„Echt jet­zt?“, wer­den sie sich­er denken. „Wozu soll das denn gut sein? Gehört der jet­zt etwa auch zu denen, die mit Pussy-Mützen, Hash­tag-Schildern, Anti-Trump-Parolen und „Free-Palestine“-Postern in der Fußgänger­zone ste­hen, um Pas­san­ten anzupö­beln, weil sie ihm nicht zuhören? Hat er den Ver­stand ver­loren?“ – ich kann sie beruhi­gen, nichts davon! Aber der kluge Mann sorgt vor. Zum Beispiel für den Fall, dass man im unfre­undlichen Aus­land unver­hofft in die Mühlen der Staats­ge­walt gerät und in der Folge auf die Hil­fe der Diplo­matie und der Medi­en des Heimat­landes angewiesen sein sollte.

„Sind selb­ster­nan­nte „Men­schen­recht­sak­tivis­ten“ wirk­lich etwas „Besseres“ als ein Christ auf Pil­ger­reise?“ fragt Ulrich Sahm in einem Artikel auf Israel­netz und Ruhrbarone. Das war am 28. August 2017. Da lag die Ver­haf­tung von David Britsch, eines deutschen Jerusalem­pil­gers, in der Türkei schon fast fünf Monate zurück. Sein Prob­lem: er ist nur Pil­ger. Dazu ein christlich­er und kein Klimapil­ger, wie die Adepten, die Bischof Bed­ford-Strohm derzeit nach Bonn hin­ter­her­laufen. Wäre er Men­schen­recht­sak­tivist gewe­sen wie Peter Steudt­ner, hät­ten sich Krisen­stäbe gebildet, der Außen­min­is­ter hätte seinen Urlaub unter­brochen, die „ZEIT“ hätte einen #auf­schrei gehash­tagt und der türkische Botschafter in Berlin wäre jeden zweit­en Tag zur Watschn­ernte im Auswär­ti­gen Amt vorstel­lig geworden.

Als Bürger nur Bürger zweiter Klasse

Nun kann man darüber sin­nieren, wie schlau es ist, aus­gerech­net während eines unüber­sichtlichen Bürg­erkrieges über die türkisch/syrische Gren­ze zu wollen. Das scheint jedoch für verblendete deutsche Kon­ver­titen, die sich dem IS anschließen wollen, kein ern­sthaftes Prob­lem darzustellen. Ein Pil­ger hinge­gen, der sich auf dem Weg von Deutsch­land über Auschwitz nach Jerusalem auf die Suche nach seinen jüdis­chen Fam­i­lien­wurzeln macht, muss offen­bar damit rech­nen, für Monate ein­fach von der Bild­fläche zu ver­schwinden, ohne dass dies hek­tis­che Betrieb­samkeit in der Bun­desregierung und den Medi­en aus­löst. Die Pil­ger­wege ins Heilige Land sind jeden­falls offen. Sie kön­nten sog­ar noch deut­lich unge­fährlich­er sein, müssten sie nicht den Libanon umge­hen, dass sich offiziell immer noch im Krieg mit Israel befind­et und keine Gren­züber­tritte duldet.

David Britsch ist kein Men­sch, der als Aktivist für irgen­det­was im Ram­p­en­licht ste­ht oder durch Medi­en­aufmerk­samkeit die Poli­tik dazu zwin­gen kann, sich inten­siv mit seinem Fall zu beschäfti­gen. Er ist ein­fach nur ein Bürg­er, Christ, hat keinen Dop­pel­pass und lebt schon länger in Deutsch­land. Das Auswär­tige Amt kocht seinen Fall auf kle­in­ster Flamme und ver­lässt sich auf eine vage Aus­sage der Türkei, ihn im Früh­jahr 2018 aus der Haft zu ent­lassen. OHNE, dass es je einen juris­tis­chen Vor­wurf, eine Anklage oder einen Prozess gegen David Britsch gegeben haben wird. Willkür­liche Fes­t­nahme, willkür­liche Freilassung…vielleicht! Nichts, was unsere Bun­desregierung beun­ruhi­gen müsste, die sich son­st mit Verve für Men­schen­rechte rund um den Globus ein­set­zt – aber eben mit Worten, nicht mit Tat­en und nicht im Fall eines Bürg­ers, der keinen medi­alen Auf­schrei verur­sacht. Wenn es Tat­en gibt, dann nur für Men­schen erster Klasse: Men­schen­recht­sak­tivis­ten wie Peter Steudt­ner und sys­tem­rel­e­vante Jour­nal­is­ten wir Deniz Yücel. David darf unter­dessen seine Zelle mit eini­gen „nicht so fre­undlichen“ Män­nern teilen, die ihn davon überzeu­gen wollen, es wäre nur zu seinem Besten, zum Islam zu kon­vertieren. Ich benutze nicht leicht­fer­tig das Wort „Skan­dal“, aber in diesem Fall ist es angebracht.

Aus ver­schiede­nen Grün­den werde ich mich zwar in abse­hbar­er Zeit nicht in islamis­chen Län­dern aufhal­ten und Israel­reisen sind per Flieger ohne­hin sehr viel angenehmer und bil­liger. Aber für den Fall, dass ich das diplo­ma­tis­che Räder­w­erk Deutsch­lands eines Tages mal benöti­gen werde, wird es mir sich­er nichts nützen, nur freche Artikel auf der Achse des Guten zu schreiben. Jour­nal­ist allein reicht also nicht. Dann werde ich froh sein, mich zum „Men­schen­recht­sak­tivist“ deklar­i­ert zu haben. Was ich als solch­er mache? Nun, ich trete für das Recht jedes Men­schen ein, bei seinem per­sön­lichen Streben nach Glück möglichst wenig vom Staat behin­dert zu wer­den sowie dafür, dass es das Recht jedes Men­schen ist, jed­erzeit und unge­fragt seine Mei­n­ung äußern zu dür­fen – ganz gle­ich, ob anderen diese Mei­n­ung gefällt! Das sollte doch eigentlich als Prämie für die „Assur­ance diplo­ma­tique“ namens Men­schen­recht­sak­tivist aus­re­ichen. Nicht, dass ich eines Tages man­gels dieser Rück­ver­sicherung in einem türkischen, syrischen oder son­sti­gen Knast ver­rot­ten muss, weil unsere Bun­desregierung ger­ade wichtigeres zu tun hat, als sich für die Belange ihrer Bürg­er zweit­er Klasse einzusetzen.

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7 Kommentare

  1. Die hämis­che Denun­zi­a­tion von Deniz Yücel als “sys­tem­rel­e­van­ter Jour­nal­ist” ist zwar ein­er­seits — vosichtig for­muliert — men­schlich beden­klich, ander­er­seits aber nur zu ver­ständlich, ahnt da doch ein­er nicht nur, dass es ihm nie vergön­nt sein wird, die deutsche Sprache so kun­stvoll zu beherrschen wie Yücel, son­dern auch, dass den eige­nen “frechen Artikel auf der Achse des Guten” sowohl Rel­e­vanz als auch Sys­tem man­gelt. Von Frech­heit ganz zu schweigen.

    Yücel aber, das ist die weitaus größere Katas­tro­phe, ist immer noch in Haft. Er ist wohl doch nicht sys­tem­rel­e­vant genug.

  2. So sehr ich Ihre Artikel oft­mals geniesse, so sehr widert mich das Gele­sene oft­mals an.

    Ab heute bin ich daher auch Men­schen­recht­sak­tivist. Darüber hin­aus eine homo­sex­uelle Frau — mit Penis -, deren jüdis­che Ahnen im KZ umka­men, und die gerne Män­nerk­lam­ot­ten trägt. Habe ich erwäh­nt, dass ich im Roll­stuhl sitze, und gerne mit Nichtweis­sen umeinan­der tue?

    Irgend­wie muss man sich ja gegen diese PC-Dop­pel­moral und ‑Schein­heiligkeit zur Wehr setzen.

  3. Was kann man für David Britsch tun? Es ist empörend, wie die Medi­en und seine Regierung ihn im Stich lassen. Die ganze Big­ot­terie der Ungle­ich­be­hand­lung kommt hier zum Ausdruck,

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