„Sowas Ver­rück­tes gab‘s doch früher nicht!“ sagte ein Bekan­nter, als er von der Lim­burg­er Glock­en­posse erfuhr. Das Glock­en­spiel im Rathaus­turm der Lim­burg­er Innen­stadt wird vor­erst nicht mehr das Kinder­lied “Fuchs, du hast die Gans gestohlen” spie­len. Der Bürg­er­meis­ter von Lim­burg wolle damit ein­er veg­a­nen, tier­schützen­den Mit­bürg­erin bloß einen Gefall­en erweisen, weil die Tier­schützerin sich an der Liedzeile “Son­st wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr” störte und deshalb Protest ein­gelegt hat­te.

Wie könne über­haupt jemand auf die Idee kom­men, fragt mein Bekan­nter, sich von einem Kinder­lied, das schon seine Urgroßel­tern von deren Großel­tern vorge­sun­gen beka­men, plöt­zlich ver­let­zende und anstößige Textzeilen aufweise! Mit „früher“ meine er übri­gens nicht ganz so weit in der Ver­gan­gen­heit, dass aus bunt schon wieder braun wird, nur ein oder zwei Jahrzehnte zurück, weit­er müsse man gar nicht reisen. Es hat natür­lich schon immer das Ansin­nen klein­er Grup­pen oder auch einzel­ner Per­so­n­en gegeben, die eigene Welt­sicht zum Maßstab der Zeitläufte machen zu wollen. Gerichte wur­den bemüht, Peti­tio­nen ver­fasst, Protest und Wut schwollen an. Doch am Ende wur­den die Pläne meist als das ent­tarnt, was sie waren. Erpres­sungsver­suche an der Gemein­schaft und der Wille, sich selb­st mit möglichst viel Bedeu­tung aufzu­laden und wichtiger, klüger, moralis­ch­er und bess­er daste­hen zu kön­nen, als diejeni­gen, gegen die man seinen Angriff startete.

Abgelehnt! Lautete meist das Urteil, ob nun von Regierun­gen, Haus­ge­mein­schaften oder Gericht­en. Nur die Wenig­sten dieser Ver­suche wur­den schließlich kanon­isiert. Man kön­nte als Beispiel aus der Ver­gan­gen­heit die katholis­che Kirche und deren Umgang mit Mariener­schei­n­un­gen und anderen Wun­dern her­anziehen. Es dauert meist lange, nein laaaaange, bis die Insti­tu­tio­nen, welche sich mit der Prü­fung solch­er Ereignisse befassen, zu einem abschließen­den Urteil gelan­gen. In vie­len Fällen ver­sucht der Vatikan vielle­icht sog­ar mit Bedacht, die Zeu­gen eines „Wun­ders“ durch geduldiges Warten auf deren Ableben daran zu hin­dern, aus ihrer Ent­deck­ung selb­st Kap­i­tal schla­gen zu kön­nen. Da sage noch ein­er, die Katholis­chen seinen nicht zu Prag­ma­tismus fähig!

Zurück zur Gegen­wart, zurück nach Lim­burg. Die Autorität, die der Bürg­er­meis­ter von Lim­burg qua Amt hat, hätte genügt, um der Tier­schutzve­g­aner­in in aller Deut­lichkeit klar zu machen, dass sie sich hier in ein­er Weise ver­ren­nt, dass es nur pein­lich für sie enden kann. Tat er aber nicht. „Um des lieben Friedens willen“ ist beque­mer Ersatz für das einst klare aber oft unbe­queme „Abgelehnt“ – was macht es schon, wenn man ein Kinder­lied aus dem Pro­gramm nimmt, ist doch nicht so wichtig.

Doch, ist es. Es sind näm­lich immer die alten, schwachen und unbeschützten Ket­tenglieder der Mei­n­ungs­frei­heit, die den Bolzen­schnei­dern der polit­i­cal Cor­rect­ness als erstes zum Opfer fall­en. Ein Kinder­lied weniger, wen kratzt das schon! Natür­lich hätte die Tier­schützerin sich auch nackt an die Anhängerkup­plung eines Lim­burg­er Jägers anket­ten kön­nen, aber ein lit­er­arisches „Schießgewehr“, das nach Vorder­lad­er und Lade­stock klingt, ist ein viel dankbar­erer Geg­n­er, weil er nichts zu sein­er Vertei­di­gung vor­brin­gen kann.

Dabei ist diese Aktion nur der Kol­lat­er­alschaden der immer schlim­mer wer­den­den Über­grif­figkeit der poli­tis­chen Kaste in möglichst jede pri­vate Leben­säußerung der Bevölkerung hinein. Es wird geregelt und normiert, was das Zeug hält. Es gibt Kam­pag­nen für gesun­des Essen, CO2-Reduk­tion ist heute das 11. Gebot und die Schock­bilder auf Tabak­waren sind gut­meinende optis­che Kör­per­ver­let­zung schon für Kinder­au­gen an der Super­mark­tkasse. Kein Min­is­ter – von dem der Finanzen ein­mal abge­se­hen – kann heute die Fin­ger von der moralis­chen Bevor­mundung lassen, über­all lauert Norm, Kon­formis­mus und Oppor­tu­nität. Jede TV-Talk­show ist voll von selb­ster­nan­nten All­t­ag­sex­perten, um die Hirne der Zuschauer gemäß der Losung der Woche stets aufs Neue zu for­matieren. Der Zuschauer oder Leser, über­laden mit Giga­bytes aus Null­sätzen und Phrasen, sucht nach Schlüs­sel­be­grif­f­en in dem Daten­brei, bei denen er sich immer auf der sicheren Seite wäh­nt. Alles andere ist schlecht und soll ver­wor­fen wer­den. Er braucht nichts weit­er als weiße und schwarze Kugeln und um let­ztere über­all sich­er zu erken­nen, hat der liebe Gott den Block­wart erfun­den. Wer heute poli­tisch aktiv sein will, aber zu bequem ist, sich über grund­sät­zliche Begriffe wie Frei­heit oder Demokratie wirk­lich Gedanken zu machen, der wech­selt auf eines der sicheren Felder, die garantiert frei von Tret­mi­nen und Wider­sprüch­lichkeit­en sind und macht eine Reli­gion mit dual­is­tis­ch­er Welt­sicht und Heilsver­sprechen daraus.

Das Ergeb­nis ist ein gen­derop­ti­miert­er veg­an­er Tier­schützer, der das Kli­ma ret­tet. Min­destens! Die Über­grif­figkeit des Staates ins pri­vate schlägt hier in eine immer mil­i­tan­ter wer­dende frei­willige Selb­stzen­sur über. Und wer mit der Selb­sterziehung fer­tig ist, hat in sat­ten Zeit­en wie diesen noch genug Energie und Tageszeit übrig, um sich der Erziehung des Nach­barn und des Bürg­er­meis­ters zu wid­men. Ehre­namtlich und für Gottes­lohn ver­ste­ht sich. Erste Opfer dieser kollek­tiv­en Moralschübe waren Worte, die neg­a­tiv kon­notiert waren. Zige­uner gibt es heute nur noch als Schnitzel, als Volks­gruppe haben den Sin­ti und Roma Platz gemacht. Zwar änderte das nichts an den Vorurteilen an sich, aber wegen solch­er Kleinigkeit­en wie der nach­weis­lichen Ergeb­nis­losigkeit des Begrif­fever­schiebens lassen wir uns nicht aufhal­ten! Kleine Posse am Rande: es gibt noch einen Ort, wo der Begriff „Zige­uner“ über­lebt hat. Aus­gerech­net im „Antizigan­is­mus“ näm­lich. So lautet die wis­senschaftliche Beze­ich­nung für Zige­uner­feindlichkeit. Man hat wohl ganz vergessen, dass diese Form der grup­pen­be­zo­ge­nen Abnei­gung eigentlich Anti­siniro­man­is­mus heißen müsste. Eine unaussprech­liche Nach­läs­sigkeit, die nach ein­er sofor­ti­gen weltweit­en Kon­ferenz der Vere­ini­gung der Antiziganzis­mus­forsch­er führen sollte. Irgend eines der vie­len deutschen Min­is­te­rien für Volk­serziehung wird dafür schon Mit­tel lock­er machen.

Die näch­sten Opfer der endo­ge­nen deutschen Moralschübe kön­nen sich selb­st lei­der nicht mehr wehren, weil sie längst tot sind und nur noch ihr Werk fortbeste­ht. Dichter, Buchau­toren, Lie­der­ma­ch­er, Bänkel­sänger und all die anderen Denker, Gauk­ler und Großel­tern, die sich Geschicht­en aus­dacht­en, Lieder schrieben, Bilder mal­ten. Von Astrid Lind­gren über Wil­helm Busch bis hin zu Grimms Märchen und den vie­len Kinder­liedern und Gedicht­en unbekan­nter Prove­nienz, die Aus­druck und Spiegel ihrer Zeit sind. Ein­schließlich bös­er Wölfe, rach­süchtiger Zwerge, gefressen­er Großmüt­ter, Negerköni­gen und Schießgewehren. Der Dichter von „Hän­schen klein, ging allein“ darf nie wegen Ver­nach­läs­si­gung der Auf­sicht­spflicht, „Hans im Glück“ nicht wegen Steuer­hin­terziehung angeklagt wer­den, weil er den Gold­klumpen, immer­hin Lohn für sieben Jahre Arbeit, nicht bei der Einkom­menss­teuer angegeben hat. Anders herum kann Rotkäp­pchen kein Argu­ment dafür sein, das Kopf­tuch gehöre von je her zu Deutsch­land.

Man kann das Holz his­torisch­er Texte und Lieder nicht mit den Messern der Neuzeit auf Kor­rek­theit, San­ftheit und Gle­ich­heit schnitzen. Son­st wird irgend­wann der/die/das Eva den Bio-Apfel vom Baum der Kor­rek­theit pflück­en und der/die/das Adam davon nicht essen wollen, weil sich der ganze fol­gende Ärg­er wohl für die Erken­nt­nis, keines­falls jedoch für die Kor­rek­theit lohne.

Und was den Fuchs, die Gans und den Jäger mit Schießgewehr in Lim­burg ange­ht…

Wem der Text zum Kinder­lied nicht passt, der soll sich doch bitte gehackt leg­en, aus Lim­burg wegziehen oder sich vielle­icht etwas Passenderes zum Klang der Glock­en denken. Ich hätte da einen Vorschlag:

Fin­ger weg von Kinder­liedern,
fällt es euch auch schw­er,
fällt es euch auch schw­er,

Son­st soll Dich der Teufel holen,
Tier­schütz-Ve-ga-ne-he-her,
Son­st soll Dich der Teufel holen,
Tier­schütz-Ve-ga-neeeer.

Nachtrag

Als ich vor etwa einem Jahr einen satirischen Artikel über die ger­adezu religiösen Allüren manch­er Tier­schützer schrieb, spielte ich mit dem irren Gedanken, deren Aktions­feld könne sich eines Tages auf Worte ausweit­en. Ich kon­nte ja nicht ahnen, wie recht ich hat­te.

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11 Kommentare

  1. Wer heute das Glock­en­spiel von deutschen Kinder­liedern in sein­er Stadt beerdigt, darf sich mor­gen nicht wun­dern, wenn dort der Muezzin ruft.

  2. Guten Tag Herr Lesch,
    wieder ein Beitrag von Ihnen in gewohnt weit über­durch­schnit­tlich­er Qual­ität.
    Was mich allerd­ings stört ist das
    Zitat aus dem Beitrag: “Wie könne über­haupt jemand auf die Idee kom­men, fragt mein Bekan­nter, sich von einem Kinder­lied, das schon seine Urgroßel­tern von deren Großel­tern vorge­sun­gen beka­men, plöt­zlich ver­let­zende und anstößige Textzeilen aufweise! Mit „früher“ meine er übri­gens nicht ganz so weit in der Ver­gan­gen­heit, dass aus bunt schon wieder braun wird, nur ein oder zwei Jahrzehnte zurück, weit­er müsse man gar nicht reisen.”
    Waben wir so etwas nötig?

  3. Veg­an­er lei­den bekan­nter­maßen unter einem mas­siv­en Vit­a­min-B12-Man­gel. Nach ein­er wis­senschaftlichen Unter­suchung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung führt dies auch zu neu­rol­o­gis­chen Störun­gen. 😉

  4. Ich füh­le mich wieder in DDR-Zeit­en zurück­ver­set­zt, obwohl ich dachte, die wären endgültig vor­bei. Falsch gedacht. Es waren Zeit­en, wo die Bur­da-Mod­en ver­boten waren, Comics aus dem West­en, Büch­er aus dem West­en, wo man nicht Aer­o­bic sagen durfte und mit — ach hab den DDR-Begriff jet­zt vergessen — beze­ich­nete. Es ist eine riesen­große Sch… die jet­zt abläuft. Jet­zt ste­hen andere Begriffe auf der schwarzen Liste, aber der Ablauf ist gle­ich. Wir haben damals zwis­chen den Zeilen gele­sen. Wir haben damals verk­lausuliert manch­es aus­drück­en müssen. Alles ist wieder da. Lernt denn Deutsch­land nie?

  5. Der Bürg­er­meis­ter hat schon ver­standen.
    In weis­er politko­r­rek­ter Voraus­sicht hat er “um des lieben Friedens willen” das volksver­het­zende Poten­tial dieser Dame gle­ich von vorn­here­in ent­ge­genk­om­mend unschädlich gemacht.
    Wo kämen wir hin, wenn wir all der möglichen Ver­ach­tung oder Lächer­lich­machung solch­er Vor­bild­men­schen freien Lauf ließen?
    Also dem Bürg­er­meis­ter ein Lob! Prost!

  6. Dem stimme ich vor­be­halt­los zu. Und nicht, weil ich mir als pseudo­hu­man­er Tol­er­an­tik­er auf­dok­triniert hätte, gegen nichts und nie­mand Vor­be­halte zu haben. Nein. Es ist auch meine zutief­st ehrliche Mei­n­ung, die ich in Artikel und Kom­men­tar gegen diesen Schwachsinn ein­er dum­men Gans wiederfinde.
    Es grüsst ein Flex­i­tari­er

  7. Dieser “Kinder­lieder­vor­fall”, sowie kor­rek­theit­sre­v­i­dierte Kinder­büch­er und Klas­sik­er, kön­nen für die let­zten ver­nun­ft­be­gabten Men­schen in diesem Lande nur gut sein, zeigen sie doch den noch unentschlosse­nen Wäh­lern, welchem Wahnsinn diese rot­grü­nen Faschis­ten ver­fall­en sind. Weltweit sind wir zur unglaublichen Lach­num­mer verkom­men.
    Toller Artikel, bitte weit­er so.

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