„Kli­ma-Gip­fel in Glas­gow: Zurück in die Stein­zeit?“, so lau­te­te das The­ma des Talks im Han­gar 7 bei Ser­vus TV. Auch der Jour­na­list und Ach­gut-Autor Ulli Kul­ke saß in der illus­tren Run­de. Eine Rezension. 

Von einer Talk­show soll­te man nicht erwar­ten, dass sie rich­tungs­wei­send ist und vor lau­fen­der Kame­ra Bekeh­run­gen statt­fin­den. Schon der Auf­tritt von in prin­zi­pi­el­len Fra­gen unei­ni­gen Gäs­ten hat im deutsch­spra­chi­gen Raum heu­te Sel­ten­heits­wert und ist außer gele­gent­lich bei Lanz (erfreu­li­cher­wei­se) nur noch beim öster­rei­chi­schen Ser­vus TV noch als Prin­zip zu fin­den. Bei Micha­el Fleisch­ha­ckers „Talk im Han­gar 7“ hat­te sich denn auch ein recht mei­nungs­bun­ter Kreis ein­ge­fun­den, und neben der ehe­ma­li­gen öster­rei­chi­schen Außen­mi­nis­te­rin Karin Kneissl, dem Kli­ma-Öko­no­men Ger­not Wag­ner und dem Meteo­ro­lo­gen Andre­as Jäger waren auch der Ach­gut-Autor Ulli Kul­ke sowie der Kern­phy­si­ker und Unter­neh­mer Dr. Götz Ruprecht ver­tre­ten. Letz­te­rer, um dem Publi­kum die Funk­ti­on und das Poten­zi­al des Dual-Flu­id-Reak­tors zu erklä­ren. Um es gleich vor­weg­zu­sa­gen: Die Titel­fra­ge der Sen­dung, also die nach der Sinn­haf­tig­keit von Euro­pas Kli­ma­stra­te­gie, wur­de nicht beant­wor­tet, ja nicht mal wirk­lich gestellt. Viel inter­es­san­ter als das „was“ der Dis­kus­si­on war pha­sen­wei­se sowie­so das „wie“, weil man es wie eine Scha­blo­ne über jede ande­re aktu­el­le Groß­de­bat­te legen könn­te, wenn ein bestimm­tes Kri­te­ri­um erfüllt ist: Die Poli­tik muss sich ihrer bemäch­tigt und sich auf eine Deu­tungs­sei­te geschla­gen haben. Auf der Sei­te der Macht wird viel gelacht, auch in die­ser Sendung.

Ob Impf­de­bat­te, Migra­ti­on oder Welt­kli­ma­ret­tung, es ist die­sel­be hei­te­re Her­ab­las­sung, die jedem begeg­net, der in der Sache ein Gegen­ar­gu­ment plat­zie­ren will. In Deutsch­land ist man ideo­lo­gisch natür­lich schon längst wei­ter vor­an­ge­schrit­ten, weil man dort „sol­che“ wie Kul­ke und Ruprecht gar nicht mehr ein­lädt. Wenn man sie dann doch mal trifft, drängt sich den „übli­chen Ver­däch­ti­gen“ und Gleich­mei­nen­den leicht der Ein­druck auf, ihr Gegen­über sei unter einem Stein her­vor­ge­kro­chen und sprä­che in Zun­gen, denn was da an Argu­men­ten vor­ge­tra­gen wird, klingt in ihren Ohren so ver­rückt, als wür­de man behaup­ten, die Erde dre­he sich um die Son­ne. Der Gali­leo-Ver­gleich drängt sich gera­de­zu auf, wenn man ins Kal­kül zieht, dass sich „die Wis­sen­schaft“ damals auch sehr sicher war. Oder um die Argu­men­te mit den Wor­ten von Herrn Jäger vom Tisch zu wischen: „Das The­ma ist durch.“

„Durch“ ist übri­gens so ziem­lich alles. Die Ursa­chen der glo­ba­len Kli­ma­ver­än­de­run­gen, die Inter­pre­ta­ti­on ihrer Aus­wir­kun­gen und die Medi­zin, die wir des­halb alle zu schlu­cken haben. Hier fin­den wir übri­gens ein wich­ti­ges Merk­mal für ideo­lo­gi­sier­te Dis­kur­se, die schnell ins Reli­giö­se über­schnap­pen: ein­fa­che Lösun­gen für hoch­kom­ple­xe, oft nur unvoll­stän­dig ver­stan­de­ne Pro­ble­me, das One-Fits-All, zu dem man neigt, wenn man mit der gro­ßen staat­li­chen Sche­re die Klei­der der gan­zen Mensch­heit schnei­dern will. Mal presst man die wider­spens­ti­gen Teil­chen und ver­sucht, sie gleich­zu­schal­ten, mal dehnt sich die Pel­le über den Unter­schie­den gefähr­lich aus. Am Ende kommt immer ent­we­der Wurst oder Jog­ging­ho­se dabei her­aus. Beim Kli­ma heißt die „Lösung“: alles abschal­ten, bei Covid: alle imp­fen. Für Dif­fe­ren­zie­run­gen ist da kein Platz, und wenn die Phy­sik oder der Mensch dem Ziel im Wege steht, Pech für die Phy­sik, Pech für den Menschen.

Und noch eine Gemein­sam­keit sol­cher ideo­lo­gi­sier­ter Welt­erklä­run­gen ist zu fin­den. Die Denk­ver­bo­te, die in der Fol­ge zu blin­den Fle­cken füh­ren, die in jeder Dis­kus­si­on kom­plett über­gan­gen, igno­riert oder weg­de­fi­niert wer­den. Für die Welt­kli­ma­ret­tung ist es Chi­na, ein sehr gro­ßer und sehr CO2-affi­ner „Fleck“. Der blin­de Fleck für Covid ist deut­lich klei­ner und heißt Schweden.

Panik als Werkzeug

Ein sehr offen­sicht­li­cher Streit­punkt bei Ener­gie und Kli­ma liegt dar­in, dass die einen zur Beson­nen­heit raten, wäh­rend die ande­ren zu jeder Panik ent­schlos­sen sind. Das wur­de auch in der Sen­dung sehr schnell deut­lich. Dabei gilt den Pani­kern die unhin­ter­frag­ba­re Grund­an­nah­me, dass es eigent­lich schon für alles zu spät sei, man alle Beden­ken hint­an­stel­len muss, schrei­end um den Block rennt und, dem wei­sen Rat der Poli­tik und den vor­pre­schen­den Akti­vis­ten fol­gend, alles wider­spruchs­los erdul­det, was die­se sich gera­de wie­der aus­ge­dacht haben. Mor­gen kann der Tages­be­fehl gänz­lich anders lau­ten, das hin­ter­fragt man nicht. Sol­che Men­schen wer­den gemein­hin als klug bezeich­net und haben kei­ne Recht­fer­ti­gungs­pro­ble­me. Noch nie muss­te sich ein Kli­ma­ak­ti­vist wort­reich dafür erklä­ren, dass er statt 2° ganz klar die 1,5° anstre­be. Und wäh­rend ein Ulli Kul­ke noch zu erklä­ren ver­sucht, war­um Pazi­fik­staa­ten wie Fidschi eben nicht unter­ge­hen, hat ihn der Meteo­ro­lo­ge Andre­as Jäger schon mit dem Scherz „das liegt sicher am fal­len­den Mee­res­spie­gel“ abge­bürs­tet, und alle wohl­mei­nen­den Wis­sens­vor­täu­scher ver­fal­len wie­der in höh­ni­sches Gelächter.

Das Pro­blem mit dem Wahr­heits­an­spruch ist, dass er sich berech­tigt glaubt, alle Mit­tel anzu­wen­den. Panik­ma­che, Über­trei­bun­gen, kon­stru­ier­te Kau­sa­li­tä­ten, wo es oft nur Kor­re­la­tio­nen gibt, Ver­dre­hun­gen, klei­ne Lügen, gro­ße Lügen. Dass das Wald­ster­ben nicht etwa „besiegt“ wur­de, wie Jäger behaup­tet, son­dern ein­fach die Pro­gno­sen falsch waren, wie Kul­ke aus­führ­te, quit­tiert Jäger mit einem kur­zen „is ja wurscht“! Nicht das Erreich­te zählt, das Erzähl­te reicht! So kann man nur gewin­nen. Poli­tik ist dabei die Kunst, jeden Tag etwas ande­res zu behaup­ten und den­noch immer recht zu haben. Und wenn in 30 Jah­ren das Kli­ma nicht paris­ge­ret­tet, son­dern bei 2,5° her­aus­kom­men soll­te, wird man sich den­noch auf die Brust schla­gen und behaup­ten, ohne die Regen­tän­ze wären es sicher 3° gewor­den. Was für ein Tri­umph des „Ich will aber“! Doch wer es mit den Tat­schen nicht so genau nimmt, der soll­te sich nicht wun­dern, dass man ihm nicht ver­traut. Die Mit­tel, nicht die Zie­le, machen eine Diktatur.

Ich sehe übri­gens die Medi­en hier in weit gerin­ge­rer Ver­ant­wor­tung als die Poli­tik. Die­se maß­lo­se Jahr­markt­schreie­rei, das „Nur schlech­te Nach­rich­ten sind gute Nach­rich­ten“ ist schon immer so gewe­sen. Auch die durch­wach­se­ne Bilanz beim Wahr­heits­ge­halt. Es gibt Alter­na­ti­ven. Man muss das nicht lesen oder gucken. Das Pro­blem ist die Poli­tik, die sich in ihrer Inkom­pe­tenz zu kom­mu­ni­zie­ren­den Röh­ren der Medi­en gemacht hat. Ein pani­scher Auf­rei­ßer auf Sei­te eins macht mir weit weni­ger Angst als ein Poli­ti­ker, der sein Han­deln man­gels eige­ner Prin­zi­pi­en nach die­ser simu­lier­ten Panik ausrichtet.

Ökonomie des Weltuntergangs

Für den Kli­ma-Öko­no­men Ger­not Wag­ner ist per­so­ni­fi­zier­te Panik namens Gre­ta eine Hel­din, die nur „Wis­sen­schaft über­setzt“ (Neu­er­dings in „Bla bla bla“, das ver­steht dann jeder), und ein Tweet von Gre­ta sei mehr wert als ein Paper in „Natu­re“ oder „Sci­ence“. Schon sei­ne Berufs­be­zeich­nung legt nahe, dass es sich hier um Hei­li­gen­ver­eh­rung han­delt und er als Pries­ter der Kli­ma­kir­che das Glöck­chen schlägt. Die Wand­lung ist hier der Wan­del und der Öster­reich-Ame­ri­ka­ner Wag­ner gehört exakt zur Ziel­grup­pe, die auch in Deutsch­land das gro­ße Wort führt: die urba­ne Eli­te, die im Öko­sys­tem „Kli­ma“ mehr als nur ein gutes Aus­kom­men gefun­den hat. Er lebt in New York City, kann 100.000 Dol­lar für die ener­ge­ti­sche Sanie­rung sei­nes Hau­ses aus­ge­ben, pro­pa­giert „Wär­me­pum­pe statt Ölhei­zung“, und die süf­fi­san­te Schil­de­rung sei­ner Gut-und-Veg­an­wer­dung legt nahe, dass er schon gern Aner­ken­nung für sein ener­ge­ti­sches Opfer und sei­nen ener­ge­tisch keu­schen Lebens­wan­del hät­te, aber schlau genug ist, schnell noch die Kur­ve zu krie­gen und zu kon­sta­tie­ren, dass das nicht jeder so machen kön­ne „Löst das das Kli­ma­pro­blem? Natür­lich nicht.. .dar­um geht’s ja auch nicht.“

Aber ja, genau dar­um geht es. Ent­we­der man über­lässt es tat­säch­lich dem Ein­zel­nen und sei­nen Mög­lich­kei­ten, was zu tun und zu las­sen ist – ein Weg, den die Poli­tik wegen des dräu­en­den Indi­vi­dua­lis­mus strikt ablehnt –, oder man prä­sen­tiert Ska­lier­ba­res aus dem One-Fits-All-Regal, tritt zurück ins Glied und lässt pas­siv das Welt­ge­richt über sich erge­hen. Bei­des zugleich geht nicht. Hier wird das drit­te Merk­mal des ideo­lo­gi­sier­ten Dis­kur­ses sicht­bar: der Trend zur Exter­na­li­sie­rung von Pro­ble­men und deren Lösung. Wag­ner, der erklärt, kei­ne eige­ne Wasch­ma­schi­ne zu haben, nimmt fürs Wäsche­wa­schen einen exter­nen Dienst in Anspruch und fühlt sich dadurch so rich­tig öko­lo­gisch! Nur ist das kein Weg, der in die Dekar­bo­ni­sie­rung führt, son­dern in die Arbeits­tei­lung. Mir gefällt das Bild, das Man­fred Hafer­burg von unse­rer Selbst­täu­schung mal gezeich­net hat. Wir leben, so Hafer­burg, auf dem ener­ge­ti­schen Niveau der Cae­sa­ren. Nur dass uns nicht mensch­li­che Skla­ven bedie­nen, beko­chen und unse­re Wäsche waschen, son­dern elektrische.

Wag­ner sieht nur nicht, wie sei­ne Wäsche gewa­schen wird, und wäh­rend die phil­ip­pi­ni­sche Wasch­mann­schaft sei­ne Socken schrubbt, kann Wag­ner sich über die Vor­städ­te, die Sub­urbs wer­tend erhe­ben und anpran­gern, dass von dort die Men­schen ener­ge­tisch ver­werf­lich mit dem Auto in sei­ne Wohn­stadt fah­ren, wo sie sich kei­ne Woh­nung mehr leis­ten kön­nen. Mit der Dienst­leis­tung wur­de näm­lich auch der Dienst­leis­ter exter­na­li­siert. Doch die Leis­tung wird ja wei­ter­hin erbracht, der „Skla­ve“ arbei­tet für uns und Herrn Wag­ner. Wir rie­chen nur sei­nen Schweiß nicht mehr.

Wir las­sen in Chi­na unse­re Waren fer­ti­gen und kau­fen den Kaf­fee bei Star­bucks. Wie schmut­zig der Strom erzeugt wird, den wir in unse­re E‑Autos laden und mit dem wir unse­re Wär­me­pum­pen betrei­ben, inter­es­siert uns höchs­tens modell­haft, und wenn die Wäsche nicht von uns selbst, son­dern von Bil­lig­löh­nern gewa­schen wird, fühlt man sich wie ein Held. Die unter­schieds­lo­se Man­da­tie­rung einer Imp­fung ist auch so eine exter­na­li­sie­ren­de Hel­den­tat: Die sie anord­nen, sehen nicht und wol­len nicht sehen, wie die Arme und Gesich­ter aus­se­hen, in die sie gedrückt wird.

Überheblich, fantasievoll, aber faktenschwach

Der Meteo­ro­lo­ge Jäger bekommt gera­de­zu leuch­ten­de Augen, wenn er über die heu­ti­gen Ängs­te schwa­dro­niert. Wald­brän­de, Über­schwem­mun­gen… Ruprechts Ein­wurf, das sei doch Wet­ter und nicht Kli­ma, wird vom Tisch gewischt, und als Kul­ke quel­len­fest hin­zu­fügt, der Deut­sche Wet­ter­dienst DWD sehe kei­ne Stei­ge­rung von Extrem­nie­der­schlä­gen in Deutsch­land, kon­tert Jäger mit dem Hin­weis, er habe eine Arbeit gele­sen, in der das Gegen­teil steht.

„Nein, das was er [Kul­ke] sagt, ist nicht Wis­sen­schaft. Glau­ben sie mir, die Wis­sen­schaft ist sich da sehr einig!“

The­ma erle­digt. Schon wie­der. Hier fin­den wir nun das vier­te Merk­mal des ideo­lo­gi­sier­ten Dis­kur­ses: die Anma­ßung zu ent­schei­den, was Wis­sen­schaft ist und was nicht. Die aus­ge­grenz­ten und abge­lehn­ten Ideen kön­nen schon froh sein, dass man sie statt mit Feu­er in der Sen­dung nur mit her­ab­las­sen­dem Geki­cher behan­delt. Posi­ti­ve Aspek­te des ver­teu­fel­ten CO2? Etwa die Ergrü­nung der Sahel­zo­ne, bes­se­re Ern­ten denn je? Nich­tig und unwis­sen­schaft­lich, ja, gefähr­lich, genau wie den natür­li­chen Weg zur Immu­ni­sie­rung gegen Covid zu gehen.

Kom­men Dis­kurs­ver­en­gung und „blin­der Fleck“ zusam­men, darf man erhei­tern­de Aus­sa­gen wie die Ger­not Wag­ners genie­ßen, die Solar­ener­gie sei die bil­ligs­te von allen. Er macht hier den Feh­ler aller Ener­gie­wen­der und Dekar­bo­ni­sie­rer, instal­lier­te Leis­tung für bare Mün­ze zu neh­men. Solar­ener­gie ist „bei Lich­te betrach­tet“ vor allem eines: extrem zuver­läs­sig. Sie erzeugt näm­lich nachts sehr zuver­läs­sig kei­nen Strom, dar­auf ist Ver­lass! Doch zumin­dest sind wir in der Dis­kus­si­on nun end­lich beim Kern­pro­blem ange­kom­men, der Energieversorgung.

Hier hat die ehe­ma­li­ge Außen­mi­nis­te­rin Kneissl den Punkt des Abends. Das Pro­blem sei, dass die Ener­gie­po­li­tik ein Anhäng­sel der Kli­ma­po­li­tik ist und nicht umge­kehrt. Im Kli­ma­ak­ti­vis­mus und des­sen Anhäng­sel, der akti­ven Poli­tik, ist lei­der sel­ten so viel Prag­ma­tis­mus zu finden.

Ein Omelett aus ungelegten Eiern

Wenn es näm­lich dar­um geht, wie und woher Indus­trie­ge­sell­schaf­ten wie Öster­reich oder Deutsch­land die benö­tig­te Ener­gie bekom­men kön­nen, wan­delt sich die ein­ge­üb­te Zah­len­schie­be­rei mit hal­ben Erd­wär­me­gra­den und ppm CO2 in infan­ti­le Auge-Dau­men-Fens­ter­kreuz-Abschät­zun­gen. Hier exter­na­li­siert man gewis­ser­ma­ßen gleich das Pro­blem selbst und „rech­net“ mit unge­leg­ten Eiern. Ruprechts War­nung, die Rich­tung, in die sich die Ener­gie­ver­sor­gung bewe­ge, sei falsch, wischt Jäger weg.

„Nein, nein, die Rich­tung stimmt, die Rech­nung stimmt auch! Es gibt Rech­nun­gen, die ken­nen Sie nicht, weil Sie in ihren Ato­men hän­gen, ken­nen Sie das nicht.“

Da lacht der Netz­spei­cher und der Taschen­rech­ner wun­dert sich! Denn das erwähn­te Pump­spei­cher­kraft­werk Vor­arl­berg, laut Jäger „ein Rieeeesen­ding von euro­päi­scher Dimen­si­on“, soll zwar 1.000 Mega­watt Leis­tung haben, Bau­be­ginn ist aber erst 2030, in Betrieb gehen soll es gar erst 2037 und aus Erfah­rung kön­nen wir da noch­mal ein oder zwei Jähr­chen drauf­le­gen. Klar könn­te – und soll­te – man den über­schüs­si­gen Strom aus Son­ne und Wind in sol­che Pump­spei­cher drü­cken, für wie lan­ge das „Rieeeesen­ding“ jedoch die 1.000 Mega­watt abge­ben kann, ist unbe­kannt. Die­se zukünf­ti­gen 1.000 Mega­watt sind ein schö­ner Puf­fer, aber kein Ener­gie­er­zeu­ger in dem Sin­ne. Nur zum Ver­gleich: Deutsch­land schal­tet noch in die­sem Jahr drei wirk­li­che „Rieeeesen­din­ger“ mit ver­gleich­ba­rer, aber kon­stant abruf­ba­rer Leis­tung ab. Drei wei­te­re, die letz­ten Kern­kraft­wer­ke, fol­gen im nächs­ten Jahr. Das Rieeeesen­ding „Lüner­see­werk II“ in Vor­arl­berg müss­te sich schon ver­hun­dert­fa­chen, um tat­säch­lich euro­päi­sche Dimen­si­on zu erlan­gen. Lei­der haben wir in der gan­zen EU nicht mal annä­hernd genug Platz, Ber­ge, Zeit, Geld, Wind­rä­der und duld­sa­me Euro­pä­er für sowas.

Erste Risse in der ideologischen Mauer

Die Ener­gie­prei­se gehen über­all durch die Decke, die Insta­bi­li­tät unse­rer Strom­net­ze lässt sich nicht mehr ver­leug­nen und der Streit, ob Erd­gas nun eine Brü­cken­tech­no­lo­gie, CO2-Schleu­der oder Putins Dau­men­schrau­be sei, ist noch nicht ent­schie­den. Es wird also eng für die Ener­gie­wen­de, und plötz­lich erin­nern sich die Jägers und Wag­ners an die­se ver­ach­te­te Art der Ener­gie­er­zeu­gung, die sie lie­ber ges­tern als mor­gen in Son­ne und Wind geschos­sen hät­ten: die Kern­ener­gie. Die Ideen, die der Kern­phy­si­ker Götz Ruprecht mit­ge­bracht hat, lie­gen jedoch schon seit vie­len Jah­ren auf dem Tisch, wo man sie nicht haben oder auch nur zur Kennt­nis neh­men woll­te, wes­halb die Ent­wick­lung des neu­en Dual-Flu­id-Reak­tors nicht in Deutsch­land, son­dern in Kana­da statt­fin­den wird.

Der ret­tet uns lei­der ohne­hin nicht die Ener­gie­wen­de, denn die Ver­zö­ge­rung der Ent­wick­lung durch Des­in­ter­es­se und ideo­lo­gi­sche Betriebs­blind­heit hat dafür gesorgt, dass wir wohl noch gut zehn Jah­re auf die tech­ni­sche Umset­zung war­ten müs­sen. Ein­fach die alten Reak­to­ren län­ger lau­fen las­sen? Nun also doch? Man reibt sich die Augen, wenn man sol­che Andeu­tun­gen aus grü­nen Mün­dern hört, denn die Argu­men­te der Befür­wor­ter haben sich seit zehn Jah­ren nicht geän­dert. Aber hier kommt die Ein­sicht wohl zu spät, zumin­dest für die drei deut­schen Kraft­wer­ke, die noch 2021 abge­schal­tet wer­den. Wir sind mit dem pani­schen Atom­aus­stieg ener­ge­tisch vom Dach gesprun­gen und haben dar­auf gehofft, dass uns Son­ne und Wind zum Flie­gen brin­gen. Wir wer­den also „leich­ter“ wer­den müs­sen für den Auf­prall, was zwangs­läu­fig Deindus­tria­li­sie­rung und schmerz­haf­te Wohl­stands­ver­nich­tung bedeu­tet. Auch die Wag­ners und Jägers die­ser Welt wer­den also „Ener­gies­kla­ven“ ent­las­sen müs­sen, wenn die Ver­sor­gung mit Strom und Was­ser unsi­cher wird. Wäsche­wa­schen geht dann weder zuhau­se noch in der exter­na­li­sier­ten Wäsche­rei. Da heißt es dann trin­ken oder stin­ken. Ener­gie­ar­mut ist ein sehr zuver­läs­si­ger Gleich­ma­cher. Und woll­ten sie da nicht alle hin, die Gleich­ma­cher und Gleich­schal­ter? Das über­heb­li­che Lachen, das sich wie ein roter Faden durch die Sen­dung zog, lässt ver­mu­ten, dass man sich selbst statt­des­sen eini­ger Pri­vi­le­gi­en zu erfreu­en gedenkt.

Die Non­cha­lance, mit der die Dekar­bo­ni­sie­rer und Ener­gie­wen­der plötz­lich die Pfer­de wech­seln und die Nütz­lich­keit der Kern­ener­gie erken­nen, als sei sie ihnen gera­de eben erst vom Him­mel gefal­len und nicht jah­re­lang von ihnen bekämpft wor­den, macht mich sprach­los. Die Fra­ge ist doch: Was an ihren ideo­lo­gi­schen Gedan­ken­ge­bäu­den beruht noch auf fal­schen Annah­men und Träu­me­rei­en? Nicht zu ver­ges­sen die wich­tigs­te Fra­ge von allen: War­um soll­te man auf sie hören?

Zuerst erschie­nen auf achgut.com

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8 Kommentare

  1. Ich weiß woher die Knapp­hei­ten in Schland kommen! 

    Die Chinks haben sich vor­ge­nom­men, bei dem Kli­ma-Spiel mit­zu­ma­chen, und ihre CO2 Emis­sio­nen zu redu­zie­ren. Und da die Chinks es auch ernst mei­nen, wenn sie sich etwas vor­neh­men, nicht so lari­fa­ri wie hier, sind sie nun im Brow­nout-Mode, und fah­ren ihre Ener­gie­in­ten­si­ve Indus­trie herunter. 

    Dazu gehört auch die Magne­si­um­pro­duk­ti­on. Magne­si­um ist für vie­le Legie­run­gen not­wen­dig, ins­be­son­de­re für fes­te Alu­mi­ni­um­le­gie­run­gen, wie sie in Dosen und als der Indus­trie zum Ein­satz kom­men. Euro­pa bezieht 95% sei­nes Magne­si­ums aus Chi­na. Hin­zu kommt ein Chip-Man­gel — Man schaue mal, was mit­ler­wei­le ein RasPi3, der nach Erschei­nen des RasPi4, gebraucht noch rund 20€ kos­te­te, nun bei ebay kos­tet, um eine Vor­stel­lung zu krie­gen, wie sich die Prei­se von Com­pu­ter­chips entwickeln. 

    Nichts davon wird in nächs­ter Zeit gelöst sein, weil allei­ne der Trans­port per Schiff zwei Mona­te dau­ert, und die Chinks ihre Pro­duk­ti­on zumin­dest die­ses Jahr nicht wie­der hoch­fah­ren wollen. 

    Das war auch die Grund­la­ge, wes­halb die Citigroup kürz­lich sag­te, die Infla­ti­on und Knapp­heit wer­de erst ab Febru­ar zurück­ge­hen. Und das ist die opti­mis­tischs­te aller ver­öf­fent­lich­ten Prognosen.

    Mua­ha­ha­ha.

    Ich wür­de wet­ten, dass euro­päi­sche Regie­run­gen die Chinks bereits pres­su­ren, doch bit­te auf die ver­ein­bar­ten Emis­si­ons­zie­le zu pfei­fen, man habe die­se Sache doch nicht ernst gemeint, es ging doch nur dar­um, sich mehr Macht zuzu­spie­len und Steu­ern abzugreifen.

    • Nein, wir Euro­pä­er sind zu fana­tisch, um die zur Auf­ga­be der Kli­ma­zie­le zu erbit­ten. Das Kli­ma wird geret­tet bis zur letz­ten Patronen. 

      Du weißt ja um unse­re Lern-aus-Schmerz-Kom­pe­tenz. Fra­ge: Was macht ein Euro­pä­er nach einem Welt­krieg? Ant­wort: Noch einer! 

      Ich wet­te, die Unru­hen an den ita­lie­ni­schen Häfen wegen des Covid-Impf­wahn­sinns wer­den auch ihre Rol­le spie­len. Biden würgt der­weil die ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft ab, was hier auch wie­der­um alles erschwe­ren dürfte.

  2. Was ich gern ein­mal in einer Talk­show sehen würde:
    *„Kli­ma­skep­ti­ker“ geht zu Klimaforscher*
    *legt einen Graph der Tem­pe­ra­tur­ent­wick­lung im Holo­zän und einen Graph des Methan­ge­halts der Atmo­sphä­re über die­sel­be Zeit (Eis­bohr­ker­ne, Sedi­men­te…) auf den Tisch*
    *zeigt auf den Anstieg in der Tem­pe­ra­tur an dem man die Ent­de­ckung des Reis­an­baus able­sen kann (Reis wächst in einem Sumpf, Methan heißt nicht umsonst Sumpfgas)*
    „Hier ist Ihr zwei­ter Daten­satz, jetzt model­lie­ren Sie mal! Hic Rho­dos, hic sal­ta: no deduc­tion without repro­duc­tion, no ado­ra­ti­on without veri­fi­ca­ti­on. Methan ist ein sehr viel stär­ke­res Treib­haus­gas als Kohen­di­oxid, was aus­gleicht dass es viel weni­ger Stein­zeit­bau­ern als Moderne­fah­rer gab. Hier kön­nen Sie sogar intra­po­lie­ren statt extra­po­lie­ren: wenn Ihr Kli­ma­mo­dell etwas taugt, müss­te es mit den Daten von vor acht­tau­send Jahhren vor­her­sa­gen, was dann spä­ter in der Geschich­te auch pas­siert ist — auf­ge­hört Reis zu essen haben die Leu­te jeden­falls nicht, die konn­ten von ihrem Kli­ma­wan­del­glück ja gar nichts wis­sen. Zei­gen Sie den Zuschau­ern was Ihr Modell kann, hier live in der Sendung.“

    Die Ein­schalt­quo­ten zumin­dest könn­ten sich bestimmt sehen lassen.

    Prä-emp­ti­ve Anmer­kung zu „ande­ren Daten­sät­zen“ und „ande­ren Treib­haus­ga­sen“, die der Kli­ma­skep­ti­ker in mei­nem Bei­spiel bestimmt braucht: die Venus hat irgend­wann mal ganz fürch­ter­lich einen Kol­li­si­ons­part­ner aufs Dach bekom­men, seit wann sie sich in ihrer Umdre­hungs­ge­schwin­dig­keit fast völ­lig syn­chro­ni­siert hat — sie bewegt sich (noch), braucht für eine Umdre­hung aber län­ger als ein gan­zes Venus-Jahr. Bezie­hungs­wei­se hat ihr die­se kos­mi­sche Bil­li­ard­stoß gleich soviel Impuls mit­ge­ge­ben, dass sie sich rela­tiv zur Rota­ti­on der rest­li­chen Pla­ne­ten sogar in die „ande­re“ Rich­tung dreht; aber eben nur sehr lang­sam — für alle prak­ti­schen Belan­ge wen­det sie der Son­ne sehr, sehr lan­ge die­sel­be Sei­te zu. Einer die­ser Belan­ge ist natür­lich dass die Venus sich des­we­gen auf die­ser Sei­te „recht gut“ auf­heizt (näher an der Son­ne ist sie zudem auch noch) — schon bevor die dich­te Venus­at­mo­sphä­re die gan­ze Hit­ze fest­hält. Als Modell für „eine Erde mit dich­te­rer Atmo­sphä­re“, deren sidera­le Rota­ti­ons­pe­ri­ode doch erheb­lich kür­zer ist, auf der es Jah­res­zei­ten gibt, und die zum Groß­teil mit Ozea­nen bedeckt ist die nicht gera­de Pfüt­zen sind (hal­lo, Cha­os­theo­rie!), taugt die Venus­at­mo­sphä­re daher „nur bedingt“.
    Aus der Rechen­num­mer mit dem Reis­me­than kommt der Kli­ma­for­scher durch Ver­weis auf die Venus also auch nicht raus — da heißt es Kli­ma­mo­dell auf den Tisch.

  3. Aus­ge­zeich­net. Und das schlim­me : Schon der Titel sagt alles, haar­ge­nau. Lei­der. Fak­ten zäh­len nicht mehr, es geht um Haltung.
    Aber immer­hin — es wur­den sogar Wider­bors­ti­ge ein­ge­la­den. Das geht in D so gar nicht mehr, höchs­tens in Unterst­zahl. Ser­vus-TV fin­de ich daher gut. „Alle wohl­mei­nen­den Wis­sens­vor­täu­scher ver­fal­len wie­der in höh­ni­sches Geläch­ter“. Exzel­len­te Beob­ach­tung. Gläu­bi­ge der Kli­ma­kir­che halt. Die Wis­sen­den unter sich.

  4. > alles abschal­ten, alle impfen

    Das hat einen ein­fa­chen Grund: „Vor dem Gesetz sind alle gleich“. Gegen die­sen Grund­satz zu ver­sto­ßen, ist Will­kür. Dar­um ver­sucht man, die­sen Grund­satz zu beach­ten. Nun wür­dest Du sicher­lich Grün­de dafür fin­den, wie­so es kei­ne Will­kür ist, Aus­nah­me­re­ge­lun­gen zu erfin­den, um auf die­sem Umweg Man­chen eine Son­der­be­hand­lung zukom­men zu las­sen, ohne gegen das Gleich­heits­prin­zip zu ver­sto­ßen, und wirst Dich wenig spä­ter dar­über kla­gen, die über­bor­dern­de Büro­kra­tie wäre viel zu kom­pli­ziert, was­ser­kopf­ar­tig, und ein Hemm­schuh, und außer­dem feh­le Transparenz.

    Das, wor­über Du klagst, ist sys­tem­im­ma­nent. Du schiebst es auf das Per­so­nal, aber die­ses könn­te inner­halb die­ses Sys­tems gar nicht „rich­tig“ han­deln, und ange­sichts des­sen ists auch eher nicht zu erwar­ten, dass man unter denen, die sich hoch­ge­ar­bei­tet haben, um zu Ein­fluss zu kom­men, etwas ande­res fin­det, als Kanal­li­en und Ver­blen­de­te. Die cha­rak­ter­li­chen Eigen­schaf­ten, die Du beklagst, sind, etwas, ohne das man nicht in die ent­spre­chen­den Posi­tio­nen gelangt.

    • Glei­ches behan­delt man gleich. Unglei­ches nicht. Das, was kei­ner Behand­lung bedarf, aus Grün­den der „Gleich­be­hand­lung“ über den sel­ben Leis­ten zu zie­hen, IST Will­kür und tech­no­kra­ti­scher Mechanismus.Es mag sys­tem­ima­nent sein, dass Staa­ten sich zu sol­chen mecha­ni­schen Gebil­den ent­wi­ckeln, es ist aber kei­ne Gesetz­mä­ßig­keit, dass man sie gewäh­ren lässt.

    • Wenn man glei­ches gleich, und unglei­ches ungleich behan­delt, dann kom­men die Aus­wir­kun­gen der Kom­ple­xi­tät ins Spiel. Die Lösung wird selbst wie­der zu einem Pro­blem werden.

      Ein Regel­werk, das fein­glied­ri­ge Unter­schei­dun­gen trifft, muss ungleich kom­ple­xer sein. Und dann sind wir beim Was­ser­kopf, der sei­ne eige­nen Pro­ble­me ver­ur­sacht. Zum Bei­spiel kann er nur auf Fäl­le reagie­ren, die ihm bekannt wer­den, wodurch man im bes­ten Fall eine Situa­ti­on schafft, in der die Kin­der, die am lau­tes­ten schrei­en, zu Las­ten der Nicht-Schrei-Babies die gan­ze Milch aus der Zit­ze saugen.

      Das ist auch Will­kür, nur halt eine Will­kür, die neu geschaf­fen wur­de, weil man ver­such­te, eine ande­re Will­kür abzu­schaf­fen. Dadurch hat die neue Will­kür gleich noch den Anstrich der Rechtmäßigkeit.

  5. Tol­ler Arti­kel…! Fragt sich, wer stellt sich den hohn­la­chen­den Bes­ser­wis­sern ent­ge­gen? Wo und wann?
    Oder ist es schon zu spät? Beklem­men­de Fragen.…

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