traumImmer wie­der muss der alte Sokra­tes her­hal­ten, wenn es um das Unver­ständ­nis der Alten für die Jun­gen geht. Es han­delt sich gewis­ser­ma­ßen um den Run­ning-Gag der Genera­ti­ons­be­zie­hun­gen. Bekannt­lich beklag­te sich Sokra­tes bereits um 400 vor Chris­tus wie folgt über die ver­lot­ter­te Jugend: „Die Jugend liebt heut­zu­ta­ge den Luxus. Sie hat schlech­te Manie­ren, ver­ach­tet die Auto­ri­tät, hat kei­nen Respekt vor den älte­ren Leu­ten und schwatzt, wo sie arbei­ten soll­te. Die jun­gen Leu­te ste­hen nicht mehr auf, wenn Älte­re das Zim­mer betre­ten. Sie wider­spre­chen ihren Eltern, schwa­dro­nie­ren in der Gesell­schaft, ver­schlin­gen bei Tisch die Süß­spei­sen, legen die Bei­ne über­ein­an­der und tyran­ni­sie­ren ihre Lehrer.“

Der letz­te, der die­sen Sokra­tes zitier­te, um einer Ver­an­stal­tung den rich­ti­gen Spin zu geben, war Bun­des­prä­si­dent Gauck bei sei­ner Eröff­nungs­re­de zum Zukunfts­fo­rum am 13. Okto­ber 2016 „#DE2036 – Wie soll es aus­se­hen, die­ses Land? Deutsch­land in 20 Jah­ren“. Er hielt die Rede vor Jugend­li­chen, die weder schwatz­ten noch Auto­ri­tä­ten miss­ach­te­ten (sei­ne schon mal gar nicht), noch ihre Leh­rer tyran­ni­sier­ten. Die Ein­ge­la­de­nen waren sozi­al, poli­tisch und gesell­schaft­lich enga­gier­te Jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­ne zwi­schen 15 und 25 Jah­ren. Hand­ver­le­sen. Das zeigt auch, dass immer wie­der ver­ges­sen wird, Sokra­tes über die Ent­fer­nung der Jahr­tau­sen­de der bös­wil­li­gen Ver­all­ge­mei­ne­rung zu zei­hen, wie das mit zeit­ge­nös­si­schen Vor­wür­fen aller Art stets und gern getan wird. Über die anwe­sen­den Jugend­li­chen jeden­falls wür­de Sokra­tes sich gefreut haben. Und der Bun­des­prä­si­dent freu­te sich auch.

Nun gehört es gewis­ser­ma­ßen zur Arbeits­platz­be­schrei­bung eines Bun­des­prä­si­den­ten, moti­vie­ren­de Reden zu hal­ten und sich auch an die Jugend zu wen­den, und die Rede war eine gute. Die Träu­me die­ser hand­ver­le­se­nen Jugend­li­chen zu selek­tie­ren und medi­al an die Öffent­lich­keit zu zer­ren, über­ließ er dann aber wil­li­gen Medi­en, in die­sem Fall dem Spie­gel-Jugend­ma­ga­zin ben­to.

Und was träumt die ange­pass­te Jugend so, wenn sie 20 Jah­re in die Zukunft schaut? Natür­lich das, was poli­tisch von ihr erwar­tet wird – des­halb fragt man ja auch nicht die reni­ten­te, son­dern die ange­pass­te Jugend. Hören wir also mal hin­ein in die Träume…

„2036 müs­sen hof­fent­lich nicht mehr so vie­le Men­schen flüch­ten, ihre Schu­le wech­seln und eine völ­lig neue Spra­che ler­nen. Aber wenn Flücht­lin­ge zu uns kom­men, dann inte­grie­ren wir sie viel schnel­ler als heu­te. Vor allem, weil wir gar nicht mehr so viel dar­über nachdenken.“

Nein, nach­den­ken ist nicht hilf­reich bei der Inte­gra­ti­on. Schon gar nicht, wenn man die Hoff­nung behal­ten möch­te, dass weni­ger Men­schen flüch­ten müs­sen oder auch nur wol­len. Was näm­lich das angeht, sieht es für die Zukunft mehr als düs­ter aus. Allein schon des­halb, weil wir es unse­ren Poli­ti­kern gestat­tet haben, im Wort „Flücht­ling“ alle Men­schen zusam­men­zu­fas­sen, die es über unse­re Gren­zen schaf­fen oder schaf­fen wol­len und denen wir selbst­los zu hel­fen haben. Rech­net man noch die Panik­sze­na­ri­en der Grü­nen hin­zu, die uns Aber­mil­lio­nen „Kli­ma­f­lücht­lin­ge“ ver­spre­chen, sieht es ziem­lich düs­ter aus für die­sen Traum. Viel­leicht wäre es eine bes­se­re Idee, noch viel mehr dar­über nachzudenken.

„Ich woh­ne im Ham­bur­ger Stadt­teil Bills­tedt, dort woh­nen vie­le eher unge­bil­de­te und arme Men­schen. Gera­de bekom­men wir noch ein Flücht­lings­heim, es bil­den sich Ghet­tos. Die Men­schen dort haben nicht die glei­chen Chan­cen wie in ande­ren Stadt­tei­len. 2036 ist mein Stadt­teil viel durch­misch­ter und jeder kann end­lich die Zie­le errei­chen, die er sich setzt. Nie­man­dem wird das Medi­zin­stu­di­um ver­wehrt, nur weil er es sich nicht leis­ten kann, zu stu­die­ren. Nie­mand sucht ver­ge­bens nach einem Arbeits­platz, nur weil er kei­ne guten Kon­tak­te hat. Auch Men­schen, die noch kein Deutsch spre­chen, wis­sen, wel­che Chan­cen sie hier haben – weil wir genug Men­schen beschäf­ti­gen, die sich um sie kümmern.“

Ghet­tos bil­den sich meist ohne Zutun, ihre Abschaf­fung ist da schon deut­lich schwie­ri­ger. Der New Yor­ker Stadt­teil Har­lem war z. B. einst das Armen­haus der Stadt. Seit eini­gen Jah­ren „durch­mischt“ sich die Gegend, beson­ders infol­ge der Gen­tri­fi­zie­rung. Fol­ge des­sen sind stei­gen­de Immo­bi­li­en­prei­se und die ver­stärk­te Abwan­de­rung der Armen, die sich die stei­gen­den Mie­ten ein­fach nicht mehr leis­ten kön­nen. Das neue Flücht­lings­heim in Bills­tedt wird dem Stadt­teil wohl aber nicht gera­de zu mehr Attrak­ti­vi­tät ver­hel­fen und die meis­ten Men­schen, die den sozia­len Auf­stieg schaf­fen (auch Migran­ten), wer­den sich nach bes­se­ren Wohn­ge­gen­den umse­hen – es sei denn, man hin­dert sie dar­an. Wie das von­stat­ten gehen soll, mag ich mir aber gar nicht vor­stel­len. Wahr­schein­li­cher ist also, dass die Jugend­li­che aus Ham­burg-Bills­tedt nach ihrem geschenk­ten Medi­zin­stu­di­um eine Pra­xis in Ham­burg-Blan­ke­ne­se über­neh­men und sich künf­tig fürch­ter­lich dar­über auf­re­gen wird, dass ihre hor­rend stei­gen­den Steu­ern für Sozi­al­ar­bei­ter, Inte­gra­ti­ons­be­auf­trag­te, Poli­zis­ten und Deutsch-Inten­siv-Leh­rer aus­ge­ge­ben wer­den müs­sen, von denen man Jahr für Jahr mehr brau­chen wird. Lei­der bleibt so kein Geld übrig, um in benach­tei­lig­ten Stadt­tei­len für aus­rei­chend „Durch­mi­schung“ zu sorgen.

„Ein­wan­de­rer wer­den 2036 ein ganz ande­res, welt­bür­ger­li­ches Deutsch­land erle­ben: Deut­sche und Ein­wan­de­rer­fa­mi­li­en fei­ern zusam­men Weih­nach­ten und spä­ter zum Ende des Rama­dan auch das Zucker­fest. In 20 Jah­ren sit­zen wir gemein­sam an einem Tisch – und sind viel stär­ker noch für­ein­an­der da als der­zeit. Die Kul­tu­ren haben sich ver­mischt – und wir ler­nen end­lich voneinander.“

Die­ser Satz hät­te das Ende eines evan­ge­li­schen Got­tes­diens­tes bil­den kön­nen, wenn da nicht das „Amen“ feh­len wür­de. Viel­leicht hat der Ver­fas­ser aber auch vom „House of One“ gehört, einem eher schlep­pend vor­an­schrei­ten­den inter­re­li­giö­sen Pro­jekt, ein gemein­sa­mes Got­tes­haus für Juden, Chris­ten und Mus­li­me in Ber­lin, das all dies leis­ten soll. Mal ganz abge­se­hen vom mäßi­gen Fort­schritt des Pro­jek­tes und der Fra­ge, wel­che mus­li­mi­sche Gemein­schaft eigent­lich unter die­ses gemein­sa­me Dach zie­hen soll… kann das prin­zi­pi­ell klap­pen? Liegt der Weg zum fried­li­chen Zusam­men­le­ben wirk­lich im Zusam­men­wer­fen alles Reli­giö­sen, anstatt das Reli­giö­se aus dem gemein­sa­men All­tag her­aus­zu­lö­sen? Ist es not­wen­dig, dass eine evan­ge­li­sche Gemein­de das Zucker­fest oder Moham­meds Geburts­tag fei­ert? Erwar­tet ein Christ von sei­nem mus­li­mi­schen Kol­le­gen zu Ostern die Gruß­for­mel „Der Herr ist auf­er­stan­den“? Führt sich eine Reli­gi­on nicht ad absur­dum, wenn man ihre Dog­men zu kul­tu­rel­len, aus­tausch­ba­ren Peti­tes­sen von all­ge­mei­nem Inter­es­se erklärt, anstatt zur aus­schließ­li­chen Pri­vat­an­ge­le­gen­heit unter Gleich­ge­sinn­ten? Die Reli­gio­nen ergän­zen sich nicht, sie schlie­ßen ein­an­der aus. Dass sie sich gegen­sei­tig ertra­gen ler­nen ist das Ziel – und dass sie nicht-reli­giö­sen Men­schen nicht zu sehr auf die Ner­ven gehen. Nicht mehr, aber auch nicht weni­ger. Des­halb ist es unum­gäng­lich, jeder Reli­gi­on klar ihre Gren­zen auf­zu­zei­gen, anstatt sie inte­gra­tiv auf­zu­la­den und auf­ein­an­der zu het­zen, in der Hoff­nung, dass sich alle schon irgend­wie ver­tra­gen wer­den. Es geht immer um indi­vi­du­el­le Per­sön­lich­keits­rech­te – und die dür­fen in kei­ner Wei­se von Reli­gio­nen abhängen.

„Frau­en wer­den 2036 nicht mehr benach­tei­ligt. Sie bekom­men den glei­chen Lohn wie Män­ner. Frau­en kön­nen Kar­rie­re machen, wenn sie wol­len – dann bleibt halt der Mann zu Hau­se. Nie­mand hält eine Frau mehr für eine Hilfs­kraft, obwohl sie die Che­fin ist. Gleich­be­rech­ti­gung ist Nor­ma­li­tät geworden.“

Durch den unmit­tel­bar bevor­ste­hen­den ver­stärk­ten Fami­li­en­nach­zug wird sich der Trend zur Gleich­be­rech­ti­gung für abseh­ba­re Zeit zunächst ein­mal umkeh­ren. Gera­de berei­ten die gro­ßen Par­tei­en durch Dis­kus­sio­nen über Kin­der­ehe, Poly­ga­mie und Bur­ka­ver­bot den Boden für eine Zwei­klas­sen­ge­sell­schaft für Frau­en vor. Die Tole­ranz ein­for­dern­den Stim­men gegen­über sol­chen Prak­ti­ken wer­den immer lau­ter und der poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Wil­le, dies zu stop­pen, ist eher schwach aus­ge­prägt und wird von man­chen Gerich­ten bereits unter­lau­fen. Lie­ber appel­liert man an unse­re ein­ge­bau­te Tole­ranz des eigent­lich Unto­le­rier­ba­ren. Wir wer­den also ein­fach weg­se­hen, so wie wir das heu­te mit einem Bett­ler machen oder in den 30er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts mit unse­ren jüdi­schen Mit­bür­gern. Nichts sehen, nichts hören und anschlie­ßend von nichts gewusst haben.

Auf der einen Sei­te wird es also die Frau­en geben, die sich erfolg­reich im Job durch­set­zen, selbst­be­stimmt leben, spät weni­ge Kin­der haben und gleich­be­rech­tigt sind. Auf der ande­ren Sei­te dann die Frau­en, die in der Öffent­lich­keit kaum in Erschei­nung tre­ten wer­den, sich ver­schlei­ern, nicht arbei­ten, früh hei­ra­ten und vie­le Kin­der haben. Wir wer­den dies fälsch­li­cher­wei­se für eine etwas selt­sa­me Art der Selbst­be­stim­mung hal­ten, uns damit abfin­den und sogar Ein­rich­tun­gen und Pro­ze­du­ren dafür schaf­fen, um uns ein­re­den zu kön­nen, dass uns das Schick­sal die­ser Frau­en nicht gänz­lich egal ist. Gleich­be­rech­ti­gung wird also nicht nor­mal sein, weil wir es zulas­sen wer­den, dass vie­le der Men­schen, die hier leben, die­se Gleich­be­rech­ti­gung ablehnen.

„Wer in 20 Jah­ren nach Euro­pa flüch­ten muss, wird inner­halb von zwei Wochen in ein euro­päi­sches Land gebracht, in dem er auch blei­ben darf, weil die Mit­glieds­staa­ten sich auf Quo­ten geei­nigt haben. Er kann sofort einen Sprach­kurs machen und ler­nen, wel­che Wer­te im neu­en Hei­mat­land wich­tig sind. Men­schen hel­fen ihm, mit der Büro­kra­tie klar­zu­kom­men: Er weiß, wie sein Schick­sal aus­se­hen wird und hat eine fai­re Chan­ce, Staats­bür­ger zu werden.”

Lie­ber Mar­tin Schulz, haben Sie das geschrie­ben? Oder dik­tiert? 23 Jah­re alt ist der Ver­fas­ser die­ser Zei­len und es ist eigent­lich kaum zu glau­ben. Man stel­le sich solch einen Auto­ma­tis­mus nur mal vor, der es so leicht und sicher macht, sei­ne Hei­mat zu ver­las­sen und das auch noch mit Geling-Garan­tie und „Wünsch-Dir-was” dabei – ich hat­te solch ein Sze­na­rio schon mal für Afri­ka ent­wor­fen und es macht wirk­lich kei­ne Freu­de, dar­über län­ger nach­zu­den­ken. Und bevor die EU-Mit­glieds­staa­ten sich auf eine sol­che Quo­ten­re­ge­lung eini­gen, geht wohl eher die gan­ze EU den Bach run­ter. Denn lei­der funk­tio­niert eine sol­che Rege­lung nicht. Die weni­gen – christ­li­chen – Flücht­lin­ge, zu deren Auf­nah­me sich bei­spiels­wei­se Polen bereit fand, haben sich längst über die Gren­ze nach Deutsch­land abge­setzt. Quo­te hin oder her. Man hät­te sie wohl mit EU-Recht fest­bin­den müssen.

„2036 füh­len wir uns als Welt­bür­ger und Euro­pä­er. Eigent­lich müss­te es ein euro­päi­sches sozia­les Jahr geben. Vor dem Schul­ab­schluss oder direkt danach fah­ren jun­ge Men­schen durch Euro­pa – und danach kön­nen sie sich ent­schei­den, wo sie stu­die­ren oder arbei­ten wol­len. Wie kön­nen wir denn von Euro­pa reden, wenn wir in Frank­reich und Spa­ni­en nie­man­den ken­nen? Wenn wir nicht wis­sen, wie es sich dort lebt? Wenn ich die Kul­tur woan­ders schö­ner fin­de, kann ich dort leben. Ohne Pro­ble­me, ohne Pass, ein­fach so.“

Da hat offen­bar jemand von der Idee der EU-Kom­mis­si­on gehört, jedem 18-jäh­ri­gen EU-Bür­ger ein Inter­rail-Ticket zu schen­ken und ihn durch die EU zu schi­cken – aber abge­se­hen davon, lie­ber Träu­mer, ist dein Traum längst Rea­li­tät! Das haben wir schon, Schen­gen, kein Pass nötig und so! Was hin­dert dich also dar­an, dich in die Kul­tur Spa­ni­ens, Frank­reichs oder Por­tu­gals zu ver­lie­ben und dort zu blei­ben? Ver­mut­lich die Nei­gung zur „Ghet­toi­sie­rung“, die dei­ne Mit­träu­me­rin aus Ham­burg-Bills­tedt als zu über­win­den und Pro­blem dar­stellt. Es ent­spricht aber der Natur des Men­schen, sich dort nie­der­zu­las­sen, wo er Fami­lie, ver­wand­te Spra­che und Kul­tur vor­fin­det. Aus­nah­men bestä­ti­gen die Regel, aber das war auch schon immer so.

Genug geträumt

War­um befas­se ich mich mit den posi­tiv-nai­ven Aus­sa­gen einer Hand­voll Jugend­li­cher, die unse­rem schei­den­den Bun­des­prä­si­den­ten nach dem Mund reden? Weil die Aus­wahl der Aus­sa­gen, die erst das Bun­des­prä­si­di­al­amt und dann ben­to getrof­fen haben, in eine ganz bestimm­te Rich­tung zeigt – und die gefällt mir nicht. All die­se „Träu­me” wir­ken auf eine Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der Kon­flik­te der Gegen­wart hin und auf deren end­lo­se Ver­län­ge­rung in die Zukunft. Es ist eine star­ke Sug­ges­ti­on zu erken­nen, die Pro­ble­me der Welt genau so lösen zu kön­nen, wie unse­re aktu­el­le Bun­des­re­gie­rung dies seit Jah­ren ver­sucht: mit bedin­gungs­lo­sen, auto­ma­ti­sier­ten Pro­gram­men, die dem Bür­ger das Nach­den­ken erspa­ren und vor allem immer mehr und mehr Geld ver­schlin­gen. Es geht stets nur um staat­li­ches Han­deln, geschaf­fe­ne Bedin­gun­gen und das Wohl­wol­len der Macht – nie um Eigen­in­itia­ti­ve, per­sön­li­che Zie­le oder ein­fach auch mal nur fami­liä­res Glück. In der ame­ri­ka­ni­schen Ver­fas­sung ist das Stre­ben nach Glück als Staats­ziel defi­niert, die Jugend Deutsch­lands wird hin­ge­gen auf ihre Rol­le in Euro­pa und der Welt vor­be­rei­tet. Von nie­mand ande­rem erwar­ten wir sol­che Selbst­auf­op­fe­rung. Nie­mand ande­res muss das Gewicht der Welt auf den Schul­tern tra­gen. Ich fin­de, das ist Hybris und ich erken­ne dar­in sozia­lis­ti­sche Ten­den­zen. Die Aus­sa­gen erin­nern auf pein­li­che Wei­se an den Eid, den Jung­pio­nie­re in der DDR aus­wen­dig lern­ten. Dabei wet­te ich, dass all die hier zitier­ten Jugend­li­chen durch­aus per­sön­li­che Zie­le haben und vie­le dies auch for­mu­lier­ten. Aber Ort und Anlass lie­ßen die­se „klei­nen“ Zie­le wohl hin­ter dem „gro­ßen und erha­be­nen Pro­jekt Welt­frie­den“ ver­schwin­den. Dar­an ist ja an sich nichts Schlech­tes – zumin­dest, wenn man „Miss Ame­ri­ca“ wer­den will.

Und noch eines wird deut­lich durch sol­che Ant­wor­ten auf Fra­gen, die sich so nicht stel­len: Alle Jugend­li­chen gehen davon aus, dass auch in den nächs­ten 20 Jah­ren und dar­über hin­aus der Druck durch die Zuwan­de­rung unver­min­dert anhal­ten wird. Ob es unter die­ser Vor­aus­set­zung in 20 Jah­ren aber über­haupt noch ein so vita­les und sol­ven­tes Euro­pa geben kann, von dem sich unse­re Jugend die Lösung aller Pro­ble­me ver­spricht, ist mehr als fraglich.

Epilog

Für jemand Anfang zwan­zig ist 20 Jah­re in die Zukunft zu schau­en eine schwe­re Auf­ga­be. Man könn­te es als intel­lek­tu­el­le Fin­ger­übung betrach­ten, jeman­dem in die­sem Alter däm­li­che Fra­gen zu Deutsch­land in 20 Jah­ren zu stel­len. Oder als Abwand­lung der berühm­ten Ken­ne­dy-Rede „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst“. Oder für den Beweis dafür, dass das Ver­ständ­nis für Wirt­schaft und Zah­len ganz all­ge­mein in Deutsch­land auf dem Rück­zug ist.

Viel­leicht ist es ja aber auch sehr schlau, auf die­se Wei­se für Ablen­kung zu sor­gen. Denn bei Fra­gen, wel­che die Jugend sehr viel unmit­tel­ba­rer betref­fen, wird sie nicht gefragt. „Träumt ihr mal schön von über­mor­gen und über­lasst die Gegen­wart uns Poli­ti­kern“. Jugend­li­che, die sich heu­te über die man­geln­de Qua­li­tät der Schul­bil­dung, über­las­te­te Leh­rer, zu gro­ße Klas­sen und Kos­ten­druck auf Stu­den­ten bekla­gen, könn­ten sonst auf die Idee kom­men zu fra­gen, war­um die von Mer­kel pos­tu­lier­te „Bil­dungs­re­pu­blik Deutsch­land“ nicht ihnen, son­dern erst ihren Kin­dern in 20 Jah­ren zugu­te­kom­men soll. Fal­len die Kids etwa auf die alte „unse­re Kin­der sol­len es mal bes­ser haben“-Masche her­ein, mit der Regie­run­gen aller Zei­ten ihr Volk auf beson­ders gro­ße Här­ten ein­stell­ten? Ist ein Blick in die weit ent­fern­te Zukunft nicht viel unver­bind­li­cher als ein Blick ins nächs­te Jahr, auf den guten Uni-Abschluss oder einen guten Job? Aber womög­lich kann man es als geis­ti­gen Kol­la­te­ral­scha­den der links­grü­nen Bil­dungs­po­li­tik der letz­ten Deka­de betrach­ten, dass unse­re Jugend den Blick in die unmit­tel­ba­re Zukunft, in ihre eige­ne Zukunft, ver­lern­te, weil sie vom Leben in einer kli­ma­ge­ret­te­ten, elek­tro­mo­bi­li­sier­ten, decar­bo­ni­sier­ten und maxi­mal 2°C wär­me­ren Welt im Jahr 2100 träumt.

Die Jugend soll träu­men, denn es gibt kei­ne bes­se­re Zeit für Träu­me. Es grenzt aller­dings an vor­sätz­li­che Ver­ar­schung, wenn man der Jugend durch ver­korks­te poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen in der Gegen­wart genau die Chan­cen ver­baut, von denen man sie dann öffent­lich­keits­wirk­sam träu­men lässt. Die Poli­tik der EU und der deut­schen Bun­des­re­gie­rung set­zen seit eini­ger Zeit all die Errun­gen­schaf­ten aufs Spiel, die der Jugend heu­te als so gott­ge­ge­ben und selbst­ver­ständ­lich erschei­nen, dass sie sich eine Zukunft ohne die­se Errun­gen­schaf­ten nicht mal vor­stel­len kann. Dabei liegt die Zukunft unse­rer Jugend längst als Wett­ein­satz auf dem Tisch und es darf bezwei­felt wer­den, dass Mer­kel & Co so gute Kar­ten haben, dass sie das Spiel gewin­nen wer­den. Gefälsch­te Päs­se, gefälsch­te Kar­ten – der Geg­ner hat nichts zu ver­lie­ren, war­um soll­te er also fair spie­len? Soll­ten wir ler­nen, gute Ver­lie­rer zu sein?

Zum Schluss ein kleines Gedankenexperiment

Rei­sen wir kurz 100 Jah­re in der Zeit zurück. Wir haben das Jahr 1916, Sie sind gera­de im Schul­al­ter der ben­to-Träu­mer. An der West­front des deut­schen Rei­ches läuft es gera­de nicht so gut, aber Sie schlie­ßen den Kai­ser und des­sen Waf­fen­glück noch in jedes Ihrer Tisch­ge­be­te ein. Der Kai­ser besucht Ihr Gym­na­si­um in Ber­lin und lässt sei­ne jun­gen Unter­ta­nen einen Blick 20 Jah­re in die Zukunft wer­fen. Zuge­ge­ben, so etwas fällt uns aus heu­ti­ger Sicht nicht leicht, zumal man das Wis­sen um die Zeit zwi­schen 1916 und 1936 nicht ein­fach aus­blen­den kann. Aber was glau­ben Sie? Wür­de Ihre Ana­ly­se als Schü­ler im deut­schen Kai­ser­reich die aktu­el­le, kom­plett ver­fehl­te deut­sche Poli­tik in die Pro­gno­se mit ein­be­zie­hen? Wür­den Sie aus der Sicht von 1916 den Unter­gang 1918 bereits erken­nen kön­nen oder sogar sehen, dass man sich 1936 schon auf den nächs­ten, noch viel umfas­sen­de­ren Unter­gang zube­weg­te? Und sah die Zukunft, vom Jahr 1936 aus betrach­tet, für so man­chen Deut­sche zunächst nicht wirk­lich ganz groß­ar­tig aus? Ich über­las­se Sie dann mal Ihren eige­nen Schluss­fol­ge­run­gen. Machen Sie was draus, der Kai­ser zählt auf Sie! Und Herr Gauck auch.

Notiz an mich: 2036 auf Wiedervorlage.

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