Alle Fragen zur Energiewende beantwortet?Es war das Pro­blem man­gel­haf­ter Tech­nik­fol­ge­ab­schät­zung in der Ener­gie­wen­de, wel­ches Cora Ste­phan in ihrem Kom­men­tar auf NDR.de behan­del­te. Mit Phil­lipps­burg II ging gera­de ein wei­te­res grund­last­fä­hi­ges Kern­kraft­werk end­gül­tig vom Netz und die ent­stan­de­ne Lücke, immer­hin ein Fünf­tel des Strom­be­darfs von Baden-Würt­tem­berg, fließt nun aus Frank­reich (Atom) und Polen (Koh­le) zu uns. Doch auch Wind­an­la­gen haben Lauf­zei­ten, auch Solar­pa­nee­le müs­sen irgend­wann ent­sorgt werden…wie steht es also wirk­lich um die Nach­hal­tig­keit, wie um die Ver­sor­gungs­si­cher­heit? Alles berech­tig­te Fra­gen, soll­te man mei­nen. Alles auch Fra­gen, um die sich Inves­to­ren und Betrei­ber von Wind- und Solar­an­la­gen und unse­re Regie­rung doch sicher Gedan­ken gemacht haben müs­sen, nimmt man an. Doch wo Sub­ven­tio­nen im Spiel sind, setzt oft nicht nur der Sach­ver­stand aus. Auch der Wett­be­werb hat schlech­te Kar­ten. Zuge­ge­ben: auch die Kern­ener­gie wäre ohne reich­lich Sub­ven­tio­nen nie an den Start gekom­men. Man soll­te aber nicht glau­ben, Fir­men wie Sie­mens hät­ten ein gestei­ger­tes Inter­es­se dar­an gehabt, die­se Kraft­wer­ke zu bau­en. Das war der Staat – und zwar aus Pres­ti­ge-Grün­den. Und wenn Mil­li­ar­den an Sub­ven­tio­nen win­ken, baut man das, was gewünscht wird. Das ist heu­te nicht anders als vor 50 Jahren.

Die heu­ti­gen Ver­fech­ter von EEG, För­der­töp­fen und risi­ko­lo­sen Invest­ments in Wind und Son­ne gei­ßeln die Sub­ven­tio­nen ver­gan­ge­ner Tage für die Kern­ener­gie und ver­lan­gen doch gleich­zei­tig Sub­ven­tio­nen für sich, weil es ohne nun mal nicht gehe. Den inhä­ren­ten Wider­spruch bemerkt man nicht mal. Nun, die Sub­ven­tio­nen für die Kern­ener­gie soll­te man viel­leicht zusam­men mit den Steu­er­ein­nah­men, den jahr­zehn­te­lang güns­ti­gen Strom­kos­ten in die finan­zi­el­le Waag­scha­le wer­fen und die sta­bi­len Net­ze sind ja auch nicht zu ver­ach­ten. Ob Son­ne und Wind hier mit­hal­ten kön­nen, müs­sen sie erst bewei­sen. Bis­her ist nur zu sehen, dass die Netz­sta­bi­li­tät sinkt, die Kos­ten stei­gen, Arbeits­plät­ze schwin­den und Natur zu Indus­trie­ge­bie­ten umge­wid­met wird.

Mein Inter­es­se gilt hier aber nicht Ste­phans vor­treff­li­chem Arti­kel, son­dern vie­len Kom­men­ta­ren dar­un­ter. Das Spek­trum ist gemischt, was natür­lich gut ist. Aber es ste­chen doch jene her­aus, die dünn­häu­tig bis belei­digt reagie­ren, fast, als hät­te Cora Ste­phan den Schrei­ber des Kom­men­tars mit ihrer Mei­nung per­sön­lich ver­letzt oder belei­digt. Tenor: wie kann man nur Zwei­fel an der Wind­kraft haben, nicht an das Gelin­gen der Ener­gie­wen­de glau­ben und die Abschal­tung eines Kern­kraft­werks nicht eupho­risch fei­ern? Wer sowas tut, ist rechts, AfD-Fan, von der Atom­lob­by bezahlt, ewig­gest­rig, Kli­ma­l­eug­ner, Wünschdirwas!

Alle Fragen zur Energiewende längst beantwortet?

In Sachen Ener­gie­wen­de ver­fes­tigt sich bei mir der Ein­druck, dass eine gro­ße Anzahl mei­ner Mit­bür­ger (und in die­sem Fall der Kom­men­tar­schrei­ber) sich jah­re­lang mit den Text­bau­stei­nen der Pro­fi­teu­re eben die­ser Ener­gie­wen­de hat abspei­sen las­sen, bis ein Sät­ti­gungs­ge­fühl ein­trat. Man glaubt, zu wis­sen und ist jetzt mit gestanz­tem Polit­blech ange­füllt bis Ober­kan­te Unter­lip­pe. Jeder Zwei­fel, jede Nach­fra­ge und jeder lei­se Anflug von Kri­tik ver­ur­sacht bei vie­len nur noch Übel­keit und das Erbre­chen eben jenes Phra­sen­blechs, mit dem sie gefüt­tert wur­den. Man liest einen Kom­men­tar von X, der aber wort­wört­lich und bis in die Belei­di­gun­gen hin­ein auch aus dem Mund von Habeck, Trit­tin, Roth, Baer­bock oder einem ande­ren Sofa­be­woh­ner bei Ill­ner, Will und Co kom­men könn­te. Es ist aber nicht Dumm­heit, die unter dem Arti­kel von Cora Ste­phan jede Kri­tik abbü­gelt. Die Gesund­be­ter der Ener­gie­wen­de wis­sen ein­fach zu viel, was so nicht stimmt. Auf­ge­schnapp­tes gebiert Schnapp­at­mung, wenn es in Zwei­fel gezo­gen wird.

Vier Möglichkeiten, Fragen nicht zu beantworten

Die Stra­te­gie, mit der eini­ge Leser auf Ste­phans auf­ge­wor­fe­ne Fra­gen ant­wor­ten, kann man grob in vier Grup­pen auf­tei­len. Zunächst gibt es zwei Mög­lich­kei­ten, der Beant­wor­tung einer auf­ge­wor­fe­nen Fra­ge aktiv aus­zu­wei­chen. Man kann ent­we­der behaup­ten, die Fra­ge stel­le sich gar nicht und tut dann so, als sei sie tat­säch­lich nie gestellt wor­den. Oder man behaup­tet, die Fra­ge sei längst beant­wor­tet, was auf das­sel­be hin­aus­läuft. Alter­na­tiv kann man die Fra­ge auch als falsch gestellt und damit den Fra­ge­stel­ler als Dep­pen bezeich­nen, auf des­sen Niveau man sich aus Grün­den der Wür­de nicht bege­ben wol­le – und wie­der bekommt man kei­ne Antwort.

Wenn einem gar nichts ande­res ein­fal­len will, ist der Vor­wurf des Lob­by­is­mus die letz­te Hand­gra­na­te, die gewor­fen wird. Es kann ja nicht sein, dass da jemand aus eige­ner Anschau­ung zu einer Auf­fas­sung gelangt, die man selbst nicht teilt! Zudem hat man sich selbst frei­wil­lig (und dum­mer­wei­se noch dazu völ­lig unent­gelt­lich) auf jene Art der Welt­erklä­rung ein­ge­las­sen, die da in der Kri­tik steht – es muss also Geld im Spiel sein! Das Unter­be­wusst­sein leuch­tet neid­ge­lb und kommt dem man­gel­haf­ten Fak­ten­wis­sen nur zu gern zu Hil­fe: ver­nich­tet sie, sie ist eine bezahl­te Söldnerin!

Zusam­men­fas­send: man kann Kri­tik ganz ohne Sach­kennt­nis abbürs­ten, igno­rie­ren, alles bes­ser „wis­sen” oder den Vor­wurf der Fremd­steue­rung erhe­ben. Zur Sache geht es nie. Wenn Sie nun glau­ben, lie­be Lese­rin­nen und Leser, hier gewis­se Par­al­le­len zu den Ver­tei­di­gungs­stra­te­gien von Ideo­lo­gien und Heils­leh­ren aller Art zu erken­nen, sind Sie wohl auf dem rich­ti­gen Weg.

Die Kommentare

Wol­len wir uns also mit eini­gen der Kom­men­ta­re befas­sen, die gera­de­zu exem­pla­risch für die Wir­kung der jahr­zehn­te­lan­gen Pro­pa­gan­da ste­hen kön­nen. Ich nen­ne hier kei­ne Namen, zitie­re aber wört­lich. Sie fin­den die Tex­te wie gesagt unter dem Arti­kel auf NDR.de.

„Ich ver­ste­he nicht wie man gegen Wind­kraft und Son­nen­en­er­gie sein kann! Denn damit leug­net man auto­ma­tisch das Kli­ma, was von zahl­rei­chen bedeu­ten­den Wis­sen­schaft­lern bestä­tigt ist. Dass wir erst­mal Strom von Koh­le­kraft­wer­ken in Polen oder Atom­kraft aus Frank­reich brau­chen ist dage­gen zu ver­nach­läs­si­gen, da es sich nur um eine Über­gangs­zeit han­delt, bis wir unse­re Nach­barn von sau­be­rer Ener­gie über­zeugt haben und Deutsch­land hier Vor­rei­ter ist.“ 

Wer gegen Wind- und Son­nen­en­er­gie ist, leug­net also das Kli­ma. Das ist offen­bar ein reli­giö­ses Dog­ma und muss nicht wei­ter hin­ter­fragt wer­den. Sol­che Schüs­se aus der Hüf­te wer­den gern wort­reich und oft bril­lant wider­legt, doch der Schüt­ze ist längst in den nächs­ten Saloon gezo­gen und hört nicht mehr zu. Und was unse­re Nach­barn angeht, die uns in einer „Über­gangs­pha­se“ hin zur eige­nen Glück­se­lig­keit Koh­le- und Atom­strom lie­fern müs­sen dür­fen, wer­den die sich dann wohl wei­te­re Nach­barn für den Weg ins Glück suchen müs­sen. Frank­reich holt sei­nen Strom dann über­gangs­wei­se viel­leicht aus Spa­ni­en, Spa­ni­en spä­ter aus Por­tu­gal. Die Por­tu­gie­sen haben dann Pech, weil sie kei­nen Nach­barn mehr haben.

Die­ses kurz­sich­ti­ge Argu­ment erin­nert mich an eine Anek­do­te, von der Mar­kus Krall berich­te­te. Natür­lich sei die Erde eine Schei­be, das wis­se doch jeder, mein­te eine sei­ner Zuhö­re­rin­nen. Wor­auf die Erd­schei­be denn gela­gert sei, frag­te Krall. Auf einer Schild­krö­te natür­lich. Und die­se? „Auf einer grö­ße­ren Schild­krö­te! Und bevor sie fra­gen“, fuhr die Dame fort, „es gibt Schild­krö­ten bis ganz nach unten!“ So ähn­lich muss wohl auch die Ener­gie­wen­de für ganz Euro­pa funk­tio­nie­ren, von der wir Deut­sche als „Vor­rei­ter“ unse­re Nach­barn „über­zeu­gen“ wer­den. Das Modell funk­tio­niert für alle – außer für die Schild­krö­te „ganz unten“.

„Ich stau­ne nur noch; wie kann die Kom­men­ta­to­rin nach so vie­len Jah­ren Beschäf­ti­gung mit den gewal­ti­gen Risi­ken und auch sicht­ba­ren belas­ten­den Fol­gen der Atom­tech­nik, auch in Deutsch­land (Kin­der­leuk­ämien u.a.), solch einen Text ver­fas­sen: Meis­te­rIn­nen-Leis­tung im Ausblenden.“

Gerücht ver­dop­pelt – so wie Stimm und Echo – die Zahl Gefürch­te­ter. (Shake­speare, Hein­rich IV.). Ein sol­ches Gerücht sind die Häu­fun­gen von Kin­der­leuk­ämie in der Nähe von Kern­kraft­wer­ken. Denn gäbe es sol­che und noch dazu Zusam­men­hän­ge zum Betrieb der Kraft­wer­ke, wären die­se längst still­ge­legt und geschlos­sen. Das Argu­ment, die „Atom­lob­by“ hät­te dies eben erfolg­reich ver­tuscht und die Schlie­ßung ver­hin­dert, passt irgend­wie nicht ganz zur offen­sicht­li­chen Macht­lo­sig­keit der­sel­ben Lob­by, was aktu­ell die end­gül­ti­ge Schlie­ßung voll funk­ti­ons­tüch­ti­ger Anla­gen angeht. Die Begrün­dung dafür ist dif­fus, nicht kon­kret. Die ein­zi­gen sicht­ba­ren Belas­tun­gen der Atom­tech­nik in Deutsch­land sind die „demons­tra­ti­ven“ Begleit­erschei­nun­gen bei jeder Art von Transport.

„Ein pein­li­ches Her­un­ter­be­ten von unrich­ti­gen und / oder grob irre­füh­ren­den Pro­pa­gan­da­be­haup­tun­gen der alten, neu auf­ge­stell­ten Atomlobby.“

Die­se „neu auf­ge­stell­te Atom­lob­by“ konn­te nicht mal ver­hin­dern, dass die vie­len tau­send Opfer des Erd­be­bens mit anschlie­ßen­dem Tsu­na­mi von 2011 in Japan ein­fach dem AKW in Fuku­shi­ma zuge­scho­ben wer­den. Es gibt in Deutsch­land in Wirk­lich­keit kei­ne nen­nens­wer­te Atom­lob­by mehr. Die geräusch­lo­se Still­le­gung von Phil­ipps­burg II hat dies gera­de wie­der ein­drucks­voll gezeigt. Die For­schungs­ein­rich­tun­gen an den Uni­ver­si­tä­ten wer­den zusam­men­ge­schnurrt, Gel­der in die Grund­la­gen­for­schung flie­ßen immer spär­li­cher. Eine merk­wür­dig stil­le Lob­by muss das sein, vor der da gewarnt wird – beson­ders laut übri­gens von einer ande­ren Lob­by, die gera­de schmerz­voll auf­heult, weil durch neue Abstands­re­geln für Wind­an­la­gen angeb­lich Stand­or­te gefähr­det sind. Es ist schon selt­sam, dass ein Grenz­wert, der ja die Gesund­heit von Men­schen schüt­zen soll, hier dem „tech­ni­schen Fort­schritt“ im Weg ist, wäh­rend ande­re Grenz­wer­te, etwa die für Fein­staub und NOx, gar nicht nied­rig genug sein kön­nen. Bekla­ge einen Grenz­wert als zu hoch und ich sage dir, für wen du trommelst.

„Mal wie­der ein rei­ße­ri­scher, ein­sei­ti­ger Arti­kel von der AfD-Frau Ste­fan. Wie kann man hier von einer frei­en Jour­na­lis­tin sprechen?“

Lie­be Mit­bür­ger, freie Jour­na­lis­ten hei­ßen so, weil sie kein Gehalt von einem Medi­en­haus, Ver­lag oder Sen­der erhal­ten und statt­des­sen ein­zel­ne Arti­kel oder Bei­trä­ge gegen Hono­rar dort ablie­fern. Der NDR hat (erfreu­li­cher­wei­se) eine Rubrik „Kom­men­tar“. In wel­cher, wie die Bezeich­nung nahe­legt, Autoren ihre Mei­nung zu einem The­ma äußern. Das darf rei­ße­risch, ein­sei­tig und alles Mög­li­che sein, nur nicht lang­wei­lig. Eines ist ein Kom­men­tar jedoch nie: Der Neu­tra­li­tät ver­pflich­tet, denn er ist kei­ne Nach­richt! Des­halb heißt er auch nicht so. Umge­kehrt ist dies lei­der immer sel­te­ner der Fall. Dass Cora Ste­phan aller­dings eine „AfD-Frau“ ist, dürf­te nicht nur sie selbst über­ra­schen. Aber was rege ich mich auf. Heu­te gilt schließ­lich jeder, der nicht täg­lich das „Tee­ren & Federn“ für Wei­del oder das Kiel­ho­len für Meu­then for­dert, als ver­kapp­ter Anti­de­mo­krat und Faschist, dem man die Bür­ger­rech­te ent­zie­hen muss. Das wird all­mäh­lich langweilig.

„Atom­kraft ist nicht CO2- frei. Uran­berg­bau, die Anrei­che­rung, die Pro­duk­ti­on und der Trans­port der Brenn­stä­be sind es nicht. Die Nach­be­hand­lung und End­la­ge­rung erst recht nicht. […] Sie wer­den nie erfah­ren, was Ihre Nach­kom­men ein­mal dar­über den­ken wer­den, dass Uroma Cora lie­ber milch­mäd­chen­haf­te Kom­men­ta­re ver­fasst hat, statt ihren Lebens­stil zu hin­ter­fra­gen. Es ist erschütternd.“

Mich schüt­telt es auch. Vor Lachen. Aber ich will hier gar kei­ne Rech­nung zum CO2-Aus­stoß auf­ma­chen, weil ich das für ein Neben­the­ma hal­te. Es geht in ers­ter Linie um Ver­sor­gungs­si­cher­heit, ein The­ma, wel­ches ein Land, wel­ches auch wei­ter­hin Indus­trie­land sein möch­te, gar nicht ernst genug neh­men kann. Natür­lich ist die Kern­ener­gie nicht voll­stän­dig CO2-neu­tral! Das Dum­me ist nur: es gibt über­haupt kei­ne CO2-freie Ener­gie­ge­win­nung. Wer mir also etwas erschüt­tern­des über den Uran­berg­bau erzäh­len will, der darf über die Minen für Kobalt, Neo­dym oder Wolf­ram nicht schwei­gen. Wer von Uran-Anrei­che­rung und War­tung erzählt, aber bei der Gewin­nung von Lithi­um nichts zu meckern hat und die Die­sel­trans­por­ter nicht sieht, die zur War­tung der Wind­kraft­an­la­gen durchs Land fah­ren, der ist ein Heuch­ler. Punkt! Von all den rest­li­chen CO2-inten­si­ven Mate­ria­li­en (Car­bon­fa­sern, Ver­bund­stof­fe, Beton, Stahl…), aus denen so eine Wind­kraft­an­la­ge besteht, möch­te ich gar nicht erst anfan­gen. Der Ern­te­fak­tor ist für die Kern­ener­gie jeden­falls um Grö­ßen­ord­nun­gen bes­ser als für Son­ne und Wind, was zwar all­ge­mein bekannt, aber in der Betrach­tung gern ver­schwie­gen wird. Die­se Fra­ge „stellt sich halt nicht“.

Energiewende ohne Endlager?

Noch zwei Gedan­ken zur Pro­ble­ma­tik der End­la­ge­rung. Ers­tens: wir haben kein End­la­ger, brau­chen aber für unse­ren Müll den­noch eines – dass wir aus der Kern­ener­gie aus­stei­gen, sorgt nur für noch mehr Dring­lich­keit bei unsi­che­rer Finan­zie­rung. Am Gefah­ren­po­ten­zi­al der Stof­fe ändert auch der Aus­stieg nichts. Statt nach einer Mil­li­on Jah­ren sind wir mit der End­la­ge­rung aber wohl etwa 20 Jah­re frü­her fer­tig. Was für ein beklopp­tes Bei­spiel wir doch der Welt sind! Glück­wunsch! Zwei­tens: ande­re Län­der gehen das Pro­blem offen­siv an und ent­wi­ckeln neue Reak­tor­ty­pen, die, weil sie mit schnel­len statt mit lang­sa­men Neu­tro­nen arbei­ten, güns­ti­ge­re Zer­falls­rei­hen haben, sehr viel mehr Ener­gie aus den ein­ge­setz­ten „Brenn­stof­fen“ erzeu­gen und als End­pro­duk­te sehr viel kür­zer radio­ak­ti­ven Müll zurücklassen.

Wir reden hier von Halb­wert­zei­ten von eini­gen Hun­dert Jah­ren, nicht mehr von Mil­lio­nen. End­la­ger in Salz oder Gestein wird so über­flüs­sig. Als Stich­wor­te sei­en hier nur Dual-Flu­id, Schnel­le Brü­ter, Tho­ri­um-Flüs­sigs­alz oder ‑Flüs­sig­blei-Reak­to­ren genannt. Es gibt also Tech­no­lo­gien, sogar bereits ein­setz­ba­re. Ein Blick nach Russ­land oder Chi­na kann Klar­heit schaf­fen. Doch bringt man sol­che Ideen ins Spiel, ist man natür­lich „von der Atom­lob­by bezahlt“. Das von der SPD erfun­de­ne „Wind­bür­ger­geld“ hin­ge­gen ist natür­lich nicht auf dem Mist einer Lob­by gewach­sen, um die Akzep­tanz der Wind­kraft zu opti­mie­ren. „Aber die­se Akzep­tanz­kos­me­tik bezahlt doch kei­ne Lob­by!“, wer­den die Leser viel­leicht ein­wen­den. Stimmt, das bezahlt der Steu­er­zah­ler, die­ser Trot­tel. Das ist dann natür­lich was ganz anderes!

„Der Kom­men­tar von Frau Ste­phan hat in mei­ner Fami­lie ungläu­bi­ges Stau­en und Kopf­schüt­teln her­vor­ge­ru­fen und scheint mir ein „gutes” Bei­spiel für die Lob­by­ar­beit der gro­ßen Ener­gieo­li­go­po­lis­ten zu sein, die nun ver­su­chen den Aus­stieg aus der Atom­ener­gie und Koh­le­ver­stro­mung mit allen Mit­teln zu verhindern.“

In die­sem Land ver­hin­dert kei­ner mehr irgend­was, schon gar nicht, wenn man wie Cora Ste­phan einen Kom­men­tar schreibt, der nicht mehr als 4:30 Minu­ten lang sein darf, um ins For­mat des Sen­ders zu pas­sen. Zuletzt konn­te man über eine Stun­de lang beob­ach­ten, wie sich Pro­fes­sor Sinn ver­geb­lich bemüh­te, die Risi­ken des in Ener­gie­fra­gen ein­ge­schla­ge­nen Weges gegen den Wider­stand der Grü­nen Traum­tän­ze­rin Nest­le dar­zu­le­gen. Es war eine Qual!

Nein, wir ver­las­sen uns hier­zu­lan­de ein­fach dar­auf, dass sich bestimm­te Fra­gen nicht stel­len, weil sie längst beant­wor­tet sei­en. Das Netz ist der Spei­cher und der Kobold hat immer recht! Dass wir die Ant­wor­ten in Wahr­heit nicht ken­nen und uns statt­des­sen als „Über­gangs­lö­sung“ auf unse­re Nach­barn ver­las­sen, die wir durch unser Vor­bild auch noch anre­gen wol­len, es uns gleich zu tun, stört uns kein Biss­chen. Auch nicht, wie unse­re Nach­barn wirk­lich über unse­re Welt­ret­tungs­plä­ne denken.

In Ener­gie­fra­gen ver­hält sich der deut­sche Michel lei­der nicht anders als ein Klein­kind, dass zwi­schen sei­nen Eltern und an deren Hän­den durch die Luft wir­belt. Des­sen Füße berüh­ren zwar den Boden nicht, aber es sieht, dass es immer noch vor­an­kommt. Ener­ge­tisch vor­bild­lich! Und jetzt ruft das Kind „Mama, Papa, jetzt ihr!“ Ich glau­be, je schnel­ler Polen und Frank­reich los­las­sen, umso rascher der Auf­schlag in der Rea­li­tät. Nur ein sol­cher Auf­schlag kann uns noch ret­ten – vor einem noch grö­ße­ren Auf­schlag. Lei­der wird dabei so oder so auch so man­ches lieb­ge­won­ne­ne Stück Por­zel­lan zu Bruch gehen.

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14 Kommentare

  1. Betr.: „Dass wir erst­mal Strom von Koh­le­kraft­wer­ken in Polen oder Atom­kraft aus Frank­reich brau­chen ist dage­gen zu ver­nach­läs­si­gen, da es sich nur um eine Über­gangs­zeit han­delt, bis wir unse­re Nach­barn von sau­be­rer Ener­gie über­zeugt haben und Deutsch­land hier Vor­rei­ter ist.“

    Herr Letsch, dass ist doch wohl eher feins­ter Sar­kas­mus des Kom­men­ta­tors (gegen­über dem NDR), denn soviel Nai­vi­tät in einem Satz wäre doch kaum vor­stell­bar. (Wenn das doch ernst gemeint sein soll­te, möch­te ich das Feh­len des Begriffs „Leuchtt­umr­pro­jek­te” beklagen.)

    PS
    Bei die­ser Gele­gen­heit: Dan­ke für Ihre Beiträge.

  2. Die dünn­häu­ti­gen Kom­men­ta­to­ren des Arti­kels von Frau Ste­phan kann ich mir gut vor­stel­len. Im bes­ten Fall, im aller­bes­ten Fall, sind es wel­che, die bei ihrem Strom­ver­sor­ger die Opti­on „Öko­strom“ ange­klickt haben, zwei Cent mehr bezah­len, und den­ken damit wäre die Zukunft gerettet. 

    „Wir haben 100% Öko­strom“ sag­ten neu­lich auch mal Bekann­te zu mir. Aka­de­mi­ker­paar. Da dach­te ich an die Elek­trorol­ler, die hier über­all ste­hen; nicht die­se Kin­der­rol­ler, som­dern die Schwal­be in der E‑Version, wo drauf­steht „Fährt mit 100% Ökostrom“.
    Wie geht das? Wer­den die in win­di­gen Näch­ten zum Auf­la­den an ein Wind­rad gekarrt? Mit einem Elek­tro­au­to, das man in der vor­he­ri­gen win­di­gen Nacht an der­sel­ben Quel­le auf­ge­la­den hat­te? Fra­gen über Fragen.

  3. Es ist wie­der mal ein Offen­ba­rungs­eid, was so in Sachen Kli­ma behaup­tet wird. Und wie zu ver­mu­ten ist, steckt hin­ter alle­dem das Geld, für des­sen Skla­ven­dienst immer ein paar nütz­li­che Idio­ten zu fin­den sind. Die bestim­men die Poli­tik. Was Wun­der, wir zahlen!
    You­Tube ist ja eine rich­ti­ge Fund­gru­be und so habe ich einen Bei­trag gefun­den von einem der „3%” Wis­sen­schaft­ler, die „das Kli­ma” leug­nen. Dr. Shi­va erklärt hier ein­drucks­voll, wer bzw. was hin­ter die­ser gan­zen Kli­ma­de­bat­te steckt und war­um Trump dem Kli­ma­ab­kom­men nicht bei­getre­ten ist.

    https://www.youtube.com/watch?v=-0Rtystv7dc

  4. In Bul­ga­ri­en liegt der Strom­preis bei ca. 10 ct / kWh – die wür­den sich freu­en, wenn sie dem deut­schen „Vor­bild” fol­gen und eine EEG-Umla­ge von 6,2 ct / kWh (also ein Plus von rund 60%) zusätz­lich bezah­len dürften.

    Zum Pro­blem der Endlagerung:
    Wäh­rend in Russ­land mit dem BNH-800 bereits ein Reak­tor­typ im kom­mer­zi­el­len Betrieb ist, der 96% der Reak­tor­ab­fäl­le zu Ener­gie ver­ar­bei­tet und es ähn­li­che Ent­wick­lun­gen in den USA und Chi­na gibt, wur­de in Deutsch­land die For­schung durch den Aus­stieg aus der Atom­kraft gestoppt.
    Eines Tages wer­den wir die For­schungs­er­geb­nis­se ande­rer Län­der teu­er zukau­fen dür­fen, bzw. müssen.

  5. Ganz gro­ßen Dank, Herr Letsch, für die­sen Ein­blick in die Müh­le, in wel­cher Hoch­po­ten­zen sich zuklap­sen. Reso­nanz­an­ge­bo­te für Hohl­köp­fe haben immer ihre Kli­en­tel gefun­den. Ich emp­feh­le, zum Ver­gleich z.B. in „Die Letz­ten Tage der Mensch­heit“ von Karl Kraus die Pas­sa­gen zu lesen, in denen begrün­det wird, war­um Deutsch­land & Öster­reich nicht anders als sie­gen kön­nen, oder in der von Goe­b­bels spe­zi­ell für die sog. Intel­li­genz kon­zi­pier­ten Wochen­zei­tung „Das Reich“ Arti­kel, in denen noch 1944/1945 aus­ge­führt wird, war­um der End­sieg bevor­steht. Mir scheint da eine beacht­li­che Kon­ti­nui­tät der Ver­blen­dung, Aus­blen­dung und Ratio­na­li­sie­rung vor­zu­lie­gen, sie defi­niert gera­de­zu das Milieu der Intellektuellchen.

    Den Typus des Bescheid­wis­sers und Phra­se­ne­jek­tors ken­ne ich seit mehr als 30 Jah­ren auch auf mei­nem Arbeits­ge­biet (nicht das der Ener­gie­wirt­schaft). Bei detail­lier­ter Nach­fra­ge stößt man aller­dings regel­haft auf Lee­re, einen hor­ror vacui men­tis hat man in die­sem Milieu nicht. Beson­ders apart unter den von Ihnen ange­führ­ten argu­men­ta­ti­ven Simu­lan­tien ist das Lob­by-Argu­ment, bei einer Stu­die das Finan­zier-Argu­ment. Wenn man von einer Sache tat­säch­lich etwas ver­steht und die­se selb­stän­dig zu beur­tei­len ver­mag (d.h. kom­pe­tent ist statt ange­klick­te & auf­ge­schnapp­te vir­tu­el­le sog. Kom­pe­ten­zen auf­zu­wei­sen), fin­det man immer leicht die Schwach­punk­te in einer Argu­men­ta­ti­on und kann die vor allem im Detail bele­gen; den Rekurs auf eine Lob­by hat man nicht nötig. Der ist sogar unpro­duk­tiv, da man z.B. durch Ana­ly­se auch aus feh­ler­haf­ten Stu­di­en oft noch etwas ler­nen kann. Wenn man aller­dings nichts von der Sache ver­steht, gleich­wohl auf dem ganz hohen Ego-Press­luft-Ross mit einem IQ von 5 atü sitzt, dann kommt das Argu­ment zur Lob­by. Ein fra­gen­der Piek­ser nach Details reicht dann zur Defla­ti­on. Und als Krö­nung kommt dann der „Kon­sens“, hier „mei­ne Fami­lie“ genannt. Den gab es ganz oft im 20 Jh. (sie­he oben).

    Ich glau­be, kei­ne Zeit zuvor hat so vie­le, so ein­drucks­vol­le Dun­ning-Kru­ger-Beleg­fäl­le gene­riert wie die heutige.

  6. Ich war­te regel­recht auf den Black­out. Ja ich weiß das klingt ziem­lich bescheu­ert. Ja ich weiß was das bedeu­ten kann, Anar­chie und Plü­de­run­gen, nicht erreich­ba­re Ein­satz­kräf­te und so wei­ter. Ist mir alles klar. Aber es ist viel­leicht die letz­te Mög­lich­keit die­sen Wahn­sinn noch zu stop­pen. Aller­dings besteht auch die Mög­lich­keit, dass die Regie­rung nur noch mehr WKA bau­en lässt. Und die Schuld für den Black­out wür­de man Trump, Putin oder chi­ne­si­schen Hackern anhängen. 

    https://www.welt.de/wirtschaft/article204786230/Atomausstieg-Was-die-Energiewende-wirklich-kostet.html

    Die Bei­trä­ge unter die­sem Arti­kel sind teil­wei­se auch sehr lustig.

  7. Bereits eine Dampf­ma­schi­ne hat­te einen Gesamt­wir­kungs­grad von 20%, wie ein Atom­kraft­werk ohne die Lang­zeit Fol­gen. Wo ist hier bit­te der tech­ni­sche Fort­schritt? Und dass zwi­schen­zeit­lich die inter­nen Mate­ria­li­en der AKW auf­grund der Lauf­zeit am Ende ihrer Lebens­dau­er sind und nur unter hohem Auf­wand erhal­ten wer­den kön­nen will anschei­nend nie­mand wahrnehmen.
    Soll­te es in den viel­ge­rühm­ten fran­zö­si­schen AKW zu einer Erns­ten Sache kom­men, hof­fe ich nur, dass wir wie­der einen Ost­wind wie bei Tscher­no­byl haben. Wer heu­te noch auf AKW setzt soll­te bereit sein den Abfall on sei­nem Vor­gar­ten oder Kel­ler ein­zu­la­gern und für die siche­re Lage­rung für die nächs­ten tau­sen­de von Jah­ren ver­ant­wort­lich sein.

    • Ist die­ser Kom­men­tar jetzt Sati­re? Ich bin mir nicht sicher!
      Wenn ein Text nicht gera­de das CO2 in die Bilan­zen hin­ein­rech­net, das die­je­ni­gen aus­at­men die die Richt­li­ni­en für Kraft­wer­ke erlas­sen, kann sich bei ähn­lich absur­den Din­gen doch nie­mand mehr sicher sein ob sie nicht viel­leicht ernst­ge­meint sind. Ich ver­mu­te aller­dings, das ist Sati­re – schließ­lich IST ein Atom­kraft­werk eine Dampf­ma­schi­ne (wie Kohle‑, Gas‑, und Ölkraft­wer­ke auch): alles Drum­rum ist nur Teil der Fra­ge, woher denn der Dampf für die Maschi­nen kommt.
      Inso­fern: gut gemacht! 🙂

    • Ihr alber­ner Ver­gleich mit der Dampf­ma­schi­ne lässt ver­mu­ten, dass Sie noch nie den Begriff „Ener­gie­dich­te” gehört haben. In sum­ma gehen ver­gli­chen mit ande­ren For­men der Ener­gie­er­zeu­gung sta­tis­tisch gese­hen weni­ger Tote auf das Kon­to der Kern­kraft. Der Reak­tor in Tscher­no­byl war sicher­heits­tech­nisch schlecht kon­stru­iert (pro­ble­ma­ti­scher Mode­ra­tor, nicht ein­mal ein Con­tain­ment) und eben­so unver­ant­wort­lich gefah­ren (sie­he z.B. Murray/Holbert: Nuclear Ener­gy; trig­ger warning: ohne Kennt­nis­se der Phy­sik nicht zu ver­ste­hen). Fuku­shi­ma erwies sich als hand­hab­bar, auch da lag ein leicht beheb­ba­rer Kon­struk­ti­ons­feh­ler vor. Glau­ben Sie nicht, dass Inge­nieu­re dazu­ler­nen kön­nen, oder schlie­ßen Sie vor­schnell von Grü­nen, Lin­ken und ande­ren Fos­si­li­en des 18. und 19. Jahr­hun­derts (Rous­se­au, Marx)? Die moder­nen Kon­zep­te, die Herr Letsch nur ansatz­wei­se erwähn­te, gehen in ande­re Rich­tun­gen als die klas­si­schen und ent­schär­fen u.a. auch das (m.E. zu poli­ti­schen Zwe­cken auf­ge­bausch­te) Pro­blem der End­la­ge­rung. Es hat sei­nen guten Grund, wenn welt­weit die Kern­ener­gie for­ciert ent­wi­ckelt wird. Dass dies in Meu­sa­lia nicht geschieht, ist einer – ver­mut­lich unheil­ba­ren – para­re­li­giö­sen, roman­tisch-irra­tio­na­len Tra­di­ti­on geschul­det; daher auch gibt es hier so vie­le Gre­tins. Bit­te machen Sie sich fach­kun­dig (z.B. Sornette/Kröger/Wheatley: New Ways and Needs for Explo­i­t­ing Nuclear Ener­gy, oder Shultis/Faw: Fun­da­men­tals of Nuclear Sci­ence and Engi­nee­ring; trig­ger warning: ohne Kennt­nis­se der Phy­sik nicht zu ver­ste­hen). Bei rea­lis­ti­scher Betrach­tung bie­tet allei­ne die Kern­kraft mit ihrer hohen Ener­gie­dich­te das Poten­ti­al, den stei­gen­den welt­wei­ten Ener­gie­be­darf ver­läss­lich und aus­rei­chend zu decken. Die sog. erneu­er­ba­ren Ener­gien brau­chen zu viel an Ressourcen/Fläche und sind zu uner­gie­big (EROI usw.) oder unzu­ver­läs­sig. Sie sind allen­falls loka­le Lösun­gen. Ansons­ten viel Freu­de mit der Dampf­ma­schi­ne (es gibt sehr schö­ne Modelle).

  8. Ein wirk­lich guter Arti­kel und sehr rea­li­täts­nah es zeigt sich die rea­li­täts­fer­ne vie­le Kommentare

  9. Her­vor­ra­gen­der Artikel.
    Vie­len Dank dafür.
    Ich muss den NDR mal loben, hät­te nicht gedacht, dass er so einen Arti­kel erlaubt.

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