merkelBerlin, Bun­des­pres­se­kon­fe­renz, 28.7.2016:
Blauer Blazer, blaue Hals­kette. Wenn Merkel jetzt noch anfinge, sich die Haare blau zu tönen, könnte sie vor dem Blau der Wände der Bun­des­pres­se­kon­fe­renz wie die Grin­se­katze aus „Alice im Wun­der­land” ver­schwin­den und nur ihr Lächeln würde noch eine Weile zu sehen sein und ihre Stimme zu hören. Unsicht­bar werden, eine Eigen­schaft, die ich Frau Merkel von Herzen gönne. Das Blau war ein Anfang.

Wann immer etwas Bedeu­ten­des geschieht, braucht es eine Zahl dabei. Die glor­rei­chen Sieben, Drei Hasel­nüsse für Aschen­brö­del, die Zehn Gebote…nun also ist ein Neun-Punkte-Plan ver­kün­det. Wir ver­stär­ken dies, wir ver­bes­sern das, wir bauen aus, wir hören uns selbst beim Reden zu und hoffen. Hoffen ist immer gut. Und schaf­fen natür­lich! Mit „wir” und „das”. Es wird genau dieser Satz sein, der einst auf Angela Merkels Grab­stein stehen wird, jede Wette.

Dabei ist gestern auf dieser mit­tel­wich­ti­gen Pres­se­kon­fe­renz etwas Bedeu­ten­des gesche­hen, von dem die meisten Zuschauer, die Kor­re­spon­den­ten und die bie­nen­flei­ßig repi­tie­ren­den Medi­en­pro­fis Gar­nichts mit­be­kom­men haben. Nichts davon in der Tages­schau, nichts zu sehen auch in „heute“. Sie hat einen Plan – das war die Haupt­mel­dung des Tages. Sie hatte bisher keinen, stand zwi­schen den Zeilen.

Die DWN (deut­sche Wirt­schafts­nach­rich­ten) waren eine der wenigen Quellen, die Zeuge dieses Wunders wurden. Ich hatte also doch kein Fieber, die Kanz­le­rin sagte es wirk­lich: Exper­ten sind unter­wegs, einen Schaden zu beheben, den es eigent­lich gar nicht geben darf. McK­in­sey kommt!

Warum holt die Kanz­le­rin sich aus­ge­rech­net Exper­tise von McK­in­sey ins Haus, wenn der Satz „Wir schaf­fen das“ noch Gül­tig­keit hat? Wenn McK­in­sey anrückt, dann nur, weil man etwas so ganz und gar nicht mehr auf die Reihe bekommt. Warum holt sich die Kanz­le­rin, die seit Monaten immer und immer wieder erklärt, sie hätte nichts falsch gemacht, offi­zi­ell exter­nen Sach­ver­stand und prahlt damit auch noch in der Bun­des­pres­se­kon­fe­renz? Nicht dass ich hier falsch ver­stan­den werde: Ich habe absolut nicht gegen Exper­ten­wis­sen! Ich halte es aber für not­wen­dig und geboten, dass die geballte Kraft von Innen-, Außen-, Justiz-, Finanz-, Wirt­schafts-, Bildung- und Kanz­ler­amts­mi­nis­te­ri­ums gemein­sam in der Lage sein sollten, diese Krise zu bewäl­ti­gen! Wenn dazu exter­nes Wissen gebraucht wird, bitte. Merkels Bot­schaft heute lautete jeden­falls „wir haben es nicht geschafft, wir brau­chen Hilfe von Exper­ten”. Mir ist nicht wohl dabei, dass am Ende dieser Exper­tise etwas steht, ein Gesetz viel­leicht, auf dem nicht ein „Made by Bun­des­tag“ sondern „Prä­sen­tiert von McK­in­sey“ glit­zert. Und was pas­siert, wenn nichts glit­zert? Tritt die Kanz­le­rin dann einen Schritt zur Seite, um das Schuss­feld auf die Exper­ten frei zu geben, auf die sie sich ver­las­sen hat?

Die glorreichen Zehn

Da sind sie nun also unter­wegs ins Kanz­le­rin­nenamt, die Phalanx aus zehn tap­fe­ren McK­in­sey­ia­nern, um sich an den Ther­mo­phy­len der Flut aus asyl­su­chen­den Pers… ähm Syrern zu stellen. Sie tun es frei­wil­lig, sie tun es gern. Zu ihren Füßen liegen im Staub die aus­ge­lutsch­ten zehn­tau­sen­den Beamten, Ange­stell­ten und Frei­wil­li­gen aus Bund, Ländern und Kom­mu­nen, die es ein Jahr lang nicht ver­moch­ten, die „Koali­tion der For­dern­den“ und die „Koali­tion der Will­kom­men­den“ auf­zu­hal­ten.

Mal ehrlich, wenn das gut geht, kann das der Anfang einer großen Welle der Pri­va­ti­sie­rung staat­li­cher Auf­ga­ben gewesen sein! Zehn Super­män­ner werden die Bun­des­re­pu­blik in sechs Wochen retten. Noch dazu unent­gelt­lich! Man stelle sich das Poten­zial vor, wenn wir die Bun­des­re­gie­rung gene­rell an Exper­ten expe­die­ren, die wirk­lich was davon ver­ste­hen!

Lasst uns Outsourcen!

McK­in­sey bekommt ja das Kanz­ler­amt, das scheint beschlos­sene Sache zu sein. Das Innen­mi­nis­te­rium geht natür­lich an Google, die wissen sowieso schon alles über jeden. Google Street­View wird unsere neue Polizei. Das Jus­tiz­mi­nis­te­rium über­ge­ben wir an DITIP, die befra­gen ihren großen Guru in Ankara und der ent­schei­det, wer die Guten und die Bösen sind, das ent­las­tet auch die deut­schen Gerichte erheb­lich und beschleu­nigt die Ver­fah­ren. Das Sozi­al­mi­nis­te­rium über­nimmt Amazon, dann gibt es in Deutsch­land einen flä­chen­de­cken­den Min­dest­lohn nach dem Vorbild der Logis­tik­bran­che. Umwelt und Ver­brau­cher? Klar, Volks­wa­gen! Das Wirt­schafts­mi­nis­te­rium über­nimmt Siemens Wind­ener­gie, die dann den alten Spruch „Räder müssen sich drehen für den Sieg“ neu inter­pre­tie­ren werden. Die Bahn über­nimmt das Ver­kehrs­mi­nis­te­rium und beginnt sofort mit der Rena­tu­rie­rung von A1, A2, A7 und A9. Das Finanz­mi­nis­te­rium geben wir natür­lich keiner Bank! Wir müssen auf alles vor­be­rei­tet sein und wenn die EZB den Euro weiter in die Seife reitet, ist es gut, breit und wäh­rungs­un­ab­hän­gig auf­ge­stellt zu sein. Also geben wir das Finanz­mi­nis­te­rium an PayPal. Das Bil­dungs­mi­nis­te­rium über­nimmt der SPIEGEL, der berei­tet sich mit seinem Ableger bento schon seit einer Weile auf die neuen ABC-Schüt­zen vor. Unsere Uschi über­gibt die Schlüs­sel des Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums an Heckler & Koch, das Außen­mi­nis­te­rium über­nimmt die Luft­hansa. Für das Fami­li­en­mi­nis­te­rium gibt es auch längst einen Kan­di­da­ten! IKEA bietet deshalb bereits seit langem kos­ten­lose Kin­der­be­treu­ung im „Small-Land“ an. Die Exper­tise all dieser Firmen ist unum­strit­ten!

An der Exper­tise der Kanz­le­rin zwei­felt mitt­ler­weile sogar sie selbst.

Ergänzung: Alter Wein in neuen Schläuchen

Der Link zur Meldung beim DWN ist ein alter Hut! Gestern leider der einzige Hinweis, den für die Zusam­men­ar­beit mit McK­in­sey finden konnte. Frau Merkel hat wohl auf ihrer Pres­se­kon­fe­renz einen alten Hut hervor geholt, den Staub weg­ge­bla­sen und erneut ins Licht gehal­ten. Wer’s nicht glauben kann…hier der Link zum unge­schnit­te­nen Video der Pres­se­kon­fe­renz, unter Punkt 9 (Rück­füh­rung) wird es inter­es­sant, da kommt auch McK­in­sey ins Spiel. Im Video etwa ab Minute 14. Das bedeu­tet leider, dass ich mein vor­ei­li­ges Lob auf den DWN zurück­zie­hen muss.

https://​www​.face​book​.com/​t​a​g​e​s​s​c​h​a​u​/​v​i​d​e​o​s​/​1​0​1​5​4​3​9​4​8​6​1​2​3​9​4​07/

Ich frage mich aller­dings, warum es heute nir­gends im deut­schen Blät­ter­wald rauscht, wenn Merkel ihre eigene Regie­rung für ratlos erklärt hat. Kann es sein, dass alle Jour­na­lis­ten spä­tes­tens bei Minute 10 im Tief­schlaf waren, die Aussage aber erst bei Minute 14 kam?

2 Kommentare

  1. Inzwi­schen halte selbst ich es für möglich, dass jede, aber auch jede Ent­schei­dung der Merkel aus emo­tio­na­len Gründen erfolgt ist, dabei zufäl­lig irgend­ei­nem Muster ent­sprach, die die Medien als machia­vel­li­sche Macht­spiele aus­leg­ten, aber in Wirk­lich­keit aus­schließ­lich dem Zufall und vor allem auf gar keinem Fall irgend­wel­chem Denken zu ver­dan­ken ist/sind (ich habe den gram­ma­ti­ka­li­schen Über­blick ver­lo­ren und bin müde).

  2. Im Alter soll man sich wieder an die Ideale der Jugend annä­hern. Es kann kein Zufall sein, dass Frau Merkel im FDJ Look auf­ge­trten ist, auch ihre Sprache verrät sie und die Inhalts­lo­sig­keit ihrer Sprache.
    Grin­se­katze ist auch gut – bei uns wird sie Herz­kö­ni­gin genannt.

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