An der Wall­street ist ger­ade der Teufel los, die Bew­er­tung der Kurssprünge einiger Aktien aus der drit­ten Rei­he fällt jedoch höchst unter­schiedlich aus. Die Börse­nauf­sicht SEC kündigte Unter­suchun­gen an, Sen­a­torin Elis­a­beth War­ren fordert von der SEC „Inve­storen zu schützen“ – in diesem Fall kurioser­weise vor dem eige­nen Erfolg ­– und im Netz wer­den die über Red­dit ver­bun­de­nen Kleinan­leger, die durch massen­haften Kauf der Aktien von z. B. GameStop den Kurs durch die Decke getrieben haben, als Helden gefeiert, die wie David gegen Goliath eini­gen Hedge­fonds dicke Brock­en an den Kopf gewor­fen haben. Haupt­be­trof­fen­er: Melvin Cap­i­tal. Zwar haben sich mit­tler­weile wohl alle Hedge­fonds aus ihren Short-Posi­tio­nen zurück­ge­zo­gen, aber um welchen Preis? Bei etwa 6 Dol­lar wet­tete man auf den Unter­gang, bei 300 Dol­lar musste man schließlich sehr viel Geld in die Hand nehmen, um aus der Wette wieder raus zu kom­men. Von 70 Mil­liar­den Dol­lar Ver­lus­ten ist ins­ge­samt die Rede. Die Auguren der Börsen, die Experten und Ana­lysten ver­suchen, das Geschehen mit dem Vok­ab­u­lar zu erk­lären, das sie immer ver­wen­det haben. Man inter­viewt sich gegen­seit­ig, set­zt den Aktienkurs in Rela­tion zum Jahre­sum­satz und hält für eine Erk­lärung schließlich einen feucht­en Fin­ger in den Wind. Der Spuk sei vor­bei, der Short-Squeeze zwar schmerzhaft gewe­sen, aber nun wieder alles „busi­ness as usu­al“. Kaum jemand hat wirk­lich ver­standen, dass wir ger­ade Zeuge ein­er völ­lig neuar­ti­gen Schlacht in ein­er dig­i­tal­en Rev­o­lu­tion gewor­den sind. Ein­er Rev­o­lu­tion, die ab jet­zt auf drei Schlacht­feldern statt nur auf zweien geschla­gen wird.

Das erste Schlachtfeld

Dig­i­tal­isierung ist ein Zauber­wort, ohne das deutsche Poli­tik­er keine Reden hal­ten kön­nen. In diesen Reden malen sie dann gern kitschige Bilder von der Zukun­ft, das Leben ist leicht, die Mitbes­tim­mung der Men­schen gut simuliert, Kon­flik­te durch kün­stliche Intel­li­genz einge­hegt, Energie­ver­brauch und Stof­fkreis­läufe per­fekt organ­isiert, das Kli­ma gerettet. Doch Dig­i­tal­isierung und Buch­druck haben eines gemein­sam: sie sind vielfältig ein­set­zbar und in der Lage, jede Art von Ideen und Gedanken zu ver­bre­it­en. Und bei­de entziehen sich immer wieder den reg­u­la­torischen Bestre­bun­gen der­er, die glauben, das Recht dazu zu haben. Büch­er sind Bibel und Boc­cac­cio. Dig­i­tal­isierung ist Dorothee Bär und Darknet.

Die ersten, die die Ambivalenz des Dig­i­tal­en Zeital­ters zu spüren beka­men, waren die Medi­en. Anfangs belächelt, hielt man das Inter­net später schlicht für einen weit­eren Kanal, die eige­nen Inhalte und Wel­terk­lärun­gen an den Leser und Zuschauer zu brin­gen. Das Infor­ma­tion­s­monopol, Kor­re­spon­den­ten­net­ze und haufen­weise kluge oder doch zumin­d­est klug wirk­ende Köpfe kon­nten jedoch nicht ver­hin­dern, dass die Men­schen immer mehr dazu übergin­gen, sich die Infor­ma­tio­nen direkt oder auf Schle­ich­we­gen zu beschaf­fen. Wozu soll man dem ARD-Reporter bei der Schilderung der Vorkomm­nisse auf dem Tahrir­platz in Kairo lauschen, wenn man die Bilder live über eine Web­cam vor Ort sehen kann? Warum die Infor­ma­tio­nen müh­sam aus den Vorurteilen und poli­tis­chen Fil­tern eines Journo-Aktivis­ten pellen, wenn man sich via Augen­zeu­gen und sozialen Medi­en selb­st ein Bild machen kann?

Die Aufla­gen der Zeitun­gen schwan­den, Rel­e­vanz und Akzep­tanz öffentlich finanziert­er Medi­en ging zurück. Die Medi­en fan­den sich nun im Inter­net wieder, wo sie nicht exk­lu­siv, son­dern nur ein Play­er unter vie­len waren. Der Kampf um Rel­e­vanz und damit ums Über­leben wurde schmutziger. Heute wird er mit Fram­ing, Denun­zi­a­tion, Ver­leum­dung, Can­cle-Cul­tur, Sper­run­gen, Löschung und dreis­ten Lügen geführt. Konkur­ri­erten die Medi­en einst noch um die Gun­st von Leser, Hör­er und Zuschauer, ist heute jed­er Leser, Hör­er und Zuschauer selb­st poten­ziell ein konkur­ri­eren­des Medi­um, das sich durch Kom­mentare, Blogs, Face­book-Shit­storm oder Video-Empörung laut­stark Luft ver­schaf­fen kann.

Das zweite Schlachtfeld

Der­selbe Über­leben­skampf um Rel­e­vanz und Ein­fluss tobt in der Poli­tik und er wird mit densel­ben Waf­fen geführt. Im Bestreben, für den poli­tis­chen Rivalen möglichst unan­greif­bar zu sein, befleißigte man sich ein­er möglichst unverbindlichen Sprache, blieb so lange wie möglich vage. Musste man als Poli­tik­er hin und wieder doch mal konkret wer­den, war das spätestens nach zehn­mal Tagess­chau wieder vergessen. Alles versendet sich!

Doch das Netz ver­gisst nicht. Noch Jahre später kann man nach­le­sen, was Horst See­hofer im Inter­view mit dem „Hin­ter­tupfin­ger Dorf­boten“ sagte und falls er ver­sucht haben sollte, den Artikel wegen Pein­lichkeit­en oder enthal­te­nen Falschaus­sagen aus der Welt zu schaf­fen, hat sich­er irgend ein Heimatvere­in dafür gesorgt, dass im Webarchiv alles zu find­en ist. Im Ergeb­nis ver­sucht die Poli­tik, noch unkonkreter und buch­stäblich zum Pud­ding zu wer­den, der unmöglich an die Wand zu nageln ist.

Wir erken­nen nun, dass es lediglich diese laut­starke Unverbindlichkeit ist, die die meis­ten Poli­tik­er auf ihre Posten brachte. Kom­pe­tenz lässt sich dabei müh­e­los durch Hal­tung erset­zen, wom­it der ras­ante Ver­lust an Ver­ant­wor­tung ein­her geht. Ver­ant­wor­tung ist etwas, dass man mit anderen ver­han­delt, in der Regel mit Wäh­lern oder Mitar­beit­ern. Hal­tung ist viel bil­liger zu haben und noch dazu so schön unverbindlich. Man muss sie nur mit sich selb­st ver­han­deln und kann sie mit Hil­fe der Medi­en täglich polieren lassen, nach­dem sie in den sozialen Medi­en ver­lacht und mit Tomat­en bewor­fen wurde. Abends, bei Lanz, Ill­ner oder Mais­chberg­er sitzen sie dann müde von ihren Schlacht­en zusam­men, die Poli­tik­er und die Medi­en, und leck­en sich die Wun­den, die ihnen Wäh­ler, Leser und Zuschauer tagsüber schlugen.

Das dritte Schlachtfeld

Zunächst das Offen­sichtliche und ein wenig Begriff­ssym­bo­l­ik. Dass die User der Red­dit-Plat­tform r/wallstreetbet aus­gerech­net die Aktie von GameStop als Sym­bol aus­gewählt haben, obwohl sie ja noch andere Assets aufs Korn genom­men hat­ten, kön­nte am Namen liegen. Ziel war ja, den Hedge­fonds das „Spiel“ zu ver­miesen. Also „Stop the Game“ bei GameStop. Etwas gewagter ist sich­er die These, hier würde gewis­ser­maßen eine Schlacht im seit eini­gen Jahren toben­den „Neuen Amerikanis­chen Bürg­erkrieg“ aus­ge­focht­en. Eine „Schlacht am Bull Run“ wie 1861, nur mit neuer Sym­bo­l­ik, als „Run“ auf einen „Bul­len­markt“ (Hausse) an der Börse. Kein Nord gegen Süd, son­dern ein klein gegen groß, abge­hängt gegen sys­tem­rel­e­vant, Regel­brech­er gegen Regelverbieger.

Die meis­ten Kom­men­ta­toren gin­gen davon aus, dass die gigan­tis­chen Kurssprünge bei GameStop einige wenige stein­re­ich machen wür­den. Das ist sich­er nicht ganz falsch, sucht die Ursachen aber dort, wo man sie an der Börse immer zu find­en glaubt: bei der Gier. Die ist als Pro­duk­tivkraft und Antrieb sich­er nicht zu unter­schätzen. In diesem Fall liegt die Sache aber anders. Es geht um Rache. Rache für 2008, als Hedge­fonds nach der Finanzkrise gerettet wur­den oder sich durch Insid­er­wis­sen schnell genug aus der Schus­slin­ie brin­gen kon­nten, während hun­dert­tausende Kleinan­leger buch­stäblich alles ver­loren. Doch im Gegen­satz zu 2008 hat­te sich nun etwas Entschei­den­des verän­dert. Und genau hier find­en wir das verbindende Ele­ment mit den anderen bei­den Schlacht­feldern: Frei ver­füg­bare Infor­ma­tio­nen als Teil der All­mende! Dank Inter­net und Digitalisierung.

Das Infor­ma­tion­s­monopol, der Wis­sensvor­sprung der großen Inve­storen, die man gern unter dem Begriff „Wall­street“ sub­sum­miert, war ver­schwun­den. Für Medi­en und Poli­tik war er das längst! Das Inter­net und zahlre­iche Tools und Apps, die eigentlich dazu da waren, dass Neugierige am Katzen­tisch der Börsen Platz nehmen und den Großen beim Spiel zuse­hen kon­nten, sorgten gemein­sam mit der gewalti­gen Zahl der User dafür, dass r/wallstreetbet plöt­zlich am großen Tisch saß. Ama­teure, gewiss. Aber viele. Das Spiel ist riskant, gewiss. Aber die per­sön­lichen Risiken sind meist recht klein. Den let­zten wer­den die Hunde beißen, gewiss. Aber die Aus­sicht auf Rache ist jede Mühe und jeden Ver­lust wert. Was hat man auch zu ver­lieren in ein­er von der Poli­tik zum Lock­down ver­don­nerten Welt, in der man zwar nicht plöt­zlich wie 2008, aber doch schle­ichend auf Pleite und Unter­gang zus­teuert? Was liegt da in der Post? Ein Stim­u­lus-Scheck der Regierung? Was soll ich mit 600 Dol­lar ret­ten? Oder,…was kann ich damit machen!?

Die Welt der Banken und Börsen war bish­er trotz erkennbar­er Schwächen und sog­ar Betrügereien erstaunlicher­weise weit­ge­hend ver­schont geblieben vom Zorn der Bürg­er. Kein Wun­der, dort liegen schließlich die Pen­sions­fonds von Mil­lio­nen Amerikan­ern. Proteste wie „Occu­py Wall­street“ diskred­i­tierten sich let­ztlich durch Gewalt selb­st und zer­fie­len in extrem­istis­che Lagerkämpfe.

Die Wall­street blieb unter sich, pflegte eine aus­gren­zende Sprache und wenn mal etwas schief ging, ließ man sich von der Poli­tik mit Steuerzahlergeld ret­ten. Die Prügel der öffentlichen Mei­n­ung steck­te die Poli­tik ein, aber die ließ sich dafür ja auch fürstlich bei ihren Wahlkämpfen bezahlen. Die Poli­tik stieg gern selb­st auf in einen Club, der ide­ol­o­gisch keine Berührungsäng­ste ken­nt. Über die Geschäfte der Fam­i­lie Biden wurde schon viel berichtet und selb­st ein Erzlink­er wie Bernie Sanders, der noch 2016 im Vor­wahlkampf den „Mil­lion­airs and Bil­lion­airs“ mit Enteig­nung dro­hte, strich 2020 die „Mil­lion­airs“ aus seinem Kampf-Vok­ab­u­lar. Ihm war aufge­fall­en, dass er dank sein­er Buchverkäufe selb­st ein­er gewor­den war. Wer sich übri­gens fragt, warum Sanders ger­ade seinen zweit­en Früh­ling als Run­ning-Gag und Meme erlebt…dieser Spott ist die pop­ulis­tis­che Rache an der Schein­heiligkeit der linken Polit­promi­nenz. Gewalt­frei und lustig. 

Neu verteilte Karten

Fast unbe­merkt wur­den auf den Finanzmärk­ten die Karten neu verteilt. Der Infor­ma­tionsvor­sprung der Wall­street ist dahin, die Main­street kann jet­zt mit­spie­len. Man braucht lediglich eine große Com­mu­ni­ty, ein paar hun­dert Dol­lar, einen Schluck Weltver­ach­tung und ein Smart­phone, son­st nichts. Kein Ver­mit­tler, kein Fil­ter, kein Lim­it. Dass der Zorn der „Plebs“ aus­gerech­net die Hedge­fonds trifft, liegt in ihrem Charak­ter begrün­det. Hedge­fonds spie­len nicht mit eigen­em Geld und auf eigenes Risiko, son­dern mit dem Geld ander­er Leute. Etwas, dass sie mit der Poli­tik gemein­sam haben. Dabei würde ich nicht so weit gehen, das Geschäftsmod­ell von Hedge­fonds generell als ver­w­er­flich oder krim­inell zu beze­ich­nen. In intak­ten Märk­ten kön­nen sie wertvolle Infor­ma­tio­nen liefern, Trends erken­nen und Schwach­stellen aufzeigen. Sel­biges gilt auch für die Leerverkäufe, die ja nichts anderes als Wet­ten auf fal­l­ende Märk­te sind. Und Wet­ten kann man auch ver­lieren, wie einige nun ler­nen mussten.

Ich bezwei­fle aber, dass die Entwick­lung an den Börsen im Moment noch auf­grund ratio­naler und klar­er Infor­ma­tio­nen zu erk­lären ist. Die Noten­banken druck­en Geld, als gäbe es kein Mor­gen und das meiste davon infla­tion­iert Sach­w­erte wie Aktien oder Immo­bilien bis zur Unken­ntlichkeit. Etwa die Hälfte aller jemals in Umlauf gebracht­en Dol­lars wur­den inner­halb des let­zten Jahres „gedruckt“ – in der Euro­zone und für die EZB sieht es noch fin­ster­er aus. Dank Nul­lzins sind ver­w­ert­bar­er Preis- und Risikoin­for­ma­tio­nen für die Märk­te wegge­fall­en. Ret­tungs- und Hil­f­s­pakete für alles mögliche wer­den wie Kamelle vom Karneval­swa­gen gewor­fen, Poli­tik und Medi­en zeigen auf die steigen­den Börsenkurse und rufen „der Wirtschaft geht es blendend“, nur um sich selb­st dafür auf die Schul­ter zu klopfen.

Dabei knirscht und stot­tert die Real­wirtschaft, von der sich die Finanzwirtschaft längst abgekop­pelt hat – und die Coro­na-Maß­nah­men lasse ich hier mal ganz außen vor! In Deutsch­land wer­den ganze Branchen poli­tisch gegen die Wand gefahren, die Energiewirtschaft ist ein gigan­tis­ches staatlich­es Sub­ven­tion­buf­fet, das immer wieder kurz davor ste­ht, bei Kerzen­licht stattzufind­en. Unsere Autoin­dus­trie wurde zum Selb­st­mord verurteilt und die Poli­tik ver­sorgt in diesem dig­i­tal­en Bürg­erkrieg mar­o­de Medi­en und ihre aktivis­tis­chen Muni­tions­fab­rikan­ten mit frisch gestärk­ter Hal­tung und frisch gedruck­tem Geld.

Das­selbe Bild in den USA, wo die per Ukas regierende neue Admin­is­tra­tion sich ger­ade den Zorn von links und rechts zuzieht. Anders als in Poli­tik und Medi­en lässt sich auf dem Schlacht­feld Wall­street aber nicht so leicht links gegen rechts ausspie­len. Nicht, dass man es nicht ver­suchen würde! Doch der Auf­s­tand kommt nicht von links oder rechts, son­dern von unten.

Aber jet­zt schlägt natür­lich die Stunde der Dem­a­gogen, der Fram­ing-Experten und poli­tis­chen Falschmünz­er. Man bringt diesel­ben Geschütze in Stel­lung, die schon auf den anderen Schlacht­feldern zum Ein­satz kamen. Wall­street­bet sei unter­wan­dert von „alt right“ Ver­schwör­ern, die den armen Kleinan­legern das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Die Aktion sei Aus­druck des weit ver­bre­it­eten „Trump­is­mus“ und der Höl­len­fürst Don­ald per­sön­lich führe sie an. Kein Vor­wurf ist zu absurd, keine Zen­sur­maß­nahme zu offen­sichtlich. Face­book schließt die Diskus­sion­s­gruppe von Wall­street­bet und auch Dis­qus ver­wehrte den Red­dit-Usern den Zugang mit dem Hin­weis auf „Hate-Speech“ – mein Lieblings-Totschla­gar­gu­ment. Block­warte, „Fak­tencheck­er“ und Panikver­bre­it­er gibt es nun also auch an der Börse.

„Robinhood“ als Sheriff von Nottingham

Die in den USA sehr weit ver­bre­it­ete Han­dels-App „Robin­hood“, einst ange­treten mit dem Ziel, die „Kleinen“ im Kampf gegen die „Großen“ zu unter­stützen, beschränk­te den Han­del der Aktien von GameStop und eini­gen anderen Fir­men mit dem irrsin­ni­gen Argu­ment, die Anleger zu schützen. Man kon­nte die Aktien zwar noch verkaufen, aber nicht kaufen. Der Kurs kan­nte ab da logis­cher­weise nur eine Rich­tung: nach unten. Ein Schelm, der da eine Ret­tungsak­tion zu Gun­sten der Hedge­fonds wit­tert! Mit­tler­weile und nach mas­siv­en Protesten und Kla­gen erlaubt „Robin­hood“ wieder begren­zte Käufe. Fünf Aktien pro Tag. Das ist natür­lich ein schlechter Witz.

Doch auch in dieser Reak­tion sehen wir Par­al­le­len zu den Schlacht­feldern Poli­tik und Medi­en. Sobald es ein Geg­n­er auf Augen­höhe geschafft hat, wer­den die Regeln geän­dert. Ganz gle­ich, wie pein­lich genau man sich an gel­tende Regeln gehal­ten hat. Um die Regeln ändern zu kön­nen, braucht man aber vor allem eins: die poli­tis­che Drehtür. Eine möglichst enge Verbindung der­jeni­gen, die die Geset­ze machen, mit denen, die davon prof­i­tieren. Man ken­nt das ja auch in Deutsch­land, wo die Lob­by­or­gan­i­sa­tio­nen voll mit ehe­ma­li­gen Poli­tik­ern und die Par­la­mente voller Lob­by­is­ten sind.

Ein Beispiel aus den USA? Press­esprecherin von Präsi­dent Biden, Jen Psa­ki, gefragt zur Causa GameStop, antwortete auswe­ichend. „Ich weiß, dass ist eine große Sache, aber wir konzen­tri­eren uns hier auf unsere große Sache: die Amerikan­er wieder zurück an die Arbeit zu brin­gen.“ Ihr Brud­er Jef­frey Psa­ki*, Port­fo­lio-Man­ag­er beim Hedge­fond Citadel LLC beeilte sich unter­dessen, sein LinkedIn-Pro­fil zu deak­tivieren. Citadel LLC gehörte übri­gens zu jenen Fir­men, die GameStop auf „Short“ genom­men hat­ten. Auf der Wiki-Seite von Jen Psa­ki kon­nte man Angaben zu ihrem Brud­er unter „Per­son­al Life“ bis vor weni­gen Tagen nach­le­sen. Selt­samer­weise ist er nun von Jen‘s Seite ver­schwun­den – was man im Änderung­spro­tokoll von Wikipedia natür­lich nachver­fol­gen kann. Wie ich schon sagte: nichts versendet sich mehr, nichts geht mehr ver­loren, nichts wird je vergessen. Dass Jen Psa­ki vor, während und nach ihrer poli­tis­chen Kar­riere unter Oba­ma und Biden für Politi­co, CNN und die New York Times gear­beit­et hat, ist natür­lich auch unvergessen.

Die Red­dit-User haben einen großen Sieg errun­gen, auch wenn einzelne Inve­storen teuer dafür bezahlen wer­den. Die Aufmerk­samkeit der Hedge­fonds wen­det sich unter­dessen anderen Märk­ten zu und es ist zweifel­haft, ob Red­dit oder eine andere Com­mu­ni­ty dieses „David gegen Goliath“ ander­swo wieder­holen kann und es eine zweite „Schlacht am Bull Run“ geben wird. Wahrschein­lich­er ist, dass die SEC mit­tel­fristig irgen­deine Regelung erfind­en wird, die solche Aktio­nen ver­hin­dert und kriminalisiert.

Die panis­chen Reak­tio­nen von „Robin­hood“, den sozialen Medi­en und der Poli­tik kön­nte langfristig jedoch gewalti­gen Imageschaden anricht­en. Die tra­di­tionelle Vorstel­lung viel­er Amerikan­er, dass Gewinne ehren­voll und erstrebenswert sind, wenn sie gemäß den gel­tenden Regeln und Geset­zen erzielt wur­den, hat einen gewalti­gen Schlag ins Gesicht erhal­ten. Man kann nicht Kurs­gewinne der „Großen“ feiern und diese krim­i­nal­isieren und unterbinden, wenn die „Kleinen“ dies auch mal schaf­fen. Das ver­let­zt jedes amerikanis­che Gerechtigkeit­sempfind­en, ganz gle­ich, ob man poli­tisch eher links oder rechts ste­ht. Nach Medi­en und Poli­tik haben nun auch die Börsen das Ver­trauen der Bürg­er verspielt.

* Die Mel­dung über den Brud­er von Jen Psa­ki kön­nte falsch sein, wie mir ein Leser mit­teilte (siehe Kom­men­tar). Betra­cht­en wir die Angele­gen­heit also mit größt­möglich­er Vor­sicht. Die im Kom­men­tar und im Link erwäh­nte Janet Yellen ist übri­gens die neue Finanzministerin.

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8 Kommentare

  1. Warum GameStop? Weil bei Red­dit auch sehr viele Videospiel­er aktiv sind, die ken­nen natür­lich ihre Pap­pen­heimer. Und die gehen auch ins Kino, siehe AMC. 😉

    Her­rlich aber, wie die Hedge­fonds-Sharks weinend zur Regierung ren­nen, wenn sie ihre ach so sichere Wette auf eine zusam­men­brechende Fir­ma ver­lieren. Die Wash­ing­ton Post schrieb am gestri­gen Son­ntag sog­ar, dass sie die „good guys“ in dieser ganzen Klam­otte seien. Kann man sich nicht ausdenken.

    Und wie dann die Press­esprecherin, „in way over her head“, bei ein­er Frage zum The­ma stolz darauf ver­weist, dass es nun eine weib­liche Finanzmin­is­terin gebe.

    Nur, dass sich auch Demokrat­en über die inzwis­chen 40 Edik­te von Obiden beschw­eren, das würde ich doch gerne ein­mal quel­len­nah sehen. Die US-Medi­en preisen den Greis, der sich mit Stich­wortkarten darüber hin­we­gret­tet, was er ger­ade unter­schreibt, und natür­lich keine Antworten auf Fra­gen gibt, über die Maßen.

  2. Möglich, dass diese Short Squeeze ein sin­guläres Ereig­nis war. Allerd­ings mehren sich die Beichte auf Zero Hedge, dass es sich im Sil­ber­markt wieder­holen kön­nte. Zur Begrün­dung wird ange­führt, dass JP Mor­gen sich in diesem Markt so posi­tion­iert habe, dass sie eben­falls von einem Squeeze prof­i­tieren wür­den. Nun, wir wer­den sehen, was passiert.
    Ich muss allerd­ings befürcht­en, dass die den Hedge Funds ent­stande­nen (und eventuell noch entste­hen­den) Ver­luste, let­zt endlich von Steuerzahler getra­gen wer­den müssen — wie son­st auch immer!

  3. Wie gewohnt ein exzel­len­ter Artikel mit per­fek­tem Tim­ing. Nur die Jen Psa­ki Geschichte ist mit­tler­weile offen­sichtlich wider­legt; lt. Red State (https://redstate.com/nick-arama/2021/01/30/is-jen-psakis-brother-a-portfolio-manager-at-citadel-n319024) hat sie nur zwei Schwest­ern und ist mit dem Citadel Man­ag­er wed­er ver­wandt noch verschwägert.
    Aber Janet Yellen hat Verbindun­gen zu Citadel und ist von Ihnen in der Ver­gan­gen­heit schon fürstlich (800k) ent­lohnt worden.

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