fatwa1Es ist noch nicht mal einen Monat her, dass ich über den span­nen­den Wahl­kampf zu den Kom­mu­nal­wah­len in Paläs­ti­na berich­te­te. Die Wahl soll­te am 8.Oktober statt­fin­den, also genau einen Monat vor den Prä­si­dent­schafts­wah­len in den USA. Dabei stand es in letz­ter Zeit nicht gut um das erwar­te­te Abschnei­den der Fatah des amtie­ren­den Prä­si­den­ten Abbas. Gut mög­lich, dass er ein noch grö­ße­res Deba­kel zu erwar­ten hat­te, als bei den Wah­len in Gaza vor gefühlt 99 Jahren.

Die Hamas hat­te zuletzt eine Fat­wa auf ihrer Sei­te, wel­che fest­leg­te, dass jeder, der nicht die Hamas wäh­len wür­de, auto­ma­tisch eine exklu­si­ve Son­der­be­hand­lung in der Höl­le gebucht hät­te – ohne Rei­se­rück­tritts­ver­si­che­rung. Schon fas­zi­nie­rend, so eine Fat­wa, gewis­ser­ma­ßen ein reli­giö­ser Eier­schnei­der. Mit ihrer Hil­fe kann man eine schar­fe Linie über­all dort zie­hen, wo Gut und Böse von­ein­an­der getren­nen wer­den sol­len. Ein Kir­chen­bann im Mit­tel­al­ter hat­te nicht halb so viel Sexappeal.

Ins­ge­heim wünscht sich sicher auch so man­cher deut­sche Poli­ti­ker, er ver­fü­ge über der­lei Zau­ber­kräf­te. Die Lin­ke wür­de es gern mal schaf­fen, eine laser­schar­fe Gren­ze zwi­schen frei­er Markt­wirt­schaft und ame­ri­ka­ni­schem Impe­ria­lis­mus zu zie­hen, die Grü­nen müss­ten kei­ne Wün­schel­ru­te fra­gen um zu ent­schei­den, ob eine Wind­kraft­an­la­ge im Natur­schutz­ge­biet eine gute Sache ist und die VKP (Ver­ein­te Kanz­le­rin­nen­par­tei, her­vor­ge­gan­gen durch den frei­wil­li­gen Zusam­men­schluss von SPD und CDU) könn­te durch eine Fat­wa ein für alle Mal fest­le­gen, wo eine poli­ti­sche Aus­sa­ge noch als Geschwätz durch­geht und ab wann dies als Popu­lis­mus jus­ti­zia­bel ist. Aber zurück in Hei­li­ge Land und zur Wahl dort.

Abgesagt!

Gera­de erst hat­te sich aus fünf lin­ken paläs­ti­nen­si­schen Par­tei­en die „Demo­kra­ti­sche Alli­anz“ geformt, wel­che neben Hamas und Fatah bei den Wah­len antre­ten woll­te, auf etwa 15% der Stim­men hof­fen konn­te und sich als „drit­te Opti­on“ anbot, wur­de die Wahl vom obers­ten Gerichts­hof Paläs­ti­nas (nicht Isra­els, son­dern Paläs­ti­nas) unter­sagt! Ehr­lich, ich hat­te erwar­tet, dass irgend etwas gesche­hen wür­de, was die Wahl tor­pe­die­ren wür­de, denn die erwart­ba­re haus­ho­he Nie­der­la­ge von Abbas hät­te das Ende der Fatah bedeu­tet. Ich hät­te aller­dings damit gerech­net, dass Fatah und Hamas wie üblich mit dem Fin­ger auf­ein­an­der zei­gen und sich der gegen­sei­ti­gen Behin­de­rung des Wahl­kamp­fes bezich­ti­gen wür­den (was ja auch stimmt). Dabei ist alles noch viel einfacher!

Israel ist schuld – wie immer!

Wie jetzt, wer­den Sie fra­gen. Behin­dern die­se bösen Juden etwa die tra­di­tio­nel­le, Jahr­tau­sen­de alte Demo­kra­tie in Paläs­ti­na? Aber sicher tun sie das – indem sie zum Bei­spiel in Jeru­sa­lem „sie­deln“! Oder irgend­wo anders. Die Idee des Gerich­tes in Ramal­lah ist so geni­al, dass man die betei­lig­ten Rich­ter und Anwäl­te für die­sen Ein­fall nur bewun­dern kann! Denn durch die­sen Schieds­spruch ret­tet das Gericht nicht nur dem bis auf die Kno­chen kor­rup­ten Regime von Abbas Macht, Ein­fluss und den ergie­bi­gen Geld­re­gen aus Brüs­sel und Ber­lin – der Rich­ter­spruch macht zusätz­lich auch alle zukünf­ti­gen „demo­kra­ti­schen Wah­len“ im Paläs­ti­na unmöglich.

Und das geht so: Die Paläs­ti­nen­ser müs­sen an ihren Wohn­or­ten wäh­len. Jeru­sa­lem ist die Haupt­stadt Isra­els und da es auf israe­li­schem Ter­ri­to­ri­um kei­ne paläs­ti­nen­si­schen Wah­len gibt, karr­te man die Jeru­sa­le­mer Paläs­ti­nen­ser in der Ver­gan­gen­heit aus der Stadt hin­aus, damit sie dort ihre Stim­me in einem paläs­ti­nen­si­schen Wahl­lo­kal abge­ben konn­ten. Nun ver­kün­det das obers­te Gericht in Ramal­lah: „Wah­len müs­sen Paläs­ti­na als ter­ri­to­ria­le Ein­heit behan­deln“. Man ist also der Mei­nung, freie Wah­len kön­ne es unter einer „Besat­zung“ nicht geben. Da aber über­all in Isra­el (nicht nur in den „besetz­ten Gebie­ten“) Paläs­ti­nen­ser leben, die zwar an paläs­ti­nen­si­schen Wah­len teil­neh­men dür­fen, dies aber nicht dort tuen kön­nen, wo sie woh­nen, wird es wohl erst dann freie Wah­len in Paläs­ti­na geben kön­nen, wenn die­se zio­nis­ti­schen Juden end­lich auch aus Hai­fa, Netan­ja und Tel Aviv ver­schwun­den sind. Also nie­mals! Wie prak­tisch für Abbas. Wie prak­tisch auch für all die NGO’s und frie­dens­be­weg­ten Euro­pä­er, für die jeder Jude im Hei­li­gen Land seit jeher nichts als ein Frie­dens­hin­der­nis ist. „Freie Wah­len? Wir wür­den ja gern, aber sehen Sie…die Besat­zung! Sie wol­len, dass isla­mis­ti­sche Ten­den­zen, Ter­ror und Kor­rup­ti­on in Paläs­ti­na enden? Dann schmeißt die Juden raus aus Isra­el, damit die fried­lie­ben­den Paläs­ti­nen­ser end­lich mal freie Wah­len abhal­ten kön­nen!“ Nun sind die Juden auch noch ein Demo­kra­tie-Hin­der­nis für Palästina!

Die Nach­richt, dass in „besetz­ten Gebie­ten“ kei­ne frei­en Wah­len statt­fin­den kön­nen, wer­den die Tibe­ter und Süd­ti­ro­ler gern hören. Dum­mer­wei­se müs­sen wir dann alle Bun­des­tags­wah­len vor 1990 sämt­lich für ungül­tig erklä­ren und haben des­halb in der Kon­se­quenz ab sofort auch kein Grund­ge­setz mehr.

Muss­ten die guten Euro­pä­er bis­lang noch „Free Pales­ti­ne“ auf ihre Pla­ka­te krit­zeln, kön­nen sie in Zukunft mit der Auf­schrift „Free Elec­tions“ auf die Stra­ße gehen. Das klingt so gar­nicht mehr nach Ter­ror, Flug­zeug­ent­füh­rung, Selbst­mord­at­ten­tat und Mes­ser­at­ta­cke. Das klingt dann auch nicht mehr nach dem laten­ten Anti­se­mi­tis­mus, der sich nur müh­sam hin­ter Begrif­fen wie „Anti­zio­nis­mus“ oder BDS ver­ste­cken kann. Das klingt nach Demo­kra­tie – wenn auch mit isla­mis­ti­schem Ant­litz. Man demons­triert in Zukunft ein­fach für freie Wah­len in Paläs­ti­na – die Sache mit den Juden lässt sich sicher mit einer Fat­wa regeln.

Vorheriger ArtikelWählen und Zählen
Nächster ArtikelVerschenken Sie Berlin, solange es noch geht!