Georg Diez
Georg Diez

Georg Diez, Kolum­nist u. a. bei SPON, befasst sich mit dem „Wesen neurecht­en Opfer­diskurs­es“ in seinem Artikel „Wahrheit ist ein zartes Gut“. Ich möchte ihm gern antworten.

Sehr geehrter Herr Diez,

Sie schreiben in Ihrer Kolumne „Die Wahrheit ist ein zartes Gut, sie ist nicht für alle sicht­bar und nicht zu jed­er Zeit, und möglicher­weise gibt es sog­ar mehrere Wahrheit­en.“ Zum Glück haben wir ja Sie, um uns beim Erken­nen der Wahrheit zu helfen. Ich wage es kaum, Ihren Artikel weit­er zu lesen. „Aber es ist das Wesen der Wahrheit, dass sie sich nach und nach offen­bart“ – wom­it wir dann aber schon im Bere­ich der Reli­gion wären und Sie somit der Prophet der Ver­i­tas, dem Offen­barung zuteil wurde. Einem der wenig­sten Jour­nal­is­ten in diesen Tagen, würde ich sagen!

Ich liebe ja ein­fache Erk­lärun­gen, und Sie wen­den Ock­hams Gesetz offen­sichtlich auch gern an: „Warum also war es nicht ein­fach Polizeiver­sagen?“ Nun, weil es lei­der nicht so ein­fach war, und wir lei­der nicht in ein­er Zeit leben, in der Wün­schen wirk­lich hil­ft, ver­flixt und zugenäht! Soviel Offen­barung wurde bere­its unter das unwis­sende rechtsver­siffte Volk gebracht. Außer­dem erk­lärt, entschuldigt oder rel­a­tiviert ein Ver­sagen der Polizei nicht die Straftat­en an sich.

Sie blick­en ver­gle­ichend nach Frankre­ich, Herr Diez: „Es gab Tote, es gab auch im Novem­ber Tote. Die Täter kamen aus der Mitte der Gesellschaft. Es war ein Schock. Die Nation reagierte ohne jede Hys­terie, ohne Hass“. Der Blick in Nach­bars Gärten zeigt Ihnen offen­sichtlich über­all pralles Leben und ratio­nales Han­deln, in Deutsch­land hinge­gen hän­gen nur vertrock­nete Dep­pen­früchte an den Bäu­men der Intol­er­anz, die zudem nicht in der Lage seien, importierte europäis­che Kul­tur zu rezip­ieren. So viel Selb­stver­ach­tung kann ich beim besten Willen nicht auf­brin­gen, mein Blick nach Frankre­ich fällt auch anders aus als der Ihre. Ich halte die Flüchtlingspoli­tik der Bun­desregierung für eine wichtige Ursache für die Vor­fälle am Sil­vester­abend. Beson­ders die arro­gante Bevor­mundung der eige­nen Bevölkerung. Merkels Kurs ist mein­er Mei­n­ung nach eine Aneinan­der­rei­hung von Rechts­brüchen, Katas­tro­phen und Zumu­tun­gen, der von Pan­nen und Fehlein­schätzun­gen begleit­et wird. Ich empfinde Teile der medi­en­wirk­sam zele­bri­erten „Willkom­men­skul­tur“ ger­adezu als naiv – aber ich bewun­dere auch den per­sön­lichen Ein­satz der frei­willi­gen Helfer, die den verord­neten Rechts­bruch der Regierung durch Eigenini­tia­tive abfed­ern. So wird Regierungsver­sagen an die Zivilge­sellschaft zur Schadens­be­gren­zung delegiert – Kan­z­lerin­nen­mot­to ist „zuteilen und herrschen“. Ein Teil der Kon­se­quen­zen wird uns wohl noch erhe­blich verun­sich­ern.

In Frankre­ich, Herr Diez, sind Hys­terie, Hass und Aus­gren­zung unter­dessen zu Hochform aufge­laufen, auch wenn das Ihrer Aufmerk­samkeit ent­gan­gen ist. Juden ver­lassen in Scharen das Land, Fran­zosen stell­ten in Israel im Jahr 2015 das größte Ein­wan­der­erkontin­gent. Und beim Blick über den Rhein sind Ihnen doch glatt die „Europafre­unde“ des FN ent­gan­gen, der nur durch einen poli­tis­chen Selb­st­mord der Linken vom Wahlsieg bei den Kom­mu­nal­wahlen abge­hal­ten wer­den kon­nte. Ich wüsste auch gern, wo Sie die „Mitte der Gesellschaft“ in Frankre­ich verorten, aus der die Mörder von Paris gekom­men sein sollen.

Herr Diez, Sie schreiben, „Es ist Wesen der Recht­en, dass sie gern nach Werten rufen, obwohl es Geset­ze gibt. Sie haben ein kul­tur­al­is­tis­ches Welt­bild, …sehen, mit anderen Worten, über­all Kul­turkriege. Weil sie selb­st Kul­turkrieger sind. Sie beschreiben die Welt mit ihren Worten. Sie kom­men nicht so leicht aus ihrem Kopf her­aus. Sie haben ein Prob­lem mit der Wirk­lichkeit. Deshalb wer­fen sie anderen auch so gern vor, dass die ein Prob­lem mit der Wirk­lichkeit hät­ten. Der Rechte hat gel­ernt, mit seinen Defiziten kreativ und aggres­siv umzuge­hen.“ Zu dieser Polemik kann ich Ihnen nur grat­ulieren. Ich kann zwar nicht wirk­lich genau sagen, wie ein Rechter so denkt, wenn man aber in dem Zitat nur das Wort „Rechte“ gegen ein anderes tauscht, kön­nte Ihr Text auch als Teil ein­er Rede von Don­ald Trump („Mus­lime“ ein­set­zen), der Hamas („Juden“ ein­set­zen) oder des Iranis­chen Präsi­den­ten („USA“ ein­set­zen) sein. Außer­dem sei daran erin­nert, dass Sie, sehr geehrter Herr Diez, auch nichts anderes tun als „die Welt mit ihren Worten“ zu beschreiben und ich ver­mute, Sie haben genau diesel­ben Prob­leme aus Ihrem Kopf her­aus zu kom­men, wie andere Men­schen auch. Ich komme mor­gens nur mit Mühe aus meinem Bett, aus meinem Kopf schaffe ich es so gut wie nie!

Ach, und Herr Diez, Sie soll­ten sich schon entschei­den. Sie kön­nen den hys­ter­ischen Massen nicht ein­er­seits autoritären Staats­glauben vor­w­er­fen, während Sie ander­er­seits fordern, man hätte „abwarten [sollen] und her­aus­find­en, was dort in der Sil­vester­nacht passiert war“. Der autoritäre Staats­glaube ist den Deutschen schon lange abhan­den gekom­men, er hat bin­nen eines Jahres fast geräusch­los der Frus­tra­tion Platz gemacht. Dem autoritären Staat hinge­gen fällt nichts Besseres ein, als auf die Vor­fälle von Köln mit der Ankündi­gung ver­schärfter Überwachung zu reagieren. Noch mehr Staat also. Und was das Abwarten ange­ht, liegen Sie auch kausal daneben. „Was wirk­lich passiert ist“ wäre wom­öglich nie pub­lik gewor­den, wenn es nicht ein paar Ihrer Beruf­skol­le­gen gegeben hätte, die schon bei ungesichert­er Fak­ten­lage Kom­mentare auf vie­len Kanälen abgaben. So etwas machen Jour­nal­is­ten gele­gentlich, habe ich gehört. Nicht alle und schon gar nicht so ser­iöse wie Sie, aber die von Springer, RTL2 und Express…nun drück­en Sie mal ein Auge zu! Das zarte Gut, wie Sie die Wahrheit nen­nen, muss lei­der manch­mal ger­adezu ans Licht gez­er­rt wer­den, weil es sich nur allzu bere­itwillig ver­steckt und ver­steck­en lässt.

Akute Links-Rechts-Legasthenie

Was waren das doch für idyl­lisch klare Zeit­en, als man an der Rich­tung, die ein Abge­ord­neter beim Betreten seines Par­la­ments ein­schlug, klar auf seine Gesin­nung schließen kon­nte. Der lib­erale, linke oder kon­ser­v­a­tive Stall­geruch umgab jeden Poli­tik­er dieses Lan­des wie die olfak­torische Aura eines Fis­chhändlers im Mit­te­lal­ter. Linke, Rechte, Lib­erale. Let­ztere eigentlich wed­er links noch rechts, aber immer mit dem einen oder anderen Lager ver­ban­delt. Hin­ter den Lager­be­grif­f­en ver­bar­gen sich Gedankenge­bäude, die die Welt wie Moses das rote Meer in Gut und Böse teilen, in richtig und falsch, in Fre­und und Feind. Vor­bei, die Gedankenge­bäude sind ein­sturzge­fährdet.

Georg Diez ver­sucht – und ist damit nicht allein – das aktuelle deutsche Chaos mit Links-Rechts-Begrif­f­en zu erk­lären, die zum Teilen der Wass­er- oder Men­schen­massen in „gut“ und „böse“ längst nicht mehr tau­gen. Es gibt kein links und rechts in Flüchtlings- oder Sicher­heits­fra­gen. Es gibt keine Parteien oder Lager, die man ein­deutig „Lasst sie alle rein“ und „Werft sie alle raus“ beze­ich­nen kön­nte. Wenn man von eini­gen Spin­nern ein­mal absieht, gab es auch keine Gen­er­alschuld­de­bat­ten nach den Über­grif­f­en von Köln, nur deren reflex­hafte Abwehr.

Inter­esse, Protest, Wider­spruch und Bürg­er­beteili­gung sind schon seit Jahren nur noch sehr ziel­gerichtet und stark spezial­isiert zu haben. Warum son­st schwinden die Mit­gliederzahlen der „Großen Parteien“, die mit ihren ehe­mals „Großen Lin­ien“ und ihrer his­torisch starken links/rechts-Polar­isierung große Mühe haben, dem all­ge­gen­wär­ti­gen Dien­stleis­tungs­gedanken zu entsprechen? Warum ist es so viel leichter, 653.227 Ham­burg­er dazu zu bewe­gen, über Olympia abzus­tim­men (50% der Wahlberechti­gen), als Men­schen zum Beitritt zu ein­er poli­tis­chen Partei egal welch­er Couleur zu bewe­gen (1,8% der Beitritts­berechtigten, auch Rekru­tierungs­fähigkeit genan­nt)? Unsere große Koali­tion­sregierung hat das Lager­denken längst abgeschafft. Und für Angela Merkel gibt es kein Links und Rechts mehr, son­dern nur noch die Guten, die ihr fol­gen und die Anderen, die ihr im Weg ste­hen. Ganz nach dem Mot­to von Wil­helm Zwo, der keine Parteien mehr kan­nte, son­dern nur noch Deutsche.

Ratlos

Herr Diez, mich erschreckt ehrlich gesagt vor allem die Kälte, die Ihre Kolumne ausstrahlt. Beson­ders rhetorische Fra­gen wie „was wäre, wenn es deutsche Staats­bürg­er wären“ oder Ein­wür­fen wie „wer Frauen schützt, muss auch Flüchtlinge schützen“. Ihr Text lässt mich rat­los zurück, Sie ver­mit­teln aber den Ein­druck, dass „die Recht­en“ auf­grund von Hys­terie, Vorurteilen und kul­tureller Flach­hirnigkeit das eigentliche Prob­lem sind. „Nur jemand, der in reinen Wahrheit­en denkt, würde sagen, dass bei ein­er Mil­lion Men­schen nicht rein sta­tis­tisch eine gewisse Anzahl an Schurken und Arschlöch­ern dabei ist.“ Es wird den belästigten Frauen ein unge­heur­er Trost sein, dass die Sta­tis­tik auf ihrer Seite ist, wenn es schon die Polizei nicht war. Sta­tis­tisch gese­hen gibt es fast nie Grund zu Angst und Hys­terie.  Man kön­nte die Sta­tis­tik aber auch für einen Moment bei­seit­elegen und sich ern­sthaft mit den Äng­sten der Men­schen befassen, egal wie belan­g­los sie Ihnen sta­tis­tisch erscheinen mögen.

Ich hoffe, Herr Diez, dass Sie Ihrem Kind (sofern Sie eines haben) nicht erzählen, dass im Schrank sta­tis­tisch kein Mon­ster ver­steckt sein kann, son­dern es davon überzeu­gen, dass kein Mon­ster da ist und Sie es vertreiben wer­den, wenn Sie doch eins find­en. Lesen Sie nicht nur Hunt­ing­ton, lesen Sie auch Käst­ner. Der hat mal gesagt: „Wenn ein­er keine Angst hat, hat er keine Phan­tasie.“ Und nehmen Sie sich Tuchol­sky zu Herzen, der schrieb: „In Deutsch­land gilt der­jenige, der auf den Schmutz hin­weist, für viel gefährlich­er als der­jenige, der den Schmutz macht.“

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