Hash­tags erzählen keine Geschichte, sie erk­lären nichts. Hash­tags sind Verkürzun­gen und zugle­ich Scheit­er­haufen, auf die jed­er sein Hölzchen wer­fen darf, solange es nur gut bren­nt. Hash­tags betreiben die Fast­foo­d­isierung der poli­tis­chen Debat­te. Denn dif­feren­zieren kann man nicht, wenn man nur bren­nende Holzscheite wirft. Der Hash­tag „Wirsind­mehr“, der als Abwehrza­uber ver­meintlich­er „Het­z­jag­den“ in Chem­nitz benutzt wurde und in einem Gratiskonz­ert gipfelte, bei dem man „für einen guten Zweck“ den Mord an Daniel H. instru­men­tal­isierte, ist der per­fek­te Anlass, kurz inne zu hal­ten und zu schauen, ob wir uns wirk­lich in eine gute Rich­tung bewegen.

(Der an dieser Stelle ver­link­te Tweed wurde wie der gesamte Twit­ter-Account des Users gemutet. Das ist auch bess­er so. Wer das nicht gele­sen hat, hat nichts ver­passt. Deshalb werde ich auch auf die Darstel­lung eines Screen­prints verzichten.)

Ich bin mir ziem­lich sich­er, dass nie­mand unter den Konz­ertbe­such­ern auf die Idee kam, sich Gedanken über die tief­ere Bedeu­tung dieses „Wir sind mehr“ zu machen. Doch dieser Satz, der etwas aus­führlich­er ja heißen will „Wir sind mehr als ihr, deshalb sagen wir, wo es lang geht, was richtig und was falsch ist“ gren­zt aus und zieht eine scharfe Lin­ie zwis­chen „Uns“ und „Denen“. Hier find­et eine Exkom­mu­nika­tion von Mei­n­ung statt – und zwar durch aus­gerech­net jene Men­schen, die sich mit großer Vehe­menz gegen Aus­gren­zung, Diskri­m­inierung oder Ras­sis­men gefühlter oder tat­säch­lich­er Art ein­set­zen. „Wirsind­mehr“ ist das hash­tagge­wor­dene Mehrheit­sprinzip, nicht Aus­druck von Demokratie oder deren Vertei­di­gung, wie behauptet wird, son­dern Aus­druck von Grup­pen­dy­namik und Schwarmverhalten.

„Wirsind­mehr“ ist das Prinzip, mit dem man auch eine Grup­pen­verge­wal­ti­gung recht­fer­ti­gen kön­nte. Mit „Wirsind­mehr“ lässt sich auch ein Anspruch von ein­er Mil­liarde afrikanis­ch­er Glob­al­isierungsver­lier­er auf Leis­tun­gen des deutschen Sozial­staats gegenüber 80 Mil­lio­nen Deutschen begrün­den. Erdo­gan wan­delte die demokratisch ver­fasste Türkei mit „Wirsind­mehr“ in ein autokratis­ches Sys­tem um. Demokratie geht sich­er anders. Demokratie bedeutet, dass keine Mehrheit sich an den ver­brieften Recht­en aller ver­greift, auch nicht an den Recht­en der­er, die sich nicht zur Mehrheit rech­nen. Dieses Prinzip gerät vol­lkom­men aus dem Blick der Öffentlichkeit und der Poli­tik. „Wirsind­mehr“ ist, was im Kopf des Min­is­ter­präsi­den­ten von Schleswig-Hol­stein vorge­ht, wenn er laut über Koali­tio­nen mit den Linken nach­denkt. Richtig ist für ihn, was ihm eine Mehrheit und damit den Machter­halt sichert, poli­tis­che Prinzip­i­en zählen da nicht.

Unter der Losung „Wirsind­mehr“ gäbe es in Fam­i­lien mit drei Kindern zum Mit­tag nur noch Gum­mibärchen und Limon­ade, es lassen sich unter diesem Slo­gan aber auch Bücherver­bren­nun­gen recht­fer­ti­gen, Autoren erpressen, Kred­itrück­zahlun­gen ein­stellen, Enteig­nun­gen vornehmen oder Gedanken ver­bi­eten. Vielle­icht wäre genau jet­zt der Zeit­punkt gekom­men, ern­sthaft darüber nachzu­denken, ob man das Prinzip der Frei­heit und des Rechts wirk­lich dem Mehrheit­sprinzip opfern sollte. Denn wenn in 50 oder 100 Jahren unter der „Wirsindmehr“-Fahne die Ein­führung der Scharia in Deutsch­land gefordert wer­den sollte, ließe sich die Inten­tion eines Hash­tags aus dem Jahr 2018 nicht mehr ändern.

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14 Kommentare

  1. Witziger­weise ist der oben ver­link­te Twit­ter­er ein recht­shämisch-nieswurziger Zeitgenosse.
    #wirsind­mehr… Vor allem mehr informiert.

  2. #wirsind­mehr bis wir nicht mehr sind.
    Ich bin froh, dass sich in Deutsch­land die Stim­men ver­mehren, die diese Gefahr endlich erken­nen. Demokrakie kann eben nur in ein­er Gesellschaft funk­tion­ieren, in der die Einzel­nen dazu fae­hig sind die Rechte Ander­er zu respek­tieren. Wenn eine Mehrheit entste­ht, die gewil­lt ist Anderen ihre Rechte abzus­prechen um mehr fuer sich sel­ber her­auszuschla­gen, dann ist das das Ende ein­er funk­tion­ieren­den Demokratie.
    Ein Mann namens Adolf hat das per­fekt auszunutzen gewusst, indem er die Gesellschaft in WIR und DIE ANDEREN teilte. Als WIR als Mehrheit stark genug waren, zer­sto­erte er DIE ANDEREN (nein, nicht nur Juden). Ein­er in der Tuerkei namens Rajib macht es ihm in diesen Jahren nach.

  3. „Wirsind­mehr“

    Mann, was sind das geschmack­lose Scheißer! Seit dem 26. August gibt es in Chem­nitz eine Fam­i­lie, die sagen muss: Wir sind weniger.

  4. Guten Abend Herr Letsch,

    das haben Sie sehr schön beschrieben. Dieses „wir sind mehr“ hat in etwa das Niveau ein­er Auseinan­der­set­zung von Men­schen im Sand­kas­tenal­ter, denen die Argu­mente aus­ge­hen. In der Aufzäh­lung fehlt eigentlich nur noch der #Herzs­tattHet­ze. Wobei ich auch da den Ein­druck habe, dass der Hash­tag vor allem von Leuten propagiert wird, die von Herzen gerne Hetzen.

  5. Die Made im Apfel zu find­en ist ja bei Ihnen auch eher mit Lust­gewinn ver­bun­den. Macht nichts. Passt schon.
    Der Zweifel ist eine Tugend. Nach meinem kolos­salen Daneben­liegen in der Sache Trump
    (schon wegen Melanie wird er nicht Präsi­dent, nie­mand will Melanie ern­sthaft als First Lady haben)
    beschloss ich meine Blase doch geziel­ter zu ver­lassen. Dabei bin ich sein­erzeit über die Achse auf ihren Blog gestoßen. Sie reiben an meinen Gedanken und das tut gut. Manch­mal empfinde ich ihre Gedanken sog­ar als unge­wollt lustig. So wie bei diesem Artikel.
    Ihre Vorurteile ins linke Spek­trum sind den meinen bei der kon­ser­v­a­tiv­en Denkweise recht ähn­lich und sie wer­den gepflegt. Ihre Sach­lichkeit ist beruhi­gend, ihr reich­haltiges Hin­ter­grund­wis­sen lässt immer gute Vor­bere­itung erken­nen. Im Ganzen feine Lek­türe, immer wieder. Mal Danke dafür. Das eine lib­erale Gesin­nung derzeit fast für eine radikale Denkweise gehal­ten wird, liegt u.a. sich­er auch daran das jed­er Furz zum Sturm erhoben wird.
    Meine Güte, lassen sie die Kinder doch spielen.
    Und #wirsind­mehr hört sich ja erst ein­mal, und vor allem mit dem glühen­den Herzen der Jugend, ganz schmis­sig an. Wer nicht schon alles “We are Legion” benutzt hat. Von Nerd­kriegern über Burschen­schaften bis hin zu Ego Shoot­er Clans im Inter­net. Die Masse macht stark. Ich halte es da mit Ger­hardt Polt: “Bei uns wird doch kein Men­sch gezwun­gen eine Min­der­heit zu sein. Jed­er hat doch das Recht sich ein­er Mehrheit anzuschließen ….……und sich anständig zu benehmen.
    Dann braucht er sich auch von kein­er Min­der­heit majorisieren lassen.”

  6. Neun von zehn Men­schen haben Spaß an ein­er Grup­pen­verge­wal­ti­gung. #Legal­izeIt­Be­causeW­er­e­More

    „Demokratie geht sich­er anders. Demokratie bedeutet, dass keine Mehrheit sich an den ver­brieften Recht­en aller ver­greift, auch nicht an den Recht­en der­er, die sich nicht zur Mehrheit rechnen.“

    Was genau ist eigentlich eine „Demokratie“, beziehungsweise „Demokratisch“? Ist der Unter­schied zwis­chen ein­er Demokratie und den anderen poli­tis­chen Sys­te­men nicht, dass in ein­er Demokratie anhand ein­er Mehrheitswahl die Poli­tik, oder zumin­d­est die Herrsch­er, legit­imisiert wer­den, während diese Legit­imisierung in anderen Sys­te­men mit­tels ander­er Mech­a­nis­men erfol­gt? Dik­ta­toren haben ihre Macht­po­si­tion, weil sie ihre Macht­po­si­tion ein­mal auf irgen­deinem Weg ihre Posi­tion im Sys­tem erlangt haben, Könige haben ihre Macht, weil Gott das so sagt, und auf­grund der all­ge­mein anerkan­nten Erb­folge, Aris­tokrat­en haben ihre Macht auf­grund irgendwelch­er all­ge­mein anerkan­nter Leis­tun­gen, die sie zu ihrer Posi­tion beson­ders befähi­gen, War­lords haben sie, weil sie die Mit­tel zur Durch­set­zung ihrer Macht haben… Und Demokratis­che Herrsch­er haben sie, weil sie gewählt wur­den. Was haben Bürg­er­rechte — also gegen das Wahlvolk und seine Repräsen­tan­ten gerichtete Abwehrrechte — mit Demokratie zu tun? Je weniger davon man hat, desto demokratis­ch­er ists. 

    Du wirst sicher­lich behaupten, dass das zeit­genös­sis­che Venezuela, bzw Südafri­ka, nicht „demokratisch“ sind. Aber anhand welch­er objek­tiv­er Kri­te­rien machst Du das fest? Bei­des sind keine Dik­taturen, son­dern deren Herrschaft­skaste wurde gewählt. Wenn ich rat­en soll, haben die beim Wahlkampf auch vorgestellt, wie ihre Poli­tik aussieht, falls sie an die Macht gelan­gen, weshalb auch deren Poli­tik gewählt ist. Bei­de haben eine Ver­fas­sung, bei­de erken­nen die Men­schen­rechte an. Bei­de haben ein Rechtswe­sen, klar definierte Grun­drechte, und so weiter. 

    „Viel­leicht wäre genau jet­zt der Zeit­punkt gekom­men, ernst­haft darüber nach­zu­den­ken, ob man das Prinzip der Frei­heit und des Rechts wirk­lich dem Mehr­heits­prin­zip opfern sollte.“

    Du Ver­fas­sungs­feind. Welche undemokratis­chen Mit­tel schlägst Du denn vor? Das Ignori­eren des Mehrheitsin­ter­ess­es? Das wird doch schon lange prak­tiziert. Deut­lich mehr als 50% der Bevölkerung sind laut Umfra­gen gegen Massenein­wan­derung aus mus­lim­is­chen Län­dern. Oder vielle­icht möcht­est Du der Mehrheit ver­bi­eten, ihre Inter­essen laut­stark pub­lik zu machen? Möglicher­weise mit sowas wie einem Net­zw­erk­durch­set­zungs­ge­setz? Oder, ganz klas­sisch, mit ein­er Pletho­ra an Belei­di­gungs- Redebeschränkungs- und (Impressums-)Pflicht-Paragraphen, die die Schwelle rechtlich unan­greif­bar­er Pub­lika­tion so sehr erhöht, dass kaum noch jemand pub­liziert, weil die Rechtssicher­heit auf­grund der Kom­plex­ität der Recht­slage fehlt, und der öffentliche Diskurs dadurch ein­er­seits stark an Qual­ität ver­liert, und ander­er­seits von ein­er Min­der­heit mit den notwendi­gen Ressourcen, und der Staat­snähe, ges­teuert wer­den kann? Oder vielle­icht durch den verpflich­t­en­den Besuch in Erziehungsanstal­ten, die der nach­fol­gen­den Gen­er­a­tion die richti­gen Werte und Ver­hal­tensweisen ver­mit­telt, damit sie, in der von der Poli­tik gewün­scht­en Welt, genau so funk­tion­iert, wie man es gerne hätte? Also einen Bil­dungsauf­trag, oder auch gle­ich eine HJ und einen BDM? Oder durch öffentliche Pro­pa­gan­dav­er­anstal­tun­gen wie das beschriebene Konz­ert, staatlich finanzierte Medi­en­anstal­ten, und der­gle­ichen, die den Diskurs in Rich­tung eines Jubelperser­tums ver­schieben? Ich nehme mal an, dass Du eine gute Vorstel­lung davon hast, wie solche Maß­nah­men schmeck­en, und zu welch „her­vor­ra­gen­den“ Ergeb­nis­sen sie führen. 

    Ich glaube, das Prob­lem ist nicht mit den Mit­teln der Poli­tik zu lösen, son­dern das Prob­lem „Poli­tik“ an sich, beziehungsweise unser Staat. Er ist ein­fach zu groß, und hat zu viel Macht, und es fehlt ein Mech­a­nis­mus, der ihn diszi­plin­iert, sollte es zu Fehlen­twick­lun­gen kom­men. Dass Wahlen — also Demokratie — dafür ungeeignet sind, zeigt das Beispiel von Südafri­ka. Oder das Beispiel, das 1933 in Sch­land gewählt wurde. 

    Dass Ver­fas­sun­gen allerd­ings auch nicht aus­re­ichen, weil let­ztenen­des diejeni­gen, die sie inter­pretieren, bes­tim­men, wie sie angewen­det wer­den, ist offen­sichtlich. Wenn Du mal ein Paar wirk­lich haarsträubende Inter­pre­ta­tio­nen eines ver­fas­sungs­geben­den Doku­ments sehen willst, mit denen dessen Wort­laut ins genaue Gegen­teil verkehrt wird, dann beschäftige Dich mal mit jüdis­chem Recht oder islamis­chem Fiqh-Recht. Die Argu­men­ta­tio­nen, mit denen die im Lauf der Jahrhun­derte ihre ganzen sehr expliziten Tötungs­be­fehle aus der Welt zu schaf­fen ver­sucht­en, sind lustig, so grotesk sind sie. Daran lässt sich gut erken­nen, wie wenig Gewicht der Wort­laut und Inhalt ein­er Ver­fas­sung hat, sobald man auch nur Inter­pre­ta­tio­nen zulässt. Die jüdis­chen und islamis­chen Rechts­gelehrten waren nicht dumm, und die wid­me­ten ihr gesamtes Leben dem Studi­um ihrer heili­gen Schriften, die, neben­bei bemerkt, viel bekan­nter waren, und ein viel höheres Anse­hen genossen, als das Grundge­setz. Die gesamte Bevölkerung wurde ja von klein auf über den Inhalt der heili­gen Schriften unter­richtet. Die Rechts­gelehrten gin­gen eben­falls davon aus, dass Gott sie in die Hölle wirft, und es bestand für sie die real­is­tis­che Chance, dass ihre gesamte Gemein­schaft auf grausam­ste Weise von Gott ver­nichtet wer­den wird, soll­ten sie es falsch ausle­gen, und die Gemein­schaft sich deshalb von Gott abwen­det. Deren Anreize zur kor­rek­ten Ausle­gung ihrer Schriften war viel höher, als die Anreize eines Ver­fas­sungsrichters. Ich würde auch behaupten, dass es in der islamis­chen Welt mehr Stellen gab, die, zum Beispiel mit­tels Fat­was, eine fehler­hafte Ausle­gung angreifen kon­nten, falls die offiziellen Schrift­gelehrten etwas falsch inter­pretiert hat­ten. Aus diesen Grün­den würde ich erwarten, dass deren Ausle­gungsqual­ität höher ist, als die Qual­ität der Ausle­gung von Partei­juris­ten. Um etwas anderes anzunehmen, braucht man schon wirk­lich gute Gründe, und #Its­the­cur­ren­tyear reicht nicht aus, um zu begrün­den, weshalb der Wort­laut des Grundge­set­zes nach sein­er Ausle­gung und Imple­men­tierung langfristig eine größere Rolle spie­len sollte, als der Wort­lauf des Korans und der Hadithen, als diese zur Ableitung gel­tenden Rechts herange­zo­gen wur­den. Und natür­lich, dass es zu keinen unbe­ab­sichtigten Imp­lika­tio­nen kommt. Wie bere­its gesagt, es ist grotesk lustig anzuse­hen, mit welchen Begrün­dun­gen die den Wort­lauf von Gottes Wort ins Gegen­teil verkehrten, wenn er ihnen nicht passte, und der Wort­laut Gottes hat­te für diese Men­schen ein höheres Gewicht, als der Wort­laut des Grundge­set­zes heute hat, und deren Meth­o­d­en­lehre war auch nicht schlechter, als das biss­chen Aus­sagen­logik, das ein Ver­fas­sungsrichter zur Ver­fü­gung hat.

    Man kann nicht anhand abstrak­ter Mech­a­nis­men steuern, wie sich ein Staat entwick­elt. Egal, ob mans über göt­tliche Author­ität ange­ht, oder einen manip­ulier­baren Zufall­szahlen­gener­a­tor, wie Wahlen, ver­sucht, oder ob man mit den besten Absicht­en herange­ht, wie die Linken es tun, oder mit eis­er­nen Regeln, wie die Verfassungstreuen. 

    Sehe ich etwas falsch? Ich meine, sofern Du die derzeit­i­gen Insti­tu­tio­nen beibehal­ten willst, und erwartest, dass zum Beispiel der Wort­laut des Grundge­set­zes seine Gel­tung behält, brauchst Du erstens einen Grund zu der Annahme, dass der Geset­zge­ber ein­er­seits nach prak­tis­chen Gesicht­spunk­ten all­wis­send ist, weil er entwed­er nach ewig gülti­gen Prinzip­i­en han­deln, oder in die Zukun­ft blick­en kön­nen muss, und dieser Wort­laut, zweit­ens, nicht durch Inter­pre­ta­tion ins Gegen­teil verkehrt wer­den wird, weil diejeni­gen, die inter­pretieren, auf diesem Weg let­ztlich ihre eige­nen Inter­essen durch­set­zen. Wenn Du es hinge­gen lieber demokratisch haben willst, also das Grundge­setz dem Willen des Volkes unter­wor­fen sein soll, brauchst Du einen Mech­a­nis­mus, der sich­er­stellt, dass die 9/10, die an ein­er Grup­pen­verge­wal­ti­gung Spaß haben, zwar ein­er­seits die Weisungs­befug­nis haben, aber ander­er­seits nicht grup­pen­verge­walti­gen. Ich meine, sofern Du etwas gegen Grup­pen­verge­wal­ti­gun­gen einzuwen­den hast. Sofern Du dieses Prob­lem über einen Bil­dungsauf­trag lösen willst, der die 9/10 zu etwas anderem als Grup­pen­verge­waltigern erzieht, hast Du das Prob­lem, dass nicht mehr die 9/10 auss­chlaggebend sind, son­dern diejeni­gen, die über den Inhalt des Bil­dungsauf­trags das Wahlo­rakel zu ihren eige­nen Gun­sten manip­ulieren kön­nen. Dann hast Du einen Pro­pa­gan­das­taat, dessen Gren­zen und Dynamiken über die Indok­tri­na­tions­fähigkeit der Bil­dungsin­sti­tu­tio­nen definiert ist. Sofern Du auch keine der­ar­tige Pro­pa­gan­disierung willst, hättest Du einen Obrigkeitsstaat, in dem die Obrigkeit das macht, worauf sie ger­ade Lust hat, und deren Legit­imisierung nur noch davon abhängt, was den Ein­druck erweckt, legit­im zu sein. In jedem Fall hast Du das selbe Prob­lem, das auch jede Dik­tatur hat: Mit welchem Mech­a­nis­mus stellt man sich­er, dass der herrschende Dik­ta­tor wohlwol­lend und kom­pe­tent ist? Es gibt so wenige Men­schen, die sich dafür eignen. Ob Du nun einen funk­tionalen Dik­ta­tor ein­set­zt, oder fünf, die sich gegeneinan­der ausspie­len lassen (sollen), oder irgen­deinen Mech­a­nis­mus nimmst, der funk­tion­al die Rolle des Dik­ta­tors übernimmt.

    Ein weit­eres Prob­lem ist: Es gibt Macht, also staatlich ges­teuerte und in jedem Fall über­wälti­gende Extremge­walt. Und es ist möglich, und für den­jeni­gen, der es tut, vorteil­haft, diese Macht zum eige­nen Vorteil auf Kosten Ander­er einzuset­zen. Sobald Ein­er damit begin­nt, diese Macht zum eige­nen Vorteil zu nutzen, kann er seine Posi­tion stärken, indem er seine Fre­unde daran teil­haben lässt, die eben­falls die ihnen nun zugewiesene Macht zu ihrem eige­nen Vorteil nutzen kön­nen, um wiederum ihre eige­nen Fre­unde daran teil­haben zu lassen. Und so weit­er. Und Leute, die dies zu tun beab­sichti­gen, haben einen viel höheren Anreiz, und kön­nen den Ein­satz viel größer­er Investi­tion recht­fer­ti­gen, um in die entsprechende Posi­tion zu kom­men, und ihren Macht­bere­ich auszuweit­en. Dieser Mech­a­nis­mus ist doch ver­gle­ich­bar mit dem Wach­s­tum eines Kreb­s­geschwürs. Dabei muss es sich nicht um Einzelper­so­n­en han­deln, son­dern es kön­nen dur­chaus auch Insti­tu­tio­nen sein, die diesen Mech­a­nis­mus nutzen. Wie willst Du ver­hin­dern, dass sich etwas von einem Machtzen­trum zu einem solchen allum­fassenden Kreb­s­geschwür entwick­elt? Dieses Prob­lem bleibt doch beste­hen, selb­st, wenn Du einen wohlwol­len­den und kom­pe­ten­ten Dik­ta­tor, oder halt irgen­dein funk­tionales Equiv­a­lent mit der sel­ben Funk­tion und ein­er schöneren Beze­ich­nung, auf den Thron gehievt hast. Ein­fach mehrere Dik­ta­torenequiv­a­lente — also beispiel­sweise Wahlergeb­nis vs. Indok­trinierungszen­trale vs. Ver­fas­sungsin­ter­pre­ta­tion — zu nehmen, ändert an diesem Prob­lem nichts, selb­st dann, wenn Du es schaffst, dass die nicht miteinan­der kooperieren.

    Wie mans auch dreht und wen­det, das hat doch alles gle­icher­maßen den starken Hang zur Dystopie. Daher die Frage: Was davon willst Du also? Ich meine, mal real­is­tisch gesprochen, und nicht nach den Kri­te­rien utopis­chen Wun­schdenkens. Du ver­suchst ja immer, Dich irgend­wie gemäßigt darzustellen, aber ich glaube, Du weißt, dass die hier ange­sproch­enen Prob­leme eben­so real wie ungelöst sind, und Mäßi­gung auch nichts daran ändert.

    Ver­steh mich nicht falsch. Ich will Dich nicht angreifen. Ich finde, Du bist beein­druck­end gut darin, zu beschreiben, was alles falsch läuft. Aber eben­so beein­druckt es mich, dass jemand, der die Symp­tome so tre­f­fend zu Papi­er bringt, den zugrun­deliegen­den Mech­a­nis­mus auszublenden scheint. Wieso ist das so? Vielle­icht täusche ich mich ja, aber ich hab nicht den Ein­druck, dass das, was ich sage, keinen Abgle­ich mit der Real­ität über­stünde. Das, was sich im aktuellen Over­ton-Win­dow des sag­baren befind­et, hätte da mehr Prob­leme. Mein Ein­druck ist, dass bezüglich dessen, was ich in diesem Post geschrieben habe, im All­ge­meinen der selbe Mech­a­nis­mus zutage tritt, der im Kopf eines Left­ies greift, wenn man ihn bit­tet eine Zahl zu nen­nen, ober­halb der­er es akzept­abel wäre, weit­ere Drit­tewel­tein­wan­der­er mit Gewalt und ohne Aus­nahme an der Ein­reise zu hin­dern. Die Strate­gie scheint zu sein, das Ganze etwas kom­plex­er zu machen, als die meis­ten Men­schen es ver­ste­hen, und diese dann mit­tels magis­chem Denken darin zu bestärken, dass das alles schon so seine Richtigkeit hat, und zu hof­fen, dass man bere­its in Rente ist, wenns auf­grund sein­er inhärenten Fehler zusam­menkracht, und in der Zwis­chen­zeit jed­er doof ist, der behauptet, der Kaiser hätte einen kleinen Schrumpelpimmel.

    P.S.

    Da Du Deinem Tem­plate nen neuen Head­er spendiert zu haben scheinst:

    Die Über­schrift im Head­er hat im Ver­gle­ich zum Hin­ter­grund zu wenig Kon­trast, wodurch sie unle­ser­lich wird. Eine CSS Zeile, die dies behebt, wäre: „text-shad­ow: rgba(0,0,0,0.8) 4px 2px 2px“ unter „h1.entry-title“. Dies weißt Du ja sich­er alles, aber ich wollte Dir die zwei Minuten ers­paren, die Du zum Nach­schla­gen bräucht­est. Ich mache für sowas nor­maler­weise die CSS-Klassen .black-shad­ow und .white-shad­ow, die ich dann abhängig davon ver­wende, ob ein Hin­ter­grund heller oder dun­kler als 50% grau ist. Man kann ja beliebig viele CSS-Klassen pro Ele­ment setzen.

    Bei Bedarf kannst Du diesen Absatz gerne wegedi­tieren, ohne, dass ich mich auf den Schlips getreten füh­le. Klein­scheiß ist beim Edi­tieren ziem­lich zeitraubend, und ich wollte helfen.

    • Danke für den CSS-Tipp. Ich ver­suche, ein paar neue Tem­plates auszupro­bieren und das ist wie Du richtig bemerkst, noch sub-opti­mal. Ich arbeite aber daran…;)

      PS: So sollte es gehen. Die Titel der Beiträge in anderem Lay­out soll­ten ja bleiben, wie sie sind.

    • Sie liegen lei­der richtig.Die,von unser­er herrschen­den klasse aus dun­klen motiven,heilig gesproch­ene demokratie
      ist nur eine weit­ere herrschafts­form von men­schen über menschen.
      Ohne gewaltenteilung,minderheitenschutz+rechtsstaat ist ihr wert=0.Die wirkun­gen dieser mäßi­gen­den erfind­un­gen hal­ten nie lange an.
      Der dann ein­set­zende degen­er­a­tionsprozess war schon den alten hele­nen sehr klar,ohne das sie abhil­fe sahen.
      Über die oli­garchie führte der nieder­gang zur tyrannis.
      Das todesurteil gegen Sokrates wurde,ganz demokratisch,mit 49 zu 51 stimmen(nach mein­er erin­nerung) gefällt
      Sehr schön auch eine alte griechis­che fabel,die sich so zusam­men fassen lässt:

      DEMOKRATIE HERRSCHT,WENN 6 FÜCHSE UND 4 HASEN DARÜBER ABSTIMMEN WAS ES ZUM ABENDESSEN GIBT!

      • Also mal ohne Mist in Deutsch­land ist eine nicht-absolute Herrschaft extrem neu und die Prinzip­i­en der Demokratie sind den meis­ten unbekan­nt. Das gilt für jedes einzelne Prinzip. Deutsche behaupten, alles umzuset­zen, in der Real­ität ist das nie auf angel­säch­sis­chem Niveau. Es fehlen oft schon die Begriffe und die Geschichtsken­nt­nisse (über die römis­che Repub­lik, die Griechen, die Magna Car­ta, Char­ter of the For­est, US-Ver­fas­sung und Schriften der Framer usw. usf.).

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