Es gibt Texte, die sind so knack­ig und tre­f­fend for­muliert, dass man sie am lieb­sten Absatz für Absatz kopieren und das Ergeb­nis für eige­nen Hirn­schmalz aus­geben würde. Schließlich ist alles wie es gesagt ist gut gesagt und kann auch nicht bess­er in Worte gefasst wer­den. Doch ich wider­ste­he diesem lock­enden Honig, selb­st wenn die kul­turell tonangeben­den Grü­nen ihn zwecks Selb­stvertei­di­gung zum Bro­tauf­strich unser­er Zeit erk­lären, will ich lieber nicht davon naschen und gebe gle­ich zu, dass in diesem Artikel mehr Alexan­der Grau zu Wort kommt als ich selb­st. Das fängt schon mit dem Titel an, der stammt näm­lich auch aus Graus kleinem Essay in der NZZ, der etwas sper­rig mit „Erlöst wird nur, wer Gren­zw­erte ein­hält: Die alten Göt­ter haben wir ent­thront, umso eifriger glauben wir an neue“ über­schrieben ist.

Die enthal­tene For­mulierung „Tri­bunal­isierung des All­t­ags“ beschriebe mein­er Mei­n­ung nach deut­lich bess­er die all­ge­gen­wär­tige und bis in die let­zten Winkel zwis­chen­men­schlich­er Kom­mu­nika­tion gehende Spal­tung in Fre­und und Feind, weil es nicht mehr um Debat­ten und den Aus­tausch von Ideen geht, son­dern um Ankla­gen, die Unterbindung jed­er Vertei­di­gung, Verurteilung und Hinrichtung.

Grau ist dem neuen Dog­ma auf der Spur, welch­es dem mit­te­lal­ter­lichen religiösen Dog­ma sehr ähnelt: dem Dog­ma der Unfehlbarkeit der Wis­senschaft, welch­es von den Adepten der neuen Reli­gion als „gefühlte Gewis­sheit“ vertei­digt wird. Fun­da­men­tal­is­tis­ch­er Glauben­seifer ist wieder der ganz heiße Scheiß! Die Gren­zen ver­schwim­men zwis­chen Wis­senschaft und gesellschaftlich­er Inter­pre­ta­tion, denn let­ztere wird vom Experten gle­ich mitgeliefert.

„Also verbindet der Experte seine empirischen Ken­nt­nisse mit nor­ma­tiv­er Ein­schätzung. Wis­senschaftliche und moralis­che Sprache begin­nen ineinan­der zu ver­schwim­men.“ […] „Aus jed­er Mess­rei­he wird ein Vor­wurf, aus jed­er Beobach­tung eine Anklage, aus jed­er Studie eine Mahnung.“

Der neue Fetisch, um den sich alles dreht, sei der Gren­zw­ert, den die mod­er­nen Glauben­skriegern und deren Priester, die Experten, stets parat hät­ten und an dem das See­len­heil mess­bar ist.

„Man [kön­nte] den Schluss ziehen, dass das Pro­jekt Aufk­lärung krachend gescheit­ert ist. Der Glauben­seifer hat in den let­zten zwei­hun­dert Jahren kein biss­chen nachge­lassen. Nur die Glaubensin­halte haben sich gewan­delt. Man glaubt nicht mehr an Gott, Him­melfahrt und Aufer­ste­hung, son­dern an Diver­sität, Klimaprog­nosen und Inzidenzen.“

Und zwar mit der­sel­ben Kom­pro­miss­losigkeit und einem Eifer, der nach Beloh­nung und Lossprechung verlangt.

Der Ver­such, das kri­tis­che Bewusst­sein auszuschal­ten, bedi­ent sich des Jar­gons der Aufk­lärung. Wer dem Experten und seinem moralis­chen Fram­ing fol­gt, fühlt sich daher nicht als Gläu­biger, son­dern als Ver­fechter von Wis­senschaftlichkeit und Ratio­nal­ität.

Aber glauben muss er doch, der Gläu­bige, denn das Wis­sen, die Mes­sun­gen, Schlussfol­gerun­gen und The­sen sind ihm höch­stens empirisch oder über die Predigten der Experten zugänglich. Das Wis­sen – valides oder moralisch gefühltes – haben andere.

„Und auch die Nei­gung zur Tol­er­anz hat über die Jahrhun­derte keines­falls zugenom­men. Schon die Wiederkehr der tot­geglaubten Fig­ur des Leugn­ers in neuem Gewand ist ver­rä­ter­isch. Galt einst der Gottesleugn­er als Verkör­pe­rung tief­ster Ver­w­er­flichkeit, so erzeu­gen nun Kli­ma- und Coro­na-Leugn­er all­ge­meine Empörung. […] Der dabei zwangsläu­fig entste­hen­den kog­ni­tiv­en Dis­so­nanz ver­sucht man zu entkom­men, indem man die eigene Mehrheitsmei­n­ung in eine Außen­seit­er­po­si­tion umdeutet.“

Mit der von Grau definierten Sch­ablone auf die Wirk­lichkeit los­ge­lassen, weiß man eigentlich gar nicht, wo man anfan­gen soll. Auf so gut wie jedes Feld der „Polit­i­cal Cor­rect­ness“ ließe sie sich drück­en und der Schlüs­sel, die Aus­sage „Der eigene Oppor­tunis­mus wird zum hero­is­chen Wider­stand“ passte fast immer. Über­haupt ist die ver­drängte eigene Oppor­tu­nität ein guter Indika­tor dafür, ob man tat­säch­lich helden­hafter Aktivist der ersten Stunde ist, der mit „Skin in the Game“ selb­st­los für eine Sache ein­tritt, oder doch nur der willige und hirnge­wasch­ene Helfer­shelfer, der auswendig gel­ernte Parolen ein­er poli­tis­chen Ein­heits­front repetiert.

Doch für den Kli­maschutz, für Lock­downs, für Kniefälle und regen­bo­gen­far­bene Sta­di­en, für die Äch­tung Ungar­ns, gegen Trump, Bol­sonaro und John­son sind heute prak­tisch alle rel­e­van­ten Medi­en, NGOs, die Kirchen, Parteien, EU und Regierung gern zu haben. Mutig an diesen Fron­ten zu „kämpfen“ ist wohlfeil bis kosten­los. Nie­mand kann sich die Fin­ger ver­bren­nen, Fehler machen, seine Kri­tik überziehen und hat deshalb Kon­se­quen­zen zu gewär­ti­gen. Es ist der bil­ligst zu habende Dünkel des Oppor­tunis­mus. Auf Lin­ie gebürstete drei Minuten Hass im orwellschen Panop­tikum pop­ulis­tis­ch­er Triebabfuhr.

Nagelprobe des Opportunismus

Ich schlage eine groß angelegte Umfrage unter den Aktivis­ten und Laut­sprech­ern vor, die nur eines in Erfahrung brin­gen möge: „An welch­er Stelle befind­en sie sich in Oppo­si­tion zum Estab­lish­ment? Also den Medi­en im All­ge­meinen und der Marschrich­tung von Regierung und EU in den gesellschaftlichen Großthe­men Kli­ma, Migra­tion, Wirtschaft, EU-Ver­tiefung und Energiewende im Beson­deren.“ Und ich meine jet­zt nicht, dass es dem einen oder anderen zu schnell oder zu langsam geht, son­dern prinzip­ielle, inhaltliche Oppo­si­tion. Da wird bei den Aktivis­ten nicht viel Oppo­si­tion übrig bleiben.

Doch ich wette, fragte man diesel­ben Leute danach, wie sie wohl zwis­chen 1933 und 1945 gehan­delt hät­ten, wenn Gen „Z“ damals schon auf der Welt gewe­sen wäre, ob sie ihre Nach­barn denun­ziert oder wegge­se­hen hät­ten, als Men­schen aus ihrer Mitte ver­leumdet, her­aus­geris­sen, entrechtet, enteignet und ermordet wur­den,… ich glaube, so gut wie jed­er wäre fest der Mei­n­ung, er hätte solch­es unmöglich zuge­lassen! Man hätte sich doch wider­set­zt, wäre dage­gen gewe­sen, hätte protestiert, Artikel geschrieben oder not­falls diesen kleinen irren Öster­re­ich­er mit bloßen Händen…ganz sich­er! Sich­er? War die Gewis­sheit unter unseren Land­sleuten nicht groß, dass das alles schon seine Berech­ti­gung habe und dass die Rich­tung gar nicht falsch sein könne, weil doch die Mehrheit…was soll schon schief gehen?

Wo ist heute die Oppo­si­tion zur Regierung, wo die gewisse Grundskep­sis, die man für wirk­same Kon­trolle braucht? Über­all nur affir­ma­tives, zus­tim­mendes Getöse. War es in Nazideutsch­land nicht “com­mon sence”, all das brav zu exeku­tieren, was ger­ade gesellschaftliche Norm war oder zur neuen Norm erk­lärt wurde? Kon­nte man damals nicht auch viel gefahrlos­er für als gegen das Regime demon­stri­eren? Ich will den Ver­gle­ich hier nicht zu weit treiben, mir geht es lediglich um die Kosten der Oppor­tu­nität im Ver­gle­ich zu den Kosten der Oppo­si­tion. Let­ztere waren damals zweifel­los höher als heute und wur­den meist mit dem eige­nen Leben bezahlt. Doch zum Zweck der Anhänglichkeit an das Sys­tem braucht es damals wie in „1984“ wie heute das Ven­til eines Kampfes gegen ver­meintlich bedrohliche innere und äußere Feinde. Klin­geln da nicht alle Alar­m­glock­en? Wom­it wir endlich bei der Tri­bunal­isierung wären.

„Mündigkeit ist vor allem Ein­samkeits­fähigkeit“, zitiert Alexan­der Grau den Philosophen Odo Mar­quard. Wenn das „vor allem“ auch ein­schränk­end wirkt, kann jed­er seine eigene Mündigkeit recht gut prüfen, indem er oder sie sich fragt, wo die ehrlich geäußerte Mei­n­ung im poli­tis­chen Diskurs prompt zur Vere­in­samung führen würde. Passen Sie Ihre „Mei­n­ung“ an das Umfeld ein­er Diskus­sion an? Sind Sie der­jenige, der „aber“ sagt, wenn alle um Sie herum auf Orban, Trump oder dem Diesel­mo­tor ein­prügeln? Trauen sie sich, einen dif­feren­zierten Gedanken über Bol­sonaro zu äußern, ohne ihn vorher mit „Recht­spop­ulist“ zu kennze­ich­nen? Kor­rigieren Sie einen empörten Red­ner, wenn er ein ungarisches Gesetz als LGBTQ-feindlich beze­ich­net und erk­lären, dass es darin expliz­it um den Schutz Min­der­jähriger geht und kein­er­lei Ein­schränkun­gen für Erwach­sene darstellt? Wagen Sie es laut auszus­prechen, dass Trump vieles, aber nicht alles falsch gemacht hat?

Nun, dann liegen Sie wom­öglich hier und da falsch, aber sie bedi­enen sich offen­bar ihres eige­nen Ver­standes, statt auf die Schwarmintel­li­genz oppor­tunis­tis­ch­er Lem­minge zu ver­trauen. Wom­öglich denken Sie, wenn alle in eine Rich­tung laufen, muss ich da nicht auch noch hin. Wenn alle „A“ sagen, gibt es genug A‑Sager. Wenn alle „steiniget ihn“ rufen, fehlt dem Tri­bunal ganz klar ein Vertei­di­ger. Wenn Sie dieser Vertei­di­ger sein wollen – und sei es auch nur gele­gentlich – lesen Sie den Artikel von Alexan­der Grau.

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10 Kommentare

  1. Schon richtig, aber: man muss auch schauen, dass man nicht ver­bit­tert, das kommt mir bei Grau etwas zu kurz. Wer sich wegen ein­er Gesellschaft schlecht fühlt, die dieser Gefüh­le gar nicht wert ist, der fühlt auf eine Art para­dox (so etwa wie jemand, der dauer­haft seinen Part­ner oder seinen Job has­st). Zumin­d­est sollte man es immer hin­ter­fra­gen, wenn man sein eigenes Gefühlsspek­trum dahin verengt. Nie­mand sagt näm­lich, dass man sich über­haupt in irgen­dein­er Weise zu so einem uner­freulichen Ding posi­tion­ieren muss, wie es unsere Repub­lik im Moment in der Tat darstellt. — Man lebt halt ein­fach hier, aber ob man über­haupt eine Hal­tung zeigt, darüber ist damit noch nichts gesagt. Es gibt ein­fach ein riesiges Spek­trum von offen­em Protest, zu Mei­n­ung hin­ter dem Berg hal­ten, sich erfreulicheren Din­gen zuwen­den etc.pp. Man ist auch nicht ein­fach nur feige, wenn man mal keine Stel­lung bezieht. Wer kri­tisch denkt und sein Wahlrecht ausübt, der tut in der Demokratie erst­mal schon mehr als andere. Wo darüber hin­aus die Lin­ie liegt zwis­chen Ver­ant­wor­tung für ein im Grunde imag­inäres “Ganzes” ein­er­seits und dem Fokus auf das eine, unver­füg­bare eigene Leben ander­er­seits, bes­timmt jed­er­mann selbst.

  2. Herr Letsch auf “besorgt.de”: Dage­gen­sein ist ein Prinzip und keine verkommene linke Romantik.

  3. Danke für diese bei­den exzel­len­ten und ent­lar­ven­den Artikel. ENDLICH ver­ste­he ich, warum sich so viele intel­li­gente und gut aus­ge­bildete Men­schen weigern, ihren Ver­stand zu benutzen. Das macht die Tat­sache zwar nicht bess­er, aber ich kann jet­zt bess­er mit ihr umgehen.

  4. Vie­len Dank für diese luzide Analyse. Man kann aber vielle­icht noch tiefer greifen. Tri­bunal­isierung & Reli­gion­isierung bedi­enen sich intellek­tueller Einord­nun­gen und Zuschrei­bun­gen, wie sie für Men­schen typ­isch sind, Schim­pansen beispiel­sweise wer­den schw­er­lich eine crit­i­cal race the­o­ry entwick­elt haben, wenn sie andere Grup­pen angreifen und deren Mit­glieder umbrin­gen. Nun dient bei vie­len Leuten das Denken außer­halb alltäglich­er Erfordernisse vor­wiegend der Ratio­nal­isierung ihrer Inter­essen und Vorurteile, und das gilt ganz beson­ders für die Masse der sog. Intel­li­genz; die sog. ein­fachen Leute hal­ten sich da eher zurück. Nicht ohne Grund find­en wir die Anhänger mod­ern­er Erweck­ungs- und Herrschaft­slehren vor­wiegend unter der sog. Intel­li­genz, die Grü­nen sind ein charak­ter­is­tis­ches Beispiel. Es erk­lärt auch, warum die Masse der sog. Intel­li­genz, im Gegen­satz zu den ein­fachen Leuten, 1914 erlö­sungsmäßig jubelte oder sich, ent­ge­gen der Pro­pa­gan­da vom ver­bre­it­eten Wider­stand, 1933 so bere­itwillig der neuen Erweck­ungs­be­we­gung des Plan­eten­ret­ters AH anschloss oder in großer Zahl noch 1944/45 an den End­sieg glaubte. Man ver­fügt über ein beson­deres Verblendungspotential.

    Darunter liegt m.E. vor allem das Bestreben nach der (Wieder­her­stel­lung der) homo­ge­nen Gruppe, die nicht nur der Iden­ti­fika­tion dient, son­dern ihre Über­legen­heit aus der Abgren­zung gegenüber anderen und deren Abw­er­tung ableit­et; auf möglichst ein­fache Weise Dis­tink­tion­s­gewinne zu erzie­len, spielt in der sog. Intel­li­genz eine zen­trale Rolle, es find­et sich aler in allen Kul­turen. Vor vie­len Jahren las ich das Buch eines nieder­ländis­chen Völk­erkundlers, der auf Papua-Neuguinea gear­beit­et hat­te. Er schilderte, wie er bei jedem der Stämme gefragt wurde, wie es möglich sei, dass er von diesem und jen­em anderen Stamm komme, denn das seien doch abgrundtief böse Leute, denen man nicht trauen könne. Wenn er ankündigte, zu einem anderen Stamm weit­erzureisen, wurde er gewarnt, das seien usw. Das hat mir sein­erzeit die Augen geöffnet. Vor 50 und mehr Jahren fand man der­gle­ichen Räson­nement auch hierzu­lande regel­haft in Dör­fern, indem schon den Leuten des Nach­bar­dor­fes abwe­ichende, in der Regel unvorteil­hafte Eigen­schaften zugeschrieben wur­den. Wir sehen diese Trib­al­isierung heute neu aufleben, nur halt stärk­er intellek­tuell eingek­lei­det. Daher die unaufhör­liche Suche nach Fein­den, Ungläu­bi­gen, auch nach indi­rek­ten Zeichen (Hex­en­malen) usw., Abgren­zung ist die Essenz eines prim­i­tiv ver­stande­nen sog. Zusammenhalts.

    Die Trib­al­isierung wird ein­er­seits inner­halb der west­lichen Kul­tur von der sog. Intel­li­genz (ich spreche gerne von „Imbezil­lizenz“), ander­er­seits durch den massen­weisen Import bere­its trainiert­er Trib­al­is­ten & Clanis­ten mas­siv vor­angetrieben. Es scheint mir vernün­ftig, zu erwarten, dass dieser Zan­ge­nan­griff die west­liche, säku­lare, auf den Einzel­nen fokussierte, auf inhaltliche, real­itäts­be­zo­gene Argu­mente aus­gerichtete Kul­tur erwür­gen und dass dies am Ende verblüf­fend schnell gehen wird, da bere­its so viel Sub­stanz aufge­braucht ist. Immer wieder bin ich erstaunt, wie wenig Reflex­ion auf die Grund­la­gen der eige­nen Kul­tur selb­st in der Acad­e­mia vorhan­den ist.

    Die kog­ni­tiv­en Dis­so­nanzen, die in der sog. Intel­li­genz ver­bre­it­et sind, kann man sehr schön an Fol­gen­dem illus­tri­eren. Ein­er­seits wird die Kon­ti­nu­ität des Men­schen zum Tier­re­ich betont („Tiere denken“), obgle­ich dieses Denken nur ein­fache Kat­e­gorisierun­gen bet­rifft (ich kenne keinen Schim­pansen oder Zwerg­pin­sch­er, der Math­e­matik oder The­o­retis­che Physik oder Musik­wis­senschaft treibt). In jedem Fall spricht diese Kon­ti­nu­ität für evo­lu­tionär entwick­elte, genetisch ver­ankerte Pro­gramme, die sich als vorteil­haft zur Ori­en­tierung in der (sozialen) Umwelt erwiesen haben und durch Ler­nen aufge­füllt und adap­tiert, aber nicht geschaf­fen wer­den. Das bet­rifft natür­lich auch den Unter­schied zwis­chen den Geschlechtern, für den es schließlich einige wenige Mil­liönchen Jahre Vor­lauf gibt und der bei aus­nahm­s­los allen Säugetieren in Dis­po­si­tio­nen und Ver­hal­tenspro­gram­men abso­lut klar zutage tritt. Beim Men­schen jedoch ist der sog. Intel­li­genz zufolge aus­gerech­net dieser für die evo­lu­tionäre Fit­ness wichtige Unter­schied eli­m­iniert, und geheimnisvolle Löschun­gen haben stattge­fun­den, ana­log zu den Vorstel­lun­gen von Kreation­is­ten, für die eben­falls der Men­sch fun­da­men­tal aus der Schöp­fung her­aus­ge­hoben ist.

    Wenn man Dis­po­si­tio­nen leugnet, fällt man ihnen allerd­ings ger­ade zum Opfer, da man sich der Möglichkeit beraubt, damit ratio­nal umzuge­hen, und das ist der Grund, weshalb ger­ade bei diesen Leuten die Meuten­mechanik so wun­der­bar zutage tritt, siehe Antifa, Femi­fa usw. Ana­log bringt man den Trib­al­is­mus nicht durch Pos­tu­late zum Ver­schwinden — er tritt dann umso stärk­er her­vor, ger­ade in ein­er Gesellschaft ohne tra­di­tionelle Iden­ti­fika­tion­sange­bote. Und genau das sehen wir, eingek­lei­det in Tri­bunal­isierung & Reli­gion­isierung, denn ohne sog. geistige Ansprüche geht es nicht. In meinen Augen ein Geschehen, das inzwis­chen für den ver­gle­ichen­den Pri­ma­tolo­gen viel inter­es­san­ter ist als für den Kul­tur­an­thro­polo­gen. Wir bewe­gen uns in Rich­tung ein­er Atavis­men-Aktivierung, welche die Phase der Aufk­lärung (habe Mut, dich deines eige­nen Ver­standes zu bedi­enen) liq­ui­diert. Und darin äußert sich, dass die Masse der anführen­den sog. Intel­li­genz von der selb­st­geschaf­fe­nen Kom­plex­ität der Gesellschaft über­fordert ist. Daher auch reden die Intel­li­genz-Füchse wie in der Fabel des Äsop so oft und gerne schlecht, was sie nicht erre­ichen, es ist halt beque­mer, statt seine Gren­zen anzuerken­nen oder sich anzustrengen.

    • Ach, ich glaub die Homogenisierung der Gruppe ist egal. Es geht um die Hack­o­rd­nung. Ich glaube, wie eine Gruppe geschnit­ten wird, ob ent­lang ter­ri­to­ri­aler Gren­zen, Glaubens­beken­nt­nis­sen und Ver­wand­schafts­grade ist den Leuten egal. Sie nehmen, was en vogue ist. Wichtig ist, dass man einiger­maßen weit oben in der jew­eili­gen Zuord­nung nach unten schauen kann. 

      Aber Ihn Ansatz ent­lang grundle­gen­der Instink­te zu argu­men­tieren, ist richtig. Ich stoße schon bei vie­len auf eine Kom­mu­nika­tion­s­gren­ze, wenn die nur vor dieser oder jen­er speziellen Denkschule war­nen wollen, als ob Denkschulen sich his­torisch jemals exakt wieder­holt hät­ten. Diese Leute ver­tun ihre Zeit, lösen ständig falschen Alarm aus und sind igno­rant gegenüber den total­itären Entwick­lun­gen ihrer eige­nen Zeit, die fast beliebig aus fast jed­er Denkschule erwach­sen können.

      Ich wäre auch fast froh, sie hät­ten mit ihrer Ratio­nal­isierungserk­lärung recht. Aber ich sehe keine Ratio­nal­isierung. Ich sehe über­haupt nichts Ratio­nales mehr. Ich weigere mich, mir die Crit­i­cal Race The­o­ry über­haupt anzuschauen. Dou­glas Mur­ray und Andrew Doyle haben es gemacht und sagen, dass sie intellek­tuell schlicht sei. Ich sehe keine fehler­hafte Ratio­nal­ität (Ratio­nal­isierung), son­dern Anal­o­gisierung. Damit meine ich, dass Analy­sen und Fol­geein­schätzun­gen im Diskurs nicht mehr vorkom­men, son­dern alles nur noch erin­nert. Die Analo­gien und Assozi­a­tio­nen ziehen in der Regel eine Erin­nerungs­kette zu Hitler, weil alles andere die Bil­dung über­fordert. Das ist keine Ratio.

      Ein ver­heeren­des Kon­flik­t­po­ten­tial hat die fehlende Hier­ar­chiele­git­im­ität der Eliten, die (ver­bal) nicht zugeben, Eliten zu sein, es aber durch auf­fal­l­end teure Klam­ot­ten und Tritte noch unten sehr wohl zum Aus­druck brin­gen. Als Katrin Göring-Eckardt mich als Abge­hängter abge­hängt hat, hab ich mich schon etwas am Kopf gekratzt. Ich hab nicht “Stu­di­en­ab­brecherin” gerufen, weil auch kluge Köpfe ihre Stu­di­en abge­brochen haben und etwas wur­den, aber ich weigere mich anzuerken­nen, dass KGE mir moralisch, intellek­tuell oder in Sachen Arbeit­samkeit über­legen sein soll.

      Mit der fehlen­den Legit­im­ität ist auch die fehlende Moral ver­bun­den. Viele stellen demokratis­che Werte in Frage, weil sie erleben, dass die Eliten sämtliche Prinzip­i­en mit einem “Quod licet Iovi non licet bovi” an die Wand fahren und die Ein­hal­tung der sel­bi­gen immer nur selek­tiv zum eige­nen Vorteil ein­fordern. Die demokratis­chen Werte haben ihren ratio­nalen(!) Zweck, auch wenn sie zunehmend mis­sachtet wer­den. Unsere Führungskaste mis­sachtet nicht nur demokratis­che, son­dern alle Werte, wie man an deren Umgang mit der Mer­i­tokratie sieht (von der Leyens Dok­torar­beit, Baer­bocks Buch/Lebenslauf, Frauen­quoten…). Es ist also nicht die Schuld der demokratis­chen Werte. Diese Eliten zer­tram­peln alle Werte.

      Nicht nur wer­den die Hier­ar­chien immer unle­git­imiert­er, son­dern par­al­lel auch immer steil­er. Mit klimabe­d­ingter Wach­s­tums­drosselung wird man Sozialauf­steiger in Schach zu hal­ten wis­sen. Man kann sich nicht mehr aus dem Weg gehen und auch nie­man­den mehr als Konkur­rent her­aus­fordern, wenn nichts mehr Neues wächst. Wer nicht kuscht, ist raus. Wie friedlich die Zukun­ft mit unle­git­imierten Hier­ar­chien sein wird, sieht man auch bei den Affen. Aber das sind Fol­ge­ab­schätzun­gen und gehören damit nicht zum intellek­tuellen Arse­nal der derzeit­i­gen Führung.

  5. Gibt es aus der Ver­gan­gen­heit Beispiele, in denen die vie­len JA-Sager auch mal Recht hat­ten und behielten?

  6. Sie brin­gen es sehr schön auf den Punkt. Es sind die Ide­olo­gien, ob Reli­gion, Nation­al­is­mus, Kom­mu­nis­mus, Kli­mare­li­gion. Mit ihnen muss man sich in der jew­eili­gen Zeit auseinan­der­set­zen in der man lebt. Und ich bin auch der Mei­n­ung, dass viele ja Sager, die heute ja sagen, in ander­er Zeit zu anderen herrschen­den The­men auch laut ja gesagt hät­ten. Die Men­schen sind früher nicht anders gewe­sen als wir heute. Sie sind durch andere The­men im Denken mehr oder weniger stark bee­in­flusst wor­den so wie wir heute auch. Auch ich per­sön­lich muss mich mit gesellschaftlichen The­men beschäfti­gen, wo ich denke, eigentlich völ­lig unnütz oder warum wird solch ein The­ma mir ohne Not aufge­drängt, dass ich mich dazu ver­hal­ten muss. Warum gehen wir nicht weit­er in der Entwick­lung des Bewährten.
    Eines sage ich mir immer zum Schluss solch­er Gedanken Ide­olo­gien kom­men und gehen. Lei­der kommt danach die nächste.

  7. Toller Artikel, bei­de wohlgemerkt.
    Und beim Lesen sind mir zwei Bemerkun­gen der let­zten Zeit wieder eingefallen.
    Zum ersten, der Ost­beauf­tragte der Bun­desregierung fühlte sich bemüßigt dauf hinzuweisen, dass die Men­schen im Osten des Lan­des der Poli­tik skep­tis­ch­er gegenüber stän­den. Und man möchte aus­rufen, ja was denn son­st Herr Wan­der­witz. Der Poli­tik skep­tisch gegenüber zu treten, die Aus­sagen und Hand­lun­gen der Regierung zu hin­ter­fra­gen, ist doch wohl das Mindeste.
    Oder möchte Herr Wan­der­witz ein Volk von Diederich Hesslings?
    Die zweite Bemerkung kommt von unserem “Staat­sphilosophen” Richard David Precht. 

    „Gegen die Coro­na­maß­nah­men, die Migra­tions- und Klimapoli­tik auf die Straße zu gehen, zeugt von ein­er unmündi­gen und infan­tilen Trotzhaltung.“ 

    Eine schwachsin­nigere Bemerkung hat es in der let­zten Zeit wohl kaum gegeben. Alle, die gegen die Coro­na Maß­nah­men, die Kli­ma- und Migra­tionspoli­tik protestieren sind kleine dumme Trotzköpfchen. Mit denen muss man auch nicht disku­tieren, die sind eh zu dumm um die große here Agen­da zu verstehen.
    Und in den großen Medi­en find­et sich nie­mand der diesem Schwafler widerspricht.
    Warum auch, man surft ja auf sel­biger Welle.

  8. Man kann ver­gle­ichen, die Naz­izeit und heute, man muss aber nach dem Ver­gle­ich auch die Unter­schiede sehen, deshalb ver­gle­icht man ja.
    Ein­er der Unter­schiede ist, dass wir als Gesellschaft und jed­er in sein­er Fam­i­lie die Erfahrung der Nazi-Zeit hat, das hat­ten die Men­schen 1933 nicht. Mussten sie damals nicht wis­sen was sie tat­en, was kom­men musste, so kön­nen wir uns heute nicht mehr auf diese Unken­nt­nis berufen.

    • Und wir haben die Erfahrung des Kom­mu­nis­mus. Ca. ein Vier­tel der Deutschen Bevölkerung auch ganz persönlich.

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