Guy-Fawkes-Maske-HutWenn man eine Offi­ziers­lauf­bahn in der Bun­des­wehr anstrebt, erwei­sen sich eine Ganz­kör­per­tä­to­wie­rung als eher hin­der­lich. Falls es Ihr Traum ist, im Kun­den­be­reich einer Bank zu arbei­ten, sind zwei Pfund Chrom­stahl im Gesicht nicht hilf­reich und sollten Sie anstre­ben, die Nach­rich­ten der Tages­schau vom Tele­promp­ter abzu­le­sen, wäre es eine schlechte Idee, Ihre Zunge vorher chir­ur­gisch in die einer Schlange ver­wan­deln zu lassen.

Es gibt „Dis­kri­mi­nie­run­gen“ in unserem Land, die „Common Sense“ sind. Ein­zel­fälle, Nich­tig­kei­ten, die selbst von den Betrof­fe­nen nicht als solche Wahr­ge­nom­men werden, weil diese kaum auf die Idee kämen, sich äußer­lich einer­seits stark zu ver­än­dern und dann ande­rer­seits die Akzep­tanz der Mit­men­schen bei der Berufs­wahl ein­zu­for­dern. Es gibt sie aber auch dort manch­mal: Fälle von auf die Spitze getrie­be­nem Indi­vi­dua­lis­mus dem ein Wider­spruch inne­wohnt: „Ich bin anders als du – behandle mich aber gefäl­ligst nicht, als sei dir fremd, was ich tue oder wie ich aussehe“.

Wie verhält sich die Sache aber mit der Voll­ver­schleie­rung, die von vielen deut­schen Bürgern als ähnlich ver­stö­rend emp­fun­den wird und warum wird aktuell ver­sucht, eine Ent­schei­dung über das Verbot von Burka und Niqab her­bei­zu­füh­ren, während niemand auch nur auf die Idee kommt zu ver­bie­ten, sich hau­fen­weise Schrau­ben, Nägel und Bolzen in’s Gesicht zu tackern? Ist es nicht so, dass in Deutsch­land jeder rum­lau­fen kann, wie er oder sie es will? Gibt es nicht die freie Wahl, sich in einer Cas­ting­show zum Affen zu machen oder sich hinter einem Gesichts­schleier vor der Welt zu ver­ste­cken? Dem Mega-Pier­cing haftet meiner Meinung nach ein genauso berech­tig­tes „Ja, aber” an, wie der Burka oder dem Niqab.

Vollverschleierung, mal ohne Tintenfischbezug

Eines merkt man unseren Poli­ti­kern an: Sie befas­sen sich nur sehr ungern mit dem Thema. Immer wieder scheint in der Argu­men­ta­tion der Haupt­grund durch, nämlich, dass man dieses Feld des öffent­li­chen Dis­kur­ses nicht kampf­los der AfD über­las­sen will. Ich kenne die Umfra­ge­werte nicht, nehme aber an, dass die über­ra­gende Mehr­heit der Deut­schen nichts dagegen hätte, wenn die Voll­ver­schleie­rung per Gesetz ver­bo­ten würde. Wer in der Debatte also in dieses Horn bläst, weiß sich auf der siche­ren Seite der Mehr­heit.

Dabei ist das Thema bisher prak­tisch ja wirk­lich kaum rele­vant! Burkas bekom­men wir hier nur zu Gesicht, wenn ein sau­di­scher Prinz zum Shop­ping mit seinen Frauen nach Baden-Baden ein­fliegt oder den Service deut­scher Kli­ni­ken in gesund­heit­li­chen Fragen in Anspruch nimmt. Man sagt sich dann „Es sind unsere Gäste“, freut sich über den Extra-Umsatz und ist froh, wenn der exo­ti­sche Fle­der­maus-Schwarm wieder die private „Gulfstream” bestie­gen hat. Die Anzahl der Voll­ver­schlei­er­ten Frauen, die in Deutsch­land wirk­lich leben, dürfte derzeit kaum die 2.000 über­stei­gen. Trotz der gerin­gen Zahl schaf­fen es aber immer wieder Vor­fälle in die Nach­rich­ten, weil diese Voll­ver­schleie­rung mit dem prak­ti­schen Leben in Deutsch­land kol­li­diert. Wenn zum Bei­spiel eine Frau im Niqab eine Bank­fi­liale auf­sucht und gerade keine Mit­ar­bei­te­rin Dienst hat, der gegen­über sich die Ver­hüllte in einem „siche­ren Raum“ iden­ti­fi­zie­ren könnte. Oder wenn ein Kin­der­gar­ten darauf besteht, die Gesich­ter der Mütter sehen zu können, die irgend­wel­che Kinder aus dem Kin­der­gar­ten abholen wollen. Als ebenso kom­pli­ziert erweist es sich, wenn voll ver­schlei­erte Frauen vor Gericht auf­tre­ten müssen oder durch Flug­ha­fen­kon­trol­len gelan­gen wollen.

Die Befür­wor­ter der Burka berufen sich ent­we­der auf die Reli­gi­ons­frei­heit oder die Frei­wil­lig­keit. Diese Argu­mente sind schwach, denn man kann die Burka auch als Symbol für das Patri­ar­chat und Grup­pen­in­dok­tri­na­tion sehen. Beides sind Aspekte, die dem durch­schnitt­lich indi­vi­dua­lis­ti­schen und femi­nis­ti­schen Euro­päer sauer auf­sto­ßen. Ringt man sich dennoch dazu auf, die Burka nicht abzu­leh­nen, tun das viele nicht aus Tole­ranz, sondern aus Gleich­gül­tig­keit. Man sieht ja sowieso keine Frauen so rum­lau­fen, also kann man es ja gestat­ten. Mit der­sel­ben „Betrifft-mich-nicht-Ein­stel­lung“ könnte man auch UFO’s das Parken im abso­lu­ten Hal­te­ver­bot gestat­ten – außer an galak­ti­schen Fei­er­ta­gen natür­lich!

Das Argu­ment der Frei­wil­lig­keit ist auch aus einem anderen Grund kein starkes. Man muss dann nämlich fragen, ob man auf sein indi­vi­du­el­les Recht auf gesell­schaft­li­che Teil­habe und Gleich­be­rech­ti­gung einfach so ver­zich­ten kann. Wäre zum Bei­spiel ein Vertrag, den Sklave und Skla­ven­hal­ter über einen solchen Ver­zicht schlie­ßen würden, hier­zu­lande recht­lich bindend? Defi­ni­tiv nicht!

Wer sich voll ver­schlei­ert, ver­zich­tet aber „frei­wil­lig“ auf einige ver­briefte Rechte. Zum Bei­spiel ist es fast aus­ge­schlos­sen, wählen zu gehen (selbst Brief­wahl ist kom­pli­ziert). Wir hören ver­gleichs­weise wenig von diesen Fällen, weil solche Frauen gesell­schaft­lich genau so unsicht­bar werden oder bleiben, wie es ihre Ver­schleie­rung von ihnen ver­langt. Wir hören aber von den anderen Fällen, wenn die Niqab-Trä­ge­rin­nen trotz ihrer Ver­schleie­rung auf gesell­schaft­li­cher Teil­habe bestehen – etwa in der Bank, im Kin­der­gar­ten, in Behör­den und Schulen oder Kli­ni­ken. Inter­es­san­ter­weise handelt es sich bei den laut­star­ken Fällen meist um Kon­ver­ti­tin­nen, die es von früher wie selbst­ver­ständ­lich gewohnt waren, ihre Bür­ger­rechte selbst­be­wusst in Anspruch zu nehmen. Dass die Ver­schleie­rung aber nicht nur das eigene Bewusst­sein beein­flusst, sondern auch die gesell­schaft­li­che Wahr­neh­mung durch andere, können sie oft nicht begrei­fen. Es gibt aber keine Eman­zi­pa­tion unter dem Schleier.

Die deut­sche Neigung, es allen irgend­wie Recht zu machen, führt dazu, in solchen Noch-Ein­zel­fäl­len klein bei zu geben und die Sache irgend­wie und nach dem Motto „der Kunde ist König“ zu regeln. Was aber, wenn die Ein­zel­fälle sich häufen? Ich fürchte, dann würde der deut­sche Staat die ent­spre­chende Infra­struk­tur schaf­fen, Banken „Frauen-Räume“ vor­schrei­ben, spe­zi­elle Wahl­lo­kale nur für Frauen ein­rich­ten und spe­zi­elle Teams aus Ret­tungs­sa­ni­tä­te­rin­nen bilden, die medi­zi­ni­sche Not­fälle mit voll­ver­schlei­er­ten Frauen abwi­ckeln. Das kann man machen und es gibt bereits einen bewähr­ten Begriff dafür, wenn wir ihn bisher auch aus anderen Zusam­men­hän­gen kennen: Segre­ga­tion.

Regeln wir das noch kleine Problem mit der Voll­ver­schleie­rung nicht recht­zei­tig, kommt zum all­ge­mei­nen Gen­der­wahn­sinn mit seinem bunten Strauß an Geschlech­tern sexu­el­ler, bio­lo­gi­scher und gesell­schaft­li­cher Art noch die reli­giöse Kom­po­nente hinzu. In dem Fall müsste sich unsere Gesell­schaft irgend­wann wirk­lich fragen, ob es in diesem Pot­pourri aus Inter­pre­ta­tio­nen über­haupt noch jeman­dem auf­fällt, wenn Frauen dis­kri­mi­niert werden. Der Femi­nis­mus ver­zet­telt sich bereits heute in Themen wie Binnen-I und Unter­strich-Wort­kon­struk­tio­nen. Der „frei­wil­lige“ Ver­zicht auf gesell­schaft­li­che Teil­habe durch Ver­mum­mung bräche ihm das Genick!

In dem unsäg­li­chen Inter­view, dass Dr. Claudia Schmöl­ders dem Deutsch­land­funk gab, blitzte an einer Stelle ein Argu­ment auf, dessen Funke leider schnell ver­glühte, weil Frau Schmöl­ders ihn nicht für bemer­kens­wert hielt. Es ging um die Frage, ob auch „allein­ste­hende“ Frauen Burka tragen, oder ob dies immer nur bei „Paaren“ der Fall sei. Dies bringt uns nämlich auf die Frage, wie das Leben unter Burka und Niqab in den Ländern funk­tio­niert, wo sie ver­pflich­tend vor­ge­schrie­ben sind. Muss man in Saudi-Arabien etwa nicht „Gesicht zeigen“, um sich zu iden­ti­fi­zie­ren? Doch, muss man. „Mann“ muss. Deshalb ist „Mann“ auch immer dabei, wenn „Frau“ etwas zu erle­di­gen hat. „Mann“ ist ent­we­der Vater, Onkel, Bruder, Ehemann oder später Sohn. Das Konzept der „allein­ste­hen­den Frau“ ist in streng reli­giö­sen isla­mi­schen Ländern und Fami­lien unbe­kannt – für alle Aus­nah­me­fälle, in denen eine Frau auf den öffent­li­chen Raum trifft, gibt es die ent­spre­chende Segre­ga­ti­ons-Infra­struk­tur. Eine Frau in Riad muss ihren Schleier nicht heben, weil der Mann neben ihr für sie spre­chen kann. Wenn wir solches auch in Deutsch­land als Nor­ma­li­tät zulas­sen, waren hundert Jahre Frau­en­be­we­gung für die Katz.

Das Argu­ment der gerin­gen Zahl könnte übri­gens binnen kür­zes­ter Zeit obsolet sein. Dann nämlich, wenn in zwei oder drei Jahren ver­stärkt das Thema Fami­li­en­nach­zug auf’s Tapet kommt – und genau das wird pas­sie­ren! Wir werden dann auch zuneh­mend vor anderen, ver­wand­ten Pro­ble­men stehen, die wir derzeit als Ein­zel­fälle ansehen und von Fall zu Fall sehr unter­schied­lich behan­deln: Poly­ga­mie und Kin­der­ehe. Im Grunde also doch keine so schlechte Idee, sich vorher mit dem Gesamt­pro­blem aus­ein­an­der­zu­set­zen – auch wenn „vorher“ im Licht der poli­ti­schen Fehl­ent­schei­dun­gen der letzten Jahre ein zyni­scher Euphe­mis­mus ist.

Sinn­vol­ler als die Dis­kus­sion um Reli­gion und Reli­gi­ons­frei­heit bzw. Frei­heit oder Zwang ist es, nach dem prak­ti­ka­blen Weg zu schauen. Den haben wir nämlich bereits gesetz­lich ver­an­kert und es gibt überall in Deutsch­land und Europa gut aus­ge­bil­dete Exper­ten, die man um Rat fragen kann: Die Foto­gra­fen! Wenn Sie sich also nicht sicher sind, wie weit Sie in Deutsch­land im öffent­li­chen Raum, in Spar­kas­sen, auf Behör­den, in Wahl­lo­ka­len, Schulen oder Kin­der­gär­ten mit Ihrer Kopf­be­de­ckung gehen können, lassen Sie ein Pass­bild von sich machen! Augen, Nase, Mund­par­tie, Wangen müssen auf dem Foto zu sehen sein – alles andere dürfen Sie unter Stoff, Leder, Pappe, Mull­bin­den oder ihrer patri­ar­cha­len Reli­gion ver­ste­cken.

Was sagt der Blogger, verbieten oder nicht?

Man sollte so etwas nicht auf der Basis der Tole­ranz ent­schei­den, sondern auf der Basis des Rechts. In Deutsch­land ist es in vielen Situa­tio­nen üblich und gesetz­lich geboten, sich aus­rei­chen zu iden­ti­fi­zie­ren. Doku­ment, Name, Foto, Gesicht, Unter­schrift – und zwar das volle Pro­gramm! Die kon­se­quente Voll­ver­schleie­rung macht dies unmög­lich oder doch so auf­wen­dig und kom­pli­ziert, dass es eine unzu­mut­bare Anpas­sung der Mehr­heits­ge­sell­schaft an eine kleine Min­der­heit bedeu­ten würde.

Die Gründe, aus denen Men­schen aus ara­bi­schen Ländern sich dazu ent­schlie­ßen, nach Europa zu kommen, ver­tra­gen sich nicht mit den Gründen, aus denen Frauen eine Burka oder den Niqab anlegen. Ich bin also ein­deu­tig für ein wohl­be­grün­de­tes Verbot der Voll­ver­schleie­rung im öffent­li­chen Raum. Ich glaube jedoch auch, dass sich das Verbot nicht gut sank­tio­nie­ren lassen wird. Wer sich aber voll ver­schlei­ert, kann umge­kehrt eben leider nicht auf gesell­schaft­li­che Teil­habe und Gleich­be­rech­ti­gung bestehen. Wenn Sie es also vor­zie­hen, in Burka auf die Straße zu gehen, erwar­ten Sie bitte nicht, jeden Beruf ausüben zu können oder in einer Bank bedient zu werden. Und sollten Sie irgendwo ohn­mäch­tig zusam­men­bre­chen, denken Sie daran, dass Sie immer noch unter ihrer „Schau-mich-nicht-an-Rüstung“ ver­steckt sind und Pas­san­ten sowie Ret­tungs­sa­ni­tä­ter manch­mal auch nur Männer sind, die keinen Ärger wegen sexu­el­ler oder reli­giö­ser Beläs­ti­gung haben wollen.

Und machen wir uns nichts vor, liebe Leser. Würden deut­sche Auto­fah­rer in Massen fröh­lich lächelnd mit Guy-Fawkes-Masken durch Radar­kon­trol­len rasen, gäbe es in Deutsch­land binnen weniger Wochen ein ent­spre­chen­des Verbot. Selbst­ver­ständ­lich wohl­be­grün­det, angst­frei und unter Wahrung aller demo­kra­ti­schen Rechte, die dieses Land bietet. Sie könnten dann auch immer noch mit einer solchen Maske bis zum Eingang einer Bank gehen.* Vor dem Betre­ten sollten Sie sie jedoch abneh­men, um Miss­ver­ständ­nis­sen vor­zu­beu­gen. Das gälte übri­gens auch für eine Bank in Riad – obwohl die Mit­ar­bei­ter dort an Ver­mum­mun­gen aller Art gewöhnt sind.

Und an alle Apo­lo­ge­ten des Rela­ti­vis­mus, die glauben, ein solches Verbot sei mora­lisch nicht durch­setz­bar, weil wir doch eine ach so tole­rante Gesell­schaft seien: Wenn es in Ländern wie Iran oder Saudi-Arabien möglich ist, Frauen bestimmte Klei­dungs­stü­cke vor­zu­schrei­ben – selbst dann, wenn sich die Frauen nur als Gäste dort auf­hal­ten und wir das nicht für so uner­träg­lich halten, dass wir die UN-Men­schen­rechts­kom­mis­sion anrufen. Dann muss es auch möglich sein, das tragen bestimm­ter Klei­dungs­stü­cke in unseren Ländern zu ver­bie­ten, ohne dass dies einen Verlust an Demo­kra­tie bedeu­ten würde. Wir ertra­gen das eine, also können wir auch das andere ver­lan­gen.

Diese Frei­heit sollten wir uns leisten können.

* Wer jetzt sagt, das wäre aber ein sehr unpas­sen­der Ver­gleich im Zusam­men­hang mit dem Burka-Verbot, möge sich bitte über­le­gen, ob die all­ge­gen­wär­ti­gen Ver­glei­che mit dem Kar­ne­val, Hockey-Masken oder einer Ordens­tracht wirk­lich pas­sen­der sind.