siedlerDas öffentlich-rechtliche Fernse­hen in Deutsch­land schaffte es inner­halb ein­er Woche, gle­ich zwei Doku­men­ta­tio­nen mit jüdis­chem Bezug zu senden. Inter­es­sant sind die unter­schiedlichen Sende­plätze. Während die ARD am 26.9.2016 mit einem Bericht über Anti­semitismus in Deutsch­land „Jude. Deutsch­er. Ein Prob­lem?“, erst um 23:30 Uhr auf Sendung ging, startete arte am Tag darauf gle­ich 20:15 Uhr mit dem Zweit­eil­er „Die Siedler der West­bank“, zur besten Sendezeit. Zufall? Ich glaube nicht. Der Gegen­stand der ARD-Doku bet­rifft uns alle, da ist es dem Zuschauer wohl nicht zuzu­muten, sich damit selb­stkri­tisch auseinan­derzuset­zten. Ein Kon­flikt, der tausende Kilo­me­ter weit weg ist und seit Jahrzehn­ten schwelt, lässt sich moralisch viel fol­gen­los­er für europäis­che Befind­lichkeit­en bew­erten. Main­stream-Empörung im Ganzweitweg bedi­ent die Spitzen­ziel­gruppe der Israelverurteil­er und Palästi­naver­ste­her. So denken wohl zumin­d­est die Ver­ant­wortlichen der Sender.

Die Siedler der Westbank

Eines vor­weg: Wenn man die Bilder der Doku sieht, die wun­der­schöne Land­schaft, die Hügel von Samaria und Judäa, die Wadis, Oliven­haine und Straßen, die sich wie dünne Schlangen durch die Land­schaft ziehen, möchte man am lieb­sten gle­ich dor­thin. Die staubige Luft einat­men, die Bäume berühren und auf einem der Hügel sitzend auf die dun­sti­gen Hor­i­zonte hin­ter den Nach­barhügeln der Nach­barhügel starren.

Doch Vor­sicht! Es lauert der Siedler dort! Der jüdis­che Siedler, der sich wed­er von sein­er Regierung noch vom unklaren Sta­tus des Lan­des von diesen Hügeln fern­hal­ten ließ und sich auf den Weg machte, genau da zu leben, wo er sein­er Mei­n­ung nach leben solle. Es ist zugegeben­er­maßen schwierig, sich in die Gedanken­welt von Men­schen ver­set­zen zu wollen, denen ein Stück Land, das nicht viel mehr bietet als Staub und Steine, heilig ist. Es erscheint dem durch­schnit­tlichen Mit­teleu­ropäer ger­adezu grotesk, all seine Energie, das Leben der Fam­i­lie und deren Zukun­ft an einen Fleck­en Erde zu binden, dessen Sta­tus besten­falls umstrit­ten ist. Mir erscheint es auch tol­lkühn, sich der per­ma­nen­ten Gefahr von gewalt­täti­gen Auseinan­der­set­zun­gen mit den ara­bis­chen Nach­barn auszuset­zen. Es ist nicht meine Welt, aber eine Welt, die ich gern bess­er ver­ste­hen würde. Kann der Film mir dabei helfen?

Ich denke, nein. Denn dieser Film der schö­nen Bilder hat einige hässliche inhaltliche Schwächen. Der Kar­di­nalfehler scheint mir zu sein, dass der Film, so wie er gesendet wurde, wed­er in Deutsch­land noch in Frankre­ich die richtige Ziel­gruppe find­en kann. Es ist ein Film aus Israel, gemacht von Israelis für Israelis, die in Bezug auf ihre Siedler zwar eine ähn­lich ambiva­lente Ein­stel­lung haben wie viele Europäer, aber über das wie, wo, wann und wieviel deut­lich bess­er informiert sind, als wir in Europa. Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen wer­den als bekan­nt voraus­ge­set­zt oder deren Fehlen in Deutsch­land und Frankre­ich bil­li­gend ins Kalkül gezo­gen. Eben­so die Tat­sache, dass die Inter­view­part­ner nicht „die Siedler“ sind, son­dern nur ein klein­er Teil von ihnen. Ein lauter Teil allerd­ings. Ver­fol­gt man die Doku hier in Deutsch­land, ver­fes­tigt sich im Durch­schnitt lei­der der Ein­druck, die Siedler stehlen den Arabern das Land. Es mag solche Fälle geben, die Regel sind sie nicht. Der Film stellt hier nur Behaup­tun­gen auf, deren Beweis er schuldig bleibt. Ein Araber, der mit dem Fin­ger auf einen Hügel zeigt und sagt „das gehört mir“, ist kein Beweis. Welch­es Unrecht bege­ht aber ein Jude, der in Samaria ein Stück Land kauft, um dort ein Haus zu bauen? Oder eine Woh­nung dort mietet, weil er sich ein schick­es Loft in Tel Aviv nicht leis­ten kann? Dessen Kauf- oder Mietver­trag woll­ten die Filmemach­er jeden­falls auch nicht sehen, es genügt ja schon der Hin­weis „Siedler“, um ihn ins Unrecht zu set­zten. Macht ihn das zum „Siedler“, dem die hiesige Presse gern noch das Prädikat „mil­i­tant“ vorauss­chickt? Das Argu­ment, als Siedler vom ara­bis­chen Nach­barn mit Arg­wohn betra­chtet zu wer­den, der sich um eine Wei­demöglichkeit für seine Schafe gebracht sieht oder das Land gern selb­st kaufen wollte, scheint nur für die „West­bank“ zu gel­ten – kein Deutsch­er würde sich durch solch schlechte Nach­barslaune vom Kauf ein­er Fin­ca auf Mal­lor­ca oder einem Ferien­haus im Tessin abhal­ten lassen. Kein Spanier oder Ital­iener würde die Teu­to­nen deshalb als Siedler beze­ich­nen. Mil­i­tant schon deshalb nicht, weil man die Teu­to­nen nicht vor ihren spanis­chen und ital­ienis­chen Nach­barn beschützen muss, weil sie im Land ihrer Träume ihres Lebens nicht sich­er sein könnten.

Argu­mente, die für die Siedler sprächen, scheint es in dem Film nicht zu geben – es sei denn, sie sind religiös und lassen sich aus der Tora ableit­en – nichts also, für das der durch­schnit­tlichen Fran­zosen oder Deutsche auch nur ein Gran Ver­ständ­nis auf­brächte. Ver­ständ­nis für mus­lim­is­che Befind­lichkeit­en in Deutsch­land bringt man gern auf, jüdis­che religiöse Fun­da­men­tal­is­ten haben da schon weniger Glück. Ich denke, in Israel ist das ein klein wenig anders, auch wenn selb­st dort ein Teil der Bevölkerung nur gen­ervt den Kopf schüt­telt über das, was in Samaria und Judäa passiert.

Verengter Blick

Je kom­plex­er ein Prob­lem ist, umso ver­lock­ender ist es, sich für die Betra­ch­tung nur einen kleinen Teilaspekt her­auszu­greifen und nur zu betra­cht­en, welche Schat­ten dieser wirft. Blendet man dabei aber alle Schat­ten aus, die von ander­er Seite auf diesen Teilaspekt fall­en, wird eine Black­box aus dem Prob­lem. Genau dies tut der Film. Diese Black­box sieht am Ende des Films etwa so aus: Siedler gehen rein, palästi­nen­sis­ches Leid kommt her­aus. Oder etwas polemis­ch­er: Wo ein Siedler ist, gibt es ein Prob­lem für den Frieden. Und zwar für den israelis­chen Staat, für die Araber, für die Armee, für die Demokratie. Ganz so, als gäbe es keine anderen, pos­i­tiv­en Effek­te, als hätte es sie nie gegeben, als dürfe es sie nicht geben. Aber auch Siedler arbeit­en, bestellen Felder und entwick­eln das Land, ziehen Kinder groß…was uns zu einem weit­eren Prob­lem des Films führt, der Zeit.

Wenn heute vom Gebi­et der soge­nan­nten West­bank gesprochen wird, set­zt man als gegeben voraus, dass Juden erst mit der Eroberung dieses Gebi­etes von der Jor­danis­chen Armee im Jahre 1967 dor­thin kamen. Als Sol­dat­en und Siedler. Der Film tut dies auch. Aber Juden lebten dort schon Jahrhun­derte lang als unter­drück­te Minorität unter Mameluck­en, Osma­n­en und Briten. Das ara­bis­che Mas­sak­er an Juden in Hebron hätte im Jahr 1929 wohl kaum ohne die mas­sakri­erten Juden stat­tfind­en kön­nen, oder? Und damals war der Staat Israel noch nicht mal in Sicht, Siedler gab es auch noch keine, nur Men­schen, die dort lebten: Araber, Juden, Chris­ten und Andere. Ähn­lich ist es in allen größeren Orten in der West­bank. Über­all lebten auch Juden, ara­bis­che Juden. Gemein­sam mit ara­bis­chen Mus­li­men und Chris­ten, mal bess­er, mal schlechter. Nach sein­er Grün­dung wurde Israel von allen seinen Nach­barn sofort mit Krieg über­zo­gen, der de fac­to bis heute anhält. Die Vertrei­bun­gen der jüdis­chen Ein­wohn­er aus den ara­bis­chen Län­dern im Jahr 1948 traf z. B. auch die Bewohn­er von Hebron, das von Jor­danis­chen Trup­pen annek­tiert wurde, genau wie der Rest der soge­nan­nten West­bank. Wenn also 19 Jahre später wieder Juden nach Hebron kamen, kann man nur schw­er von den „ersten Siedlern“ sprechen, wie der Film dies tut.

Aber das sind alles nur Zahlen­spiele. Denn es ist die eine entschei­dende Frage, die der Film nicht beant­wortet: Wer bes­timmt, wo Juden leben dür­fen, und wo nicht – und zwar deshalb, weil sie Juden sind. Ist es die Vierte Gen­fer Kon­ven­tion, die es einem Juden ver­bi­etet, nach Samaria zu ziehen? Diese spricht aber nur davon, dass ein Land in Gebi­eten, die von sein­er Armee beset­zt gehal­ten wer­den, keine Umsied­lun­gen sein­er Bevölkerung dor­thin vornehmen darf, unter Zwang! Die „Siedler“ sind aber auss­chließlich frei­willig dort, außer­dem gegen Bitte und Empfehlung ihrer Regierung. Selb­st wenn heute nicht wenige Men­schen aus wirtschaftlichen Grün­den und weil das Leben in den Sied­lun­gen bil­liger ist als zum Beispiel in Jerusalem oder Tel Aviv sich gezwun­gen sehen, dort zu leben, ist es die israelis­che Regierung, die sich gezwun­gen sieht, auf die Siedler aufzu­passen, die Sied­lun­gen zu erschließen und zu entwick­eln, weil deren ara­bis­che Nach­barn nicht dazu zu bewe­gen sind, in Frieden mit den jüdis­chen Siedlern zu leben. Die palästi­nen­sis­che Autonomiebe­hörde glaubt auf jeden Fall, über den Aufen­thalt von Juden bes­tim­men zu kön­nen, denn nach deren Willen ist im Staat Palästi­na kein Platz für Juden. Und zwar nicht für einen einzi­gen. Warum nur ist dann in Israel Platz für zwei Mil­lio­nen Araber?

So war das nicht geplant

Da Frau Merkel die Uhr gern um Jahre zurück­drehen möchte, kön­nen wir das doch auch mal ver­suchen. Schauen wir zurück ins Jahr 1948 und ver­suchen, möglichst nicht diesel­ben Fehler zu machen, wie die Akteure von damals. Gren­zen wur­den gezo­gen, wie man das schon immer gemacht hat. Län­der wur­den geschaf­fen, wie das schon immer geschah. Was war also anders, als der UN-Beschluss die Teilung eines Teils der Lev­ante vor­sah? Ein ara­bis­ch­er Staat mehr oder weniger, was machte das schon. Es wur­den schon andere gegrün­det, deren Exis­tenzberech­ti­gung in der Fol­gezeit nie in Frage stand. Aber der andere Teil, Israel, sollte ein jüdis­ch­er Staat wer­den und sowas hat­te es in der Neuzeit noch nie gegeben: Juden, die über ihr Schick­sal selb­st bes­tim­men. Je mehr sich die ara­bis­che Welt gegen die Exis­tenz Israels stemmte, umso tiefer grub sich Israel in Fels und Sand. Jed­er Schritt Israels in Rich­tung Mod­erne ver­an­lasste seine Nach­barn dazu, sich einen Schritt weit­er in Rich­tung Extrem­is­mus und Mit­te­lal­ter zu bewe­gen. Die Uhr zurück zu drehen würde lei­der nichts nützen, denn kein Ereig­nis zwis­chen der Rede Ben Guri­ons über die Dekla­ra­tion Israels und der Kriegserk­lärung sämtlich­er ara­bis­ch­er Staat­en kurze Zeit später kön­nte so geän­dert wer­den, dass es diesen Krieg nie gegeben hätte.

Welche Wahrheit möchte man hören: die bequeme oder die schreckliche?

Um die Beant­wor­tung ein­er Frage drückt sich die israelkri­tis­che europäis­che Öffentlichkeit und lei­der auch der Film trotz seines Siedler-Bezuges immer wieder herum: Was wäre denn, wenn die Siedler in Judäa und Samaria ein­fach Bürg­er eines Staates Palästi­na wären, dort Steuern zahlten, an Wahlen teil­näh­men und vielle­icht ein paar Abge­ord­nete ein­er JPP, ein­er „jew­ish par­ty of pales­tine“ ins Par­la­ment nach Ramal­lah entsenden wür­den? Palästi­nen­sis­che Sicher­heit­skräfte wür­den sich um den Schutz der „Siedler“ küm­mern, die ihre Waren nach Israel exportieren kön­nten. Dieses Szenario stellt zwei Fra­gen: Erstens, definieren sich die Siedler zuerst als Israelis, oder als Juden? Und wenn es – wie ich ver­mute – eher die jüdis­che Iden­tität ist, die Men­schen dazu bringt, in Samaria auf dem Land zu leben, das ihnen heilig ist, warum hat die ara­bis­che Seite ein Prob­lem mit poten­ziellen Mit­bürg­ern auf­grund ihrer jüdis­chen Iden­tität. Anders gefragt: Wer hat eigentlich fest­gelegt, dass Samaria und Judäa „Juden­rein“ zu seien haben und wofür sollte das gut sein? Wed­er Israel noch irgen­dein ander­er Staat auf der weit­en Welt ist „Araber­rein“ oder „Moslem­rein“. Was ist das nur für ein Prob­lem, das die Araber aus­gerech­net mit den Juden haben, beson­ders, wenn diese nicht als unter­priv­i­legierte, Min­der­heit unter mus­lim­is­ch­er Herrschaft leben wollen, die Klappe hal­ten und ab und an ein kleines Pogrom kla­g­los über sich erge­hen lassen wollen? Wäre es nicht so, dass selb­st wenn man jet­zt per Fin­ger­schnipp einen funk­tion­ieren­den Ter­ri­to­ri­al­staat Palästi­na in der West­bank erzeu­gen kön­nte, Israel immer noch dessen wichtig­ster Nach­bar sein würde, mit dessen Wirtschaft er noch immer eng verzah­nt bleiben würde? Müsste nicht vielmehr die Akzep­tanz der Anwe­sen­heit von Juden in der West­bank genau­so selb­stver­ständlich sein, wie es die Anwe­sen­heit von Arabern in Israel bere­its ist? Die Tat­sache, dass es der Weltöf­fentlichkeit kom­plett egal ist, wenn Araber in Israel „siedeln“, während sie sich darüber aufregt, dass Juden das­selbe in Samaria machen, zeigt, dass es wie so oft bei Israel-The­men Dop­pel­stan­dards gibt.

Dabei gibt es sie natür­lich wirk­lich, die Typen unter den Siedlern, die man mit Fug und Recht als durchgek­nallt beze­ich­nen kann. Die Idee eines Großis­rael vom Nil bis zum Euphrat, die als eine Art verbindende Idee der Siedler­be­we­gung kurz vor Ende des Films die Hand­lung eingewebt wurde, ist eine solche Spin­nerei. Die Anzahl der Men­schen, die ein solch­es „Reich“ für möglich hal­ten, dürfte prozen­tu­al etwa den Anhängern der Chem­trail-Ver­schwörungs­the­o­rie entsprechen. In ein­er plu­ral­is­tis­chen Demokratie wie in Israel muss man auch diese Typen ertra­gen, ihre Mei­n­ung muss man nicht teilen.

Was soll man denn nun ler­nen aus diesem Film, wo steckt die Wahrheit und welche genau soll es sein? Die bequeme Wahrheit, der auch viele Europäer fol­gen, sieht etwa so aus: Israel räumt alle beset­zten Gebi­ete, kon­se­quenter­weise auch gle­ich auch die von 1948, erst dann wäre die PA zufrieden. Die Israelis stellen sich dann mit hochgekrem­pel­ten Hosen ins Mit­telmeer und fragt die neuen ara­bis­chen Her­ren, ob man vielle­icht irgend­wo behil­flich sein kann. Fol­gte man der ara­bis­chen Parole, dass alle Juden „dahin gehen sollen, wo sie herkom­men“, müsste zumin­d­est ein Teil in der Lev­ante bleiben, andere müssten dann schauen, ob sie noch die Schlüs­sel zu den Häusern in Alge­rien, Tune­sien, Irak, Jor­danien, Ägypten, Rus­s­land, Polen, Deutsch­land, Frankre­ich oder dem Iran haben, aus denen sie einst ver­trieben wur­den. Denn merke: Araber vertreiben ist schlecht, wenn aber Juden ver­trieben wer­den, zählt das irgend­wie nicht. Komisch, oder? Auch hier gibt es offen­sichtlich Dop­pel­stan­dards. Die ein­fache Wahrheit bemän­telt die Lüge von der friedlichen Vor-Israel-Zeit, der sich wed­er die über Israel empörte Öffentlichkeit noch der Film stellt. Sie funk­tion­iert nur zum Preis der total­en Ver­nich­tung Israels. Wer glaubt, dies fordern zu dür­fen, soll sich zum Teufel scheren!

Die schreck­liche Wahrheit ist, dass es nach allen Erfahrun­gen der let­zten 60 Jahre ziem­lich egal ist, was Israel tut. Wenn es nicht funk­tion­iert, ist immer Israel schuld. Wenn zum Beispiel die Chris­ten Beth­le­hem ver­lassen, nach­dem die voll­ständi­ge Kon­trolle der Stadt auf die PA (pales­tin­ian author­i­ty) überge­gan­gen ist, hat die israelis­che Besatzung Schuld daran (man frage mich nicht, wie das geht). Wenn Israel mein­er Mei­n­ung nach aus pur­er Verzwei­flung eine pot­thässliche, acht Meter hohe Mauer um sein Ter­ri­to­ri­um zieht, die genau das leis­tet, was sie soll – näm­lich den freien kleinen Gren­zverkehr für Selb­st­mor­dat­ten­täter zu been­den – ist das nicht die Schuld der Atten­täter, son­dern, sehr richtig: Israels Schuld. Wenn ein Jude sich nicht in Jenin, Ramal­lah, Gaza oder 99% von Hebron aufhal­ten kann, ohne gelyncht zu wer­den, ist natür­lich auch der Jude schuld – weil er die Frech­heit besitzt, zu existieren. Die schreck­liche Wahrheit ist, dass es der islamis­che Anti­semitismus ist, der jede ter­ri­to­ri­ale Ent­flech­tung von Israel und Palästi­na immer wieder unmöglich und im Ver­suchs­fall immer zur Falle für Israel macht. Das ist ein entschei­den­der Grund für die Unter­stützung, zu der sich die israelis­che Regierung für die Siedler mal mehr, mal weniger frei­willig entschließt. Gaza ist der beste Beweis dafür, wie es bess­er nicht laufen sollte. Dort ende­ten die „Sied­lun­gen“ genau am 12. Sep­tem­ber 2005 mit ein­er gnaden­losen Räu­mung, die genau der palästi­nen­sis­chen Max­i­mal­forderung entsprach. Kein Jude hält sich seit­dem im Gaza-Streifen auf. Die Welt stutzte kurz, denn das hat­te man dem „Hard­lin­er“ Sharon nun wirk­lich nicht zuge­traut. Doch dann schaute man nur noch inter­essiert zu, wie das Hard­lin­er-Regime der islamistis­chen Hamas die Macht im Gaza-Streifen an sich riss. Wie ste­hen eigentlich die Wet­ten, was nach einem Abzug der Israelis aus der West­bank dort passieren würde? Ich hätte da einen sicheren Tipp. Ich würde sog­ar wet­ten, dass Jor­danien seine Gren­ze zur West­bank genau­so dicht macht­en würde, wie Ägypten dies zum Gaza­s­treifen hin getan hat — und zwar eben­so ohne Gren­zübergänge. Ein­fach aus der berechtigten Angst her­aus, von islamistis­chen Ter­ror­is­ten über­ran­nt zu wer­den. Und wed­er im Fall Ägyptens, noch im Fall Jor­daniens kön­nte man ern­sthaft von „Islam­o­pho­bie“ schwadronieren, oder?

Gäbe es den islamis­chen Anti­semitismus nicht, der sich auch gern als Antizion­is­mus tarnt, gäbe es keinen Anlass für einen Araber in Samaria, sich vor seinem jüdis­chen Nach­barn zu fürcht­en – und umgekehrt. Der Kampf, der im soge­nan­nten „heili­gen Land“ geführt wird, find­et nicht um Land, son­dern in den Köpfen statt. Die Doku­men­ta­tion „Die Siedler der West­bank“ lässt sich bei vorurteil­be­lade­nen Men­schen lei­der viel zu leicht als Sprengsatz ver­wen­den. Das ist schade, denn der Blick, den sie in die Welt der Siedler wirft, ist ungewöhn­lich und interessant.

Auch erschienen auf achgut.com

Nach­trag: In ein­er früheren Ver­sion des Textes hat­te ich das Mas­sak­er von Hebron fälschlicher­weise auf das Jahr 1923 datiert, richtig ist natür­lich 1929. Die Kor­rek­tur war auch längst erfol­gt, ich hat­te vor Veröf­fentlichung des Textes schlicht vergessen zu speichern. 

Ich bin ehrlich gesagt ziem­lich stolz auf meine Leser, die sich den Text offen­sichtlich sehr genau durchge­le­sen haben, und ein solch­es Detail nicht über­sa­hen. Danke für Eure Aufmerksamkeit.

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10 Kommentare

    • Du hast recht. Stand auf mein­er Kor­rek­turliste, ist aber dem Schlen­dri­an zum Opfer gefall­en. Danke fürs finden…wird korrigiert.

  1. Charme­of­fen­sive und Beissholz

    Unser Mann im Nahen Osten, Markus Rosch, der Rohani unter den inves­tiga­tiv­en Aufk­lär­ern, hat im Auf­trag der GEZ-finanzierten Sendeanstal­ten eine Charme­of­fen­sive ges­tartet, wohl auch, um den Schmäh des let­zten Males, als er mit seinen allzu ver­dreht­en Tat­sachen über Israels Wasser­wirtschaft nicht ganz durchkam, zu rehabilitieren.
    Hier nun ver­sucht er, Ver­söh­nung und Völk­erver­ständi­gung darzustellen — natür­lich wieder nur von Seit­en des wahren Opfer­volkes, den — ja, Sie ahnen es — Palästinensern.
    Es fand sich endlich ein­er, der sich mit der Geschichte der europäis­chen Ver­nich­tung der Juden auseinan­der­set­zt, in Form ein­er Broschüre in ara­bis­ch­er Schrift. Eigentlich gut so. Die Frage ist nur, was passiert mit Mohammed Dajani, wenn das Inter­view vor­bei ist und was wer­den Hamas, Abbas und Co. mit der gewiss gut­ge­mein­ten Broschüre anstellen? Doch das wird Markus Rosch nicht mehr interessieren.
    http://www.tagesschau.de/videoblog/nahost_ganz_nah/dajani-holocaust-101.html
    Und auch hier ist der ARD-Nahostko­r­re­spon­dent nicht in der Lage, die andere Lan­dessprache Israels nach Hebräisch anzuwen­den, näm­lich Ara­bisch. Er bedi­ent sich wieder­holt seines zün­ftig bay­erisch einge­färbten Englisch, denn son­st scheint er nichts anderes zu kön­nen. Da fragt man sich, was ihn eigentlich als Jour­nal­ist dort let­z­tendlich qual­i­fiziert, und wer ihn denn um Him­mels Willen auf den Nahen Osten los­ge­lassen hat. Als ob es da nicht bere­its mehr als genug unterbeschäftigte Schreiber und Autoren für europäis­che und inter­na­tionale Zeitun­gen und Sender gäbe, die sich an den ein­schlägi­gen Check­pi­onts, Apartheit-Mauern und anderen Orten des jüdis­chen Impe­ri­al­is­mus die Klinke in die Hand geben. 

    Doch da haben wir die Rech­nung ohne ARD und http://www.arte.tv/de gemacht, wo „Wie tick­en die Siedler der West­bank?“ gle­ich oben als erstes auf der Start­seite ste­ht. Denn zum Aus­gle­ich für den char­man­ten Markus Rohani Rosch fand sich — endlich wieder! — ein Vorzeige-Israeli, der es ganz genau nimmt mit den Verhältnissen:

    http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Dokumentarfilm-im-Ersten-Die-Siedler-de/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=38005108

    Diese drama­tis­che und nur mit Beis­sholz zu ertra­gende Doku ist schliesslich von nie­mand anderem als Shi­mon Dotan und der muss es ja wissen.
    Wobei die Frage sich auf­drängt, was denn hier­bei genau doku­men­tiert wer­den soll. Das sind also DIE Siedler der West­bank? Im Umkehrschluss müsste man eine Doku­men­ta­tion über ganz Gesamt-Deutsch­land machen, in dem es nur so von gefühlt 95% durchgek­nall­ten aus­län­der­has­senden bil­dungs­frem­den unter­be­lichteten AfD-Sach­sen wim­melt, die alle Fäden in der Hand haben und Berlin sowie die west­liche Welt gän­geln. Oder ersatzweise ein paar aus dem feucht­en Dunkel her­vorgez­er­rte Fla­men, die Bel­gien ter­ror­isieren und repräsen­ta­tiv für ganz Benelux stehen.
    Denn so absurd und bizarr wer­den die Siedler hier dargestellt.
    Wäre das glaub­haft, fundiert recher­chiert und öffentlich-rechtlich subventioniert?
    Wenn es in erprobter Form gegen Israel geht, also Israel-Kri­tik human­is­tisch ver­dreht­en Israel-Hass gener­iert und empörter Anti­semitismus endlich freien Lauf hat, mag die deutsche Volksseele nichts lieber, als diese zwang­haften Nei­gun­gen zu verk­lausulieren und nach unten wegzudelegieren; am besten gle­ich an einen Juden. Und — Cha­peau! — an einen aus Israel.
    Wer will da noch etwas richtig­stellen wollen oder gar widersprechen?
    Auss­er nie­mand anderes als die Jüdis­che All­ge­meine ( http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/26544 ) oder lei­der nur
    die komisch riechende christliche Seite der Berichter­stat­tung ( http://www.kath.net/news/56889 ).

    Und ich habe mir die „Doku­men­ta­tion“ auch noch ange­se­hen, deren Quin­tes­senz aus Halb­wahrheit­en und Lügen nur eines ist:
    Demokratie und Juden­tum sind nicht vereinbar.
    Nun muss ich erst­mal an die frische Luft.
    Tief dur­chat­mend: H. Koch, Hamburg

    • Meine Hochachtung. Ich habe mir übri­gens mal einige ara­bis­che Fernsehsendun­gen über Juden ange­se­hen (ich geste­he, mit Unter­titeln), und danach hät­ten Sie ein Sauer­stof­fzelt gebraucht, ich jeden­falls. Eige­nar­tig, dass das deutsche Fernse­hen über die ara­bis­che Het­zpro­pa­gande nie etwas bringt.

  2. „Während die ARD am 26.9.2016 mit einem Bericht über Anti­semitismus in Deutsch­land „Jude. Deutsch­er. Ein Prob­lem?“, erst um 23:30 Uhr auf Sendung ging, startete arte am Tag darauf gle­ich 20:15 Uhr mit dem Zweit­eil­er „Die Siedler der West­bank“, zur besten Sendezeit. Zufall? Ich glaube nicht.“
    Ihnen ist schon klar, dass ARD 23.30 deut­lich mehr Zuschauer hat als der Spatensender ARTE 20.15?

  3. Es wäre doch so ein­fach. Die Siedler nen­nen sich „Flüchtlinge“ oder „Schutz­suchende“, die in der Hoff­nung auf ein besseres Leben frei von *hier melo­drama­tis­ches Zeugs ein­set­zen* in die West­bank geflo­hen sind, und schon sind unsere Gut­men­schsim­ple­tons zufrieden.

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