Quelle: Getty Images
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Ist Ihnen folgendes auch schon mal passiert? Sie sollen eine Rede halten. Natürlich halten Sie sich für die hellste und eloquenteste Kerze auf der Torte und so eine kleine Rede, vorbereitet von Ihrem Pressereferenten, können Sie mühelos vom Blatt lesen. Dabei gelegentlich Blickkontakt zum Auditorium halten, in Interview-Situationen Augenkontakt mit dem Reporter, dass bekommen Sie doch sicher spielend hin. Vielleicht lesen Sie sich die Rede besser vorher noch mal durch, nur zur Sicherheit. Da ist zum Beispiel dieser Vergleich, diese Anspielung auf die Doppelmoral so mancher Ihrer Mitbürger…wird der wohl verstanden? Fußball geht ja immer, aber dazu Hautfarben und Nachbarschaftswünsche…? Solch ein Vergleich ging für Herrn Gauland von der AfD jedenfalls gewaltig nach hinten los. Die Frage ist nur, warum? Und warum stellt die FASZ Gauland überhaupt Fragen?

Man könnte doch einwenden, dass der Gauland ja schließlich kein Amtsträger sei, ja schlimmer, dass er ja nicht mal für `ne richtige Partei sprechen kann. Denn wie man überall liest, sieht und hört, ist die AfD ja keine solche – und wenn, dann eine, die verboten gehört! Der Herr Gauland ist also gewissermaßen nicht mehr als ein selbsternannter Stammtisch-Sprecher. Am deutschen Stammtisch jedoch, das wissen wir alle, kommt Rassismus nicht vor dem zehnten Pils oder dem zwanzigsten Kölsch vor, der Deutsche ist qua Geburt durch und durch edel, selbstlos und tolerant. Was also erlaubt sich Gauland?! Der deutsche Stammtisch ist empört! „Wenn de janze Arabee anne Grenz‘ erschosse werd oder im Meer versaufe tun, na jut. Abbe de Kevin, des is e gute Neg… also auf dem Jogi sei Verdeidischee lasse mer nischt komme!“

Was hat er denn nun genau gesagt?

Das wörtliche Gauland-Zitat lautet: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ So zitiert unter anderen der Focus das Interview. Von „Die Leute“ ist die Rede. Schon möglich, dass Herr Gauland zu dieser imaginären Gruppe gehört, vielleicht sind aber auch Sie damit gemeint. Oder Sie da hinten, oder ihr Schwager. Für gewöhnlich interessieren mich Äußerungen von AfD-Politikern nicht besonders, es sei denn, es kommt zu besonders bemerkenswerten Entgleisungen. Die fallen mir aber ebenso oft bei Politikern der vermeintlich „demokratischen Parteien“ auf. Allerdings triggern diese in den seltensten Fällen derart zuverlässig Medien- und Volksvertreterzorn, wie es Petry, Höcke oder Gauland schaffen. Das Phänomen, welches wir in solchen Fällen beobachten können, heißt in der Biologie Pawlowscher Reflex, es kommen aber noch soziologische Komponenten hinzu. Deshalb nenne ich das Phänomen einfach mal „Brüderle-Reflex“.

Der Brüderle-Reflex

Sie werden sich sicher erinnern: Ein älterer Vertreter einer kleinen Partei im Sinkflug mit leerem Sympathiekonto macht Journalistin unter Zuhilfenahme von Oktoberfestvokabular aus den Siebzigern schräg an und wird mit Korb in der Hand in flagranti erwischt. Ähnlich wie im Fall Gauland interessierte sich damals niemand dafür, was wirklich vorgefallen war oder gesagt wurde. Das Brandeisen „Sexist“ war gesetzt, genauso wie jetzt das Brandeisen „Rassist“ – der Rauch ist in der Luft und stinkt gewaltig. Heute wie damals kann man auch beobachten, dass die politische Prominenz in Deutschland Kapital aus derlei Vorfällen zieht. Jeder Minister, Parteichef oder Pressesprecher bemüht sich, seine Krallen in das morsche Holz des Gauland-Vergleiches zu schlagen, um Empörung, Distanz oder auch Entsetzen kund zu tun und zu beteuern, dass man genau gegenteiliger Meinung sei. Was für ein Thema aber auch! So klar, so unstrittig, so geil! Rassismus nein danke! Je lauter, umso besser. Politiker, von denen man sich schon lange fragte, ob sie noch im Dienst seien, setzen nun „Zeichen gegen den Rassismus“. Selbst wenn man nicht wie die Kanzlerin einen Pressesprecher eloquent drauflosseibern lassen kann, ist ein öffentliches Wort der Empörung mit allen erdenklichen Imperativen für jeden Politiker Ehrenpflicht!

Um den Brüderle-Reflex auszulösen braucht es also:

  1. Einen imaginären, ewigen Feind, der sich nicht zu Wort meldet und möglichst unsichtbar und ewiggestrig, altbacken und neunzehnhundertschwarzweiss ist,
  2. das erklärte Ziel einer breiten, lagerübergreifenden Bevölkerungsschicht, diesen Feind zu bekämpfen, verbunden mit der Bereitschaft, nicht zimperlich in der Wahl der Mittel zu sein,
  3. ein Streichholz. Nach erfolgreicher Konditionierung genügt das Streichholz.

Wussten die Hohepriester der alten, untergegangenen Kulturen der Ägypter oder der Maya noch, durch ihre Macht eine Sonnenfinsternis zu beenden, müssen unsere Politiker sich andere Feinde suchen, an denen sie sich abarbeiten können um dem Volk zu zeigen, dass sie ihre Arbeitstage auf der Seite des Lichts verbringen. Energiewende, Erderwärmung oder EU eigen sich perfekt für derlei Spiegelfechtereien – schon mangels Erfolgskontrolle und einer Feedbackschleife, die selbst im Fall von Rückschlägen stets mit dem Argument aufwartet „…hätten wir dies oder das aber NICHT gemacht, wäre heute alles noch viel schlimmer“. Auf zählbare Ergebnisse oder „good governance“ kommt es nämlich gar nicht an, solange genug Luft bewegt wird, um Merkels Hosenanzug in Bewegung zu halten. Ähnlich verhält es sich mit dem „Kampf gegen Rassismus“. Man muss schon genau hinhören um zu verstehen, wie die empörten Gauland-Kommentatoren sich selbst als verkappte Rassisten entlarven, indem sie interessante „I-like-Boateng-Halbsätze“ beisteuern: „..obwohl hier geboren…obwohl Christ…“ da schwingt die Vermutung der Angst mit, dass es berechtigter wäre, jemanden als Nachbarn abzulehnen, wenn er nicht hier geboren und kein Christ ist. Jérôme Boatengs Gesicht ist natürlich bekannt in Deutschland und die einzigen wirklichen Belästigungen, denen er hier ausgesetzt ist, sind hoffentlich nervige Selfie- und Autogrammjäger. Aber Hand auf’s Herz, liebe Mitbürger. Wie oft wurden Sie schon Zeuge von Gesprächen der Art „Sie sprechen aber gut deutsch“, wenn ein sichtlich arabisch/persisch/karibisch/schwarz aussehender Kunde im Supermarkt an der Kasse eine Frage stellt? Ist das noch Lob, oder schon Rassismus?

„Es ist zwar schon alles jesacht worden, aber noch nicht von Allen“ – kalauerte einst Adenauer, dem eine Debatte mal wieder zu lang erschien. Semantische Wiederholungen sind heute in künstlich aufgebauschten Debatten leider Standard. Heute geht die Debatte eher entlang des Spruches „Was Meinungsfreiheit und was Volksverhetzung ist, bestimmen die etablierten Parteien“. Wobei man sich im Umgang mit der AfD scheinbar noch immer nicht entscheiden kann, ob man besser gar nicht erst hören will, was sie zu sagen hat (Katholikentag) oder das Gesagte zu oft durch den eigenen Filter des Verständnisses von Meinungsfreiheit laufen zu lassen (FASZ-Interview mit Gauland). Eine unvermeidbare Konsequenz der Meinungsfreiheit ist leider, dass das Recht, Blödsinn zu reden, Verfassungsrang hat. Eine andere ist, dass man sich nicht jeden Blödsinn anhören oder ihn gar glauben muss.

Wäre es eigentlich in Ordnung, Boateng als Nachbarn abzulehnen, wenn er ein mieser Fußballer wäre? Wenn er etwa in ein paar Wochen im EM-Finale gegen Frankreich den entscheidenden Elfmeter versemmeln würde? Wäre man in dem Fall kein Rassist? Würde die FASZ am nächsten Tag über Boatengs Foto titeln „Ein schwarzer Tag für Deutschland“? Hätte der Gauland-Satz auch dann zur Entzündung des Blätterwaldes geführt, wenn ihn Claudia Roth ausgesprochen hätte, oder würden die Auguren ihn in diesem Fall komplett anders deuten?

Übrigens, Herr Gauland, lassen Sie sich eines von jemandem sagen, der nur zu gern selbst Vergleiche verwendet, die die Zuhörer oder Leser für unpassend und unverständlich halten – von mir! Wenn es „Leute“ gibt, die Boateng nicht gern als Nachbarn hätten, dann deshalb, weil der Neid es ihnen nicht gestattet, neben einem erfolgreichen jungen Mann zu leben, der in einem Jahr mehr verdient, als viele „Leute“ in ihrem ganzen Leben und weil der eigene, zehn Jahre alte Jetta einfach Scheiße aussieht, wenn man ihn neben einer neuen S-Klasse parken muss. Zum Glück für Jérôme Boateng regelt Nachbarschaften in Deutschland nicht Herr Gauland oder „die Leute“ die Gauland meint, sondern der Immobilienmarkt. Und das ist auch gut so.

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