Seehofers unterkomplexe Aussage „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ brachte SPON dazu, dem Innen- und Heimatminister die Lektüre eines Buches anzuempfehlen, welches der britische Orientalist Christopher de Bellaigue geschrieben hat: „Die islamische Aufklärung: Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft“. Rezensent Kaspar Heinrich, der Seehofer diese Literaturempfehlung gab, war offensichtlich begeistert von den Erkenntnissen de Bellaigues, welcher anhand zahlreicher Beispiele darlegte, wie ignorant westeuropäische Besucher den Fortschritten des Orients gegenüberstanden. Wo sie nur Stagnation und Verfall sehen wollten, gäbe es tatsächlich Reformation und Aufbruch in die Moderne. So stellt de Bellaiggue gern die Reisebeschreibungen von Orientalisten den Texten von Einheimischen Zeitgenossen gegenüber, die er der islamischen Aufklärung zurechnet.

„Der Unterschied zwischen De Amicis‘ und Sinsasis Behandlung derselben Frage – zwischen dem Bewohner, der die Stadt [Istambul] für seine Zwecke nutzt, und dem Besucher, der sie durch sein Opernglas betrachtet – ist eine beredte Warnung davor, die Aussagen der Orientalisten für bare Münze zu nehmen.“

Das mag stimmen. Da jedoch der Autor Christopher de Bellaigue ebenfalls Orientalist ist, gilt diese Warnung auch für seine Aussagen. Bei allem was er schreibt, scheint er mir doch ein wenig zu viel Kardamom in die Nase bekommen zu haben. Natürlich kann man einem Experten schlecht vorwerfen, dass er sich mit dem Stoff seines Interesses zu sehr gemein macht. Aber wenn er etwa der islamischen Welt nach dem Tod Mohammeds „ein halbes Jahrhundert des Glanzes“ bescheinigt, hat er offenbar auch den Rest objektiver Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung verloren. Fällt doch in diese „Glanzzeit“ der größte Teil der islamischen Expansion und eine Jahrhunderte anhaltende Verdrängung des Christentums aus dem Nahen Osten und Nordafrika. Die Vernichtung des Judentums auf der arabischen Halbinsel hat der Prophet ja noch zu seinen Lebzeiten persönlich in die Hand genommen.

Die „Glanzzeit“ des Islam

635 fiel Damaskus an die Araber, 637 Jerusalem, 640 geriet Kairo und 642 Alexandria unter die Hufe arabischer Heere. Sowohl in Kairo als auch in Alexandria vernichteten die Eroberer die antiken Bibliotheken, was im Nachhinein die zweifellos anzuerkennenden Verdienste arabischer Übersetzer in Andalusien bei der Bewahrung antiken Wissens doch zumindest etwas schmälert. Tripolis wurde 643 erobert und 650 die letzten Gebiete des christlichen Königreichs Armenien überrannt und zwangsislamisiert. Seit 674 kam es immer wieder zu direkten Angriffen der oströmischen Hauptstadt Konstantinopel, auch wenn diese letztlich erst 1453 von den Osmanen erobert werden kann. Ab 703 setzen sich die Araber auf Sizilien fest, welches sie 708 für kurze Zeit vollständig in die Hand bekommen und 711 beginnt die Eroberung der iberischen Halbinsel, die schon nach einem Jahr vollendet ist. Die „Glanzzeit“ bekommt erst vor den Toren von Tours und Portier im Jahr 732 erste Kratzer. Bis zu den Kreuzzügen, in denen de Bellaigue „Zweifel an der Gunst Gottes“ und in der Konsequenz den „Verlust von Originalität und Finesse“ sieht, sind es da noch 367 Jahre. Aber lassen wir das Schlachtenzählen. Wer der Meinung ist, der Konflikt zwischen Orient und Okzident hätte mit den Kreuzzügen begonnen, sieht in der Ausbreitung des Islam ohnehin nur Positives und möchte wie de Bellaigue die „Glanzzeit“ gern in die Unendlichkeit verlängern. Die Behauptung jedoch, es hätte längst eine Reformation im Islam stattgefunden und der Westen sei nur zu borniert, diese zu erkennen und sei vielmehr dafür verantwortlich, dass diese Zeit der „Aufklärung“ nicht angedauert habe, verdient eine genauere Betrachtung.

Die „Erneuerer“ des Islam

Als Kronzeugen führen de Bellaigue und der SPON-Autor Rifaa al-Tahtawi, Namık Kemal oder Mirza Saleh an, die in der Tat kaum jemand im Westen kennt. Ich frage mich nur, wie man auf die Idee kommen kann, die genannten seien Reformer des Islam gewesen. Al-Tahtawi war Ägyptologe und setzte sich dafür ein, das antike Erbe nicht länger als Steinbruch für Moscheen zu verwenden. Die „Weiße Moschee“ in Kairo wurde zum Beispiel mit jenen Kalksteinplatten verkleidet, die vorher die großen Pyramiden schmückten. Kemal war Schriftsteller und Übersetzer und Saleh der wohl erste, der über seine Reise nach Europa in Buchform berichtete. Jeder der genannten ist aller Ehren wert, jedoch hat keiner von ihnen auch nur den Hauch einer Reformation des Islam angestoßen. De Bellaigue unterliegt hier dem systematischen Fehler, das adaptieren und weiterentwickeln von westlichem Wissen und Technologie für eine Reformation zu halten. Die Tatsache, dass Kemal Freimaurer war, deutet vielmehr darauf hin, dass er seine modernen Sichtweisen außerhalb des Islam fand und darin nicht gerade eine Reform desselben erblickte. Entscheidender ist doch, dass es trotz der immer wieder aufleuchtenden Moderne in einigen Köpfen nie zu einem intellektuellen Flächenbrand der Aufklärung gereicht hat. Jede Modernisierung war stets auf Äußerlichkeiten beschränkt, während das „limbische System“ des Glaubens mental stets die Oberhand behielt. Je weiter sich eine Gesellschaft von den Regeln des Islam entfernte, umso stärker zerrte das schlechte religiöse Gewissen an denjenigen, die diesen Weg zwar mitgingen, ihren Glauben selbst aber nie in Frage stellten. Je stärker die Adaption westlicher Werte wie Bildung, technischer Fortschritt oder individuelle Freiheiten wurden, umso stärker wurden die religiösen Gegenbewegungen. Der Hedonismus der Saudischen Führungs-Clique und der dort immer noch vorherrschende Wahhabismus bedingen einander. Das bildungsaffine, fast schon westliche Persien ist mit der denkbar radikalsten Theokratie bestraft. Die Türkei, einst durch Atatürk auf einen Weg der Zwangssäkularisierung geschickt, erlebt heute eine ebenso starke Zwangs-Re-Islamisierung. Und selbst im angeblich so friedlichen Indonesien, dem zahlenmäßig größten islamischen Land, gilt in der Provinz Aceh seit 2001 die Scharia und wurde noch 2012 ein Mann zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er sich auf Facebook als Atheist geoutet hatte.

Das alles passiert meiner Meinung nach nur deshalb, weil all die Reformer und klugen Köpfe, die es in islamischen Ländern selbstverständlich und zu allen Zeiten gegeben hat, zwar für sich selbst einen Weg der Erkenntnis jenseits des Islam finden konnten, diese Erkenntnis jedoch nie zu einer offenen und zeitgemäßen Auseinandersetzung mit der heiligen Kuh des Islam selbst geführt hat: dem Koran. Darin und nur darin liegt das Problem. Deshalb ist es kein Zeichen der Modernisierung oder der Reformation, wenn das Gesicht von Fatma Aliye den türkischen 50 Lire-Schein ziert, ganz gleich, wie bedeutsam sie als Schriftstellerin und Frauenrechtlerin ist. Ein solches Zeichen könnte man erblicken, wenn auf dem iranischen 100 Rial-Schein das Konterfei von Salman Rushdie und der ägyptischen 100 Pfund-Note das von Hamed Abdel-Samad zu sehen wäre.

Es kann also nicht schaden wenn Horst Seehofer ein Buch von Christopher de Bellaigue liest, wichtiger wäre es jedoch, dass eine Milliarde Muslime endlich damit beginnen, ein anderes Buch kritisch zu betrachten – den Koran.

8 Kommentare

  1. Entscheidend ist, was der Masse an Ungebildeten und Gewaltbereiten Muslimen über den Koran mit Scharia und der ebenso wichtigen Hadithe vom Imam übersetzt werden. Indonesier, Türken, Tschechenen u.s.w ist das verstehen der arabische Schrift und Sprache nicht geläufig und sind auf die Auslegung angewiesen. Der Schlüssel ist den Imamen von der gewaltbereiten Geld und Einflussgebern zu trennen.




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  2. Wer die Serie “Raumschiff Enterprise” kennt, hat dort gesehen wie hoch die Multikultur von den Machern gehalten wird.
    Alle, bis auf eine machen neugierig, allem ist was abzugewinnen, stellt eine Bereicherung dar, selbst der trübsinnigste Nebel der durch den Raum wabert.
    Die eine, das sind die “Borg”, die Lebensweise die alles assilimiert. Und deren Farbe ist das islamische Grün.
    Zufall? Oder ein Hinweis der Macher?
    Wohlan…




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  3. Völlig richtig. Ich habe den Koran gelesen und hatte allzu häufig den Eindruck, vordringlich wichtig sind Brutalität allem Nichtislamischen gegenüber, Frauenverachtung, Christen- und Judenhass. Das riecht doch stark nach Ideologie und nicht nach Religion, die doch eher Positives vermittelt (auch dank einiger Reformationen, die der Islam eben nicht kennt oder kennen will). Wer den Islam dennoch für ‘zu Deutschland gehörig’ betrachtet, dem kann ich nur dringend empfehlen, den Koran zu lesen. Unbestritten ist doch, dass er neben der Scharia die beiden Eckpfeiler des Islam darstellt. Beides gehört ganz sicher nicht zu Deutschland, es sei denn, Mittelalterzeiten sollen wieder ‘fröhliche Urständ’ feiern.




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