Zwei Fra­gen mein­er Leser, die mich per Mail erre­icht­en, beschäfti­gen mich seit Tagen. Und ich merke, dass ich zunächst diese Fra­gen beant­worten muss, bevor ich mich auf das näch­ste The­ma stürzen kann. Wobei, wenn man’s recht bedenkt, tang­ieren bei­de Fra­gen so viele aktuelle The­men, dass aus ein­er geplanten kurzen Erk­lärung wohl doch wieder ein län­ger­er Text wird. Das führt mich gle­ich zur ersten Frage, denn einem Leser ist aufge­fall­en, dass meine Texte immer länger, aus­geschmück­ter und abschweifend­er wer­den. Seit eini­gen Monat­en sei dies der Fall. Inhaltlich stimme zwar alles noch, aber mir sei irgend­wie die Leichtigkeit und die Konzen­tra­tion auf das Wesentliche abhan­den gekom­men. Ob mir das wohl aufge­fall­en sei. Ein ander­er Leser merkt an, dass ich mich mehr als son­st mit dem Wahlkampf in den USA befasse, wenn auch (noch) mehr auf Face­book als in län­geren Artikeln. Es gäbe doch so viele The­men hierzu­lande, die inter­es­san­ter, drän­gen­der und näher­liegend wären. Bei­de Mails waren sehr fre­undlich for­muliert und wirk­lich pos­i­tiv und kon­struk­tiv gefasst, bei­de Absender liegen mit ihren Beobach­tun­gen auch völ­lig richtig, denke ich. Ich möchte ver­suchen, das zu erk­lären. Also: ab auf die Couch!

USA: Der Weg des „Westens“

Ent­ge­gen des Marx’schen Pos­tu­lat, dass der Kap­i­tal­is­mus die voll­ständi­gen ökonomis­chen Voraus­set­zun­gen für den Sozial­is­mus schaffe, ver­suchen die Antifa-Aktivis­ten, nach­dem sie die BLM-Bewe­gung erfol­gre­ich gekapert haben und als moralis­ches Schutzschild benutzen, die ökonomis­chen Errun­gen­schaften der freien Mark­twirtschaft in den USA voll­ständig zu zer­stören, um auf den Trüm­mern „etwas neues“ zu erricht­en, von dem selb­st die „trained Marx­ists“ keinen blassen Schim­mer haben, was das sein kön­nte. Wir beobacht­en in den Staat­en derzeit den ver­späteten Erfolg sow­jetis­ch­er Pro­pa­gan­da. Statt wie erwartet über den mil­itärischen Weg, erfol­gte der Angriff schon vor Jahrzehn­ten über den Umweg der Uni­ver­sitäten, deren „pro­gres­siv­er“ Out­put ger­ade die Innen­städte, diverse Ver­fas­sungs­be­standteile und die Geschichte der USA in Schutt und Asche legt. In den Medi­en, deren Pro­tag­o­nis­ten in densel­ben Unis gesessen haben, wird diese Rev­o­lu­tion als „friedlich­er Protest“ dargestellt.

Trump, dem ich vor­w­erfe, dieser Entwick­lung drei Jahre lang taten­los zuge­se­hen zu haben, zeigt sich zwar entschlossen, die Auf­stände zu been­den, ob das am Ende aber Erfolg haben kann, ist ungewiss. Mit Blick auf den Aus­gang der Präsi­dentschaftswahl sehe ich zwei Szenar­ien, die auf mich wie die Wahl zwis­chen Pest und Cholera wirken.

Gewin­nt Trump, was ich derzeit noch für wahrschein­lich halte, jedoch nicht mit großem Vor­sprung und gewin­nen die Reps nicht auch den Kongress zurück, bleibt es beim Zus­tand der Totalop­po­si­tion ganz­er Land­striche und die Auf­stände weit­en sich aus. Ein klein­teiliger Bürg­erkrieg neuen Stils zwis­chen Urba­nen Zen­tren und Sub­urbs, begleit­et von Kom­pe­ten­zgerangel zwis­chen Staatlich­er und Föderaler Gewalt dro­ht zum Dauerzu­s­tand zu wer­den.

Gewin­nt Biden, kön­nte der „West­en“ wie wir ihn ken­nen, aufhören zu existieren. Denn wie die Kräfte heißen, die an Biden ziehen, die ihm seine Agen­da dik­tieren und dafür sor­gen, dass er derzeit in seinem Keller in Delaware fest­sitzt, ist völ­lig unklar. Mit­tler­weile hat er fast alle Pläne des Sozial­is­ten Sanders über­nom­men, faselt von „open bor­ders“ und „green new deal“ und es ist zumin­d­est fraglich, dass er noch genau weiß, wovon er redet.

Die Kon­se­quenz in bei­den Szenar­ien wäre jedoch in jedem Fall der beschle­u­nigte Rück­zug der USA aus allen inter­na­tionalen Kon­flik­t­feldern. Im ersteren Fall, weil der Präsi­dent dies so will, im zweit­en, weil er es muss – entwed­er, weil jemand an den Fäden zieht oder weil die ökonomis­che Basis durch die zahlre­ichen sozial­is­tis­chen Pro­jek­te soweit erodiert ist, dass den USA gar nichts anderes übrig bleibt. In die sich auftuende Lücke wird Chi­na sprin­gen und die EU wird daneben­ste­hen und applaudieren.

Solche Aus­sicht­en verder­ben mir die Laune ganz grund­sät­zlich und den­noch kann ich nicht anders, als wie geban­nt auf das Geschehen in den Staat­en zu schauen und das Unver­mei­dliche zu erwarten wie das Kan­inchen die Schlange. Weglaufen, na klar. Aber wohin? Can­cle Kul­tur und Ent­mündi­gung der Men­schen sind weltweite Phänomene, dass sich bei­des in den USA gewalt­samer aus­prägt, ist weniger Trost für den im Etatismus ersaufend­en Europäer der ich bin, als vielmehr die Aus­sicht, dass es mit ein wenig schamvoller Verzögerung hier genau­so wer­den kann. Der Blick in die USA ist heute nicht mehr der in ein Land, welch­es als denkbares ide­al­isiertes Exil wie ein Fels in der Bran­dung ste­ht, son­dern erscheint als Reise in die nähere Zukun­ft, in der die Flam­men bere­its höher an den Fun­da­menten schla­gen als heute in Europa.

Die mangelnde Leichtigkeit des Schreibens

Für Teil zwei mein­er dilet­tan­tis­chen Selb­st­analyse fällt die Verän­derung mein­er Texte zeitlich gut mit den weltweit­en Lock­down-Maß­nah­men zusam­men, denn es wurde ein weit­er­er Graben durch die Gesellschaft geschla­gen, der sämtliche anderen Gräben durch­schnei­det, welche uns ohne­hin schon auf ver­schieden­ste Weise in „die“ und „wir“ tren­nten. Ich will die Coro­na-Maß­nah­men hier gar nicht einzeln in Frage stellen, aber in der Summe und der Art, wie sie uns von oben herun­terg­ere­icht und für aus­nahm­s­los gültig erk­lärt wer­den, stellen sie gefühlt eine Art Ermäch­ti­gungs­ge­setz dar. Das liegt mit schw­er im Magen und wirkt sich sich­er auf meine Texte aus.

Der Staat hat seine Hände um unsere Hälse gelegt und behauptet, je heftiger wir uns wehren, umso länger und fes­ter müsse er lei­der zudrück­en. Wir selb­st seien es, die Lockerun­gen im Wege ste­hen, weil einige von uns sich nicht an die aus­gegebe­nen Parolen hal­ten, die Maske zu lock­er sitzt oder wir Zweifel an der Wirk­samkeit der Maß­nah­men äußern. Jeden Men­schen in erster Lin­ie als poten­ziellen Überträger ein­er tödlichen Krankheit zu definieren, ist der ulti­ma­tive Gen­er­alver­dacht und fährt wie eine Axt in den let­zten Bere­ich men­schlichen Lebens, der staatlichem Zugriff bish­er weitest­ge­hend ent­zo­gen war: die Fam­i­lien.

„Gesund­heit­sämter in mehreren Bun­deslän­dern fordern Eltern in der Coro­n­akrise dazu auf, ihre Kinder in häus­lich­er Quar­an­täne getren­nt von der Fam­i­lie in einem Raum zu isolieren, wenn ein Coro­na-Ver­dacht beste­ht“ melden ver­schiedene Medi­en. […] „Zudem dro­ht­en sie Eltern, dass bei Zuwider­hand­lung das Kind in ein­er geschlosse­nen Ein­rich­tung für die Dauer der Quar­an­täne unterge­bracht werde.“

Man muss schon sehr staats- oder gut­gläu­big sein, um in solchen Maß­nah­men noch für­sor­gliche Präven­tion zu erblick­en, bei der pauschal die Eltern vor ihren Kindern geschützt wer­den müssen. Aber auch das passt ins Bild und ein Merk­mal des „neuen Men­schen“, der seit etwa vier Monat­en absichtsvoll oder zufäl­lig entste­ht, ist ja ger­ade die wider­stand­slose Akzep­tanz solch­er staatlich­er Maß­nah­men, die nicht auf Geset­zen, son­dern auf Verord­nun­gen und Absprachen unter der Hand beruhen. Je wider­stand­slos­er, desto bess­er.

Hohe “Einsichtsfähigkeit”

Der „Extrem­is­mu­s­ex­perte“ Kurt Edler nan­nte diesen Zus­tand der Selb­stverzw­er­gung in einem WAMS-Inter­view euphemistisch „hohe Ein­sichts­fähigkeit“, die sein­er Mei­n­ung nach nichts mit Unter­wür­figkeit zu tun habe. Das kann man so sehen, für mich klingt das allerd­ings nach dem Ver­such, die gewählten Mit­tel nicht für den Zweck zu heili­gen, son­dern nachträglich als Voraus­set­zung für Ergeb­nisse hinzustellen, die sich auch anders eingestellt hät­ten.

Denn diese „Ein­sicht“ beruht nicht auf Wis­sen und das kann sie auch gar nicht, weil es kaum gesichertes Wis­sen über Covid-19 gibt. Es ist größ­ten­teils ver­mutetes oder ange­maßtes Wis­sen, dem die Empirie zudem immer wieder in die Parade fährt. Wie anders ist es etwa zu erk­lären, dass es schon heute dutzende Hor­rorgeschicht­en über die „Langzeit­fol­gen“ ein­er Krankheit gibt, an der Men­schen über­haupt erst seit einem hal­ben Jahr erkranken kön­nen?

Die „Ein­sicht“ ent­stand durch die Kako­phonie aus Dro­hun­gen und War­nun­gen, etwa vor der „zweit­en Welle“. Achtet etwa ein Geschäft nicht pein­lichst darauf, dass alle Kun­den Masken tra­gen, dro­ht ihm dur­chaus die Schließung. Was bleibt da außer „Ein­sicht“ und „frei­williger“ Voll­streck­ung? Gibt man seine Mei­n­ung auf ein­er „Coro­na-Demo“ statt auf ein­er „BLM-Demo“ kund, dro­hen Kündi­gung und Äch­tung. Die Frage nach geset­zeskon­formem oder ‑widrigem Ver­hal­ten ist aufge­hoben, wenn bere­its die bloße Anwe­sen­heit ein moralis­ches Ver­brechen darstellen und hand­fest geah­n­det wer­den kann.

Unter­halb der Ent­frem­dung der Men­schen voneinan­der und der Angst vor­einan­der sowie der Ein­schränkung ihrer Ver­samm­lungs- und Berufs­frei­heit laufen alle poli­tis­chen Umbau­maß­nah­men fast unbe­merkt weit­er. Nie­mand in der Poli­tik denkt auch nur daran, seinen Gestal­tungs­drang einem Mora­to­ri­um zu unter­w­er­fen, weil derzeit eine adäquate Bürg­er­beteili­gung kaum möglich ist. Poli­tis­che Großpro­jek­te, die in der Gesellschaft keinen Stein auf dem anderen lassen, laufen weit­er als sei nichts gewe­sen, während das kul­turelle Leben immer noch weit­ge­hend still und das pri­vate unter Kura­tel ste­ht.

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Man schämt sich nicht ein­mal, diese bit­tere Marme­lade den Men­schen dick aufs Brot zu schmieren. Denn während der Bun­de­spräsi­dent unsere „gute Som­mer­laune“ unter­bricht, um die „Ver­ant­wor­tungslosigkeit einiger weniger“ zum „Risiko für uns alle“ zu erk­lären (wom­it er auf die Demo am 1. August in Berlin abzielt), pfeift Frank-Wal­ter der Einzi­gar­tige bei zahlre­ichen Gele­gen­heit­en auf die Gefahr, vor der er „alle“ warnt und lässt die Maske gern mal weg.

Ihm ist es offen­bar gegeben, die Gefahr selb­st abzuschätzen, in die er sich beg­ibt, während „uns alle“ der Blitz tre­f­fen möge, wenn wir solche Abwä­gun­gen tre­f­fen. Er kann das, wir nicht. Die Nieder­län­der hinge­gen sind ein ren­i­tentes Völkchen, entschei­den je nach Sit­u­a­tion, wie Abstand­sregeln und Masken zu hand­haben sind und fahren gut damit. Aber die haben ja auch keinen FWS und müssen sel­ber denken. Man kann eben nicht alles haben! Ver­ant­wor­tung in Frei­heit und einen autoritären Grüßau­gust, das geht nicht zusam­men.

Zur Strafe hat unsere Regierung nun ein Volk aus Nicht­mehrsel­ber­denkern am Hack­en, das sich mit Verve auf jeden Abwe­ich­ler stürzt und den Aus­gang dieses einzi­gar­ti­gen Gesellschaft­sex­per­i­ment ver­trauensvoll in diesel­ben Hände legt, die seit zehn Jahren unsere Währung ret­ten, Flughäfen und Bahn­höfe bauen, unsere Bun­deswehr enteiert haben und jede tech­nol­o­gis­che Entwick­lung durch die Mühlen der poli­tis­chen Tech­nokratie jagen – was soll da schon schief gehen? Schließlich macht es ger­ade die halbe Welt genau­so.

Ein Wechselbad der Drohungen

Dieses Wech­sel­bad der Dro­hun­gen, die sich zwis­chen totaler Kon­trolle, wirtschaftlichem Zusam­men­bruch und „zweit­er Welle“ als eine Art all­ge­gen­wär­tige kom­mu­nika­tive Ober­welle der Verun­sicherung und des Alarmis­mus durch die Geduld der Men­schen frisst, nagt auch an mein­er Selb­st­be­herrschung. Die Mate­ri­al­stapel für meine Texte wer­den immer größer und die Berührung mit dem uner­freulichen Stoff lässt ein­fach nur sel­ten eine Glosse oder Satire entste­hen, weil ich ständig mit der Abwehr des in mir auf­steigen­den Zynis­mus befasst bin.

Soviel zur abhan­den gekomme­nen Leichtigkeit. Bei der Analyse wird immer wieder deut­lich, dass ich mich längst in eben jen­er Dystopie befind­et, vor der ich immer gewarnt habe. Da ich davon aus­ge­he, dass meine Leser sich bei der Lek­türe kaum bess­er fühlen wer­den als ich beim Schreiben, neige ich deshalb seit eini­gen Monat­en dazu, gewis­ser­maßen als Aus­gle­ich nicht am Dekor zu sparen und der uner­freulichen Materie wenig­stens noch ein paar sprach­liche Purzel­bäume und Allit­er­a­tio­nen abzutrotzen.

Ich bin mir nicht sich­er, ob ich diese Autoim­munreak­tion in Zukun­ft abstellen kann, denn dieser Mech­a­nis­mus ist unbe­wusst und set­zt erst beim Schreiben ein. Ihn zu unter­drück­en hieße, sich bei der Beschäf­ti­gung mit dem Stoff noch größere Brand­blasen zu holen – und wer würde unter diesen Umstän­den über­haupt noch Artikel schreiben wollen?

Das neue „Normal“?

Doch kom­men wir noch kurz auf das ange­sproch­ene Inter­view in der WAMS zurück, in welchem Ein­sichts­fähigkeit und Unter­wür­figkeit mit viel Geschick für so unter­schiedlich wie Dot­ter und Eiweiß erk­lärt wurde – obwohl doch bei­des aus dem­sel­ben Ei stammt und das eine ohne das andere nicht zu haben ist. WAMS stellt eine gute Frage: „Neigen wir in der Krise nicht auch dazu, Fehler der Amtsin­hab­er zu tolerieren – aus Sorge, deren Abwahl würde Extrem­is­ten den Auf­stieg ebnen?“

Edler: „Für einen lib­eralen Geist sind Zus­tim­mungswerte von 80 Prozent etwas Unheim­lich­es, und das müssen sie auch bleiben. Aber in ein­er Aus­nahme­si­t­u­a­tion, in der schnell gehan­delt und entsch­ieden wer­den muss, kann eine massen­hafte Unter­stützung ein Glück sein. Im All­t­ag der Demokratie hinge­gen ist Mei­n­ungsplu­ral­is­mus ein Qual­itäts­be­weis. Deutsch­land ist bei der Bewäl­ti­gung der Coro­na-Pan­demie nicht aus dem Takt gekom­men, weil die Leute aus Ein­sicht in die Notwendigkeit Beschränkun­gen ihrer Frei­heit­srechte in Kauf genom­men haben.“

Was wäre denn, wenn die Amtsin­hab­er die bre­ite Zus­tim­mung gar nicht für einen Not­be­helf hal­ten, son­dern diese Zus­tim­mungswerte als Aus­druck der tat­säch­lichen Zus­tim­mung auf­grund ihrer guten, alter­na­tivlosen Poli­tik betra­cht­en? Die Reden, die etwa ein Markus Söder wie zu sein­er Entspan­nung hält, klin­gen mächtig danach. Kann ein Poli­tik­er erken­nen, dass ein Aus­nah­mezu­s­tand been­det ist und kann er ihn über­haupt been­den, wenn er gle­ichzeit­ig die Regeln für dessen Beendi­gung immer wieder ändern darf?

Wenn es ein Glück sein kann, jet­zt „massen­hafte Unter­stützung“ zu haben, trifft sich dies nicht auf wun­der­bare Weise mit dem kru­den Demokratiev­er­ständ­nis namens „die Mehrheit entschei­det“ und was hin­dert Poli­tik­er daran, diesen „Takt“ zu nutzen, um die Bewäl­ti­gung des näch­sten und übernäch­sten und überübernäch­sten Prob­lems in Angriff zu nehmen?

Die Anzahl der Men­schen, die wir etwa durch die Maskenpflicht gerettet haben, ist unbes­timm­bar und kann sog­ar neg­a­tiv sein – nie­mand weiß genaueres. Doch selb­st wenn nun ein Men­sch gerettet wurde, wäre das den Aufwand nicht wert? Oder doch erst bei zehn? Hun­dert? Tausend? Und kön­nte man nicht genau­so argu­men­tieren, wenn es um Grippe, Masern oder Hepati­tis gin­ge? Muss man das nicht sog­ar? Die wech­sel­seit­i­gen moralis­chen Erpres­sungs-Szenar­ien sind jeden­falls deut­lich vorgeze­ich­net.

Da der von Edler in der WELT# pos­tulierte Mei­n­ungsplu­ral­is­mus längst auf dem Altar von Can­cle Cul­ture und Polit­i­cal Cor­rect­ness geopfert wurde, kann der Qual­itäts­be­weis ohne­hin nicht mehr ange­treten wer­den. Die let­zten Reste dieser Qual­ität, näm­lich die „Her­ren der Zeit“ in der Regierung auf kri­tis­chen Demon­stra­tio­nen (mit oder ohne kri­tis­che Masse) gele­gentlich zu fra­gen, wie spät es eigentlich ist, sind ger­ade zur Bedro­hung der Nachtruhe erk­lärt und geächtet wor­den.

Code Red

„Jed­er und jede von uns ste­ht jet­zt in der Ver­ant­wor­tung, einen zweit­en Lock­down zu ver­hin­dern“ sagte Stein­meier und meinte das wörtlich. Schweig still und schlafe, Deutsch­land und frage nicht nach der Uhr. Die Regierung weiß stets am besten, was die Stunde geschla­gen hat und wird nicht nur den, der ihre Maß­nah­men in Frage stellt mit Hausar­rest bestrafen, son­dern alle. Das war die direk­teste Auf­forderung zum „Code Red“ seit Daw­son und Downey in „Eine Frage der Ehre“ vor Gericht standen.

Ich schreibe fol­glich seit Monat­en gewis­ser­maßen „auf offen­em Wass­er“ und dort nicht nur gegen die ange­dro­hte zweite Welle an. Deshalb bitte ich um Ver­ständ­nis, dass ich mir und meinen Lesern seit einiger Zeit bre­it­ere Flöße aus Worten baue, die dem Betra­chter manch­mal umständlich, träge und schw­er zu steuern erscheinen. Wer möchte, darf gern zu mir herüber­schwim­men und sich daran fes­thal­ten. Mal sehen, wohin uns der Mal­strom aus Viren, Regieren und Kollek­tivieren noch trägt.

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15 Kommentare

  1. Vie­len Dank zunächst für die immer wieder lesenswerten Artikel.

    Eine kleine Kor­rek­tur möchte ich ein­brin­gen, da ein bes­timmter Punkt flächen­deck­end falsch dargestellt wird.
    Die Schreiben der Ord­nungsämter richt­en sich natür­lich an die Eltern der Kinder und somit bedeutet “Für den Fall, dass Sie den Auf­forderun­gen der obi­gen Anord­nug nicht aus­re­ichend nachkom­men, kön­nen Sie zwangsweise in ein­er geeigneten geschlosse­nen Ein­rich­tung unterge­bracht wer­den”, dass eben auch die Eltern eingewiesen wer­den. Eine geschlossene Ein­rich­tung für Erwach­sene ist im All­ge­meinen eine Psy­cha­trie. Kinder wür­den dann natür­lich getren­nt unterge­bracht. Die Dro­hun­gen der Ord­nungsämter gehen also einen gewalti­gen Schritt weit­er, als gemein­hin kri­tisiert.
    Da ver­schiedene Ord­nungsämter Schreiben gle­ichen Inhalts zeit­gle­ich versenden, ist nicht von einem Verse­hen oder einem übereifrigen Sach­bear­beit­er auszuge­hen, son­dern von ein­er Weisung seit­ens höher­er Stellen.
    Grüße

  2. Hal­lo Roger,
    wie immer ein wort­ge­waltiger Artikel. Ich bewun­dere Sie dafür, wie Sie for­mulieren und das, was gesagt wer­den muss, in Worte pack­en kön­nen. Eine Stimme, die einen in dem ganzen Irrsinn nicht irre wer­den lässt. Bitte machen Sie weit­er so.

  3. “Für mich gibt es gegen­wär­tig neben Ihnen nur noch Alexan­der Wendt” schreibt G.B.Mrozek. Geht mir ganz genau so. Außer­dem ist es allein schon tröstlich , zu wis­sen, dass es Men­schen gibt, die auf den sich abze­ich­nen­den Absturz dieses Lan­des eben­falls mit Magen­ver­stim­mungen reagieren. In meinem pri­vat­en Umfeld gibt nicht viele “Mitlei­dende”. Da kann man sich schon ab und an sehr allein gelassen fühlen.

  4. Ich denke, Sie meinen “Can­cel Cul­ture” und nicht “Can­cle Cul­ture”.

    P.S. Ich liebe diesen Blog!

  5. Mir selb­st ist zuviel Getue um die Masken. Für die meis­ten ist es eine kleine Störung im All­t­ag. Ich brauch keinen math­e­ma­tisch wasserdicht­en Beweis dafür, dass Stoff Tröpfchen bindet, der Viren trans­portieren. Das ist halt so. Aber damit bin ich noch lange nicht für alles gefügig und bin auch sehr kri­tisch bei vie­len Maß­nah­men. Ich denke, dass angesichts der ganzen Insol­ven­zen ein Stück Stoff beim Shop­pen oder beim Arbeit­en nicht die Haupt­sorge sein kann. Wie hoch ist die Ansteck­ungs­ge­fahr in The­atern, wo die Leute ohne zu reden nebeneinan­der sitzen und sich nicht groß mis­chen? Wie weit kann ein Virus schon an einem solchen Abend tra­gen? Das sind Fra­gen die mich umtreiben.

    Ich denke, dass es in den Staat­en Auf­stände gibt, egal wer die Wahl gewin­nt. Es ist unwahrschein­lich, dass die unter­legene Seite die Nieder­lage ein­räumt. Da geb ich CNN sog­ar mal recht und der ZEIT und den anderen “Guten”. Der Ein­satz ist mit­tler­weile so hoch, weil die Linken darauf vers­essen sind, eine Dik­tatur weltweit zu etablieren, ohne es zuzugeben.

    Mir ist auch die The­men­menge im Moment zu viel. Es passiert zu viel auf ein­mal. Ich bin mal ges­pan­nt, wie lange unsere Währung sta­bil bleibt. Ich glaub nicht, dass wir in 30 Jahren noch den Euro haben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Zen­tral­bank “grüne”, also an Sub­stanz wert­lose, Anlei­hen genötigt wird zu kaufen. Die EU hat schon eine entsprechende “Tax­on­o­my” zur Einor­dung von Finanzpro­duk­ten als grün vorgelegt.

    Den Damen und Her­ren, v.a. Damen, die für Frei­heit und die offene Rede nichts übrig haben wün­sche ich ewige Höl­len­qualen und ein quälen­des Kreb­slei­den auf Erden. Man darf sowas natür­lich nicht sagen, aber ich empfinde es so. Aus­richt­en kann ich eh nichts. Zum Teufel mit denen!

  6. Es gibt noch ein 3. Szenario: Trump und die Reps gewin­nen erdrutschar­tig, trotz den Betrugs- und Fälschungsab­sicht­en der Dems, ziehen die vier Jahre sou­verän durch und bauen einen würdi­gen Nach­fol­ger auf. Die Dems zer­fleis­chen sich selb­st, die Antifa und BLM wer­den als Ter­ror­is­tisch eingestuft und die meis­ten wan­dern in den Knast für viele Jahre. Dem Deep State mit den Clin­tons und Epsteins wird der Prozess gemacht. Merkel erhält Ein­rei­se­ver­bot.… Stop! Bleiben wir real­is­tisch. Also, Merkel bekommt kein Ein­rei­se­ver­bot. Vor­erst.

  7. Mir geht es ähn­lich wie Her­rn Letsch: Angesichts des um mich herum grassieren­den Wahnsinns möchte ich eigentlich nur noch abhauen, aber wohin? Europa, zumin­d­est der EU-regierte Teil, ist nach mein­er fes­ten Überzeu­gung im A.…. Spätestens seit dem sog. „Green Deal“, eigentlich aber schon seit ca. 10 Jahren (Griechenland-„Rettung“, CO2-Gren­zw­erte etc.
    etc.) hat sich der Sozial­is­mus in der EU fest man­i­festiert. Die Leis­tungs­fähigkeit von Kerneu­ropa wird sinken, Deutsch­land im speziellen ausgenom­men wie eine Wei­h­nachts­gans. Und die USA? Präsi­dent Trump ste­ht wie ein Boll­w­erk gegen den auch dort grassieren­den marx­is­tisch-öko­fa­natis­chen Wahn. Meines Eracht­ens hat er fast alles richtig gemacht: sig­nifikante steuer­liche Ent­las­tun­gen für Unternehmen und für jeden sein­er Mit­bürg­er, unfaire Han­dels­deals durch faire erset­zt, sich vom unseli­gen „Mul­ti­lat­er­al­is­mus“ ver­ab­schiedet, die Dro­genkrim­i­nal­ität bekämpft.… Doch selb­st wenn er wiedergewählt wird (was ich, wie Letsch, für wahrschein­lich aber nicht aus­gemacht halte): Mir graut davor, daß die wohl­standsver­wöh­n­ten Dummköpfe an den amerikanis­chen Unis, die nichts als „Gen­der“, „Ras­sis­mus“, „Fem­i­nis­mus“ und ähn­lichen Sch… im Kopf haben, dere­inst im Weißen Haus sitzen kön­nten. Die Demogra­phie spricht eher für sie. Dann wird auch noch das einst so freie Ameri­ka zum Schlacht­feld für sozial­is­tis­che Exper­i­mente. Venezuela läßt grüßen. Was also tun? Das­selbe was ich ich vor mein­er Ausreise/Ausweisung schon in der DDR getan hat­te: in die innere Emi­gra­tion gehen. Sich mit Leuten umgeben, die halb­wegs so denken wie man selb­st oder ihren linken Scheiß wenig­stens für sich behal­ten. Und: An Orte fahren, wo es keine „Demos“, Haus­be­set­zer und einen um Geld oder Unter­schriften anbet­tel­nde Migranten und „Aktivis­ten“ gibt und das Leben genießen: Guten Wein trinken, mit Fre­un­den in chice Restau­rants gehen, im Cabrio am Mit­telmeer ent­lang­fahren, südliche Sonne genießen.…Wenigstens das kann mir und mein­er Fam­i­lie kein­er nehmen. Noch nicht.

  8. Hier herrscht Krieg und wir brauchen nicht mal hin gehen; sind wir doch mit­ten drin. Wozu Kriege insze­niert wer­den, weiß wohl jed­er.
    Ihre Texte, Herr Letsch bissl lan­gat­mig, aber immer noch sehr infor­ma­tiv, besten Dank, weit­er so.
    Lese ich auch gern zwei mal.

    • Stimmt, die Texte von Her­rn Letsch wer­den immer länger­aber die von Don Alphon­so in der WELT auch. Und bei­de Autoren sind es wert, ihre Gedanken bis zum Ende zu ver­fol­gen.

  9. Ihr Frust ist auch unser Frust!
    Deshalb lese ich gerne Ihre tre­f­fend­en und sehr infor­ma­tiv­en Analy­sen.
    Poli­tik und Wirtschaft steuern mit zunehmen­dem Gefälle auf einen Punkt zu, an dem es zu einem Crash und vielle­icht sog­ar zu bürg­erkriegsar­ti­gen Auseinan­der­set­zun­gen kom­men wird. Statt BLM wird bei uns die Wel­tenret­tung zum entschei­den­den Glaubens­beken­nt­nis wer­den. Zu diesem The­ma läuft “Can­cel cul­ture” bere­its auf Hoch­touren.… bis zu einem großflächi­gen Black­out.
    Was dann passieren wird und welche gesellschaftlichen Fol­gen das haben wird, kann derzeit nie­mand voraus­sagen.
    Für Ihr Engage­ment her­zlichen Dank! Sie bleiben bei mir auf jeden Fall auf der Spenden­liste.
    Char­ly

  10. Für mich gibt es gegen­wär­tig neben Ihnen nur noch Alexan­der Wendt; bei­de for­mulieren ihre Texte auf dem­sel­ben hohen Niveau eines intu­itiv­en Erfassens gesellschaftlich­er Strö­mungen inklu­sive den Erk­lärun­gen hier­für (sor­ry, ich finde keinen tre­f­fend­en Begriff) in ähn­lich lit­er­arisch­er Qual­ität, die zum begieri­gen Ver­schlin­gen mein­er­seits führen. Mehr, länger, aus­führlich­er — mein Dank sei Ihnen gewiss. Würde ich nicht von 1.000 Euro für meine Knochenar­beit existieren, ich bezahlte Sie gar fürstlich. Sollte ich mal den Haupt­preis im Lot­to gewin­nen, so wäre für Ihr lebenslanges Auskom­men gesorgt. Bis dahin bleibt mir nur die Reak­tion, das Lob.

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