Als der US-Wahlkampf 2016 immer fahriger und angriff­s­lustiger wurde, schwenke die Presse von Sach­fra­gen auf die moralis­che und gefüh­lige Ebene und ent­deck­te neben den prahlerischen Grab­schge­wohn­heit­en von Trump, dass Hillary im Gegen­satz zu diesem Rübezahl erhe­blich „prä­sidi­a­bler“ sei. Ihre Gesten, ihr sou­veränes Auftreten, ihre weißen Kostüme, …hach, [Herzchen-Smi­ley hier ein­fü­gen]! Ihre Art jedoch, kri­tis­che Fra­gen mit Kopf­schüt­teln und genau der Sorte Lächeln nicht zu beant­worten, das Drei­jährige zu sehen bekom­men, wenn sie zum Mit­tagessen Schoko­lade haben wollen, über­sah man in der Presse geflissentlich. Und wie der Drei­jährige bekommt sie wed­er Schoko­lade noch eine Antwort.

Harris vs. Pence 2020

Eben­so wenig wie die Zuschauer der Debat­te zwis­chen Kamala Har­ris und Mike Pence let­zte Nacht deutsch­er Zeit: Wird eine Biden-Admin­is­tra­tion (sofern sie die Sen­atsmehrheit bekommt) den Supreme Court mit ihr genehmen Richtern fluten? Wer­den die Steuersenkun­gen Trumps wirk­lich rück­gängig gemacht? Wird es ein Frack­ing-Ver­bot geben, von dem Biden mal sagt, dass es kommt und dann wieder, dass es nicht kommt? Wer­den Wash­ing­ton-DC* und Puer­to Rico Bun­desstaat­en, um dem Sen­at weit­ere bomben­fest demokratis­che Sen­a­toren zuzuführen? Keine Antwort, immer nur das Lächeln von Kamala Har­ris, mit leicht zusam­mengeknif­f­e­nen Augen. Es ist fast, als würde sie zie­len, wenn sie die Kam­era sucht und den Zuschauern zu beweisen ver­sucht, dass sie die bessere Hillary Clin­ton sei und dass dem infan­tilen Elek­torat über der­lei Schoko­laden­fra­gen erst nach der Wahl Auskun­ft erteilt werde.

Eine Gou­verneurin als Gou­ver­nante der Nation, die bess­er als jed­er einzelne ihrer Zöglinge weiß, was gut für diese sei und in Sen­at­san­hörun­gen ges­tande­nen Richterkan­di­dat­en Trä­nen der Verzwei­flung in die Augen treiben kann. Was gut für andere ist, wusste Har­ris schon als Gen­er­al­staat­san­wältin in Kali­fornien, als sie Gefan­gene auch nach Ende ihrer Haftzeit einges­per­rt ließ, damit diese weit­er bil­lig für den Staat arbeit­en kon­nten. Verzei­hung, ich meine natür­lich, dass ihr unter­stellte Staat­san­wälte dies tat­en. Die Speku­la­tion über Ross und Reit­er pen­delt noch zwis­chen „sie hat­te den Laden nicht im Griff“ und „sie wollte sich nicht selb­st die Fin­ger schmutzig machen“.

Auf dies­bezügliche Nach­fra­gen bekommt man übri­gens auch nur ein Lächeln und ein san­ftes, beredtes Kopf­schüt­teln, welch­es zu sagen scheint „Was glaub­st du, werde ich mit dir und deinen frechen Fra­gen machen, wenn ich an der Macht bin?“. Die Beliebtheitswerte der Frau, die in den Sen­at­san­hörun­gen genüsslich Kavanaugh am Drehspieß röstete, entsprechen den herb­stlichen Tem­per­a­turen, während man in weit­en demokratis­chen Kreisen vor allem auf die Far­ben schaut und entzückt „alles so schön bunt hier“ ruft.

Eine Fliege als Stimmungsaufheller

Auch nach der Vize-Debat­te 2020 befassen sich deutsche Kom­men­ta­toren wieder vor allem mit der Frage, wer von den bei­den Kon­tra­hen­ten „bel­la Figu­ra“ als Präsi­dent machen würde – was zugegeben­er­maßen angesichts des Alters bei­der Präsi­dentschaft­skan­di­dat­en eine wichtige Frage sein kann. Fast nie­mand fragt jedoch, wer die Debat­te inhaltlich dominiert und wer nur aus­gewichen ist und abge­lenkt hat. Stattdessen geht es um eine Fliege, die sich auf Pence Kopf nieder­ließ. Bei Welt­meis­ter­schaften mit Beteili­gung der „Mannschaft“ nen­nt man sowas üblicher­weise „Tier-Orakel“, hier ist es eine per­fek­te Ablenkung. Har­ris spricht, antwortet aber nicht auf die Frage, …oh, schau da: eine Fliege!

Doch auch die kon­nte nicht wirk­lich vom beredten Lächeln der Kamala Har­ris ablenken. Die Satire­seite Baby­lon­Bee, wie so oft nah an der Real­ität, wenn die Real­ität sich in Rich­tung Satire bewegt, erken­nt denn auch messer­scharf, dass es da etwas an Har­ris gibt, dass die Wäh­ler eher abschreckt als begeis­tert. Ob es nun ihre Stimme oder das Lächeln ist – geschenkt.

Diejeni­gen in den Medi­en, die Biden alle Dau­men drück­en, wollen in Har­ris die intel­li­gente, erfol­gre­iche PoC sehen, eine Frau, die Opfer von Ras­sis­mus ist, aber ihren Weg geht und Biden die Wäh­ler der Black Com­mu­ni­ty in Scharen zutreibt. Das kann man so sehen, doch kön­nte man sich dabei auch täuschen. Die Black Com­mu­ni­ty war immer Bidens Ter­rain, da kann Har­ris nicht helfen. Auch was das Tal­ent ange­ht, Zugänglichkeit auszus­trahlen oder zumin­d­est Ver­trauen durch eine gewisse Harm­losigkeit einzu­flößen, kann Har­ris nichts zu Biden hinzufügen.

Nichts an Har­ris wirkt harm­los, selb­st dann, wenn sie es ver­sucht. Sie wirkt dann nur noch alert­er, ja, ger­adezu her­ablassend und kommt ihrem Vor­bild Hillary Clin­ton so nur noch näher. Diese Ähn­lichkeit kann Biden in allen Wäh­ler­grup­pen schaden. Nach der Debat­te let­zte Nacht sehen wom­öglich weit­ere Wäh­ler, dass da eine bis in die Gesten, Nicht-Antworten und auch Nicht-Ver­ant­wor­tung Hillary ähn­liche Kan­di­datin stand. Angriff­s­lustig, ja. Aber auch über­he­blich. Ehrgeizig, gewiss. Aber auch machthun­grig. Eine Poli­tik­erin, die das angestrebte Amt eher als ihre recht­mäßige Beute und weniger als tem­poräre Bürde betra­chtet – in diesem Punkt ist sie Trump vielle­icht ähn­lich­er, als sie selb­st, die Biden-Fans und auch die Trump-Fans sich je eingeste­hen würden.

Zumin­d­est zeigt sich die Strate­gie der Demokrat­en immer offen­er, die frei nach Hengameh Yaghoob­i­farahs KaDeWe-Slo­gan „Allen alles“ wahl­los Ver­sprechun­gen in alle Rich­tun­gen machen: den Öl-Arbeit­ern das Frack­ing und den Kli­maret­tern den „Green New Deal“ ver­sprechen, hier „Defund The Police“ rufen und dort „Cop­mala“ Har­ris zur Vize-Kan­di­datin macht­en. Die ein­er­seits sehr vor­sichtig gewalt­tätige Proteste ablehnen, aber ander­er­seits die Kau­tio­nen der inhaftierten Gewalt­täter bezahlen und auf jede Frage nur eine einzige Antwort haben: Bloß keine Antwort geben und Ceterum censeo „Orange Man Bad“.

Nach dieser Vize-Debat­te kön­nte das Lächeln von Kamala Har­ris nicht nur eini­gen ehe­ma­li­gen Häftlin­gen in Kali­fornien, son­dern auch den Clin­ton-Has­sern auf allen Seit­en des poli­tis­chen Spek­trums unan­genehme Schauer der Erin­nerung über die Rück­en gejagt haben. [hier ein Grusel-Dich-Smi­ley einfügen]

* Der Stim­man­teil der Demokrat­en in der Haupt­stadt, also dort, wo Bürokratie und Estab­lish­ment Heimat und Haus­macht haben, wird derzeit mit etwa 90% prog­nos­tiziert. Seit Jahrzehn­ten sind die Werte ähn­lich hoch. Ja, so demokratisch geht es dort im Wortsinn zu. Das sollte man im Hin­terkopf behal­ten, wenn von der „Trump-Admin­is­tra­tion“ und davon die Rede ist, warum Trumps „You’re fired“-Personalkarussell sich lange beson­ders schnell drehte oder die Frage im Raum ste­ht, welche Partei auf Bun­de­sebene die Ressourcen für einen „Putsch“ aufbrächte.

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7 Kommentare

  1. Früher dachte ich ja, dass sich ide­ol­o­gis­ch­er Fanatismus und charak­ter­los­er Oppor­tunis­mus wech­sel­seit­ig auss­chließen. Heute weiß ich es besser. 

    - Ist Har­ris für oder gegen Fracking?
    — Ist Merkel für oder gegen Multikulti?
    — Ist Hillary Clin­ton für oder gegen Homoehe?
    — Ist Peter Alt­meier für oder gegen die Marktwirtschaft?
    — Ist Julia Klöck­n­er für oder gegen „tra­di­tionelle“ Landwirtschaft?

    Die Antwort auf all diese Fra­gen lautet „ja, mit Voll­dampf“. Das sind die gefährlich­sten Leute überhaupt.

  2. Frau Har­ris schnitt in den Vor­wahlen in ihrem eige­nen Wahlkreis so katas­trophal ab, daß sie nicht mehr ver­mit­tel­bar war. @Aurorula: Was Biden bet­rifft, bin ich nicht sich­er, aber Trump ste­ht sehr wohl zur Wahl. Und wird, falls er gewählt wird, auch vier Jahre voll machen. Er ist ein­fach ein altes unver­wüstlich­es Schlachtroß.

  3. Man sollte nicht vergessen, daß Kamala Har­ris ihre Kar­riere mit einem Organ begann, über das nur Frauen, par­don, Men­schen, die men­stru­ieren, ver­fü­gen. Das sagt eigentlich alles über den Charak­ter dieser Person.

  4. Tja, da haben wir die Qual der Wahl. Der kon­ser­v­a­tive Trump sagt, was er denkt, ist direkt süß und niedlich, wenn er sich als „euer Liebling­spräsi­dent ist wieder da“ zurück meldet und redet anson­sten viel shit und seine wirk­liche Geg­ner­in, Har­ris, ist eine grin­sende Gift­nudel, die niemals die Abgründe
    ihrer Seele öff­nen, aber gerne mal den Knopf vom Bomben­schacht drück­en würde.
    Ich glaube, die Gefüh­le entschei­den die Wahl.

    • Einzig entschei­den­des Kri­teri­um dieser Wahl, wenn schon Gefüh­le!, sollte die Fest­stel­lung sein, welch­er Kan­di­dat Sinn für Humor hat. Ach; damit ist die Entschei­dung ja müh­e­los gefallen.

      • Wenn ich kön­nte, würde ich ja Pence wählen — was nicht geht, weil ich selb­st wenn der denn zur Wahl stünde nicht Amerikan­er bin. Mist.
        Wom­it sich dann aber doch mehrere Fra­gen auftun:
        Warum nominiert die demokratis­che Partei nicht direkt Har­ris, wenn sie denn der „eigentliche“ Kan­di­dat ist? Und wozu sind eigentlich Debat­ten zwis­chen Kan­di­dat­en gut, die bei­de „eigentlich“ gar nicht zur Wahl stehen?
        Und „uneigentlich“? Hmm.

        • Nun ein Grund Har­ris nicht direkt aufzustellen, dürfte sein, dass die Dems sich sel­ber nicht sich­er sind ob sie die Wahl gewin­nen wer­den. Soll­ten sie, erwart­bar, ver­lieren, wäre Har­ris ver­bran­nt. So jedoch kann man rel­a­tiv entspan­nt in die Wahl gehen, weil eine Nieder­lage Bidens verkraft­bar­er ist (er würde eine zweite Amt­szeit wohl eh nicht erleben). In 4 Jahren dürfte Trump sowieso nicht mehr antreten und man kann mit ein­er erfahre­nen Har­ris gegen einen neuen Kan­di­dat­en der Reps antreten.

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