten sie immer weiter in die Abhängigkeit von Moskau brachte.

Wer gehört warum zu wem?

Man stelle sich mal vor, Lincoln hätte zwar die Sklaverei abgeschafft, es aber per Gesetz jedem ehemaligen Sklaven verboten, seinen Herrn zu verlassen. Mit welchem Recht hat man die Ukraine also dazu zwingen wollen, sich aus EU und Nato rauszuhalten, und der russischen Einflusssphäre zugeschrieben? Die Ukraine hatte jedes Recht dazu, sich der EU oder Russland zuzuwenden oder einen ganz anderen Weg zu gehen. Brüssel und Moskau haben wiederum das Recht, diese Hinwendung zu kommentieren, schlecht oder gut zu finden und zu versuchen, ihre jeweilige Sichtweise in den Köpfen der Ukrainer zu verankern. Mehr nicht.

Sieger nicht in Sicht

Man kann dem Westen ja vieles vorwerfen – nicht jedoch, dass er seine Probleme vor dem Osten geheim zu halten versuchte. Krisen, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Waffenhandel…schlimme Auswüchse, die es im Osten natürlich nicht geben konnte, weil es all so etwas nicht geben durfte. Russland befindet sich wieder auf dem Weg zurück in die Sowjetzeit, in der alles von oben geregelt wurde und es nur die angepassten Menschen schaffen, zu überleben. Die Nato, von der viele schon in den 90er Jahren glaubten, sei sei überflüssig geworden weil es ihr an einem tauglichen Feindbild mangele, diese Nato erwacht nun wieder zu neuem Leben. Rüstungshaushalte werden ausgebaut, wechselseitig Drohungen ausgesprochen und Provokationen unternommen. Alles wie früher, alles auf Anfang, nichts dazu gelernt. Der kalte Krieg ist zurück. Zum Glück weiß ich ja wie beim letzten mal, dass ich auf der richtigen Seite stehe. Aber so ist das ja immer. Diagnose: Kognitive Dissonanz, auf beiden Seiten!

Herr Augstein spricht vom Neuanfang in Griechenland

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Herr Augstein spricht vom Neuanfang in Griechenland

Heute las ich Ihre SPON-Kolumne, Herr Augstein. Und ich denke, Sie liegen diesmal daneben.

Ein Ergebnis des zweiten Weltkrieges und der Nazizeit ist für manche eine Art singulärer Weltrekord, den selbstverständlich Deutschland eingestellt hat und der für alle Zeiten unerreichbar bleiben muss. Die meisten Toten, die größte Schuld, der perfekte Genozid, das schlimmste Grauen. Das ist der Maßstab, an dem sich alles Elend dieser Welt messen lassen muss! Da bestehen wir `drauf! Verglichen mit dem, was Deutschland angerichtet hat, ist alles andere nur eine Lappalie! Die Hamas greift Israel mit Raketen an? Unsere V1 war treffsicherer!  Korruption und Schuldenwirtschaft in Griechenland? Wir waren schlimmer! Griechische Reeder bezahlen ihre Steuern nicht? Ach was, deutsche Soldaten haben halb Europa ermordet!

Aber gut, bleiben wir bei ihrem Vergleich Herr Augstein, schauen wir uns die Lage in Griechenland an und vergleichen sie mit der in Deutschland nach WWII. Der erste Unterschied der uns auffällt – und wahrscheinlich ist es der wichtigste – ist, dass Deutschland nach dem Krieg ein besetztes Land war, ein geteiltes und verkleinertes noch dazu. Auch wenn es den einen oder anderen unbelehrbaren Nazi gab (und gibt) und sich viele um ihre gerechte Strafe herumdrückten war doch die Einsicht, dass da in den letzten 12 Jahren etwas gehörig und unglaublich schief gelaufen war, was man schwerlich jemand anderem in die Schuhe schieben konnte, bei den meisten vorhanden. In Griechenland war diese Einsicht höchstens kurz aufgeflackert, dann hatte man wieder ein bequemeres Feindbild. Die Deutschen eignen sich aufgrund ihrer historischen Qualifikation bestens dafür und Frau Merkel ist ja auch aus ihrem Heimatland Satire gewohnt.

Zweitens gab es in Deutschland so etwas wie eine „Stunde Null“. In Griechenland wurden dagegen für viele die Uhren nicht einmal angehalten, während andere sich heute nicht mal mehr eine Uhr leisten können. Mit dieser Stunde Null ging in Deutschland auch ein politischer Kollaps einher. Das alte System hatte ausgedient, die Ideologie war endgültig diskreditiert und das Wort  „Mitläufer“, das treffend die große Mehrheit der Deutschen kennzeichnete, konnte auch als „Profiteur“ gedeutet werden. Man hatte sich eingerichtet im System, guckte weg wenn man das Elend der Juden sah oder fragte lieber nicht nach, wenn über Nacht Menschen verschwanden. Deshalb nahm man es den zurückkehrenden Emigranten auch so übel, „abgehauen“ zu sein. Diese hatten das System nämlich durchschaut und beschlossen, nicht Opfer und auch nicht Teil des Systems zu werden.

Nun geht es in Griechenland ja nicht um Mord und Krieg, sondern „nur“ um Geld. Aber bis heute tun die meisten Griechen so, als ginge sie die Jahrzehnte lange Kredit-Orgie nichts an! Man fragt sich schon, wer sich in diesem System eingerichtet hat, wer davon profitierte. Nur die Oligarchen? Jeder wusste, dass die keine Steuern zahlen. Das Geld musste also woanders her kommen. Und überhaupt, der „Staat“, der Steuern haben will: Was macht der überhaupt damit? Der verschwendet es doch sowieso nur für die Politiker und deren Günstlinge! Jeder wusste das, weil jeder eine Cousine oder einen Neffen hatte, der nur deshalb eine Stelle in der Stadtverwaltung oder einer andern Behörde oder staatlichen Firma bekam, weil er die richtigen Leute kannte oder unterstütze. Vitamin B eben. Das gibt es zwar überall, aber in Griechenland war es besonders ausgeprägt. Und nun erwarten die Griechen von eben diesem Staat, den sie als korrupt kennen und dem sie misstrauen, dass er die Rettung hinbekommt? Dieser Staat, der seit 30 Jahren 1 Euro einnimmt und 1,20 Euro ausgibt und dies geschickt zu verschleiern verstand soll es nun richten? Es ist immer noch unausgesprochen und nicht in den Köpfen angekommen: Jeder Grieche hat mitgemacht! Jeder irgendwie davon profitiert. Jeder hatte das System Flakelaki verinnerlicht und angewendet. Vielleicht widerwillig, vielleicht schimpfend. Aber wenn man einen Vorteil davon hatte, nahm man den mit. Auch das ist ein menschlicher Zug, aber eben ein verhängnisvoller. Es bleibt zu hoffen, dass der Besen des Herrn Tzipras aus einem festeren Material gemacht ist, als der seiner Vorgänger.

Wer Hunger hat, denkt nicht ans kochen, sondern ans essen

Wut und Verzweiflung der Griechen sind menschlich und verständlich. Aber die Wut geht an die falsche Adresse.  Man kann nicht einerseits von Europa im allgemeinen und Deutschland im besonderen Hilfe und Geld erwarten und den Helfen andererseits vorwerfen, sich unberechtigterweise in Griechenlands innere Angelegenheiten einzumischen. Weder Frau Merkel noch Herr Schäuble wetzen die Messer und überlegen sich in ihrem geheimen Bunker, wie sie die Griechen bestrafen oder plattmachen können. Solche Vorwürfe sind einfach albern. Wenn man ehrlich ist muss man beiden zugestehen (und das tue ich nicht gern), dass sie versuchen, im Interesse Deutschland zu handeln, was in diesem Fall bedeutet, finanziellen Schaden vom deutschen Volk abzuwenden.  Dafür wurden sie gewählt, das steht in ihren Stellenbeschreibungen so drin. Das schaffen sie nicht immer und die jüngste Geldschwemme der EZB zeigt überdeutlich, dass es eben doch nicht immer nach den Deutschen geht in der EU.

Die richtige Adresse der griechischen Wut wäre zunächst mal die eigene, man darf da natürlich graduell differenzieren. Dann muss man an die griechischen politischen und wirtschaftlichen Eliten adressieren. Es muss ja nicht so weit gehen wie in Paris 1789 – aber mit sehr viel weniger sollte man sich nicht zufrieden geben.

Eine weitere Adresse für Kritik sind Brüssel und Straßburg. Die praktische Umsetzung des Euro und der kaum unterdrückte Größenwahn haben dazu geführt, dass die unterschiedlichen Stärken und Schwächen der einzelnen Länder das System fast zerreißen. Und anstatt endlich entsprechende Regularien einzurichten hält man am Status Quo fest als gäbe es die Probleme gar nicht.

PS: Ich hoffe ja, ich bin sachlich geblieben, Herr Augstein. Sachlicher jedenfalls als Sie in Ihrer SPON-Kolumne. Besonders die Bezeichnung „Amerika-Freundin Merkel“, der in dem Zusammenhang leider wie „Griechenland-Feindin Merkel“ klingt, nehme ich Ihnen übel. Vor allem weil sie mich nötigen, ausgerechnet für Frau Merkel Partei zu ergreifen!

To Russia with love…

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To Russia with love…

Lieber Waldimir,

es läuft gerade gar nicht gut zwischen uns. Ich habe heute deine Pressekonferenz gesehen in der du ausführlich erklärst, dass an all dem was gerade passiert natürlich ich – der Westen – Schuld bin. Was den Kurs des Rubels angeht, hast du sicher sogar teilweise recht damit. Du bist ein brillanter Taktiker und deine Analysen des Ist-Zustands unserer Beziehungen sind wie immer messerscharf. Leider sind deine Strategischen Fähigkeiten mit deinen taktischen nicht zu vergleichen. Schlimmer noch: Du scheinst anzunehmen, dass auch ich bei der Beurteilung der Lage nur auf die jüngsten Ereignisse schaue. Das ist aber nicht so. Du denkst, keiner würde dich verstehen. Ich denke, das beruht auf Gegenseitigkeit. Ich werde versuchen, dir die wichtigsten Fakten aus meiner Sicht zu erklären:

1.Theorie: Der Westen möchte sich „dein Fell“ an die Wand hängen (mit anderen Worten, Russland zerstören)

Du hast ein schönes, großes, faszinierendes Land voller gastfreundlicher Menschen, Wälder, Seen, Flüssen, Rohstoffen – du kannst es behalten! Jeder konnte in der Vergangenheit an vielen Beispielen sehen wohin es führt, wenn Staaten zusammenbrechen und Bürgerkriege ausbrechen. Ruanda, Sri Lanka, Irak, Afghanistan, Libyen, Kongo…die Liste ist endlos. Und dabei schauen wir mal gar nicht mehr als etwa 30 Jahre in der Vergangenheit. Ein Zusammenbruch deines russischen Reiches wäre so entsetzlich, dass wir uns das nicht mal vorstellen wollen. Die Beinahe-Katastrophe von 1990 hat uns genügt! Von „echten“ Kriegen mal ganz zu schweigen. Napoleon wusste es und Hitler hätte es auch wissen müssen: Unmöglich! Und wen sollen wir schicken? Etwa unsere Bundeswehr? Die Schweizer Garde? Und deine Atomwaffen haben wir auch nicht vergessen. Also vergiss das mit der Bedrohung ab besten gleich wieder und fürchte nicht um deinen Pelz.

2.Theorie: Der Westen verletzt russische Interessen indem er sich immer weiter nach Osten ausbreitet

Jetzt hast du mich aber erwischt! EU-Osterweiterung, Nato-Mitgliedschaft, eins deiner früheren Satellitenländer hat sogar schon den Euro eingeführt. Das findest du bedrohlich. Aber was bedroht dich? Schauen wir doch zum Beispiel mal aus der Sicht deiner lettischen Nachbarn auf die Tatsachen und fragen, was hatte Russland als Alternative anzubieten? Irgendeine Idee vielleicht, ein Konzept für das Zusammenleben der Völker, rechtssicher und verlässlich, eine Art Sowjetunion 2.0 mit gemeinsamem Parlament, freien Wahlen und freier Marktwirtschaft? Oder mal anders gefragt: Wer hat denn bei der Festlegung von „Einfluss-Sphären“ und Interessengebieten die Litauer, Letten, Esten, Ukrainer oder Georgier gefragt, was diese eigentlich für ihre eigene Zukunft planen? Lieber Wladimir, du redest ja immer wieder gern vom Selbstbestimmungsrecht der Völker und von deren „inneren Angelegenheiten“. Du wirst mir also zustimmen wenn ich sage, dass die Völker in deinem Westen und Südwesten nicht zu deiner oder meiner Verfügungsmasse gehören, dass diese Völker sehr wohl selbst entscheiden können, was gut für sie ist.

Du hast es ja versucht mit neuen Ideen und Angeboten. Aber die GUS und ihre Nachfolgerorganisationen konnten nicht lange Bestehen. Deinen Nachbarn kommt es vielmehr so vor, als sei das Zusammenleben mit dir umso schwieriger, je eigenständiger sie sich entwickeln. Und kann man es ihnen verübeln, dass sie sich deinem Einfluss zu entziehen versuchen? 70 Jahre mit dir zusammen im Gulag Sowjetunion eingesperrt zu sein, erzeugt Fluchtphantasien. Als endlich die Lagertore offen waren und du den Gulag nun zu einer Wohngemeinschaft umbauen wolltest, war niemand mehr bereit, bei dir einzuziehen. Gut, einige haben es getan. Weißrussland wohnt noch da aber die Ukraine hat bereits gekündigt. Zumindest der größte Teil der Ukraine.

Mit freundlichen Grüßen

Dein Nachbar, der Westen

Am Ende siegt der Zweifel

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Am Ende siegt der Zweifel

Georg Diez befasst sich in seinem Artikel bei SPON mit dem Hass der IS-Terroristen – und findet kreative Erklärungen

Lieber Herr Diez, geht’s nicht auch mal eine Spur weniger selbstanklagend? Schon wieder jemand der meint, dass im Grunde doch der Westen Schuld ist an der Misere im Irak und Syrien. Muss ja so sein! Da gibt der Islamisten-Rekrutierer Hasnain Kazim im Spiegel-Interview von sich (http://www.spiegel.de/politik/ausland/is-islamischer-staat-streitgespraech-mit-einem-islamisten-a-998720.html) „Wer hat die Welt erobert und versucht, alle fremden Kulturen und Religionen zu unterwerfen? Die Geschichte des Kolonialismus ist lang und blutig. Und sie dauert bis heute an, in Form von Arroganz des Westens gegenüber allen anderen.“

Und Georg Diez von SPON „kann ihm nicht wirklich widersprechen“.

Das ist schade, weil es viel zu widersprechen gäbe! Zunächst aber sprechen in derlei Dialogen nicht zwei auf Augenhöhe. Der eine, Herr Diez, kennt Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden und macht sie sich zu Eigen. Der Andere, Herr Kazim, glaubt, generell keine Fehler zu machen weil er im Besitz der Absoluten Wahrheit ist. Man muss kein Prophet sein um zu wissen, wie solche Gespräche enden: Sprachlos.

Und bitte, liebe Islamistenversteher und Abbitteleister: Hättet ihr im Geschichtsunterricht besser aufgepasst, oder würdet ihr im Angesicht der verbalen Konfrontation nicht immer sofort den Aschebeutel mit der Aufschrift „wir haben auch Fehler gemacht“ hervorholen, wüsstet ihr, dass all diese Vorwürfe genauso auf  Römer, Griechen, Goten, Vandalen, Hunnen, Sassaniden, Mongolen, Hetiter, Azteken und – man höre und staune – Tataren, Araber, Seldschuken und Osmanen zutreffen!

Haben 200 Jahre Aufklärung wirklich nichts genutzt? Glaubt wirklich ernsthaft jemand, das es Sinn ergibt, in der Diskussion mit Islamisten historische Vergleiche zu bemühen und sich für die blutige Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 zu entschuldigen?
Ich warte noch auf eine Entschuldigung aus Ulan-Bator für die Plünderung und das Schleifen Bagdads – quit pro quo gewissermaßen. Ist es von Belang, ob „der Westen“ eine arrogante Art des Kolonialismus betrieb, in dessen Folge der Islam sich nun erheben müsse? Und was ist die Folge?  Sind nun für die nächsten 500 Jahre die Islamisten „mal dran“ mit arrogantem Kolonialismus? Nun, was das angeht ist Georg Diez im Spiegel-Interview sehr deutlich und ich kann ihm nur danken, dass er so offen ist. Lest das Interview, bevor ihr wieder zur Asche greift und wie Herr Diez versucht, auch aus dem absurdesten Terror noch eine Portion Selbstkritik zu pressen. Lest es und versteht es! So klar drückt man sich in diesen Kreisen nicht oft aus. Schluss mit Lustig! Vergesst den „toleranten, barmherzigen Islam“, den wir so gern herbeizitieren, wenn‘s mal wieder etwas intoleranter und unbarmherziger zugeht! Schluss mit dem friedlichen „Miteinander der Kulturen“ oder dem toleranten Al Andalus, alles Irrwege und Ketzerei. Konvertiere oder stirb – das sind die Alternativen des Hasnain Kazim. Zumindest darf man sich noch entscheiden.

Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ war ein vielgedrucktes Buch, erschienen schon lange vor der  „Machtergreifung“ 1933. Und es stand alles drin, Hitler hat nicht hinter dem Berg gehalten mit seinen Absichten! Alles, von dem später viele sagten: „Das haben wir nicht gewusst!“ konnte man schon 1926 nachlesen. Wie damals hängen wieder viele Menschen wieder an den Lippen der Demagogen, diesmal kommen die Botschaften nicht aus der nationalistischen, sondern der religiösen Ecke. Wir gut, die böse. Wir sind unterdrückt, sie unterdrücken uns. Wir sind das Licht, sie sind das dunkel – und Du willst doch auf der Seite des Lichts stehen, oder? So einfach ist das! Also lies!  Auf jeden Fall das Interview mit Herrn Kazim. Sonst jammre später nicht, dass sowas ja keiner hätte wissen können!

Georg Diez postuliert, dass der Westen behaupte, das historische Recht auf seiner Seite zu haben. Wenn dem so ist – und ich frage mich, wo „der Westen“ sowas mal behauptet hat – dann stellt sich die Frage, wo all die Zweifler und Nörgler hier „im Westen“ herkommen, die glauben, „der Westen“, zu dem sie ja irgendwie auch gehören, mache sowieso alles falsch. Und weil wir alle so voller Fehler sind, hassten uns „die anderen“ – nur aus den falschen Gründen! Wenn wir doch nur alle Engel wären, und in der Vergangenheit immer alles richtig gemacht hätten, lieber Herr Diez! Dann hätten wir die moralische Autorität, den Hasspredigern, den Homophoben, den Frauenfeinden bei den Islamisten mal so richtig die Meinung zu sagen – aber so? Und schon wieder rieselt uns die Asche aus den Haaren… Warum nur lassen wir uns zum Beispiel immer und immer wieder in die Schablone „Westen“ pressen? Ich kann gegen den Irak-Krieg von G.W. Bush gewesen sein UND das Vorgehen der IS dort als abscheulich empfinden. Ich kann das Verhalten der NSA in Deutschland genauso als falsch ansehen, wie ich es bei einem deutschen Konvertiten tue, der in Syrien „ungläubige Schweine“ tötet. Ich kann auch für Israel Partei ergreifen und dennoch die fortwährende Zersiedelung der Palästinensergebiete für schlecht halten. Warum soll das ein Widerspruch sein? „Der Westen“ ist ein ideologisches Konstrukt der islamistischen Schwarz/Weiß-Malerei in dem alle Vorurteile  zusammengefasst werden, die ihr eigenes Weltbild untermauern. Angereichert wird das Ganze mit jeder Menge Lügen, Auslassungen und Verallgemeinerungen. Dieser „Westen“ existiert nur in den Hirnen der Islamisten. Dieses Konstrukt haben sie von den Ideologen des „Ostens“ geerbt, als deren Nachlass nach dem verlorenen kalten Krieg verteilt wurde. Ich lehne diesen Begriff ab!

Wenn man in letzter Zeit Gespräche mit Islamisten in den Medien verfolgt wird einem immer wieder deutlich, wie die mehr oder weniger christliche Sozialisierung der Menschen in diesem Land als argumentative Waffe gegen sie verwendet wird. Es gewinnt am Ende der, welcher die meisten Fehler in der Vergangenheit und Gegenwart aufzählt, es verliert der, welcher die meisten Fehler auf sich nimmt. Und so kommen nach den Kreuzzügen, Vietnam, Afghanistan- und Irak-Krieg, amerikanischen Basen in Saudi Arabien und der allgemeinen „Unterdrückung der Muslime“ die Gegenargumente eher kläglich. Es kommt auch kaum keiner auf die Idee, eine historische Aufzählung der Eroberungen der Muslime (Jerusalem, Damaskus, Alexandria, Spanien, Konstantinopel, Belagerung von Wien…) zu unternehmen. Auch das mit den Muslimen, die in toto unterdrückt seien erklärt uns niemand. Dabei können wir das mal kurz beleuchten: Muslime, die in Europa, den USA oder Australien leben, hindert niemand an der persönlichen Entwicklung. Sie können studieren, Firmen gründen und ihre Kinder auf gute Schulen schicken. Sie können ihre Moscheen betreiben, fünf Mal am Tag beten, den Bedürftigen spenden und zur Hadsch nach Mekka fahren. Wer sich an die Gesetze des jeweiligen Landes hält, kann dies alles ohne Ansehen seiner Religion tun, wenn es auch noch graduelle Unterschiede gibt, weil es leider unmöglich ist, Vorurteile per Gesetz zu verbieten, zumal sie immer wieder gut Nahrung erhalten. Im Großen und Ganzen sind die Muslime aber nicht unterdrückter im bösen „Westen“ als jede andere Gruppe: Atheisten ist die Karriere im katholischen Klerus verwehrt, Männer haben es schwer, Hebamme zu werden und Rockerclubs weigern sich, Frauen aufzunehmen. Die „westliche Welt“ ist voller Ungerechtigkeiten! Es kommt halt immer auf den Blickwinkel an.

In der muslimischen Welt sieht das schon anders aus. Dort laden Militärdiktaturen, Gottesstaaten und absolutistische Monarchien zum Verweilen ein. Deshalb geht es den Menschen in Ägypten, Pakistan, Iran oder Saudi Arabien auch so gut – weil dort Muslime über Muslime herrschen. Nun wird man einwenden, dass all diese Staaten sich eben nicht entwickeln können, weil die USA und ihre „Handlanger“ (ein schönes Wort) sie auspressen und unterdrücken (da ist es wieder)! Nun, Ägypten und Pakistan werden von den USA alimentiert – und Dollars nehmen die so „Unterdrückten“ komischerweise immer gern (selbst der IS hat kein Problem damit, für Dollar amerikanische Waffen zu kaufen). Iran und Saudi Arabien verkaufen erfolgreich Öl in die Welt. Zwar wird der Iran durch das Embargo an der Entwicklung der Atombombe gehindert, aber in Saudi Arabien, wo die Scharia heute schon herrscht, wo es kein Embargo gibt, wo Geld im Überfluss vorhanden ist – dort muss das Paradies sein! Dorthin sollten sich die Islamisten wenden, denn dort wurde all das verwirklicht, was sie sich erträumen. Wöchentliche Enthauptungen von Übeltätern inclusive.

Worte an einen Islamisten

„Ich will helfen, Allahs Wort das Höchste zu machen“ sagte einer auf den Straßen von Köln beim Koran verteilen. Mal abgesehen davon, dass dies schlimmes Deutsch ist, würde ich sagen: „Geschafft! Für dich ist es ja offensichtlich das Höchste! Ich gratuliere!“ Ich bin aber kein Moslem und will auch keiner werden. Ich bin es gewohnt, meinen Verstand zu benutzen und ich habe einen freien Willen, mit dem mich die Natur, Gott, Jahwe oder Allah ausgestattet hat. Ich weigere mich an deine Interpretation eines Gottes zu glauben, dessen eigene Schöpfung angeblich gezwungen werden muss, an ihn zu glauben und Regeln befolgen soll, die ein Mensch vor 1400 Jahren in der arabischen Wüste empfangen haben will. Dein Gott muss auf mich verzichten. Ich denke, er wird es verkraften!

Aber was verkraftet dein Glaube? Du predigst einen Islam, der wörtlich genommen werden soll und der bei keiner Herausforderung des modernen Lebens Halt und Hilfe gibt. Der Koran in deiner Hand wurde auf modernen Druckmaschinen aus der westlichen Welt hergestellt. Du nutzt Twitter und Facebook um dein schwarz/weißes Weltbild zu verbreiten, Du wirfst dem Westen Intoleranz und Unterdrückung vor – hier in Köln, wo du ungehindert deine eigene intolerante Meinung verbreiten kannst ohne danach mal einfach so enthauptet zu werden. Niemand zwingt dich hier, Schweinefleisch zu essen. Deine geistigen Brüder vom IS lehnen das moderne Leben, Kunst, Kultur und Musik ab – nutzen aber die westlichen Medien, um ihre mit Musik untermalten Kampfvideos zu verbreiten. Sie zerstören Kunstwerke und Altertümer in Syrien und dem Irak und verkaufen diese gleichzeitig über den Schwarzmarkt um Geld für westliche Waffen zu bekommen. Du trägst eine Uhr, die in der Schweiz zusammengebaut wurde. Du buchst einen Flug in die Türkei, um dich dem Dschihad anzuschießen – was sagt der Koran über die Anschnallpflicht in einer amerikanischen Boeing und warum reitest du nicht auf einem Pferd in den Krieg? Alles das blendest du aus, aber woher weißt du, ob nicht gerade DAS deine vorgebliche Unterwerfung für Allah wertlos macht? Vielleicht nimmst du die falschen Stellen aus dem Koran wörtlich oder nicht alle? Vielleicht hast du die eine oder andere Stelle vergessen oder falsch verstanden? Ich habe Zweifel an deinen Motiven. Ich bezweifle, dass Dich ein Paradies und der große, immerwährende Gang Bang erwarten. Wenn du also vor deinem Märtyrertod in die Kamera schaust solltest du darüber nachdenken, ob das mit dem Bilderverbot des Islam vereinbar ist. Vielleicht solltest du ja überhaupt wieder mit dem denken anfangen. Selbst. Schon vorher. Am besten jetzt.

Vom Wert des Zweifels

Wenn es eine Essenz der letzten 2000 Jahre Menschheitsgeschichte gibt, deren Abwesenheit sich stets besonders verheerend ausgewirkt hat, dann ist es der Zweifel. Immer wenn sich Menschen besonders sicher sind, das ihr Handeln richtig ist, führte das in Katastrophen. Zweifel sorgen aber dafür, das eigene Denken und Handeln und das der Gruppe zu hinterfragen, deshalb sind sie so nützlich und wichtig und ein Regulativ zu Glaube und Ideologien. Zweifel sorgen dafür, dass es Fortschritt in Wissenschaft und Technik gibt, weil alle Gewissheiten und Wahrheiten immer wieder hinterfragt werden dürfen. Zweifel haben aus der Erdscheibe eine Kugel gemacht und sie aus dem Mittelpunkt des Universums verbannt. Zweifel haben dafür gesorgt, dass die Vögel den Himmel nicht für sich allein haben und dafür, dass Helfer in Afrika ihr Leben riskieren, um Ebola-Kranken zu helfen. Zweifel haben Luther dazu gebracht, die Rolle des Klerus zu hinterfragen und die DDR-Grenzer davon abgehalten, auf die Menschen zu schießen, die am 9. November 1989 auf die Mauer stiegen. Zweifel lassen uns Fehler erkennen und sorgen dafür, dass es nach drei Schritten vorwärts häufig zwei Schritte zurück geht – sie sorgen aber auch dafür, dass die Menschheit an Abgründen immer wieder inne hält und nicht blind in jede Katastrophe rennt. „Der Westen“ ist voller Zweifel, der Islamismus kennt solche Zweifel nicht – das macht ihn so gefährlich, aber letztlich auch gefährlich für sich selbst.

Georg  Diez hat Zweifel, das macht ihn mir dann doch sympathisch und sorgt dafür, dass ich mit ihm einen Dialog führen könnte. Mit Hasnain Kazim ist ein Dialog unmöglich.