Die EU ste­ht unter Druck wie im Jahr 2015. Es ist alles wieder da. Bilder von belagerten Gren­zen (teil­weise nicht nur die gle­ichen Bilder, son­dern sog­ar diesel­ben wie 2015*), die Behaup­tun­gen, es kämen vor allem Kinder und die Idee, jet­zt mal nur eine kleine Aus­nahme zu machen. Der öffentliche Druck und die Forderun­gen nach bedin­gungslos­er Sol­i­dar­ität von eini­gen Poli­tik­ern und zahlre­ichen Aktivis­ten sind auch wieder da. Eben­falls die Frage, welche Bilder an unseren Gren­zen wir auszuhal­ten bere­it wären, wenn die griechis­che Polizei irgend­wann resig­niert aufgeben und wie vor vier Jahren ein­fach durch­winken wird. Neu ist hinge­gen die Instru­men­tal­isierung zehn­tausender Men­schen, die (teil­weise) als Flüchtlinge in die Türkei kamen und nun als Migranten von türkischen Bussen an die griechis­che Gren­ze gebracht wer­den, aus­ges­tat­tet mit Reis­erouten, die im türkischen Staats­fernse­hen gesendet wur­den. Es sind wohl mehr Türken als Syr­er unter diesen Men­schen. Es gab bere­its Fälle, bei denen die Men­schen mit Waf­fenge­walt aus den Bussen und in Rich­tung griechis­che Gren­ze getrieben wur­den.

Die Tage ver­stre­ichen ungenutzt, denn zum Push-Fak­tor Erdo­gan kom­men die Pull-Fak­toren EU und Deutsch­land hinzu. Verge­blich wartet man auf eine gemein­same Pressekon­ferenz von Merkel, in welch­er die Kan­z­lerin nichts weit­er tut, als fol­gende Erk­lärung zu ver­lesen. „Ich habe es 2018 gesagt und ich wieder­hole es. Eine unkon­trol­lierte Massenein­wan­derung nach Deutsch­land wie 2015 wird es nie wieder geben. Den Men­schen, die im Moment ver­suchen, sich an der Gren­ze Griechen­lands gewalt­sam Zutritt zur EU zu ver­schaf­fen, sage ich: Es wird ihnen nicht gelin­gen. Wir dulden die Gewalt nicht, mit der sie vorge­hen und wir dulden die Gewalt nicht, mit der die türkische Seite die Men­schen dazu zwin­gen will, unsere Außen­gren­ze zu ver­let­zen.“ Dass sich in dieser Rich­tung mit­tler­weile der Innen­min­is­ter via Twit­ter auf ara­bisch meldet, kommt bei den Adres­sat­en kaum an, zumal sich ein großer Teil der Men­schen nicht frei­willig auf den Weg nach Europa gemacht hat. Entschei­dend ist, dass Merkel schweigt und dieses Schweigen ermutigt eben­so wie ihr vor­ma­liges fatal­is­tis­ches „Nun sind sie halt da“.

Die Bilder von der türkischen Gren­ze sind in der Tat ver­störend. Erwach­sene, die Kleinkinder schüt­teln und über rauchende Feuer hal­ten, um für den unmit­tel­bar bevorste­hen­den Gren­züber­tritt genug emo­tionales Erpres­sungspoten­zial zu haben. Vielle­icht aber auch, um den Erwartun­gen europäis­ch­er Reporter und NGOs zu entsprechen: ihr wollt weinende Kinder? Die bekommt ihr! Es gibt Bilder von Män­nern, die Steine wer­fen und ver­suchen, die Gren­zan­la­gen zu durch­brechen und par­al­lel dazu in Deutsch­land, weit weg vom Prob­lem, empörte Stim­men, die den Griechen ihr ablehnen­des Ver­hal­ten vor­w­er­fen.

Dabei sind es ger­ade die Griechen, die seit 2015 die Haupt­last der wohlfeilen Hil­f­s­rhetorik tra­gen. Dort befind­en sich die Auf­fanglager. Dort lan­den jet­zt wieder die Boote und durch Griechen­land, ein Land, das mehr als jedes andere in der EU auf den Touris­mus angewiesen ist, zöge erneut ein unwillkommen­er Treck mit all seinen Begleit­er­schei­n­un­gen. Auf der Insel Les­bos, auf der seit Jahren das über­füllte Auf­fanglager „Moria“ dafür sorgt, dass für die Insu­lan­er die Krise nie aufhörte, kippte die Stim­mung zuerst. Ein­heimis­che drän­gen die Boote der Migranten ab, wer­fen Flaschen und ver­prügel­ten einen deutschen Fotografen, der wie auf Bestel­lung zur max­i­malen moralis­chen Inter­pre­ta­tion der Lage greift: Alles Recht­sex­trem­is­ten! Bis zu diesem inter­pre­ta­tiv­en Kurz­schluss hat es 2015 in Willkom­mens-Sch­land immer­hin einige Monate gebraucht.

Keine Frage, der Angriff auf Michael Tram­mer ist nicht zu entschuldigen. Doch nicht jed­er griechis­che Dorf­be­wohn­er, der von sein­er Zen­tral­regierung nichts zu erwarten hat und von der EU noch viel weniger, der sich seit Jahren die moralis­chen Belehrun­gen deutsch­er Besser­men­schen anhören muss und in sein­er Tav­erne außer inter­na­tionalen „Flüchtling­shelfern“, Jour­nal­is­ten, NGO-Beobachtern und Nor­bert Blüm kaum noch Gäste hat, ist gle­ich ein Faschist. Auf diese infla­tionäre Injurie kommt außer­halb der deutschen Medi­en­blase nie­mand und die Erk­lärung der Reak­tion der Griechen ist viel sim­pler: den meis­ten Men­schen platzt ein­fach irgend­wann der Kra­gen, wenn andere auf ihren Rück­en unge­fragt und immer wieder Messer­tanz spie­len. Man möchte nicht in der Nähe sein, wenn jeman­dem auf diese Weise die Sicherun­gen durch­bren­nt und es ist sich­er eine blöde Idee, in dieser Sit­u­a­tion Kam­era und Presseausweis zu zück­en, um genau die Bilder zu bekom­men, die gut ins eigene Vorurteil passen: Hier bedauern­swerte Schutz­suchende, dort faschis­toide Ein­heimis­che, die ihre Chance zur Hil­feleis­tung nicht ergreifen.

Alle Probleme nur aufgeschoben

Als Vera Lengs­feld und Hen­ryk Broder vor dem Peti­tion­sauss­chuss des deutschen Bun­destages die „Erk­lärung 2018“ vertei­digten, saßen ihnen die Abge­ord­neten mit Gesichtern voller Unver­ständ­nis und Fas­sungslosigkeit gegenüber. Man tat so, als ver­stünde man gar nicht, wovon die Peten­ten da reden. An deutschen Gren­zen wür­den Recht und Gesetz nicht gel­ten? Aber das ist doch – wenn über­haupt – nun schon Jahre her! Es sei doch alles ruhig, wo sehen die Peten­ten denn Hand­lungs­be­darf? Merkel hat­te ein Pflaster über die Wunde gek­lebt und es „Türkei-Deal“ genan­nt. Europa zahlt und Erdo­gan hält uns das Prob­lem Massen­mi­gra­tion vom Leib. Es hat nicht funk­tion­iert, die Erpres­sung, aus­ge­tra­gen auf den Rück­en der Men­schen in den türkischen Lagern und zu Las­ten der Griechen geht von vorne los.

Ver­suchen sie spaße­shal­ber mal einem Anwalt für Ver­tragsrecht diesen „Deal“ zu erk­lären: Habt ihr was Schriftlich­es? Nein, haben wir nicht. Es gab nichts als zwei Pressemel­dun­gen mit Absicht­serk­lärun­gen, das war alles. Gibt es Ver­tragsstrafen bei Nichter­fül­lung? Nein, natür­lich nicht. Denn der „Deal“ kam ja durch Erpres­sung zus­tande. Wenn man auf dem Schul­hof ver­prügelt wird und man sich durch Her­aus­gabe des Essens­geldes Luft ver­schafft, wird es nichts nützen, vom Row­dy zu ver­lan­gen, er solle von dem Geld keine Zigaret­ten kaufen. Habt ihr den Deal nun gekündigt? Nein, natür­lich nicht. Die EU und auch Frau Merkel haben dem Schul­hof-Row­dy zu ver­ste­hen gegeben, dass er mehr Geld bekom­men kann. Das ist ein ziem­lich dum­mer „Deal“! Nun, wir haben ja auch ziem­lich dumme Poli­tik­er.

Danegeld, so nan­nte man übri­gens die Trib­utzahlun­gen, welche im 11. Jahrhun­dert von schwachen englis­chen Köni­gen an die Wikinger flossen, um diese vom Plün­dern der Küsten­re­gion abzuhal­ten. Die Nor­man­nen nah­men das Gold und kamen den­noch immer wieder auf die eine oder andere Plün­derung vor­bei, bis sie 1066 bekan­ntlich gar nicht mehr nach Hause fuhren. In der gesamten Geschichte hat es kaum je einen Fall gegeben, bei dem eine Trib­utzahlung langfristig Erfolg hat­te. Dafür hätte es des Beweis­es durch Merkel nicht bedurft.

Nichts gelernt aus den Ursachen

Als eine der Ursachen für die Migranten­ströme seit 2015 wurde schnell die zöger­liche Hal­tung Deutsch­lands erkan­nt, die Auf­fanglager des UNHCR in den Nach­bar­län­dern Syriens, also Jor­danien und dem Libanon finanziell bess­er auszus­tat­ten. Doch da war es schon zu spät und die fäl­lige medi­ale Empörung über dieses Poli­tikver­sagen ver­lagerte sich lieber auf Tabube­griffe wie „Law­ine“, die von jenen benutzt wur­den, die sich eine Vorstel­lung von den Fol­gen der Migra­tionsströme macht­en und auf die teil­weise sehr skep­tis­che Hal­tung gegenüber der Schnap­sidee, ein­fach jeden ohne Anse­hen von Per­son, Ausweis­pa­pieren und Asyl­grün­den ins Land zu lassen.

Deutsch­land teilte sich ab da in der medi­alen Wahrnehmung in Willkom­men­sklatsch­er und Aus­län­der­feinde, bei dieser dual­is­tis­chen Welt­sicht ist es seit­dem geblieben und sie wird auf alle Poli­tik­bere­iche gle­icher­maßen angewen­det. Der Zweck: Debat­ten per Macht­wort been­den, erre­icht wird damit jedoch das Gegen­teil. Heute gibt es einen ganzen Zoo solch­er antag­o­nis­tis­chen Paarun­gen: Kli­maret­ter und Kli­maleugn­er, Mieter und Miethaie, Demokrat­en und Demokratiez­er­stör­er, Europäer und Antieu­ropäer, Mus­lime und Islam­o­phobe und viele mehr. Dass es im echt­en Leben so ein­fach nicht ist, dass es mehr Grautöne als Schwarz und Weiß gibt und dass sich die Grup­pen nie klar voneinan­der abgren­zen lassen, lässt die Men­schen in unserem Land langsam, aber sich­er durch­drehen.

Rück­blick­end war es schon ein kleines Wun­der, dass die Massenein­wan­derung von 2015/16 im Land nicht schon vor Jahren zum offe­nen Bürg­erkrieg geführt hat. Mit viel Geld, vie­len Opfern – auch an Leib und Leben – und auf dem Rück­en der frei­willi­gen Helfer hat man das irgend­wie so halb­wegs hinge­fiedelt. So hat man Las­ten ver­harm­lost oder ver­tuscht oder Tabu-Tabus und Sprachregelun­gen einge­führt, wo die Kon­flik­te zunah­men. Dieses Land steck­te sog­ar die Per­spek­tivwech­sel ein­fach so weg. Hieß es anfangs noch, wir soll­ten die „Flüchtlinge“ willkom­men heißen, soll­ten wir später aktiv an deren „Migra­tion“ mitar­beit­en, was die Flüchtlinge durch eine sprach­liche Über­leitung zu Migranten machte.

Auch war erst vom unwieder­hol­baren Aus­nah­mezu­s­tand die Rede, doch heute erk­lären uns Poli­tik­er wie Baer­bock, dass schließlich die Flüchtling­sun­terkün­fte da wären, die es nun zu nutzen gälte. Es ist, als zünde man sein Haus mit Freude ein zweites mal an, weil die Feuerver­sicherung im ersten Fall den Schaden mehr schlecht als recht reg­uliert hat­te.

Die Schwäche der EU

Die EU ist außen­poli­tisch ein Vere­in der sub­stan­zlosen Absicht­serk­lärun­gen und Forderun­gen gewor­den. Richtiger wäre es, von „geblieben“ zu sprechen, denn das ist schon seit Jahrzehn­ten nicht anders. Es ist nur lange Zeit nicht ins Gewicht gefall­en, weil wir als han­del­nden Part immer die USA an unser­er Seite wussten. Der Bruch kam schle­ichend und nicht erst unter Trump. Dass ein zen­trales Pro­jekt (TTIP) amerikanis­ch­er Außen­poli­tik schon unter Oba­ma am Wider­stand der EU gescheit­ert war, wird gern vergessen. Eben­so dass es Oba­ma war, der auf ein­er Erhöhung der Mil­itäraus­gaben Deutsch­lands bestand. Man mochte Oba­mas Auftritte, seine Reden waren Zuck­er­w­erg für die nach Weltbe­deu­tung streben­den Poli­tik­er in EU und Deutsch­land. Aber die Poli­tik, die er im Gepäck hat­te, stieß in der EU und Deutsch­land auf Ablehnung.

Unter Trump schließlich legte man auch die stille diplo­ma­tis­che Zurück­hal­tung ab, schick­te frostige Glück­wün­sche oder gar keine und Präsi­dent Stein­meier hielt es sog­ar für eine gute Idee, auf amerikanis­chem Boden gegen den amerikanis­chen Präsi­den­ten zu sticheln. Der mil­itärische Schutz Amerikas war für uns so selb­stver­ständlich, dass unsere Poli­tik­er nicht mal auf die Idee kamen, der Ein­fluss Deutsch­lands oder der EU auf inter­na­tionaler Bühne käme nicht aus den eige­nen Reden, son­dern aus dem Schat­ten, den die US-Army wirft. Wenn es um die Durch­set­zung der Sank­tio­nen gegen Rus­s­land, die Zäh­mung des kleinen Sul­tans oder den Ein­fluss auf die Mul­lahs im Iran geht, ist dies Außen­ste­hen­den sich­er längst ersichtlich. Die EU kann nichts durch­set­zen, was sie sich nicht mit deutschem Geld erkauft.

Die amerikanis­che Poli­tik zu kri­tisieren war leicht. Schließlich gibt und gab es genug Kriege mit US-Beteili­gung auf der Welt, die bei genauer Analyse nie hät­ten geführt wer­den dür­fen. Es war enorm prak­tisch, dass die USA ein­er­seits Welt­polizei spiel­ten, während gle­ichzeit­ig ins­beson­dere linke Kräfte in Europa sie dafür heftig kri­tisieren kon­nten. Die Gefahr, dass der Chef der US-Marines dem Kri­tik­er eine Spezialein­heit vor­bei schickt, ist äußerst ger­ing. Der offene Wen­depunkt in der Eigen­wahrnehmung als Welt­polizei kam unter Oba­ma, als dieser sich weigerte, in Syrien die rote Lin­ie zu vertei­di­gen, die er selb­st gegenüber Assad gezo­gen hat­te.

Friedensengel und Weltpolizisten

Die Vorstel­lung deutsch­er Friedensen­gel ist nun aber, dass ein Kon­flikt von allein endet, wenn sich die USA nicht ein­mis­cht und Deutsch­land keine Waf­fen liefert. Doch da lag man falsch, denn in die Rolle des „Welt­polizis­ten“ schlüpfte in dieser Region aus­gerech­net Putin. Ab hier wurde es für die Frieden­stauben in unserem Land etwas kom­pliziert­er. Denn ein­er­seits fordert man seit Jahrzehn­ten „Ami go home“ und nun, als die Amerikan­er aus Irak und dann auch aus Syrien abzo­gen, war es auch wieder nicht recht. Ein­er­seits lachte man seit Jahren über „Nation build­ing“ nach US-Manier, doch kaum lassen die Amerikan­er davon ab, wirft man ihnen vor, ihre Auf­gaben nicht zu Ende zu brin­gen.

Zugegeben, auch ich war entset­zt, als Trump bekan­nt gab, die US-Unter­stützung aus den syrischen Kur­denge­bi­eten zurück­zuziehen, zumal es wieder ein­mal die Kur­den hart trifft, die im Kampf gegen Erdo­gans Traum vom Osman­is­chen Reich und gegen den IS den höch­sten Blut­zoll entrichteten. Man lässt Ver­bün­dete nicht so schändlich im Stich! Doch spätestens seit der Unterze­ich­nung des Abkom­mens zwis­chen den USA und den Tal­iban über den Trup­pen­abzug der USA aus Afghanistan (egal, was der Ver­trag Wert sein mag) ist klar, dass Trump genau die Poli­tik fort­set­zt, an der Oba­ma gescheit­ert ist: Keine Kriege mehr in Übersee und Rück­zug aller Trup­pen, ganz egal, ob die Mis­sion erfüllt ist, oder nicht. Ergeb­nis dieses Rück­zuges ist, dass die Europäer jet­zt mit den Prob­le­men der Region allein daste­hen, die allein durch Ver­hand­lun­gen lösen zu wollen sie immer wieder voll­mundig ver­sprechen. Doch ohne die USA sind die EU oder Deutsch­land fak­tisch über­haupt nicht in der Lage, irgend­wo auf der Welt irgend etwas durchzuset­zen. Das Ver­hand­lungs­geschick der Briten hat die EU ver­loren und nun auch noch die mil­itärische Omnipotenz der USA.

Ohnmacht!
Ohn­macht!

Da kön­nen unser Außen­min­is­ter oder die EU-Kom­mis­sion­schefin noch so sehr mit Appellen und Auf­forderun­gen um sich wer­fen, denn jed­er weiß, dass sie nur mit Platz­pa­tro­nen schießen. Die EU hielt es für sin­nvoll, das Pferd von hin­ten aufzuzäu­men und statt ein­er gemein­samen Vertei­di­gungspoli­tik mit garantierten Außen­gren­zen zuerst den let­zten Schritt zu machen und eine gemein­same Währung einzuführen. Gäbe es heute eine gemein­same EU-Gren­zsicherung, eine Vertei­di­gungsstrate­gie und auch nur annäh­ernd so viel Chuzpe wie behauptet, unab­hängig von den USA “Ver­ant­wor­tung zu tra­gen”, hätte die EU schon vor sechs Jahren mit eige­nen Trup­pen unter Ein­beziehung des Nato-Part­ners Türkei einen befriede­ten Kor­ri­dor mit Flugver­bot­szone im Nor­den Syriens erzwun­gen und die Flüchtlingslager dort in Eigen­regie betrieben, statt dem Sul­tan vom Bosporus Schecks auszustellen. Das ist nicht vorstell­bar, meinen Sie, liebe Leser? Natür­lich nicht, bedenkt man den Zus­tand der EU, die vor­wiegend mit sich selb­st, ihrer Bürokratie oder der Kli­maret­tung beschäftigt ist und sich in let­zter­er Sache auch noch von ein­er 16-jähri­gen am Nasen­ring durch die Manege ziehen lässt.

Auch The­men wie Asyl, Aus­bil­dung oder Hil­fe beim Wieder­auf­bau hätte man von Syrien aus organ­isieren kön­nen, wenn man die Stärke besäße, dies zu garantieren. Stattdessen schaute man in Brüs­sel, Paris und Berlin taten­los zu, wie der IS 2014 das syrische Kobane belagerte und die Türkische Armee vom Nor­den aus taten­los zusah. Dann schaute man zu, wie sich hun­dert­tausende Men­schen 2015 auf den Weg macht­en, zu Fuß ins „gelobte Land“ zu kom­men und hoffte, dass der Elend­szug an irgen­dein­er Gren­ze stop­pen und ver­siegen möge – nur bitte nicht an der eige­nen Gren­ze! Man bedenke die Bilder! 2016 hät­ten wir uns bei Ungarn und Öster­re­ich bedanken müssen, was natür­lich nie geschah. 2020 wäre für Griechen­land nicht nur Dank, son­dern auch mas­sive Unter­stützung fäl­lig — wenn die EU nur eine Ahnung davon hätte was es heißt, die gemein­samen Außen­gren­zen wirk­sam zu schützen. Die EU ist nicht hand­lungs­fähig, sie tut nur so. Dass Worte zu Tat­en wer­den, wie man häu­fig hört, wenn es um die Motive von Mördern geht, die der Nach­welt wirre Kon­vo­lute hin­ter­lassen, ist am Beispiel der EU-Außen- und Vertei­di­gungspoli­tik jeden­falls klar wider­legt!

Schlechte Tage

Noch ist nicht klar, wozu das schle­ichende Ende der Rück­endeck­ung durch die USA führen wird. Dass die EU gegenüber Erdo­gan jedoch eine der­art lausige Fig­ur macht, sich erpressen lässt und deutsche Poli­tik­er sog­ar per Twit­ter Trä­nen über die Ver­luste der Türkei in Syrien vergießen, wo die türkischen Armee einen Angriff­skrieg führt, ist ein Zeichen der Schwäche – und Erdo­gan sieht das sehr klar. Die Men­schen, die, aufge­het­zt von Erdo­gans Helfern, ger­ade ver­suchen, die Gren­ze zur EU zu durch­brechen, sind in diesem Spiel auf jeden Fall die Ver­lier­er.

Von Deutsch­land aus, wo die meis­ten von ihnen nie richtig heimisch sein oder sin­nvoll arbeit­en kön­nen, wer­den sie ange­lockt von ver­ant­wor­tungslosen Poli­tik­ern wie Baer­bock oder Kip­ping, die an den zer­störten Biografien dieser Men­schen ihr moralis­ches Mütchen kühlen möcht­en. Oder von fatal­is­tis­chen Alles­geschehen­lassern wie Merkel, die auf Zeit spie­len und denen Verän­derun­gen zum Schlechteren nichts bedeuten, die sie mit ihrer Poli­tik anricht­en. Aus Sicht des Kan­z­lerin­nenamtes beste­ht jed­er Tag nur aus Son­nenauf- und Son­nenun­ter­gang über den „hier Leben­den“. Ganz zu schweigen von den Absicht­en eines Dik­ta­tors wie Erdo­gan, der sich in Syrien ver­ran­nt und über­schätzt hat und die Rech­nung für sein Ver­sagen nun gern nach Brüs­sel und Berlin weit­er­re­ichen möchte.

Ich fürchte lei­der, dass in Zukun­ft die schlecht­en Tage die Ober­hand über die guten gewin­nen, weil Deutsch­land und die EU auf das, was uns außen­poli­tisch bevorste­ht, nicht mal annäh­ernd vor­bere­it­et sind. Die Briten sind raus, die USA ziehen sich immer weit­er aus unser­er Region zurück und es ist schon eine beson­dere Ironie, dass die EU darauf hof­fen muss, dass im Novem­ber die Demokrat­en die US-Wahl gewin­nen, damit die Rück­zugs­beschlüsse Trumps rück­gängig gemacht wer­den und amerikanis­che Sol­dat­en den Europäern noch eine weit­ere Dekade durch ihren lan­gen Schat­ten Feinde und Nei­der der wes­teu­ropäis­chen Wohl­stands­ge­sellschaft vom Hals hal­ten. Im Moment sieht es in den Staat­en jedoch nicht nach ein­er Nieder­lage Trumps aus.

* ohne Worte!
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11 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Letsch,

    Respekt für Ihre Analyse.
    Punkt für Punkt haben Sie die reele Sit­u­a­tion erk­lärt.
    Ich schreibe Ihnen aus Griechen­land, bin wed­er Rechts noch links, wie man es heutzu­tage im collek­tiv­en Medi­en­stream meint, wohne auch nicht auf Les­bos oder auf den anderen Inseln die betrof­fen sind, zum Glück, da die Bewohn­er dort wirk­lich im Stich gelassen wur­den,
    nicht nur von der EU, son­dern auch von unseren Zen­tral­staat,
    der erst seit dieser Woche wie aus einen Dorn­röss­chen­schlaf aufgewacht ist ,
    und jet­zt eigentlich das tut , was jed­er mit gesun­den Men­schen­ver­stand tun würde,
    ohne eben ein Faschis­cht zu sein, ein Men­schen­has­ss­er,
    oder gegen Flüchtlinge aus Kriegs­ge­bi­eten die gelit­ten haben.
    Son­st wären 2015 die Leute in Les­bos nicht ins Wass­er gesprun­gen um Men­schen zu ret­ten.
    Ich bewun­dere Ihre Weit­sicht in der Weltan­schau­ung das hört man son­st nir­gend­wo.
    Lei­der.
    Hier in Griechen­land sind die jeni­gen die die Lage genau­so scharf­sin­nig wie Sie analysieren auch an ein­er Hand abzuzählen.
    Ich möchte mich für Ihren Artikel bedanken.
    Sie haben mir ein kleines Stück Hoff­nung gegeben, das es auch ander­swo in Europa Men­schen gibt,
    die die Sit­u­a­tion anders erfassen, als das , was man Tagtäglich in den Öffentlichen sieht und hört.

    Ganz ein­fach
    DANKE

  2. >Keine Frage, der Angriff auf Michael Tram­mer ist nicht zu entschuldigen.

    Für mich war das ein klar­er Fall von Selb­stvertei­di­gung.

    > In der gesamten Geschichte hat es kaum je einen Fall gegeben, bei dem eine Trib­utzahlung langfristig Erfolg hat­te.

    Dem muss ich wider­sprechen. Trib­utzahlun­gen haben in der Geschichte immer dann funk­tion­iert, wenn man den erkauften Frieden zur mil­itärischen Aufrüs­tung nutzte, um den Feind dann mit der neuen Stre­it­macht niederzumet­zeln.

    > Sit­u­a­tion Türkei/EU

    Der Erdolf hat doch das selbe Prob­lem, das die EU hat. Er hat so um 2015 jede Menge Low-IQ-Musel aufgenom­men, weil er gerne Kalif spie­len wollte, bemerk­te dann, dass einge­wan­derte Low-IQ-Musel ein­fach zu nichts zu gebrauchen sind, und nun ver­sucht er sie an diejeni­gen abzuschieben, die noch so tun, als hät­ten sie das nicht kapiert, damit er anschließend seine eigene Gren­ze dicht machen kann. Das ist der Spielplan hier.

    Wie der Erdolf schon sagte: “Was wollt Ihr machen, wollt Ihr die etwa alle töten?”. Das ist auch sein Prob­lem. Wer diese Frage mit “Nein” beant­wortet, der hat näm­lich ein Prob­lem, und dies­bezüglich sitzen Erdolf und EU im sel­ben Boot. Das ist die Wurzel dieses ganzen idi­o­tis­chen Gerangels, das seit Jahren abläuft.

    Naja, schaun wir mal, ob sich Coro­na-Chan auch in Zukun­ft alle sechs Tage ver­dop­pelt, und es bei der Hos­pi­tal­isierungsrate bleibt. Falls ja, bin ich zuver­sichtlich, dass endlich mal ein Paar Bod­ies den Floor hit­ten. Das wird sich befreiend anfühlen. Ich bin sowieso dafür, die staatlichen Auf­gaben lieber bewaffneten Bürg­er­wehren aufzu­tra­gen, denn die sind bil­liger und ver­trauenswürdi­ger. Das merkt man auch ger­ade in Griechen­land, wo sich bere­its Lynch­mobs bilden, die losle­gen wür­den, sollte sich der Staat zurückziehen. Das, was die mit den NGOs gemacht haben, war schon super…

    > Zuck­er­w­erg

    Heißt das nicht “Zuck­er­w­erk”?

  3. Die EU ent­pup­pt sich bisweilen als leibge­wonnene Utopie.

    “Freude, schön­er Göt­ter­funke, Tochter aus Ely­si­um, / wir betreten feuertrunk­en Himm­lis­che, dein Heilig­tum / Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt, / alle Men­schen wer­den Brüder, wo dein san­fter Flügel weilt.”

    Mit Friedrich Schiller und Lud­wig van Beethoven, zwei her­aus­ra­gende Kün­stler der deutschen Blütezeit, kamen die Idee des Human­is­mus und musikalis­che Vol­len­dung zum Tra­gen: Eine enthu­si­astis­che Hymne für eine große Vision für die Völk­er Europas. Diese dro­ht an Kleingeis­tern, Unfähigkeit und Freibeuterei zu scheit­ern. Große Ideen müssen vor dem Abriss durch Bar­barei geschützt wer­den. Weltabge­wand­heit und let­ztlich eifer­süchtige Dünkel erstick­en bald die Vision von ein­er Epoche voller Glanz im Keime. Europas Völk­er haben eine Geschichte voller Blut und Trä­nen hin­ter sich gelassen und einen gemein­samen Wertekanon und gegen­seit­iger Wertschätzung errichtet, der wieder an ein­er Klippe von Kleingeistigkeit und Eigen­sucht sein­er Repräsen­tan­ten dro­ht zu zer­schellen.

    Jedoch wenn diese Vision also zur Real­ität wer­den soll, so kann anscheinend nur die Not die Selb­st­süchti­gen zur Räson brin­gen, sie zu gemein­samer Ver­ant­wor­tung und Diszi­plin zwin­gen. Oder aber sie scheit­ert, die Gemein­schaft zer­fällt und alle Glieder versinken in Chaos und Bedeu­tungslosigkeit, gle­ich­wohl am Ende in Armut und Elend.

    Es ist gut, dass die USA sich auf ihr Kern­land zurückziehen. Ob es gut ist, dass sich Großbri­tan­nien aus der Gemein­schaft her­auszieht, ist sowohl für sie als auch für die Rest-EU fraglich.
    Dass der Ori­ent sich dro­hend und fordernd aufrichtet, dass sich Rus­s­land sein­er Rolle als Groß­macht bewusst wird und an Stärke zunimmt, dass Chi­na sich die Welt kauft und somit ein­ver­leibt, macht die Einigkeit Europas Völk­er nur allzu notwendig, wenn die Vision eines machtvollen wie segen­sre­ichen Gesam­teu­ropa ver­wirk­licht wer­den soll. Dabei ist seine Stärke ger­ade die Ver­schieden­heit sein­er Völk­er als Quelle der Kreativ­ität. Und diese Ver­schieden­heit der Völk­er als Entitäten bedarf des unbe­d­ingten Schutzes wie der Förderung. Welche Rolle dabei die gegen­seit­ige Durch­dringung der Kul­turen mit ver­schieden­sten Wurzeln spielt, und ob sie für den Einzel­nen förder­lich ist, ist eine Frage der entschlosse­nen und weisen Steuerung im Respekt vor jeglich­er Eigen­heit. Denn jede hat ihre Qual­ität von unschätzbarem Wert.

    Alles ste­ht und fällt allen­thal­ben mit dem Per­son­al der Entschei­der. Und diese haben noch keine Not. Ihnen ist die Vision abhan­den gekom­men. Freude also erst dann, wenn ein weit­eres tiefes Tal der Trä­nen durch­schrit­ten ist und wieder Licht durch fin­stere Wolken kalter Trüb­nis dringt.

  4. Ich kön­nte mir Sie, lieber Roger Letsch, sehr gut als Vor­sitzen­den eines gesam­teu­ropäis­chen Rates vorstellen, der dafür Sorge trägt, dass poli­tis­che Ämter zukün­ftig nur mit kom­pe­ten­ten Per­so­n­en beset­zt wer­den, die ihre Qual­i­fika­tion vor eben diesem Rat nachgewiesen haben. Diese Qual­i­fika­tion würde natür­lich einen Eid auf eine europäis­che Ver­fas­sung bein­hal­ten, deren Kern­sätze Frei­heit von lob­by­is­tis­ch­er Bee­in­flus­sung, Wahrung der Men­schen­rechte und per­sön­liche Haft­barkeit bei poli­tis­chen Fehlentschei­dun­gen wären. /*fiktion ende
    Es ist immer wieder bewun­dern­swert, mit welch schnörkel­los­er Klarheit und logis­chenr Verknüp­fungs­gabe Sie kom­plizierte Sachver­halte auf den ihnen zugrun­deliegen­den Infor­ma­tion­s­ge­halt “zusam­men­schrumpfen”. Klasse!
    Flüchtlingslager “Moria” – “Die Minen von Moria” (Herr der Ringe), schick­sal­hafte Ironie?!

      • Was ich für eine Grund­vo­raus­set­zung für poli­tis­ch­er Ämter halte.

        Diejeni­gen, die sich für geeignet hal­ten, gehören in eine von drei Kat­e­gorien:

        1. Anhänger des Dun­ning-Kruger Effek­ts, die zu inkom­pe­tent sind, um den Schwierigkeits­grad über­haupt einzuschätzen
        2. Leute, die ihre Macht­geil­heit mit Kom­pe­tenz ver­wech­seln
        3. Geniale Über­men­schen wie Adolf Hitler.

        Blöder­weise wis­sen wir, dass Men­schen der Kat­e­gorie 3. nor­maler­weise zur Kat­e­gorie 2. gehören, und Men­schen der Kat­e­gorie 2. gehören in die Kat­e­gorie 1, die wiederum entwed­er erschossen oder an den Strang gehören. Und welch­er einiger­maßen ver­nun­fts­be­gabte Men­sch will schon erschossen oder aufge­hängt gehören.

        Daher: Grund­vo­raus­set­zung.

  5. Dieser, wie immer, sehr guten Analyse ist eigentlich nichts hinzuzufü­gen.
    Inter­es­sant in diesem Zusam­men­hang ein Beitrag von Frau von der Leyen in Welt Online. Die EU Kom­mis­sion­spräsi­dentin schwadroniert hier über die Führungsrolle der EU auf den Gebi­eten Migra­tion, Kli­mawan­del und Dig­i­tal­isierung. Und man sitzt fas­sungs­los da und fragt sich, wie weit sich die EU von der Real­ität noch ent­fer­nen kann.
    Also für alle die mal lachen wollen:

    https://www.welt.de/debatte/kommentare/article206366727/Von-der-Leyen-Europas-Rolle-in-einer-sich-rasant-veraendernden-Welt.html

    • Wenn Frau von der Leyen von diesen ihren Aus­führun­gen tat­säch­lich überzeugt ist, spricht man im psy­chol­o­gis­chen Fach­jar­gon von ein­er Wahrnehmungsstörung, gekop­pelt mit ein­er Per­sön­lichkeitsstörung. Sel­ten so gelacht. Danke für den Link!

    • Man hofft offen­bar auf die kom­menden Gen­er­a­tio­nen: „Als ich vor 100 Tagen mein Amt antrat, war ich erstaunt, wie mutig die näch­ste Gen­er­a­tion Europas denkt und han­delt“.

      Die aktuellen Gen­er­a­tio­nen hat man wohl schon abgeschrieben — die muss nur noch ruhig gehal­ten wer­den, bis sie ins Gras beißt.

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