An der Wall­street ist gera­de der Teu­fel los, die Bewer­tung der Kurs­sprün­ge eini­ger Akti­en aus der drit­ten Rei­he fällt jedoch höchst unter­schied­lich aus. Die Bör­sen­auf­sicht SEC kün­dig­te Unter­su­chun­gen an, Sena­to­rin Eli­sa­beth War­ren for­dert von der SEC „Inves­to­ren zu schüt­zen“ – in die­sem Fall kurio­ser­wei­se vor dem eige­nen Erfolg ­– und im Netz wer­den die über Red­dit ver­bun­de­nen Klein­an­le­ger, die durch mas­sen­haf­ten Kauf der Akti­en von z. B. Game­S­top den Kurs durch die Decke getrie­ben haben, als Hel­den gefei­ert, die wie David gegen Goli­ath eini­gen Hedge­fonds dicke Bro­cken an den Kopf gewor­fen haben. Haupt­be­trof­fe­ner: Mel­vin Capi­tal. Zwar haben sich mitt­ler­wei­le wohl alle Hedge­fonds aus ihren Short-Posi­tio­nen zurück­ge­zo­gen, aber um wel­chen Preis? Bei etwa 6 Dol­lar wet­te­te man auf den Unter­gang, bei 300 Dol­lar muss­te man schließ­lich sehr viel Geld in die Hand neh­men, um aus der Wet­te wie­der raus zu kom­men. Von 70 Mil­li­ar­den Dol­lar Ver­lus­ten ist ins­ge­samt die Rede. Die Augu­ren der Bör­sen, die Exper­ten und Ana­lys­ten ver­su­chen, das Gesche­hen mit dem Voka­bu­lar zu erklä­ren, das sie immer ver­wen­det haben. Man inter­viewt sich gegen­sei­tig, setzt den Akti­en­kurs in Rela­ti­on zum Jah­res­um­satz und hält für eine Erklä­rung schließ­lich einen feuch­ten Fin­ger in den Wind. Der Spuk sei vor­bei, der Short-Squee­ze zwar schmerz­haft gewe­sen, aber nun wie­der alles „busi­ness as usu­al“. Kaum jemand hat wirk­lich ver­stan­den, dass wir gera­de Zeu­ge einer völ­lig neu­ar­ti­gen Schlacht in einer digi­ta­len Revo­lu­ti­on gewor­den sind. Einer Revo­lu­ti­on, die ab jetzt auf drei Schlacht­fel­dern statt nur auf zwei­en geschla­gen wird.

Das erste Schlachtfeld

Digi­ta­li­sie­rung ist ein Zau­ber­wort, ohne das deut­sche Poli­ti­ker kei­ne Reden hal­ten kön­nen. In die­sen Reden malen sie dann gern kit­schi­ge Bil­der von der Zukunft, das Leben ist leicht, die Mit­be­stim­mung der Men­schen gut simu­liert, Kon­flik­te durch künst­li­che Intel­li­genz ein­ge­hegt, Ener­gie­ver­brauch und Stoff­kreis­läu­fe per­fekt orga­ni­siert, das Kli­ma geret­tet. Doch Digi­ta­li­sie­rung und Buch­druck haben eines gemein­sam: sie sind viel­fäl­tig ein­setz­bar und in der Lage, jede Art von Ideen und Gedan­ken zu ver­brei­ten. Und bei­de ent­zie­hen sich immer wie­der den regu­la­to­ri­schen Bestre­bun­gen derer, die glau­ben, das Recht dazu zu haben. Bücher sind Bibel und Boc­cac­cio. Digi­ta­li­sie­rung ist Doro­thee Bär und Darknet.

Die ers­ten, die die Ambi­va­lenz des Digi­ta­len Zeit­al­ters zu spü­ren beka­men, waren die Medi­en. Anfangs belä­chelt, hielt man das Inter­net spä­ter schlicht für einen wei­te­ren Kanal, die eige­nen Inhal­te und Welt­erklä­run­gen an den Leser und Zuschau­er zu brin­gen. Das Infor­ma­ti­ons­mo­no­pol, Kor­re­spon­den­ten­net­ze und hau­fen­wei­se klu­ge oder doch zumin­dest klug wir­ken­de Köp­fe konn­ten jedoch nicht ver­hin­dern, dass die Men­schen immer mehr dazu über­gin­gen, sich die Infor­ma­tio­nen direkt oder auf Schleich­we­gen zu beschaf­fen. Wozu soll man dem ARD-Repor­ter bei der Schil­de­rung der Vor­komm­nis­se auf dem Tah­r­ir­platz in Kai­ro lau­schen, wenn man die Bil­der live über eine Web­cam vor Ort sehen kann? War­um die Infor­ma­tio­nen müh­sam aus den Vor­ur­tei­len und poli­ti­schen Fil­tern eines Jour­no-Akti­vis­ten pel­len, wenn man sich via Augen­zeu­gen und sozia­len Medi­en selbst ein Bild machen kann?

Die Auf­la­gen der Zei­tun­gen schwan­den, Rele­vanz und Akzep­tanz öffent­lich finan­zier­ter Medi­en ging zurück. Die Medi­en fan­den sich nun im Inter­net wie­der, wo sie nicht exklu­siv, son­dern nur ein Play­er unter vie­len waren. Der Kampf um Rele­vanz und damit ums Über­le­ben wur­de schmut­zi­ger. Heu­te wird er mit Framing, Denun­zia­ti­on, Ver­leum­dung, Can­cle-Cul­tur, Sper­run­gen, Löschung und dreis­ten Lügen geführt. Kon­kur­rier­ten die Medi­en einst noch um die Gunst von Leser, Hörer und Zuschau­er, ist heu­te jeder Leser, Hörer und Zuschau­er selbst poten­zi­ell ein kon­kur­rie­ren­des Medi­um, das sich durch Kom­men­ta­re, Blogs, Face­book-Shit­s­torm oder Video-Empö­rung laut­stark Luft ver­schaf­fen kann.

Das zweite Schlachtfeld

Der­sel­be Über­le­bens­kampf um Rele­vanz und Ein­fluss tobt in der Poli­tik und er wird mit den­sel­ben Waf­fen geführt. Im Bestre­ben, für den poli­ti­schen Riva­len mög­lichst unan­greif­bar zu sein, beflei­ßig­te man sich einer mög­lichst unver­bind­li­chen Spra­che, blieb so lan­ge wie mög­lich vage. Muss­te man als Poli­ti­ker hin und wie­der doch mal kon­kret wer­den, war das spä­tes­tens nach zehn­mal Tages­schau wie­der ver­ges­sen. Alles ver­sen­det sich!

Doch das Netz ver­gisst nicht. Noch Jah­re spä­ter kann man nach­le­sen, was Horst See­hofer im Inter­view mit dem „Hin­ter­tup­fin­ger Dorf­bo­ten“ sag­te und falls er ver­sucht haben soll­te, den Arti­kel wegen Pein­lich­kei­ten oder ent­hal­te­nen Falsch­aus­sa­gen aus der Welt zu schaf­fen, hat sicher irgend ein Hei­mat­ver­ein dafür gesorgt, dass im Web­ar­chiv alles zu fin­den ist. Im Ergeb­nis ver­sucht die Poli­tik, noch unkon­kre­ter und buch­stäb­lich zum Pud­ding zu wer­den, der unmög­lich an die Wand zu nageln ist.

Wir erken­nen nun, dass es ledig­lich die­se laut­star­ke Unver­bind­lich­keit ist, die die meis­ten Poli­ti­ker auf ihre Pos­ten brach­te. Kom­pe­tenz lässt sich dabei mühe­los durch Hal­tung erset­zen, womit der rasan­te Ver­lust an Ver­ant­wor­tung ein­her geht. Ver­ant­wor­tung ist etwas, dass man mit ande­ren ver­han­delt, in der Regel mit Wäh­lern oder Mit­ar­bei­tern. Hal­tung ist viel bil­li­ger zu haben und noch dazu so schön unver­bind­lich. Man muss sie nur mit sich selbst ver­han­deln und kann sie mit Hil­fe der Medi­en täg­lich polie­ren las­sen, nach­dem sie in den sozia­len Medi­en ver­lacht und mit Toma­ten bewor­fen wur­de. Abends, bei Lanz, Ill­ner oder Maisch­ber­ger sit­zen sie dann müde von ihren Schlach­ten zusam­men, die Poli­ti­ker und die Medi­en, und lecken sich die Wun­den, die ihnen Wäh­ler, Leser und Zuschau­er tags­über schlugen.

Das dritte Schlachtfeld

Zunächst das Offen­sicht­li­che und ein wenig Begriffs­sym­bo­lik. Dass die User der Red­dit-Platt­form r/wallstreetbet aus­ge­rech­net die Aktie von Game­S­top als Sym­bol aus­ge­wählt haben, obwohl sie ja noch ande­re Assets aufs Korn genom­men hat­ten, könn­te am Namen lie­gen. Ziel war ja, den Hedge­fonds das „Spiel“ zu ver­mie­sen. Also „Stop the Game“ bei Game­S­top. Etwas gewag­ter ist sicher die The­se, hier wür­de gewis­ser­ma­ßen eine Schlacht im seit eini­gen Jah­ren toben­den „Neu­en Ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg“ aus­ge­foch­ten. Eine „Schlacht am Bull Run“ wie 1861, nur mit neu­er Sym­bo­lik, als „Run“ auf einen „Bul­len­markt“ (Hausse) an der Bör­se. Kein Nord gegen Süd, son­dern ein klein gegen groß, abge­hängt gegen sys­tem­re­le­vant, Regel­bre­cher gegen Regelverbieger.

Die meis­ten Kom­men­ta­to­ren gin­gen davon aus, dass die gigan­ti­schen Kurs­sprün­ge bei Game­S­top eini­ge weni­ge stein­reich machen wür­den. Das ist sicher nicht ganz falsch, sucht die Ursa­chen aber dort, wo man sie an der Bör­se immer zu fin­den glaubt: bei der Gier. Die ist als Pro­duk­tiv­kraft und Antrieb sicher nicht zu unter­schät­zen. In die­sem Fall liegt die Sache aber anders. Es geht um Rache. Rache für 2008, als Hedge­fonds nach der Finanz­kri­se geret­tet wur­den oder sich durch Insi­der­wis­sen schnell genug aus der Schuss­li­nie brin­gen konn­ten, wäh­rend hun­dert­tau­sen­de Klein­an­le­ger buch­stäb­lich alles ver­lo­ren. Doch im Gegen­satz zu 2008 hat­te sich nun etwas Ent­schei­den­des ver­än­dert. Und genau hier fin­den wir das ver­bin­den­de Ele­ment mit den ande­ren bei­den Schlacht­fel­dern: Frei ver­füg­ba­re Infor­ma­tio­nen als Teil der All­men­de! Dank Inter­net und Digitalisierung.

Das Infor­ma­ti­ons­mo­no­pol, der Wis­sens­vor­sprung der gro­ßen Inves­to­ren, die man gern unter dem Begriff „Wall­street“ sub­sum­miert, war ver­schwun­den. Für Medi­en und Poli­tik war er das längst! Das Inter­net und zahl­rei­che Tools und Apps, die eigent­lich dazu da waren, dass Neu­gie­ri­ge am Kat­zen­tisch der Bör­sen Platz neh­men und den Gro­ßen beim Spiel zuse­hen konn­ten, sorg­ten gemein­sam mit der gewal­ti­gen Zahl der User dafür, dass r/wallstreetbet plötz­lich am gro­ßen Tisch saß. Ama­teu­re, gewiss. Aber vie­le. Das Spiel ist ris­kant, gewiss. Aber die per­sön­li­chen Risi­ken sind meist recht klein. Den letz­ten wer­den die Hun­de bei­ßen, gewiss. Aber die Aus­sicht auf Rache ist jede Mühe und jeden Ver­lust wert. Was hat man auch zu ver­lie­ren in einer von der Poli­tik zum Lock­down ver­don­ner­ten Welt, in der man zwar nicht plötz­lich wie 2008, aber doch schlei­chend auf Plei­te und Unter­gang zusteu­ert? Was liegt da in der Post? Ein Sti­mu­lus-Scheck der Regie­rung? Was soll ich mit 600 Dol­lar ret­ten? Oder,…was kann ich damit machen!?

Die Welt der Ban­ken und Bör­sen war bis­her trotz erkenn­ba­rer Schwä­chen und sogar Betrü­ge­rei­en erstaun­li­cher­wei­se weit­ge­hend ver­schont geblie­ben vom Zorn der Bür­ger. Kein Wun­der, dort lie­gen schließ­lich die Pen­si­ons­fonds von Mil­lio­nen Ame­ri­ka­nern. Pro­tes­te wie “Occu­py Wall­street” dis­kre­di­tier­ten sich letzt­lich durch Gewalt selbst und zer­fie­len in extre­mis­ti­sche Lagerkämpfe.

Die Wall­street blieb unter sich, pfleg­te eine aus­gren­zen­de Spra­che und wenn mal etwas schief ging, ließ man sich von der Poli­tik mit Steu­er­zah­l­er­geld ret­ten. Die Prü­gel der öffent­li­chen Mei­nung steck­te die Poli­tik ein, aber die ließ sich dafür ja auch fürst­lich bei ihren Wahl­kämp­fen bezah­len. Die Poli­tik stieg gern selbst auf in einen Club, der ideo­lo­gisch kei­ne Berüh­rungs­ängs­te kennt. Über die Geschäf­te der Fami­lie Biden wur­de schon viel berich­tet und selbst ein Erz­lin­ker wie Ber­nie San­ders, der noch 2016 im Vor­wahl­kampf den „Mil­lion­airs and Bil­lion­airs“ mit Ent­eig­nung droh­te, strich 2020 die „Mil­lion­airs“ aus sei­nem Kampf-Voka­bu­lar. Ihm war auf­ge­fal­len, dass er dank sei­ner Buch­ver­käu­fe selbst einer gewor­den war. Wer sich übri­gens fragt, war­um San­ders gera­de sei­nen zwei­ten Früh­ling als Run­ning-Gag und Meme erlebt…dieser Spott ist die popu­lis­ti­sche Rache an der Schein­hei­lig­keit der lin­ken Polit­pro­mi­nenz. Gewalt­frei und lustig. 

Neu verteilte Karten

Fast unbe­merkt wur­den auf den Finanz­märk­ten die Kar­ten neu ver­teilt. Der Infor­ma­ti­ons­vor­sprung der Wall­street ist dahin, die Main­street kann jetzt mit­spie­len. Man braucht ledig­lich eine gro­ße Com­mu­ni­ty, ein paar hun­dert Dol­lar, einen Schluck Welt­ver­ach­tung und ein Smart­pho­ne, sonst nichts. Kein Ver­mitt­ler, kein Fil­ter, kein Limit. Dass der Zorn der „Plebs“ aus­ge­rech­net die Hedge­fonds trifft, liegt in ihrem Cha­rak­ter begrün­det. Hedge­fonds spie­len nicht mit eige­nem Geld und auf eige­nes Risi­ko, son­dern mit dem Geld ande­rer Leu­te. Etwas, dass sie mit der Poli­tik gemein­sam haben. Dabei wür­de ich nicht so weit gehen, das Geschäfts­mo­dell von Hedge­fonds gene­rell als ver­werf­lich oder kri­mi­nell zu bezeich­nen. In intak­ten Märk­ten kön­nen sie wert­vol­le Infor­ma­tio­nen lie­fern, Trends erken­nen und Schwach­stel­len auf­zei­gen. Sel­bi­ges gilt auch für die Leer­ver­käu­fe, die ja nichts ande­res als Wet­ten auf fal­len­de Märk­te sind. Und Wet­ten kann man auch ver­lie­ren, wie eini­ge nun ler­nen mussten.

Ich bezweif­le aber, dass die Ent­wick­lung an den Bör­sen im Moment noch auf­grund ratio­na­ler und kla­rer Infor­ma­tio­nen zu erklä­ren ist. Die Noten­ban­ken dru­cken Geld, als gäbe es kein Mor­gen und das meis­te davon infla­tio­niert Sach­wer­te wie Akti­en oder Immo­bi­li­en bis zur Unkennt­lich­keit. Etwa die Hälf­te aller jemals in Umlauf gebrach­ten Dol­lars wur­den inner­halb des letz­ten Jah­res „gedruckt“ – in der Euro­zo­ne und für die EZB sieht es noch fins­te­rer aus. Dank Null­zins sind ver­wert­ba­rer Preis- und Risi­ko­in­for­ma­tio­nen für die Märk­te weg­ge­fal­len. Ret­tungs- und Hilfs­pa­ke­te für alles mög­li­che wer­den wie Kamel­le vom Kar­ne­vals­wa­gen gewor­fen, Poli­tik und Medi­en zei­gen auf die stei­gen­den Bör­sen­kur­se und rufen „der Wirt­schaft geht es blen­dend“, nur um sich selbst dafür auf die Schul­ter zu klopfen.

Dabei knirscht und stot­tert die Real­wirt­schaft, von der sich die Finanz­wirt­schaft längst abge­kop­pelt hat – und die Coro­na-Maß­nah­men las­se ich hier mal ganz außen vor! In Deutsch­land wer­den gan­ze Bran­chen poli­tisch gegen die Wand gefah­ren, die Ener­gie­wirt­schaft ist ein gigan­ti­sches staat­li­ches Sub­ven­ti­onbuf­fet, das immer wie­der kurz davor steht, bei Ker­zen­licht statt­zu­fin­den. Unse­re Auto­in­dus­trie wur­de zum Selbst­mord ver­ur­teilt und die Poli­tik ver­sorgt in die­sem digi­ta­len Bür­ger­krieg maro­de Medi­en und ihre akti­vis­ti­schen Muni­ti­ons­fa­bri­kan­ten mit frisch gestärk­ter Hal­tung und frisch gedruck­tem Geld.

Das­sel­be Bild in den USA, wo die per Ukas regie­ren­de neue Admi­nis­tra­ti­on sich gera­de den Zorn von links und rechts zuzieht. Anders als in Poli­tik und Medi­en lässt sich auf dem Schlacht­feld Wall­street aber nicht so leicht links gegen rechts aus­spie­len. Nicht, dass man es nicht ver­su­chen wür­de! Doch der Auf­stand kommt nicht von links oder rechts, son­dern von unten.

Aber jetzt schlägt natür­lich die Stun­de der Dem­ago­gen, der Framing-Exper­ten und poli­ti­schen Falsch­mün­zer. Man bringt die­sel­ben Geschüt­ze in Stel­lung, die schon auf den ande­ren Schlacht­fel­dern zum Ein­satz kamen. Wall­street­bet sei unter­wan­dert von „alt right“ Ver­schwö­rern, die den armen Klein­an­le­gern das Geld aus der Tasche zie­hen wol­len. Die Akti­on sei Aus­druck des weit ver­brei­te­ten „Trumpis­mus“ und der Höl­len­fürst Donald per­sön­lich füh­re sie an. Kein Vor­wurf ist zu absurd, kei­ne Zen­sur­maß­nah­me zu offen­sicht­lich. Face­book schließt die Dis­kus­si­ons­grup­pe von Wall­street­bet und auch Dis­qus ver­wehr­te den Red­dit-Usern den Zugang mit dem Hin­weis auf „Hate-Speech“ – mein Lieb­lings-Tot­schlag­ar­gu­ment. Block­war­te, „Fak­ten­che­cker“ und Panik­ver­brei­ter gibt es nun also auch an der Börse.

“Robinhood” als Sheriff von Nottingham

Die in den USA sehr weit ver­brei­te­te Han­dels-App „Robin­hood“, einst ange­tre­ten mit dem Ziel, die „Klei­nen“ im Kampf gegen die „Gro­ßen“ zu unter­stüt­zen, beschränk­te den Han­del der Akti­en von Game­S­top und eini­gen ande­ren Fir­men mit dem irr­sin­ni­gen Argu­ment, die Anle­ger zu schüt­zen. Man konn­te die Akti­en zwar noch ver­kau­fen, aber nicht kau­fen. Der Kurs kann­te ab da logi­scher­wei­se nur eine Rich­tung: nach unten. Ein Schelm, der da eine Ret­tungs­ak­ti­on zu Guns­ten der Hedge­fonds wit­tert! Mitt­ler­wei­le und nach mas­si­ven Pro­tes­ten und Kla­gen erlaubt “Robin­hood” wie­der begrenz­te Käu­fe. Fünf Akti­en pro Tag. Das ist natür­lich ein schlech­ter Witz.

Doch auch in die­ser Reak­ti­on sehen wir Par­al­le­len zu den Schlacht­fel­dern Poli­tik und Medi­en. Sobald es ein Geg­ner auf Augen­hö­he geschafft hat, wer­den die Regeln geän­dert. Ganz gleich, wie pein­lich genau man sich an gel­ten­de Regeln gehal­ten hat. Um die Regeln ändern zu kön­nen, braucht man aber vor allem eins: die poli­ti­sche Dreh­tür. Eine mög­lichst enge Ver­bin­dung der­je­ni­gen, die die Geset­ze machen, mit denen, die davon pro­fi­tie­ren. Man kennt das ja auch in Deutsch­land, wo die Lob­by­or­ga­ni­sa­tio­nen voll mit ehe­ma­li­gen Poli­ti­kern und die Par­la­men­te vol­ler Lob­by­is­ten sind.

Ein Bei­spiel aus den USA? Pres­se­spre­che­rin von Prä­si­dent Biden, Jen Psa­ki, gefragt zur Cau­sa Game­S­top, ant­wor­te­te aus­wei­chend. „Ich weiß, dass ist eine gro­ße Sache, aber wir kon­zen­trie­ren uns hier auf unse­re gro­ße Sache: die Ame­ri­ka­ner wie­der zurück an die Arbeit zu brin­gen.“ Ihr Bru­der Jef­frey Psa­ki*, Port­fo­lio-Mana­ger beim Hedge­fond Cita­del LLC beeil­te sich unter­des­sen, sein Lin­kedIn-Pro­fil zu deak­ti­vie­ren. Cita­del LLC gehör­te übri­gens zu jenen Fir­men, die Game­S­top auf „Short“ genom­men hat­ten. Auf der Wiki-Sei­te von Jen Psa­ki konn­te man Anga­ben zu ihrem Bru­der unter „Per­so­nal Life“ bis vor weni­gen Tagen nach­le­sen. Selt­sa­mer­wei­se ist er nun von Jen‘s Sei­te ver­schwun­den – was man im Ände­rungs­pro­to­koll von Wiki­pe­dia natür­lich nach­ver­fol­gen kann. Wie ich schon sag­te: nichts ver­sen­det sich mehr, nichts geht mehr ver­lo­ren, nichts wird je ver­ges­sen. Dass Jen Psa­ki vor, wäh­rend und nach ihrer poli­ti­schen Kar­rie­re unter Oba­ma und Biden für Poli­ti­co, CNN und die New York Times gear­bei­tet hat, ist natür­lich auch unvergessen.

Die Red­dit-User haben einen gro­ßen Sieg errun­gen, auch wenn ein­zel­ne Inves­to­ren teu­er dafür bezah­len wer­den. Die Auf­merk­sam­keit der Hedge­fonds wen­det sich unter­des­sen ande­ren Märk­ten zu und es ist zwei­fel­haft, ob Red­dit oder eine ande­re Com­mu­ni­ty die­ses „David gegen Goli­ath“ anders­wo wie­der­ho­len kann und es eine zwei­te „Schlacht am Bull Run“ geben wird. Wahr­schein­li­cher ist, dass die SEC mit­tel­fris­tig irgend­ei­ne Rege­lung erfin­den wird, die sol­che Aktio­nen ver­hin­dert und kriminalisiert.

Die pani­schen Reak­tio­nen von “Robin­hood”, den sozia­len Medi­en und der Poli­tik könn­te lang­fris­tig jedoch gewal­ti­gen Image­scha­den anrich­ten. Die tra­di­tio­nel­le Vor­stel­lung vie­ler Ame­ri­ka­ner, dass Gewin­ne ehren­voll und erstre­bens­wert sind, wenn sie gemäß den gel­ten­den Regeln und Geset­zen erzielt wur­den, hat einen gewal­ti­gen Schlag ins Gesicht erhal­ten. Man kann nicht Kurs­ge­win­ne der „Gro­ßen“ fei­ern und die­se kri­mi­na­li­sie­ren und unter­bin­den, wenn die „Klei­nen“ dies auch mal schaf­fen. Das ver­letzt jedes ame­ri­ka­ni­sche Gerech­tig­keits­emp­fin­den, ganz gleich, ob man poli­tisch eher links oder rechts steht. Nach Medi­en und Poli­tik haben nun auch die Bör­sen das Ver­trau­en der Bür­ger verspielt.

* Die Mel­dung über den Bru­der von Jen Psa­ki könn­te falsch sein, wie mir ein Leser mit­teil­te (sie­he Kom­men­tar). Betrach­ten wir die Ange­le­gen­heit also mit größt­mög­li­cher Vor­sicht. Die im Kom­men­tar und im Link erwähn­te Janet Yel­len ist übri­gens die neue Finanzministerin.

Vorheriger ArtikelSenat zwischen Baum und Borke
Nächster ArtikelSilber, Framing und der Lügenchor der Medien

8 Kommentare

  1. War­um Game­S­top? Weil bei Red­dit auch sehr vie­le Video­spie­ler aktiv sind, die ken­nen natür­lich ihre Pap­pen­hei­mer. Und die gehen auch ins Kino, sie­he AMC. 😉

    Herr­lich aber, wie die Hedge­fonds-Sharks wei­nend zur Regie­rung ren­nen, wenn sie ihre ach so siche­re Wet­te auf eine zusam­men­bre­chen­de Fir­ma ver­lie­ren. Die Washing­ton Post schrieb am gest­ri­gen Sonn­tag sogar, dass sie die “good guys” in die­ser gan­zen Kla­mot­te sei­en. Kann man sich nicht ausdenken.

    Und wie dann die Pres­se­spre­che­rin, “in way over her head”, bei einer Fra­ge zum The­ma stolz dar­auf ver­weist, dass es nun eine weib­li­che Finanz­mi­nis­te­rin gebe.

    Nur, dass sich auch Demo­kra­ten über die inzwi­schen 40 Edik­te von Obi­den beschwe­ren, das wür­de ich doch ger­ne ein­mal quel­len­nah sehen. Die US-Medi­en prei­sen den Greis, der sich mit Stich­wort­kar­ten dar­über hin­weg­ret­tet, was er gera­de unter­schreibt, und natür­lich kei­ne Ant­wor­ten auf Fra­gen gibt, über die Maßen.

  2. Mög­lich, dass die­se Short Squee­ze ein sin­gu­lä­res Ereig­nis war. Aller­dings meh­ren sich die Beich­te auf Zero Hedge, dass es sich im Sil­ber­markt wie­der­ho­len könn­te. Zur Begrün­dung wird ange­führt, dass JP Mor­gen sich in die­sem Markt so posi­tio­niert habe, dass sie eben­falls von einem Squee­ze pro­fi­tie­ren wür­den. Nun, wir wer­den sehen, was passiert.
    Ich muss aller­dings befürch­ten, dass die den Hedge Funds ent­stan­de­nen (und even­tu­ell noch ent­ste­hen­den) Ver­lus­te, letzt end­lich von Steu­er­zah­ler getra­gen wer­den müs­sen — wie sonst auch immer!

  3. Wie gewohnt ein exzel­len­ter Arti­kel mit per­fek­tem Timing. Nur die Jen Psa­ki Geschich­te ist mitt­ler­wei­le offen­sicht­lich wider­legt; lt. Red Sta­te (https://redstate.com/nick-arama/2021/01/30/is-jen-psakis-brother-a-portfolio-manager-at-citadel-n319024) hat sie nur zwei Schwes­tern und ist mit dem Cita­del Mana­ger weder ver­wandt noch verschwägert.
    Aber Janet Yel­len hat Ver­bin­dun­gen zu Cita­del und ist von Ihnen in der Ver­gan­gen­heit schon fürst­lich (800k) ent­lohnt worden.

Comments are closed.