Zwei Fra­gen mei­ner Leser, die mich per Mail erreich­ten, beschäf­ti­gen mich seit Tagen. Und ich mer­ke, dass ich zunächst die­se Fra­gen beant­wor­ten muss, bevor ich mich auf das nächs­te The­ma stür­zen kann. Wobei, wenn man’s recht bedenkt, tan­gie­ren bei­de Fra­gen so vie­le aktu­el­le The­men, dass aus einer geplan­ten kur­zen Erklä­rung wohl doch wie­der ein län­ge­rer Text wird. Das führt mich gleich zur ers­ten Fra­ge, denn einem Leser ist auf­ge­fal­len, dass mei­ne Tex­te immer län­ger, aus­ge­schmück­ter und abschwei­fen­der wer­den. Seit eini­gen Mona­ten sei dies der Fall. Inhalt­lich stim­me zwar alles noch, aber mir sei irgend­wie die Leich­tig­keit und die Kon­zen­tra­ti­on auf das Wesent­li­che abhan­den gekom­men. Ob mir das wohl auf­ge­fal­len sei. Ein ande­rer Leser merkt an, dass ich mich mehr als sonst mit dem Wahl­kampf in den USA befas­se, wenn auch (noch) mehr auf Face­book als in län­ge­ren Arti­keln. Es gäbe doch so vie­le The­men hier­zu­lan­de, die inter­es­san­ter, drän­gen­der und näher­lie­gend wären. Bei­de Mails waren sehr freund­lich for­mu­liert und wirk­lich posi­tiv und kon­struk­tiv gefasst, bei­de Absen­der lie­gen mit ihren Beob­ach­tun­gen auch völ­lig rich­tig, den­ke ich. Ich möch­te ver­su­chen, das zu erklä­ren. Also: ab auf die Couch!

USA: Der Weg des „Westens“

Ent­ge­gen des Marx’schen Pos­tu­lat, dass der Kapi­ta­lis­mus die voll­stän­di­gen öko­no­mi­schen Vor­aus­set­zun­gen für den Sozia­lis­mus schaf­fe, ver­su­chen die Anti­fa-Akti­vis­ten, nach­dem sie die BLM-Bewe­gung erfolg­reich geka­pert haben und als mora­li­sches Schutz­schild benut­zen, die öko­no­mi­schen Errun­gen­schaf­ten der frei­en Markt­wirt­schaft in den USA voll­stän­dig zu zer­stö­ren, um auf den Trüm­mern „etwas neu­es“ zu errich­ten, von dem selbst die „trai­ned Mar­xists“ kei­nen blas­sen Schim­mer haben, was das sein könn­te. Wir beob­ach­ten in den Staa­ten der­zeit den ver­spä­te­ten Erfolg sowje­ti­scher Pro­pa­gan­da. Statt wie erwar­tet über den mili­tä­ri­schen Weg, erfolg­te der Angriff schon vor Jahr­zehn­ten über den Umweg der Uni­ver­si­tä­ten, deren „pro­gres­si­ver“ Out­put gera­de die Innen­städ­te, diver­se Ver­fas­sungs­be­stand­tei­le und die Geschich­te der USA in Schutt und Asche legt. In den Medi­en, deren Prot­ago­nis­ten in den­sel­ben Unis geses­sen haben, wird die­se Revo­lu­ti­on als „fried­li­cher Pro­test“ dargestellt.

Trump, dem ich vor­wer­fe, die­ser Ent­wick­lung drei Jah­re lang taten­los zuge­se­hen zu haben, zeigt sich zwar ent­schlos­sen, die Auf­stän­de zu been­den, ob das am Ende aber Erfolg haben kann, ist unge­wiss. Mit Blick auf den Aus­gang der Prä­si­dent­schafts­wahl sehe ich zwei Sze­na­ri­en, die auf mich wie die Wahl zwi­schen Pest und Cho­le­ra wirken.

Gewinnt Trump, was ich der­zeit noch für wahr­schein­lich hal­te, jedoch nicht mit gro­ßem Vor­sprung und gewin­nen die Reps nicht auch den Kon­gress zurück, bleibt es beim Zustand der Total­op­po­si­ti­on gan­zer Land­stri­che und die Auf­stän­de wei­ten sich aus. Ein klein­tei­li­ger Bür­ger­krieg neu­en Stils zwi­schen Urba­nen Zen­tren und Sub­urbs, beglei­tet von Kom­pe­tenz­ge­ran­gel zwi­schen Staat­li­cher und Föde­ra­ler Gewalt droht zum Dau­er­zu­stand zu werden.

Gewinnt Biden, könn­te der „Wes­ten“ wie wir ihn ken­nen, auf­hö­ren zu exis­tie­ren. Denn wie die Kräf­te hei­ßen, die an Biden zie­hen, die ihm sei­ne Agen­da dik­tie­ren und dafür sor­gen, dass er der­zeit in sei­nem Kel­ler in Dela­ware fest­sitzt, ist völ­lig unklar. Mitt­ler­wei­le hat er fast alle Plä­ne des Sozia­lis­ten San­ders über­nom­men, faselt von „open bor­ders“ und „green new deal“ und es ist zumin­dest frag­lich, dass er noch genau weiß, wovon er redet.

Die Kon­se­quenz in bei­den Sze­na­ri­en wäre jedoch in jedem Fall der beschleu­nig­te Rück­zug der USA aus allen inter­na­tio­na­len Kon­flikt­fel­dern. Im ers­te­ren Fall, weil der Prä­si­dent dies so will, im zwei­ten, weil er es muss – ent­we­der, weil jemand an den Fäden zieht oder weil die öko­no­mi­sche Basis durch die zahl­rei­chen sozia­lis­ti­schen Pro­jek­te soweit ero­diert ist, dass den USA gar nichts ande­res übrig bleibt. In die sich auf­tu­en­de Lücke wird Chi­na sprin­gen und die EU wird dane­ben­ste­hen und applaudieren.

Sol­che Aus­sich­ten ver­der­ben mir die Lau­ne ganz grund­sätz­lich und den­noch kann ich nicht anders, als wie gebannt auf das Gesche­hen in den Staa­ten zu schau­en und das Unver­meid­li­che zu erwar­ten wie das Kanin­chen die Schlan­ge. Weg­lau­fen, na klar. Aber wohin? Can­cle Kul­tur und Ent­mün­di­gung der Men­schen sind welt­wei­te Phä­no­me­ne, dass sich bei­des in den USA gewalt­sa­mer aus­prägt, ist weni­ger Trost für den im Eta­tis­mus ersau­fen­den Euro­pä­er der ich bin, als viel­mehr die Aus­sicht, dass es mit ein wenig scham­vol­ler Ver­zö­ge­rung hier genau­so wer­den kann. Der Blick in die USA ist heu­te nicht mehr der in ein Land, wel­ches als denk­ba­res idea­li­sier­tes Exil wie ein Fels in der Bran­dung steht, son­dern erscheint als Rei­se in die nähe­re Zukunft, in der die Flam­men bereits höher an den Fun­da­men­ten schla­gen als heu­te in Europa.

Die mangelnde Leichtigkeit des Schreibens

Für Teil zwei mei­ner dilet­tan­ti­schen Selbst­ana­ly­se fällt die Ver­än­de­rung mei­ner Tex­te zeit­lich gut mit den welt­wei­ten Lock­down-Maß­nah­men zusam­men, denn es wur­de ein wei­te­rer Gra­ben durch die Gesell­schaft geschla­gen, der sämt­li­che ande­ren Grä­ben durch­schnei­det, wel­che uns ohne­hin schon auf ver­schie­dens­te Wei­se in „die“ und „wir“ trenn­ten. Ich will die Coro­na-Maß­nah­men hier gar nicht ein­zeln in Fra­ge stel­len, aber in der Sum­me und der Art, wie sie uns von oben her­un­ter­ge­reicht und für aus­nahms­los gül­tig erklärt wer­den, stel­len sie gefühlt eine Art Ermäch­ti­gungs­ge­setz dar. Das liegt mit schwer im Magen und wirkt sich sicher auf mei­ne Tex­te aus.

Der Staat hat sei­ne Hän­de um unse­re Häl­se gelegt und behaup­tet, je hef­ti­ger wir uns weh­ren, umso län­ger und fes­ter müs­se er lei­der zudrü­cken. Wir selbst sei­en es, die Locke­run­gen im Wege ste­hen, weil eini­ge von uns sich nicht an die aus­ge­ge­be­nen Paro­len hal­ten, die Mas­ke zu locker sitzt oder wir Zwei­fel an der Wirk­sam­keit der Maß­nah­men äußern. Jeden Men­schen in ers­ter Linie als poten­zi­el­len Über­trä­ger einer töd­li­chen Krank­heit zu defi­nie­ren, ist der ulti­ma­ti­ve Gene­ral­ver­dacht und fährt wie eine Axt in den letz­ten Bereich mensch­li­chen Lebens, der staat­li­chem Zugriff bis­her wei­test­ge­hend ent­zo­gen war: die Familien.

„Gesund­heits­äm­ter in meh­re­ren Bun­des­län­dern for­dern Eltern in der Coro­na­kri­se dazu auf, ihre Kin­der in häus­li­cher Qua­ran­tä­ne getrennt von der Fami­lie in einem Raum zu iso­lie­ren, wenn ein Coro­na-Ver­dacht besteht“ mel­den ver­schie­de­ne Medi­en. […] „Zudem droh­ten sie Eltern, dass bei Zuwi­der­hand­lung das Kind in einer geschlos­se­nen Ein­rich­tung für die Dau­er der Qua­ran­tä­ne unter­ge­bracht werde.“ 

Man muss schon sehr staats- oder gut­gläu­big sein, um in sol­chen Maß­nah­men noch für­sorg­li­che Prä­ven­ti­on zu erbli­cken, bei der pau­schal die Eltern vor ihren Kin­dern geschützt wer­den müs­sen. Aber auch das passt ins Bild und ein Merk­mal des „neu­en Men­schen“, der seit etwa vier Mona­ten absichts­voll oder zufäl­lig ent­steht, ist ja gera­de die wider­stands­lo­se Akzep­tanz sol­cher staat­li­cher Maß­nah­men, die nicht auf Geset­zen, son­dern auf Ver­ord­nun­gen und Abspra­chen unter der Hand beru­hen. Je wider­stands­lo­ser, des­to besser.

Hohe „Einsichtsfähigkeit”

Der „Extre­mis­mus­ex­per­te“ Kurt Edler nann­te die­sen Zustand der Selbst­verzwer­gung in einem WAMS-Inter­view euphe­mis­tisch „hohe Ein­sichts­fä­hig­keit“, die sei­ner Mei­nung nach nichts mit Unter­wür­fig­keit zu tun habe. Das kann man so sehen, für mich klingt das aller­dings nach dem Ver­such, die gewähl­ten Mit­tel nicht für den Zweck zu hei­li­gen, son­dern nach­träg­lich als Vor­aus­set­zung für Ergeb­nis­se hin­zu­stel­len, die sich auch anders ein­ge­stellt hätten.

Denn die­se „Ein­sicht“ beruht nicht auf Wis­sen und das kann sie auch gar nicht, weil es kaum gesi­cher­tes Wis­sen über Covid-19 gibt. Es ist größ­ten­teils ver­mu­te­tes oder ange­maß­tes Wis­sen, dem die Empi­rie zudem immer wie­der in die Para­de fährt. Wie anders ist es etwa zu erklä­ren, dass es schon heu­te dut­zen­de Hor­ror­ge­schich­ten über die „Lang­zeit­fol­gen“ einer Krank­heit gibt, an der Men­schen über­haupt erst seit einem hal­ben Jahr erkran­ken können?

Die „Ein­sicht“ ent­stand durch die Kako­pho­nie aus Dro­hun­gen und War­nun­gen, etwa vor der „zwei­ten Wel­le“. Ach­tet etwa ein Geschäft nicht pein­lichst dar­auf, dass alle Kun­den Mas­ken tra­gen, droht ihm durch­aus die Schlie­ßung. Was bleibt da außer „Ein­sicht“ und „frei­wil­li­ger“ Voll­stre­ckung? Gibt man sei­ne Mei­nung auf einer „Coro­na-Demo“ statt auf einer „BLM-Demo“ kund, dro­hen Kün­di­gung und Äch­tung. Die Fra­ge nach geset­zes­kon­for­mem oder ‑wid­ri­gem Ver­hal­ten ist auf­ge­ho­ben, wenn bereits die blo­ße Anwe­sen­heit ein mora­li­sches Ver­bre­chen dar­stel­len und hand­fest geahn­det wer­den kann.

Unter­halb der Ent­frem­dung der Men­schen von­ein­an­der und der Angst vor­ein­an­der sowie der Ein­schrän­kung ihrer Ver­samm­lungs- und Berufs­frei­heit lau­fen alle poli­ti­schen Umbau­maß­nah­men fast unbe­merkt wei­ter. Nie­mand in der Poli­tik denkt auch nur dar­an, sei­nen Gestal­tungs­drang einem Mora­to­ri­um zu unter­wer­fen, weil der­zeit eine adäqua­te Bür­ger­be­tei­li­gung kaum mög­lich ist. Poli­ti­sche Groß­pro­jek­te, die in der Gesell­schaft kei­nen Stein auf dem ande­ren las­sen, lau­fen wei­ter als sei nichts gewe­sen, wäh­rend das kul­tu­rel­le Leben immer noch weit­ge­hend still und das pri­va­te unter Kura­tel steht.

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Man schämt sich nicht ein­mal, die­se bit­te­re Mar­me­la­de den Men­schen dick aufs Brot zu schmie­ren. Denn wäh­rend der Bun­des­prä­si­dent unse­re „gute Som­mer­lau­ne“ unter­bricht, um die „Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit eini­ger weni­ger“ zum „Risi­ko für uns alle“ zu erklä­ren (womit er auf die Demo am 1. August in Ber­lin abzielt), pfeift Frank-Wal­ter der Ein­zig­ar­ti­ge bei zahl­rei­chen Gele­gen­hei­ten auf die Gefahr, vor der er „alle“ warnt und lässt die Mas­ke gern mal weg.

Ihm ist es offen­bar gege­ben, die Gefahr selbst abzu­schät­zen, in die er sich begibt, wäh­rend „uns alle“ der Blitz tref­fen möge, wenn wir sol­che Abwä­gun­gen tref­fen. Er kann das, wir nicht. Die Nie­der­län­der hin­ge­gen sind ein reni­ten­tes Völk­chen, ent­schei­den je nach Situa­ti­on, wie Abstands­re­geln und Mas­ken zu hand­ha­ben sind und fah­ren gut damit. Aber die haben ja auch kei­nen FWS und müs­sen sel­ber den­ken. Man kann eben nicht alles haben! Ver­ant­wor­tung in Frei­heit und einen auto­ri­tä­ren Grüß­au­gust, das geht nicht zusammen.

Zur Stra­fe hat unse­re Regie­rung nun ein Volk aus Nicht­mehr­sel­ber­den­kern am Hacken, das sich mit Ver­ve auf jeden Abweich­ler stürzt und den Aus­gang die­ses ein­zig­ar­ti­gen Gesell­schafts­ex­pe­ri­ment ver­trau­ens­voll in die­sel­ben Hän­de legt, die seit zehn Jah­ren unse­re Wäh­rung ret­ten, Flug­hä­fen und Bahn­hö­fe bau­en, unse­re Bun­des­wehr ent­ei­ert haben und jede tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lung durch die Müh­len der poli­ti­schen Tech­no­kra­tie jagen – was soll da schon schief gehen? Schließ­lich macht es gera­de die hal­be Welt genauso.

Ein Wechselbad der Drohungen

Die­ses Wech­sel­bad der Dro­hun­gen, die sich zwi­schen tota­ler Kon­trol­le, wirt­schaft­li­chem Zusam­men­bruch und „zwei­ter Wel­le“ als eine Art all­ge­gen­wär­ti­ge kom­mu­ni­ka­ti­ve Ober­wel­le der Ver­un­si­che­rung und des Alar­mis­mus durch die Geduld der Men­schen frisst, nagt auch an mei­ner Selbst­be­herr­schung. Die Mate­ri­al­sta­pel für mei­ne Tex­te wer­den immer grö­ßer und die Berüh­rung mit dem uner­freu­li­chen Stoff lässt ein­fach nur sel­ten eine Glos­se oder Sati­re ent­ste­hen, weil ich stän­dig mit der Abwehr des in mir auf­stei­gen­den Zynis­mus befasst bin.

Soviel zur abhan­den gekom­me­nen Leich­tig­keit. Bei der Ana­ly­se wird immer wie­der deut­lich, dass ich mich längst in eben jener Dys­to­pie befin­det, vor der ich immer gewarnt habe. Da ich davon aus­ge­he, dass mei­ne Leser sich bei der Lek­tü­re kaum bes­ser füh­len wer­den als ich beim Schrei­ben, nei­ge ich des­halb seit eini­gen Mona­ten dazu, gewis­ser­ma­ßen als Aus­gleich nicht am Dekor zu spa­ren und der uner­freu­li­chen Mate­rie wenigs­tens noch ein paar sprach­li­che Pur­zel­bäu­me und Alli­te­ra­tio­nen abzutrotzen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich die­se Auto­im­mun­re­ak­ti­on in Zukunft abstel­len kann, denn die­ser Mecha­nis­mus ist unbe­wusst und setzt erst beim Schrei­ben ein. Ihn zu unter­drü­cken hie­ße, sich bei der Beschäf­ti­gung mit dem Stoff noch grö­ße­re Brand­bla­sen zu holen – und wer wür­de unter die­sen Umstän­den über­haupt noch Arti­kel schrei­ben wollen?

Das neue „Normal“?

Doch kom­men wir noch kurz auf das ange­spro­che­ne Inter­view in der WAMS zurück, in wel­chem Ein­sichts­fä­hig­keit und Unter­wür­fig­keit mit viel Geschick für so unter­schied­lich wie Dot­ter und Eiweiß erklärt wur­de – obwohl doch bei­des aus dem­sel­ben Ei stammt und das eine ohne das ande­re nicht zu haben ist. WAMS stellt eine gute Fra­ge: „Nei­gen wir in der Kri­se nicht auch dazu, Feh­ler der Amts­in­ha­ber zu tole­rie­ren – aus Sor­ge, deren Abwahl wür­de Extre­mis­ten den Auf­stieg ebnen?“

Edler: „Für einen libe­ra­len Geist sind Zustim­mungs­wer­te von 80 Pro­zent etwas Unheim­li­ches, und das müs­sen sie auch blei­ben. Aber in einer Aus­nah­me­si­tua­ti­on, in der schnell gehan­delt und ent­schie­den wer­den muss, kann eine mas­sen­haf­te Unter­stüt­zung ein Glück sein. Im All­tag der Demo­kra­tie hin­ge­gen ist Mei­nungs­plu­ra­lis­mus ein Qua­li­täts­be­weis. Deutsch­land ist bei der Bewäl­ti­gung der Coro­na-Pan­de­mie nicht aus dem Takt gekom­men, weil die Leu­te aus Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit Beschrän­kun­gen ihrer Frei­heits­rech­te in Kauf genom­men haben.“

Was wäre denn, wenn die Amts­in­ha­ber die brei­te Zustim­mung gar nicht für einen Not­be­helf hal­ten, son­dern die­se Zustim­mungs­wer­te als Aus­druck der tat­säch­li­chen Zustim­mung auf­grund ihrer guten, alter­na­tiv­lo­sen Poli­tik betrach­ten? Die Reden, die etwa ein Mar­kus Söder wie zu sei­ner Ent­span­nung hält, klin­gen mäch­tig danach. Kann ein Poli­ti­ker erken­nen, dass ein Aus­nah­me­zu­stand been­det ist und kann er ihn über­haupt been­den, wenn er gleich­zei­tig die Regeln für des­sen Been­di­gung immer wie­der ändern darf?

Wenn es ein Glück sein kann, jetzt „mas­sen­haf­te Unter­stüt­zung“ zu haben, trifft sich dies nicht auf wun­der­ba­re Wei­se mit dem kru­den Demo­kra­tie­ver­ständ­nis namens „die Mehr­heit ent­schei­det“ und was hin­dert Poli­ti­ker dar­an, die­sen „Takt“ zu nut­zen, um die Bewäl­ti­gung des nächs­ten und über­nächs­ten und über­über­nächs­ten Pro­blems in Angriff zu nehmen?

Die Anzahl der Men­schen, die wir etwa durch die Mas­ken­pflicht geret­tet haben, ist unbe­stimm­bar und kann sogar nega­tiv sein – nie­mand weiß genaue­res. Doch selbst wenn nun ein Mensch geret­tet wur­de, wäre das den Auf­wand nicht wert? Oder doch erst bei zehn? Hun­dert? Tau­send? Und könn­te man nicht genau­so argu­men­tie­ren, wenn es um Grip­pe, Masern oder Hepa­ti­tis gin­ge? Muss man das nicht sogar? Die wech­sel­sei­ti­gen mora­li­schen Erpres­sungs-Sze­na­ri­en sind jeden­falls deut­lich vorgezeichnet.

Da der von Edler in der WELT# pos­tu­lier­te Mei­nungs­plu­ra­lis­mus längst auf dem Altar von Can­cle Cul­tu­re und Poli­ti­cal Cor­rect­ness geop­fert wur­de, kann der Qua­li­täts­be­weis ohne­hin nicht mehr ange­tre­ten wer­den. Die letz­ten Res­te die­ser Qua­li­tät, näm­lich die „Her­ren der Zeit“ in der Regie­rung auf kri­ti­schen Demons­tra­tio­nen (mit oder ohne kri­ti­sche Mas­se) gele­gent­lich zu fra­gen, wie spät es eigent­lich ist, sind gera­de zur Bedro­hung der Nacht­ru­he erklärt und geäch­tet worden.

Code Red

„Jeder und jede von uns steht jetzt in der Ver­ant­wor­tung, einen zwei­ten Lock­down zu ver­hin­dern“ sag­te Stein­mei­er und mein­te das wört­lich. Schweig still und schla­fe, Deutsch­land und fra­ge nicht nach der Uhr. Die Regie­rung weiß stets am bes­ten, was die Stun­de geschla­gen hat und wird nicht nur den, der ihre Maß­nah­men in Fra­ge stellt mit Haus­ar­rest bestra­fen, son­dern alle. Das war die direk­tes­te Auf­for­de­rung zum „Code Red“ seit Daw­son und Dow­ney in „Eine Fra­ge der Ehre“ vor Gericht standen.

Ich schrei­be folg­lich seit Mona­ten gewis­ser­ma­ßen „auf offe­nem Was­ser“ und dort nicht nur gegen die ange­droh­te zwei­te Wel­le an. Des­halb bit­te ich um Ver­ständ­nis, dass ich mir und mei­nen Lesern seit eini­ger Zeit brei­te­re Flö­ße aus Wor­ten baue, die dem Betrach­ter manch­mal umständ­lich, trä­ge und schwer zu steu­ern erschei­nen. Wer möch­te, darf gern zu mir her­über­schwim­men und sich dar­an fest­hal­ten. Mal sehen, wohin uns der Mal­strom aus Viren, Regie­ren und Kol­lek­ti­vie­ren noch trägt.

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15 Kommentare

  1. Vie­len Dank zunächst für die immer wie­der lesens­wer­ten Artikel.

    Eine klei­ne Kor­rek­tur möch­te ich ein­brin­gen, da ein bestimm­ter Punkt flä­chen­de­ckend falsch dar­ge­stellt wird.
    Die Schrei­ben der Ord­nungs­äm­ter rich­ten sich natür­lich an die Eltern der Kin­der und somit bedeu­tet „Für den Fall, dass Sie den Auf­for­de­run­gen der obi­gen Anord­nug nicht aus­rei­chend nach­kom­men, kön­nen Sie zwangs­wei­se in einer geeig­ne­ten geschlos­se­nen Ein­rich­tung unter­ge­bracht wer­den”, dass eben auch die Eltern ein­ge­wie­sen wer­den. Eine geschlos­se­ne Ein­rich­tung für Erwach­se­ne ist im All­ge­mei­nen eine Psy­cha­t­rie. Kin­der wür­den dann natür­lich getrennt unter­ge­bracht. Die Dro­hun­gen der Ord­nungs­äm­ter gehen also einen gewal­ti­gen Schritt wei­ter, als gemein­hin kritisiert.
    Da ver­schie­de­ne Ord­nungs­äm­ter Schrei­ben glei­chen Inhalts zeit­gleich ver­sen­den, ist nicht von einem Ver­se­hen oder einem über­eif­ri­gen Sach­be­ar­bei­ter aus­zu­ge­hen, son­dern von einer Wei­sung sei­tens höhe­rer Stellen.
    Grüße

  2. Hal­lo Roger,
    wie immer ein wort­ge­wal­ti­ger Arti­kel. Ich bewun­de­re Sie dafür, wie Sie for­mu­lie­ren und das, was gesagt wer­den muss, in Wor­te packen kön­nen. Eine Stim­me, die einen in dem gan­zen Irr­sinn nicht irre wer­den lässt. Bit­te machen Sie wei­ter so.

  3. „Für mich gibt es gegen­wär­tig neben Ihnen nur noch Alex­an­der Wendt” schreibt G.B.Mrozek. Geht mir ganz genau so. Außer­dem ist es allein schon tröst­lich , zu wis­sen, dass es Men­schen gibt, die auf den sich abzeich­nen­den Absturz die­ses Lan­des eben­falls mit Magen­ver­stim­mun­gen reagie­ren. In mei­nem pri­va­ten Umfeld gibt nicht vie­le „Mit­lei­den­de”. Da kann man sich schon ab und an sehr allein gelas­sen fühlen.

  4. Ich den­ke, Sie mei­nen „Can­cel Cul­tu­re” und nicht „Can­cle Culture”.

    P.S. Ich lie­be die­sen Blog!

  5. Mir selbst ist zuviel Getue um die Mas­ken. Für die meis­ten ist es eine klei­ne Stö­rung im All­tag. Ich brauch kei­nen mathe­ma­tisch was­ser­dich­ten Beweis dafür, dass Stoff Tröpf­chen bin­det, der Viren trans­por­tie­ren. Das ist halt so. Aber damit bin ich noch lan­ge nicht für alles gefü­gig und bin auch sehr kri­tisch bei vie­len Maß­nah­men. Ich den­ke, dass ange­sichts der gan­zen Insol­ven­zen ein Stück Stoff beim Shop­pen oder beim Arbei­ten nicht die Haupt­sor­ge sein kann. Wie hoch ist die Anste­ckungs­ge­fahr in Thea­tern, wo die Leu­te ohne zu reden neben­ein­an­der sit­zen und sich nicht groß mischen? Wie weit kann ein Virus schon an einem sol­chen Abend tra­gen? Das sind Fra­gen die mich umtreiben.

    Ich den­ke, dass es in den Staa­ten Auf­stän­de gibt, egal wer die Wahl gewinnt. Es ist unwahr­schein­lich, dass die unter­le­ge­ne Sei­te die Nie­der­la­ge ein­räumt. Da geb ich CNN sogar mal recht und der ZEIT und den ande­ren „Guten”. Der Ein­satz ist mitt­ler­wei­le so hoch, weil die Lin­ken dar­auf ver­ses­sen sind, eine Dik­ta­tur welt­weit zu eta­blie­ren, ohne es zuzugeben. 

    Mir ist auch die The­men­men­ge im Moment zu viel. Es pas­siert zu viel auf ein­mal. Ich bin mal gespannt, wie lan­ge unse­re Wäh­rung sta­bil bleibt. Ich glaub nicht, dass wir in 30 Jah­ren noch den Euro haben. Es ist nur eine Fra­ge der Zeit, bis die Zen­tral­bank „grü­ne”, also an Sub­stanz wert­lo­se, Anlei­hen genö­tigt wird zu kau­fen. Die EU hat schon eine ent­spre­chen­de „Taxo­no­my” zur Einordung von Finanz­pro­duk­ten als grün vorgelegt.

    Den Damen und Her­ren, v.a. Damen, die für Frei­heit und die offe­ne Rede nichts übrig haben wün­sche ich ewi­ge Höl­len­qua­len und ein quä­len­des Krebs­lei­den auf Erden. Man darf sowas natür­lich nicht sagen, aber ich emp­fin­de es so. Aus­rich­ten kann ich eh nichts. Zum Teu­fel mit denen!

  6. Es gibt noch ein 3. Sze­na­rio: Trump und die Reps gewin­nen erd­rutsch­ar­tig, trotz den Betrugs- und Fäl­schungs­ab­sich­ten der Dems, zie­hen die vier Jah­re sou­ve­rän durch und bau­en einen wür­di­gen Nach­fol­ger auf. Die Dems zer­flei­schen sich selbst, die Anti­fa und BLM wer­den als Ter­ro­ris­tisch ein­ge­stuft und die meis­ten wan­dern in den Knast für vie­le Jah­re. Dem Deep Sta­te mit den Clin­tons und Epsteins wird der Pro­zess gemacht. Mer­kel erhält Ein­rei­se­ver­bot.… Stop! Blei­ben wir rea­lis­tisch. Also, Mer­kel bekommt kein Ein­rei­se­ver­bot. Vorerst.

  7. Mir geht es ähn­lich wie Herrn Letsch: Ange­sichts des um mich her­um gras­sie­ren­den Wahn­sinns möch­te ich eigent­lich nur noch abhau­en, aber wohin? Euro­pa, zumin­dest der EU-regier­te Teil, ist nach mei­ner fes­ten Über­zeu­gung im A.…. Spä­tes­tens seit dem sog. „Green Deal“, eigent­lich aber schon seit ca. 10 Jah­ren (Griechenland-„Rettung“, CO2-Grenz­wer­te etc.
    etc.) hat sich der Sozia­lis­mus in der EU fest mani­fes­tiert. Die Leis­tungs­fä­hig­keit von Kern­eu­ro­pa wird sin­ken, Deutsch­land im spe­zi­el­len aus­ge­nom­men wie eine Weih­nachts­gans. Und die USA? Prä­si­dent Trump steht wie ein Boll­werk gegen den auch dort gras­sie­ren­den mar­xis­tisch-öko­fa­na­ti­schen Wahn. Mei­nes Erach­tens hat er fast alles rich­tig gemacht: signi­fi­kan­te steu­er­li­che Ent­las­tun­gen für Unter­neh­men und für jeden sei­ner Mit­bür­ger, unfai­re Han­dels­de­als durch fai­re ersetzt, sich vom unse­li­gen „Mul­ti­la­te­ra­lis­mus“ ver­ab­schie­det, die Dro­gen­kri­mi­na­li­tät bekämpft.… Doch selbst wenn er wie­der­ge­wählt wird (was ich, wie Letsch, für wahr­schein­lich aber nicht aus­ge­macht hal­te): Mir graut davor, daß die wohl­stands­ver­wöhn­ten Dumm­köp­fe an den ame­ri­ka­ni­schen Unis, die nichts als „Gen­der“, „Ras­sis­mus“, „Femi­nis­mus“ und ähn­li­chen Sch… im Kopf haben, der­einst im Wei­ßen Haus sit­zen könn­ten. Die Demo­gra­phie spricht eher für sie. Dann wird auch noch das einst so freie Ame­ri­ka zum Schlacht­feld für sozia­lis­ti­sche Expe­ri­men­te. Vene­zue­la läßt grü­ßen. Was also tun? Das­sel­be was ich ich vor mei­ner Ausreise/Ausweisung schon in der DDR getan hat­te: in die inne­re Emi­gra­ti­on gehen. Sich mit Leu­ten umge­ben, die halb­wegs so den­ken wie man selbst oder ihren lin­ken Scheiß wenigs­tens für sich behal­ten. Und: An Orte fah­ren, wo es kei­ne „Demos“, Haus­be­set­zer und einen um Geld oder Unter­schrif­ten anbet­teln­de Migran­ten und „Akti­vis­ten“ gibt und das Leben genie­ßen: Guten Wein trin­ken, mit Freun­den in chi­ce Restau­rants gehen, im Cabrio am Mit­tel­meer ent­lang­fah­ren, süd­li­che Son­ne genießen.…Wenigstens das kann mir und mei­ner Fami­lie kei­ner neh­men. Noch nicht.

  8. Hier herrscht Krieg und wir brau­chen nicht mal hin gehen; sind wir doch mit­ten drin. Wozu Krie­ge insze­niert wer­den, weiß wohl jeder.
    Ihre Tex­te, Herr Letsch bissl lang­at­mig, aber immer noch sehr infor­ma­tiv, bes­ten Dank, wei­ter so.
    Lese ich auch gern zwei mal.

    • Stimmt, die Tex­te von Herrn Letsch wer­den immer län­geraber die von Don Alp­hon­so in der WELT auch. Und bei­de Autoren sind es wert, ihre Gedan­ken bis zum Ende zu verfolgen.

  9. Ihr Frust ist auch unser Frust!
    Des­halb lese ich ger­ne Ihre tref­fen­den und sehr infor­ma­ti­ven Analysen.
    Poli­tik und Wirt­schaft steu­ern mit zuneh­men­dem Gefäl­le auf einen Punkt zu, an dem es zu einem Crash und viel­leicht sogar zu bür­ger­kriegs­ar­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen kom­men wird. Statt BLM wird bei uns die Wel­ten­ret­tung zum ent­schei­den­den Glau­bens­be­kennt­nis wer­den. Zu die­sem The­ma läuft „Can­cel cul­tu­re” bereits auf Hoch­tou­ren.… bis zu einem groß­flä­chi­gen Blackout.
    Was dann pas­sie­ren wird und wel­che gesell­schaft­li­chen Fol­gen das haben wird, kann der­zeit nie­mand voraussagen.
    Für Ihr Enga­ge­ment herz­li­chen Dank! Sie blei­ben bei mir auf jeden Fall auf der Spendenliste.
    Charly

  10. Für mich gibt es gegen­wär­tig neben Ihnen nur noch Alex­an­der Wendt; bei­de for­mu­lie­ren ihre Tex­te auf dem­sel­ben hohen Niveau eines intui­ti­ven Erfas­sens gesell­schaft­li­cher Strö­mun­gen inklu­si­ve den Erklä­run­gen hier­für (sor­ry, ich fin­de kei­nen tref­fen­den Begriff) in ähn­lich lite­ra­ri­scher Qua­li­tät, die zum begie­ri­gen Ver­schlin­gen mei­ner­seits füh­ren. Mehr, län­ger, aus­führ­li­cher – mein Dank sei Ihnen gewiss. Wür­de ich nicht von 1.000 Euro für mei­ne Kno­chen­ar­beit exis­tie­ren, ich bezahl­te Sie gar fürst­lich. Soll­te ich mal den Haupt­preis im Lot­to gewin­nen, so wäre für Ihr lebens­lan­ges Aus­kom­men gesorgt. Bis dahin bleibt mir nur die Reak­ti­on, das Lob.

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