Four-Corners-Monument, Arizona - Colorado - New Mexico - Utah. Quelle: Wikipedia
Four-Corners-Monu­ment, Arizona – Colo­rado – New Mexico – Utah. Quelle: Wiki­pe­dia

In diesem Jahr gibt es etwas zu feiern in der West­li­chen Welt. 100 Jahre ist es her, dass sich Briten und Fran­zo­sen über die Auf­tei­lung des Nahen Ostens im Sykes-Picot-Abkom­men einig­ten. Ein Plan, ein Geheim­plan, von so unge­heu­rer Bedeu­tung, dass es heute nicht an schlauen Exper­ten mangelt, die uns dessen Inten­sio­nen, Web­feh­ler und die fins­te­ren Absich­ten der han­deln­den Par­teien erklä­ren. Ein Ergeb­nis dieses Plans ist zwei­fel­los die epi­de­mi­sche Ver­meh­rung der Spezies Homo Sapiens Nah­ost­ex­per­ten­sis – auch wenn dies wohl eher als Kol­la­te­ral­scha­den gelten muss. Gly­pho­sat wird eben doch nicht mit jedem Unkraut fertig.

ARTE klärt auf

Der Erklär- und Kul­tur­sen­der ARTE nimmt zum Jubi­läum eine Doku­men­ta­tion ins Pro­gramm: „100 Jahre Krieg in Nahost – Das Sykes-Picot-Geheim­ab­kom­men und seine fatalen Folgen“

Eine Explo­sion zu Beginn erhöht die Auf­merk­sam­keit und schon beob­ach­ten wir IS-Ter­ro­ris­ten beim Nie­der­rei­ßen von Grenz­an­la­gen zwi­schen Syrien und dem Irak. Sykes-Picot ist Geschichte, der IS hat gespro­chen. Und die Stimme des Spre­chers aus dem Off sagt

Mit dem Ein­drin­gen der Kolo­ni­al­mächte beginnt eine lange Geschichte des poli­ti­schen Islams, des Terrors.“

Damit sind also nicht nur Linien in Sand und Gene­ral­stabs­kar­ten, sondern auch rote Linien im Dreh­buch gezogen. Ursache und Wirkung sind klar benannt, das kann ja heiter werden. Es folgt eine Ein­füh­rung in die Pläne des kolo­nia­len Westens und wem danach noch nicht klar ist, wer hier Täter und wer Opfer ist, hört den Spre­cher sagen:

Ägypten gehörte auch mal zum osma­ni­schen Reich, wurde aber bereits vor dem ersten Welt­krieg vom bri­ti­schen Empire erobert“

Ich frage mich, wie das osma­ni­sche Reich wohl zu Ägypten gekom­men ist. Durch Schen­kung, Volks­ab­stim­mung oder Gebete? War es womög­lich schon immer „osma­nisch“? Bevor Pharao Ramses ein Ankh nach mir wirft, löse ich auf: Nein, vorher waren die Mame­lu­cken da, davor ver­schie­dene Araber, Byzan­ti­ner, Römer, Griechen…und eine tau­sende Jahre lange Reihe von Pha­rao­nen.

Aber zurück zu den Osmanen, genauer zum osma­ni­schen Empire, denn genau das war es. Ein auf Expan­sion und Kolo­ni­sa­tion aus­ge­leg­tes Empire – kein kusche­li­ger Diwan aus Kissen, Plu­der­ho­sen und Eunu­chen, die tagein tagaus tür­ki­schen Honig nasch­ten. Die Wiener in ihrem „gol­de­nen Apfel“ werden sich viel­leicht erinnern…wenn auch nur dank Über­lie­fe­rung, Kaffee und Kipferl. In der ARTE-Doku­men­ta­tion sind aber nur die Briten und Fran­zo­sen „Erobe­rer und Kolo­nia­lis­ten“ – dabei gab es zu Beginn des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts nur Kolo­nia­lis­ten, Kolo­nien und Gar­nichts. Von Island und den Ver­ei­nig­ten Staaten einmal abge­se­hen, gab es nir­gends eine Demo­kra­tie, die den Ansprü­chen des Film­au­tors Alex­an­der Stenzel oder von ARTE Stand gehal­ten hätten.

Die Chris­ten in Uniform sind nicht will­kom­men – doch sie bleiben Jahr­zehnte“ fährt der Spre­cher fort. Ja, manchen Besuch wird man nur schwer wieder los. Hätte es aber nicht „Chris­ten in Uniform“ gegeben, könnten wir uns heute schwer­lich über die Aus­brei­tung des mili­tan­ten Islam unter­hal­ten, weil es außer dem mili­tan­ten Islam wahr­schein­lich nichts gäbe auf der Welt. Außer­dem ist es eine unhalt­bare Unter­stel­lung, dass die Kolo­ni­al­mächte zual­ler­erst als Chris­ten wahr­ge­nom­men wurden. Ich hoffe, die Stimme aus dem Off lässt bald die wirk­li­chen Gla­dia­to­ren der Nahost-Exper­tise auf­tre­ten, denn was bisher zu hören war, konnte kaum über­zeu­gen. Ah, da kommen sie ja schon…

Auf­tritt Walid Kazziah von der ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tät Kairo: „Die Iden­ti­tät wurde zer­stört in diesem Teil der Welt, durch Sykes-Picot …die Araber der Region waren [vorher] ohne Staat, ohne Struk­tu­ren, die sie zusam­men­hiel­ten. Das war der Punkt, die alte Welt ist zer­stört, was kommt als nächs­tes?“

Was bitte wurde zer­stört, wenn es doch nichts gab? Kein Staat, keine Struk­tur, nichts. Wurde also „das Nichts“ zer­stört? Das war sicher der größte Scoop, seit in Homers Odysee Niemand Poly­phem blen­dete. Doch da ist schon wieder die Stimme des Spre­chers, der ver­kün­det „…die Unter­drü­ckung fremder Völker ist ein gän­gi­ges außen­po­li­ti­sches Instru­ment euro­päi­scher Staaten“ Ja, so war das 1916. Genau wie Unter­drü­ckung ein, nein, das außen­po­li­ti­sches Instru­ment aller Staaten dieser Zeit war, wenn sie sich ihren Nach­barn oder Kolo­nien irgendwo auf dem Pla­ne­ten gegen­über stark genug fühlten.

Und weiter heißte es „Wie schon in den Ersten wird der nahe Osten auch in den Zweiten Welt­krieg hin­ein­ge­zo­gen, einen ursprüng­lich euro­päi­schen Kon­flikt“

Das Osma­ni­sche Reich war mit dem deut­schen Reich im ersten Welt­krieg ver­bün­det. Da kann man kaum vom „hin­ein­zie­hen“ spre­chen. Im zweiten Welt­krieg war die Sache noch ein­deu­ti­ger. Die Araber sym­pa­thi­sier­ten mit Hitler, der Mufti von Jeru­sa­lem war gern gese­he­ner Gast beim Führer aller Anti­se­mi­ten. Die Haupt­in­spi­ra­ti­ons­quelle mili­tan­ter mus­li­mi­scher Orga­ni­sa­tio­nen im nahen Osten jener Zeit waren SA und SS – den „deut­sche Gruß“ kann man bis heute bei Hamas und His­bol­lah bewun­dern, genauso wie den dort all­ge­gen­wär­tige Kada­ver­ge­hor­sam. Diese ARTE-Doku­men­ta­tion braucht dringen noch mehr Sach­ver­stand, und der kommt wie aufs Stich­wort.

Auf­tritt Myriam Benraad von der Uni­ver­si­tät Aix-Mar­seille: „…das moderne Denken wurde durch die Besat­zer ein­ge­führt. Das ist der Ursprung des poli­ti­schen Islams, der gegen die Tren­nung von Reli­gion und Staat, gegen Säku­la­ris­mus, gegen Lai­zis­mus, aber genau diese Tren­nung war das Prinzip der Regie­run­gen, die von den westl. Mächten ein­ge­setzt wurden. Der poli­ti­sche Islam war eine Reak­tion auf die Fremd­herr­schaft durch die Euro­päer.“

Dieser Satz ist mit großem Abstand das däm­lichste, (Excusez-moi, Madame), was in letzter Zeit irgend­je­mand über die Ent­ste­hung des poli­ti­schen Islam gesagt hat. Aber gehen wir logisch und Punkt für Punkt vor: Wenn Politik, wie auf Wiki­pe­dia nach­zu­le­sen, „…die Rege­lung der Ange­le­gen­hei­ten eines Gemein­we­sens durch ver­bind­li­che Ent­schei­dun­gen“ ist und der Islam sich seit seiner Macht­er­grei­fung in Medina als die einzige regelnde Instanz mensch­li­chen Lebens ver­steht – ich denke, Sie können mir noch folgen, Frau Benraad – war der Islam schon immer poli­tisch, ergo poli­ti­scher Islam. Ins­be­son­dere deshalb, weil der Islam, wie Sie selbst richtig fest­stell­ten, jede Form von Säku­la­ri­sie­rung und damit Macht­ver­lust ablehnt und ver­dammt. Was bitte haben die Euro­päer in dieser Glei­chung zu suchen?

Ich hoffe, es kommen noch wirk­li­che Exper­ten in dieser Doku­men­ta­tion vor, denn der bisher ver­gos­sene Sach­ver­stand benetzt kaum den Boden.

Auf­tritt Behanam Said, Islam­wis­sen­schaft­ler vom Ham­bur­ger Ver­fas­sungs­schutz: „Der Schleier diente [den Besat­zern] dazu, die Min­der­wer­tig­keit der Reli­gion des Islam dar­zu­stel­len. Gleich­zei­tig waren die­je­ni­gen die dann so vehe­ment für die Ent­schleie­rung der Frau ein­tra­gen nicht unbe­dingt die­je­ni­gen, die auch zuhause in der Heimat in Frank­reich oder Groß­bri­tan­nien zu den fort­schritt­lichs­ten Befür­wor­tern des Femi­nis­mus gehör­ten“

Das waren jetzt eine Menge Kon­junk­tive, Herr Said, aber geschenkt. Die Kurve zeigt am Ende des Satzes in eine ganz eigene Rich­tung. Denn wisse, nur wer sich auch zuhause in vor­bild­li­cher Weise als Femi­nist aus der Zukunft der 70er bis 90er Jahre erweist, darf ara­bi­sche Frauen in den 40er Jahren vom Schleier befreien. Darauf besteht Herr Said! Er hätte auch sagen können „Du hast doch keine Ahnung von Men­schen­rech­ten, lern erst mal Ara­bisch“ oder, um es einem Volk von 80 Mil­lio­nen Bun­des­trai­nern zu erklä­ren „Das war Abseits, ihr seid doch alle keine Fuß­ball­ex­per­ten! Klappe zu!“

Die Stimme aus dem Off löst die über­for­der­ten „Exper­ten“ wieder ab und streut einige Blumen des Frie­dens und der Hoff­nung unter die Zuschauer: „Mit dem Ende des zweiten Welt­krie­ges hoffen die Araber, dass die Zeit der Unter­drü­ckung anderer Völker vorbei sei.“ Nicht wirk­lich, denke ich. Denn die ach so fried­li­chen ara­bi­schen Völker waren es, die 1948 einen Krieg gegen den soeben gegrün­de­ten Staat Israel vom Zaun brachen – und hier kommt Exper­tin Myriam wieder ins Spiel:

Für die Natio­na­lis­ten wie die Isla­mis­ten war die Grün­dung Israels die Fort­füh­rung des Kolo­nia­lis­mus …in einem Klima der Demü­ti­gung. Das ist sehr wichtig, weil ich glaube, dass hier eine Kultur der Gede­mü­tig­ten ent­stan­den ist.“

Es ist aber auch ein Kreuz mit den Juden. Die wollten einfach nicht ver­lie­ren! Das ist natür­lich demü­ti­gend und dem­zu­folge „Kolo­nia­list“ die per­fekte Beschimp­fung für Men­schen, die teil­weise schon seit hun­der­ten von Jahren in Jeru­sa­lem, Hebron oder Jaffa lebten und dort immer wieder unter Über­grif­fen ihrer mus­li­mi­schen Nach­barn zu leiden hatten.

Deshalb hat die ara­bi­sche Welt dieses nega­tive Gefühl der Demü­ti­gung gleich in einen „posi­ti­ven Impuls“ umge­wan­delt und alle Juden aus ihren Staaten ver­trie­ben, unge­ach­tet, ob die Ver­trie­be­nen für Israel Partei ergrif­fen hatten und ob sie schon seit Jahr­hun­der­ten in diesen Ländern lebten. Dass man diese Demü­ti­gung zu einer „Kultur“ ent­wi­ckeln kann, konnte ich lange nicht glauben – bis ich mich etwas näher mit den Rea­li­tä­ten der paläs­ti­nen­si­schen NGO-Wirt­schaft beschäf­tigt hatte. Kultur würde ich es dennoch nicht nennen. Eher schon chro­ni­sche Erkran­kung. Psst, es geht weiter im Film…

Während es den Arabern nur um Boden geht, betrach­ten die Israe­lis die Aus­ein­an­der­set­zun­gen als einen Kampf der Reli­gio­nen.“ Genau anders­herum wird ein Schuh daraus! Wenn das so wäre, warum gab es keinen Frieden nach dem Abzug Israels aus Gaza? Wenn es den Arabern nicht um Reli­gion geht, warum ver­trie­ben sie nach 1948 die Juden als Arabien und dem Maghreb? Warum lernen Kinder in paläs­ti­nen­si­schen Schulen, dass Juden die Ratten und Chris­ten die Schweine sind? Wegen des Landes? Am Arsch die Räuber!

Von ARTE lernen

Was können wir froh sein, dass der ARTE-Doku­men­tar­film das Sykes-Picot-Abkom­men als Ursache der Gewalt im Nahen Osten ermit­telt hat. Briten und Fran­zo­sen sind schuld – nochmal Glück gehabt, Westen! Die Schuld­frage ist geklärt und wir müssen nicht auf die Muslime ein­wir­ken und deren Ein­stel­lung zu Staat, Demo­kra­tie, Reli­gi­ons­frei­heit und Moderne zu ändern ver­su­chen, denn da können wir womög­lich gar­nichts machen. Womög­lich ist der „Dialog auf Augen­höhe“, den wir seit Jahren mit der isla­mi­schen Welt führen nichts als ein Selbst­ge­spräch? Sind wir schuld, müssen nur wir uns ändern und behal­ten schein­bar die Kon­trolle über den Diskurs, auch wenn wir ihn nur mit uns selbst führen. In Zukunft werden wir einfach alles besser machen, unsere Will­kom­mens­kul­tur ver­fei­nern und aus­wei­ten, mehr Ver­ständ­nis zeigen und zu unserer his­to­ri­schen Schuld stehen. Und der Islam? Nichts? Keine Auf­ga­ben? Keine Vor­aus­set­zun­gen? Anfangs waren die Muslime Objekte unsere „kolo­nia­len Für­sorge“, nun sind sie wieder Objekte. Diesmal solche, an denen wir unser Ver­ständ­nis von Tole­ranz jus­tie­ren. Steine, an deren Härte wir die Schärfe unserer Argu­mente bis zur Unkennt­lich­keit glatt­zu­schlei­fen ver­su­chen. Das ist nicht ehr­li­cher, nicht besser, nur schein­hei­lig und selbst­ver­leug­nend.

Kolo­nia­lis­mus war vor 100 Jahren genauso Konsens wie heute Müll­tren­nung, Atom­aus­stieg und EEG-Umlage. Es gehörte zum Selbst­bild des Gut­men­schen von vor 100 Jahren, seine Kultur anderen Völkern auf­zwin­gen zu wollen, wie heute deren Kampf für Will­kom­mens­kul­tur und gegen Erd­er­wär­mung. Wie wird die Welt nach wei­te­ren 100 Jahren aus­se­hen? Wir wissen es nicht, kein Stück! Nicht einmal die Zukunfts­for­scher, die für ihr Nicht­wis­sen schö­nere und zahl­rei­chere Worte finden als wir. Die vor 100 Jahren völlig neue Ange­wohn­heit etwa, im Sommer die Strände von Nord- und Ostsee zu bevöl­kern, hat sich bisher hart­nä­ckig gehal­ten. Die Ange­wohn­heit, anderen Völkern unsere Kultur auf­zu­drü­cken eher nicht. Umfra­gen hätten 1916 viel­leicht gegen­tei­lige Erwar­tun­gen für das Jahr 2016 ergeben.

Es ist noch keine 40 Jahre her, da waren Wis­sen­schaft­ler zum Bei­spiel fel­sen­fest von der Idee über­zeugt, Fässer mit Atom­müll blick­dicht irgendwo in die Salz­stö­cke der auf­ge­las­se­nen Asse zu werfen. Würde man diese Wis­sen­schaft­ler heute noch als Exper­ten bezeich­nen? Wir trauen den Wet­ter­vor­her­sa­gen der Meteo­ro­lo­gen für die nächste Woche nicht und packen lieber doch einen Regen­schirm in den Koffer, tadeln aber unsere Vor­fah­ren aus dem Jahr 1916, weil sie nicht nach den Regeln der UN (die es damals noch nicht gab) und des Femi­nis­mus von heute gehan­delt haben. Hätte man also schon im Jahr 1916 wissen können, dass das Sykes-Picot-Abkom­men mit­tel­bar zu vielen Kriegen des 20. Und 21. Jahr­hun­derts führen würde oder könnte? Sicher nicht. Diese kolo­nia­len Grenz-Feder­stri­che erwei­sen sich bei ratio­na­ler Betrach­tung als genauso bedeu­tend wie jener Sack Reis, der bei jeder Gele­gen­heit irgendwo in China umkippt.

Die Neigung, der Ver­gan­gen­heit Nai­vi­tät nach­zu­wei­sen und die Zukunft vor­her­zu­se­hen, ist eine euro­päi­sche Krank­heit, die um epi­de­misch zu werden eine kri­ti­sche Masse satter, gelang­weil­ter Sozio­lo­gen, Poli­tik­wis­sen­schaft­ler, EU-Poli­ti­ker und Doku­men­tar­fil­mer braucht, wie wir sie heute in den ent­wi­ckel­ten euro­päi­schen Staaten antref­fen. Seriöse His­to­ri­ker beur­tei­len eine Zeit stets aus der Per­spek­tive dieser Zeit, was auch schon oft zu span­nen­den Ein­sich­ten führt, wie Zweiter Welt­krieg, Holo­caust und Nürn­ber­ger Pro­zesse zeigten. Ein hundert Jahre zurück­lie­gen­des Ereig­nis im Licht aktu­el­ler Erkennt­nisse zu bewer­ten, ist Blend­werk und Selbst­über­schät­zung. Wer solches tut kommt womög­lich zu dem Schluss, die EU sei ein „Werk für die Ewig­keit“ – und das wäre sicher ein schlech­ter Witz.

Alles auf Anfang – Sykes-Picot wird annul­liert

Ent­schul­di­gung, war ein Irrtum das mit dem Kolo­nia­lis­mus! Ver­gesst die Sache mit den Straßen, den Schie­nen, dem Gesund­heits­sys­tem, den Medien, Handys, Inter­net und anderen Dingen, über die ihr heute dank des Westens verfügt. Wir ver­ges­sen das Öl und die Erz­la­ger­stät­ten, die wir bei euch gefun­den und aus denen wir uns bedient haben – auch zu eurem Nutzen. Gebt uns aber auch die Autos, Maschi­nen und medi­zi­ni­schen Geräte zurück, die wir mit dem Öl und Erz betrie­ben und gebaut haben. Ohne das alles währt ihr heute selbst­ver­ständ­lich viel viel besser dran. Unser Fehler, es tut uns leid. Hätten wir ja auch wirk­lich mal googeln können, damals, 1916. Liebe Araber, macht einfach das, was ihr früher immer gemacht habt…nein, bitte nicht wieder andere Stämme oder Länder über­fal­len und Tribute kas­sie­ren! Ihr habt doch früher so roman­ti­sche Kamel-Kara­wa­nen durch die Wüste geschickt, ihr wart doch geübte Händler, wie euer Prophet! Macht halt das.

Wie bitte? Wir kaufen euch die Seide und den Weih­rauch nicht mehr ab, nur Öl? Na ja, dass müsst ihr ver­ste­hen. Wir haben uns eben wei­ter­ent­wi­ckelt, den Kram von früher brau­chen wir heute nicht mehr. Unsere Kara­wa­nen kommen nun aus China und Süd­ko­rea, und Kamele kommen auch nicht mehr, sondern Schiffe. Was meint ihr? Fort­schritt ist doch keine so schlechte Idee? Na dann lasst uns doch mal darüber reden, wie der Fort­schritt zu uns kam, wie wir uns schwer damit taten, mit all dem neu­mo­di­schen Zeug. Zum Bei­spiel eure ara­bi­schen Ziffern mit der teuf­li­schen Null dabei. Lasst uns darüber reden, wie uns der Fort­schritt ent­zweite, ver­un­si­cherte und zu Kriegen mit Mil­lio­nen Opfern führte. Wie oft mussten wir Grenzen revi­die­ren, aus­lö­schen und neu ziehen. Schauen wir doch mal, ob ein paar Linien aus dem Jahr 1916 im Sand des Zwei­strom­lan­des, mit denen die Briten und Fran­zo­sen den ara­bi­schen Teil des Kada­vers des Osma­ni­schen Welt­rei­ches unter sich auf­teil­ten, wirk­lich das Grund­übel für eure heu­ti­gen ver­korks­ten Staaten sind und Sykes-Picot euch an der Ent­wick­lung hindert. Sind es nicht viel­mehr noch ältere Linien in euren Köpfen, die euch immer wieder im Wege stehen?

Denn wisst ihr, so eine gerade Linie als Grenze hat auch ihre Vor­teile. Schaut nach 4-Corners in den USA, vier Bun­des­staa­ten grenzen hier in aller­feins­ter geo­me­tri­scher Regel­mä­ßig­keit anein­an­der. 90°-Winkel, wie die Natur sie nicht kennt. Grenzen, von Men­schen­hand gemacht, unbe­deu­tend, eine Posse, ein Foto­mo­tiv. Was der Mensch aus Grenzen macht, liegt nicht nur an denen, die sie ziehen.

Sound­track zum Text: schon wieder Peter Gabriel, „Games Without Fron­tiers“

3 Kommentare

  1. Ergän­zend möchte ich auf den Artikel von Daniel Gerlach ‚Der Sykes-Picot-Komplex’ hin­wei­sen:
    http://​www​.ipg​-journal​.de/​k​o​l​u​m​n​e​/​a​r​t​i​k​e​l​/​d​e​r​-​s​y​k​e​s​-​p​i​c​o​t​-​k​o​m​p​l​e​x​-​1​4​26/

    Wenn man sich dann im eng­li­schen Wiki­pe­dia die alte Ver­wal­tungs­struk­tur
    des Osma­ni­schen Reiches um 1885 anschaut: https://​en​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​V​i​l​a​yet

    dann wird sehr deut­lich, daß Sykes-Picot sich sehr eng an die alten
    Struk­tu­ren gehal­ten haben. Und selbst wenn man noch hundert oder mehr
    Jahre zurück­geht: https://​en​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​E​y​a​let

    dann zeigt sich, daß diese alten ‚Grenzen’ seit Jahr­hun­der­ten bestan­den haben.

  2. Kom­pli­ment für diesen Artikel. Beson­ders den Satz finde ich Klasse:
    „Was der Mensch aus Grenzen macht, liegt nicht nur an denen die sie ziehen.”

    Geo­gra­phie wurde beschrie­ben, aber es sind die Grenzen in den Köpfen die über­wun­den werden müssen. Die Gedan­ken sind frei aber sie können auch zu einem Gefän­gis werden. Wer in Kate­go­rien von mit­tel­al­ter­li­chen Wüs­ten­händ­lern denkt und sich für eine elitäre
    Gruppe hält, der zieht bewußt eine Grenze zur Rea­li­tät. Anstatt sich der ver­än­der­ten Welt anzu­pas­sen, macht man es sich in der Opfer­rolle bequem.

  3. Wer bezahlt ARTE für diese Volks­ver­dum­mung oder wie ich es nennen soll? Oder machen sie es frei­wil­lig? Für mich unvor­stell­bar, aber Geschmä­cke und Ohr­fei­gen sind, wie bekannt,
    unter­schied­lich.
    Den Artikel, Deine Kom­men­tare finde ich sehr sehr gut.
    lg
    caruso

Comments are closed.