Ein gestan­de­ner Vete­ri­när verriet mir vor Jahren auf einer Party anläss­lich seiner Pen­sio­nie­rung, dass er in seiner beruf­li­chen Lauf­bahn nur vor zwei Arten Tieren wirk­lich Angst hatte. Ich tippte natür­lich sofort auf wilde Hengste und Ele­fan­ten mit Zahnweh, doch er winke nur ab: kleine Hunde und Schweine, das seien seine gefähr­lichs­ten Pati­en­ten gewesen!

An diese Episode musste ich denken, als ich mit meh­re­ren Wochen Ver­zö­ge­rung vor einigen Tagen ein Buch in den Händen hielt, dass diese vete­ri­nä­ren Phobien angeb­lich wie kein zweites in sich ver­ei­nen könnte. Zunächst einmal ist es klein. Sehr klein. 104 post­kar­ten­große Seiten. Und dann soll es, glaubt man dem Feuil­le­ton, auch noch ein rich­ti­ges Schwein sein. Ein anti­se­mi­ti­sches Schwein! „Finis Ger­ma­nia“ heißt es und stellt gewis­ser­ma­ßen das Ver­mächt­nis des His­to­ri­kers Rolf Peter Sie­ferle dar, der das Manu­skript vor seinem Freitod so auf seinem Com­pu­ter plat­zierte, dass kein Zweifel daran bestehen kann, dass er es ver­öf­fent­licht haben wollte.

Der Wirbel und die Skan­däl­chen, die dieses Büch­lein aus­ge­löst hat, stehen in krassem Miss­ver­hält­nis zu seinem Umfang, weshalb ich mir fest vornahm, es gründ­lich zu lesen und meine unbe­deu­tende Meinung dazu auf­zu­schrei­ben, wenn ich es denn einst in die Finger bekomme. Die paar Seiten, dachte ich, lesen sich schnell weg. Doch das erwies sich als gar nicht so einfach. Das Buch besteht größ­ten­teils aus Split­tern und Kon­zen­tra­ten, die mit Fall­bei­spie­len oder ein­ge­hen­de­ren Betrach­tun­gen zu ver­se­hen Sie­ferle ent­we­der nicht für nötig hielt – was bedeu­ten würde, dass er beim Leser ein sehr hohes Maß an Abs­trak­ti­ons­ver­mö­gen vor­aus­ge­setzt hat. Oder, sehr viel wahr­schein­li­cher, für die ihm einfach keine Zeit blieb. Aus­ge­rech­net den Schlüs­sel zum Buch findet man zudem erst auf den letzten Seiten: „Welche Mög­lich­kei­ten hat eigent­lich Ikarus, wenn seine Flügel schmel­zen und er in die Tiefe abstürzt? Er kann die Augen schlie­ßen und so lange schreien, bis ihn die See ver­schlingt. Er kann aber auch die Augen geöff­net halten und die erha­bene Aus­sicht genie­ßen, solange sie sich bietet. Das Ergeb­nis ist in beiden Fällen das Gleiche; der Weg ist aber ein völlig gegen­sätz­li­cher.“

Sie­ferle betrach­tet Deutsch­land aus der Warte eines Insek­ten­for­schers, der auf ein ver­hal­tens­auf­fäl­li­ges Bie­nen­volk trifft. Er schreibt nicht als Außen­sei­ter, sondern als Drau­ßen­sei­ter und greift für seine Beschrei­bun­gen zum Zynis­mus als – wie er es aus­drückt – „Hochmut des Unter­le­ge­nen“. Solch eine Posi­tion außer­halb der wohl­mei­nen­den Gemein­schaft ein­zu­neh­men, dürfte den meisten Men­schen unend­lich schwer­fal­len und auch Sie­ferle scheint sich in der Rolle des „Alien“ nicht son­der­lich wohl­ge­fühlt zu haben, was ein wei­te­rer Grund dafür sein könnte, dass er in seinem Buch manches anriss, einiges zu bewei­sen ver­suchte aber letzt­lich das meiste als zuge­ge­be­ner­ma­ßen bril­lante Thesen einfach in den Raum stellte. Leicht macht er es seinem Leser jeden­falls nicht und seine Thesen setzen beim Leser einiges an Kennt­nis voraus. Selten musste ich bei der Lektüre so oft auf die fach­kun­dige Hilfe von Wiki­pe­dia bauen.

Die Bilder, die der Autor bei ober­fläch­li­chem Lesen in den Köpfen ent­ste­hen lässt, löst er zwar stets als Gedan­ken­ex­pe­ri­mente auf, aber da ist einem der Schre­cken schon in die Glieder gefah­ren und der Beweis von Denk­ver­bo­ten, Selbst­zen­sur, Mytho­lo­gi­sie­rung der Geschichte und Pro­jek­tion aktu­el­ler Pro­bleme in die Ver­gan­gen­heit ist längst erbracht und der Leser bleibt beschämt zurück. Bücher wie dieses, die den Leser nicht in einer siche­ren Welt des Opti­mis­mus und einer prin­zi­pi­ell auf Fort­schritt und Ver­bes­se­rung gerich­te­ten Idee fesseln, sind selten. So schreibt Sie­ferle: „Die Erfah­rung von Dif­fe­renz wirkt unter den Deut­schen skan­da­lös. Sie können es nicht ertra­gen, wenn es irgendwo anders ist, als bei ihnen selbst. Deshalb werden sie auch die letzten und eif­rigs­ten Anhän­ger des Pro­jekts der Moder­ni­sie­rung, viel­leicht sogar des Pro­jekts Sozia­lis­mus sein. Bislang glauben sie noch, es seien grund­sätz­lich nur Nivel­lie­run­gen nach oben möglich; viel­leicht wird sie eine Wirk­lich­keit, die nur noch Nivel­lie­run­gen nach unten gestat­tet, schließ­lich eines Bes­se­ren beleh­ren?“. Der Autor dia­gnos­ti­ziert in der deut­schen Gesell­schaft als zen­tra­les Merkmal einen fun­da­men­ta­len „Sozi­al­de­mo­kra­tis­mus“, dem Dif­fe­ren­zen aller Art schlicht als uner­träg­lich gelten – eine Dia­gnose, die ich teile.

Sie­fer­les kom­pri­mierte Gedan­ken inji­zier­ten sich dabei wie Soda in das stille Wasser so manches Feuil­le­to­nis­ten, aus denen es deshalb ver­nehm­lich und unver­söhn­lich blub­berte. Doch haben wir nicht gerade „Refor­ma­ti­ons­jahr“? Waren es nicht 95 Thesen, die Luther an die Tür der Schloss­kir­che zu Wit­ten­berg schlug? 95 Beweise waren es jeden­falls nicht und mussten es auch nicht sein, weil es eben Thesen waren. Ist es heute ver­werf­lich, eine These in den Raum zu stellen und deren induk­ti­ven Beweis oder Gegen­be­weis anderen zu über­las­sen? Demo­krits These hielt das Atom für etwas Unteil­ba­res. Der moderne Gegen­be­weis schmä­lert sein Werk kei­nes­wegs.

Begriffliche Unschärfen

Wenn es so etwas wie einen „roten Faden“ in „Finis Ger­ma­nia“ gibt, dann ist es Sie­fer­les Urteil über die Lie­der­lich­keit, mit der viele Begriffe und deren Bedeu­tun­gen im poli­ti­schen Alltag behan­delt werden und in diesem Punkt stimme ich voll mit ihm überein. So werde bei­spiels­weise „Ver­ant­wor­tung“ heute als etwas dekla­riert, was man eigen­stän­dig abs­trakt über­neh­men könne, obgleich sich doch gerade dieser Begriff immer auf eine Instanz bezöge, der gegen­über man eine Ver­ant­wor­tung über­nähme und zur Rechen­schaft ver­pflich­tet sei. Und er legt eines der Grund­übel unserer Gesell­schaft offen, wenn er fest­stellt, dass diese Rechen­schafts­in­stanz der Ver­ant­wor­tung in die Ver­gan­gen­heit pro­ji­ziert wird. Ganz so, als würden Mil­lio­nen Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus nur darauf warten, dass ihr Tod nach­träg­lich ver­hin­dert würde. Mit der Ver­ant­wor­tung für die gesell­schaft­li­chen Ver­wer­fun­gen in der Gegen­wart gehe man hin­ge­gen sehr viel spar­sa­mer um. Hier hätten sich einige Bei­spiele aus der Gegen­wart ange­bo­ten, die der Autor aber, ver­mut­lich aus den genann­ten Gründen, weg­ge­las­sen hat.

Auschwitz, ein Mythos?

Wenn man schon einige von Sie­fer­les Gedan­ken­ex­pe­ri­men­ten gefolgt ist und weiß, wie der Autor seine Beweise aufbaut, kann man sich auch dem Kapitel „Der ewige Nazi“ zuwen­den. Es braucht fast drei Seiten, bis sich her­aus­kris­tal­li­siert, auf was die Argu­men­ta­tion eigent­lich hin­aus­läuft. Seiten, auf denen von Schuld, Wahr­heit, Recht­fer­ti­gung und Tabus die Rede ist. Es wird ver­sucht, ein Gedan­ken­ge­bäude zu zer­pflü­cken, das im Deutsch­land der Nach­kriegs­zeit zu einem gera­dezu uner­träg­li­chen Sün­den­stolz geführt hat. Die Dia­gnose ist richtig und ich möchte ergän­zen, dass meine Lands­leute diesen Sün­den­stolz ins­be­son­dere in ihrem Umgang mit Israel einfach nicht aus den Köpfen bekom­men. Sie bestehen viel­mehr darauf, etwas „aus Ausch­witz gelernt“ zu haben und können es nicht ertra­gen, dass die Juden ande­rer­seits nicht gewillt sind, brav die ihnen zuge­wie­sene Opfer­rolle in diesem per­ver­sen Lern­spiel ein­zu­neh­men. Die Deut­schen reflek­tie­ren die Gräu­el­ta­ten der Täter und erwar­ten, dass die Juden mit der Duld­sam­keit der Opfer das­selbe tun. Die ein­zi­gen, die aus Ausch­witz aber wirk­lich etwas gelernt haben, sind die Juden – wie sie es aller Welt mit der Staats­grün­dung Israels bewie­sen haben.

Zur Sache kommt Sie­ferle dann auf Seite 66, als er den Begriff der Buße anhand eines reli­giö­sen Ver­glei­ches erklärt, zu dem er mehrere Seiten lang aus­holte: „Aus der Kol­lek­tiv­schuld der Deut­schen, die auf Ausch­witz zurück­geht, folgt eben­falls der Aufruf zur per­ma­nen­ten Buße, doch fehlt in dieser säku­la­ri­sie­ren Form der Erb­sünde [im Gegen­satz zur Erb­sünde Adams, Anm. d. Autors] das Element der Gnade und der Liebe voll­stän­dig. Der Deut­sche ähnelt daher nicht dem Men­schen, dessen Schuld durch die Liebe Gottes zwar nicht revi­diert, aber kom­pen­siert wird, sondern dem Teufel, dem gestürz­ten Engel, dessen Schuld niemals ver­ge­ben und der für alle Zeiten in der Fins­ter­nis ver­har­ren wird. Aller­dings hat auch der Teufel eine Funk­tion inner­halb der Öko­no­mie Gottes. Er bildet die Nega­tiv­fo­lie, vor welcher sich die Güte Gottes positiv abheben kann […] Der Deut­sche, oder zumin­dest der Nazi, ist der säku­la­ri­sierte Teufel einer auf­ge­klär­ten Gegen­wart.“

Der Beweis ist zuge­ge­ben bril­lant, hinkt aber meiner Meinung nach gewal­tig, weil er der Praxis nicht stand­hält. Das angeb­li­che Nicht­ver­ge­ben der Nazi­gräuel kon­tras­tiert nämlich stark mit dem Ver­hal­ten der nach­ge­kom­me­nen Genera­tio­nen von Juden, die im Deutsch­land von heute längst nicht mehr das­selbe sehen, wie ihre Eltern und Groß­el­tern – oft sogar zurecht. Wo Sie­ferle aber richtig liegt, ist das Bild von der Nega­tiv­fo­lie „Nazi“, vor der heute mangels Größe oder Ideen viele poli­ti­sche Akteure ver­su­chen, sich selbst in einem viel hel­le­ren Licht dar­zu­stel­len, als es ihrer tat­säch­li­chen Bedeu­tung zukom­men würde. Die Dif­fa­mie­rung des poli­ti­schen Gegners als Rechts­ex­tre­mist oder Nazi ist da ein pro­ba­tes Mittel. „Man braucht nur post festum ein guter Anti­fa­schist zu sein, und schon ist die eine Hälfte des 20. Jahr­hun­derts mora­lisch gebannt“, fasst der Autor fast schon apho­ris­tisch zusam­men.

Der Weltmensch

Sie­ferle sieht einen welt­wei­ten Trend, der sich aus dem seiner Meinung nach all­ge­gen­wär­ti­gen Sozi­al­de­mo­kra­tis­mus und seiner Into­le­ranz aller Dif­fe­renz ergibt. Es handele sich um einen Trend, den niemand bewusst her­bei­führt, der nicht zu einem pro­pa­gier­ten Ziel, sondern zu einem logi­schen Ziel führen werde: dem unter­schieds­lo­sen Welt­bür­ger, der frei von Indi­vi­dua­lis­men ist, keine Nation oder Ideo­lo­gie kennt und ebenso aus­tausch­bar wie Eigen­schafts­los ist. Viele Pro­bleme erle­dig­ten sich dadurch wie von selbst. Zum Bei­spiel würden alle Wan­de­rungs­be­we­gun­gen auf diesem Pla­ne­ten enden, weil es sich überall glei­cher­ma­ßen schlecht leben lässt – denn dass die Gleich­ma­che­rei zu einem Zustand führen wird, der sich unter dem heu­ti­gen in den ent­wi­ckel­ten Indus­trie­staa­ten befin­det, scheint son­nen­klar. Der Advo­ca­tus Diaboli hat jedoch zwei Völker aus­ge­macht, die über Eigen­schaf­ten und Selbst­de­fi­ni­tio­nen ver­fü­gen, die die Anpas­sung an das erstrebte Welt­bür­ger­tum unmög­lich machen und beide sind nach seiner Meinung außer­dem schick­sal­haft mit­ein­an­der ver­bun­den: Die Deut­schen und das jüdi­sche Volk. Sein Fazit: da die Juden nicht von ihrer Aus­er­wählt­heit lassen können und die Deut­schen nicht von ihrer Ver­bre­cher­sin­gu­la­ri­tät, werden beide im Anpas­sungs­pro­zess not­wen­di­ger­weise unter­ge­hen – finis Ger­ma­nia. Ob die Welt den Weg zum Welt­bür­ger­tum, den ihre Eliten ein­ge­schla­gen haben, jedoch wirk­lich blind wei­ter­ge­hen wird, bezweifle ich. Ein Blick auf die Ver­wer­fun­gen inner­halb der EU, den Brexit oder die Reni­tenz der ost­eu­ro­päi­schen Staaten in Bezug auf gewisse Pläne aus Brüssel und Berlin lassen mich ver­mu­ten, dass das Ende der Natio­nal­staa­ten, der Natio­nen, Spra­chen und unter­schied­li­chen Kul­tu­ren noch längst nicht aus­ge­machte Sache ist. Auch hier kann ich die zynisch/pessimistische Sicht Sie­fer­les nicht teilen, wenn ich auch die Mecha­nis­men am Werk sehen, die ver­su­chen, die Mensch­heit in die Ver­ein­heit­li­chung und Gleich­ma­chung zu schub­sen.

Fazit

Abschlie­ßend stellen sich mir vier Fragen, die es zu beant­wor­ten gilt. Erstens: war Sie­ferle ein Anti­se­mit und sein post­hu­mes Werk damit ein anti­se­mi­ti­sches? Ich denke, nicht. Es ist aber so voll von Gedan­ken­spie­len und befasst sich so inten­siv mit tabui­sier­ten Model­len, dass man diesen Ein­druck gewin­nen kann, wenn man die Gedan­ken­ge­bäude des Autors zu früh empört ver­lässt. Tut man das nicht, gelangt man in genau die Spie­gel­welt, in der Sie­ferle den Leser haben will, außer­halb des Systems, außer­halb von Ver­ant­wort­lich­kei­ten und his­to­ri­schen Betrach­tun­gen. Es ist kalt dort und man mag sich nicht lange in diesen Sphären auf­hal­ten, schon weil die Aus­sicht auf Deutsch­land und die Welt von dort depri­mie­ren­der nicht sein könnte. Dies mag erträg­lich sein, wenn man wie der zum Tode ver­ur­teilte Marquis aus der fran­zö­si­schen Legende nur den Weg zum Scha­fott hin bewäl­ti­gen muss – der Leser muss aber den Weg zurück auch noch antre­ten. Zwei­tens: stand das Buch zurecht auf der Emp­feh­lungs­liste für Sach­bü­cher? Auch hier ein klares „Ja“, wobei ein Hinweis auf das unter Punkt eins genannte hilf­rei­cher gewesen wäre, als die auf­ge­reg­ten Warn­hin­weise, mit denen sich die Autoren der Liste von Sie­fer­les Buch distan­zier­ten. Drit­tens: ver­dient Sie­ferle die post­hume Schmäh und Prügel, mit der das Feuil­le­ton in so groß­zü­gig ein­deckt? Die Person sicher nicht, denn wer wie er frei­wil­lig und fried­lich aus dem Leben schei­det, ist ver­let­zen­den Anwür­fen ent­zo­gen. Dem Autor hin­ge­gen ist vor­zu­wer­fen, dass er mit „Finis Ger­ma­nia“ nur ein Frag­ment abge­lie­fert hat, mit dessen Aus­ar­bei­tung und Inter­pre­ta­tion die Nach­welt offen­sicht­lich voll­kom­men über­for­dert ist. Und die vierte Frage? Diese sollte eigent­lich die einzige sein, die man sich bei einem Buch stellen sollte, dessen Autor um einiges intel­li­gen­ter, mutiger und sach­kun­di­ger ist, als man selbst: Sollte man es lesen, dieses kleine bissige, unbe­queme, ver­stö­rende, nihi­lis­ti­sche Büch­lein? Diese Frage kann ich nur mit „Ja“ beant­wor­ten.

Finis Ger­ma­nia“, Rolf Peter Sie­ferle, Verlag Antaios, isbn 978−3−944422−50−3

6 Kommentare

  1. Das Feuil­le­ton hat sich nahezu voll­stän­dig dis­kre­di­tiert. Was soll man denn für­der­hin Ansich­ten von Leuten lesen, die nach­weis­lich völlig ver­peilt sind? Sicher kann und muss man das Buch auch kri­tisch lesen, und kei­nes­wegs allen seinen Zuspit­zun­gen zustim­men. Aber demons­trier­tes Unver­ständns und die infame Fixie­un­gen auf PC-Schlag­worte machen Autoren, denen nichts mehr als das ein­fällt, völlig unles­bar.

    Zu Ihren Frage: ‚war Sie­ferle ein Anti­se­mit und sein post­hu­mes Werk damit ein anti­se­mi­ti­sches?’ ist an sich bereits eine absurde These. Es sei Ihnen ver­zie­hen, da der­ar­ti­ger Unsinn in einigen Kreisen zir­ku­lierte, und diese Frage eher als rhe­to­ri­sche Antwort zu ver­ste­hen ist. Sie­fer­les Kul­tur­be­trach­tun­gen ste­reo­tyisie­ren. Nicht, weil Sie­ferle nicht die enorme Band­breite der Indi­vi­duen igno­riert, sondern weil er einem Zeit­geist nach­spürt, der mehr oder minder von jedem Besitz ergrei­fen will. Das ste­reo­tyisierte Bild der Juden bildet natür­lich kein gene­ra­li­sier­ba­res Psy­cho­gramm aller Juden ab, sondern zeigt auf Trends, die über­grei­fend wirksam sind. Und tat­säch­lich wäre es m.E. unschwer möglich, mit den Mitteln der Sozi­al­for­schung signi­fi­kante Unter­schiede im Denken der Völker nach­zu­wei­sen.

    Sie­ferle irrt, wenn er Juden als Allein­stel­lungs­merk­mal die Aus­er­wäh­lung andich­tet. Auch wenn die Bibel genau das nahe legt, so ist es das Tiefe Selbst­ver­ständ­nis vieler, viel­leicht sogar aller Völker, sich für aus­er­wählt zu halten. Zwar äußert sich das bei vielen dezen­ter und kaschiert unter Schich­ten der Demut oder anderen Voka­beln. Anstelle dies aber negativ zu kon­no­tie­ren, sehe ich gute Gründe dafür. Zum Einen ist es eine wesent­li­che Funk­tion des eigenen Selbst­be­wusst­sein, dass dem Leben eigen ist. Zum Anderen kann man es durch­aus im bibli­chen Sinn auch uni­ver­sell und kei­nes­wegs exklu­siv ver­ste­hen: Ja, die Juden sind das aus­er­wählte Volk Gottes, um eine bestimmte Rolle zu spielen. Aber auch die Khmer, die Karen, die Tutsi oder die Deut­schen sind aus­er­wählt, eine gewisse Rolle zu mani­fes­tie­ren. Gerade ein genaue­res Lesen der Bibel eröff­net die Frage, ob denn diese Aus­er­wäh­lung exklu­siv sein soll.

    Um dieses Sen­dungs­be­wusst­sein gerade auch bei Deut­schen zu erken­nen, bedarf es nicht nur den Begriff des Kai­ser­reichs ‚Am deut­schen Wesen soll die Welt genesen.’ … sondern auch der Neu­auf­guss, der das Auf­ge­hen Deutsch­lands in Europa glo­ri­fi­ziert und vor­der­grün­dig deut­schen Natio­na­lis­mus abschwö­ren will. Die euro­päi­schen Nach­barn aber arg­wöh­nen, dass das Gerede von Europa eine Art der Annek­tion ist, mit dem die Deut­schen sich nicht als bunten Teil der Gemein­schaft ver­ste­hen, sondern in einer Domi­nanz, jenes deut­sche Wesen dan anderen Euro­pä­ern über­stül­pen will. Deutsch­land will nicht nur Vor­rei­ter sein beim Kli­ma­schutz, sondern auch bei der Huma­ni­tät. Darum drängen sie auf die Auf­nahme mög­lichst vieler Flücht­linge, und erwar­ten, dass alle anderen Euro­päer da mit­zie­hen und dem deut­schen Vorbild folgen.

    Das Skur­rile daran ist, dass sich viele Men­schen dieser offen­sicht­li­cher Trends und Motive nicht bewusst sind und fleißig an einer mög­lichst dichten Legende zimmern, die sie vor dieser Erkennt­nis schützt. Sie­ferle hat einen wesent­li­chen Beitrag gelie­fert, um hier Erkennt­nis­pro­zesse anzu­sto­ßen. Es bedarf eines frucht­ba­ren Boden, um die Saat auf­ge­hen zu lassen – auch wenn sie nicht immer treff­si­cher ist. Sie­fer­les Pes­si­mis­mus ist zwar beißend, aber nicht not­we­dig. Denn die Vision, das Volk als Ganzes müsse ein Ruck zum Guten erfül­len, ist ebenso der Legende der Aus­er­wäh­lung geschul­det. Hier würde ich die Pro­jek­tio­nen auf eine homo­gene Ethnie eher als moti­vie­ren­des Kon­strukt deuten, die aber weder auf eine große Deckung mit der Rea­li­tät hoffen kann, noch dessen Schei­tern Grund zum Pes­si­mis­mus liefern sollte.

  2. Es ist zum Kirre werden, die Mei­nungs­frei­heit in Deutsch­land ist de facto am Ende – und das Dollste ist: den Meisten ist dieser Umstand, diese, ja, Lap­pa­lie, einfach so egal wie Ebbe und Flut.

    Ich denke mir grimmig: „Wartet nur ab, Ihr Igno­ran­ten… wenn erst die Recy­cling-Tonne vor dem eigenen Haus brennt, werdet Ihr laut schrei­end nach ‚den Ver­ant­wort­li­chen’ rufen – und dabei natu­er­lich beque­m­er­weise ver­ges­sen, dass dieser nutz­lose Haufen im Par­la­ment immer­hin das Volk repra­e­sen­tiert.”

    Freut’ Euch der Dinge, die da harren…

  3. Sehr geehr­ter Herr Letsch, Sie haben eine der wenigen Rezen­sio­nen zu Finis Ger­ma­nia ver­fasst, die dem Buch gerecht werden. Ihre Rezen­sion ist von Lob­hu­de­lei und unkri­ti­scher Zustim­mung ebenso weit ent­fernt wie von den Ver­teu­fe­lun­gen und Abwehr­re­fle­xen des deut­schen Feuil­le­tons. Vielen Dank!

  4. Bitte beach­ten Sie auch den Artikel zu Sie­fer­les Finis Ger­ma­nia in der

    New York Times Ger­ma­nys newest intel­lec­tual.

    Was die Deut­sche Main­stream- Presse nicht mehr leistet, muss jetzt wohl die New York Times machen…

    http://​www​.nytimes​.com/​2​0​1​7​/​0​7​/​0​8​/​o​p​i​n​i​o​n​/​s​u​n​d​a​y​/​g​e​r​m​a​n​y​s​-​n​e​w​e​s​t​-​i​n​t​e​l​l​e​c​t​u​a​l​-​a​n​t​i​h​e​r​o​.​h​tml

    Oder:

    https://​mobile​.nytimes​.com/​2​0​1​7​/​0​7​/​0​8​/​o​p​i​n​i​o​n​/​s​u​n​d​a​y​/​g​e​r​m​a​n​y​s​-​n​e​w​e​s​t​-​i​n​t​e​l​l​e​c​t​u​a​l​-​a​n​t​i​h​e​r​o​.​h​tml

    Die Times schreibt eine sach­li­che Rezen­sion zu Sie­ferle Finis Ger­ma­nia und – zum Leid der links-gerich­te­ten Deut­schen Presse auch noch – nur sehr Posi­ti­ves über das Buch!

    Dem Spiegel kann man, nicht nur im Fall Finis Ger­ma­nia, leider nichts mehr glauben.

    Das Blatt ist mitt­ler­weile so stark nach links gerückt, wie die gesamte Deut­sche Staats­hö­rige und unter­wür­fige, par­tei­sche Pro­pa­gan­da­presse, die weit ent­fernt von der Rea­li­tät in einer eigenen „Blase” lebt.

    P.S. Siehe dazu auch die neue Studie der Gewerk­schafts­na­hen Otto Brenner Stif­tung, gerade im Juli 2017 erschie­nen,
    zum totalen Ver­sa­gen der Medien in der Flücht­lings­krise 2015 / 2016.

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