Der Vor­wurf, sich erst in letz­ter Sekun­de auf das The­ma GCM zu stür­zen, bei des­sen Zustan­de­kom­men aber nicht mit­ge­wirkt zu haben, wur­de mehr­fach laut  gegen die AfD. Und das obwohl über­haupt erst auf deren Initia­ti­ve die Befas­sung des Bun­des­ta­ges am 8.11.2018 mit dem UN-Pakt zustan­de kam. Tenor: ihr hat­tet eure Chan­ce, inhalt­lich etwas bei­zu­steu­ern, jetzt ist es zu spät dafür. Im Dezem­ber rücken in Dou­glas-Adams-Manier die galak­ti­schen Bau­trupps der Vogo­nen an. Der Drops ist gelutscht, der Kater gekämmt, Fei­er­abend! Peti­tio­nen, Kam­pa­gnen, vor die Bag­ger legen…alles ver­geb­lich. Die Plä­ne lagen ja schließ­lich lan­ge genug im zustän­di­gen Bau­amt auf Alpha Cen­tau­ri (UN-Gebäu­de, New York) aus und so eine galak­ti­sche Umge­hungs­stra­ße muss eben gebaut wer­den, weil sie geplant ist. Nach der letz­ten kur­zen Befas­sung des Bun­des­ta­ges im April, die auf­grund zwei­er klei­ner Anfra­gen der AfD-Frak­ti­on eben­falls über­haupt erst zustan­de kam, hat­te der GCM bis zu sei­ner fina­len Fas­sung im Juli indes noch erheb­lich an Umfang und Gewicht zuge­legt. Doch wenn Ver­pflich­tun­gen, Ver­trä­ge oder Tumo­re umfang­rei­cher wer­den, soll­te man einen wei­te­ren prü­fen­den Blick dar­auf wer­fen, bevor man sie ein­fach so unter­schreibt oder hinnimmt.

Die Debat­te am 8.11. bot Erwar­te­tes. Ste­phan Har­b­arth (CDU), der die ers­te Erwi­de­rung der Regie­rungs­par­tei­en auf die Rede des Schwe­fel­bu­ben Gau­land brin­gen durf­te, erklär­te, es gel­te nun, mit Hil­fe des GCM, die „Stan­dards“ (vul­go Sozi­al­stan­dards) welt­weit anzu­glei­chen, also auf deut­sches Niveau zu heben. Es gäbe welt­weit gemein­sa­me Zie­le und des­halb wer­de man auch zu die­sen gemein­sa­men Stan­dards gelan­gen. „Wer für den GCM ist, schafft die Vor­aus­set­zun­gen dafür, dass die Anrei­ze, nach Deutsch­land zu kom­men, zurück gehen.“ sagt Har­b­arth und wei­ter „der poli­ti­sche und geis­ti­ge Hori­zont die­ses Hau­ses darf nie­mals an den deut­schen Außen­gren­zen enden“. Das klingt zwar etwas grö­ßen­wahn­sin­nig, aber auch nicht mehr als das, was sonst an glo­ba­lis­ti­scher Groß­manns­sucht durch das Hohe Haus wabert. Grie­chen­land­ret­tung, Ban­ken­ret­tung, Euro­ret­tung, Kli­ma­ret­tung, Welt­ret­tung. Das deut­sche par­la­men­ta­ri­sche A‑Team Mac­Gy­vert sich durch die poli­ti­sche Galaxis.

Nun sind es also die Stan­dards der Gesund­heits- und Sozi­al­sys­te­me, die wir der Welt brin­gen wer­den, wie Pro­me­theus den Men­schen das Feu­er. The Ger­man Way of Life. Das ist es also, was Har­b­arth im Glo­bal Com­pact for Migra­ti­on sehen will und des­halb ver­tei­digt er ihn lei­den­schaft­lich. Kurio­ser­wei­se könn­te es schon bald für Ste­phan Har­b­arth zum Schwur kom­men, wenn er als neu­er Prä­si­dent des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ab 2020 das Grund­ge­setz gegen jene Geset­zes­vor­la­gen beschüt­zen muss, die den Geist des GCM nur zu gern auf­grei­fen wer­den. Die ers­ten ste­hen schon in den Start­lö­chern. Har­b­arths Plä­doy­er vom 8.11.2018 für den UN-Pakt könn­te dann in Dau­er­schlei­fe unter dem Titel „Ver­spro­chen – gebro­chen!“ in den sozia­len Medi­en lau­fen, falls es die in zwei Jah­ren abseits von Cat-Con­tent und Par­tei­en­wer­bung noch geben sollte.

Als Ant­wort auf eine Nach­fra­ge von Storchs, wel­ches Land denn tat­säch­lich die Absicht habe oder auch nur dazu fähig sei, sei­ne Stan­dards auch nur in die Nähe des deut­schen Niveaus zu heben, um dadurch den Migra­ti­ons­druck von Deutsch­land zu neh­men, ant­wor­tet Har­b­arth: „Ich habe im Som­mer ein Flücht­lings­la­ger in Jor­da­ni­en besucht…“ und führt damit en pas­sant den (ver­mut­lich unbe­ab­sich­tig­ten) Beweis für die Berech­ti­gung von Befürch­tun­gen der Kri­ti­ker des Pak­tes, dar­un­ter auch der Grü­ne OB von Tübin­gen Boris Pal­mer, die das größ­te Defi­zit des GCM dar­in sehen, dass nicht scharf zwi­schen Asyl, Flucht & Ver­trei­bung und Migra­ti­on unter­schie­den wird. Auch Har­b­arth scheint dazu offen­kun­dig nicht in der Lage, wenn er auf eine Fra­ge zum MIGRA­TI­ONS-Pakt ant­wor­tet, er sei in einem FLÜCHT­LINGS-Lager gewe­sen. Es mag ihm ent­gan­gen sein, aber einen „Glo­bal Com­pact on Refu­gees“ gibt es ja eben­falls und der ist über­haupt nicht umstrit­ten und war weder Gegen­stand der Debat­te, noch der Frage.

Chris­toph Mat­schie (SPD) hin­ge­gen betont, nur inter­na­tio­na­le Rege­lun­gen hel­fen wei­ter, natio­na­le hin­ge­gen nicht. Damit schubst er – sicher auch ohne Vor­satz – das bis­her wie eine Mons­tranz vor dem GCM her­ge­tra­ge­ne Prin­zip der staat­li­chen Sou­ve­rä­ni­tät bei­sei­te und zeich­net die Stoß­rich­tung vor, die der Gesetz­ge­bungs­pro­zess in Deutsch­land ein­ge­schla­gen hat. Denn dort trifft ja eben gera­de nicht ein unver­bind­li­cher inter­na­tio­na­ler Pakt auf ver­bind­li­ches natio­na­les Ein­wan­de­rungs­recht, son­dern ein noch zu erlas­se­nes Ein­wan­de­rungs­ge­setz trifft auf einen Pakt, von dem die Macher des Geset­zes ganz begeis­tert sind und des­sen inter­na­tio­na­le Rege­lun­gen, denen Deutsch­land im Dezem­ber zustim­men wird, laut Mat­schie wirk­mäch­ti­ger sein müs­sen als klein­li­che natio­na­le Rechts­prin­zi­pi­en oder sieb­zig Jah­re alte Ver­fas­sun­gen. Sub­si­dia­ri­tät? Geplatzt, über­wun­den, von gestern!

Mat­schies Atti­tü­de trifft im Grun­de genau den Kern des Pro­blems, denn war­um wol­len die Kri­ti­ker des Pak­tes sich bei allen Ver­su­chen, die Ideen des Pak­tes 1:1 umzu­set­zen, nicht ein­fach auf die Prä­am­bel „unver­bind­lich“ bezie­hen, um For­de­run­gen abzu­weh­ren? Ganz ein­fach: weil in Deutsch­land min­des­tens ein Drit­tel der Men­schen nicht mehr dar­auf ver­traut, dass es tat­säch­lich dabei bleibt. Zu vie­le voll­mun­di­ge, tak­ti­sche Ver­spre­chen, die kalt­lä­chelnd abge­räumt wer­den, sobald es oppor­tun oder „alter­na­tiv­los“ erscheint. Hier eine Kost­pro­be: „Die Ener­gie­wen­de wird monat­lich nicht mehr kos­ten, als eine Kugel Eis“, „Mit mir wird es kei­ne PKW-Maut geben“, „Der Euro wird kei­ne Haf­tungs­ge­mein­schaft“, „Was die Flücht­lin­ge mit­brin­gen, ist wert­vol­ler als Gold“ … beschrif­ten Sie Memo­ry-Kar­ten mit Zitat und Urhe­ber, lie­be Leser. Sie bekom­men sicher mühe­los einen ordent­li­chen Sta­pel zusam­men! Ach­ten Sie aber dar­auf, Mer­kel als Urhe­ber nicht mehr­fach zu nen­nen, das wäre zu einfach.

Ich möch­te Sie aber nicht mit Text­ana­ly­sen der ein­zel­nen Rede­bei­trä­ge der Bun­des­tags­de­bat­te lang­wei­len, denn ich müss­te bei­na­he jeden Satz jedes Red­ners zer­pflü­cken, was ich weder mei­nen Lesern noch mir zumu­ten möch­te. Aller­dings hat­te ich den Ein­druck, dass kein ein­zi­ger Ein­wand der Kri­ti­ker des GCM sach­lich ent­kräf­tet oder gar wider­legt wur­de. Statt­des­sen hör­te man immer wie­der nur „Lüge“, „Het­ze“, „Kam­pa­gne“, „Ängs­te schü­ren“ und man darf sich schon fra­gen, wie das kommt. Nicht die pau­scha­li­sier­te Beschimp­fung der AfD-Abge­ord­ne­ten, an die­se Touret­te-Kako­pho­nie hat man sich ja schon fast gewöhnt, das ist wie ein Hin­ter­grund­ge­räusch, das nie­mand mehr auf sei­ne Plau­si­bi­li­tät über­prüft. Nein, ich mei­ne die Über­zeu­gung, mit der die Abge­ord­ne­ten aller ande­ren Par­tei­en das ver­kün­den, was ihrer Mei­nung nach drin ste­he, im Pakt der unver­bind­li­chen Migra­ti­ons-Wun­der­tü­te, in der jedes Los gewinnt und nega­ti­ve Aspek­te durch unver­bind­li­che Absichts­er­klä­run­gen aus­ge­merzt wer­den. Aber viel­leicht liegt es an mir, dass ich die Abge­ord­ne­ten nicht ver­ste­he und ihre Argu­men­te nicht nach­voll­zie­hen kann, sofern sie sich über­haupt dazu her­ab­las­sen, Argu­men­te zu bringen.

Es liest: ein Zielland

Ver­ste­he ich viel­leicht ein­fach nur falsch, was im GCM steht? Muss ich ihn noch­mal lesen? Wie oft eigent­lich noch? Aber viel­leicht muss man ihn anders lesen? Auf die Idee kam ich, als in einem Rede­bei­trag anklang, dass das GCM-Doku­ment schließ­lich in Zusam­men­ar­beit mit 190 Län­dern zustan­de gekom­men sei und man kaum erwar­ten kön­ne, dass sich in jedem Punkt prin­zi­pi­ell die Inter­es­sen Deutsch­lands wie­der­fin­den. Das ist zwei­fel­los rich­tig und ich glau­be, hier liegt der Schlüs­sel zu vie­len Miss­ver­ständ­nis­sen und Schwierigkeiten.

Da ist zunächst die offen­sicht­lich chao­ti­sche Struk­tur des Tex­tes, die Sprün­ge und Ver­schach­te­lun­gen, was das Gan­ze schwer les­bar macht. Klar, es han­delt sich um einen juris­ti­schen Ver­trags­text, aber das erklärt nicht alles. Eini­ge Aspek­te der Migra­ti­on sind kom­plett aus­ge­klam­mert, eben­so die Defi­ni­ti­on von pri­mä­ren poli­ti­schen Ver­ant­wort­lich­kei­ten. Eigent­lich unty­pisch für Juris­ten. Man ver­misst etwa die Fest­stel­lung, dass die Regie­run­gen jedes Lan­des für Leib, Leben und Unver­sehrt­heit sei­ner jewei­li­gen Bür­ger und deren Eigen­tum ver­ant­wort­lich sind und die­ser Ver­ant­wor­tung unbe­dingt die Eigen­ver­ant­wor­tung jedes Ein­zel­nen vor­aus gehen muss. Damit wür­de ich einen sol­chen „Pakt“ begin­nen, aber ich bin ja auch par­tei­los, kein Poli­ti­ker und zu allem Über­fluss auch noch ein erz­li­be­ra­ler Spinner.

Migra­ti­ons­druck ent­steht ja erst – sieht man ein­mal ab von frei­wil­li­gen, legi­ti­men Ein­zel­ent­schei­dun­gen frei­er Men­schen, ihr Glück anders­wo zu suchen – durch Miss­stän­de in den Her­kunfts­län­dern: Kor­rup­ti­on, reli­giö­se Kon­flik­te, Raub­bau an der Natur, Über­be­völ­ke­rung, sozia­lis­ti­sche Gesell­schafts­ex­pe­ri­men­te, Tri­ba­lis­mus und man­gel­haf­te Rechts­sys­te­me. Kein Wort davon im GCM, nur die Fest­stel­lung, Migra­ti­on sei etwas ganz nor­ma­les und gutes, wo sie doch eigent­lich eine Aus­nah­me und sehr ambi­va­lent ist. Wäre es anders, hät­te die Mensch­heit das Noma­den­le­ben wohl nicht schon vor tau­sen­den Jah­ren aufgegeben.

Mit dem Glo­bal Com­pact for Migra­ti­on haben wir es offen­bar nicht mit einem Text zu tun, son­dern mit vie­len Tex­ten vie­ler Autoren. Was wir folg­lich in der Bun­des­tags­de­bat­te erleb­ten, war das selek­ti­ve Vor­tra­gen der eige­nen Zie­le und Vor­stel­lun­gen der Regie­rungs­par­tei­en, die sie mit gro­ßem Fleiß und unter Mühen dort hin­ein­ge­schrie­ben haben – aber das glei­che taten natür­lich auch die Ver­tre­ter ande­rer Staa­ten. Mit eben­so ver­ständ­li­chen, aber gänz­lich ande­ren Interessen.

Es liest: ein Herkunftsland

Ich bezweif­le nicht, dass etwa Har­b­arth und Mat­schie das im Pakt sehen, was sie zu sehen glau­ben. Ich bezweif­le, dass alles so kom­men wird, wie Har­b­arth und Mat­schie es dar­stell­ten, wenn nicht auch der Rest der Welt genau so tick­te, wie deut­sche Koali­ti­ons­po­li­ti­ker, die sich ganz vor­sich­tig einem dicken Ele­fan­ten zuwen­den, der seit 2015 igno­riert im Raum steht. Ob die Welt dies für erstre­bens­wert hält und uns bei unse­rer Selbst­fin­dung und Bewusst­wer­dung unter­stüt­zen möch­te? Des­halb lesen deut­sche Poli­ti­ker aus dem Text des GCM her­aus, dass zum Bei­spiel Afri­ka­ni­sche Län­der freu­dig ihre Sozi­al­stan­dards anhe­ben wer­den, um den Migra­ti­ons­druck von Deutsch­land zu neh­men, ganz so als sei dies ein Ziel, für das die Regie­rungs­chefs afri­ka­ni­scher Staa­ten zuhau­se gefei­ert und gewählt würden!

Es lohnt sich also, das UN-Papier noch­mals zu lesen, aber dies­mal mit den Augen der Poli­ti­ker am ande­ren Ende der per­ver­sen migran­ti­schen Ver­wer­tungs­ket­te, sagen wir mal bei­spiels­wei­se wie der lupen­rei­ne Scha­ria-Demo­krat Umar al-Baschir, der mit inter­na­tio­na­lem Haft­be­fehl gesuch­te Staats­prä­si­dent des Sudan, einem typi­schen „Her­kunfts­land“. Oder wie Idriss Déby es lesen wür­de, seit 1990 Prä­si­dent mit eigen­wil­li­gem Ver­ständ­nis von Gewal­ten­tei­lung des Tschad, eines typi­schen „Tran­sit­lan­des“. Für den Sudan sieht die Pro­gno­se des Bevöl­ke­rungs­wachs­tums noch für lan­ge Zeit Zuwäch­se von über 10% alle 5 Jah­re. Men­schen, die das Land in sei­ner aktu­el­len Ver­fas­sung kaum ernäh­ren kann, was sich ange­sichts eines rück­stän­di­gen Scha­ria-Staa­tes mit Stam­mes­kon­flik­ten und laten­tem Bür­ger­krieg auch so schnell nicht bes­sern wird. Das Inves­ti­ti­ons­kli­ma ist kata­stro­phal, das Rechts­sys­tem von der Scha­ria bestimmt, die Füh­rungs­cli­que kor­rupt bis unter den Turban.

Für den Sudan und sei­ne Regie­rung ist es des­halb ver­mut­lich nur von sehr unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung, wie die Sicher­heits­la­ge sich im Stadt­park von Frei­burg ent­wi­ckelt oder ob der Deutsch­leh­rer eines Inte­gra­ti­ons­kur­ses in Bochum ent­nervt einen offe­nen Brief an die Lokal­zei­tung schickt. Für den Sudan ist es wich­ti­ger, dass sich jun­ge, star­ke Suda­ne­sen gefahr­lo­ser auf den Weg durch Liby­en oder Tschad nach Euro­pa machen kön­nen, dort Zugang zu Arbeits­markt oder Sozi­al­sys­te­men erhal­ten, schnell Kon­ten eröff­nen zu kön­nen, um rasch Rück­über­wei­sun­gen in die Hei­mat vor­neh­men zu kön­nen. Der posi­ti­ve Effekt sol­cher Geld­trans­fers, die in Sum­me schon die welt­wei­te Ent­wick­lungs­hil­fe in den Schat­ten stellt, steht expli­zit im GCM! Dies sicher­zu­stel­len, ist ein erklär­tes Ziel des GCM.

Nur um das klar zu stel­len: dage­gen ist kaum etwas zu sagen! Was könn­te auch dage­gen­spre­chen, wenn jemand auf die­se noma­di­sie­ren­de Art sei­ne Fami­lie ernährt, weil kei­ne ande­re Mög­lich­keit besteht. Aber der Ent­wick­lung des Her­kunfts­lan­des dient das nicht und den Sozi­al­sys­te­men im Ziel­land dient es eben­falls nicht! Es per­p­etu­iert die Chan­cen­lo­sig­keit und sorgt für inno­va­ti­ons­lo­se Abhän­gig­keit in Afri­ka – ganz zu schwei­gen von der Fra­ge, wel­che Arbeits­märk­te Euro­pas dazu geeig­net wären, die­se Men­schen zu beschäf­ti­gen. Der „run to the bot­tom“ setzt bereits ein, wenn die Toma­ten­ern­te in Ita­li­en nicht mehr durch afri­ka­ni­sche Sai­son­ar­bei­ter, son­dern durch Migran­ten für noch weni­ger Geld erle­digt wird. Einen Auf­schrei der Gewerk­schaf­ten konn­te ich bis­her noch nicht ver­neh­men, dort möch­te man lie­ber den Min­dest­lohn erhö­hen, igno­rie­rend, dass die Bür­ger­schafts­ren­te der west­li­chen Welt dabei ist, wie Schnee in der Son­ne zu schmel­zen. Kein Natio­nal­staat, kein Sozi­al­staat – so ein­fach und grau­sam kann Mathe­ma­tik sein.

Es liest: ein Transitland

Liest man den Pakt mit den Augen der Regie­rung des Tschad, fin­det man das Ver­spre­chen von Regu­lie­rung, Infra­struk­tur und regu­lä­rem Trans­port der Migran­ten. Hilfs­gel­der win­ken, Aus­ga­be­stel­len für Ersatz­pa­pie­re müs­sen betrie­ben wer­den, Poli­zis­ten ein­ge­stellt wer­den um Schlep­per zu bekämpfen…das nen­nen ich einen ver­schäm­ten „Sei­den­stra­ßen-Effekt“. Man kann es auch mit dem Ent­ste­hen von Wirts­häu­sern ent­lang der Wege in Euro­pa ver­glei­chen. Dafür brauch­te man im frü­hen Mit­tel­al­ter fol­gen­de Fak­to­ren: Han­dels­we­ge, die län­ger als einen Tages­ritt sind und genü­gend Sicher­heit. Das mora­li­sche Pro­blem, dass die Ware im Jahr 2018 nicht Wol­le oder Getrei­de, son­dern Men­schen sind, blen­det man ein­fach aus. Aber um den läs­ti­gen Trans­port küm­mern sich ja ande­re, dann geht das schon.

Auch die­se Ver­spre­chen fin­den sich im Pakt und jeder Unter­zeich­ner fin­det für sich, sei­ne Inter­es­sen sei­en aus­rei­chend berück­sich­tigt. Alles, was man auf den zwei­ten Blick für pro­ble­ma­tisch hält, erklärt man für unver­bind­lich. Und weil ein jeder das so macht, ist am Ende der gan­ze Ver­trag unver­bind­lich und ver­bind­lich zugleich. Wir wer­den die Strei­te­rei­en erle­ben, wenn die Unter­zeich­ner sich gegen­sei­tig des Ver­trags­bruchs bezich­ti­gen, weil aus­ge­rech­net die­ser oder jener wich­ti­ge Punkt von der ande­ren Sei­te „falsch“ gewich­tet oder igno­riert wird. Deutsch­land wird viel­leicht fest­stel­len, dass sich die angeb­lich erleich­ter­te Rück­füh­rung ille­ga­ler Migran­ten als schwie­rig erweist, weil die Her­kunfts­staa­ten auf der Lega­li­tät ihrer Aus­wan­de­rer behar­ren und es ganz lukra­tiv fin­den, wenn Geld aus Euro­pa in die Hei­mat fließt, anstatt das Bevöl­ke­rungs­wachs­tums in die Rei­hen der Chan­cen­lo­sen im eige­nen Land ein­zu­rei­hen. Der Tschad wird viel­leicht mur­ren, weil nicht genug Gel­der flie­ßen, damit man vor Ort eine Schlag­kräf­ti­ge Trup­pe zur Schleu­ser­be­kämp­fung auf­bau­en kann, wor­auf­hin Deutsch­land zäh­ne­knir­schend „frei­wil­li­ge“ Unter­stüt­zung leis­ten wird. Der Sudan wird sich viel­leicht bekla­gen, dass es in Deutsch­land nicht genug Arbeits­plät­ze gibt, um Mer­ce­des-Ster­ne auf die Autos zu schrau­ben und das die Arbeits­be­din­gun­gen in der Erd­beer- und Spar­gel­ern­te zu hart seien…da die Prio­ri­tä­ten in jedem Land anders gesetzt sind, ist eine umfas­sen­de Ent­täu­schung vor­pro­gram­miert. Mindestens.

GCM: Gruß aus der Küche

Der Text des Glo­bal Com­pact for Migra­ti­on wirkt, als hät­te man Vor­spei­se, Haupt­ge­richt und Des­sert gleich­zei­tig und in einem Topf gekocht. Am Ende kom­men zwar alle Zuta­ten zusam­men, jeder durf­te etwas zum Rezept bei­steu­ern, aber ein schmack­haf­tes Menü wird das sicher nicht. Damit am Ende nicht die kom­plet­te Ent­täu­schung ein­tritt, tip­pe ich dar­auf – und die Bun­des­tags­de­bat­te bestä­tigt mich in die­ser Mei­nung – dass vor allem Deutsch­land eini­ge Löf­fel die­ses Brei­es, der nur noch als Nep­tuns Spei­se auf einer Äqua­tor­tau­fe oder zum Tau­ben ver­gif­ten taugt, hin­un­ter­wür­gen wird. Grün-fah­le Gesichts­far­be und Magen­krämp­fe inclu­si­ve. Wir schaf­fen das!

Nun isses halt da und mei­ne Groß­mutter wür­de sagen, dass geges­sen wird, was auf den Tisch kommt. Der Deut­sche wirft ja nichts weg. Essen nicht, Vor­ur­tei­le nicht, Ideen nicht. Von nichts kön­nen wir uns tren­nen, auch nicht von der Vor­stel­lung, die Welt müs­se idea­ler­wei­se so ticken wie wir. Wir betrei­ben stets alles bis zum bit­te­ren Ende, meist bis zur Kata­stro­phe, und sei es nur aus Prin­zip. Selbst wenn sich unse­re Plä­ne lang­fris­tig als Schnaps­ideen erwei­sen soll­ten wie die Ener­gie­wen­de, die Euro­ret­tung oder aktu­ell die glo­ba­le Steue­rung und Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der Migra­ti­on, bei der jeder sich aber aus­su­chen kann, was er für ver­bind­lich und was für obso­let hält.

Jeder wie er will

Zum Abschluss noch eine Anek­do­te, die mit Sicher­heit erfun­den ist, aber hier den­noch gut passt. Als bei der Pla­nung des Euro-Tun­nels zwi­schen Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en in einer wei­te­ren Aus­bau­stu­fe neben der Zug­stre­cke auch Auto­ver­kehr ange­dacht war, stand die Fra­ge im Raum, ob unter dem Kanal Rechts- oder Links­ver­kehr gel­ten soll­te. Gerüch­ten zufol­ge gab es einen gera­de­zu salo­mo­ni­schen Vor­schlag der Queen, dass doch ein­fach jeder auf sei­ner Sei­te fah­ren kön­ne. Ich ver­mu­te, so in etwa könn­te auch der Glo­bal Com­pact for Migra­ti­on funktionieren.

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8 Kommentare

  1. Einer der bes­ten Bei­trä­ge zu die­sem Thema.Respekt!

    Nur, und das ist auch anzu­mer­ken, bleibt Deutsch­land wohl das ein­zigs­te Land in Euro­pa, wel­ches die­sen Pakt ohne wenn und aber unterfertigt.
    Soll­te es soweit kom­men, wer­den die wohl­ha­ben­den Deut­schen aus dem BRD- Kal­kut­ta samt ihrem Ver­mö­gen zu migrie­ren wis­sen, in die Schweiz, nach Öster­reich, nach Ungarn oder USA.

    Ja, dann ist auch vor­bei mit fei­ne Sah­ne Fisch­fi­let, dann gibt’s afri­ka­ni­schen Hir­se­brei nach Messerstecherart.

  2. Es macht alles Sinn – unter der Prä­mis­se, dass alles, was Deutsch­land scha­det, gut sei für die Welt. Also aus grü­ner Sicht.

    Opfer bei Char­lie Heb­do, im Bata­clan, in Niz­za oder in diver­sen euro­päi­schen Bahn­hö­fen sind rei­ne Kol­la­te­ral­schä­den bei der glo­ba­len Selbst­fin­dungs­the­ra­pie unse­res Vol­kes. Des drit­ten über­mensch­li­chen Groß­ver­suchs in hun­dert Jahren.

    Wer Islam­wis­sen­schaft, Tur­ko­lo­gie und Juda­is­tik stu­die­ren kann mit „mini­mal Ara­bisch“, „etwas Tür­kisch“ und offen­bar Null Hebrä­isch, ist auch beru­fen, dem Welt­geist bei der Kor­rek­tur sei­ner his­to­ri­schen Feh­ler bei­zu­ste­hen. Das übri­ge welt­frem­de Jung­ge­mü­se die­ser Par­tei tickt offen­bar ähn­lich: Von nichts ’ne Ahnung, zu allem eine Mei­nung. Da lobe ich mir die jüngs­ten Äuße­run­gen von Boris Pal­mer und Win­fried Kret­sch­mann, aus denen die Lebens­er­fah­rung spricht.

    Übri­gens wer­den weder Deutsch­lands Nach­barn noch die Welt­mäch­te ein Alma­ni­stan in der Mit­te Euro­pas dulden.

    • Bei Kret­sch­mann bin ich mir ziem­lich sicher, dass er nur sein Kli­en­tel im Rot­wein­gür­tel vor erschre­cken­den Erfah­run­gen bewah­ren will. Poli­ti­kern die mir sagen: „Bleib wo Du bist, wir regeln das schon“, machen das nur, damit ihr eige­ner Flucht­weg frei bleibt.
      Wohlan…

  3. Ihnen fal­len wirk­lich die bes­ten Bil­der und Bezü­ge ein.
    Ich wäre nie auf einen sol­chen Anfang gekommen.
    Ein­fach klasse.
    Exzel­len­te Darstellung!
    Ihr schwar­zer Humor gefällt mit außer­or­dent­lich gut.
    Er hilft mir, nicht völ­lig zu ver­zwei­feln ange­sichts die­ser Tragödie.
    Danke!

  4. Ich sehe ver­ge­wal­tig­te und ermor­de­te Frau­en, beraub­te und zusam­men­ge­schla­ge­ne Schü­ler und Jugend­li­che, per­ma­nen­te Beläs­ti­gun­gen in Schwimm­bä­dern, Parks, in Wald und Flur Ich sehe ein anwach­sen der Steu­ern, weil wir mehr Bul­len und Bulet­ten brau­chen wer­den; natür­lich auch mehr Leh­rer und noch mehr frei­wil­lig täti­ge NGO‚ler*innen, die natür­lich sub­ven­tio­niert wer­den müs­sen und ich sehe einen neu­en rie­si­gen Bau an des­sen Pfor­te steht : Dem inter­na­tio­na­len Migran­ten. Dort sit­zen dann Özü­güls Nachfolger*innen und ver­tei­len das dem dt. Volk geraub­te Gut.

  5. Schwarz-links-grün gewählt, schwarz-links-grün lie­fert. Mit freund­li­cher Unter­stüt­zung der „Qali­täts­me­di­en“ (ö‑r eben­so wie pri­va­te). Wohlan!

  6. Ganz aus­ge­zeich­net! Die letz­ten bei­den Kapi­tel (Gruß aus der Küche und Jeder wie er will) beschrei­ben den bit­te­ren Ernst über die Aus­wir­kung des Pak­tes auf äußerst humo­ris­ti­sche Wei­se (Gal­gen­hu­mor). Dan­ke dafür!

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