Four-Cor­ners-Monu­ment, Ari­zo­na - Colo­ra­do - New Mexi­co - Utah. Quel­le: Wikipedia

In die­sem Jahr gibt es etwas zu fei­ern in der West­li­chen Welt. 100 Jah­re ist es her, dass sich Bri­ten und Fran­zo­sen über die Auf­tei­lung des Nahen Ostens im Sykes-Picot-Abkom­men einig­ten. Ein Plan, ein Geheim­plan, von so unge­heu­rer Bedeu­tung, dass es heu­te nicht an schlau­en Exper­ten man­gelt, die uns des­sen Inten­sio­nen, Web­feh­ler und die fins­te­ren Absich­ten der han­deln­den Par­tei­en erklä­ren. Ein Ergeb­nis die­ses Plans ist zwei­fel­los die epi­de­mi­sche Ver­meh­rung der Spe­zi­es Homo Sapi­ens Nah­ost­ex­per­ten­sis – auch wenn dies wohl eher als Kol­la­te­ral­scha­den gel­ten muss. Gly­pho­sat wird eben doch nicht mit jedem Unkraut fertig.

ARTE klärt auf

Der Erklär- und Kul­tur­sen­der ARTE nimmt zum Jubi­lä­um eine Doku­men­ta­ti­on ins Pro­gramm: „100 Jah­re Krieg in Nah­ost - Das Sykes-Picot-Geheim­ab­kom­men und sei­ne fata­len Folgen“ 

Eine Explo­si­on zu Beginn erhöht die Auf­merk­sam­keit und schon beob­ach­ten wir IS-Ter­ro­ris­ten beim Nie­der­rei­ßen von Grenz­an­la­gen zwi­schen Syri­en und dem Irak. Sykes-Picot ist Geschich­te, der IS hat gespro­chen. Und die Stim­me des Spre­chers aus dem Off sagt

„Mit dem Ein­drin­gen der Kolo­ni­al­mäch­te beginnt eine lan­ge Geschich­te des poli­ti­schen Islams, des Terrors.“

Damit sind also nicht nur Lini­en in Sand und Gene­ral­stabs­kar­ten, son­dern auch rote Lini­en im Dreh­buch gezo­gen. Ursa­che und Wir­kung sind klar benannt, das kann ja hei­ter wer­den. Es folgt eine Ein­füh­rung in die Plä­ne des kolo­nia­len Wes­tens und wem danach noch nicht klar ist, wer hier Täter und wer Opfer ist, hört den Spre­cher sagen:

„Ägyp­ten gehör­te auch mal zum osma­ni­schen Reich, wur­de aber bereits vor dem ers­ten Welt­krieg vom bri­ti­schen Empi­re erobert“

Ich fra­ge mich, wie das osma­ni­sche Reich wohl zu Ägyp­ten gekom­men ist. Durch Schen­kung, Volks­ab­stim­mung oder Gebe­te? War es womög­lich schon immer „osma­nisch“? Bevor Pha­rao Ram­ses ein Ankh nach mir wirft, löse ich auf: Nein, vor­her waren die Mame­lu­cken da, davor ver­schie­de­ne Ara­ber, Byzan­ti­ner, Römer, Griechen…und eine tau­sen­de Jah­re lan­ge Rei­he von Pharaonen.

Aber zurück zu den Osma­nen, genau­er zum osma­ni­schen Empi­re, denn genau das war es. Ein auf Expan­si­on und Kolo­ni­sa­ti­on aus­ge­leg­tes Empi­re – kein kusche­li­ger Diwan aus Kis­sen, Plu­der­ho­sen und Eunu­chen, die tag­ein tag­aus tür­ki­schen Honig nasch­ten. Die Wie­ner in ihrem „gol­de­nen Apfel“ wer­den sich viel­leicht erinnern…wenn auch nur dank Über­lie­fe­rung, Kaf­fee und Kip­ferl. In der ARTE-Doku­men­ta­ti­on sind aber nur die Bri­ten und Fran­zo­sen „Erobe­rer und Kolo­nia­lis­ten“ – dabei gab es zu Beginn des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts nur Kolo­nia­lis­ten, Kolo­nien und Gar­nichts. Von Island und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ein­mal abge­se­hen, gab es nir­gends eine Demo­kra­tie, die den Ansprü­chen des Film­au­tors Alex­an­der Sten­zel oder von ARTE Stand gehal­ten hätten.

„Die Chris­ten in Uni­form sind nicht will­kom­men – doch sie blei­ben Jahr­zehn­te“ fährt der Spre­cher fort. Ja, man­chen Besuch wird man nur schwer wie­der los. Hät­te es aber nicht „Chris­ten in Uni­form“ gege­ben, könn­ten wir uns heu­te schwer­lich über die Aus­brei­tung des mili­tan­ten Islam unter­hal­ten, weil es außer dem mili­tan­ten Islam wahr­schein­lich nichts gäbe auf der Welt. Außer­dem ist es eine unhalt­ba­re Unter­stel­lung, dass die Kolo­ni­al­mäch­te zual­ler­erst als Chris­ten wahr­ge­nom­men wur­den. Ich hof­fe, die Stim­me aus dem Off lässt bald die wirk­li­chen Gla­dia­to­ren der Nah­ost-Exper­ti­se auf­tre­ten, denn was bis­her zu hören war, konn­te kaum über­zeu­gen. Ah, da kom­men sie ja schon…

Auf­tritt Walid Kaz­ziah von der ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tät Kai­ro: „Die Iden­ti­tät wur­de zer­stört in die­sem Teil der Welt, durch Sykes-Picot …die Ara­ber der Regi­on waren [vor­her] ohne Staat, ohne Struk­tu­ren, die sie zusam­men­hiel­ten. Das war der Punkt, die alte Welt ist zer­stört, was kommt als nächstes?“

Was bit­te wur­de zer­stört, wenn es doch nichts gab? Kein Staat, kei­ne Struk­tur, nichts. Wur­de also „das Nichts“ zer­stört? Das war sicher der größ­te Scoop, seit in Homers Ody­see Nie­mand Poly­phem blen­de­te. Doch da ist schon wie­der die Stim­me des Spre­chers, der ver­kün­det „…die Unter­drü­ckung frem­der Völ­ker ist ein gän­gi­ges außen­po­li­ti­sches Instru­ment euro­päi­scher Staa­ten“ Ja, so war das 1916. Genau wie Unter­drü­ckung ein, nein, das außen­po­li­ti­sches Instru­ment aller Staa­ten die­ser Zeit war, wenn sie sich ihren Nach­barn oder Kolo­nien irgend­wo auf dem Pla­ne­ten gegen­über stark genug fühlten.

Und wei­ter heiß­te es „Wie schon in den Ers­ten wird der nahe Osten auch in den Zwei­ten Welt­krieg hin­ein­ge­zo­gen, einen ursprüng­lich euro­päi­schen Konflikt“

Das Osma­ni­sche Reich war mit dem deut­schen Reich im ers­ten Welt­krieg ver­bün­det. Da kann man kaum vom „hin­ein­zie­hen“ spre­chen. Im zwei­ten Welt­krieg war die Sache noch ein­deu­ti­ger. Die Ara­ber sym­pa­thi­sier­ten mit Hit­ler, der Muf­ti von Jeru­sa­lem war gern gese­he­ner Gast beim Füh­rer aller Anti­se­mi­ten. Die Haupt­in­spi­ra­ti­ons­quel­le mili­tan­ter mus­li­mi­scher Orga­ni­sa­tio­nen im nahen Osten jener Zeit waren SA und SS – den „deut­sche Gruß“ kann man bis heu­te bei Hamas und His­bol­lah bewun­dern, genau­so wie den dort all­ge­gen­wär­ti­ge Kada­ver­ge­hor­sam. Die­se ARTE-Doku­men­ta­ti­on braucht drin­gen noch mehr Sach­ver­stand, und der kommt wie aufs Stichwort.

Auf­tritt Myri­am Ben­raad von der Uni­ver­si­tät Aix-Mar­seil­le: „…das moder­ne Den­ken wur­de durch die Besat­zer ein­ge­führt. Das ist der Ursprung des poli­ti­schen Islams, der gegen die Tren­nung von Reli­gi­on und Staat, gegen Säku­la­ris­mus, gegen Lai­zis­mus, aber genau die­se Tren­nung war das Prin­zip der Regie­run­gen, die von den westl. Mäch­ten ein­ge­setzt wur­den. Der poli­ti­sche Islam war eine Reak­ti­on auf die Fremd­herr­schaft durch die Europäer.“ 

Die­ser Satz ist mit gro­ßem Abstand das däm­lichs­te, (Excu­sez-moi, Madame), was in letz­ter Zeit irgend­je­mand über die Ent­ste­hung des poli­ti­schen Islam gesagt hat. Aber gehen wir logisch und Punkt für Punkt vor: Wenn Poli­tik, wie auf Wiki­pe­dia nach­zu­le­sen, „…die Rege­lung der Ange­le­gen­hei­ten eines Gemein­we­sens durch ver­bind­li­che Ent­schei­dun­gen“ ist und der Islam sich seit sei­ner Macht­er­grei­fung in Medi­na als die ein­zi­ge regeln­de Instanz mensch­li­chen Lebens ver­steht – ich den­ke, Sie kön­nen mir noch fol­gen, Frau Ben­raad – war der Islam schon immer poli­tisch, ergo poli­ti­scher Islam. Ins­be­son­de­re des­halb, weil der Islam, wie Sie selbst rich­tig fest­stell­ten, jede Form von Säku­la­ri­sie­rung und damit Macht­ver­lust ablehnt und ver­dammt. Was bit­te haben die Euro­pä­er in die­ser Glei­chung zu suchen?

Ich hof­fe, es kom­men noch wirk­li­che Exper­ten in die­ser Doku­men­ta­ti­on vor, denn der bis­her ver­gos­se­ne Sach­ver­stand benetzt kaum den Boden.

Auf­tritt Beha­nam Said, Islam­wis­sen­schaft­ler vom Ham­bur­ger Ver­fas­sungs­schutz: „Der Schlei­er dien­te [den Besat­zern] dazu, die Min­der­wer­tig­keit der Reli­gi­on des Islam dar­zu­stel­len. Gleich­zei­tig waren die­je­ni­gen die dann so vehe­ment für die Ent­schleie­rung der Frau ein­tra­gen nicht unbe­dingt die­je­ni­gen, die auch zuhau­se in der Hei­mat in Frank­reich oder Groß­bri­tan­ni­en zu den fort­schritt­lichs­ten Befür­wor­tern des Femi­nis­mus gehörten“

Das waren jetzt eine Men­ge Kon­junk­ti­ve, Herr Said, aber geschenkt. Die Kur­ve zeigt am Ende des Sat­zes in eine ganz eige­ne Rich­tung. Denn wis­se, nur wer sich auch zuhau­se in vor­bild­li­cher Wei­se als Femi­nist aus der Zukunft der 70er bis 90er Jah­re erweist, darf ara­bi­sche Frau­en in den 40er Jah­ren vom Schlei­er befrei­en. Dar­auf besteht Herr Said! Er hät­te auch sagen kön­nen „Du hast doch kei­ne Ahnung von Men­schen­rech­ten, lern erst mal Ara­bisch“ oder, um es einem Volk von 80 Mil­lio­nen Bun­des­trai­nern zu erklä­ren „Das war Abseits, ihr seid doch alle kei­ne Fuß­ball­ex­per­ten! Klap­pe zu!“

Die Stim­me aus dem Off löst die über­for­der­ten „Exper­ten“ wie­der ab und streut eini­ge Blu­men des Frie­dens und der Hoff­nung unter die Zuschau­er: „Mit dem Ende des zwei­ten Welt­krie­ges hof­fen die Ara­ber, dass die Zeit der Unter­drü­ckung ande­rer Völ­ker vor­bei sei.“ Nicht wirk­lich, den­ke ich. Denn die ach so fried­li­chen ara­bi­schen Völ­ker waren es, die 1948 einen Krieg gegen den soeben gegrün­de­ten Staat Isra­el vom Zaun bra­chen – und hier kommt Exper­tin Myri­am wie­der ins Spiel:

„Für die Natio­na­lis­ten wie die Isla­mis­ten war die Grün­dung Isra­els die Fort­füh­rung des Kolo­nia­lis­mus …in einem Kli­ma der Demü­ti­gung. Das ist sehr wich­tig, weil ich glau­be, dass hier eine Kul­tur der Gede­mü­tig­ten ent­stan­den ist.“ 

Es ist aber auch ein Kreuz mit den Juden. Die woll­ten ein­fach nicht ver­lie­ren! Das ist natür­lich demü­ti­gend und dem­zu­fol­ge „Kolo­nia­list“ die per­fek­te Beschimp­fung für Men­schen, die teil­wei­se schon seit hun­der­ten von Jah­ren in Jeru­sa­lem, Hebron oder Jaf­fa leb­ten und dort immer wie­der unter Über­grif­fen ihrer mus­li­mi­schen Nach­barn zu lei­den hatten.

Des­halb hat die ara­bi­sche Welt die­ses nega­ti­ve Gefühl der Demü­ti­gung gleich in einen „posi­ti­ven Impuls“ umge­wan­delt und alle Juden aus ihren Staa­ten ver­trie­ben, unge­ach­tet, ob die Ver­trie­be­nen für Isra­el Par­tei ergrif­fen hat­ten und ob sie schon seit Jahr­hun­der­ten in die­sen Län­dern leb­ten. Dass man die­se Demü­ti­gung zu einer „Kul­tur“ ent­wi­ckeln kann, konn­te ich lan­ge nicht glau­ben – bis ich mich etwas näher mit den Rea­li­tä­ten der paläs­ti­nen­si­schen NGO-Wirt­schaft beschäf­tigt hat­te. Kul­tur wür­de ich es den­noch nicht nen­nen. Eher schon chro­ni­sche Erkran­kung. Psst, es geht wei­ter im Film…

„Wäh­rend es den Ara­bern nur um Boden geht, betrach­ten die Israe­lis die Aus­ein­an­der­set­zun­gen als einen Kampf der Reli­gio­nen.“ Genau anders­her­um wird ein Schuh dar­aus! Wenn das so wäre, war­um gab es kei­nen Frie­den nach dem Abzug Isra­els aus Gaza? Wenn es den Ara­bern nicht um Reli­gi­on geht, war­um ver­trie­ben sie nach 1948 die Juden als Ara­bi­en und dem Maghreb? War­um ler­nen Kin­der in paläs­ti­nen­si­schen Schu­len, dass Juden die Rat­ten und Chris­ten die Schwei­ne sind? Wegen des Lan­des? Am Arsch die Räuber!

Von ARTE lernen

Was kön­nen wir froh sein, dass der ARTE-Doku­men­tar­film das Sykes-Picot-Abkom­men als Ursa­che der Gewalt im Nahen Osten ermit­telt hat. Bri­ten und Fran­zo­sen sind schuld – noch­mal Glück gehabt, Wes­ten! Die Schuld­fra­ge ist geklärt und wir müs­sen nicht auf die Mus­li­me ein­wir­ken und deren Ein­stel­lung zu Staat, Demo­kra­tie, Reli­gi­ons­frei­heit und Moder­ne zu ändern ver­su­chen, denn da kön­nen wir womög­lich gar­nichts machen. Womög­lich ist der „Dia­log auf Augen­hö­he“, den wir seit Jah­ren mit der isla­mi­schen Welt füh­ren nichts als ein Selbst­ge­spräch? Sind wir schuld, müs­sen nur wir uns ändern und behal­ten schein­bar die Kon­trol­le über den Dis­kurs, auch wenn wir ihn nur mit uns selbst füh­ren. In Zukunft wer­den wir ein­fach alles bes­ser machen, unse­re Will­kom­mens­kul­tur ver­fei­nern und aus­wei­ten, mehr Ver­ständ­nis zei­gen und zu unse­rer his­to­ri­schen Schuld ste­hen. Und der Islam? Nichts? Kei­ne Auf­ga­ben? Kei­ne Vor­aus­set­zun­gen? Anfangs waren die Mus­li­me Objek­te unse­re „kolo­nia­len Für­sor­ge“, nun sind sie wie­der Objek­te. Dies­mal sol­che, an denen wir unser Ver­ständ­nis von Tole­ranz jus­tie­ren. Stei­ne, an deren Här­te wir die Schär­fe unse­rer Argu­men­te bis zur Unkennt­lich­keit glatt­zu­schlei­fen ver­su­chen. Das ist nicht ehr­li­cher, nicht bes­ser, nur schein­hei­lig und selbstverleugnend.

Kolo­nia­lis­mus war vor 100 Jah­ren genau­so Kon­sens wie heu­te Müll­tren­nung, Atom­aus­stieg und EEG-Umla­ge. Es gehör­te zum Selbst­bild des Gut­men­schen von vor 100 Jah­ren, sei­ne Kul­tur ande­ren Völ­kern auf­zwin­gen zu wol­len, wie heu­te deren Kampf für Will­kom­mens­kul­tur und gegen Erd­er­wär­mung. Wie wird die Welt nach wei­te­ren 100 Jah­ren aus­se­hen? Wir wis­sen es nicht, kein Stück! Nicht ein­mal die Zukunfts­for­scher, die für ihr Nicht­wis­sen schö­ne­re und zahl­rei­che­re Wor­te fin­den als wir. Die vor 100 Jah­ren völ­lig neue Ange­wohn­heit etwa, im Som­mer die Strän­de von Nord- und Ost­see zu bevöl­kern, hat sich bis­her hart­nä­ckig gehal­ten. Die Ange­wohn­heit, ande­ren Völ­kern unse­re Kul­tur auf­zu­drü­cken eher nicht. Umfra­gen hät­ten 1916 viel­leicht gegen­tei­li­ge Erwar­tun­gen für das Jahr 2016 ergeben.

Es ist noch kei­ne 40 Jah­re her, da waren Wis­sen­schaft­ler zum Bei­spiel fel­sen­fest von der Idee über­zeugt, Fäs­ser mit Atom­müll blick­dicht irgend­wo in die Salz­stö­cke der auf­ge­las­se­nen Asse zu wer­fen. Wür­de man die­se Wis­sen­schaft­ler heu­te noch als Exper­ten bezeich­nen? Wir trau­en den Wet­ter­vor­her­sa­gen der Meteo­ro­lo­gen für die nächs­te Woche nicht und packen lie­ber doch einen Regen­schirm in den Kof­fer, tadeln aber unse­re Vor­fah­ren aus dem Jahr 1916, weil sie nicht nach den Regeln der UN (die es damals noch nicht gab) und des Femi­nis­mus von heu­te gehan­delt haben. Hät­te man also schon im Jahr 1916 wis­sen kön­nen, dass das Sykes-Picot-Abkom­men mit­tel­bar zu vie­len Krie­gen des 20. Und 21. Jahr­hun­derts füh­ren wür­de oder könn­te? Sicher nicht. Die­se kolo­nia­len Grenz-Feder­stri­che erwei­sen sich bei ratio­na­ler Betrach­tung als genau­so bedeu­tend wie jener Sack Reis, der bei jeder Gele­gen­heit irgend­wo in Chi­na umkippt.

Die Nei­gung, der Ver­gan­gen­heit Nai­vi­tät nach­zu­wei­sen und die Zukunft vor­her­zu­se­hen, ist eine euro­päi­sche Krank­heit, die um epi­de­misch zu wer­den eine kri­ti­sche Mas­se sat­ter, gelang­weil­ter Sozio­lo­gen, Poli­tik­wis­sen­schaft­ler, EU-Poli­ti­ker und Doku­men­tar­fil­mer braucht, wie wir sie heu­te in den ent­wi­ckel­ten euro­päi­schen Staa­ten antref­fen. Seriö­se His­to­ri­ker beur­tei­len eine Zeit stets aus der Per­spek­ti­ve die­ser Zeit, was auch schon oft zu span­nen­den Ein­sich­ten führt, wie Zwei­ter Welt­krieg, Holo­caust und Nürn­ber­ger Pro­zes­se zeig­ten. Ein hun­dert Jah­re zurück­lie­gen­des Ereig­nis im Licht aktu­el­ler Erkennt­nis­se zu bewer­ten, ist Blend­werk und Selbst­über­schät­zung. Wer sol­ches tut kommt womög­lich zu dem Schluss, die EU sei ein „Werk für die Ewig­keit“ – und das wäre sicher ein schlech­ter Witz.

Alles auf Anfang – Sykes-Picot wird annulliert

Ent­schul­di­gung, war ein Irr­tum das mit dem Kolo­nia­lis­mus! Ver­gesst die Sache mit den Stra­ßen, den Schie­nen, dem Gesund­heits­sys­tem, den Medi­en, Han­dys, Inter­net und ande­ren Din­gen, über die ihr heu­te dank des Wes­tens ver­fügt. Wir ver­ges­sen das Öl und die Erz­la­ger­stät­ten, die wir bei euch gefun­den und aus denen wir uns bedient haben – auch zu eurem Nut­zen. Gebt uns aber auch die Autos, Maschi­nen und medi­zi­ni­schen Gerä­te zurück, die wir mit dem Öl und Erz betrie­ben und gebaut haben. Ohne das alles währt ihr heu­te selbst­ver­ständ­lich viel viel bes­ser dran. Unser Feh­ler, es tut uns leid. Hät­ten wir ja auch wirk­lich mal goo­geln kön­nen, damals, 1916. Lie­be Ara­ber, macht ein­fach das, was ihr frü­her immer gemacht habt…nein, bit­te nicht wie­der ande­re Stäm­me oder Län­der über­fal­len und Tri­bu­te kas­sie­ren! Ihr habt doch frü­her so roman­ti­sche Kamel-Kara­wa­nen durch die Wüs­te geschickt, ihr wart doch geüb­te Händ­ler, wie euer Pro­phet! Macht halt das. 

Wie bit­te? Wir kau­fen euch die Sei­de und den Weih­rauch nicht mehr ab, nur Öl? Na ja, dass müsst ihr ver­ste­hen. Wir haben uns eben wei­ter­ent­wi­ckelt, den Kram von frü­her brau­chen wir heu­te nicht mehr. Unse­re Kara­wa­nen kom­men nun aus Chi­na und Süd­ko­rea, und Kame­le kom­men auch nicht mehr, son­dern Schif­fe. Was meint ihr? Fort­schritt ist doch kei­ne so schlech­te Idee? Na dann lasst uns doch mal dar­über reden, wie der Fort­schritt zu uns kam, wie wir uns schwer damit taten, mit all dem neu­mo­di­schen Zeug. Zum Bei­spiel eure ara­bi­schen Zif­fern mit der teuf­li­schen Null dabei. Lasst uns dar­über reden, wie uns der Fort­schritt ent­zwei­te, ver­un­si­cher­te und zu Krie­gen mit Mil­lio­nen Opfern führ­te. Wie oft muss­ten wir Gren­zen revi­die­ren, aus­lö­schen und neu zie­hen. Schau­en wir doch mal, ob ein paar Lini­en aus dem Jahr 1916 im Sand des Zwei­strom­lan­des, mit denen die Bri­ten und Fran­zo­sen den ara­bi­schen Teil des Kada­vers des Osma­ni­schen Welt­rei­ches unter sich auf­teil­ten, wirk­lich das Grund­übel für eure heu­ti­gen ver­korks­ten Staa­ten sind und Sykes-Picot euch an der Ent­wick­lung hin­dert. Sind es nicht viel­mehr noch älte­re Lini­en in euren Köp­fen, die euch immer wie­der im Wege stehen? 

Denn wisst ihr, so eine gera­de Linie als Gren­ze hat auch ihre Vor­tei­le. Schaut nach 4-Cor­ners in den USA, vier Bun­des­staa­ten gren­zen hier in aller­feins­ter geo­me­tri­scher Regel­mä­ßig­keit anein­an­der. 90°-Winkel, wie die Natur sie nicht kennt. Gren­zen, von Men­schen­hand gemacht, unbe­deu­tend, eine Pos­se, ein Foto­mo­tiv. Was der Mensch aus Gren­zen macht, liegt nicht nur an denen, die sie ziehen.

 

Sound­track zum Text: schon wie­der Peter Gabri­el, „Games Without Frontiers“

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3 Kommentare

  1. Ergän­zend möch­te ich auf den Arti­kel von Dani­el Ger­lach ‚Der Sykes-Picot-Kom­plex‘ hinweisen:
    http://www.ipg-journal.de/kolumne/artikel/der-sykes-picot-komplex-1426/

    Wenn man sich dann im eng­li­schen Wiki­pe­dia die alte Verwaltungsstruktur
    des Osma­ni­schen Rei­ches um 1885 anschaut: https://en.wikipedia.org/wiki/Vilayet

    dann wird sehr deut­lich, daß Sykes-Picot sich sehr eng an die alten
    Struk­tu­ren gehal­ten haben. Und selbst wenn man noch hun­dert oder mehr
    Jah­re zurück­geht: https://en.wikipedia.org/wiki/Eyalet

    dann zeigt sich, daß die­se alten ‚Gren­zen‘ seit Jahr­hun­der­ten bestan­den haben.

  2. Kom­pli­ment für die­sen Arti­kel. Beson­ders den Satz fin­de ich Klasse:
    „Was der Mensch aus Gren­zen macht, liegt nicht nur an denen die sie ziehen.“

    Geo­gra­phie wur­de beschrie­ben, aber es sind die Gren­zen in den Köp­fen die über­wun­den wer­den müs­sen. Die Gedan­ken sind frei aber sie kön­nen auch zu einem Gefän­gis wer­den. Wer in Kate­go­rien von mit­tel­al­ter­li­chen Wüs­ten­händ­lern denkt und sich für eine elitäre
    Grup­pe hält, der zieht bewußt eine Gren­ze zur Rea­li­tät. Anstatt sich der ver­än­der­ten Welt anzu­pas­sen, macht man es sich in der Opfer­rol­le bequem.

  3. Wer bezahlt ARTE für die­se Volks­ver­dum­mung oder wie ich es nen­nen soll? Oder machen sie es frei­wil­lig? Für mich unvor­stell­bar, aber Geschmä­cke und Ohr­fei­gen sind, wie bekannt,
    unterschiedlich.
    Den Arti­kel, Dei­ne Kom­men­ta­re fin­de ich sehr sehr gut.
    lg
    caruso

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