Deutsch­land­funk, Sendung „Tag für Tag“, 27.3.2019. Die 1946 gegrün­dete katholis­che Zeitschrift „Die neue Ord­nung“ hat Ärg­er und wird deshalb neuerd­ings als „umstrit­ten“ beze­ich­net. Man ahnt, in welche Rich­tung dieses schwammige Verdikt zielt. Die Umde­f­i­n­i­tion des Begriffs „umstrit­ten“ als pauschaler und der Begrün­dung nicht bedür­fend­er Anfangsver­dacht des Recht­spop­ulis­mus ist medi­al längst vol­l­zo­gen. Vor­bei die Zeit­en bil­dungs­be­flis­sener Aufk­lärung, als die Vok­a­bel „umstrit­ten“ noch freudi­ge Erwartung auf Stre­it, Dis­put und Erken­nt­nis­gewinn barg. Umstrit­ten ist nun also auch diese Zeitschrift stramm katholis­ch­er Lehre, aber nicht wegen der Ablehnung des Protes­tantismus oder dem Fes­thal­ten an römis­ch­er Tra­di­tion, son­dern wegen ihres Chefredak­teurs, dem Dominikan­er­pa­ter Pro­fes­sor Wolf­gang Ock­en­fels, denn der habe für einen „Rechts­drall des Blattes“ gesorgt.

Deshalb fordert die „Arbeits­ge­mein­schaft christliche Sozialethik“ öffentlich zum Boykott des Blattes auf, das ja ohne­hin bekan­nt sei für typ­isch rechte Islam­o­phobe Äußerun­gen und die Leug­nung des Kli­mawan­dels. Ock­en­fels, so der Vor­wurf, sei zudem auch als Autor für die „Junge Frei­heit“ tätig, dem „Sprachrohr der Recht­en“ und das gehe ja schon mal über­haupt nicht. Es pras­seln auch hier die Vor­würfe auf Ock­en­fels ein, von denen ich hier nur einige aufzäh­le: AfD-Nähe, pop­ulis­tis­ches Fahrwass­er, aggres­siv aus­gren­zende Posi­tio­nen, grup­pen­spez­i­fis­che Men­schen­feindlichkeit. Da ist für jeden was dabei, wie man sieht und deshalb gibt’s auch gle­ich noch einen Boykot­taufruf gegen die „Junge Frei­heit“. Zitiert wird im DLF der The­ologe Bern­hard Emu­nds, der Äußerun­gen Ock­en­fels verurteilt. Dieser habe näm­lich zum Beispiel gesagt, „Deutsch­land werde von Mus­li­men über­flutet…“ solche Äußerun­gen seien, so Emu­nds empört, „Bar jed­er wis­senschaftlichen Sub­stanz“. Mir jedoch ver­helfen solche Äußerun­gen zur Pointe dieses kleinen Textes.

Nun kann man Ock­en­fels Äußerun­gen für polemis­che Übertrei­bung hal­ten, die Beze­ich­nung Flut für unpassend oder definieren, dass man von „Flut“ erst reden dürfe, wenn Ock­en­fels und Emu­nds von Gott den Auf­trag erhal­ten, eine Arche zu bauen. Auch kann man darüber debat­tieren, ob nicht auch Polemik von der Mei­n­ungs­frei­heit geschützt ist und ob Boykot­taufrufe im akademis­chen Sinn nicht stets eine argu­men­ta­tive Bankrot­terk­lärung sind. Man kön­nte den ganzen lar­moy­an­ten Beitrag auch unter der Rubrik Hyper­moral eines neudeutschen Besser­men­schen­tums abheften, wenn Ock­en­fels Ankläger, die ihm Panikmache und Islam­o­pho­bie vor­w­er­fen, nicht nachträglich und aus­gerech­net durch den Deutsch­land­funk selb­st einen Spin ins absurd Komis­che erhal­ten hät­ten.

Der Abmod­er­a­tion fol­gte* näm­lich dieser Pro­grammhin­weis: 20:10 Uhr, Aus Reli­gion und Gesellschaft, „Muss Europa mus­lim­isch wer­den? – Die Islamis­che Weltli­ga und ihre Ziele“

Ich finde, zu dieser gelun­genen satirischen Wen­dung kann man dem Deutsch­land­funk ruhig mal grat­ulieren!

* Lei­der fand der kurze Pro­grammhin­weis keinen Ein­gang in die Mediathek, Sie wer­den sich also auf meine Ohr-Zeu­gen­schaft ver­lassen müssen, liebe Leser. Aber vielle­icht haben sie die Sendung ja selb­st gehört. Heute Abend jeden­falls kön­nen wir uns ja um 20:10 Uhr im DLF die bewor­bene Sendung anhören und erfahren, was die „Islamis­che Weltli­ga“ uns zum inter­re­ligiösen Dia­log und friedlich­er, gle­ich­berechtigter Koex­is­tenz zu sagen hat.

Vorheriger ArtikelDurch die Blume – am Thema Antisemitismus vorbei
Nächster ArtikelDeutschland, mit Rammstein und „Ü“ in die Fresse

7 Kommentare

  1. In der kon­sens­fix­ierten Gegen­wart hat das Adjek­tiv „umstrit­ten“ die Auf­gabe, sub­til ein „Vorsicht!“-Signal an „Gutdenker“-Empfänger zu richt­en: hier kön­nte ein Gedanken­ver­brechen lauern, hier gehört jemand nicht „zu uns“, teilt nicht die herrschende Auf­fas­sung. Zwar (noch) nicht direkt krim­inell das Ganze, aber anrüchig, am besten: Hände weg…

    Res­o­nanz find­et das Sig­nal nur bei Gut­denkern, die – wie von Orwell geschildert — „Zwiedenken“ beherrschen, d.h. zwis­chen „zwei Wahrheit­en hin- und her­schal­ten“ kön­nen. So ist z.B. Empörung gegen Migrantenge­walt ver­ab­scheuungswürdig, weil „ras­sis­tisch“, gegen Recht­spop­ulis­ten etc. aber dur­chaus tolerier­bar. Pauschales Lokalver­bot gegen „AfD-ler“ ist mutig und engagiert, das­selbe gegen Migranten ras­sis­tisch und volksver­het­zend. Der poli­tisch-medi­ale Kom­plex lenkt die Masse durch key­words, eine objek­tive Wahrheit außer­halb der aktuellen Pro­pa­gan­da gibt es nicht.

  2. Da hat Herr Ock­en­fels das volle Pro­gramm abbekom­men.

    Es ist ein weit­er­er Anschlag auf die freie Mei­n­ungsäußerung, die im Grundge­setz, Artikel 5, JEDEM zuste­ht, und nicht nur Linken, Grü­nen und SPD-Poli­tik­ern.

    Dieser links-grüne Dif­famierungs-Mief stinkt mir gewaltig.

    Leben wir hier in ein­er Demokratie? Sind wir der Sou­verän?
    Antwort: LOL.

    Wer hätte es gedacht, zu dieser – ich nenne es mal Dif­famierung oder sagen wir Unter­drück­ung – gehören immer zwei.
    Erst wenn die Not groß wird, fan­gen die meis­ten an, sich zu wehren.
    Da bin bzw. war ich keinen Cent bess­er. Erst nach­dem mich meine Haus­bank schw­er bet­ro­gen und in den Ruin getrieben hat­te, fing ich an, kri­tis­ch­er zu wer­den, Dinge zu hin­ter­fra­gen und mich zu wehren.

    Seien wir doch ehrlich:
    Den aller­meis­ten ist Geld, Kon­sum, Auto doch wichtiger als freie Mei­n­ungsäußerung, Mitbes­tim­mung usw. Solange die Kohle stimmt, hal­ten die meis­ten die Klappe und lassen sich vieles gefall­en.
    Natür­lich wis­sen das auch unsere Poli­tik­er. Daher kor­rumpieren sie uns mit Geld.

    Wenn wir diesem Poli­tik­er-Estab­lish­ment nicht bald deut­lich unsere Mei­n­ung mit­teilen, wer­den sie immer mehr mit uns Schlit­ten fahren.

  3. Ich habe den Beitrag über die islamis­che Weltli­ga gehört (vor­mit­tags war ich arbeit­en) und dachte zuerst, ich kön­nte meinen Ohren nicht trauen. Gibt der Deutsch­land­funk nun etwa der Pegi­da Recht?
    Aber dann wurde aus­führlich darüber gesprochen, dass die Weltli­ga ja nun auf einem mod­er­at­en Weg sei und nicht mehr die Durch­set­zung der Sharia fordere.
    Wie erfreulich.
    Nun soll also Europa zwar islamisch wer­den, aber dann doch nicht die Sharia einge­führt wer­den?
    Wer’s glaubt…

    • Man frißt vor­erst Kreide.Hat ein Erdo­gan die ersten Jahre auch gemacht, seinen Leuten aber längst die Eroberungsphan­tasien einge­blasen.

Kommentarfunktion ist geschlossen.