Ein ges­tanden­er Vet­er­inär ver­ri­et mir vor Jahren auf ein­er Par­ty anlässlich sein­er Pen­sion­ierung, dass er in sein­er beru­flichen Lauf­bahn nur vor zwei Arten Tieren wirk­lich Angst hat­te. Ich tippte natür­lich sofort auf wilde Heng­ste und Ele­fan­ten mit Zah­n­weh, doch er winke nur ab: kleine Hunde und Schweine, das seien seine gefährlich­sten Patien­ten gewesen!

An diese Episode musste ich denken, als ich mit mehreren Wochen Verzögerung vor eini­gen Tagen ein Buch in den Hän­den hielt, dass diese vet­er­inären Pho­bi­en ange­blich wie kein zweites in sich vere­inen kön­nte. Zunächst ein­mal ist es klein. Sehr klein. 104 postkarten­große Seit­en. Und dann soll es, glaubt man dem Feuil­leton, auch noch ein richtiges Schwein sein. Ein anti­semi­tis­ches Schwein! „Finis Ger­ma­nia“ heißt es und stellt gewis­ser­maßen das Ver­mächt­nis des His­torik­ers Rolf Peter Siefer­le dar, der das Manuskript vor seinem Fre­itod so auf seinem Com­put­er platzierte, dass kein Zweifel daran beste­hen kann, dass er es veröf­fentlicht haben wollte.

Der Wirbel und die Skandälchen, die dieses Büch­lein aus­gelöst hat, ste­hen in krassem Missver­hält­nis zu seinem Umfang, weshalb ich mir fest vor­nahm, es gründlich zu lesen und meine unbe­deu­tende Mei­n­ung dazu aufzuschreiben, wenn ich es denn einst in die Fin­ger bekomme. Die paar Seit­en, dachte ich, lesen sich schnell weg. Doch das erwies sich als gar nicht so ein­fach. Das Buch beste­ht größ­ten­teils aus Split­tern und Konzen­trat­en, die mit Fall­beispie­len oder einge­hen­deren Betra­ch­tun­gen zu verse­hen Siefer­le entwed­er nicht für nötig hielt – was bedeuten würde, dass er beim Leser ein sehr hohes Maß an Abstrak­tionsver­mö­gen voraus­ge­set­zt hat. Oder, sehr viel wahrschein­lich­er, für die ihm ein­fach keine Zeit blieb. Aus­gerech­net den Schlüs­sel zum Buch find­et man zudem erst auf den let­zten Seit­en: „Welche Möglichkeit­en hat eigentlich Ikarus, wenn seine Flügel schmelzen und er in die Tiefe abstürzt? Er kann die Augen schließen und so lange schreien, bis ihn die See ver­schlingt. Er kann aber auch die Augen geöffnet hal­ten und die erhabene Aus­sicht genießen, solange sie sich bietet. Das Ergeb­nis ist in bei­den Fällen das Gle­iche; der Weg ist aber ein völ­lig gegensätzlicher.“

Siefer­le betra­chtet Deutsch­land aus der Warte eines Insek­ten­forsch­ers, der auf ein ver­hal­tensauf­fäl­liges Bienen­volk trifft. Er schreibt nicht als Außen­seit­er, son­dern als Draußen­seit­er und greift für seine Beschrei­bun­gen zum Zynis­mus als – wie er es aus­drückt – „Hochmut des Unter­lege­nen“. Solch eine Posi­tion außer­halb der wohlmeinen­den Gemein­schaft einzunehmen, dürfte den meis­ten Men­schen unendlich schw­er­fall­en und auch Siefer­le scheint sich in der Rolle des „Alien“ nicht son­der­lich wohlge­fühlt zu haben, was ein weit­er­er Grund dafür sein kön­nte, dass er in seinem Buch manch­es anriss, einiges zu beweisen ver­suchte aber let­ztlich das meiste als zugegeben­er­maßen bril­lante The­sen ein­fach in den Raum stellte. Leicht macht er es seinem Leser jeden­falls nicht und seine The­sen set­zen beim Leser einiges an Ken­nt­nis voraus. Sel­ten musste ich bei der Lek­türe so oft auf die fachkundi­ge Hil­fe von Wikipedia bauen.

Die Bilder, die der Autor bei ober­fläch­lichem Lesen in den Köpfen entste­hen lässt, löst er zwar stets als Gedanken­ex­per­i­mente auf, aber da ist einem der Schreck­en schon in die Glieder gefahren und der Beweis von Denkver­boten, Selb­stzen­sur, Mythol­o­gisierung der Geschichte und Pro­jek­tion aktueller Prob­leme in die Ver­gan­gen­heit ist längst erbracht und der Leser bleibt beschämt zurück. Büch­er wie dieses, die den Leser nicht in ein­er sicheren Welt des Opti­mis­mus und ein­er prinzip­iell auf Fortschritt und Verbesserung gerichteten Idee fes­seln, sind sel­ten. So schreibt Siefer­le: „Die Erfahrung von Dif­ferenz wirkt unter den Deutschen skan­dalös. Sie kön­nen es nicht ertra­gen, wenn es irgend­wo anders ist, als bei ihnen selb­st. Deshalb wer­den sie auch die let­zten und eifrig­sten Anhänger des Pro­jek­ts der Mod­ernisierung, vielle­icht sog­ar des Pro­jek­ts Sozial­is­mus sein. Bis­lang glauben sie noch, es seien grund­sät­zlich nur Niv­el­lierun­gen nach oben möglich; vielle­icht wird sie eine Wirk­lichkeit, die nur noch Niv­el­lierun­gen nach unten ges­tat­tet, schließlich eines Besseren belehren?“. Der Autor diag­nos­tiziert in der deutschen Gesellschaft als zen­trales Merk­mal einen fun­da­men­tal­en „Sozialdemokratismus“, dem Dif­feren­zen aller Art schlicht als unerträglich gel­ten – eine Diag­nose, die ich teile.

Siefer­les kom­prim­ierte Gedanken injizierten sich dabei wie Soda in das stille Wass­er so manch­es Feuil­leton­is­ten, aus denen es deshalb vernehm­lich und unver­söhn­lich blub­berte. Doch haben wir nicht ger­ade „Refor­ma­tion­s­jahr“? Waren es nicht 95 The­sen, die Luther an die Tür der Schlosskirche zu Wit­ten­berg schlug? 95 Beweise waren es jeden­falls nicht und mussten es auch nicht sein, weil es eben The­sen waren. Ist es heute ver­w­er­flich, eine These in den Raum zu stellen und deren induk­tiv­en Beweis oder Gegen­be­weis anderen zu über­lassen? Demokrits These hielt das Atom für etwas Unteil­bares. Der mod­erne Gegen­be­weis schmälert sein Werk keineswegs.

Begriffliche Unschärfen

Wenn es so etwas wie einen „roten Faden“ in „Finis Ger­ma­nia“ gibt, dann ist es Siefer­les Urteil über die Lieder­lichkeit, mit der viele Begriffe und deren Bedeu­tun­gen im poli­tis­chen All­t­ag behan­delt wer­den und in diesem Punkt stimme ich voll mit ihm übere­in. So werde beispiel­sweise „Ver­ant­wor­tung“ heute als etwas deklar­i­ert, was man eigen­ständig abstrakt übernehmen könne, obgle­ich sich doch ger­ade dieser Begriff immer auf eine Instanz bezöge, der gegenüber man eine Ver­ant­wor­tung übernähme und zur Rechen­schaft verpflichtet sei. Und er legt eines der Grundü­bel unser­er Gesellschaft offen, wenn er fest­stellt, dass diese Rechen­schaftsin­stanz der Ver­ant­wor­tung in die Ver­gan­gen­heit pro­jiziert wird. Ganz so, als wür­den Mil­lio­nen Opfer des Nation­al­sozial­is­mus nur darauf warten, dass ihr Tod nachträglich ver­hin­dert würde. Mit der Ver­ant­wor­tung für die gesellschaftlichen Ver­w­er­fun­gen in der Gegen­wart gehe man hinge­gen sehr viel sparsamer um. Hier hät­ten sich einige Beispiele aus der Gegen­wart ange­boten, die der Autor aber, ver­mut­lich aus den genan­nten Grün­den, wegge­lassen hat.

Auschwitz, ein Mythos?

Wenn man schon einige von Siefer­les Gedanken­ex­per­i­menten gefol­gt ist und weiß, wie der Autor seine Beweise auf­baut, kann man sich auch dem Kapi­tel „Der ewige Nazi“ zuwen­den. Es braucht fast drei Seit­en, bis sich her­auskristallisiert, auf was die Argu­men­ta­tion eigentlich hin­aus­läuft. Seit­en, auf denen von Schuld, Wahrheit, Recht­fer­ti­gung und Tabus die Rede ist. Es wird ver­sucht, ein Gedankenge­bäude zu zerpflück­en, das im Deutsch­land der Nachkriegszeit zu einem ger­adezu unerträglichen Sün­den­stolz geführt hat. Die Diag­nose ist richtig und ich möchte ergänzen, dass meine Land­sleute diesen Sün­den­stolz ins­beson­dere in ihrem Umgang mit Israel ein­fach nicht aus den Köpfen bekom­men. Sie beste­hen vielmehr darauf, etwas „aus Auschwitz gel­ernt“ zu haben und kön­nen es nicht ertra­gen, dass die Juden ander­er­seits nicht gewil­lt sind, brav die ihnen zugewiesene Opfer­rolle in diesem per­versen Lern­spiel einzunehmen. Die Deutschen reflek­tieren die Gräueltat­en der Täter und erwarten, dass die Juden mit der Duld­samkeit der Opfer das­selbe tun. Die einzi­gen, die aus Auschwitz aber wirk­lich etwas gel­ernt haben, sind die Juden – wie sie es aller Welt mit der Staats­grün­dung Israels bewiesen haben.

Zur Sache kommt Siefer­le dann auf Seite 66, als er den Begriff der Buße anhand eines religiösen Ver­gle­ich­es erk­lärt, zu dem er mehrere Seit­en lang ausholte: „Aus der Kollek­tivschuld der Deutschen, die auf Auschwitz zurück­ge­ht, fol­gt eben­falls der Aufruf zur per­ma­nen­ten Buße, doch fehlt in dieser säku­lar­isieren Form der Erb­sünde [im Gegen­satz zur Erb­sünde Adams, Anm. d. Autors] das Ele­ment der Gnade und der Liebe voll­ständig. Der Deutsche ähnelt daher nicht dem Men­schen, dessen Schuld durch die Liebe Gottes zwar nicht rev­i­diert, aber kom­pen­siert wird, son­dern dem Teufel, dem gestürzten Engel, dessen Schuld niemals vergeben und der für alle Zeit­en in der Fin­ster­n­is ver­har­ren wird. Allerd­ings hat auch der Teufel eine Funk­tion inner­halb der Ökonomie Gottes. Er bildet die Neg­a­tiv­folie, vor welch­er sich die Güte Gottes pos­i­tiv abheben kann […] Der Deutsche, oder zumin­d­est der Nazi, ist der säku­lar­isierte Teufel ein­er aufgek­lärten Gegenwart.“

Der Beweis ist zugegeben bril­lant, hinkt aber mein­er Mei­n­ung nach gewaltig, weil er der Prax­is nicht stand­hält. Das ange­bliche Nichtvergeben der Nazi­gräuel kon­trastiert näm­lich stark mit dem Ver­hal­ten der nachgekomme­nen Gen­er­a­tio­nen von Juden, die im Deutsch­land von heute längst nicht mehr das­selbe sehen, wie ihre Eltern und Großel­tern – oft sog­ar zurecht. Wo Siefer­le aber richtig liegt, ist das Bild von der Neg­a­tiv­folie „Nazi“, vor der heute man­gels Größe oder Ideen viele poli­tis­che Akteure ver­suchen, sich selb­st in einem viel helleren Licht darzustellen, als es ihrer tat­säch­lichen Bedeu­tung zukom­men würde. Die Dif­famierung des poli­tis­chen Geg­n­ers als Recht­sex­trem­ist oder Nazi ist da ein pro­bates Mit­tel. „Man braucht nur post fes­tum ein guter Antifaschist zu sein, und schon ist die eine Hälfte des 20. Jahrhun­derts moralisch geban­nt“, fasst der Autor fast schon apho­ris­tisch zusammen.

Der Weltmensch

Siefer­le sieht einen weltweit­en Trend, der sich aus dem sein­er Mei­n­ung nach all­ge­gen­wär­ti­gen Sozialdemokratismus und sein­er Intol­er­anz aller Dif­ferenz ergibt. Es han­dele sich um einen Trend, den nie­mand bewusst her­beiführt, der nicht zu einem propagierten Ziel, son­dern zu einem logis­chen Ziel führen werde: dem unter­schied­slosen Welt­bürg­er, der frei von Indi­vid­u­al­is­men ist, keine Nation oder Ide­olo­gie ken­nt und eben­so aus­tauschbar wie Eigen­schaft­s­los ist. Viele Prob­leme erledigten sich dadurch wie von selb­st. Zum Beispiel wür­den alle Wan­derungs­be­we­gun­gen auf diesem Plan­eten enden, weil es sich über­all gle­icher­maßen schlecht leben lässt – denn dass die Gle­ich­macherei zu einem Zus­tand führen wird, der sich unter dem heuti­gen in den entwick­el­ten Indus­tri­es­taat­en befind­et, scheint son­nen­klar. Der Advo­ca­tus Dia­boli hat jedoch zwei Völk­er aus­gemacht, die über Eigen­schaften und Selb­st­de­f­i­n­i­tio­nen ver­fü­gen, die die Anpas­sung an das erstrebte Welt­bürg­er­tum unmöglich machen und bei­de sind nach sein­er Mei­n­ung außer­dem schick­sal­haft miteinan­der ver­bun­den: Die Deutschen und das jüdis­che Volk. Sein Faz­it: da die Juden nicht von ihrer Auser­wähltheit lassen kön­nen und die Deutschen nicht von ihrer Ver­brech­ersin­gu­lar­ität, wer­den bei­de im Anpas­sung­sprozess notwendi­ger­weise unterge­hen – finis Ger­ma­nia. Ob die Welt den Weg zum Welt­bürg­er­tum, den ihre Eliten eingeschla­gen haben, jedoch wirk­lich blind weit­erge­hen wird, bezwei­fle ich. Ein Blick auf die Ver­w­er­fun­gen inner­halb der EU, den Brex­it oder die Ren­itenz der osteu­ropäis­chen Staat­en in Bezug auf gewisse Pläne aus Brüs­sel und Berlin lassen mich ver­muten, dass das Ende der Nation­al­staat­en, der Natio­nen, Sprachen und unter­schiedlichen Kul­turen noch längst nicht aus­gemachte Sache ist. Auch hier kann ich die zynisch/pessimistische Sicht Siefer­les nicht teilen, wenn ich auch die Mech­a­nis­men am Werk sehen, die ver­suchen, die Men­schheit in die Vere­in­heitlichung und Gle­ich­machung zu schubsen.

Fazit

Abschließend stellen sich mir vier Fra­gen, die es zu beant­worten gilt. Erstens: war Siefer­le ein Anti­semit und sein posthumes Werk damit ein anti­semi­tis­ches? Ich denke, nicht. Es ist aber so voll von Gedanken­spie­len und befasst sich so inten­siv mit tabuisierten Mod­ellen, dass man diesen Ein­druck gewin­nen kann, wenn man die Gedankenge­bäude des Autors zu früh empört ver­lässt. Tut man das nicht, gelangt man in genau die Spiegel­welt, in der Siefer­le den Leser haben will, außer­halb des Sys­tems, außer­halb von Ver­ant­wortlichkeit­en und his­torischen Betra­ch­tun­gen. Es ist kalt dort und man mag sich nicht lange in diesen Sphären aufhal­ten, schon weil die Aus­sicht auf Deutsch­land und die Welt von dort deprim­ieren­der nicht sein kön­nte. Dies mag erträglich sein, wenn man wie der zum Tode verurteilte Mar­quis aus der franzö­sis­chen Leg­ende nur den Weg zum Schafott hin bewälti­gen muss – der Leser muss aber den Weg zurück auch noch antreten. Zweit­ens: stand das Buch zurecht auf der Empfehlungsliste für Sach­büch­er? Auch hier ein klares „Ja“, wobei ein Hin­weis auf das unter Punkt eins genan­nte hil­fre­ich­er gewe­sen wäre, als die aufgeregten Warn­hin­weise, mit denen sich die Autoren der Liste von Siefer­les Buch dis­tanzierten. Drit­tens: ver­di­ent Siefer­le die posthume Schmäh und Prügel, mit der das Feuil­leton in so großzügig ein­deckt? Die Per­son sich­er nicht, denn wer wie er frei­willig und friedlich aus dem Leben schei­det, ist ver­let­zen­den Anwür­fen ent­zo­gen. Dem Autor hinge­gen ist vorzuw­er­fen, dass er mit „Finis Ger­ma­nia“ nur ein Frag­ment abgeliefert hat, mit dessen Ausar­beitung und Inter­pre­ta­tion die Nach­welt offen­sichtlich vol­lkom­men über­fordert ist. Und die vierte Frage? Diese sollte eigentlich die einzige sein, die man sich bei einem Buch stellen sollte, dessen Autor um einiges intel­li­gen­ter, mutiger und sachkundi­ger ist, als man selb­st: Sollte man es lesen, dieses kleine bis­sige, unbe­queme, ver­störende, nihilis­tis­che Büch­lein? Diese Frage kann ich nur mit „Ja“ beantworten.

„Finis Ger­ma­nia“, Rolf Peter Siefer­le, Ver­lag Antaios, isbn 978–3‑944422–50‑3

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6 Kommentare

  1. Das Feuil­leton hat sich nahezu voll­ständig diskred­i­tiert. Was soll man denn fürder­hin Ansicht­en von Leuten lesen, die nach­weis­lich völ­lig ver­peilt sind? Sich­er kann und muss man das Buch auch kri­tisch lesen, und keineswegs allen seinen Zus­pitzun­gen zus­tim­men. Aber demon­stri­ertes Unver­ständns und die infame Fix­ie­un­gen auf PC-Schlag­worte machen Autoren, denen nichts mehr als das ein­fällt, völ­lig unlesbar. 

    Zu Ihren Frage: ‘war Siefer­le ein Anti­semit und sein posthumes Werk damit ein anti­semi­tis­ches?’ ist an sich bere­its eine absurde These. Es sei Ihnen verziehen, da der­ar­tiger Unsinn in eini­gen Kreisen zirkulierte, und diese Frage eher als rhetorische Antwort zu ver­ste­hen ist. Siefer­les Kul­turbe­tra­ch­tun­gen stereo­ty­isieren. Nicht, weil Siefer­le nicht die enorme Band­bre­ite der Indi­viduen ignori­ert, son­dern weil er einem Zeit­geist nach­spürt, der mehr oder min­der von jedem Besitz ergreifen will. Das stereo­ty­isierte Bild der Juden bildet natür­lich kein gen­er­al­isier­bares Psy­chogramm aller Juden ab, son­dern zeigt auf Trends, die über­greifend wirk­sam sind. Und tat­säch­lich wäre es m.E. unschw­er möglich, mit den Mit­teln der Sozial­forschung sig­nifikante Unter­schiede im Denken der Völk­er nachzuweisen. 

    Siefer­le irrt, wenn er Juden als Alle­in­stel­lungsmerk­mal die Auser­wäh­lung andichtet. Auch wenn die Bibel genau das nahe legt, so ist es das Tiefe Selb­stver­ständ­nis viel­er, vielle­icht sog­ar aller Völk­er, sich für auser­wählt zu hal­ten. Zwar äußert sich das bei vie­len dezen­ter und kaschiert unter Schicht­en der Demut oder anderen Vok­a­beln. Anstelle dies aber neg­a­tiv zu kon­notieren, sehe ich gute Gründe dafür. Zum Einen ist es eine wesentliche Funk­tion des eige­nen Selb­st­be­wusst­sein, dass dem Leben eigen ist. Zum Anderen kann man es dur­chaus im bib­lichen Sinn auch uni­versell und keineswegs exk­lu­siv ver­ste­hen: Ja, die Juden sind das auser­wählte Volk Gottes, um eine bes­timmte Rolle zu spie­len. Aber auch die Khmer, die Karen, die Tut­si oder die Deutschen sind auser­wählt, eine gewisse Rolle zu man­i­festieren. Ger­ade ein genaueres Lesen der Bibel eröffnet die Frage, ob denn diese Auser­wäh­lung exk­lu­siv sein soll.

    Um dieses Sendungs­be­wusst­sein ger­ade auch bei Deutschen zu erken­nen, bedarf es nicht nur den Begriff des Kaiser­re­ichs ‘Am deutschen Wesen soll die Welt gene­sen.’ … son­dern auch der Neuauf­guss, der das Aufge­hen Deutsch­lands in Europa glo­ri­fiziert und vorder­gründig deutschen Nation­al­is­mus abschwören will. Die europäis­chen Nach­barn aber arg­wöh­nen, dass das Gerede von Europa eine Art der Annek­tion ist, mit dem die Deutschen sich nicht als bun­ten Teil der Gemein­schaft ver­ste­hen, son­dern in ein­er Dom­i­nanz, jenes deutsche Wesen dan anderen Europäern über­stülpen will. Deutsch­land will nicht nur Vor­re­it­er sein beim Kli­maschutz, son­dern auch bei der Human­ität. Darum drän­gen sie auf die Auf­nahme möglichst viel­er Flüchtlinge, und erwarten, dass alle anderen Europäer da mitziehen und dem deutschen Vor­bild folgen. 

    Das Skur­rile daran ist, dass sich viele Men­schen dieser offen­sichtlich­er Trends und Motive nicht bewusst sind und fleißig an ein­er möglichst dicht­en Leg­ende zim­mern, die sie vor dieser Erken­nt­nis schützt. Siefer­le hat einen wesentlichen Beitrag geliefert, um hier Erken­nt­nis­prozesse anzus­toßen. Es bedarf eines frucht­baren Boden, um die Saat aufge­hen zu lassen — auch wenn sie nicht immer tre­ff­sich­er ist. Siefer­les Pes­simis­mus ist zwar beißend, aber nicht notwedig. Denn die Vision, das Volk als Ganzes müsse ein Ruck zum Guten erfüllen, ist eben­so der Leg­ende der Auser­wäh­lung geschuldet. Hier würde ich die Pro­jek­tio­nen auf eine homo­gene Eth­nie eher als motivieren­des Kon­strukt deuten, die aber wed­er auf eine große Deck­ung mit der Real­ität hof­fen kann, noch dessen Scheit­ern Grund zum Pes­simis­mus liefern sollte.

  2. Es ist zum Kirre wer­den, die Mei­n­ungs­frei­heit in Deutsch­land ist de fac­to am Ende — und das Doll­ste ist: den Meis­ten ist dieser Umstand, diese, ja, Lap­palie, ein­fach so egal wie Ebbe und Flut.

    Ich denke mir grim­mig: “Wartet nur ab, Ihr Igno­ran­ten… wenn erst die Recy­cling-Tonne vor dem eige­nen Haus bren­nt, werdet Ihr laut schreiend nach ‘den Ver­ant­wortlichen’ rufen — und dabei nat­uer­lich beque­mer­weise vergessen, dass dieser nut­zlose Haufen im Par­la­ment immer­hin das Volk repraesentiert.”

    Freut’ Euch der Dinge, die da harren…

  3. Sehr geehrter Herr Letsch, Sie haben eine der weni­gen Rezen­sio­nen zu Finis Ger­ma­nia ver­fasst, die dem Buch gerecht wer­den. Ihre Rezen­sion ist von Lob­hudelei und unkri­tis­ch­er Zus­tim­mung eben­so weit ent­fer­nt wie von den Ver­teufelun­gen und Abwehrreflex­en des deutschen Feuil­letons. Vie­len Dank!

  4. Bitte beacht­en Sie auch den Artikel zu Siefer­les Finis Ger­ma­nia in der 

    New York Times Ger­manys newest intellectual. 

    Was die Deutsche Main­stream- Presse nicht mehr leis­tet, muss jet­zt wohl die New York Times machen… 

    http://www.nytimes.com/2017/07/08/opinion/sunday/germanys-newest-intellectual-antihero.html

    Oder:

    https://mobile.nytimes.com/2017/07/08/opinion/sunday/germanys-newest-intellectual-antihero.html

    Die Times schreibt eine sach­liche Rezen­sion zu Siefer­le Finis Ger­ma­nia und — zum Leid der links-gerichteten Deutschen Presse auch noch — nur sehr Pos­i­tives über das Buch! 

    Dem Spiegel kann man, nicht nur im Fall Finis Ger­ma­nia, lei­der nichts mehr glauben. 

    Das Blatt ist mit­tler­weile so stark nach links gerückt, wie die gesamte Deutsche Staat­shörige und unter­wür­fige, parteis­che Pro­pa­gan­da­presse, die weit ent­fer­nt von der Real­ität in ein­er eige­nen “Blase” lebt. 

    P.S. Siehe dazu auch die neue Studie der Gew­erkschaft­sna­hen Otto Bren­ner Stiftung, ger­ade im Juli 2017 erschienen,
    zum total­en Ver­sagen der Medi­en in der Flüchtlingskrise 2015 / 2016.

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