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Am Ende siegt der Zweifel

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Am Ende siegt der Zweifel

Georg Diez befasst sich in seinem Artikel bei SPON mit dem Hass der IS-Terroristen – und findet kreative Erklärungen

Lieber Herr Diez, geht’s nicht auch mal eine Spur weniger selbstanklagend? Schon wieder jemand der meint, dass im Grunde doch der Westen Schuld ist an der Misere im Irak und Syrien. Muss ja so sein! Da gibt der Islamisten-Rekrutierer Hasnain Kazim im Spiegel-Interview von sich (http://www.spiegel.de/politik/ausland/is-islamischer-staat-streitgespraech-mit-einem-islamisten-a-998720.html) „Wer hat die Welt erobert und versucht, alle fremden Kulturen und Religionen zu unterwerfen? Die Geschichte des Kolonialismus ist lang und blutig. Und sie dauert bis heute an, in Form von Arroganz des Westens gegenüber allen anderen.“

Und Georg Diez von SPON „kann ihm nicht wirklich widersprechen“.

Das ist schade, weil es viel zu widersprechen gäbe! Zunächst aber sprechen in derlei Dialogen nicht zwei auf Augenhöhe. Der eine, Herr Diez, kennt Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden und macht sie sich zu Eigen. Der Andere, Herr Kazim, glaubt, generell keine Fehler zu machen weil er im Besitz der Absoluten Wahrheit ist. Man muss kein Prophet sein um zu wissen, wie solche Gespräche enden: Sprachlos.

Und bitte, liebe Islamistenversteher und Abbitteleister: Hättet ihr im Geschichtsunterricht besser aufgepasst, oder würdet ihr im Angesicht der verbalen Konfrontation nicht immer sofort den Aschebeutel mit der Aufschrift „wir haben auch Fehler gemacht“ hervorholen, wüsstet ihr, dass all diese Vorwürfe genauso auf  Römer, Griechen, Goten, Vandalen, Hunnen, Sassaniden, Mongolen, Hetiter, Azteken und – man höre und staune – Tataren, Araber, Seldschuken und Osmanen zutreffen!

Haben 200 Jahre Aufklärung wirklich nichts genutzt? Glaubt wirklich ernsthaft jemand, das es Sinn ergibt, in der Diskussion mit Islamisten historische Vergleiche zu bemühen und sich für die blutige Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 zu entschuldigen?
Ich warte noch auf eine Entschuldigung aus Ulan-Bator für die Plünderung und das Schleifen Bagdads – quit pro quo gewissermaßen. Ist es von Belang, ob „der Westen“ eine arrogante Art des Kolonialismus betrieb, in dessen Folge der Islam sich nun erheben müsse? Und was ist die Folge?  Sind nun für die nächsten 500 Jahre die Islamisten „mal dran“ mit arrogantem Kolonialismus? Nun, was das angeht ist Georg Diez im Spiegel-Interview sehr deutlich und ich kann ihm nur danken, dass er so offen ist. Lest das Interview, bevor ihr wieder zur Asche greift und wie Herr Diez versucht, auch aus dem absurdesten Terror noch eine Portion Selbstkritik zu pressen. Lest es und versteht es! So klar drückt man sich in diesen Kreisen nicht oft aus. Schluss mit Lustig! Vergesst den „toleranten, barmherzigen Islam“, den wir so gern herbeizitieren, wenn‘s mal wieder etwas intoleranter und unbarmherziger zugeht! Schluss mit dem friedlichen „Miteinander der Kulturen“ oder dem toleranten Al Andalus, alles Irrwege und Ketzerei. Konvertiere oder stirb – das sind die Alternativen des Hasnain Kazim. Zumindest darf man sich noch entscheiden.

Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ war ein vielgedrucktes Buch, erschienen schon lange vor der  „Machtergreifung“ 1933. Und es stand alles drin, Hitler hat nicht hinter dem Berg gehalten mit seinen Absichten! Alles, von dem später viele sagten: „Das haben wir nicht gewusst!“ konnte man schon 1926 nachlesen. Wie damals hängen wieder viele Menschen wieder an den Lippen der Demagogen, diesmal kommen die Botschaften nicht aus der nationalistischen, sondern der religiösen Ecke. Wir gut, die böse. Wir sind unterdrückt, sie unterdrücken uns. Wir sind das Licht, sie sind das dunkel – und Du willst doch auf der Seite des Lichts stehen, oder? So einfach ist das! Also lies!  Auf jeden Fall das Interview mit Herrn Kazim. Sonst jammre später nicht, dass sowas ja keiner hätte wissen können!

Georg Diez postuliert, dass der Westen behaupte, das historische Recht auf seiner Seite zu haben. Wenn dem so ist – und ich frage mich, wo „der Westen“ sowas mal behauptet hat – dann stellt sich die Frage, wo all die Zweifler und Nörgler hier „im Westen“ herkommen, die glauben, „der Westen“, zu dem sie ja irgendwie auch gehören, mache sowieso alles falsch. Und weil wir alle so voller Fehler sind, hassten uns „die anderen“ – nur aus den falschen Gründen! Wenn wir doch nur alle Engel wären, und in der Vergangenheit immer alles richtig gemacht hätten, lieber Herr Diez! Dann hätten wir die moralische Autorität, den Hasspredigern, den Homophoben, den Frauenfeinden bei den Islamisten mal so richtig die Meinung zu sagen – aber so? Und schon wieder rieselt uns die Asche aus den Haaren… Warum nur lassen wir uns zum Beispiel immer und immer wieder in die Schablone „Westen“ pressen? Ich kann gegen den Irak-Krieg von G.W. Bush gewesen sein UND das Vorgehen der IS dort als abscheulich empfinden. Ich kann das Verhalten der NSA in Deutschland genauso als falsch ansehen, wie ich es bei einem deutschen Konvertiten tue, der in Syrien „ungläubige Schweine“ tötet. Ich kann auch für Israel Partei ergreifen und dennoch die fortwährende Zersiedelung der Palästinensergebiete für schlecht halten. Warum soll das ein Widerspruch sein? „Der Westen“ ist ein ideologisches Konstrukt der islamistischen Schwarz/Weiß-Malerei in dem alle Vorurteile  zusammengefasst werden, die ihr eigenes Weltbild untermauern. Angereichert wird das Ganze mit jeder Menge Lügen, Auslassungen und Verallgemeinerungen. Dieser „Westen“ existiert nur in den Hirnen der Islamisten. Dieses Konstrukt haben sie von den Ideologen des „Ostens“ geerbt, als deren Nachlass nach dem verlorenen kalten Krieg verteilt wurde. Ich lehne diesen Begriff ab!

Wenn man in letzter Zeit Gespräche mit Islamisten in den Medien verfolgt wird einem immer wieder deutlich, wie die mehr oder weniger christliche Sozialisierung der Menschen in diesem Land als argumentative Waffe gegen sie verwendet wird. Es gewinnt am Ende der, welcher die meisten Fehler in der Vergangenheit und Gegenwart aufzählt, es verliert der, welcher die meisten Fehler auf sich nimmt. Und so kommen nach den Kreuzzügen, Vietnam, Afghanistan- und Irak-Krieg, amerikanischen Basen in Saudi Arabien und der allgemeinen „Unterdrückung der Muslime“ die Gegenargumente eher kläglich. Es kommt auch kaum keiner auf die Idee, eine historische Aufzählung der Eroberungen der Muslime (Jerusalem, Damaskus, Alexandria, Spanien, Konstantinopel, Belagerung von Wien…) zu unternehmen. Auch das mit den Muslimen, die in toto unterdrückt seien erklärt uns niemand. Dabei können wir das mal kurz beleuchten: Muslime, die in Europa, den USA oder Australien leben, hindert niemand an der persönlichen Entwicklung. Sie können studieren, Firmen gründen und ihre Kinder auf gute Schulen schicken. Sie können ihre Moscheen betreiben, fünf Mal am Tag beten, den Bedürftigen spenden und zur Hadsch nach Mekka fahren. Wer sich an die Gesetze des jeweiligen Landes hält, kann dies alles ohne Ansehen seiner Religion tun, wenn es auch noch graduelle Unterschiede gibt, weil es leider unmöglich ist, Vorurteile per Gesetz zu verbieten, zumal sie immer wieder gut Nahrung erhalten. Im Großen und Ganzen sind die Muslime aber nicht unterdrückter im bösen „Westen“ als jede andere Gruppe: Atheisten ist die Karriere im katholischen Klerus verwehrt, Männer haben es schwer, Hebamme zu werden und Rockerclubs weigern sich, Frauen aufzunehmen. Die „westliche Welt“ ist voller Ungerechtigkeiten! Es kommt halt immer auf den Blickwinkel an.

In der muslimischen Welt sieht das schon anders aus. Dort laden Militärdiktaturen, Gottesstaaten und absolutistische Monarchien zum Verweilen ein. Deshalb geht es den Menschen in Ägypten, Pakistan, Iran oder Saudi Arabien auch so gut – weil dort Muslime über Muslime herrschen. Nun wird man einwenden, dass all diese Staaten sich eben nicht entwickeln können, weil die USA und ihre „Handlanger“ (ein schönes Wort) sie auspressen und unterdrücken (da ist es wieder)! Nun, Ägypten und Pakistan werden von den USA alimentiert – und Dollars nehmen die so „Unterdrückten“ komischerweise immer gern (selbst der IS hat kein Problem damit, für Dollar amerikanische Waffen zu kaufen). Iran und Saudi Arabien verkaufen erfolgreich Öl in die Welt. Zwar wird der Iran durch das Embargo an der Entwicklung der Atombombe gehindert, aber in Saudi Arabien, wo die Scharia heute schon herrscht, wo es kein Embargo gibt, wo Geld im Überfluss vorhanden ist – dort muss das Paradies sein! Dorthin sollten sich die Islamisten wenden, denn dort wurde all das verwirklicht, was sie sich erträumen. Wöchentliche Enthauptungen von Übeltätern inclusive.

Worte an einen Islamisten

„Ich will helfen, Allahs Wort das Höchste zu machen“ sagte einer auf den Straßen von Köln beim Koran verteilen. Mal abgesehen davon, dass dies schlimmes Deutsch ist, würde ich sagen: „Geschafft! Für dich ist es ja offensichtlich das Höchste! Ich gratuliere!“ Ich bin aber kein Moslem und will auch keiner werden. Ich bin es gewohnt, meinen Verstand zu benutzen und ich habe einen freien Willen, mit dem mich die Natur, Gott, Jahwe oder Allah ausgestattet hat. Ich weigere mich an deine Interpretation eines Gottes zu glauben, dessen eigene Schöpfung angeblich gezwungen werden muss, an ihn zu glauben und Regeln befolgen soll, die ein Mensch vor 1400 Jahren in der arabischen Wüste empfangen haben will. Dein Gott muss auf mich verzichten. Ich denke, er wird es verkraften!

Aber was verkraftet dein Glaube? Du predigst einen Islam, der wörtlich genommen werden soll und der bei keiner Herausforderung des modernen Lebens Halt und Hilfe gibt. Der Koran in deiner Hand wurde auf modernen Druckmaschinen aus der westlichen Welt hergestellt. Du nutzt Twitter und Facebook um dein schwarz/weißes Weltbild zu verbreiten, Du wirfst dem Westen Intoleranz und Unterdrückung vor – hier in Köln, wo du ungehindert deine eigene intolerante Meinung verbreiten kannst ohne danach mal einfach so enthauptet zu werden. Niemand zwingt dich hier, Schweinefleisch zu essen. Deine geistigen Brüder vom IS lehnen das moderne Leben, Kunst, Kultur und Musik ab – nutzen aber die westlichen Medien, um ihre mit Musik untermalten Kampfvideos zu verbreiten. Sie zerstören Kunstwerke und Altertümer in Syrien und dem Irak und verkaufen diese gleichzeitig über den Schwarzmarkt um Geld für westliche Waffen zu bekommen. Du trägst eine Uhr, die in der Schweiz zusammengebaut wurde. Du buchst einen Flug in die Türkei, um dich dem Dschihad anzuschießen – was sagt der Koran über die Anschnallpflicht in einer amerikanischen Boeing und warum reitest du nicht auf einem Pferd in den Krieg? Alles das blendest du aus, aber woher weißt du, ob nicht gerade DAS deine vorgebliche Unterwerfung für Allah wertlos macht? Vielleicht nimmst du die falschen Stellen aus dem Koran wörtlich oder nicht alle? Vielleicht hast du die eine oder andere Stelle vergessen oder falsch verstanden? Ich habe Zweifel an deinen Motiven. Ich bezweifle, dass Dich ein Paradies und der große, immerwährende Gang Bang erwarten. Wenn du also vor deinem Märtyrertod in die Kamera schaust solltest du darüber nachdenken, ob das mit dem Bilderverbot des Islam vereinbar ist. Vielleicht solltest du ja überhaupt wieder mit dem denken anfangen. Selbst. Schon vorher. Am besten jetzt.

Vom Wert des Zweifels

Wenn es eine Essenz der letzten 2000 Jahre Menschheitsgeschichte gibt, deren Abwesenheit sich stets besonders verheerend ausgewirkt hat, dann ist es der Zweifel. Immer wenn sich Menschen besonders sicher sind, das ihr Handeln richtig ist, führte das in Katastrophen. Zweifel sorgen aber dafür, das eigene Denken und Handeln und das der Gruppe zu hinterfragen, deshalb sind sie so nützlich und wichtig und ein Regulativ zu Glaube und Ideologien. Zweifel sorgen dafür, dass es Fortschritt in Wissenschaft und Technik gibt, weil alle Gewissheiten und Wahrheiten immer wieder hinterfragt werden dürfen. Zweifel haben aus der Erdscheibe eine Kugel gemacht und sie aus dem Mittelpunkt des Universums verbannt. Zweifel haben dafür gesorgt, dass die Vögel den Himmel nicht für sich allein haben und dafür, dass Helfer in Afrika ihr Leben riskieren, um Ebola-Kranken zu helfen. Zweifel haben Luther dazu gebracht, die Rolle des Klerus zu hinterfragen und die DDR-Grenzer davon abgehalten, auf die Menschen zu schießen, die am 9. November 1989 auf die Mauer stiegen. Zweifel lassen uns Fehler erkennen und sorgen dafür, dass es nach drei Schritten vorwärts häufig zwei Schritte zurück geht – sie sorgen aber auch dafür, dass die Menschheit an Abgründen immer wieder inne hält und nicht blind in jede Katastrophe rennt. „Der Westen“ ist voller Zweifel, der Islamismus kennt solche Zweifel nicht – das macht ihn so gefährlich, aber letztlich auch gefährlich für sich selbst.

Georg  Diez hat Zweifel, das macht ihn mir dann doch sympathisch und sorgt dafür, dass ich mit ihm einen Dialog führen könnte. Mit Hasnain Kazim ist ein Dialog unmöglich.

Die guten und die bösen Islamisten

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Selektive Wahrnehmung und Appeasement in Europa

Noch vor wenigen Wochen wurden die Friedensbewegten hierzulande nicht müde zu fordern, Israel müsse mit der Hamas verhandeln. Und das waren noch die moderatesten Stimmen! Andere verglichen Israels Armee schon mal mit jener der Nazis und glaubten an einen neuen Völkermord. Die Hamas sei schließlich die gewählte Regierung im Gazastreifen, sagte man. Verhandlungen seien unumgänglich. Nun macht eine Schwalbe noch keinen Sommer und eine Wahl noch keine Demokratie – sowas lernt man auf jeder Diktatorenschule. Außerdem steht und stand die Hamas auf der Terrorliste des EU Ministerrats und bei aller berechtigten Häme und Misstrauen gegen die Institutionen der EU… auf diese Liste kommt man nicht, weil man krumme Gurken verkauft oder zu schnell durch Brüssel gefahren ist.

Es ist plötzlich ruhig geworden um den Konflikt im Nahen Osten. Man könnte glauben, die Europäer haben kein Interesse mehr an der Befreiungsbewegung der Palästinenser – woran kann das liegen? Sind die Probleme gelöst, ist endlich Frieden ausgebrochen im heiligen Land? Die islamistische Hamas ist immer noch an der Macht in Gaza, Israel existiert auch immer noch. Ich grabe mal etwas tiefer und versuche, unsere selektive Wahrnehmung etwas besser einzuordnen und zu verstehen.

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten beobachten wir verschiedene Arten des islamistischen Kampfes, man könnte sie grob drei Ausprägungen zuordnen:

Typ 1: „Revolutionärer“ Islamismus

Die Akteure präsentieren sich als Underdog, entführen Flugzeuge, nehmen Geiseln, vollführen Attentate (mit oder ohne sich selbst dabei zu töten) oder versuchen mal eben, Regierungen von Gastländern hinweg zu putschen. Das waren die Siebziger und Achtziger Jahre. München, Stockholm, Mogadischu, Putschversuch in Jordanien, … Omnipräsent damals z. B. die PLO unter dem umtriebigen Arafat. Ihren fulminanten Höhepunkt erreichte diese Form des Islamismus in Al Quaida und deren Anschlägen in New York, Washington, Madrid, London oder Djerba. Problematisch dabei ist, dass dieser Weg nur solange profitabel ist, solange es Regierungen gibt, die sich erpressen lassen oder Schutzgelder zu zahlen bereit sind, damit sich diese „Freiheitskämpfer“ nicht zu gern in ihren eigenen Ländern aufhalten. Der Islamismus darf dann auch gern sozialromantische oder kommunistische Züge haben. Solange Geld fließt, kann Blut fließen.

Typ 2: „Medialer“ Islamismus

Auf lange Sicht ist das Erpressen von Schutzgeld nicht einträglich genug. Sobald eine islamistische Organisation die Kontrolle über ein Stück Land erlangt hat, werden sonst womöglich Vorwürfe laut. Man wird plötzlich mit Verantwortung konfrontiert, muss Strukturen für Verwaltung, Bildung, Infrastruktur usw. aufbauen. Tut man das nicht, muss man unangenehme Fragen beantworten. Also: Nutze die Medien! Man hat erkannt, dass Mitleid der beste Öffner für Herzen und Brieftaschen ist. Noch besser ist ein schlechtes Gewissen – und darauf haben die Deutschen das Urheberrecht! Anfangs war man noch unerfahren und leistete sich peinliche Fehler: zum Beispiel wie bei der Belagerung von Ramallah (oder einer anderen Stadt, ich weiß es nicht mehr so genau) vor einigen Jahren der Weltöffentlichkeit die Brutalität der Israelis demonstriert werden sollte, welche angeblich die Stromversorgung von Brutkästen in einer Geburtsklinik unterbrochen hätten, und über dem fotografierten Brutkasten noch munter der EKG-Monitor flimmerte. Aber immerhin waren manche Fotojournalisten so tränenvernebelt, dass sie diesen Teil der Bilder wegschnitten. Als die Tränen wieder trocken waren, bekam man auch die originalen Bilder zu sehen.

So was passiert heute nur noch selten. Man ist in Sachen Pressebetreuung und Nachrichtenerzeugung mittlerweile so professionell, dass man die Journalisten sogar mit in die Tunnel nimmt und gut betreut. Was diese dann zu sehen bekommen, hat man sich wahrscheinlich in Nordkorea abgeguckt. Die Hamas spielt sehr geschickt auf der Klaviatur aller Medienkanäle. Sie hat verstanden dass es nicht auf Zusammenhänge ankommt sondern darauf, möglichst viel Empathie dort zu erzeugen, wo Geld einzusammeln ist und die öffentliche Meinung Politiker zu beeinflussen vermag. Sie hat erkannt, dass diese freie, öffentliche Meinung nicht nur die Stärke, sondern auch zugleich die Schwäche jeder westlichen Demokratie ist. Schwäche in dem Sinn, dass dort gewonnene Unterstützer nicht nur durch Demonstrationen, Zeitungsanzeigen und –artikel und Interviews, sondern auch für Geldspenden und politische Aktivitäten eingesetzt werden können. Ein gelungenes Beispiel war die „Ship-to-Gaza“ Aktion aus dem Jahr 2010, bei der von Anfang an allen Beteiligten klar sein musste, dass die israelische Armee sie unterbinden würde. Ziel war hier nicht die Lieferung von Hilfsgütern, sondern die Produktion von Bildern und Nachrichten. Selbst deutsche und israelische Politiker entblödeten sich nicht, sich vor den Propagandakarren der Hamas spannen zu lassen. Nicht einmal die Tatsache, dass einige der Passagiere der Mavi Marmara schon vor der Reise erklärt hatten, sie wollen als Märtyrer sterben (was ihnen ja auch gelang), hielt andere von einer Teilnahme ab. Wichtig bei derlei Aktionen und Medienproduktionen ist es im Zusammenhang mit Israel immer, möglichst auch einen Israeli mit „an Bord“ zu haben. Da Israel ein demokratischer Staat mit verfassungsmäßig garantierter Meinungsfreiheit ist, fällt es (wie hierzulande auch) nicht schwer, für jede Meinung auch einen „Kronzeugen“ zu finden. Ebenso leicht ist es übrigens, in Israel arabisch-moslemische Bürger zu finden, die gern in eben diesem Land leben und dies auch friedlich und selbstbestimmt tun.

Ihre „andere“ Seite präsentiert die Hamas längst nicht so offenherzig. Wenn mal wieder palästinensische „Kollaborateure“ exekutiert werden, ist dies unseren Medien kaum mehr als eine dürre Meldung wert. Es werden auch keine Bilder mitgeliefert. Niemand stellt der Hamas etwa die Frage, worin die Verbrechen ihrer Landsleute bestanden oder insistiert auf eine Antwort. Erst recht keiner der eigenen Landsleute wagt es, solche Fragen zu stellen. In Gaza weiß jeder, wie ungesund solche Fragen sein können. Auch hier gilt: Solange Geld fließt, kann Blut fließen.

Typ 3: „Anarchischer“ Islamismus

Während die Akteure des Typs 2 immer darauf bedacht sind möglichst nur die Bilder zu produzieren die geeignet sind, Unterstützer auf den Plan zu rufen, geht es den Anarchisten (Boko Haram, IS) darum, möglichst großes Entsetzen und Furcht zu verbreiten. Zur Verbreitung dieses Schreckens werden naturgemäß nur noch die Medien eingesetzt, auf die man leicht selbst Zugriff hat – die sozialen Netzwerke. Nicht dass es keine Journalisten gäbe, die bereitwillig mit Mikrofon und Kamera zur Stelle wäre – nur ist hier gesunderweise der Selbsterhaltungstrieb stärker als die Neugier. Bekannte, entsetzliche Beispiele belegen das. Ähnlich wie Krebs den eigenen Wirtskörper rücksichtslos zerstört, ist es auch diesen Anarchisten völlig egal, wie groß die angerichteten Zerstörungen sind. Solange es am Horizont ein weiteres Dorf zu plündern, weitere „Abweichler“ umzubringen und Frauen zu vergewaltigen gibt, muss man sich keine Sorgen machen. Interessant dabei ist, dass es dem einzelnen Beteiligen moralisch keine Mühe bereitet, dies zu tun – selbst dann, wenn er in Europa eine eher humanistisch geprägte Gesellschaft aufgewachsen ist und sich nun im Nordirak herumtreibt. Das Gift ist manchmal stärker als die Abwehrkräfte.

Fazit

Alle drei Ausprägungen des Islamismus habe ich in Anführungszeichen gesetzt weil ich der Meinung bin, dass es sich um Gesichter ein und derselben Ideologie handelt. Die Grenzen sind fließend (wie man zum Beispiel bei den afghanischen Taliban erkennen kann) und je nach Situation geht eine islamistische Organisation mal den einen, dann den anderen Weg. Wenn die IS, deren Vernichtung heute selbst linke Parteien für notwendig halten, morgen damit begönne, medienwirksam Geiseln freizulassen, die Friedlichkeit des Islam zu beteuern und Jesiden über die Straße zu begleiten, wären ungeachtet ihrer Gräueltaten von gestern sofort die Verständigen zur Stelle, die darin kein taktisches Manöver, sondern einen geänderten Sinneswandel zu sehen bereit wären. Andererseits verstummen die Stimmen der Unterstützer der Hamas nur kurz, wenn diese ihre Gegner ähnlich behandelt wie die IS es tut – man schaut dann eben mal kurz nicht so genau hin.

Sobald die Hamas ihre Reihen und Arsenale wieder aufgefüllt, die UNRWA, die EU, die Golfstaaten und der Iran wieder genug Geld in die Hamas gepumpt haben, wird der Konflikt wieder ausbrechen. Das UNRWA wird die Schulen wieder aufbauen, in denen vom UNRWA bezahlte Hamas-Lehrer mit von der EU bezahlten antisemitischen Schulbüchern eine weitere verlorene Generation herangezogen wird. Und solange dieser Teufelskreis nicht an der Wurzel unterbrochen wird, gibt es keine Perspektive für Gaza, keine Perspektive für Palästina. Die Chancen für diese Unterbrechung stehen leider nicht gut. Zu stark ist die islamistische Ideologie der Hamas bis in den letzten Winkel der Gesellschaft in Gaza gedrungen, zu schwach sind die Stimmen, die dort oppositionelle, mäßigende Meinungen vertreten. Oder zu tot.

Vor ziemlich genau neun Jahren, am 12.September 2005 verließ der letzte Israeli den Gazastreifen, nachdem alle dort befindlichen jüdischen Siedlungen – teilweise sogar mit Gewalt – geräumt wurden. Was darauf folgte war aber keinesfalls Frieden und Freiheit – obwohl es noch keine Blockade des Gazastreifens gab und die Gelder der Unterstützer reichlich flossen. Stattdessen kämpften Hamas und Fatah um die Macht in Gaza und die Angriffe auf israelisches Territorium nahmen zu, die Chance war vertan. Das oft gehörte Mantra vom „Land gegen Frieden“ hat offensichtlich nicht funktioniert. Jedes israelische Zugeständnis wurde auf der anderen Seite als Schwäche gewertet, weil ein Feind eben keine Zugeständnisse macht. Einem Feind muss man Zugeständnisse abpressen. Solange man in Gaza nicht bereit ist, diesen Feind endlich als Nachbarn und Partner zu begreifen – einen Nachbar zumal, dem man territorial nicht entkommen kann und auf dessen Unterstützung man tagtäglich angewiesen ist – wird sich nichts ändern.

Warum nun also die Ruhe im Blätterwald, wenn es um Gaza geht? Liegt es an der Waffenruhe, die momentan – mal besser mal schlechter – eingehalten wird? Das wäre möglich, aber kurzsichtig. Einer wirklichen Lösung des Konflikts ist man schließlich keinen Schritt näher gekommen. Die IS produziert deutlich schlimmere Nachrichten als der Gaza-Krieg? Stimmt, aber im Gaza Krieg waren die Journalisten viel näher dran. Man konnte bequem von einem Hotel in Tel Aviv aus berichten. Vielleicht ist es ja auch die Tatsache, dass es sich sowohl bei den IS-Schergen wie auch bei den Hamas-Kämpfern um erklärte Islamisten handelt, und man nur ungern darauf hingewiesen wird, dass man die in Gaza für verhandlungsfähig hält, während man die vor Erbil liegenden IS-Truppen gern mit deutschen Waffen erschießen lassen würde.

Dummerweise macht sich die ISIS auch nicht die Mühe, sich für Verhandlungen anzubieten. Die Hamas tut dies zumindest, verhandelt aber leider nicht über das Wesentliche: Das Existenzrecht Israels. Aber die Hamas-Vertreter nehmen in tadellosen Anzügen am Verhandlungstisch Platz und in Interviews geben sie belanglose Floskeln von sich, die man nach Belieben positiv auslegen kann. Das genügt uns schon. Nur mit der Ehrlichkeit der IS kommen wir nicht klar. Die halten sich nicht nur nicht an die Regeln, die tun nicht mal so! Unsere Empörung ist echt. Tief im Inneren wissen wir zwar, dass sich die finalen Ziele der Hamas nicht wesentlich von denen der IS unterscheiden, die Hamas tut uns aber den Gefallen so zu tun, als hätte sie diese Ziele nicht und wir machen uns nicht die Mühe z. B. in der Charta der Hamas nachzulesen, ob sich an deren Einstellung etwas geändert hat.

An appeaser is one who feeds the crocodile, hoping it will eat him last. (Winston Churchill)
Die Hamas lässt sich noch füttern, die ISIS schnapp schon nach unserem Bein. Gutes ist von beiden nicht zu erwarten und das sollten wir auch bei der aktuellen Nachrichtenlage nicht vergessen.

(veröffentlicht auf S T A N D P U N K T E)

Wie man die richtigen Fragen stellt

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Wie man die richtigen Fragen stellt

Das absolut unabhängige Nachrichtenmagazin RT.COM (Russia Today) besticht seit langem durch seine ausgewogene Berichterstattung und Neutralität. Dieser Satz ist nicht gänzlich frei von Ironie.

Es ist ja nicht so, dass RT seine Zuschauer und Leser nicht nach ihrer Meinung fragt – allerdings holt man nur genau die Meinungen beim Beobachter ab, die einem in den Kram passen. Immer wieder gern werden in Online-Medien ja Umfragen gestartet. Welches Smartphone man kaufen will, wie zufrieden man mit einem Auto ist oder welche Partei man am Sonntag wählen würde. Eine Online-Umfrage von RT vom 10.9.2014 hat mir besonders gut gefallen, weshalb ich sie hier mal kurz wiedergebe:

Frage: What would Ukraine joining NATO lead to?

  • Increased security in Europe, counterbalancing Russia (Erhöht die Sicherheit in Europa, ein Gegengewicht zu Russland) 
  • Enrage Russia and undermine region’s stability (Macht Russland wütend, untergräbt die Stabilität der Region) 
  • More power to the US in a unipolar world (Mehr Macht für die USA in einer unipolaren Welt) 
  • A dangerous countdown to World War III (Ein gefährlicher Countdown zum Dritten Weltkrieg)

Schon zu Sowjetzeiten wusste man: Wenn du Antworten haben willst, die dir in den Kram passen, musst du die richtigen Fragen stellen. Die Frage in diesem Fall lautet im Klartext: Ist Russland gut oder der Westen böse? Schön, dass man die freie Wahl hat! Im Moment sieht es so aus, als würde mehr als die Hälfte der RT-User dem Countdown zum Dritten Weltkrieg ticken hören.

Ich ergreife Partei

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Ich ergreife Partei

Wir haben uns fein eingerichtet in unserer humanitären Wolke. Wir sind die guten, weil wir seit einigen Jahren unsere Nachbarn nicht mehr überfallen haben, Geld für Flutopfer, Tierheime, kleine Afrikaner mit dicken Bäuchen und palästinensische Flüchtlinge spenden. Wir gehen auf die Straße und protestieren gegen Israel – haben aber natürlich nichts gegen Juden! Ein bisschen Protest muss schon sein, das gehört zur Empörungskultur. Wenn’s mal eine Weile nicht kracht im heiligen Land, haben wir tolle Ideen für das friedliche Zusammenleben von Israelis und Palästinensern und unsere Kinder malen in der Schule Bilder, wie die Kinder der Israelis und Palästinenser Hand in Hand lächelnd unter dem blauen Himmel stehen.
Wir geben das Geld ja auch gern! Unsere Regierung, wir kleinen Leute…alle. Wir wollen auch gar nicht so genau wissen, was das UNRWA mit dem Geld so alles treibt. Es wird schon was bei den Menschen ankommen – Prinzip Gießkanne.
Nun hat das Tunnelnetz der Hamas offenbar Ausmaße erreicht, an die das Straßennetz in Gaza kaum noch heranreicht – aber die Bewohner des Gazastreifens nutzen diese Tunnel ja nach Meinung einiger Journalisten nur dazu, mal „kurz die Luft der Freiheit“ zu schnuppern. Ausgerechnet Israelische Luft.
Krieg ist immer Scheiße. Ganz egal wie gerecht, notwendig, heldenhaft oder heilig er ist. Seit Kriege nicht mehr zwischen Armeen auf einem Schlachtfeld zwischen zwei Hügeln ausgetragen werden, kosten sie immer zivile Opfer. Kinder, Frauen, „Unschuldige“, Alte, Wehrlose… Männer sterben übrigens auch.
Wie sieht nun im Fall Gaza die Alternative aus? Ich muss ehrlich zugeben, dass ich keine Ahnung habe! Ich werde auch keine Belehrungen über die Verhältnismäßigkeit ausstoßen, weil das von hier aus niemand beurteilen kann. Ich könnte resigniert den Kopf schütteln und denken, dass beide Seiten mal wieder keine Gelegenheit auslassen, eine Chance zu verpassen. Fragt man sich aber mal, wem die aktuelle Situation nützt, kommt man zu dem Ergebnis, dass die Hamas nun all das hat, was sie eigentlich will. All ihr Bestreben gilt dem Kampf gegen Israel. Ihre gesamte Organisations- und Infrastruktur ist darauf gerichtet.

Und so wird es kommen wie immer: Israel wird die Tunnel zerstören, einige Hamas-Führer ausschalten oder gefangen nehmen um sie später für ein oder zwei gefangene eigene Soldaten einzutauschen. Israel wird sich den Zorn der „zivilisierten Welt“ auf sich ziehen weil es sich „unverhältnismäßig“ selbst verteidigt. Zorn von Menschen, die sich in ihrem ganzen Leben noch nicht die Fragen stellen mussten, was verhältnismäßig ist.
Die solidarische Weltgemeinschaft wird Geld nach Gaza schicken, damit die Hamas wieder Tunnel bauen und Bazookas kaufen kann.
Und im Supermarkt wird mich wieder eine schrille Stimme belehren „die Paprika kommt aus Israel – nehm’ se die nich!“ – worauf ich wieder antworten werde „Oh, das wusste ich nicht. Dann nehm’ ich doch noch ein paar mehr…ich kauf’ ja noch beim Juden. Dem Juden nämlich, der auf seiner Paprika-Farm auch Palästinenser beschäftigt, die ihre Familien mit Arbeit, nicht mit Almosen oder Märtyrer-Prämien ernähren wollen!“

 

veröffentlicht auf E P P I N G E R