Deutsch­land ist schein­bar ein ganz beson­de­res Land. Ein ein­zig­ar­ti­ges sogar! Kein ande­res Land schwankt in sei­nen poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen so zwi­schen den Extre­men hin und her, wie Deutsch­land. Wir haben den größ­ten Geno­zid der Welt orga­ni­siert und füh­len uns allen Min­der­hei­ten und Ent­rech­te­ten die­ser Welt wärms­tens ver­bun­den, sind Export- und Fuß­ball­welt­meis­ter, schot­te­ten uns wie kein ande­res Land gegen Zuwan­de­rung ab und haben nun die Tore so weit offen, wie kein ande­res Land auf der Welt. Stolz erfan­den wir einst Begrif­fe wie Leit­kul­tur und schäm­ten und gleich­zei­tig in Grund und Boden als wir sagen soll­ten, was genau das bedeu­tet. Wir legen Wert auf unse­re Spra­che, zei­gen aber in der Öffent­lich­keit, dass man sie nicht braucht oder erler­nen muss. Wir haben Sozia­lis­ten, die Geset­ze zur Abschaf­fung der „Sozia­len Hän­ge­mat­te“ ver­ab­schie­den und Kon­ser­va­ti­ve, die sich von unse­ren Gren­zen ver­ab­schie­den und unse­re Grü­nen kämp­fen im Iran für die fried­li­che Nut­zung der Kern­ener­gie. Am bes­ten waren wir eben schon immer in den Extre­men, unser Pen­del ist immer an einem Umkehr­punkt, wes­halb Sta­bi­li­tät bei uns nur eine Moment­auf­nah­me ist.

Geige lernen ist öde – wir spielen jetzt Cello!

Kann sich noch jemand an die Inte­gra­ti­ons­de­bat­ten zwi­schen 2001 und 2007 erin­nern? Also in der Zeit, als die Sozi­al­wis­sen­schaft­ler began­nen, über Isla­mis­mus und des­sen Ursa­chen zu for­schen, zu tagen, zu tal­ken und zu publi­zie­ren? Nein? Nun, das ging etwa so: Die zwei­te und drit­te Genera­ti­on der tür­ki­schen Gast­ar­bei­ter waren die Ent­rech­te­ten, die zu kurz gekom­me­nen, die Chan­cen­lo­sen. Die Gesell­schaft (das, was heu­te gern als „Wir“ bezeich­net wird) hat ver­sagt, wenn die­se Jugend­li­chen in der deka­den­ten west­li­chen Welt nicht klar kamen, Ehren­mor­de begin­gen, Zwangs­hei­ra­ten vor­ka­men und sich „Mill­jöhs“ bil­de­ten. Man müs­se ihnen mehr Ange­bo­te machen, sie unter­stüt­zen, nicht dis­kri­mi­nie­ren – mit ande­ren Wor­ten, ordent­lich Geld in die Hand neh­men. Na, das hat ja schon mal super geklappt! Zumin­dest das Geld war nicht ver­schwen­det. Es wur­de für Stu­di­en, For­schung und Rei­se­spe­sen ver­braucht, taucht also im BIP auf der Haben-Sei­te wie­der auf. An der Situa­ti­on der tür­kisch-stäm­mi­gen Jugend in Deutsch­land hat sich nicht viel geän­dert, denn auch der Tür­ki­sche Sul­tan Erdo­gan gab auf sei­nem Deutsch­land-Besuch eine ande­re Rich­tung vor indem er sag­te: „Inte­griert euch nicht!“.

Die Deut­schen und beson­ders deren Regie­run­gen legen nun die­se offen­sicht­lich schwer zu spie­len­de „tür­ki­sche Gei­ge“ aus der Hand. Ab sofort ler­nen wir das „ara­bi­sche Cel­lo“! Und da wol­len wir gleich zu Beginn schon alles rich­tig machen. Also gleich ordent­lich Geld aus­ge­ben, gleich die rich­ti­gen Ange­bo­te machen. Der Bun­des­tag geht mit gutem Bei­spiel vor­an und bie­tet sei­ne offi­zi­el­le Web­sei­te für unse­re Neu­bür­ger auf Ara­bisch an. Nun ist Ara­bisch in Deutsch­land kei­ne Amts­spra­che und wird auch in der EU nir­gends als sol­che geführt. Kei­ner unse­rer Nach­barn spricht Ara­bisch, es gibt nicht ein­mal ein befreun­de­tes Land, des­sen frei gewähl­tes Par­la­ment sich dadurch dem uns­ri­gen im Geis­te ver­bun­den füh­len könn­te. „It’s the immi­gra­ti­on, stu­pid!“ muss das dann wohl bedeu­ten. Und die Gleich­be­rech­ti­gung und der Schutz von Min­der­hei­ten, die sind uns ja auch sehr wichtig!

Stimmt nur leider nicht

Denn eine tür­ki­sche Ver­si­on der Web­sei­te sucht man genau­so ver­geb­lich wie eine Sor­bi­sche oder Däni­sche – alles aner­kann­te Min­der­hei­ten in die­sem Lan­de. Deutsch, Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Ara­bisch – das sind die Mög­lich­kei­ten auf der offi­zi­el­len Sei­te des Bun­des­ta­ges. Es gab und gibt auch kei­ne rus­si­sche Ver­si­on, um den Spät­heim­keh­rern den Umgang mit unse­rem Par­la­ment zu ver­mit­teln. Eine Par­al­lel­ge­sell­schaft ist nicht von vorn her­ein etwas Schlech­tes. Ihre Ent­ste­hung aber von Anfang an staat­lich zu befeu­ern, über­schrei­tet die Gren­ze zur Dummheit.

Die Ara­bi­sche Bun­des­tags-Sei­te ist natür­lich nichts wei­ter als ein Sym­bol, wenn auch ein star­kes. Den meis­ten Asyl­su­chen­den dürf­ten die Ver­laut­ba­run­gen des Par­la­ments weit am Smart­pho­ne vor­bei gehen. Für die gilt sowie­so nur, was Mut­ti sagt. Für unse­re Abge­ord­ne­ten ist es aber ein wei­te­res Stein­chen in ihrer „Wir-schaffen-das“-Argumentewand, an der gera­de alle Par­tei­en im Bun­des­tag gemein­sam mau­ern. Und dass dies allen Insti­tu­tio­nen, Behör­den und Fir­men daher zur Nach­ah­mung emp­foh­len sei, ver­steht sich von selbst. Schließ­lich sind Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Vor­bil­der für Auf­klä­rung, Demo­kra­tie und poli­ti­cal cor­rect­ness. Allah ist schon sowas von groß hier!

reichstag2015

Chris­to war mit sei­ner Kunst­ak­ti­on, den Reichs­tag zu ver­hül­len, sei­ner Zeit 20 Jah­re vor­aus. Viel­leicht wür­den Ber­li­ner Pas­san­ten heu­te lachend aus­ru­fen „Ick hab noch nie eene wei­ße Bur­ka jesehn!“ – und der Regie­rungs­spre­cher auf dem Vor­platz des Reichs­ta­ges wür­de erklä­ren, dass ein weiß ver­hüll­ter Reichs­tag das Gegen­teil der Flag­ge des IS dar­stel­le, gewis­ser­ma­ßen als Nega­ti­on des Bösen.

Das isla­mi­sche Glau­bens­be­kennt­nis, die Schahā­da, kann man aber auch in schwarz auf weiß lesen. Man­che Din­ge lau­fen in Deutsch­land der­zeit so falsch, dass nicht ein­mal das Gegen­teil davon rich­tig wäre. Davon liest man übri­gens nichts auf den Sei­ten des Bun­des­ta­ges. Auch nicht auf Arabisch.

Ein PS für  alles Face­book-Pro­tes­tie­rer, die empört schrei­ben, dass im Liba­non und der Tür­kei weit mehr Syrer auf­ge­nom­men wurden 

Die geflüch­te­ten Syrer bean­tra­gen weder in der Tür­kei, noch im Liba­non Asyl. Es sind sehr vie­le dort, das ist rich­tig. Sie wer­den gedul­det, meis­tens. Sie rei­sen wei­ter, wenn sie kön­nen. Sie kom­men nach Euro­pa, wenn sie es schaffen.

Außer­dem geht es in dem Arti­kel auch nicht um Flücht­lings­zah­len (die­ser Ein­wurf galt ledig­lich der extre­men Pen­del­be­we­gung in der deut­schen Poli­tik) son­dern ein­zig um die Tat­sa­che, dass der Bun­des­tag es für nötig hält, sei­ne Sei­ten auf ara­bisch anzu­bie­ten. Noch dazu mit sehr selek­ti­ven Inhal­ten. Das Grund­ge­setz als Export­schla­ger zum Bei­spiel, ohne groß auf des­sen Inhalt ein­zu­ge­hen. Das Aktu­ells­te was dort steht ist ein Bericht über die Schwei­ge­mi­nu­te, die der Bun­des­tag anläss­lich der Panik-Kata­stro­phe in Mek­ka mit Hun­der­ten Opfern unter den Pil­gern abge­hal­ten hat.

Die Empö­rungs­li­ga trig­gert sich aber mal wie­der nur an eini­gen Begrif­fen, die für das The­ma des Bei­tra­ges irrele­vant sind. Wer lesen kann, ist klar im Vor­teil. Aber nur, wer einen Bei­trag auch bis zum Ende gele­sen hat, soll­te auch mit diskutieren.

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