Antonio Tajani und Marc ZuckerbergEs war defin­i­tiv ein Fehler, den Fernse­her einzuschal­ten, bevor ich mich mit Fieber ins Bett fall­en ließ. Die Fernbe­di­enung war unerr­e­ich­bar weit weg und so deliri­erte ich mich hil­f­los durch den Arte-The­menabend über die soge­nan­nte 68er-Bewe­gung. Als ich am näch­sten Tag erwachte, trat­en mir die Szenen immer noch bruch­stück­haft vor Augen, begleit­et von den split­tri­gen Gedanken Cohn-Ben­dits und Dit­furths und vie­len anderen selt­samen Ver­stiegen­heit­en. Ich hörte auch davon, dass die Ideen nicht gescheit­ert seien, dass aber lei­der die Wirtschaft den Kampf um das Pri­mat gegen die Poli­tik gewon­nen habe. Dabei kon­nte man am frühen Abend davor auf Phoenix die Zurschaustel­lung des Glaubens bewun­dern, die Poli­tik habe sich dieses Pri­mat nun doch und endgültig gesichert! Also ein 68er Sieg über den Kap­i­tal­is­mus auf ganz­er Lin­ie! In Brüs­sel kam es näm­lich zur Anhörung des Kap­i­tal­is­ten Marc Zucker­berg durch Vertreter des EU-Par­la­ments. Ich benutze das Wort „Anhörung“, weil ich kein besseres habe, nicht weil ich Ver­gle­iche zu den Bar­be­cues ziehen würde, zu denen der­lei Hear­ings im US-Sen­at wer­den kön­nen. In der EU tick­en die Uhren eben etwas anders. In ein­er Anhörung hört man sich etwas an, und je länger man spricht, umso wichtiger ist man, das war schon alles.

Anto­nio Tajani, Dampf­plaud­er­er und Schulz-Nach­fol­ger als Par­la­mentspräsi­dent, nutzte seine Zeit für ein sinnlos­es State­ment über die Pläne der EU, inclu­sive der Ankündi­gung, die EU werde Regeln durch­set­zen, um sicherzustellen, dass der „dig­i­tale Markt auch kor­rekt funk­tion­iert“. Der neben ihm sitzende Zucker­berg schaute Tajani unver­wandt und star­rend an, als wolle er Lyrik im Heulen eines Pudels erken­nen und man kon­nte förm­lich sehen, was er dabei dachte. ‚Kor­rekt funk­tion­iert? Ihr habt doch noch nicht ein­mal eine blasse Ahnung davon, wie er über­haupt funktioniert!‘

Hier einige der Sor­gen, die unsere EU-Abge­ord­neten so sehr pla­gen: Tajani möchte, dass die Europäer die sozialen Medi­en „gelassen nutzen“ kön­nen, ohne dass ihre Pri­vat­sphäre gefährdet ist. Er hätte auch fordern kön­nen, nackt über den Mar­cus­platz in Venedig gehen zu kön­nen, ohne dass andere Pas­san­ten ihr Lachen müh­sam hin­ter der Hand ver­drück­en. Man­fred Weber, EVP, möchte Garantien, dass Daten­leaks wie das bei „Cam­bridge Ana­lyt­i­ca“ in Zukun­ft nie wieder auftreten kön­nen. Aber klar doch! Dazu macht die Rechtsabteilung schnell ein Fehlerver­hin­derungs­beschle­u­ni­gungs­ge­setz. Außer­dem möchte er gern Auskun­ft über das Geheim­rezept von Coca-Cola… ähm… ich meine natür­lich über den Algo­rith­mus, mit dem Face­book Nachricht­en in die News­feeds spielt. Weit­er­hin ver­langt Weber zu wis­sen, warum Face­book Monop­o­list ist und sagt klar, dass er so viel Macht doch gern zer­schla­gen sähe. Wir ler­nen: Weber mag Märk­te, find­et aber, es sei Auf­gabe des Mark­t­führers, der dies auch auf­grund der Inkom­pe­tenz deutsch­er Wet­tbe­wer­ber (VZ-Net­ze) wer­den kon­nte, für aus­re­ichend Konkur­renz zu sor­gen und falls dies nicht klappt, sich willig mit dem Mess­er in mundgerechte Häp­pchen teilen zu lassen.

So reden übri­gens Poli­tik­er, die in den „Vere­inigten Staat­en von Europa“ sämtliche nationalen konkur­ri­eren­den Poli­tiken zu einem gigan­tis­chen allum­fassenden Monopol zusam­men­schal­ten möcht­en. Die „Pro­gres­siv­en Sozialdemokrat­en“ sehen die Gefahr, dass Dat­en für poli­tis­che Zwecke miss­braucht wer­den, man erin­nerte sich wohl daran, dass die Kol­le­gen von CDU und FDP im Bun­destagswahlkampf gut­sortierte Adress­dat­en von der deutschen Post kauften. Aus­gerech­net die „Lib­eralen“ wollen Face­book kon­trol­lieren und zer­schla­gen und die „Grü­nen“ möcht­en wis­sen, ob Face­book seinen Nutzern anbi­eten wird, aus ziel­gerichteter Wer­bung auszusteigen. Nun, diese let­zte Frage ist leicht mit „ja, immer schon“ zu beant­worten. Der But­ton dafür heißt „Pro­fil löschen“ und wird ergänzt durch die Maß­nahme „komm nicht wieder“. Die Linke hinge­gen möchte Face­book am lieb­sten „den Steck­er ziehen“, weil es nicht so funk­tion­iert, wie sich Linke die Welt vorstellen und Zucker­berg wird ern­sthaft gefragt, ob er auch schon mal daran gedacht habe, das groß und mächtig sein durch „Steck­er ziehen“ zu been­den. Für solche kap­i­tal­is­muskri­tis­chen Fra­gen der bek­loppten Art brauchte es natür­lich eine deutsche Linke, in diesem Fall Gabriele Zim­mer, die sich Zucker­berg als pal­lia­tive Fachkraft zur Ver­fü­gung stellte.

Ich ers­pare ihnen hier weit­ere dieser infan­tilen Ideen und Fra­gen der gewählten Vertreter unser­er Völk­er und gehe gle­ich in medias res. Denn das was wir da in Brüs­sel live mit anse­he durften, war die trau­rige Real­ität der EU und gle­ichzeit­ig ein erschreck­ender Blick in deren Zukun­ft. Es zeigte sich erstens der grobe Unver­stand, mit dem die Poli­tik jedem Phänomen des Inter­net gegenüber­ste­ht. Man hat ein­fach über­haupt nicht kapiert, wie Face­book funk­tion­iert. Zucker­berg davon abhal­ten zu wollen, ziel­gerichtete Wer­bung an die User zu verteilen, ist gle­ichbe­deu­tend mit dem Ver­such, einem Auto­her­steller das anbrin­gen von Rädern an seinen Fahrzeu­gen zu ver­bi­eten oder zum Kun­den­wun­sch (opt-in) zu erk­lären. Das eine ist ohne das andere nicht zu haben, Punkt! Das führt uns unmit­tel­bar zum zweit­en Teil der bit­teren Real­ität: Die EU hält ihre Bürg­er für Bek­loppte, die keine Ahnung haben, worauf sie sich ein­lassen, wenn sie sich bei Face­book oder sonst­wo im Inter­net umtun. Man entzieht dem Bürg­er die Pflicht, selb­st­bes­timmt zu entschei­den und zu han­deln! Das führt uns wiederum direkt zu Punkt drei, näm­lich der zunehmenden Inno­va­tions­feindlichkeit der EU. Man sieht, unbeachtet der per­ma­nen­ten Liebess­chwüre für die Mark­twirtschaft, die Bürg­er in Gefahr durch „pri­vate Inter­essen“ von Fir­men, mit denen die Bürg­er jedoch frei­willig über Verträge Beziehun­gen einge­hen und auch wieder been­den kön­nen. Die Gefahr für Hab und Gut und Frei­heit geht jedoch von jenen aus, mit denen der Bürg­er nie einen Ver­trag geschlossen hat: Krim­inelle und staatliche Stellen! Gegen erstere vorzuge­hen man­gelt es dem Staat zunehmen an Exper­tise und der zweite Langfin­ger ist er selbst.

Innovationsfeindliche Festung Europa

In der Sta­tis­tik fehlt übri­gens die Fir­ma Ora­cle, die mit 170 Mrd $ Börsen­wert allein fast so groß aus­fällt wie ganz Europa mit 195.

Europa zieht die Mauern hoch für Tech­nolo­gie und Ökonomie und wird sich auf diese Weise mit­tel­fristig selb­st zer­stören. Ein Blick auf die Sta­tis­tik zeigt, dass Europa als Ganzes nur 3% zum Börsen­wert der wertvoll­sten Web-Plat­tfor­men beiträgt, die USA allein jedoch 64% und Asien 31%. Immer­hin kön­nen wir uns brüsten, vor Afri­ka mit seinen 2% zu liegen. Wir bekom­men tech­nol­o­gisch im IT-Sek­tor buch­stäblich nichts Nen­nenswertes auf die Beine, blasen uns aber poli­tisch in ein­er Weise reg­ulierend auf, dass sich jedes Tech-Unternehmen nach dieser pein­lichen Zurschaustel­lung von Präpotenz auch kün­ftig sehr genau über­legen wird, ob es um Europa nicht lieber einen weit­en Bogen machen sollte. Die Bun­desregierung, weite Teile der Oppo­si­tion und das EU-Par­la­ment sind ohne­hin der Mei­n­ung, dass ein staatlich organ­isiertes soziales Netz ohne­hin viel bess­er für Europa wäre. Und bevor sie jet­zt ein­wen­den, im neuen deutschen Koali­tionsver­trag stünde doch so viel von Dig­i­tal­isierung und kün­stlich­er Intelligenz…Politiker kön­nen wed­er Flughäfen bauen noch die Dig­i­tal­isierung vorantreiben, das kann nur die Pri­vatwirtschaft! Die ist aber im Moment mehr denn je damit beschäftigt, schwachsin­nige Reg­ulierungs­ge­set­ze anzuwen­den, aktuell die DSGVO. An all diesem über­flüs­si­gen Zauber erstickt auch noch die let­zte gute Idee in Europa.

Dann schaltet doch ab!

Lieber heute als mor­gen würde man in Brüs­sel und Berlin Face­book abschal­ten. Das löste aus Sicht der Poli­tik­er gle­ich mehrere Prob­leme: Das Monopol für die Entschei­dung, welche The­men in den Blick der Bürg­er gespült wer­den, läge nicht mehr in der Hand eines anony­men Algo­rith­mus, son­dern in der ein­er par­itätis­chen Find­ungskom­mis­sion für europäis­che Werte, EU-Nor­men und Gedanken­hy­giene, dass dem EU-Par­la­ment vierteljährlich Rechen­schaft ablegt und von der Kom­mis­sion Weisun­gen empfängt. Mit der prak­tis­chen Umset­zung kön­nte man auf nationaler Ebene ver­di­ente Zen­soren des Volkes beauf­tra­gen, wofür sich in Deutsch­land die Kahane-Stiftung und das Pin­selkind des Fam­i­lien­min­is­teri­ums, das „Cor­rec­tiv“, bere­its qual­i­fiziert haben. Zur Finanzierung würde man diese EU-Book-Chimäre an das deutsche GEZ-Sys­tem anschließen, es wäre so schnell und zuver­läs­sig wie die Web­serv­er für Bun­destagspe­ti­tio­nen, hätte eine Benutzer­führung wie ein DB-Fahrkarte­nau­tomat und würde so ein­ladend wirken wie die Seit­en des Finan­zamtes. Die Re-Monop­o­lisierung der poli­tis­chen Land­schaft Europas wäre damit (vor­erst) vol­l­zo­gen. Bliebe nur das Haupt­prob­lem: Nie­mand kön­nte in Europa die Soft­ware für ein solch­es „Soziales Netz“ entwick­eln. Vielle­icht kann ja Marc Zucker­berg helfen.

Die Rich­tung des Windes, der hier aus der EU weht, und der auch bei der Zucker­berg-Anhörung zu spüren war, gefällt mir nicht! Ich hörte zu oft das Wort „Wahlbee­in­flus­sung“ und zu wenig „Auskun­ft­srecht“, „Mei­n­ungs­frei­heit“ oder „Nutzungsver­trag“, da schmeckt die Angst der Poli­tik vor, der offen­sichtliche Kon­trol­lver­lust über die Mei­n­ung der Bürg­er in Zeit­en der Sozialen Medi­en kön­nte sich noch weit­er aus­dehnen. Doch sind wir wirk­lich so leicht zu bee­in­flussen wie unsere Poli­tik­er es uns unter­stellen und kön­nen wirk­lich nicht bemerken, wo wir manip­uliert wer­den sollen? Face­book ste­ht in den Wahlk­a­bi­nen nicht hin­ter uns, wenn wir mit einem Stift ein paar Kreuze auf einem Zettel machen! Die Poli­tik hat schlicht Angst, die Bürg­er kön­nten bei den näch­sten Wahlen eher auf die absichtsvollen „Tricks“ von Online-Kam­pag­nen here­in­fall­en, als sie es bish­er bei den absichtsvollen aber lang­weili­gen Son­ntagsre­den, Wahlplakat­en und ‑ver­sprechen der Poli­tik­er getan haben. Doch wenn das eine legal ist, muss es das andere eben­so sein. Ich sagte „vor­erst“ Kon­trolle erlan­gen, weil dieser Zus­tand nicht von Dauer wäre. Die Bürg­er sind ihren Regierun­gen in Sachen Frei­heit näm­lich immer eine Nasen­länge voraus. Ver­bote machen erfind­erisch. Ich bin in der DDR aufgewach­sen, ich weiß, wovon ich rede!

Bei der Anhörung in Brüs­sel ver­suchte die EU-Poli­tik, der amerikanis­chen IT-Branche die Instru­mente zu zeigen. Es wurde viel gedro­ht und gefordert. Doch noch schneller als üblich, wenn die Poli­tik sich bevor­mundend und reg­ulierend an einem funk­tion­ieren­den Markt ver­greift, schlägt die beab­sichtigte Kon­trolle ins Gegen­teil um. Nach­dem bere­its das deutsche Net­zDG seit Jan­u­ar zu ein­er krassen Verz­er­rung der Mei­n­ungs­frei­heit geführt hat, weil eine unan­greif­bare Zen­surin­stanz unan­fecht­bare Urteile nach unbekan­nten Regeln fällt, begin­nen nach Inkraft­treten der DSGVO erste amerikanis­che Medi­en­häuser damit, ihre europäis­chen Leser sys­tem­a­tisch auszus­per­ren. Es ist ein­fach viel zu aufwändig, alle geforderten europäis­chen Stan­dards zu erfüllen. Ich unter­stelle den schlumpf­schlauen EU-Poli­tik­ern ein­fach mal, dass sie dies beab­sichtigten. Denn es ergäbe keinen Sinn, Face­book ein­er­seits die Ver­bre­itung von Fake-News vorzuw­er­fen und es ander­er­seits dessen Benutzern unmöglich zu machen, einen Sachver­halt vor Ort zu prüfen, um eine Mel­dung zu ver­i­fizieren. Denn dank der tollen Idee der EU kommt man nun nicht mehr so leicht an die echte Quelle her­an. Und diese wiederum entzieht sich nur zu oft mit Leichtigkeit Weisun­gen aus Brüs­sel oder Berlin.

Mit gleicher Münze

Unsere Regierung und ihr Alter Ego in Brüs­sel wollen uns mit Net­zDG und DSGVO inner­halb der Pri­vatwirtschaft zu para­noiden, mis­strauis­chen Vol­lka­skomen­schen ohne Ver­trauen in das eigene Urteilsver­mö­gen machen, während wir der Poli­tik blind ver­trauen sollen. Doch das läuft so nicht. Wenn schon Mis­strauen, dann gegenüber den Richti­gen! Deshalb nach­fol­gend einige Tipps für den Umgang mit Ämtern, Behör­den und Parteien, die sie nach Belieben ergänzen können:

Lassen Sie Wahlum­fra­gen zukün­ftig links liegen und ver­weigern sie aus Daten­schutz­grün­den die Auskun­ft. Leit­en sie jede Wahlwer­bung in ihrem Briefkas­ten an ihren Daten­schutzbeauf­tragten weit­er und äußern sie den Ver­dacht, hier wurde ihre pri­vate Adresse miss­bräuch­lich weit­ergegeben, um Wahlen zu bee­in­flussen. Fordern sie von ihrem Finan­zamt Auskun­ft über all ihre gespe­icherten Dat­en und falls sie diese nicht erhal­ten, fordern sie deren Löschung. Fra­gen sie beim Betreten eines Wahllokals nach einem SSL-Zer­ti­fikat und prüfen sie dessen Gültigkeit. Ändern sie aus Grün­den der Anonymisierung ihre Haus­num­mer und erset­zen die ersten drei Zif­fern ihrer IBAN für Abbuchun­gen durch 999. Und zum Schluss: Wider­sprechen sie jedem Blitzer­fo­to mit dem Hin­weis auf ihr Recht am eige­nen Bild, denn sie haben der Auf­nahme ja nicht zuges­timmt. Oder Tra­gen sie beim Aut­o­fahren gle­ich eine Gas­maske – sie kön­nen als Begrün­dung anführen, dass sie auf­grund der Berichte in ARD und ZDF pflicht­gemäß Tode­sangst vor NOx und Fein­staub haben.

Brüsseler Spitzen

Zum Schluss eine kleine Anek­dote, die ich vor Jahren selb­st erlebt habe und die wie ich glaube als Para­bel auf den Wan­derzirkus in Brüs­sel taugt, dessen Inkom­pe­tenz* wir ger­ade in Sachen Daten­schutz am eige­nen Leib erfahren dürfen.

Vor eini­gen Jahren war ich zu einem Meet­ing bei einem großen Ver­sicher­er ein­ge­laden. Ich betrat das Gebäude, einen sehr ver­sicherungsmäßig anmu­ten­den Glas­palast und befand mich in einem weit­em, etwa zehn Stock­w­erke hohem Atri­um, an dessen vier Seit­en plüsch­betep­pichte Gänge bis unters gläserne Dach ver­liefen. Die Gänge führten rei­hum zu den zahlre­ichen winzi­gen Büros der Angestell­ten und alle Bürotüren standen offen. Doch etwas stimmte nicht an diesem Bild: es fehlte der Ton. Es war toten­still. Kein Laut, kein knar­ren­der Stuhl, keine abgestellte Tasse oder das klick­en eines Aktenord­ners, der geschlossen wird. Buch­stäblich nichts. Ich ging an den Büros vor­bei, sah Hem­den und Blusen an Schreibtis­chen, auch schreibende Hände und nick­ende Köpfe. Die Men­schen in den Büros saßen unbe­weglich und arbeit­eten vol­lkom­men geräusch­los und allein vor sich hin. Ich weiß heute nicht mehr, um was genau es beim Meet­ing ging, das Schweigen dieses Haus­es jedoch geht mir nicht aus dem Kopf. Eben­so das, was in der Mit­tagspause geschah. Als ich mit meinen Gast­ge­bern in die Kan­tine kam, war dort der Geräusch­pegel eines Bienen­schwarms. Alle rede­ten extrem laut und strit­ten viel und offen miteinan­der. Vom Nach­bar­tisch schnappte ich auf, dass es (mal wieder) um eine Umstruk­turierung gin­ge. Es soll­ten Abteilun­gen neu aufgeteilt, neu gegrün­det, abgeschafft und umbe­nan­nt wer­den. Auch war von Umzü­gen die Rede, also von Stock vier in Stock sechs oder umgekehrt. Ich fragte den Chef mein­er Gast­ge­ber bei mir am Tisch, was es denn damit auf sich habe und der bestätigte das Gehörte, nicht ohne selb­st in Rage zu ger­at­en: Kein­er ver­ste­he, was das ganze solle, das ergebe alles über­haupt keinen Sinn!

Da kam mir die Erken­nt­nis wie ein Blitz und weil ich in solchen Sit­u­a­tio­nen nie meine Klappe hal­ten kann, sagte ich ihm sin­ngemäß fol­gen­des: Der Laden hier läuft prächtig, wie ich weiß. Es gibt im Grunde nur wenig zu tun, die Prämien der Kun­den wer­den abge­bucht und die Vertreter draußen kom­men nicht hier­her, wo das Geld zusam­men­fließt. Aber als ich heute mor­gen das Haus betrat und alle hier still ihrer Arbeit nachgin­gen hat­te ich den Ein­druck, in ein­er Gruft zu ste­hen. Ich denke, die Geschäft­sleitung zieht diese sinnlose Umstruk­turierung nur durch, um festzustellen, ob sie alle hier noch am Leben sind und um nach außen zu tra­gen, hier werde mächtig viel „gestal­tet“.

An diese Geschichte musste ich heute wieder denken, denn es gibt sie immer noch, die Insti­tu­tio­nen, die, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein Ven­ti­la­tor eingeschal­tet würde, wir für tot hal­ten müssten. Zu diesen gehören auch die Organe der Brüs­sel­er Bürokratie, deren Ven­ti­la­toren uns in Form sinnlos­er Regeln und Geset­ze einen akten­ranzi­gen Wind ins Gesicht blasen, um uns daran zu erin­nern, dass es sie noch gibt. Als wenn wir das angesichts des Glas­palastes und unser­er immer zahlre­ich­er wer­den­den „Demokratieab­gaben“ vergessen könnten!

 

* Streng genom­men ist das DSGVO natür­lich lei­der eine deutsche Idee, welche in der EU jedoch auf begeis­terte Zus­tim­mung traf, weil sie einen ganzen Kon­voi von Experten, Ref­er­enten, Fahrern und Prak­tikan­ten Lohn und Brot ver­schafft. Eine Idee mag noch so bescheuert sein, sie reicht in der EU immer aus, um zwecks Reg­ulierung an dieser Idee jede Menge Schwänze zum Rat­tenkönig zusam­men­zu­knoten. Ihre DSG­VO-Dankesworte richt­en Sie deshalb direkt und am besten anonymisiert (Daten­schutz) an ihren Urhe­ber, Jan Philipp Albrecht von den Grü­nen, der in Schleswig-Hol­stein seinen Parte­ichef Habeck als Umwelt­min­is­ter beerbt. „Wir gestal­ten Dig­i­tal­isierung“ ste­ht auf Albrechts Home­page. Ja, gestal­ten will er, der Jan Philipp. Ich finde ja, wer in die Poli­tik geht, um „zu gestal­ten“, hat dort generell nichts ver­loren und sollte lieber „irgend­was mit Medi­en“ machen – sofern er das Tal­ent dazu hat. Das Alt­pa­pi­er holt sich schließlich nicht von selb­st ab.

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9 Kommentare

  1. EU = rein­ster Populismus.

    immer als es um wirkungsvolle Poli­tik zur Unter­stützung von hiesiger IT ging oder Mark­t­macht aufzubauen,hat man dies mit schwach­er Poli­tik mit zer­stört, wodurch Google und Co über­haupt so groß wurden.(Großteil ist rot-grün zu verdanken,aber auch cdu/csu waren schon in den 90ern links)

    mit dem tam­tam schützt man aktuell sog­ar diese Anbieter,indem man über alles (auch prinzip­iell neue anbi­eter) einen schutzschirm legt.

    wenn der stein des anstoßes dann noch sein soll,andere blick­winkel durch die unterbindung von infor­ma­tio­nen aus den usa zu erhalten,dann gut nacht.

  2. Ich finde als sog. ITler, dass es bei dem ganzen — neudeutsch — Hype nicht um Inter­essen von Face­book, der Wirtschaft oder Men­schen als “homo eco­nom­i­cus” geht. Es geht um den “homo politi­cus”. Der Men­sch als poli­tis­ches Wesen, wohl auch als soziales Wesen soll effek­tiv unter­graben wer­den. Die sog. Daten­schutz­grund­verord­nung treibt kon­se­quent weit­er, was bere­its einge­führt wurde, näm­lich das Ver­bot der “Samm­lung” per­so­n­en­be­zo­gen­er Dat­en und zwar nicht — oder weniger — durch Wirtschaft oder staatliche Insti­tu­tio­nen, son­dern ein­fach den “Mit­men­schen”.
    Es war “früher” — noch so vor 10 bis 20 Jahren — üblich, dass in Unternehmen oder Vere­inen z.B. irgend­je­mand so etwas wie eine “Geburt­stagsliste” hat­te. Hat­te die betr­e­f­fende Per­son Geburt­stag, wurde ihr grat­uliert. Das gibt es nicht mehr. Statt dessen gibt es ggf. noch Schreiben der Unternehmens- bzw. Behör­den­leitung zu sog. run­den (50, 60) Geburtstagen.
    O.g. Liste darf wegen Daten­schutz nicht geführt wer­den und wird daher auch nicht geführt. Damit wird natür­lich der fre­und­schaftlich kol­le­giale Umgang der Men­schen untere­inan­der erschw­ert. Mir scheint, dass das so gewollt ist, zumal ich wahrnehme, dass — ich arbeite bei ein­er Bun­des­be­hörde — es in den ver­gan­genen 10 Jahren Usus gewor­den ist, ein­er­seits neue Mitar­beit­er nicht mehr vorzustellen und ander­er­seits beson­ders sog. “Führungskräfte”, die neu eingestellt wer­den, wed­er sich selb­st ein­führen, noch von “Älteren” vorgestellt werden.
    Wir sollen eben wis­sen, dass wir als Arbeitssklaven unsere Auf­gaben zu ver­richt­en haben und dass möglicher­weise men­schliche und kol­le­giale Anteil­nahme “insub­or­dinierend” ist.
    Ich finde, Hux­leys schöne neue Welt trifft die aktuelle Entwick­lung bess­er als Orwells 1984.

  3. Face­book, die Stasi-Akte zum sel­ber gestalten.
    Ich hab dem Laden nie getraut, eben­sowenig wie all den anderen sozialen WWW Dienstleistern.
    Ich schleppe auch keinen Posi­tion­ssender mit mir herum und ich gehöre zu der Gen­er­a­tion bei der die Linse der Kam­era beim Fotografieren noch von sich weg zeigte.
    Wohlan…

  4. Der Bürokratiekrug geht solange zum pri­vatwirtschaftlichen Brun­nen bis er bricht (oder der Brun­nen leergeschöpft ist). Dieses (Zusam­men-) Brechen wird ein Fest für die Freiheit.

  5. In der Poli­tik ist es wie in der Indus­trie: Eine Anhäu­fung nutz- und sinnlos­er Regeln, eigentlich gut gemeint, die immer weit­er ver­schärft wer­den. Am Ende ver­ste­ht kein­er mehr, warum sie über­haupt ent­standen sind, kein­er traut sich aber, irgend­was rück­gängig zu machen, so dass alles immer absur­der wird. Bis alles auf­grund der aufge­baut­en bürokratis­chen Bürde zusammenkracht.

    • Jed­er Unternehmer den ich kenne, stöh­nt unter der Last der Steuern und Abgaben, der Verord­nun­gen und Reg­ulierun­gen und hat zusät­zlich noch ein halbes Dutzend Winke­lad­vokat­en an der Backe, die ihn für unter­lassene bürokratis­che Turnübun­gen zur Kasse bit­ten. Dazu kommt noch das poli­tis­che Kli­ma, in dem Grüne, Linke und Teile der SPD wieder unge­niert von Aus­beu­tung, Ver­mö­gens­ab­schöp­fung und noch höher­er Besteuerung faseln. Bei den kleinen und Mit­tel­ständis­chen Unternehmen geht eine Lampe nach der anderen aus, während ich Typen wie Kip­ping schon wieder über Höch­stlöhne schwadronieren höre. Das kann alles nicht gut ausgehen.

      • Da kann ich (selb­st Klei­n­un­ternehmer) nur zus­tim­men, Bürokratie und Gän­gelei allerorten. Bei mir im Betrieb ist seit über 20 Jahren kein Unfall mehr passiert, es wer­den keine gefährlichen oder gifti­gen Sub­stanzen ver­wen­det oder ille­gal entsorgt, seit 50 Jahren hat es nicht nicht gebran­nt — aber man weiß ja nie.… Schnüf­felei und blödsin­nige Anord­nun­gen kön­nen ja nicht schaden.

  6. “Mit gle­ich­er Münze” war geil zu lesen. Abge­se­hen von der Nah­toder­fahrung, als ich ver­suchte, während des Lesens einen Schluck Pfef­fer­minz­tee zu trinken. Wobei, die Minz-Nasen­spülung hat­te auch etwas. Hätte ich nicht gedacht. Yolo. 

    Es ist aber wirk­lich sehr inter­es­sant, dass einige Zeitun­gen ihre Leitun­gen nach Europa gekappt haben. Die Amis sprechen in let­zter Zeit häu­figer davon, dass Facebook&Co zum Pub­lic Util­i­ty gemacht wer­den kön­nte, wodurch es für diese Fir­men nach US-Recht straf­bar wer­den kön­nte, was nach europäis­chem Recht gefordert wird. 

    Youtube ver­schärfte in den let­zten Jahren seine Nutzungs­be­din­gun­gen drama­tisch in Bezug auf Con­tent, bei dem es um Waf­fen und Hate­speech geht, wom­it die zunehmend ihre langjährig­sten Con­tent-Cre­ators vor den Kopf stoßen. Youtube ist durch nicht gesellschaft­stauglich­es Mate­r­i­al wie Bum­fights groß gewor­den, und ver­grault nun die Leute, die diesen Erfolg möglich gemacht haben. Das klingt für mich so, als wür­den die EU-Poli­tik­er Druck ausüben, und für die Unternehmen nachteilige Geset­ze in Aus­sicht stellen, wenn die Unternehmen nicht spuren. Ich denke, dass die neuen Geset­ze eine Vergel­tungs­maß­nahme dafür sind, dass die IT-Riesen immer noch zu viele uner­wün­schte Infor­ma­tio­nen über den Teich schwap­pen lassen, die jed­er aufnehmen kann, der der englis­chen Sprache mächtig ist. Es ist auf­fäl­lig, dass die neuen Geset­ze auf von Zen­sur bedro­hte Unternehmen maßgeschnei­dert sind.

    Aber zurück zu den dicht gemacht­en Zeitun­gen: Es wäre wirk­lich inter­es­sant zu sehen, was passieren würde, wenn die IT-Riesen es auf eine Kon­fronta­tion ankom­men ließen, indem sie sich ein­fach weigern, EU-Recht zu beacht­en. Als US-Unternehmen gilt für die ja US-Recht. Wer­bung für den europäis­chen Markt ließe sich auch über externe Dien­stleis­ter real­isieren. Alles was die EU-Län­der machen kön­nten, wäre dann noch die Inter­netverbindung zu den größten IT-Unternehmen der Welt zu kap­pen, ohne die heutzu­tage nie­mand mehr leben kann. Das wär doch witzig. Beson­ders, weil die Unternehmen ihrer­seits das Druck­mit­tel haben, Europas Zugang zu den Dien­sten kap­pen zu kön­nen. Wür­den Google, Face­book und Github — alles Unternehmen die bere­its zu Zen­sur gezwun­gen wur­den — ihre Dien­ste für Europa sper­ren, würde das sehr inter­es­sante Fol­gen haben. 

    Notiz an mich selb­st: Für diesen Fall unbe­d­ingt frühzeit­ig einen Vor­rat an hochw­er­ti­gen Fack­eln und Mist­ga­beln anle­gen. Nach­frage kön­nte im Fall plöt­zlich­er Arbeit­slosigkeit ansteigen. Krisen sind Chancen.

  7. Exzel­lente Stel­lung­nahme zur DSGVO, tre­f­fend und witzig.
    Genau so ist es.

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