Zum Refe­ren­dum in der Türkei ist eigent­lich alles gesagt. Auch ich habe ent­täuscht, jedoch nicht über­rascht auf den Ausgang des Refe­ren­dums geschaut. Es fühlt sich, trotz der gockel­haf­ten Aus­set­zer Erdo­gans und der damit ein­her­ge­hen­den schritt­wei­sen Ent­frem­dung von Europa, wie ein Verlust an. Denn ich habe per­sön­lich tolle Erin­ne­run­gen an das Land und Freunde dort. Bodrum, Ephesos, Magne­sia, traum­hafte Land­schaf­ten im Hin­ter­land, jeden Stein dort umgibt eine fin­ger­di­cke Patina aus Geschichte. Hetiter, Perser, Grie­chen, Römer, Byzan­ti­ner, Osmanen…und jede Menge wun­der­ba­rer gast­freund­li­cher Men­schen. Gött­li­che Speisen, durch­aus akzep­ta­bles Bier und Was­ser­me­lo­nen, die nir­gends so köst­lich schme­cken, wie im Süd­wes­ten der Türkei. Aber nun? Die Türken haben abge­stimmt, das muss ich akzep­tie­ren, sage ich mir. Und so gestimmt sprach ich gestern auch mit meinem tür­ki­schen Freund Hikmet*, der nicht nur in Deutsch­land lebt, sondern hier wirk­lich „ange­kom­men“ ist. Ein Demo­krat, also ein „Nein“-Sager, einer, der für gewöhn­lich mit seinen eben­falls in Deutsch­land leben­den Lands­leu­ten hart ins Gericht geht, wenn manche von ihnen mal wieder laut­stark um mehr inte­gra­tive Auf­merk­sam­keit buhlen und Herr Mazyek in der Rolle des Opfers­lamms durch die TV-Shows tingelt. Hikmet hat noch nie gejam­mert. Er ist Unter­neh­mer, arbei­tet in der Rei­se­bran­che und pendelt seit Jahren aus beruf­li­chen Gründen ständig zwi­schen Deutsch­land und der Türkei hin und her. Er kennt beide Länder, beide Völker.

Es tut gut, die eigene Sicht auf die Dinge gele­gent­lich mit dem abzu­glei­chen, was andere Men­schen erleben, weshalb seine Antwort auf meine erste Frage zum Tür­kei­re­fe­ren­dum mich auch sofort ver­blüffte. Ob denn über­haupt noch Deut­sche in die Türkei reisen wollten, fragte ich ihn, sicher, die Antwort zu kennen. Es käme ganz drauf an, wen und wo man fragt, meinte Hikmet. Die kleinen Rei­se­bü­ros auf dem flachen Land, wo die Dorf­be­woh­ner hin­ge­hen um den Pau­schal­ur­laub anläss­lich des gelun­ge­nen Abi-Abschlus­ses der Enkel­toch­ter zu buchen, die sind derzeit geknif­fen. Da helfen auch 50% Rabatt kaum bei der Ent­schei­dung für Izmir oder Antalya. „Was soll denn der Nachbar denken, wenn ich zu dem Erdogan hin mach, der uns Angela so belei­digt“, denkt man sich dort. Anders sieht das im Inter­net aus, dem anony­men Buchungs­strich der Neuzeit. Da locken Rabatte und Anony­mi­tät und es wurden laut Hikmet in den drei Tagen nach dem Refe­ren­dum mehr Reisen in die Türkei gebucht, als in den vier Wochen davor. Etwas belus­tigt stelle ich mir vor, wie sich diese „Nach­barn“ dann beim Check-In betre­ten schwei­gend wie­der­tref­fen, aber das ist ein Thema für die Art Humor, wie ihn vor­wie­gend die Eng­län­der pflegen. Zwei deut­sche Nach­barn würden am Ende sicher behaup­ten, sie wollten nach Incir­lic, um den dort sta­tio­nier­ten Bun­des­wehr­sol­da­ten Nelken in die Nach­bren­ner ihrer Tor­na­dos zu stecken.

Hikmet hat meine Neugier geweckt und so er berich­tet mir von den letzten Wochen vor, und den ersten Tagen nach dem Refe­ren­dum. Er fragt mich, ob ich die Karte mit den Wahl­er­geb­nis­sen gesehen hätte. Natür­lich habe ich das. Alle Küs­ten­ge­biete, die Groß­städte, alle Regio­nen, die viel vom Tou­ris­mus leben oder Wirt­schafts­zen­tren sind und deren Bewoh­ner schon deshalb eher west­lich denken, hätten mehr­heit­lich mit NEIN gestimmt. Ebenso die Kurden. Dabei würde ich mir kaum eine Vor­stel­lung machen können, wie massiv die Pro­pa­ganda für das JA gewesen sei (außer in den Kur­den­ge­bie­ten) und wie schwach und abwe­send die Werbung der Gegen­seite. Und dort wo der Pro­pa­gan­da­ho­nig nicht wirkte, sirrte die Peit­sche. Bauern und Unter­neh­mer, die in den letzten Jahren des Auf­schwungs mit Kre­di­ten staat­li­cher Banken ver­sorgt wurden, hatte man unmiss­ver­ständ­lich mit­ge­teilt, was pas­sie­ren würde, wenn die Nein­sa­ger gewin­nen sollten. Dann würden ihre Kredite nämlich mög­li­cher­weise sofort fällig! Natür­lich hätten sie dennoch die freie Wahl – man sei ja in der demo­kra­ti­schen Türkei und nicht im bar­ba­ri­schen Europa.

Ich hatte bisher zwar von nicht regis­trier­ten Stimmen gehört und davon, dass Wahl­be­ob­ach­ter bedroht, ver­haf­tet oder behin­dert wurden. Von derlei Ein­schüch­te­rung jedoch noch nicht. Und bevor ich meinen Unter­kie­fer wieder manuell schlie­ßen konnte, erfuhr ich durch Hikmet von Fällen, wo „bestimmte Bürger“ von der Polizei zuhause abge­holt und zur Wahl gebracht wurden, die sich dann öffent­lich (sic) durch­füh­ren mussten. Keine Wahl­ka­bine, aber Schein­wer­fer­licht. Das aller­dings kannte ich – aus der DDR.

Doch Hikmets Opti­mis­mus wollte mir nicht so recht ein­leuch­ten. Warum bist du nicht nie­der­ge­schla­gen, warum lachst du immer noch, wollte ich wissen. Seine Antwort wollte mir erst nicht so recht in den Kopf, aber je länger ich ver­su­che, mich in die Gepflo­gen­hei­ten in der Türkei hin­ein­zu­den­ken, umso klarer wurde die Sache: Die Repres­sio­nen und Ein­schüch­te­run­gen wurden vor Ort, in den Städten und Dörfern zwar im Auftrag der AKP began­gen, aber von Men­schen, die immer noch dort leben! Diese hätten durch das, was sie getan haben, ihr Gesicht ver­lo­ren – und alle wüssten es! Gesichts­ver­lust ist etwas, dass man einem Deut­schen wohl am besten so erklä­ren kann: Ein Veganer, der den ört­li­chen Mezger jah­re­lang als Mörder bezeich­net und ange­spuckt hat, wird beim Verzehr eines 400g schwe­ren Angus-Steaks mitten auf dem Dorf­platz erwischt. Eng­lisch gegrillt! So geht Gesichts­ver­lust! Erdogan hatte erwar­tet, dass sein Refe­ren­dum die Skep­ti­ker hin­weg­fe­gen würde. Er, Rais, der Anfüh­rer, würde seine Gegner in den Staub treten! Wäre das Refe­ren­dum mit 70% oder mehr für ihn aus­ge­gan­gen, wie er es sich gedacht hatte, läge die Sache anders. Doch nun ist die Mehr­heit denkbar knapp und alle wissen von den Betrü­ge­reien, den Ein­schüch­te­run­gen und Erpres­sun­gen, weil viele Türken Zeuge solcher Vor­fälle waren – und auch Erdogan selbst weiß, dass es alle wissen! Mit anderen Worten: es gibt keine echte Mehr­heit „pro“ in der Türkei! „Hast du Erdogan gesehen an dem Abend?“ fragt Hikmet. „Der sah nicht glück­lich aus, der war geschockt! Er hat nun eine Mehr­heit, die keine ist und seine treu­es­ten Fans sitzen aus­ge­rech­net in Deutsch­land und Öster­reich. Deren Jubel kann er aber nicht jeden Tag medial genie­ßen und die helfen ihm auch nicht in Ankara. Erdogan dachte, er hätte nach dem Putsch­ver­such alle Kräfte besei­tigt, die gegen ihn sind. Und dennoch kann er ein Refe­ren­dum im Land nur durch Betrug und Erpres­sung knapp gewin­nen. Er kann nicht 50% des Landes zu Ter­ro­ris­ten erklä­ren! Die Sache ist noch nicht zu Ende!“

Und die Deutsch­tür­ken? Was ist mit denen, will ich wissen. Die würden in der Türkei nun wohl einen schwe­ren Stand haben, mein Hikmet. Zumin­dest in den typi­schen Tou­ris­mus­ge­bie­ten und Groß­städ­ten. Die Leute dort seien stink­sauer! Man begreift in der Türkei nicht, wie „diese Deut­schen”, obwohl sie niemand erpres­sen und bedro­hen konnte, in der Mehr­heit für den Erpres­ser und Bedro­her stimmen konnten. Egal wo er hinkäme, meinte Hikmet, immer müsse er sich „als Deut­scher“ recht­fer­ti­gen für das Abstim­mungs­ver­hal­ten seiner deutsch­tür­ki­schen Lands­leute. Den begeis­ter­ten deut­schen Fähn­chen­schwen­kern des Erdogan-Lagers emp­fiehlt er jeden­falls, die Tür­ki­schen Urlaubs­ge­biete besser zu meiden.

Viel­leicht ist es deshalb gar keine so gute Idee, die eigenen Rei­se­pläne in Rich­tung Türkei vor dem Nach­barn scham­haft zu ver­ber­gen. Viel­leicht ist es sogar eine gute Idee zu sagen, dass man zu Hikmet, Hande oder Hüsnü nach Izmir, Bodrum oder Istan­bul fährt um dort ein paar schöne Tage bei Sonne, Efes-Bier, Was­ser­me­lone und guten Gesprä­chen mit Men­schen zu ver­brin­gen, die mehr­heit­lich „Nein“ zu Erdogan, und „Ja“ zur Demo­kra­tie gesagt haben. Viel­leicht sind die Euros, die durch solche Reisen in die Taschen des Des­po­ten fließen ein Gift, das dieser nicht zurück­wei­sen kann, das aber aus­ge­rech­net seine erbit­terts­ten Gegner am Leben hält. Man kann sich seine Feinde nicht aus­su­chen – seine Freunde schon.

Viel­leicht sparte der Kaffee im „West­pa­ket“ der DDR einiges an Devisen. Sicher hat dieser Kaffee das Ableben der DDR aber eher beschleu­nigt. #Kaf­fee­Nach­An­k­ara

PS: Warum denn nun die Dia­spora-Türken so gestimmt hätten, wurde ich gerade gefragt. Viel­leicht hilft ein Blick auf die ver­schie­de­nen Länder. Denn in Saudi-Arabien stimm­ten 90% mit NEIN! Es scheint also der Prag­ma­tis­mus vor­zu­herr­schen, dass man zumin­dest EINE Demo­kra­tie haben sollte, zu der man flüch­ten kann. Außer­dem, so Hikmet, hätten fast alle Türken in Saudi Arabien auch Arbeit und müssten für ihren Unter­halt selbst sorgen. Das sei in Deutsch­land und Öster­reich ein wenig anders. Seine Worte, nicht meine. Aber viel­leicht hilft einer der irren Trump-Sprüche, um zu erklä­ren, was Hikmet über viele seiner Lands­leute hier in Deutsch­land denkt: Trump sagte bezogen auf Mexiko „Sie schi­cken uns nicht die Besten”…

*Name aus nahe­lie­gen­den Gründen geän­dert

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