siedlerDas öffent­lich-recht­li­che Fern­se­hen in Deutsch­land schaff­te es inner­halb einer Woche, gleich zwei Doku­men­ta­tio­nen mit jüdi­schem Bezug zu sen­den. Inter­es­sant sind die unter­schied­li­chen Sen­de­plät­ze. Wäh­rend die ARD am 26.9.2016 mit einem Bericht über Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land „Jude. Deut­scher. Ein Pro­blem?“, erst um 23:30 Uhr auf Sen­dung ging, star­te­te arte am Tag dar­auf gleich 20:15 Uhr mit dem Zwei­tei­ler „Die Sied­ler der West­bank“, zur bes­ten Sen­de­zeit. Zufall? Ich glau­be nicht. Der Gegen­stand der ARD-Doku betrifft uns alle, da ist es dem Zuschau­er wohl nicht zuzu­mu­ten, sich damit selbst­kri­tisch aus­ein­an­der­zu­setz­ten. Ein Kon­flikt, der tau­sen­de Kilo­me­ter weit weg ist und seit Jahr­zehn­ten schwelt, lässt sich mora­lisch viel fol­gen­lo­ser für euro­päi­sche Befind­lich­kei­ten bewer­ten. Main­stream-Empö­rung im Gan­zweit­weg bedient die Spit­zen­ziel­grup­pe der Israel­ver­ur­tei­ler und Paläs­ti­na­ver­ste­her. So den­ken wohl zumin­dest die Ver­ant­wort­li­chen der Sender.

Die Siedler der Westbank

Eines vor­weg: Wenn man die Bil­der der Doku sieht, die wun­der­schö­ne Land­schaft, die Hügel von Sama­ria und Judäa, die Wadis, Oli­ven­hai­ne und Stra­ßen, die sich wie dün­ne Schlan­gen durch die Land­schaft zie­hen, möch­te man am liebs­ten gleich dort­hin. Die stau­bi­ge Luft ein­at­men, die Bäu­me berüh­ren und auf einem der Hügel sit­zend auf die duns­ti­gen Hori­zon­te hin­ter den Nach­bar­hü­geln der Nach­bar­hü­gel starren.

Doch Vor­sicht! Es lau­ert der Sied­ler dort! Der jüdi­sche Sied­ler, der sich weder von sei­ner Regie­rung noch vom unkla­ren Sta­tus des Lan­des von die­sen Hügeln fern­hal­ten ließ und sich auf den Weg mach­te, genau da zu leben, wo er sei­ner Mei­nung nach leben sol­le. Es ist zuge­ge­be­ner­ma­ßen schwie­rig, sich in die Gedan­ken­welt von Men­schen ver­set­zen zu wol­len, denen ein Stück Land, das nicht viel mehr bie­tet als Staub und Stei­ne, hei­lig ist. Es erscheint dem durch­schnitt­li­chen Mit­tel­eu­ro­pä­er gera­de­zu gro­tesk, all sei­ne Ener­gie, das Leben der Fami­lie und deren Zukunft an einen Fle­cken Erde zu bin­den, des­sen Sta­tus bes­ten­falls umstrit­ten ist. Mir erscheint es auch toll­kühn, sich der per­ma­nen­ten Gefahr von gewalt­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den ara­bi­schen Nach­barn aus­zu­set­zen. Es ist nicht mei­ne Welt, aber eine Welt, die ich gern bes­ser ver­ste­hen wür­de. Kann der Film mir dabei helfen?

Ich den­ke, nein. Denn die­ser Film der schö­nen Bil­der hat eini­ge häss­li­che inhalt­li­che Schwä­chen. Der Kar­di­nal­feh­ler scheint mir zu sein, dass der Film, so wie er gesen­det wur­de, weder in Deutsch­land noch in Frank­reich die rich­ti­ge Ziel­grup­pe fin­den kann. Es ist ein Film aus Isra­el, gemacht von Israe­lis für Israe­lis, die in Bezug auf ihre Sied­ler zwar eine ähn­lich ambi­va­len­te Ein­stel­lung haben wie vie­le Euro­pä­er, aber über das wie, wo, wann und wie­viel deut­lich bes­ser infor­miert sind, als wir in Euro­pa. Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen wer­den als bekannt vor­aus­ge­setzt oder deren Feh­len in Deutsch­land und Frank­reich bil­li­gend ins Kal­kül gezo­gen. Eben­so die Tat­sa­che, dass die Inter­view­part­ner nicht „die Sied­ler“ sind, son­dern nur ein klei­ner Teil von ihnen. Ein lau­ter Teil aller­dings. Ver­folgt man die Doku hier in Deutsch­land, ver­fes­tigt sich im Durch­schnitt lei­der der Ein­druck, die Sied­ler steh­len den Ara­bern das Land. Es mag sol­che Fäl­le geben, die Regel sind sie nicht. Der Film stellt hier nur Behaup­tun­gen auf, deren Beweis er schul­dig bleibt. Ein Ara­ber, der mit dem Fin­ger auf einen Hügel zeigt und sagt „das gehört mir“, ist kein Beweis. Wel­ches Unrecht begeht aber ein Jude, der in Sama­ria ein Stück Land kauft, um dort ein Haus zu bau­en? Oder eine Woh­nung dort mie­tet, weil er sich ein schi­ckes Loft in Tel Aviv nicht leis­ten kann? Des­sen Kauf- oder Miet­ver­trag woll­ten die Fil­me­ma­cher jeden­falls auch nicht sehen, es genügt ja schon der Hin­weis „Sied­ler“, um ihn ins Unrecht zu setz­ten. Macht ihn das zum „Sied­ler“, dem die hie­si­ge Pres­se gern noch das Prä­di­kat „mili­tant“ vor­aus­schickt? Das Argu­ment, als Sied­ler vom ara­bi­schen Nach­barn mit Arg­wohn betrach­tet zu wer­den, der sich um eine Wei­de­mög­lich­keit für sei­ne Scha­fe gebracht sieht oder das Land gern selbst kau­fen woll­te, scheint nur für die „West­bank“ zu gel­ten – kein Deut­scher wür­de sich durch solch schlech­te Nach­bars­lau­ne vom Kauf einer Fin­ca auf Mal­lor­ca oder einem Feri­en­haus im Tes­sin abhal­ten las­sen. Kein Spa­ni­er oder Ita­lie­ner wür­de die Teu­to­nen des­halb als Sied­ler bezeich­nen. Mili­tant schon des­halb nicht, weil man die Teu­to­nen nicht vor ihren spa­ni­schen und ita­lie­ni­schen Nach­barn beschüt­zen muss, weil sie im Land ihrer Träu­me ihres Lebens nicht sicher sein könnten.

Argu­men­te, die für die Sied­ler sprä­chen, scheint es in dem Film nicht zu geben – es sei denn, sie sind reli­gi­ös und las­sen sich aus der Tora ablei­ten – nichts also, für das der durch­schnitt­li­chen Fran­zo­sen oder Deut­sche auch nur ein Gran Ver­ständ­nis auf­bräch­te. Ver­ständ­nis für mus­li­mi­sche Befind­lich­kei­ten in Deutsch­land bringt man gern auf, jüdi­sche reli­giö­se Fun­da­men­ta­lis­ten haben da schon weni­ger Glück. Ich den­ke, in Isra­el ist das ein klein wenig anders, auch wenn selbst dort ein Teil der Bevöl­ke­rung nur genervt den Kopf schüt­telt über das, was in Sama­ria und Judäa passiert.

Verengter Blick

Je kom­ple­xer ein Pro­blem ist, umso ver­lo­cken­der ist es, sich für die Betrach­tung nur einen klei­nen Teil­aspekt her­aus­zu­grei­fen und nur zu betrach­ten, wel­che Schat­ten die­ser wirft. Blen­det man dabei aber alle Schat­ten aus, die von ande­rer Sei­te auf die­sen Teil­aspekt fal­len, wird eine Black­box aus dem Pro­blem. Genau dies tut der Film. Die­se Black­box sieht am Ende des Films etwa so aus: Sied­ler gehen rein, paläs­ti­nen­si­sches Leid kommt her­aus. Oder etwas pole­mi­scher: Wo ein Sied­ler ist, gibt es ein Pro­blem für den Frie­den. Und zwar für den israe­li­schen Staat, für die Ara­ber, für die Armee, für die Demo­kra­tie. Ganz so, als gäbe es kei­ne ande­ren, posi­ti­ven Effek­te, als hät­te es sie nie gege­ben, als dür­fe es sie nicht geben. Aber auch Sied­ler arbei­ten, bestel­len Fel­der und ent­wi­ckeln das Land, zie­hen Kin­der groß…was uns zu einem wei­te­ren Pro­blem des Films führt, der Zeit.

Wenn heu­te vom Gebiet der soge­nann­ten West­bank gespro­chen wird, setzt man als gege­ben vor­aus, dass Juden erst mit der Erobe­rung die­ses Gebie­tes von der Jor­da­ni­schen Armee im Jah­re 1967 dort­hin kamen. Als Sol­da­ten und Sied­ler. Der Film tut dies auch. Aber Juden leb­ten dort schon Jahr­hun­der­te lang als unter­drück­te Mino­ri­tät unter Mame­lu­cken, Osma­nen und Bri­ten. Das ara­bi­sche Mas­sa­ker an Juden in Hebron hät­te im Jahr 1929 wohl kaum ohne die mas­sa­krier­ten Juden statt­fin­den kön­nen, oder? Und damals war der Staat Isra­el noch nicht mal in Sicht, Sied­ler gab es auch noch kei­ne, nur Men­schen, die dort leb­ten: Ara­ber, Juden, Chris­ten und Ande­re. Ähn­lich ist es in allen grö­ße­ren Orten in der West­bank. Über­all leb­ten auch Juden, ara­bi­sche Juden. Gemein­sam mit ara­bi­schen Mus­li­men und Chris­ten, mal bes­ser, mal schlech­ter. Nach sei­ner Grün­dung wur­de Isra­el von allen sei­nen Nach­barn sofort mit Krieg über­zo­gen, der de fac­to bis heu­te anhält. Die Ver­trei­bun­gen der jüdi­schen Ein­woh­ner aus den ara­bi­schen Län­dern im Jahr 1948 traf z. B. auch die Bewoh­ner von Hebron, das von Jor­da­ni­schen Trup­pen annek­tiert wur­de, genau wie der Rest der soge­nann­ten West­bank. Wenn also 19 Jah­re spä­ter wie­der Juden nach Hebron kamen, kann man nur schwer von den „ers­ten Sied­lern“ spre­chen, wie der Film dies tut.

Aber das sind alles nur Zah­len­spie­le. Denn es ist die eine ent­schei­den­de Fra­ge, die der Film nicht beant­wor­tet: Wer bestimmt, wo Juden leben dür­fen, und wo nicht – und zwar des­halb, weil sie Juden sind. Ist es die Vier­te Gen­fer Kon­ven­ti­on, die es einem Juden ver­bie­tet, nach Sama­ria zu zie­hen? Die­se spricht aber nur davon, dass ein Land in Gebie­ten, die von sei­ner Armee besetzt gehal­ten wer­den, kei­ne Umsied­lun­gen sei­ner Bevöl­ke­rung dort­hin vor­neh­men darf, unter Zwang! Die „Sied­ler“ sind aber aus­schließ­lich frei­wil­lig dort, außer­dem gegen Bit­te und Emp­feh­lung ihrer Regie­rung. Selbst wenn heu­te nicht weni­ge Men­schen aus wirt­schaft­li­chen Grün­den und weil das Leben in den Sied­lun­gen bil­li­ger ist als zum Bei­spiel in Jeru­sa­lem oder Tel Aviv sich gezwun­gen sehen, dort zu leben, ist es die israe­li­sche Regie­rung, die sich gezwun­gen sieht, auf die Sied­ler auf­zu­pas­sen, die Sied­lun­gen zu erschlie­ßen und zu ent­wi­ckeln, weil deren ara­bi­sche Nach­barn nicht dazu zu bewe­gen sind, in Frie­den mit den jüdi­schen Sied­lern zu leben. Die paläs­ti­nen­si­sche Auto­no­mie­be­hör­de glaubt auf jeden Fall, über den Auf­ent­halt von Juden bestim­men zu kön­nen, denn nach deren Wil­len ist im Staat Paläs­ti­na kein Platz für Juden. Und zwar nicht für einen ein­zi­gen. War­um nur ist dann in Isra­el Platz für zwei Mil­lio­nen Araber?

So war das nicht geplant

Da Frau Mer­kel die Uhr gern um Jah­re zurück­dre­hen möch­te, kön­nen wir das doch auch mal ver­su­chen. Schau­en wir zurück ins Jahr 1948 und ver­su­chen, mög­lichst nicht die­sel­ben Feh­ler zu machen, wie die Akteu­re von damals. Gren­zen wur­den gezo­gen, wie man das schon immer gemacht hat. Län­der wur­den geschaf­fen, wie das schon immer geschah. Was war also anders, als der UN-Beschluss die Tei­lung eines Teils der Levan­te vor­sah? Ein ara­bi­scher Staat mehr oder weni­ger, was mach­te das schon. Es wur­den schon ande­re gegrün­det, deren Exis­tenz­be­rech­ti­gung in der Fol­ge­zeit nie in Fra­ge stand. Aber der ande­re Teil, Isra­el, soll­te ein jüdi­scher Staat wer­den und sowas hat­te es in der Neu­zeit noch nie gege­ben: Juden, die über ihr Schick­sal selbst bestim­men. Je mehr sich die ara­bi­sche Welt gegen die Exis­tenz Isra­els stemm­te, umso tie­fer grub sich Isra­el in Fels und Sand. Jeder Schritt Isra­els in Rich­tung Moder­ne ver­an­lass­te sei­ne Nach­barn dazu, sich einen Schritt wei­ter in Rich­tung Extre­mis­mus und Mit­tel­al­ter zu bewe­gen. Die Uhr zurück zu dre­hen wür­de lei­der nichts nüt­zen, denn kein Ereig­nis zwi­schen der Rede Ben Gur­i­ons über die Dekla­ra­ti­on Isra­els und der Kriegs­er­klä­rung sämt­li­cher ara­bi­scher Staa­ten kur­ze Zeit spä­ter könn­te so geän­dert wer­den, dass es die­sen Krieg nie gege­ben hätte.

Welche Wahrheit möchte man hören: die bequeme oder die schreckliche?

Um die Beant­wor­tung einer Fra­ge drückt sich die israel­kri­ti­sche euro­päi­sche Öffent­lich­keit und lei­der auch der Film trotz sei­nes Sied­ler-Bezu­ges immer wie­der her­um: Was wäre denn, wenn die Sied­ler in Judäa und Sama­ria ein­fach Bür­ger eines Staa­tes Paläs­ti­na wären, dort Steu­ern zahl­ten, an Wah­len teil­näh­men und viel­leicht ein paar Abge­ord­ne­te einer JPP, einer „jewish par­ty of pales­ti­ne“ ins Par­la­ment nach Ramal­lah ent­sen­den wür­den? Paläs­ti­nen­si­sche Sicher­heits­kräf­te wür­den sich um den Schutz der „Sied­ler“ küm­mern, die ihre Waren nach Isra­el expor­tie­ren könn­ten. Die­ses Sze­na­rio stellt zwei Fra­gen: Ers­tens, defi­nie­ren sich die Sied­ler zuerst als Israe­lis, oder als Juden? Und wenn es – wie ich ver­mu­te – eher die jüdi­sche Iden­ti­tät ist, die Men­schen dazu bringt, in Sama­ria auf dem Land zu leben, das ihnen hei­lig ist, war­um hat die ara­bi­sche Sei­te ein Pro­blem mit poten­zi­el­len Mit­bür­gern auf­grund ihrer jüdi­schen Iden­ti­tät. Anders gefragt: Wer hat eigent­lich fest­ge­legt, dass Sama­ria und Judäa „Juden­rein“ zu sei­en haben und wofür soll­te das gut sein? Weder Isra­el noch irgend­ein ande­rer Staat auf der wei­ten Welt ist „Ara­berrein“ oder „Mos­lem­rein“. Was ist das nur für ein Pro­blem, das die Ara­ber aus­ge­rech­net mit den Juden haben, beson­ders, wenn die­se nicht als unter­pri­vi­le­gier­te, Min­der­heit unter mus­li­mi­scher Herr­schaft leben wol­len, die Klap­pe hal­ten und ab und an ein klei­nes Pogrom klag­los über sich erge­hen las­sen wol­len? Wäre es nicht so, dass selbst wenn man jetzt per Fin­ger­schnipp einen funk­tio­nie­ren­den Ter­ri­to­ri­al­staat Paläs­ti­na in der West­bank erzeu­gen könn­te, Isra­el immer noch des­sen wich­tigs­ter Nach­bar sein wür­de, mit des­sen Wirt­schaft er noch immer eng ver­zahnt blei­ben wür­de? Müss­te nicht viel­mehr die Akzep­tanz der Anwe­sen­heit von Juden in der West­bank genau­so selbst­ver­ständ­lich sein, wie es die Anwe­sen­heit von Ara­bern in Isra­el bereits ist? Die Tat­sa­che, dass es der Welt­öf­fent­lich­keit kom­plett egal ist, wenn Ara­ber in Isra­el „sie­deln“, wäh­rend sie sich dar­über auf­regt, dass Juden das­sel­be in Sama­ria machen, zeigt, dass es wie so oft bei Isra­el-The­men Dop­pel­stan­dards gibt.

Dabei gibt es sie natür­lich wirk­lich, die Typen unter den Sied­lern, die man mit Fug und Recht als durch­ge­knallt bezeich­nen kann. Die Idee eines Groß­is­ra­el vom Nil bis zum Euphrat, die als eine Art ver­bin­den­de Idee der Sied­ler­be­we­gung kurz vor Ende des Films die Hand­lung ein­ge­webt wur­de, ist eine sol­che Spin­ne­rei. Die Anzahl der Men­schen, die ein sol­ches „Reich“ für mög­lich hal­ten, dürf­te pro­zen­tu­al etwa den Anhän­gern der Chem­trail-Ver­schwö­rungs­theo­rie ent­spre­chen. In einer plu­ra­lis­ti­schen Demo­kra­tie wie in Isra­el muss man auch die­se Typen ertra­gen, ihre Mei­nung muss man nicht teilen.

Was soll man denn nun ler­nen aus die­sem Film, wo steckt die Wahr­heit und wel­che genau soll es sein? Die beque­me Wahr­heit, der auch vie­le Euro­pä­er fol­gen, sieht etwa so aus: Isra­el räumt alle besetz­ten Gebie­te, kon­se­quen­ter­wei­se auch gleich auch die von 1948, erst dann wäre die PA zufrie­den. Die Israe­lis stel­len sich dann mit hoch­ge­krem­pel­ten Hosen ins Mit­tel­meer und fragt die neu­en ara­bi­schen Her­ren, ob man viel­leicht irgend­wo behilf­lich sein kann. Folg­te man der ara­bi­schen Paro­le, dass alle Juden „dahin gehen sol­len, wo sie her­kom­men“, müss­te zumin­dest ein Teil in der Levan­te blei­ben, ande­re müss­ten dann schau­en, ob sie noch die Schlüs­sel zu den Häu­sern in Alge­ri­en, Tune­si­en, Irak, Jor­da­ni­en, Ägyp­ten, Russ­land, Polen, Deutsch­land, Frank­reich oder dem Iran haben, aus denen sie einst ver­trie­ben wur­den. Denn mer­ke: Ara­ber ver­trei­ben ist schlecht, wenn aber Juden ver­trie­ben wer­den, zählt das irgend­wie nicht. Komisch, oder? Auch hier gibt es offen­sicht­lich Dop­pel­stan­dards. Die ein­fa­che Wahr­heit bemän­telt die Lüge von der fried­li­chen Vor-Isra­el-Zeit, der sich weder die über Isra­el empör­te Öffent­lich­keit noch der Film stellt. Sie funk­tio­niert nur zum Preis der tota­len Ver­nich­tung Isra­els. Wer glaubt, dies for­dern zu dür­fen, soll sich zum Teu­fel scheren!

Die schreck­li­che Wahr­heit ist, dass es nach allen Erfah­run­gen der letz­ten 60 Jah­re ziem­lich egal ist, was Isra­el tut. Wenn es nicht funk­tio­niert, ist immer Isra­el schuld. Wenn zum Bei­spiel die Chris­ten Beth­le­hem ver­las­sen, nach­dem die voll­stän­di­ge Kon­trol­le der Stadt auf die PA (pales­ti­ni­an aut­ho­ri­ty) über­ge­gan­gen ist, hat die israe­li­sche Besat­zung Schuld dar­an (man fra­ge mich nicht, wie das geht). Wenn Isra­el mei­ner Mei­nung nach aus purer Ver­zweif­lung eine pott­häss­li­che, acht Meter hohe Mau­er um sein Ter­ri­to­ri­um zieht, die genau das leis­tet, was sie soll – näm­lich den frei­en klei­nen Grenz­ver­kehr für Selbst­mord­at­ten­tä­ter zu been­den – ist das nicht die Schuld der Atten­tä­ter, son­dern, sehr rich­tig: Isra­els Schuld. Wenn ein Jude sich nicht in Jenin, Ramal­lah, Gaza oder 99% von Hebron auf­hal­ten kann, ohne gelyncht zu wer­den, ist natür­lich auch der Jude schuld – weil er die Frech­heit besitzt, zu exis­tie­ren. Die schreck­li­che Wahr­heit ist, dass es der isla­mi­sche Anti­se­mi­tis­mus ist, der jede ter­ri­to­ria­le Ent­flech­tung von Isra­el und Paläs­ti­na immer wie­der unmög­lich und im Ver­suchs­fall immer zur Fal­le für Isra­el macht. Das ist ein ent­schei­den­der Grund für die Unter­stüt­zung, zu der sich die israe­li­sche Regie­rung für die Sied­ler mal mehr, mal weni­ger frei­wil­lig ent­schließt. Gaza ist der bes­te Beweis dafür, wie es bes­ser nicht lau­fen soll­te. Dort ende­ten die „Sied­lun­gen“ genau am 12. Sep­tem­ber 2005 mit einer gna­den­lo­sen Räu­mung, die genau der paläs­ti­nen­si­schen Maxi­mal­for­de­rung ent­sprach. Kein Jude hält sich seit­dem im Gaza-Strei­fen auf. Die Welt stutz­te kurz, denn das hat­te man dem „Hard­li­ner“ Sharon nun wirk­lich nicht zuge­traut. Doch dann schau­te man nur noch inter­es­siert zu, wie das Hard­li­ner-Regime der isla­mis­ti­schen Hamas die Macht im Gaza-Strei­fen an sich riss. Wie ste­hen eigent­lich die Wet­ten, was nach einem Abzug der Israe­lis aus der West­bank dort pas­sie­ren wür­de? Ich hät­te da einen siche­ren Tipp. Ich wür­de sogar wet­ten, dass Jor­da­ni­en sei­ne Gren­ze zur West­bank genau­so dicht mach­ten wür­de, wie Ägyp­ten dies zum Gaza­strei­fen hin getan hat — und zwar eben­so ohne Grenz­über­gän­ge. Ein­fach aus der berech­tig­ten Angst her­aus, von isla­mis­ti­schen Ter­ro­ris­ten über­rannt zu wer­den. Und weder im Fall Ägyp­tens, noch im Fall Jor­da­ni­ens könn­te man ernst­haft von „Isla­mo­pho­bie“ schwa­dro­nie­ren, oder?

Gäbe es den isla­mi­schen Anti­se­mi­tis­mus nicht, der sich auch gern als Anti­zio­nis­mus tarnt, gäbe es kei­nen Anlass für einen Ara­ber in Sama­ria, sich vor sei­nem jüdi­schen Nach­barn zu fürch­ten – und umge­kehrt. Der Kampf, der im soge­nann­ten „hei­li­gen Land“ geführt wird, fin­det nicht um Land, son­dern in den Köp­fen statt. Die Doku­men­ta­ti­on „Die Sied­ler der West­bank“ lässt sich bei vor­ur­teil­be­la­de­nen Men­schen lei­der viel zu leicht als Spreng­satz ver­wen­den. Das ist scha­de, denn der Blick, den sie in die Welt der Sied­ler wirft, ist unge­wöhn­lich und interessant.

Auch erschie­nen auf achgut.com

Nach­trag: In einer frü­he­ren Ver­si­on des Tex­tes hat­te ich das Mas­sa­ker von Hebron fälsch­li­cher­wei­se auf das Jahr 1923 datiert, rich­tig ist natür­lich 1929. Die Kor­rek­tur war auch längst erfolgt, ich hat­te vor Ver­öf­fent­li­chung des Tex­tes schlicht ver­ges­sen zu speichern. 

Ich bin ehr­lich gesagt ziem­lich stolz auf mei­ne Leser, die sich den Text offen­sicht­lich sehr genau durch­ge­le­sen haben, und ein sol­ches Detail nicht über­sa­hen. Dan­ke für Eure Aufmerksamkeit.

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10 Kommentare

    • Du hast recht. Stand auf mei­ner Kor­rek­tur­lis­te, ist aber dem Schlen­dri­an zum Opfer gefal­len. Dan­ke fürs finden…wird korrigiert.

  1. Charme­of­fen­si­ve und Beissholz

    Unser Mann im Nahen Osten, Mar­kus Rosch, der Roha­ni unter den inves­ti­ga­ti­ven Auf­klä­rern, hat im Auf­trag der GEZ-finan­zier­ten Sen­de­an­stal­ten eine Charme­of­fen­si­ve gestar­tet, wohl auch, um den Schmäh des letz­ten Males, als er mit sei­nen all­zu ver­dreh­ten Tat­sa­chen über Isra­els Was­ser­wirt­schaft nicht ganz durch­kam, zu rehabilitieren.
    Hier nun ver­sucht er, Ver­söh­nung und Völ­ker­ver­stän­di­gung dar­zu­stel­len — natür­lich wie­der nur von Sei­ten des wah­ren Opfer­vol­kes, den — ja, Sie ahnen es — Palästinensern.
    Es fand sich end­lich einer, der sich mit der Geschich­te der euro­päi­schen Ver­nich­tung der Juden aus­ein­an­der­setzt, in Form einer Bro­schü­re in ara­bi­scher Schrift. Eigent­lich gut so. Die Fra­ge ist nur, was pas­siert mit Moham­med Daja­ni, wenn das Inter­view vor­bei ist und was wer­den Hamas, Abbas und Co. mit der gewiss gut­ge­mein­ten Bro­schü­re anstel­len? Doch das wird Mar­kus Rosch nicht mehr interessieren.
    http://www.tagesschau.de/videoblog/nahost_ganz_nah/dajani-holocaust-101.html
    Und auch hier ist der ARD-Nah­ost­kor­re­spon­dent nicht in der Lage, die ande­re Lan­des­spra­che Isra­els nach Hebrä­isch anzu­wen­den, näm­lich Ara­bisch. Er bedient sich wie­der­holt sei­nes zünf­tig baye­risch ein­ge­färb­ten Eng­lisch, denn sonst scheint er nichts ande­res zu kön­nen. Da fragt man sich, was ihn eigent­lich als Jour­na­list dort letzt­end­lich qua­li­fi­ziert, und wer ihn denn um Him­mels Wil­len auf den Nahen Osten los­ge­las­sen hat. Als ob es da nicht bereits mehr als genug unter­be­schäf­tig­te Schrei­ber und Autoren für euro­päi­sche und inter­na­tio­na­le Zei­tun­gen und Sen­der gäbe, die sich an den ein­schlä­gi­gen Check­pion­ts, Apart­heit-Mau­ern und ande­ren Orten des jüdi­schen Impe­ria­lis­mus die Klin­ke in die Hand geben. 

    Doch da haben wir die Rech­nung ohne ARD und http://www.arte.tv/de gemacht, wo „Wie ticken die Sied­ler der West­bank?“ gleich oben als ers­tes auf der Start­sei­te steht. Denn zum Aus­gleich für den char­man­ten Mar­kus Roha­ni Rosch fand sich — end­lich wie­der! — ein Vor­zei­ge-Israe­li, der es ganz genau nimmt mit den Verhältnissen:

    http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Dokumentarfilm-im-Ersten-Die-Siedler-de/Das-Erste/Video?bcastId=799280&documentId=38005108

    Die­se dra­ma­ti­sche und nur mit Beiss­holz zu ertra­gen­de Doku ist schliess­lich von nie­mand ande­rem als Shi­mon Dotan und der muss es ja wissen.
    Wobei die Fra­ge sich auf­drängt, was denn hier­bei genau doku­men­tiert wer­den soll. Das sind also DIE Sied­ler der West­bank? Im Umkehr­schluss müss­te man eine Doku­men­ta­ti­on über ganz Gesamt-Deutsch­land machen, in dem es nur so von gefühlt 95% durch­ge­knall­ten aus­län­der­has­sen­den bil­dungs­frem­den unter­be­lich­te­ten AfD-Sach­sen wim­melt, die alle Fäden in der Hand haben und Ber­lin sowie die west­li­che Welt gän­geln. Oder ersatz­wei­se ein paar aus dem feuch­ten Dun­kel her­vor­ge­zerr­te Fla­men, die Bel­gi­en ter­ro­ri­sie­ren und reprä­sen­ta­tiv für ganz Bene­lux stehen.
    Denn so absurd und bizarr wer­den die Sied­ler hier dargestellt.
    Wäre das glaub­haft, fun­diert recher­chiert und öffent­lich-recht­lich subventioniert?
    Wenn es in erprob­ter Form gegen Isra­el geht, also Isra­el-Kri­tik huma­nis­tisch ver­dreh­ten Isra­el-Hass gene­riert und empör­ter Anti­se­mi­tis­mus end­lich frei­en Lauf hat, mag die deut­sche Volks­see­le nichts lie­ber, als die­se zwang­haf­ten Nei­gun­gen zu ver­klau­su­lie­ren und nach unten weg­zu­de­le­gie­ren; am bes­ten gleich an einen Juden. Und — Cha­peau! — an einen aus Israel.
    Wer will da noch etwas rich­tig­stel­len wol­len oder gar widersprechen?
    Aus­ser nie­mand ande­res als die Jüdi­sche All­ge­mei­ne ( http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/26544 ) oder lei­der nur
    die komisch rie­chen­de christ­li­che Sei­te der Bericht­erstat­tung ( http://www.kath.net/news/56889 ).

    Und ich habe mir die „Doku­men­ta­ti­on“ auch noch ange­se­hen, deren Quint­essenz aus Halb­wahr­hei­ten und Lügen nur eines ist:
    Demo­kra­tie und Juden­tum sind nicht vereinbar.
    Nun muss ich erst­mal an die fri­sche Luft.
    Tief durch­at­mend: H. Koch, Hamburg

    • Mei­ne Hoch­ach­tung. Ich habe mir übri­gens mal eini­ge ara­bi­sche Fern­seh­sen­dun­gen über Juden ange­se­hen (ich geste­he, mit Unter­ti­teln), und danach hät­ten Sie ein Sauer­stoff­zelt gebraucht, ich jeden­falls. Eigen­ar­tig, dass das deut­sche Fern­se­hen über die ara­bi­sche Hetz­pro­pa­gan­de nie etwas bringt.

  2. „Wäh­rend die ARD am 26.9.2016 mit einem Bericht über Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land „Jude. Deut­scher. Ein Pro­blem?“, erst um 23:30 Uhr auf Sen­dung ging, star­te­te arte am Tag dar­auf gleich 20:15 Uhr mit dem Zwei­tei­ler „Die Sied­ler der West­bank“, zur bes­ten Sen­de­zeit. Zufall? Ich glau­be nicht.“
    Ihnen ist schon klar, dass ARD 23.30 deut­lich mehr Zuschau­er hat als der Spa­ten­sen­der ARTE 20.15?

  3. Es wäre doch so ein­fach. Die Sied­ler nen­nen sich „Flücht­lin­ge“ oder „Schutz­su­chen­de“, die in der Hoff­nung auf ein bes­se­res Leben frei von *hier melo­dra­ma­ti­sches Zeugs ein­set­zen* in die West­bank geflo­hen sind, und schon sind unse­re Gut­mensch­sim­ple­tons zufrieden.

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