Hash­tags erzäh­len kei­ne Geschich­te, sie erklä­ren nichts. Hash­tags sind Ver­kür­zun­gen und zugleich Schei­ter­hau­fen, auf die jeder sein Hölz­chen wer­fen darf, solan­ge es nur gut brennt. Hash­tags betrei­ben die Fast­foo­di­sie­rung der poli­ti­schen Debat­te. Denn dif­fe­ren­zie­ren kann man nicht, wenn man nur bren­nen­de Holz­schei­te wirft. Der Hash­tag „Wirsind­mehr“, der als Abwehr­zau­ber ver­meint­li­cher „Hetz­jag­den“ in Chem­nitz benutzt wur­de und in einem Gra­tis­kon­zert gip­fel­te, bei dem man „für einen guten Zweck“ den Mord an Dani­el H. instru­men­ta­li­sier­te, ist der per­fek­te Anlass, kurz inne zu hal­ten und zu schau­en, ob wir uns wirk­lich in eine gute Rich­tung bewegen.

(Der an die­ser Stel­le ver­link­te Tweed wur­de wie der gesam­te Twit­ter-Account des Users gemu­tet. Das ist auch bes­ser so. Wer das nicht gele­sen hat, hat nichts ver­passt. Des­halb wer­de ich auch auf die Dar­stel­lung eines Screen­prints verzichten.)

Ich bin mir ziem­lich sicher, dass nie­mand unter den Kon­zert­be­su­chern auf die Idee kam, sich Gedan­ken über die tie­fe­re Bedeu­tung die­ses „Wir sind mehr“ zu machen. Doch die­ser Satz, der etwas aus­führ­li­cher ja hei­ßen will „Wir sind mehr als ihr, des­halb sagen wir, wo es lang geht, was rich­tig und was falsch ist“ grenzt aus und zieht eine schar­fe Linie zwi­schen „Uns“ und „Denen“. Hier fin­det eine Exkom­mu­ni­ka­ti­on von Mei­nung statt – und zwar durch aus­ge­rech­net jene Men­schen, die sich mit gro­ßer Vehe­menz gegen Aus­gren­zung, Dis­kri­mi­nie­rung oder Ras­sis­men gefühl­ter oder tat­säch­li­cher Art ein­set­zen. „Wirsind­mehr“ ist das hashtag­ge­wor­de­ne Mehr­heits­prin­zip, nicht Aus­druck von Demo­kra­tie oder deren Ver­tei­di­gung, wie behaup­tet wird, son­dern Aus­druck von Grup­pen­dy­na­mik und Schwarmverhalten.

„Wirsind­mehr“ ist das Prin­zip, mit dem man auch eine Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gung recht­fer­ti­gen könn­te. Mit „Wirsind­mehr“ lässt sich auch ein Anspruch von einer Mil­li­ar­de afri­ka­ni­scher Glo­ba­li­sie­rungs­ver­lie­rer auf Leis­tun­gen des deut­schen Sozi­al­staats gegen­über 80 Mil­lio­nen Deut­schen begrün­den. Erdo­gan wan­del­te die demo­kra­tisch ver­fass­te Tür­kei mit „Wirsind­mehr“ in ein auto­kra­ti­sches Sys­tem um. Demo­kra­tie geht sicher anders. Demo­kra­tie bedeu­tet, dass kei­ne Mehr­heit sich an den ver­brief­ten Rech­ten aller ver­greift, auch nicht an den Rech­ten derer, die sich nicht zur Mehr­heit rech­nen. Die­ses Prin­zip gerät voll­kom­men aus dem Blick der Öffent­lich­keit und der Poli­tik. „Wirsind­mehr“ ist, was im Kopf des Minis­ter­prä­si­den­ten von Schles­wig-Hol­stein vor­geht, wenn er laut über Koali­tio­nen mit den Lin­ken nach­denkt. Rich­tig ist für ihn, was ihm eine Mehr­heit und damit den Macht­er­halt sichert, poli­ti­sche Prin­zi­pi­en zäh­len da nicht.

Unter der Losung „Wirsind­mehr“ gäbe es in Fami­li­en mit drei Kin­dern zum Mit­tag nur noch Gum­mi­bär­chen und Limo­na­de, es las­sen sich unter die­sem Slo­gan aber auch Bücher­ver­bren­nun­gen recht­fer­ti­gen, Autoren erpres­sen, Kre­dit­rück­zah­lun­gen ein­stel­len, Ent­eig­nun­gen vor­neh­men oder Gedan­ken ver­bie­ten. Viel­leicht wäre genau jetzt der Zeit­punkt gekom­men, ernst­haft dar­über nach­zu­den­ken, ob man das Prin­zip der Frei­heit und des Rechts wirk­lich dem Mehr­heits­prin­zip opfern soll­te. Denn wenn in 50 oder 100 Jah­ren unter der „Wirsindmehr“-Fahne die Ein­füh­rung der Scha­ria in Deutsch­land gefor­dert wer­den soll­te, lie­ße sich die Inten­ti­on eines Hash­tags aus dem Jahr 2018 nicht mehr ändern.

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14 Kommentare

  1. Wit­zi­ger­wei­se ist der oben ver­link­te Twit­te­rer ein rechts­hä­misch-nies­wur­zi­ger Zeitgenosse.
    #wirsind­mehr… Vor allem mehr informiert.

  2. #wirsind­mehr bis wir nicht mehr sind.
    Ich bin froh, dass sich in Deutsch­land die Stim­men ver­meh­ren, die die­se Gefahr end­lich erken­nen. Demo­kra­kie kann eben nur in einer Gesell­schaft funk­tio­nie­ren, in der die Ein­zel­nen dazu fae­hig sind die Rech­te Ande­rer zu respek­tie­ren. Wenn eine Mehr­heit ent­steht, die gewillt ist Ande­ren ihre Rech­te abzu­spre­chen um mehr fuer sich sel­ber her­aus­zu­schla­gen, dann ist das das Ende einer funk­tio­nie­ren­den Demokratie.
    Ein Mann namens Adolf hat das per­fekt aus­zu­nut­zen gewusst, indem er die Gesell­schaft in WIR und DIE ANDEREN teil­te. Als WIR als Mehr­heit stark genug waren, zer­sto­er­te er DIE ANDEREN (nein, nicht nur Juden). Einer in der Tuer­kei namens Rajib macht es ihm in die­sen Jah­ren nach.

  3. „Wirsind­mehr“

    Mann, was sind das geschmack­lo­se Schei­ßer! Seit dem 26. August gibt es in Chem­nitz eine Fami­lie, die sagen muss: Wir sind weniger.

  4. Guten Abend Herr Letsch,

    das haben Sie sehr schön beschrie­ben. Die­ses „wir sind mehr“ hat in etwa das Niveau einer Aus­ein­an­der­set­zung von Men­schen im Sand­kas­ten­al­ter, denen die Argu­men­te aus­ge­hen. In der Auf­zäh­lung fehlt eigent­lich nur noch der #Herz­stat­tHet­ze. Wobei ich auch da den Ein­druck habe, dass der Hash­tag vor allem von Leu­ten pro­pa­giert wird, die von Her­zen ger­ne Hetzen.

  5. Die Made im Apfel zu fin­den ist ja bei Ihnen auch eher mit Lust­ge­winn ver­bun­den. Macht nichts. Passt schon.
    Der Zwei­fel ist eine Tugend. Nach mei­nem kolos­sa­len Dane­ben­lie­gen in der Sache Trump
    (schon wegen Mela­nie wird er nicht Prä­si­dent, nie­mand will Mela­nie ernst­haft als First Lady haben)
    beschloss ich mei­ne Bla­se doch geziel­ter zu ver­las­sen. Dabei bin ich sei­ner­zeit über die Ach­se auf ihren Blog gesto­ßen. Sie rei­ben an mei­nen Gedan­ken und das tut gut. Manch­mal emp­fin­de ich ihre Gedan­ken sogar als unge­wollt lus­tig. So wie bei die­sem Artikel.
    Ihre Vor­ur­tei­le ins lin­ke Spek­trum sind den mei­nen bei der kon­ser­va­ti­ven Denk­wei­se recht ähn­lich und sie wer­den gepflegt. Ihre Sach­lich­keit ist beru­hi­gend, ihr reich­hal­ti­ges Hin­ter­grund­wis­sen lässt immer gute Vor­be­rei­tung erken­nen. Im Gan­zen fei­ne Lek­tü­re, immer wie­der. Mal Dan­ke dafür. Das eine libe­ra­le Gesin­nung der­zeit fast für eine radi­ka­le Denk­wei­se gehal­ten wird, liegt u.a. sicher auch dar­an das jeder Furz zum Sturm erho­ben wird.
    Mei­ne Güte, las­sen sie die Kin­der doch spielen.
    Und #wirsind­mehr hört sich ja erst ein­mal, und vor allem mit dem glü­hen­den Her­zen der Jugend, ganz schmis­sig an. Wer nicht schon alles “We are Legi­on” benutzt hat. Von Nerd­krie­gern über Bur­schen­schaf­ten bis hin zu Ego Shoo­ter Clans im Inter­net. Die Mas­se macht stark. Ich hal­te es da mit Ger­hardt Polt: “Bei uns wird doch kein Mensch gezwun­gen eine Min­der­heit zu sein. Jeder hat doch das Recht sich einer Mehr­heit anzu­schlie­ßen ….……und sich anstän­dig zu benehmen.
    Dann braucht er sich auch von kei­ner Min­der­heit majo­ri­sie­ren lassen.”

  6. Neun von zehn Men­schen haben Spaß an einer Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gung. #Lega­li­zeI­t­Be­cau­se­We­re­Mo­re

    „Demo­kra­tie geht sicher anders. Demo­kra­tie bedeu­tet, dass kei­ne Mehr­heit sich an den ver­brief­ten Rech­ten aller ver­greift, auch nicht an den Rech­ten derer, die sich nicht zur Mehr­heit rechnen.“

    Was genau ist eigent­lich eine „Demo­kra­tie“, bezie­hungs­wei­se „Demo­kra­tisch“? Ist der Unter­schied zwi­schen einer Demo­kra­tie und den ande­ren poli­ti­schen Sys­te­men nicht, dass in einer Demo­kra­tie anhand einer Mehr­heits­wahl die Poli­tik, oder zumin­dest die Herr­scher, legi­ti­mi­siert wer­den, wäh­rend die­se Legi­ti­mi­sie­rung in ande­ren Sys­te­men mit­tels ande­rer Mecha­nis­men erfolgt? Dik­ta­to­ren haben ihre Macht­po­si­ti­on, weil sie ihre Macht­po­si­ti­on ein­mal auf irgend­ei­nem Weg ihre Posi­ti­on im Sys­tem erlangt haben, Köni­ge haben ihre Macht, weil Gott das so sagt, und auf­grund der all­ge­mein aner­kann­ten Erb­fol­ge, Aris­to­kra­ten haben ihre Macht auf­grund irgend­wel­cher all­ge­mein aner­kann­ter Leis­tun­gen, die sie zu ihrer Posi­ti­on beson­ders befä­hi­gen, War­lords haben sie, weil sie die Mit­tel zur Durch­set­zung ihrer Macht haben… Und Demo­kra­ti­sche Herr­scher haben sie, weil sie gewählt wur­den. Was haben Bür­ger­rech­te — also gegen das Wahl­volk und sei­ne Reprä­sen­tan­ten gerich­te­te Abwehr­rech­te — mit Demo­kra­tie zu tun? Je weni­ger davon man hat, des­to demo­kra­ti­scher ists. 

    Du wirst sicher­lich behaup­ten, dass das zeit­ge­nös­si­sche Vene­zue­la, bzw Süd­afri­ka, nicht „demo­kra­tisch“ sind. Aber anhand wel­cher objek­ti­ver Kri­te­ri­en machst Du das fest? Bei­des sind kei­ne Dik­ta­tu­ren, son­dern deren Herr­schafts­kas­te wur­de gewählt. Wenn ich raten soll, haben die beim Wahl­kampf auch vor­ge­stellt, wie ihre Poli­tik aus­sieht, falls sie an die Macht gelan­gen, wes­halb auch deren Poli­tik gewählt ist. Bei­de haben eine Ver­fas­sung, bei­de erken­nen die Men­schen­rech­te an. Bei­de haben ein Rechts­we­sen, klar defi­nier­te Grund­rech­te, und so weiter. 

    „Viel­leicht wäre genau jetzt der Zeit­punkt gekom­men, ernst­haft dar­über nach­zu­den­ken, ob man das Prin­zip der Frei­heit und des Rechts wirk­lich dem Mehr­heits­prin­zip opfern sollte.“

    Du Ver­fas­sungs­feind. Wel­che unde­mo­kra­ti­schen Mit­tel schlägst Du denn vor? Das Igno­rie­ren des Mehr­heits­in­ter­es­ses? Das wird doch schon lan­ge prak­ti­ziert. Deut­lich mehr als 50% der Bevöl­ke­rung sind laut Umfra­gen gegen Mas­sen­ein­wan­de­rung aus mus­li­mi­schen Län­dern. Oder viel­leicht möch­test Du der Mehr­heit ver­bie­ten, ihre Inter­es­sen laut­stark publik zu machen? Mög­li­cher­wei­se mit sowas wie einem Netz­werk­durch­set­zungs­ge­setz? Oder, ganz klas­sisch, mit einer Pletho­ra an Belei­di­gungs- Rede­be­schrän­kungs- und (Impressums-)Pflicht-Paragraphen, die die Schwel­le recht­lich unan­greif­ba­rer Publi­ka­ti­on so sehr erhöht, dass kaum noch jemand publi­ziert, weil die Rechts­si­cher­heit auf­grund der Kom­ple­xi­tät der Rechts­la­ge fehlt, und der öffent­li­che Dis­kurs dadurch einer­seits stark an Qua­li­tät ver­liert, und ande­rer­seits von einer Min­der­heit mit den not­wen­di­gen Res­sour­cen, und der Staats­nä­he, gesteu­ert wer­den kann? Oder viel­leicht durch den ver­pflich­ten­den Besuch in Erzie­hungs­an­stal­ten, die der nach­fol­gen­den Genera­ti­on die rich­ti­gen Wer­te und Ver­hal­tens­wei­sen ver­mit­telt, damit sie, in der von der Poli­tik gewünsch­ten Welt, genau so funk­tio­niert, wie man es ger­ne hät­te? Also einen Bil­dungs­auf­trag, oder auch gleich eine HJ und einen BDM? Oder durch öffent­li­che Pro­pa­gan­da­ver­an­stal­tun­gen wie das beschrie­be­ne Kon­zert, staat­lich finan­zier­te Medi­en­an­stal­ten, und der­glei­chen, die den Dis­kurs in Rich­tung eines Jubel­per­ser­tums ver­schie­ben? Ich neh­me mal an, dass Du eine gute Vor­stel­lung davon hast, wie sol­che Maß­nah­men schme­cken, und zu welch „her­vor­ra­gen­den“ Ergeb­nis­sen sie führen. 

    Ich glau­be, das Pro­blem ist nicht mit den Mit­teln der Poli­tik zu lösen, son­dern das Pro­blem „Poli­tik“ an sich, bezie­hungs­wei­se unser Staat. Er ist ein­fach zu groß, und hat zu viel Macht, und es fehlt ein Mecha­nis­mus, der ihn dis­zi­pli­niert, soll­te es zu Fehl­ent­wick­lun­gen kom­men. Dass Wah­len — also Demo­kra­tie — dafür unge­eig­net sind, zeigt das Bei­spiel von Süd­afri­ka. Oder das Bei­spiel, das 1933 in Schland gewählt wurde. 

    Dass Ver­fas­sun­gen aller­dings auch nicht aus­rei­chen, weil letz­ten­en­des die­je­ni­gen, die sie inter­pre­tie­ren, bestim­men, wie sie ange­wen­det wer­den, ist offen­sicht­lich. Wenn Du mal ein Paar wirk­lich haar­sträu­ben­de Inter­pre­ta­tio­nen eines ver­fas­sungs­ge­ben­den Doku­ments sehen willst, mit denen des­sen Wort­laut ins genaue Gegen­teil ver­kehrt wird, dann beschäf­ti­ge Dich mal mit jüdi­schem Recht oder isla­mi­schem Fiqh-Recht. Die Argu­men­ta­tio­nen, mit denen die im Lauf der Jahr­hun­der­te ihre gan­zen sehr expli­zi­ten Tötungs­be­feh­le aus der Welt zu schaf­fen ver­such­ten, sind lus­tig, so gro­tesk sind sie. Dar­an lässt sich gut erken­nen, wie wenig Gewicht der Wort­laut und Inhalt einer Ver­fas­sung hat, sobald man auch nur Inter­pre­ta­tio­nen zulässt. Die jüdi­schen und isla­mi­schen Rechts­ge­lehr­ten waren nicht dumm, und die wid­me­ten ihr gesam­tes Leben dem Stu­di­um ihrer hei­li­gen Schrif­ten, die, neben­bei bemerkt, viel bekann­ter waren, und ein viel höhe­res Anse­hen genos­sen, als das Grund­ge­setz. Die gesam­te Bevöl­ke­rung wur­de ja von klein auf über den Inhalt der hei­li­gen Schrif­ten unter­rich­tet. Die Rechts­ge­lehr­ten gin­gen eben­falls davon aus, dass Gott sie in die Höl­le wirft, und es bestand für sie die rea­lis­ti­sche Chan­ce, dass ihre gesam­te Gemein­schaft auf grau­sams­te Wei­se von Gott ver­nich­tet wer­den wird, soll­ten sie es falsch aus­le­gen, und die Gemein­schaft sich des­halb von Gott abwen­det. Deren Anrei­ze zur kor­rek­ten Aus­le­gung ihrer Schrif­ten war viel höher, als die Anrei­ze eines Ver­fas­sungs­rich­ters. Ich wür­de auch behaup­ten, dass es in der isla­mi­schen Welt mehr Stel­len gab, die, zum Bei­spiel mit­tels Fat­was, eine feh­ler­haf­te Aus­le­gung angrei­fen konn­ten, falls die offi­zi­el­len Schrift­ge­lehr­ten etwas falsch inter­pre­tiert hat­ten. Aus die­sen Grün­den wür­de ich erwar­ten, dass deren Aus­le­gungs­qua­li­tät höher ist, als die Qua­li­tät der Aus­le­gung von Par­tei­ju­ris­ten. Um etwas ande­res anzu­neh­men, braucht man schon wirk­lich gute Grün­de, und #Its­the­cur­ren­tye­ar reicht nicht aus, um zu begrün­den, wes­halb der Wort­laut des Grund­ge­set­zes nach sei­ner Aus­le­gung und Imple­men­tie­rung lang­fris­tig eine grö­ße­re Rol­le spie­len soll­te, als der Wort­lauf des Korans und der Hadi­then, als die­se zur Ablei­tung gel­ten­den Rechts her­an­ge­zo­gen wur­den. Und natür­lich, dass es zu kei­nen unbe­ab­sich­tig­ten Impli­ka­tio­nen kommt. Wie bereits gesagt, es ist gro­tesk lus­tig anzu­se­hen, mit wel­chen Begrün­dun­gen die den Wort­lauf von Got­tes Wort ins Gegen­teil ver­kehr­ten, wenn er ihnen nicht pass­te, und der Wort­laut Got­tes hat­te für die­se Men­schen ein höhe­res Gewicht, als der Wort­laut des Grund­ge­set­zes heu­te hat, und deren Metho­den­leh­re war auch nicht schlech­ter, als das biss­chen Aus­sa­gen­lo­gik, das ein Ver­fas­sungs­rich­ter zur Ver­fü­gung hat.

    Man kann nicht anhand abs­trak­ter Mecha­nis­men steu­ern, wie sich ein Staat ent­wi­ckelt. Egal, ob mans über gött­li­che Aut­ho­ri­tät angeht, oder einen mani­pu­lier­ba­ren Zufalls­zah­len­ge­ne­ra­tor, wie Wah­len, ver­sucht, oder ob man mit den bes­ten Absich­ten her­an­geht, wie die Lin­ken es tun, oder mit eiser­nen Regeln, wie die Verfassungstreuen. 

    Sehe ich etwas falsch? Ich mei­ne, sofern Du die der­zei­ti­gen Insti­tu­tio­nen bei­be­hal­ten willst, und erwar­test, dass zum Bei­spiel der Wort­laut des Grund­ge­set­zes sei­ne Gel­tung behält, brauchst Du ers­tens einen Grund zu der Annah­me, dass der Gesetz­ge­ber einer­seits nach prak­ti­schen Gesichts­punk­ten all­wis­send ist, weil er ent­we­der nach ewig gül­ti­gen Prin­zi­pi­en han­deln, oder in die Zukunft bli­cken kön­nen muss, und die­ser Wort­laut, zwei­tens, nicht durch Inter­pre­ta­ti­on ins Gegen­teil ver­kehrt wer­den wird, weil die­je­ni­gen, die inter­pre­tie­ren, auf die­sem Weg letzt­lich ihre eige­nen Inter­es­sen durch­set­zen. Wenn Du es hin­ge­gen lie­ber demo­kra­tisch haben willst, also das Grund­ge­setz dem Wil­len des Vol­kes unter­wor­fen sein soll, brauchst Du einen Mecha­nis­mus, der sicher­stellt, dass die 9/10, die an einer Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gung Spaß haben, zwar einer­seits die Wei­sungs­be­fug­nis haben, aber ande­rer­seits nicht grup­pen­ver­ge­wal­ti­gen. Ich mei­ne, sofern Du etwas gegen Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gun­gen ein­zu­wen­den hast. Sofern Du die­ses Pro­blem über einen Bil­dungs­auf­trag lösen willst, der die 9/10 zu etwas ande­rem als Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gern erzieht, hast Du das Pro­blem, dass nicht mehr die 9/10 aus­schlag­ge­bend sind, son­dern die­je­ni­gen, die über den Inhalt des Bil­dungs­auf­trags das Wahl­ora­kel zu ihren eige­nen Guns­ten mani­pu­lie­ren kön­nen. Dann hast Du einen Pro­pa­gan­da­staat, des­sen Gren­zen und Dyna­mi­ken über die Indok­tri­na­ti­ons­fä­hig­keit der Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen defi­niert ist. Sofern Du auch kei­ne der­ar­ti­ge Pro­pa­gan­di­sie­rung willst, hät­test Du einen Obrig­keits­staat, in dem die Obrig­keit das macht, wor­auf sie gera­de Lust hat, und deren Legi­ti­mi­sie­rung nur noch davon abhängt, was den Ein­druck erweckt, legi­tim zu sein. In jedem Fall hast Du das sel­be Pro­blem, das auch jede Dik­ta­tur hat: Mit wel­chem Mecha­nis­mus stellt man sicher, dass der herr­schen­de Dik­ta­tor wohl­wol­lend und kom­pe­tent ist? Es gibt so weni­ge Men­schen, die sich dafür eig­nen. Ob Du nun einen funk­tio­na­len Dik­ta­tor ein­setzt, oder fünf, die sich gegen­ein­an­der aus­spie­len las­sen (sol­len), oder irgend­ei­nen Mecha­nis­mus nimmst, der funk­tio­nal die Rol­le des Dik­ta­tors übernimmt.

    Ein wei­te­res Pro­blem ist: Es gibt Macht, also staat­lich gesteu­er­te und in jedem Fall über­wäl­ti­gen­de Extrem­ge­walt. Und es ist mög­lich, und für den­je­ni­gen, der es tut, vor­teil­haft, die­se Macht zum eige­nen Vor­teil auf Kos­ten Ande­rer ein­zu­set­zen. Sobald Einer damit beginnt, die­se Macht zum eige­nen Vor­teil zu nut­zen, kann er sei­ne Posi­ti­on stär­ken, indem er sei­ne Freun­de dar­an teil­ha­ben lässt, die eben­falls die ihnen nun zuge­wie­se­ne Macht zu ihrem eige­nen Vor­teil nut­zen kön­nen, um wie­der­um ihre eige­nen Freun­de dar­an teil­ha­ben zu las­sen. Und so wei­ter. Und Leu­te, die dies zu tun beab­sich­ti­gen, haben einen viel höhe­ren Anreiz, und kön­nen den Ein­satz viel grö­ße­rer Inves­ti­ti­on recht­fer­ti­gen, um in die ent­spre­chen­de Posi­ti­on zu kom­men, und ihren Macht­be­reich aus­zu­wei­ten. Die­ser Mecha­nis­mus ist doch ver­gleich­bar mit dem Wachs­tum eines Krebs­ge­schwürs. Dabei muss es sich nicht um Ein­zel­per­so­nen han­deln, son­dern es kön­nen durch­aus auch Insti­tu­tio­nen sein, die die­sen Mecha­nis­mus nut­zen. Wie willst Du ver­hin­dern, dass sich etwas von einem Macht­zen­trum zu einem sol­chen all­um­fas­sen­den Krebs­ge­schwür ent­wi­ckelt? Die­ses Pro­blem bleibt doch bestehen, selbst, wenn Du einen wohl­wol­len­den und kom­pe­ten­ten Dik­ta­tor, oder halt irgend­ein funk­tio­na­les Equi­va­lent mit der sel­ben Funk­ti­on und einer schö­ne­ren Bezeich­nung, auf den Thron gehievt hast. Ein­fach meh­re­re Dik­ta­to­re­ne­qui­va­len­te — also bei­spiels­wei­se Wahl­er­geb­nis vs. Indok­tri­nie­rungs­zen­tra­le vs. Ver­fas­sungs­in­ter­pre­ta­ti­on — zu neh­men, ändert an die­sem Pro­blem nichts, selbst dann, wenn Du es schaffst, dass die nicht mit­ein­an­der kooperieren.

    Wie mans auch dreht und wen­det, das hat doch alles glei­cher­ma­ßen den star­ken Hang zur Dys­to­pie. Daher die Fra­ge: Was davon willst Du also? Ich mei­ne, mal rea­lis­tisch gespro­chen, und nicht nach den Kri­te­ri­en uto­pi­schen Wunsch­den­kens. Du ver­suchst ja immer, Dich irgend­wie gemä­ßigt dar­zu­stel­len, aber ich glau­be, Du weißt, dass die hier ange­spro­che­nen Pro­ble­me eben­so real wie unge­löst sind, und Mäßi­gung auch nichts dar­an ändert.

    Ver­steh mich nicht falsch. Ich will Dich nicht angrei­fen. Ich fin­de, Du bist beein­dru­ckend gut dar­in, zu beschrei­ben, was alles falsch läuft. Aber eben­so beein­druckt es mich, dass jemand, der die Sym­pto­me so tref­fend zu Papier bringt, den zugrun­de­lie­gen­den Mecha­nis­mus aus­zu­blen­den scheint. Wie­so ist das so? Viel­leicht täu­sche ich mich ja, aber ich hab nicht den Ein­druck, dass das, was ich sage, kei­nen Abgleich mit der Rea­li­tät über­stün­de. Das, was sich im aktu­el­len Over­ton-Win­dow des sag­ba­ren befin­det, hät­te da mehr Pro­ble­me. Mein Ein­druck ist, dass bezüg­lich des­sen, was ich in die­sem Post geschrie­ben habe, im All­ge­mei­nen der sel­be Mecha­nis­mus zuta­ge tritt, der im Kopf eines Lef­ties greift, wenn man ihn bit­tet eine Zahl zu nen­nen, ober­halb derer es akzep­ta­bel wäre, wei­te­re Drit­te­welt­ein­wan­de­rer mit Gewalt und ohne Aus­nah­me an der Ein­rei­se zu hin­dern. Die Stra­te­gie scheint zu sein, das Gan­ze etwas kom­ple­xer zu machen, als die meis­ten Men­schen es ver­ste­hen, und die­se dann mit­tels magi­schem Den­ken dar­in zu bestär­ken, dass das alles schon so sei­ne Rich­tig­keit hat, und zu hof­fen, dass man bereits in Ren­te ist, wenns auf­grund sei­ner inhä­ren­ten Feh­ler zusam­men­kracht, und in der Zwi­schen­zeit jeder doof ist, der behaup­tet, der Kai­ser hät­te einen klei­nen Schrumpelpimmel.

    P.S.

    Da Du Dei­nem Tem­pla­te nen neu­en Hea­der spen­diert zu haben scheinst:

    Die Über­schrift im Hea­der hat im Ver­gleich zum Hin­ter­grund zu wenig Kon­trast, wodurch sie unle­ser­lich wird. Eine CSS Zei­le, die dies behebt, wäre: „text-shadow: rgba(0,0,0,0.8) 4px 2px 2px“ unter „h1.entry-title“. Dies weißt Du ja sicher alles, aber ich woll­te Dir die zwei Minu­ten erspa­ren, die Du zum Nach­schla­gen bräuch­test. Ich mache für sowas nor­ma­ler­wei­se die CSS-Klas­sen .black-shadow und .white-shadow, die ich dann abhän­gig davon ver­wen­de, ob ein Hin­ter­grund hel­ler oder dunk­ler als 50% grau ist. Man kann ja belie­big vie­le CSS-Klas­sen pro Ele­ment setzen.

    Bei Bedarf kannst Du die­sen Absatz ger­ne wege­di­tie­ren, ohne, dass ich mich auf den Schlips getre­ten füh­le. Klein­scheiß ist beim Edi­tie­ren ziem­lich zeit­rau­bend, und ich woll­te helfen.

    • Dan­ke für den CSS-Tipp. Ich ver­su­che, ein paar neue Tem­pla­tes aus­zu­pro­bie­ren und das ist wie Du rich­tig bemerkst, noch sub-opti­mal. Ich arbei­te aber daran…;)

      PS: So soll­te es gehen. Die Titel der Bei­trä­ge in ande­rem Lay­out soll­ten ja blei­ben, wie sie sind.

    • Sie lie­gen lei­der richtig.Die,von unse­rer herr­schen­den klas­se aus dunk­len motiven,heilig gespro­che­ne demokratie
      ist nur eine wei­te­re herr­schafts­form von men­schen über menschen.
      Ohne gewaltenteilung,minderheitenschutz+rechtsstaat ist ihr wert=0.Die wir­kun­gen die­ser mäßi­gen­den erfin­dun­gen hal­ten nie lan­ge an.
      Der dann ein­set­zen­de dege­ne­ra­ti­ons­pro­zess war schon den alten hele­nen sehr klar,ohne das sie abhil­fe sahen.
      Über die olig­ar­chie führ­te der nie­der­gang zur tyrannis.
      Das todes­ur­teil gegen Sokra­tes wurde,ganz demokratisch,mit 49 zu 51 stimmen(nach mei­ner erin­ne­rung) gefällt
      Sehr schön auch eine alte grie­chi­sche fabel,die sich so zusam­men fas­sen lässt:

      DEMOKRATIE HERRSCHT,WENN 6 FÜCHSE UND 4 HASEN DARÜBER ABSTIMMEN WAS ES ZUM ABENDESSEN GIBT!

      • Also mal ohne Mist in Deutsch­land ist eine nicht-abso­lu­te Herr­schaft extrem neu und die Prin­zi­pi­en der Demo­kra­tie sind den meis­ten unbe­kannt. Das gilt für jedes ein­zel­ne Prin­zip. Deut­sche behaup­ten, alles umzu­set­zen, in der Rea­li­tät ist das nie auf angel­säch­si­schem Niveau. Es feh­len oft schon die Begrif­fe und die Geschichts­kennt­nis­se (über die römi­sche Repu­blik, die Grie­chen, die Magna Car­ta, Char­ter of the Forest, US-Ver­fas­sung und Schrif­ten der Fra­mer usw. usf.).

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