Es gibt Tex­te, die sind so kna­ckig und tref­fend for­mu­liert, dass man sie am liebs­ten Absatz für Absatz kopie­ren und das Ergeb­nis für eige­nen Hirn­schmalz aus­ge­ben wür­de. Schließ­lich ist alles wie es gesagt ist gut gesagt und kann auch nicht bes­ser in Wor­te gefasst wer­den. Doch ich wider­ste­he die­sem locken­den Honig, selbst wenn die kul­tu­rell ton­an­ge­ben­den Grü­nen ihn zwecks Selbst­ver­tei­di­gung zum Brot­auf­strich unse­rer Zeit erklä­ren, will ich lie­ber nicht davon naschen und gebe gleich zu, dass in die­sem Arti­kel mehr Alex­an­der Grau zu Wort kommt als ich selbst. Das fängt schon mit dem Titel an, der stammt näm­lich auch aus Graus klei­nem Essay in der NZZ, der etwas sper­rig mit „Erlöst wird nur, wer Grenz­wer­te ein­hält: Die alten Göt­ter haben wir ent­thront, umso eif­ri­ger glau­ben wir an neue“ über­schrie­ben ist.

Die ent­hal­te­ne For­mu­lie­rung „Tri­bu­na­li­sie­rung des All­tags“ beschrie­be mei­ner Mei­nung nach deut­lich bes­ser die all­ge­gen­wär­ti­ge und bis in die letz­ten Win­kel zwi­schen­mensch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on gehen­de Spal­tung in Freund und Feind, weil es nicht mehr um Debat­ten und den Aus­tausch von Ideen geht, son­dern um Ankla­gen, die Unter­bin­dung jeder Ver­tei­di­gung, Ver­ur­tei­lung und Hinrichtung.

Grau ist dem neu­en Dog­ma auf der Spur, wel­ches dem mit­tel­al­ter­li­chen reli­giö­sen Dog­ma sehr ähnelt: dem Dog­ma der Unfehl­bar­keit der Wis­sen­schaft, wel­ches von den Adep­ten der neu­en Reli­gi­on als „gefühl­te Gewiss­heit“ ver­tei­digt wird. Fun­da­men­ta­lis­ti­scher Glau­bens­ei­fer ist wie­der der ganz hei­ße Scheiß! Die Gren­zen ver­schwim­men zwi­schen Wis­sen­schaft und gesell­schaft­li­cher Inter­pre­ta­ti­on, denn letz­te­re wird vom Exper­ten gleich mitgeliefert.

„Also ver­bin­det der Exper­te sei­ne empi­ri­schen Kennt­nis­se mit nor­ma­ti­ver Ein­schät­zung. Wis­sen­schaft­li­che und mora­li­sche Spra­che begin­nen inein­an­der zu ver­schwim­men.“ […] „Aus jeder Mess­rei­he wird ein Vor­wurf, aus jeder Beob­ach­tung eine Ankla­ge, aus jeder Stu­die eine Mahnung.“

Der neue Fetisch, um den sich alles dreht, sei der Grenz­wert, den die moder­nen Glau­bens­krie­gern und deren Pries­ter, die Exper­ten, stets parat hät­ten und an dem das See­len­heil mess­bar ist.

„Man [könn­te] den Schluss zie­hen, dass das Pro­jekt Auf­klä­rung kra­chend geschei­tert ist. Der Glau­bens­ei­fer hat in den letz­ten zwei­hun­dert Jah­ren kein biss­chen nach­ge­las­sen. Nur die Glau­bens­in­hal­te haben sich gewan­delt. Man glaubt nicht mehr an Gott, Him­mel­fahrt und Auf­er­ste­hung, son­dern an Diver­si­tät, Kli­ma­pro­gno­sen und Inzidenzen.“

Und zwar mit der­sel­ben Kom­pro­miss­lo­sig­keit und einem Eifer, der nach Beloh­nung und Los­spre­chung verlangt.

Der Ver­such, das kri­ti­sche Bewusst­sein aus­zu­schal­ten, bedient sich des Jar­gons der Auf­klä­rung. Wer dem Exper­ten und sei­nem mora­li­schen Framing folgt, fühlt sich daher nicht als Gläu­bi­ger, son­dern als Ver­fech­ter von Wis­sen­schaft­lich­keit und Ratio­na­li­tät.

Aber glau­ben muss er doch, der Gläu­bi­ge, denn das Wis­sen, die Mes­sun­gen, Schluss­fol­ge­run­gen und The­sen sind ihm höchs­tens empi­risch oder über die Pre­dig­ten der Exper­ten zugäng­lich. Das Wis­sen – vali­des oder mora­lisch gefühl­tes – haben andere.

„Und auch die Nei­gung zur Tole­ranz hat über die Jahr­hun­der­te kei­nes­falls zuge­nom­men. Schon die Wie­der­kehr der tot­ge­glaub­ten Figur des Leug­ners in neu­em Gewand ist ver­rä­te­risch. Galt einst der Got­tes­leug­ner als Ver­kör­pe­rung tiefs­ter Ver­werf­lich­keit, so erzeu­gen nun Kli­ma- und Coro­na-Leug­ner all­ge­mei­ne Empö­rung. […] Der dabei zwangs­läu­fig ent­ste­hen­den kogni­ti­ven Dis­so­nanz ver­sucht man zu ent­kom­men, indem man die eige­ne Mehr­heits­mei­nung in eine Außen­sei­ter­po­si­ti­on umdeutet.“

Mit der von Grau defi­nier­ten Scha­blo­ne auf die Wirk­lich­keit los­ge­las­sen, weiß man eigent­lich gar nicht, wo man anfan­gen soll. Auf so gut wie jedes Feld der „Poli­ti­cal Cor­rect­ness“ lie­ße sie sich drü­cken und der Schlüs­sel, die Aus­sa­ge „Der eige­ne Oppor­tu­nis­mus wird zum heroi­schen Wider­stand“ pass­te fast immer. Über­haupt ist die ver­dräng­te eige­ne Oppor­tu­ni­tät ein guter Indi­ka­tor dafür, ob man tat­säch­lich hel­den­haf­ter Akti­vist der ers­ten Stun­de ist, der mit „Skin in the Game“ selbst­los für eine Sache ein­tritt, oder doch nur der wil­li­ge und hirn­ge­wa­sche­ne Hel­fers­hel­fer, der aus­wen­dig gelern­te Paro­len einer poli­ti­schen Ein­heits­front repetiert.

Doch für den Kli­ma­schutz, für Lock­downs, für Knie­fäl­le und regen­bo­gen­far­be­ne Sta­di­en, für die Äch­tung Ungarns, gegen Trump, Bol­so­na­ro und John­son sind heu­te prak­tisch alle rele­van­ten Medi­en, NGOs, die Kir­chen, Par­tei­en, EU und Regie­rung gern zu haben. Mutig an die­sen Fron­ten zu „kämp­fen“ ist wohl­feil bis kos­ten­los. Nie­mand kann sich die Fin­ger ver­bren­nen, Feh­ler machen, sei­ne Kri­tik über­zie­hen und hat des­halb Kon­se­quen­zen zu gewär­ti­gen. Es ist der bil­ligst zu haben­de Dün­kel des Oppor­tu­nis­mus. Auf Linie gebürs­te­te drei Minu­ten Hass im orwell­schen Pan­op­ti­kum popu­lis­ti­scher Triebabfuhr.

Nagelprobe des Opportunismus

Ich schla­ge eine groß ange­leg­te Umfra­ge unter den Akti­vis­ten und Laut­spre­chern vor, die nur eines in Erfah­rung brin­gen möge: „An wel­cher Stel­le befin­den sie sich in Oppo­si­ti­on zum Estab­lish­ment? Also den Medi­en im All­ge­mei­nen und der Marsch­rich­tung von Regie­rung und EU in den gesell­schaft­li­chen Groß­the­men Kli­ma, Migra­ti­on, Wirt­schaft, EU-Ver­tie­fung und Ener­gie­wen­de im Beson­de­ren.“ Und ich mei­ne jetzt nicht, dass es dem einen oder ande­ren zu schnell oder zu lang­sam geht, son­dern prin­zi­pi­el­le, inhalt­li­che Oppo­si­ti­on. Da wird bei den Akti­vis­ten nicht viel Oppo­si­ti­on übrig bleiben.

Doch ich wet­te, frag­te man die­sel­ben Leu­te danach, wie sie wohl zwi­schen 1933 und 1945 gehan­delt hät­ten, wenn Gen „Z“ damals schon auf der Welt gewe­sen wäre, ob sie ihre Nach­barn denun­ziert oder weg­ge­se­hen hät­ten, als Men­schen aus ihrer Mit­te ver­leum­det, her­aus­ge­ris­sen, ent­rech­tet, ent­eig­net und ermor­det wur­den,… ich glau­be, so gut wie jeder wäre fest der Mei­nung, er hät­te sol­ches unmög­lich zuge­las­sen! Man hät­te sich doch wider­setzt, wäre dage­gen gewe­sen, hät­te pro­tes­tiert, Arti­kel geschrie­ben oder not­falls die­sen klei­nen irren Öster­rei­cher mit blo­ßen Händen…ganz sicher! Sicher? War die Gewiss­heit unter unse­ren Lands­leu­ten nicht groß, dass das alles schon sei­ne Berech­ti­gung habe und dass die Rich­tung gar nicht falsch sein kön­ne, weil doch die Mehrheit…was soll schon schief gehen?

Wo ist heu­te die Oppo­si­ti­on zur Regie­rung, wo die gewis­se Grund­skep­sis, die man für wirk­sa­me Kon­trol­le braucht? Über­all nur affir­ma­ti­ves, zustim­men­des Getö­se. War es in Nazi­deutsch­land nicht „com­mon sence“, all das brav zu exe­ku­tie­ren, was gera­de gesell­schaft­li­che Norm war oder zur neu­en Norm erklärt wur­de? Konn­te man damals nicht auch viel gefahr­lo­ser für als gegen das Regime demons­trie­ren? Ich will den Ver­gleich hier nicht zu weit trei­ben, mir geht es ledig­lich um die Kos­ten der Oppor­tu­ni­tät im Ver­gleich zu den Kos­ten der Oppo­si­ti­on. Letz­te­re waren damals zwei­fel­los höher als heu­te und wur­den meist mit dem eige­nen Leben bezahlt. Doch zum Zweck der Anhäng­lich­keit an das Sys­tem braucht es damals wie in „1984“ wie heu­te das Ven­til eines Kamp­fes gegen ver­meint­lich bedroh­li­che inne­re und äuße­re Fein­de. Klin­geln da nicht alle Alarm­glo­cken? Womit wir end­lich bei der Tri­bu­na­li­sie­rung wären.

„Mün­dig­keit ist vor allem Ein­sam­keits­fä­hig­keit“, zitiert Alex­an­der Grau den Phi­lo­so­phen Odo Mar­quard. Wenn das „vor allem“ auch ein­schrän­kend wirkt, kann jeder sei­ne eige­ne Mün­dig­keit recht gut prü­fen, indem er oder sie sich fragt, wo die ehr­lich geäu­ßer­te Mei­nung im poli­ti­schen Dis­kurs prompt zur Ver­ein­sa­mung füh­ren wür­de. Pas­sen Sie Ihre „Mei­nung“ an das Umfeld einer Dis­kus­si­on an? Sind Sie der­je­ni­ge, der „aber“ sagt, wenn alle um Sie her­um auf Orban, Trump oder dem Die­sel­mo­tor ein­prü­geln? Trau­en sie sich, einen dif­fe­ren­zier­ten Gedan­ken über Bol­so­na­ro zu äußern, ohne ihn vor­her mit „Rechts­po­pu­list“ zu kenn­zeich­nen? Kor­ri­gie­ren Sie einen empör­ten Red­ner, wenn er ein unga­ri­sches Gesetz als LGBTQ-feind­lich bezeich­net und erklä­ren, dass es dar­in expli­zit um den Schutz Min­der­jäh­ri­ger geht und kei­ner­lei Ein­schrän­kun­gen für Erwach­se­ne dar­stellt? Wagen Sie es laut aus­zu­spre­chen, dass Trump vie­les, aber nicht alles falsch gemacht hat?

Nun, dann lie­gen Sie womög­lich hier und da falsch, aber sie bedie­nen sich offen­bar ihres eige­nen Ver­stan­des, statt auf die Schwar­min­tel­li­genz oppor­tu­nis­ti­scher Lem­min­ge zu ver­trau­en. Womög­lich den­ken Sie, wenn alle in eine Rich­tung lau­fen, muss ich da nicht auch noch hin. Wenn alle „A“ sagen, gibt es genug A‑Sager. Wenn alle „steini­get ihn“ rufen, fehlt dem Tri­bu­nal ganz klar ein Ver­tei­di­ger. Wenn Sie die­ser Ver­tei­di­ger sein wol­len – und sei es auch nur gele­gent­lich – lesen Sie den Arti­kel von Alex­an­der Grau.

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10 Kommentare

  1. Schon rich­tig, aber: man muss auch schau­en, dass man nicht ver­bit­tert, das kommt mir bei Grau etwas zu kurz. Wer sich wegen einer Gesell­schaft schlecht fühlt, die die­ser Gefüh­le gar nicht wert ist, der fühlt auf eine Art para­dox (so etwa wie jemand, der dau­er­haft sei­nen Part­ner oder sei­nen Job hasst). Zumin­dest soll­te man es immer hin­ter­fra­gen, wenn man sein eige­nes Gefühls­spek­trum dahin ver­engt. Nie­mand sagt näm­lich, dass man sich über­haupt in irgend­ei­ner Wei­se zu so einem uner­freu­li­chen Ding posi­tio­nie­ren muss, wie es unse­re Repu­blik im Moment in der Tat dar­stellt. – Man lebt halt ein­fach hier, aber ob man über­haupt eine Hal­tung zeigt, dar­über ist damit noch nichts gesagt. Es gibt ein­fach ein rie­si­ges Spek­trum von offe­nem Pro­test, zu Mei­nung hin­ter dem Berg hal­ten, sich erfreu­li­che­ren Din­gen zuwen­den etc.pp. Man ist auch nicht ein­fach nur fei­ge, wenn man mal kei­ne Stel­lung bezieht. Wer kri­tisch denkt und sein Wahl­recht aus­übt, der tut in der Demo­kra­tie erst­mal schon mehr als ande­re. Wo dar­über hin­aus die Linie liegt zwi­schen Ver­ant­wor­tung für ein im Grun­de ima­gi­nä­res „Gan­zes“ einer­seits und dem Fokus auf das eine, unver­füg­ba­re eige­ne Leben ande­rer­seits, bestimmt jeder­mann selbst.

  2. Herr Letsch auf „besorgt.de“: Dage­gen­sein ist ein Prin­zip und kei­ne ver­kom­me­ne lin­ke Romantik.

  3. Dan­ke für die­se bei­den exzel­len­ten und ent­lar­ven­den Arti­kel. ENDLICH ver­ste­he ich, war­um sich so vie­le intel­li­gen­te und gut aus­ge­bil­de­te Men­schen wei­gern, ihren Ver­stand zu benut­zen. Das macht die Tat­sa­che zwar nicht bes­ser, aber ich kann jetzt bes­ser mit ihr umgehen.

  4. Vie­len Dank für die­se luzi­de Ana­ly­se. Man kann aber viel­leicht noch tie­fer grei­fen. Tri­bu­na­li­sie­rung & Reli­gio­ni­sie­rung bedie­nen sich intel­lek­tu­el­ler Ein­ord­nun­gen und Zuschrei­bun­gen, wie sie für Men­schen typisch sind, Schim­pan­sen bei­spiels­wei­se wer­den schwer­lich eine cri­ti­cal race theo­ry ent­wi­ckelt haben, wenn sie ande­re Grup­pen angrei­fen und deren Mit­glie­der umbrin­gen. Nun dient bei vie­len Leu­ten das Den­ken außer­halb all­täg­li­cher Erfor­der­nis­se vor­wie­gend der Ratio­na­li­sie­rung ihrer Inter­es­sen und Vor­ur­tei­le, und das gilt ganz beson­ders für die Mas­se der sog. Intel­li­genz; die sog. ein­fa­chen Leu­te hal­ten sich da eher zurück. Nicht ohne Grund fin­den wir die Anhän­ger moder­ner Erwe­ckungs- und Herr­schafts­leh­ren vor­wie­gend unter der sog. Intel­li­genz, die Grü­nen sind ein cha­rak­te­ris­ti­sches Bei­spiel. Es erklärt auch, war­um die Mas­se der sog. Intel­li­genz, im Gegen­satz zu den ein­fa­chen Leu­ten, 1914 erlö­sungs­mä­ßig jubel­te oder sich, ent­ge­gen der Pro­pa­gan­da vom ver­brei­te­ten Wider­stand, 1933 so bereit­wil­lig der neu­en Erwe­ckungs­be­we­gung des Pla­ne­ten­ret­ters AH anschloss oder in gro­ßer Zahl noch 1944/45 an den End­sieg glaub­te. Man ver­fügt über ein beson­de­res Verblendungspotential.

    Dar­un­ter liegt m.E. vor allem das Bestre­ben nach der (Wie­der­her­stel­lung der) homo­ge­nen Grup­pe, die nicht nur der Iden­ti­fi­ka­ti­on dient, son­dern ihre Über­le­gen­heit aus der Abgren­zung gegen­über ande­ren und deren Abwer­tung ablei­tet; auf mög­lichst ein­fa­che Wei­se Dis­tink­ti­ons­ge­win­ne zu erzie­len, spielt in der sog. Intel­li­genz eine zen­tra­le Rol­le, es fin­det sich aler in allen Kul­tu­ren. Vor vie­len Jah­ren las ich das Buch eines nie­der­län­di­schen Völ­ker­kund­lers, der auf Papua-Neu­gui­nea gear­bei­tet hat­te. Er schil­der­te, wie er bei jedem der Stäm­me gefragt wur­de, wie es mög­lich sei, dass er von die­sem und jenem ande­ren Stamm kom­me, denn das sei­en doch abgrund­tief böse Leu­te, denen man nicht trau­en kön­ne. Wenn er ankün­dig­te, zu einem ande­ren Stamm wei­ter­zu­rei­sen, wur­de er gewarnt, das sei­en usw. Das hat mir sei­ner­zeit die Augen geöff­net. Vor 50 und mehr Jah­ren fand man der­glei­chen Räson­ne­ment auch hier­zu­lan­de regel­haft in Dör­fern, indem schon den Leu­ten des Nach­bar­dor­fes abwei­chen­de, in der Regel unvor­teil­haf­te Eigen­schaf­ten zuge­schrie­ben wur­den. Wir sehen die­se Tri­ba­li­sie­rung heu­te neu auf­le­ben, nur halt stär­ker intel­lek­tu­ell ein­ge­klei­det. Daher die unauf­hör­li­che Suche nach Fein­den, Ungläu­bi­gen, auch nach indi­rek­ten Zei­chen (Hexen­ma­len) usw., Abgren­zung ist die Essenz eines pri­mi­tiv ver­stan­de­nen sog. Zusammenhalts.

    Die Tri­ba­li­sie­rung wird einer­seits inner­halb der west­li­chen Kul­tur von der sog. Intel­li­genz (ich spre­che ger­ne von „Imbe­zil­li­zenz“), ande­rer­seits durch den mas­sen­wei­sen Import bereits trai­nier­ter Tri­ba­lis­ten & Cla­nis­ten mas­siv vor­an­ge­trie­ben. Es scheint mir ver­nünf­tig, zu erwar­ten, dass die­ser Zan­gen­an­griff die west­li­che, säku­la­re, auf den Ein­zel­nen fokus­sier­te, auf inhalt­li­che, rea­li­täts­be­zo­ge­ne Argu­men­te aus­ge­rich­te­te Kul­tur erwür­gen und dass dies am Ende ver­blüf­fend schnell gehen wird, da bereits so viel Sub­stanz auf­ge­braucht ist. Immer wie­der bin ich erstaunt, wie wenig Refle­xi­on auf die Grund­la­gen der eige­nen Kul­tur selbst in der Aca­de­mia vor­han­den ist.

    Die kogni­ti­ven Dis­so­nan­zen, die in der sog. Intel­li­genz ver­brei­tet sind, kann man sehr schön an Fol­gen­dem illus­trie­ren. Einer­seits wird die Kon­ti­nui­tät des Men­schen zum Tier­reich betont („Tie­re den­ken“), obgleich die­ses Den­ken nur ein­fa­che Kate­go­ri­sie­run­gen betrifft (ich ken­ne kei­nen Schim­pan­sen oder Zwerg­pin­scher, der Mathe­ma­tik oder Theo­re­ti­sche Phy­sik oder Musik­wis­sen­schaft treibt). In jedem Fall spricht die­se Kon­ti­nui­tät für evo­lu­tio­när ent­wi­ckel­te, gene­tisch ver­an­ker­te Pro­gram­me, die sich als vor­teil­haft zur Ori­en­tie­rung in der (sozia­len) Umwelt erwie­sen haben und durch Ler­nen auf­ge­füllt und adap­tiert, aber nicht geschaf­fen wer­den. Das betrifft natür­lich auch den Unter­schied zwi­schen den Geschlech­tern, für den es schließ­lich eini­ge weni­ge Mil­li­ön­chen Jah­re Vor­lauf gibt und der bei aus­nahms­los allen Säu­ge­tie­ren in Dis­po­si­tio­nen und Ver­hal­tens­pro­gram­men abso­lut klar zuta­ge tritt. Beim Men­schen jedoch ist der sog. Intel­li­genz zufol­ge aus­ge­rech­net die­ser für die evo­lu­tio­nä­re Fit­ness wich­ti­ge Unter­schied eli­mi­niert, und geheim­nis­vol­le Löschun­gen haben statt­ge­fun­den, ana­log zu den Vor­stel­lun­gen von Krea­tio­nis­ten, für die eben­falls der Mensch fun­da­men­tal aus der Schöp­fung her­aus­ge­ho­ben ist.

    Wenn man Dis­po­si­tio­nen leug­net, fällt man ihnen aller­dings gera­de zum Opfer, da man sich der Mög­lich­keit beraubt, damit ratio­nal umzu­ge­hen, und das ist der Grund, wes­halb gera­de bei die­sen Leu­ten die Meu­ten­me­cha­nik so wun­der­bar zuta­ge tritt, sie­he Anti­fa, Femi­fa usw. Ana­log bringt man den Tri­ba­lis­mus nicht durch Pos­tu­la­te zum Ver­schwin­den – er tritt dann umso stär­ker her­vor, gera­de in einer Gesell­schaft ohne tra­di­tio­nel­le Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bo­te. Und genau das sehen wir, ein­ge­klei­det in Tri­bu­na­li­sie­rung & Reli­gio­ni­sie­rung, denn ohne sog. geis­ti­ge Ansprü­che geht es nicht. In mei­nen Augen ein Gesche­hen, das inzwi­schen für den ver­glei­chen­den Pri­ma­to­lo­gen viel inter­es­san­ter ist als für den Kul­tur­anthro­po­lo­gen. Wir bewe­gen uns in Rich­tung einer Ata­vis­men-Akti­vie­rung, wel­che die Pha­se der Auf­klä­rung (habe Mut, dich dei­nes eige­nen Ver­stan­des zu bedie­nen) liqui­diert. Und dar­in äußert sich, dass die Mas­se der anfüh­ren­den sog. Intel­li­genz von der selbst­ge­schaf­fe­nen Kom­ple­xi­tät der Gesell­schaft über­for­dert ist. Daher auch reden die Intel­li­genz-Füch­se wie in der Fabel des Äsop so oft und ger­ne schlecht, was sie nicht errei­chen, es ist halt beque­mer, statt sei­ne Gren­zen anzu­er­ken­nen oder sich anzustrengen.

    • Ach, ich glaub die Homo­ge­ni­sie­rung der Grup­pe ist egal. Es geht um die Hack­ord­nung. Ich glau­be, wie eine Grup­pe geschnit­ten wird, ob ent­lang ter­ri­to­ria­ler Gren­zen, Glau­bens­be­kennt­nis­sen und Ver­wand­schafts­gra­de ist den Leu­ten egal. Sie neh­men, was en vogue ist. Wich­tig ist, dass man eini­ger­ma­ßen weit oben in der jewei­li­gen Zuord­nung nach unten schau­en kann. 

      Aber Ihn Ansatz ent­lang grund­le­gen­der Instink­te zu argu­men­tie­ren, ist rich­tig. Ich sto­ße schon bei vie­len auf eine Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gren­ze, wenn die nur vor die­ser oder jener spe­zi­el­len Denk­schu­le war­nen wol­len, als ob Denk­schu­len sich his­to­risch jemals exakt wie­der­holt hät­ten. Die­se Leu­te ver­tun ihre Zeit, lösen stän­dig fal­schen Alarm aus und sind igno­rant gegen­über den tota­li­tä­ren Ent­wick­lun­gen ihrer eige­nen Zeit, die fast belie­big aus fast jeder Denk­schu­le erwach­sen können.

      Ich wäre auch fast froh, sie hät­ten mit ihrer Ratio­na­li­sie­rungs­er­klä­rung recht. Aber ich sehe kei­ne Ratio­na­li­sie­rung. Ich sehe über­haupt nichts Ratio­na­les mehr. Ich wei­ge­re mich, mir die Cri­ti­cal Race Theo­ry über­haupt anzu­schau­en. Dou­glas Mur­ray und Andrew Doyle haben es gemacht und sagen, dass sie intel­lek­tu­ell schlicht sei. Ich sehe kei­ne feh­ler­haf­te Ratio­na­li­tät (Ratio­na­li­sie­rung), son­dern Ana­lo­gi­sie­rung. Damit mei­ne ich, dass Ana­ly­sen und Fol­ge­ein­schät­zun­gen im Dis­kurs nicht mehr vor­kom­men, son­dern alles nur noch erin­nert. Die Ana­lo­gien und Asso­zia­tio­nen zie­hen in der Regel eine Erin­ne­rungs­ket­te zu Hit­ler, weil alles ande­re die Bil­dung über­for­dert. Das ist kei­ne Ratio.

      Ein ver­hee­ren­des Kon­flikt­po­ten­ti­al hat die feh­len­de Hier­ar­chie­le­gi­ti­mi­tät der Eli­ten, die (ver­bal) nicht zuge­ben, Eli­ten zu sein, es aber durch auf­fal­lend teu­re Kla­mot­ten und Trit­te noch unten sehr wohl zum Aus­druck brin­gen. Als Kat­rin Göring-Eckardt mich als Abge­häng­ter abge­hängt hat, hab ich mich schon etwas am Kopf gekratzt. Ich hab nicht „Stu­di­en­ab­bre­che­rin“ geru­fen, weil auch klu­ge Köp­fe ihre Stu­di­en abge­bro­chen haben und etwas wur­den, aber ich wei­ge­re mich anzu­er­ken­nen, dass KGE mir mora­lisch, intel­lek­tu­ell oder in Sachen Arbeit­sam­keit über­le­gen sein soll.

      Mit der feh­len­den Legi­ti­mi­tät ist auch die feh­len­de Moral ver­bun­den. Vie­le stel­len demo­kra­ti­sche Wer­te in Fra­ge, weil sie erle­ben, dass die Eli­ten sämt­li­che Prin­zi­pi­en mit einem „Quod licet Iovi non licet bovi“ an die Wand fah­ren und die Ein­hal­tung der sel­bi­gen immer nur selek­tiv zum eige­nen Vor­teil ein­for­dern. Die demo­kra­ti­schen Wer­te haben ihren ratio­na­len(!) Zweck, auch wenn sie zuneh­mend miss­ach­tet wer­den. Unse­re Füh­rungs­kas­te miss­ach­tet nicht nur demo­kra­ti­sche, son­dern alle Wer­te, wie man an deren Umgang mit der Meri­to­kra­tie sieht (von der Ley­ens Dok­tor­ar­beit, Baer­bocks Buch/Lebenslauf, Frau­en­quo­ten…). Es ist also nicht die Schuld der demo­kra­ti­schen Wer­te. Die­se Eli­ten zer­tram­peln alle Werte.

      Nicht nur wer­den die Hier­ar­chien immer unle­gi­ti­mier­ter, son­dern par­al­lel auch immer stei­ler. Mit kli­ma­be­ding­ter Wachs­tums­dros­se­lung wird man Sozi­al­auf­stei­ger in Schach zu hal­ten wis­sen. Man kann sich nicht mehr aus dem Weg gehen und auch nie­man­den mehr als Kon­kur­rent her­aus­for­dern, wenn nichts mehr Neu­es wächst. Wer nicht kuscht, ist raus. Wie fried­lich die Zukunft mit unle­gi­ti­mier­ten Hier­ar­chien sein wird, sieht man auch bei den Affen. Aber das sind Fol­ge­ab­schät­zun­gen und gehö­ren damit nicht zum intel­lek­tu­el­len Arse­nal der der­zei­ti­gen Führung.

  5. Gibt es aus der Ver­gan­gen­heit Bei­spie­le, in denen die vie­len JA-Sager auch mal Recht hat­ten und behielten?

  6. Sie brin­gen es sehr schön auf den Punkt. Es sind die Ideo­lo­gien, ob Reli­gi­on, Natio­na­lis­mus, Kom­mu­nis­mus, Kli­ma­re­li­gi­on. Mit ihnen muss man sich in der jewei­li­gen Zeit aus­ein­an­der­set­zen in der man lebt. Und ich bin auch der Mei­nung, dass vie­le ja Sager, die heu­te ja sagen, in ande­rer Zeit zu ande­ren herr­schen­den The­men auch laut ja gesagt hät­ten. Die Men­schen sind frü­her nicht anders gewe­sen als wir heu­te. Sie sind durch ande­re The­men im Den­ken mehr oder weni­ger stark beein­flusst wor­den so wie wir heu­te auch. Auch ich per­sön­lich muss mich mit gesell­schaft­li­chen The­men beschäf­ti­gen, wo ich den­ke, eigent­lich völ­lig unnütz oder war­um wird solch ein The­ma mir ohne Not auf­ge­drängt, dass ich mich dazu ver­hal­ten muss. War­um gehen wir nicht wei­ter in der Ent­wick­lung des Bewährten.
    Eines sage ich mir immer zum Schluss sol­cher Gedan­ken Ideo­lo­gien kom­men und gehen. Lei­der kommt danach die nächste.

  7. Tol­ler Arti­kel, bei­de wohlgemerkt.
    Und beim Lesen sind mir zwei Bemer­kun­gen der letz­ten Zeit wie­der eingefallen.
    Zum ers­ten, der Ost­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung fühl­te sich bemü­ßigt dauf hin­zu­wei­sen, dass die Men­schen im Osten des Lan­des der Poli­tik skep­ti­scher gegen­über stän­den. Und man möch­te aus­ru­fen, ja was denn sonst Herr Wan­der­witz. Der Poli­tik skep­tisch gegen­über zu tre­ten, die Aus­sa­gen und Hand­lun­gen der Regie­rung zu hin­ter­fra­gen, ist doch wohl das Mindeste.
    Oder möch­te Herr Wan­der­witz ein Volk von Diede­rich Hesslings?
    Die zwei­te Bemer­kung kommt von unse­rem „Staats­phi­lo­so­phen“ Richard David Precht. 

    „Gegen die Coro­na­maß­nah­men, die Migra­ti­ons- und Kli­ma­po­li­tik auf die Stra­ße zu gehen, zeugt von einer unmün­di­gen und infan­ti­len Trotzhaltung.“ 

    Eine schwach­sin­ni­ge­re Bemer­kung hat es in der letz­ten Zeit wohl kaum gege­ben. Alle, die gegen die Coro­na Maß­nah­men, die Kli­ma- und Migra­ti­ons­po­li­tik pro­tes­tie­ren sind klei­ne dum­me Trotz­köpf­chen. Mit denen muss man auch nicht dis­ku­tie­ren, die sind eh zu dumm um die gro­ße here Agen­da zu verstehen.
    Und in den gro­ßen Medi­en fin­det sich nie­mand der die­sem Schwaf­ler widerspricht.
    War­um auch, man surft ja auf sel­bi­ger Welle.

  8. Man kann ver­glei­chen, die Nazi­zeit und heu­te, man muss aber nach dem Ver­gleich auch die Unter­schie­de sehen, des­halb ver­gleicht man ja.
    Einer der Unter­schie­de ist, dass wir als Gesell­schaft und jeder in sei­ner Fami­lie die Erfah­rung der Nazi-Zeit hat, das hat­ten die Men­schen 1933 nicht. Muss­ten sie damals nicht wis­sen was sie taten, was kom­men muss­te, so kön­nen wir uns heu­te nicht mehr auf die­se Unkennt­nis berufen.

    • Und wir haben die Erfah­rung des Kom­mu­nis­mus. Ca. ein Vier­tel der Deut­schen Bevöl­ke­rung auch ganz persönlich.

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