Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht zu den Men­schen gehöre, die Ver­schwö­rungs­theo­rien anhän­gen. Ich werde schon miss­trau­isch, wenn auch nur von „großen Plänen“ oder „gehei­men Treffen“ die Rede ist, weil das, was sich in Wirk­lich­keit hinter ver­mu­te­ter Macht und Herr­lich­keit ver­birgt, oft an Bana­li­tät kaum zu über­tref­fen ist. Deshalb fällt es mir in letzter Zeit zuneh­mend schwe­rer, die Beweg­gründe der hys­te­ri­sier­ten Massen zu ver­ste­hen, die sich unter selbst­ge­mal­ten Pla­ka­ten ver­sam­meln, deren Infor­ma­ti­ons­ge­halt nur mit Mühe einen Glück­skeks füllen würde, und ihren Hass in aggres­si­ven Schlacht­ge­sän­gen gegen Ange­hö­rige eine von ihnen ver­ach­te­ten Min­der­heit von Mit­bür­gern her­aus­brül­len, weil diese poli­tisch nicht ihrer Meinung sind.

Diese Pro­teste, vom linken Lager aus Alt­kom­mu­nis­ten, Antifa, Linken und leider auch Gewerk­schaft­lern an- und durch­ge­führt, unter­schei­den sich in meiner Wahr­neh­mung leider kein Biss­chen von den Auf­mär­schen, die Pegida und ihre Ableger ver­an­stal­ten und dabei ist es doch angeb­lich die „Zivil­ge­sell­schaft“, die gegen AfD, Pegida & co mobi­li­siert wird. Zivi­li­siert ist das aber gerade nicht, was da zu sehen und zu hören ist. Sei’s drum, es gibt kein Grund­recht auf zivi­li­sierte Debat­ten und jeder pöbelt auf seinem Niveau eben so gut er kann. Was ich jedoch dem DGB vor­werfe ist die Tat­sa­che, dass man sich dort mitt­ler­weile so offen auf den „neuen Feind“ AfD ein­ge­schos­sen hat, dass man den eigent­li­chen Daseins­zweck einer Gewerk­schaft etwas aus den Augen ver­lo­ren zu haben scheint.

Guido Reil (AfD) ist Gewerk­schafts­ver­tre­ter, Betriebs­rat und „Kumpel“. Doch in den Augen vieler DGB-Funk­tio­näre und Demons­tran­ten eben auch ein Ver­rä­ter, ein Abtrün­ni­ger, eine Unper­son und damit ein legi­ti­mes Angriffs­ziel. Er trat aus der SPD aus und der AfD bei, er hatte seine Gründe, die ich hier nicht hin­ter­fra­gen werde. Es war seine Ent­schei­dung und er hatte jedes Recht, sie genau so zu treffen. Er ist nicht der Teufel. Er ver­stößt auch gegen kein Gesetz. Aber er ist eben immer noch Gewerk­schaf­ter und als solchem ist die Kund­ge­bung des DGB am 1. Mai sowas wie sein Oster­sonn­tag. Ein Tag, den er 2017 aller­dings nur unter Poli­zei­schutz ver­brin­gen kann, wie dieses Video zeigt.

Ich kann mich auch heute noch nicht von manchen linken Ideen ver­ab­schie­den, die ich schon für richtig und wichtig hielt, als ich noch jünger und naiver war. Dazu gehört, dass eine Gewerk­schaft die Inter­es­sen ihrer Mit­glie­der, der Arbei­ter und Ange­stell­ten ver­tritt und dass dies auch gut so ist. Dies ist dem DGB und den ein­zel­nen Gewerk­schaf­ten von der Ver­fas­sung garan­tiert und der Gewerk­schafts­bund kann dieser Aufgabe nach­ge­hen, weil wir in einer Demo­kra­tie leben und eben gerade nicht im Sozia­lis­mus, welcher ent­ge­gen aller Träu­me­reien in den Farben von Marx, Mao und Maduro leider kein Arbei­ter- und Bau­ern­pa­ra­dies war oder ist. Wenn ich nun sehe, wie Ver­tre­ter der Neo-Kom­mu­nis­ten von der MLPD (mar­xis­tisch-leni­nis­ti­sche Partei Deutsch­lands) unter der Flagge der Gewerk­schaft mit mar­schie­ren und skan­die­ren, obwohl Frei­heit und Demo­kra­tie das Letzte wären, was zu den Zielen der MLPD gehört und dass Gewerk­schaft­ler gemein­sam mit diesen geschichts­ver­ges­se­nen Jam­mer­ge­stal­ten auf andere Gewerk­schaft­ler los geht, weil sie „der fal­schen Partei“ ange­hö­ren, emp­finde ich das als Ver­trau­ens­bruch gegen­über vielen Gewerk­schafts­mit­glie­dern und als unzu­läs­si­gen Dop­pel­stan­dard bei der Behand­lung poli­ti­scher Über­zeu­gun­gen. Wer die AfD für extre­mis­tisch hält, die MLPD jedoch freudig begrüßt, gehört zu den ein­äu­gi­gen Zeloten!

Der erste Mai ist vorbei und ich gebe die Hoff­nung noch nicht auf, dass die Ver­nunft wieder Einzug hält in die poli­ti­schen Debat­ten – in den Sälen wie auf den Straßen. Viel­leicht hilft ja ein kleiner, iso­lier­ter Blick in die Ver­gan­gen­heit, als es wirk­lich ein „Dun­kel­deutsch­land“ gab, in dem auch ich mich auf­zu­hal­ten gezwun­gen war. Eine Zeit, in der die Gewerk­schaf­ten ihre Ziele, nämlich für das Wohl der Arbeit­neh­mer zu arbei­ten, schon einmal kom­plett aus den Augen ver­lo­ren hatten, weil sie sich einer ein­zi­gen poli­ti­schen Doktrin unter­war­fen, neben der sie keine abwei­chende Meinung gelten ließen. Ich finde die Situa­tion heute fast noch schlim­mer, weil die Unter­wer­fung diesmal frei­wil­lig geschieht. Die Männer, von denen in meiner kleinen, waren Geschichte die Rede sein wird, waren übri­gens alle in der Gewerkschaft…es half ihnen nichts, weil ihre Gewerk­schaft sich in der DDR lieber dem „Kampf gegen den Faschis­mus“ ver­schrie­ben hatte, als sich die Arbeits­be­din­gun­gen ihrer Mit­glie­der ange­le­gen sein zu lassen.

Graue Männer um halb sechs

1985. Der Wecker klin­gelt um vier Uhr. Nach dem Mor­gen­ri­tual im Bad und einer Tasse stärks­tem Kaffee, der als Faust im Magen zusam­men mit drei Löffeln Zucker den Körper von innen zu wecken hat, geht es per Fahrrad durch die Rest­nacht zum Bahnhof. Viertel vor sechs ab Wei­ßen­fels nach Halle an der Saale. Berufs­schule. Die Waggons der Reichs­bahn, in denen es stets nach einer jahr­zehn­te­al­ten Patina aus Asche, kaltem Rauch, brü­chi­gem Kunst­le­der, Schweiß, Kotze, Pisse und Boh­ner­wachs riecht, sind in Wei­ßen­fels noch fast leer und im Winter ent­we­der über­heizt oder ein­ge­fro­ren. Die beiden Abteile im letzten Waggon gleich vorn bei den Türen bleiben stets frei, keiner der Rei­sen­den mit Ziel Halle nimmt hier Platz. Denn dort sammeln sich an den nächs­ten Sta­tio­nen die grauen Männer, für die der Mor­gen­zug immer am Bahnhof „Buna-Werke“ Schko­pau endet. Glück­lich, wer dort nicht aus­stei­gen muss.

Ein Blick in die leeren Augen, die aus­ge­mer­gel­ten Gesich­ter und auf die fahle, graue Haut dieser Männer lässt zwar kaum keinen Rück­schluss auf ihr tat­säch­li­ches Alter zu, die wahr­schein­li­che Lebens­er­war­tung ist aber sicher nicht weit von dem ent­fernt, was da vor den anderen Mit­rei­sen­den in den ange­stamm­ten Abtei­len gerade Platz nimmt. Die grauen Männer sehen eher tot als leben­dig aus. Es sind die soge­nann­ten „Karbid-Stecher“, die an den ver­rot­te­ten, früh­in­dus­tri­el­len Anlagen der Buna-Werke mit langen Schür­ha­ken die brockig-zähe Karbid-Masse aus den Pro­zess­öfen kratzen, die für den ver­zö­ger­ten Unter­gang der DDR min­des­tens genauso wichtig ist, wie Strauß-Kredite und Gor­bat­schow-Erdöl. Diese Männer tun ihre Arbeit in pro­tu­ber­an­ter Hitze und Gestank, umgeben von gif­ti­gen Gasen, bei stän­di­ger Explo­si­ons­ge­fahr und nur von erheb­li­chen Mengen jener Flüs­sig­keit zu leid­li­cher Funk­ti­ons­fä­hig­keit über­re­det, welche in unter­schied­li­chen Dosie­run­gen und Geschmacks­rich­tun­gen die gesamte DDR am Laufen hält. Schnaps.

Sobald min­des­tens zwei Grau­ge­sich­ter im Abteil bei­sam­men­sit­zen und die Flasche Bergmann’s Gru­ben­fu­sel einige Male her­um­ge­reicht ist, erwa­chen die Lebens­geis­ter in den stein­alt aus­se­hen­den Männern, wie wenn Öl auf eine erlö­schende Lampe gegos­sen würde. Jeder Mit­rei­sende im Zug weiß, dass die Arbeit an den Öfen in Zusam­men­spiel mit Alkohol und DDR-Lot­ter­wirt­schaft die Dochte dieser Männer von Tag zu Tag ein ordent­li­ches Stück kürzer werden lässt, wenn ihnen eine Explo­sion am Karbid-Ofen dabei nicht zuvor kommt – und die grauen Männer wissen es auch. Sicher scheint nur, dass jeder von ihnen eines Tages beim Begie­ßen der Lampe die eigene Flamme löschen wird und Rei­sende wie ich schauen ihnen Morgen für Morgen mit Abscheu, Angst, Resi­gna­tion und dem Gefühl dabei zu, mit einer Faust aus Mucke­fuck und Zucker im Bauch gera­dezu pri­vi­le­giert zu sein.

1990. Im Februar explo­dierte einer der Karbid-Öfen in den Buna-Werken, fünf graue Männer starben in einem lava­hei­ßen Inferno, mehr als 20 wurden ver­letzt. Es war der letzte schwere Karbid-Unfall im Werk, dass bald genauso still­ge­legt wurde wie die DDR.

Sterben, schla­fen,
saufen und kein Träumen.
Nichts weiter.
(Hamlet am Kar­bi­dofen)

Das ist die Rück­sicht,
Die Elend lässt zu hohen Jahren kommen.
(40 Jahre DDR, und immer noch Hamlet)