Eine abge­si­cher­te Bus­hal­te­stel­le in Isra­el. Foto: Ulrich Sahm

Es wäre ja auch zu schön gewe­sen: Der Mör­der springt aus dem LKW, wird von einem beherz­ten Zeu­gen ver­folgt und kur­ze Zeit spä­ter von einem Strei­fen­wa­gen gestellt. Flücht­ling isser, zum Glück kein Syrer, zum Glück noch nicht „voll inte­griert“ weil noch in einer Not­un­ter­kunft – das hät­te vie­le Aus­we­ge offen gelas­sen für gesell­schaft­li­che Schuld­zu­wei­sun­gen und Erklä­rungs­ver­su­che der Migra­ti­ons­ex­per­ten. Es kam aber anders, denn der Paki­sta­ner war es offen­kun­dig nicht. Nun sucht man einen Tune­si­er*, des­sen Asyl­pa­pie­re man über­ra­schend unter dem Fah­rer­sitz des für den Anschlag gestoh­le­nen LKW fand. Inwie­weit der zunächst schein­bar schnel­le Fahn­dungs­er­folg eine weit­räu­mi­ge Absper­rung und Groß­fahn­dung ver­hin­dert hat, mag ich nicht beur­tei­len. Aber die Zeit­span­ne zwi­schen der Ver­haf­tung und ers­ten Zwei­feln an der Schuld des zuerst Fest­ge­nom­me­nen war doch groß genug für eine ordent­li­che Stre­cke, fürch­te ich.

Diese Art des Terrors ist seit Jahren Realität in Israel

Dass es kei­nen Spreng­stoff oder Waf­fen im her­kömm­li­chen Sinn braucht, um Ter­ror­an­schlä­ge zu bege­hen, wis­sen wir aber nicht erst seit Niz­za. Auch dass es nicht immer jun­ge über­steu­er­te Män­ner sein müs­sen, die zuschla­gen, haben wir nicht erst durch die Mes­ser­at­ta­cke von Han­no­ver gelernt. Bei­des sind Aus­prä­gun­gen isla­mis­ti­schen Ter­rors, die in Isra­el lei­der längst zum All­tag gehö­ren: Mes­ser­at­ta­cken out of the blue und Autos, die in Men­schen­an­samm­lun­gen in Bus­hal­te­stel­len gejagt wer­den. Die Täter sind reli­gi­ös und von isla­mis­ti­scher Pro­pa­gan­da und Lügen ver­blen­de­te Män­ner, Frau­en und sogar Kin­der. Die­se bit­te­re Rea­li­tät ist nun end­gül­tig auch in Deutsch­land ange­kom­men. Deutsch­land hat jedoch kei­ner­lei ter­ri­to­ria­le Kon­flik­te mit isla­mi­schen Län­dern und unse­re Trup­pen ste­hen auch nicht in Tune­si­en. Wie kommt man also auf die Idee, mög­lichst weit gehen­de Zuge­ständ­nis­se durch Isra­el an die Hamas wür­den im Nahen Osten für Frie­den sor­gen – und wel­che Ter­ri­to­ri­en soll­te Deutsch­land „räu­men” oder wel­che Aggres­si­on „been­den”, um nicht wei­ter Opfer ter­ro­ris­ti­scher Anschlä­ge zu wer­den? Genügt es, mehr Weih­nachts­märk­te zu Win­ter­märk­ten zu machen, Trump als Teu­fel in Men­schen­ge­stalt zu bezeich­nen, Kir­chen zu Moscheen umzu­wid­men oder Kir­chen­glo­cken zu Absperr-Pol­lern umzuschmelzen?

Einen klei­nen Vor­ge­schmack auf das zukünf­ti­ge Gefühl der Unsi­cher­heit im Land gab uns bereits der Amok­läu­fer von Mün­chen, der sich jedoch zum Glück nicht lan­ge auf frei­em Fuß befand. Nun jedoch ist ein erwie­se­ner Ter­ro­rist schon län­ger auf der Flucht und unter­ge­taucht, es han­delt sich nicht mehr nur um eine „poten­zi­el­le Bedro­hung“, die man zwar nicht genau kennt und von der man wenig weiß, die man aber gegen jede Art von vor­ei­li­gen Ver­däch­ti­gun­gen in Schutz neh­men soll. Selbst dann, wenn die Anga­ben in fun­kel­na­gel­neu­en Aus­weis­pa­pie­ren „auf eige­nen Anga­ben“ beru­hen. Heu­te ist die Bedro­hung sehr kon­kret und sehr allgemein.

Wäh­rend der Glüh­wein dem Wet­ter ent­spre­chend für ein woh­li­ges Bauch­ge­fühl sor­gen soll­te, kriecht uns ein ande­res, kal­tes Gefühl die Bei­ne hoch. Was jedoch in wei­ten Krei­sen der Poli­tik als „Gene­ral­ver­dacht” gegei­ßelt wird, ist in Wirk­lich­keit eine unschö­ne aber mensch­lich nach­voll­zieh­ba­re Emp­fin­dung. Ein Bei­spiel: zur sel­ben Stun­de, als der Weih­nachts­markt in Ber­lin ange­grif­fen wur­de, stand ich mit Freun­den auf dem Weih­nachts­markt in Han­no­ver. Zwei jun­ge Frau­en schlen­der­ten an uns vor­bei, von denen eine einen Hid­schab trug. Mein Blick fiel in dem Moment auf die Markt­bu­den­ver­käu­fe­rin gegen­über, die mit zusam­men­ge­knif­fe­nen Lip­pen den bei­den Mäd­chen mit den Augen folg­te, als kön­nen die Hid­schab-Trä­ge­rin jeder­zeit explo­die­ren oder ein Mes­ser zie­hen, weil sie sich von „Glüh­wein mit Schuss” oder „Schasch­lik vom Schwein” pro­vo­ziert und belei­digt fühlt. Schlägt man im Mimik-Lexi­kon unter „Miss­trau­en” nach, fin­det man genau die­sen Gesichts­aus­druck. Die ver­schärf­te Sicher­heits­la­ge nach dem Anschlag in Ber­lin macht es nicht bes­ser. Und was, wenn nicht aus­ge­rech­net die­ses ver­brei­te­te Miss­trau­en kann jetzt noch zur Ver­haf­tung des Täters füh­ren? Die Medail­le hat lei­der – wie immer – zwei Seiten.

Die Wahr­schein­lich­keit, dass der Täter in Fol­ge der Grenz-und-Pass-Anar­chie aus dem letz­ten Jahr ins Land gelangt sein könn­te, ist hoch. Es ist des­halb unred­lich, einer­seits durch poli­ti­sche Fehl­ein­schät­zun­gen und gro­be Feh­ler in der Ver­gan­gen­heit für eine Ver­schär­fung und Ver­schlech­te­rung der Sicher­heits­la­ge zu sor­gen und ande­rer­seits den Bür­gern ein­re­den zu wol­len, sie müss­ten sich jetzt immer noch genau­so ver­trau­ens­voll ver­hal­ten wie immer, weil sie sonst den Ter­ro­ris­ten in die Hän­de spie­len wür­den. Wie schwer es zum Bei­spiel der Bun­des­kanz­le­rin immer noch fällt, kor­rek­te Begrif­fe für die aktu­el­le Lage zu ver­wen­den, zeigt ihr fol­gen­der Satz zum mög­li­chen Flucht­hin­ter­grund des Täters.

„Dies wäre beson­ders wider­wär­tig gegen­über den vie­len Deut­schen, die tag­täg­lich in der Flücht­lings­hil­fe enga­giert sind”, sag­te Mer­kel, „und gegen­über den vie­len Men­schen, die unse­ren Schutz tat­säch­lich brau­chen und sich um Inte­gra­ti­on in unser Land bemühen.”

Sie tut es lei­der immer noch! Das sprach­li­che glatt­rüh­ren der Begrif­fe Flucht, Schutz und Inte­gra­ti­on zu einem kleb­ri­gen Teig, der ein­fach nicht auf­ge­hen will. Es ist falsch Sand, Was­ser und Back­pul­ver zusam­men­zu­kip­pen und zu erklä­ren, man wür­de Kuchen backen! Nicht, wenn die Betei­lig­ten Bäcker älter als fünf Jah­re sind! Aller­dings schei­nen nicht weni­ge unse­rer Poli­ti­ker die Bevöl­ke­rung für leicht „plemm plemm“ oder im Vor­schul­al­ter ste­cken­ge­blie­ben zu hal­ten, kom­men doch gera­de wie­der die Null­sät­ze und Füll­sel wie am Fließband.

Ralf Steg­ner zum Bei­spiel twit­ter­te „Abso­lu­te Sicher­heit gibt es in einer frei­heit­li­chen Demo­kra­tie nie­mals“ was in etwa so viel neue Infor­ma­ti­on ent­hält, wie ein gedruck­tes SPD-Par­tei­pro­gramm Vit­amin C.

Kat­rin Göring-Eckardt von den Grü­nen drückt es noch ver­schwur­bel­ter aus: „Umso wich­ti­ger ist es, jetzt unse­re offe­ne und freie Gesell­schaft zu ver­tei­di­gen.”  Das bedeu­tet  lei­der nichts ande­res, als das man sich vor allem nicht ver­tei­di­gen soll – nicht im Sinn des Wor­tes jeden­falls, höchs­tens im Göring-Eckardt-Sin­ne, indem man wei­ter­hin so tole­rant wie mög­lich bleibt und die Isla­mis­ten damit in die Ver­zweif­lung treibt. Viel Spaß dabei.

Die Ber­li­ner Lin­ke ruft indes gleich mal zur „Kund­ge­bung für Anteil­nah­me und Soli­da­ri­tät und gegen die Instru­men­ta­li­sie­rung durch Nazis“ auf, weil es auch gera­de Nazis gewe­sen sind, die das gan­ze Land in Auf­ruhr ver­setzt haben und die es nun drin­gend mit­tels einer Kund­ge­bung zurück in ihre Höh­len zu trei­ben gilt. Was soll das Gela­ber? Wer ist Adres­sat sol­cher „Bot­schaf­ten“? Wie nennt man die­se Abwehr-Refle­xe, die umso deut­li­cher ins Lee­re lau­fen, je weni­ger Fein­de sie antref­fen und je reso­lu­ter sie vor­ge­tra­gen wer­den? In der Medi­zin jeden­falls wäre die Dia­gno­se klar: Autoimmunerkrankung!

Allergische Reaktionen einer selbstgerechten Gesellschaft

Das Immun­sys­tem ist nor­ma­ler­wei­se damit befasst, Krank­hei­ten abzu­weh­ren. Mit man­chen wird man bereits von Geburt an ganz gut fer­tig, ande­res Skills kom­men im Lau­fe des Lebens mit all sei­nen Abwehr­kämp­fen oder durch Imp­fun­gen hin­zu, im über­tra­ge­nen Sin­ne also durch Erfah­rung und Bil­dung. Doch hin und wie­der, beson­ders wenn es eigent­lich kei­ne Ein­dring­lin­ge zu bekämp­fen gibt, lang­weilt sich das Immun­sys­tem und beginnt, alle mög­li­chen harm­lo­sen oder gar nicht vor­han­de­nen Stof­fe zu bekämp­fen. Aus „Bir­ken­pol­len” wird so eine gefühl­te „Beu­len­pest”.

Was wir zum Bei­spiel der­zeit als „Kampf gegen rechts“ erle­ben, ähnelt sogar einem noch schwe­re­ren Ver­lauf, einer Auto­im­mun­erkran­kung, bei der das Immun­sys­tem gan­ze Orga­ne, die eigent­lich gesund und kör­per­ei­gen sind, atta­ckiert – selbst wenn wie im Fall des Ter­ror­an­schlags von Ber­lin der Angriff eigent­lich von außen kommt, geht der Blick nach innen. Es ist gewis­ser­ma­ßen der immu­no­lo­gi­schen Super­gau, den Hor­ror auto­to­xi­cus** der Gesell­schaft, wel­che beginnt, das poli­tisch-demo­kra­ti­sche Gleich­ge­wicht durch mas­si­ve Angrif­fe nach innen zu zer­stö­ren und sich damit lang­fris­tig selbst zu ver­nich­ten – gera­de jetzt, da es ganz offen­sicht­lich Bedro­hun­gen durch sehr rea­le Demo­kra­tie­fein­de wie den Isla­mis­mus gibt, die unse­re Auf­merk­sam­keit for­dern. Statt­des­sen befas­sen wir uns lie­ber mit unse­ren Ängs­ten, defi­nie­ren Hass und Wohl­ver­hal­ten, ver­pi­xeln Fahn­dungs­fo­tos im Netz und sind der fes­ten Über­zeu­gung, dass nur wir uns ändern müs­sen, um aus der Welt einen bes­se­ren Ort zu machen.

So ver­su­chen wir die bit­te­re Erkennt­nis noch so lan­ge wie mög­lich von uns fern zu hal­ten, dass uns längst statt „Lich­ter­ket­ten gegen rechts“ eher bewaff­ne­te Mili­tär­strei­fen in den Innen­städ­ten mehr Sicher­heit brin­gen wür­den. Die Poli­zei allein wird nicht genü­gen, Sicher­heit in dem Maße her­zu­stel­len, wie wir es gern wie­der hät­ten – nicht mit der aktu­el­len per­so­nel­len Aus­stat­tung und Ausrüstung.

Bis­her tut die Poli­tik aber wei­ter so, als kön­ne sie aber genau das tun und baut zum Bei­spiel für den Sil­ves­ter­abend 2017 in Köln Leucht­tür­me der Sicher­heits­il­lu­si­on. Jedem den­ken­den Men­schen ist jedoch klar, dass dies nur mög­lich ist, weil man die Sicher­heit ande­ren­orts her­un­ter­fährt. Nicht jede Stadt kann zu jedem Zeit­punkt in eine Burg ver­wan­delt wer­den. Für die­se Erkennt­nis braucht es übri­gens kei­nen „Gene­ral­ver­dacht“. Miss­trau­en, das aus schlech­ter Erfah­run­gen ent­springt, genügt völlig.

 

*  Wie SPON berich­tet, soll­te der gesuch­te Tune­si­er abge­scho­ben wer­den. Die Flücht­lings­in­dus­trie wird dies sicher erleich­tert zur Kennt­nis neh­men, ergibt sich hier doch ein mög­li­cher kau­sa­ler Zusam­men­hang aus Ver­zweif­lung und Tat­mo­tiv. …oder viel­leicht ja auch nicht, denn Anis A. war „hoch­mo­bil”, hat­te dum­mer­wei­se kei­ne Papie­re und benutz­te ver­schie­de­ne Namen – in sol­chen Fäl­len ist die Jus­tiz des Her­ein­wan­de­rungs­lan­des Deutsch­land natür­lich machtlos!

** Ich müss­te kor­rek­ter­wei­se von Selbst­to­le­ranz spre­chen, aber Hor­ror auto­to­xi­cus klingt in dem Kon­text ein­fach bes­ser! Ver­ehr­ter Paul Ehr­lich, dan­ke für die­ses unfrei­wil­li­ge aber pas­sen­de Bild.

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3 Kommentare

  1. PS
    weil der­zeit soviel von Sicher­heit gespro­chen wird, auch in Ihrem Text, und jemand aus polit.Kaste sag­te, wir müs­sen uns damit Abfin­den nicht mehr in den 80ern zu leben; muss ich mich schon sehr wun­dern, dass es jetzt erst auf­fällt. Seit den 90ern geht’s berg­ab damit und isla­mi­sche Jung­män­ner Gewalt nahm stän­dig zu, wir wer­den nie wie­der so frei sein wie in den 80ern

  2. Dan­ke für den her­vor­ra­gen­den Text und die tol­len Bil­der in denen Sie Situa­tio­nen pas­send beschreiben.
    Übri­gens selt­sam, dass Maas die Sache an sich riss und so rasch nach Karls­ru­he wan­der­te und nicht vor Ort wäh­rend des Ver­hörs des ers­ten Ver­däch­ti­gen (kri­mi­nel­le Delik­te, ille­gal etc.), der Lkw unter­sucht wur­de und erst nach­dem der Nacht­wan­de­rer aus dem Tier­gar­ten (bekannt für Über­fäl­le) auf frei­em Fuss ist, fin­det man die Papie­re vom zwei­ten Ver­däch­ti­gen und schrei­tet letz­te Nacht end­lich zur Tat den zu suchen!? Offen­bar bas­telt man gera­de an einem Amok­lauf, wie wei­land in Mün­chen, wo der gut vor­be­rei­te­te „spon­ta­ne” Amok­läu­fer Aluha akbar schrie…

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