schunkeTausende kleine, emo­tion­al gestörte, selb­ster­nan­nte oder beauf­tragte Zen­soren sind Tag und Nacht auf Face­book unter­wegs, um anderen Men­schen dort – beson­ders den kri­tis­chen – das Leben schw­er zu machen. Muss man zum trollen und hat­en noch aus der Deck­ung kom­men und sich (oder sein feiges Fake-Pro­fil) angreif­bar machen, nutzt der Denun­ziant von heute die „Melden“-Funktion von Face­book, wis­send, dass er so hüb­sch anonym bleiben kann.

Es bedarf schon einiger dieser rat­ti­gen Denun­zianten-Klicks, um die dum­men Algo­rith­men von Face­book zum Han­deln zu bewe­gen, aber wenn man nichts Besseres zu tun und genü­gend Hil­fe von Gle­ich­gesin­nten hat, klappt das schon! Und so kommt es, dass Blog­ger wie Anabel Schun­ke oder Imad Karim immer wieder ges­per­rt wer­den, obwohl deren einziges „Verge­hen“ darin beste­ht, ihre Mei­n­ung zu sagen. Im aktuellen Fall von Anabel Schun­ke kommt es sog­ar noch dick­er! Sie wurde ges­per­rt, weil sie eine ziem­lich heftige sex­uelle Belei­di­gung öffentlich machte, indem sie diese auf Face­book postete. Face­book han­delt hier nicht anders als die Scharia, wo eine verge­waltigte Frau mit har­ter Strafe rech­nen muss, wenn sie die geforderten vier Zeu­gen nicht auf­brin­gen kann. Face­book fragte nicht mal nach Zeu­gen, Face­book sper­rte gle­ich. Das muss man sich klar machen: wir schreiben das Jahr 2016 und den­noch kann es geschehen, dass das Opfer ein­er Beschimp­fung, Belei­di­gung oder Angriffs wie ein Täter bestraft wird. Unter­stützt und gefördert wird diese Unge­heuer­lichkeit durch eine pri­vate Stiftung, die aus Mit­teln des Jus­tizmin­is­teri­ums finanziert und von diesem beauf­tragt wor­den ist.

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1+1–1=3 – Mathe bei Facebook und Kahane

Mal ganz abge­se­hen, dass die Sper­rung von Anabel Schun­ke falsch, eine Unver­schämtheit und ein willkür­lich­er Akt ist, hält sich Face­book nicht nur in diesem Fall nicht an die eige­nen Statuten. Erste Sperre bei Face­book: drei Tage. Zweite Sperre: sieben Tage – diese Sperre wurde bei Anabel Schun­ke als Irrtum erkan­nt und mit aus­drück­lich­er Entschuldigung durch Face­book aufge­hoben. Nun meine Frage, liebe Gesichts­buch­in­quisi­toren: wie kann es sein, dass Anabel Schun­ke nun gle­ich für 30 Tage ges­per­rt wurde, wo ihr doch selb­st ein­räumtet, dass zumin­d­est die zweite Sperre unrecht­mäßig war? Hätte die aktuelle Sperre denn nicht erst die zweite sein dür­fen, da es offiziell noch keine wirk­same zweite Sperre gab? Mir scheint, Face­book hat sein Rech­stver­ständ­nis aus dem Buch „Hex­en­ham­mer“. Darin heißt es „Es gibt vier Arten den Angeklagten zu über­führen. Entwed­er durch das Recht, wie zum Beispiel Folter oder Zeu­gen, oder durch Evi­denz der Tat, oder durch Ausle­gung des Rechts, zum Beispiel, dass der Angeklagte öfters vorge­laden sei, oder durch hefti­gen Ver­dacht.“ Da die „Angeklagte“ schon mehrfach vorge­laden war, griff man im Strafreg­is­ter gle­ich eine Oktave höher. Was ist das hier, eine neue Art der Inqui­si­tion? Zählen falsche Verdäch­ti­gun­gen und fehler­hafte Anschuldigun­gen jet­zt schon genau­so viel, wie Tat­sachen und Fakten?

Vorbereitungen für das Exil

Solche Fälle von willkür­lich­er und unberechtigter Sper­rung sind nicht sel­ten. Allerd­ings ste­hen viele Betrof­fene nicht so in der Öffentlichkeit wie Frau Schun­ke, weshalb man nur von den wenig­sten Fällen erfährt. Die Abhängigkeit, in der man sich als Blog­ger in Sachen Kom­mu­nika­tion von großen Plat­tfor­men wie Face­book und Twit­ter befind­et, ist beängsti­gend. Ich halte es deshalb für eine gute Idee, einige min­i­male Vorkehrun­gen zu tre­f­fen, bevor es zu einem solchen kom­mu­nika­tiv­en Super­gau wie der Sper­rung bei Face­book kommt. Hier einige „Prep­per-Regeln“, die von Fall zu Fall noch ergänzt wer­den sollten.

  • Ver­traue nicht darauf, dass du mor­gen noch die Men­schen über Face­book und Co erre­ichst, die dir wichtig sind. Du soll­test die echt­en E‑Mail-Adressen für eine Fall-Back-Kom­mu­nika­tion speichern.
  • Falls Du regelmäßig blog­gst, ist eine eigene Web­seite eine gute Idee. Am weitesten ver­bre­it­et ist sicher­lich Word­Press, entwed­er über den Blog-Anbi­eter wordpress.com oder als kosten­lose Soft­ware, die man auf dem eige­nen Web­space instal­lieren kann.
  • Veröf­fentliche deine Beiträge auf Deinem Blog und benutze Face­book nur, um auf diesen Artikel zu verweisen.
  • Sichere die Blog­dat­en regelmäßig (Daten­bank und Pro­gram­m­dat­en) und ver­wende sichere Pass­worte. Im Falle eines Hack oder der Sper­rung durch den Provider kannst Du schnell an einen anderen Ort im Web mit deinem gesamten Blog, allen Artikeln und Kom­mentaren umziehen.
  • Für den Fall dass Du bei Face­book ges­per­rt wer­den soll­test, benenne rechtzeit­ig ein oder zwei ver­trauenswürdi­ge Fre­unde, die auf Dein­er Wall schreiben dür­fen und die Nachricht von Dein­er Sper­rung dort posten kön­nen. Diese kön­nen sich auch um die Schmierfinken und Trolle küm­mern, die die Abwe­sen­heit der Haush­er­ren gern nutzen, um ihren kranken Mist zu ver­bre­it­en. Denn merke: Face­book fes­selt und knebelt dich in seinem eige­nen Haus, lässt aber alle Türen offen – und Du kannst nichts dage­gen tun.
  • Sichere Deine Kon­tak­te und Blogs nicht nur in der Cloud, egal wie bequem das ist. Ein gut und regelmäßig aktu­al­isiert­er USB-Stick kann dafür sor­gen, dass Du „auf Sendung“ bleibst.
  • Wenn’s passiert, sofort han­deln! Wider­spruch ein­le­gen, und auf allen Dir noch zur Ver­fü­gung ste­hen­den Kanälen senden und wenn möglich einen Anwalt ein­schal­ten. Mich fra­gen, ich gebe gern Adressen von Spezial­is­ten weiter.

Digital auf der Flucht

Mei­n­ungs- und Rede­frei­heit sind das Fun­da­ment unser­er Demokratie. Geben wir die auf oder über­lassen es ein­er staatlichen oder pri­vat­en Zen­sur zu entschei­den, was gesagt wer­den darf und was nicht, ste­hen alle anderen demokratis­chen Werte auf Treib­sand. Wer nicht zu Mord oder Ver­brechen aufruft, muss das Recht auf freie Mei­n­ungsäußerung uneingeschränkt besitzen. Einen Mord „Mord“ zu nen­nen und ein Ver­brechen als „Ver­brechen“ zu beze­ich­nen, ist eben­falls durch dieses Grun­drecht geschützt. Es ist eine bit­tere Tat­sache, dass heute aus­gerech­net jene Men­schen auf dig­i­tal gepack­ten Kof­fern sitzen müssen, die auf Missstände hin­weisen, indem sie dieses Recht in Anspruch nehmen. Denun­ziert aus­gerech­net von Men­schen, für deren Recht auf freie Mei­n­ungsäußerung sie auch eintreten.

Blame the cause, face­book. Don’t shoot the messenger! 

Nach­trag: Am 27.11.2016 wurde auch Joachim Stein­höfel ges­per­rt. Siehe hier.

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4 Kommentare

  1. Danke für diesen Artikel. Ja, mit der Mei­n­ungs­frei­heit gehts ras­ant bergab. Das Schlim­mer dabei ist, dass es kaum jemand zu stören scheint, denn es trifft ja die poli­tisch “richti­gen”, also diejeni­gen, die Kahane & Co. als “Nazis” beschimpfen. Kahane und ihre Hand­langer sind die Bücherver­bren­ner des 21. Jahrhunderts.

    Ach ja, ich sichere meine Face­book- und Twit­ter-Posts auf vk.com. Da haben Kahane & Co. keinen Zugriff.

  2. Ich kenne mich nicht so aus. Aber wäre es nicht das beste, ein­fach eine Alter­na­tive zu Face­book zu ver­wen­den? Eine, die in einem Land mit Daten­schutz und Mei­n­ungs­frei­heit behei­matet ist? Wo dann Maas und Co im Quadrat sprin­gen kön­nen, sie aber nichts machen können.

  3. Klasse Artikel, sehr infor­ma­tiv. Wir dür­fen nicht aufhören für unsere Mei­n­ungs­frei­heit zu kämpfen.

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