Nach auf den Tag genau 15 Jahren Kanz­le­rin­nen­schaft ent­zieht sich Angela Merkel längst den gewöhn­li­chen Maß­stä­ben unseres sons­ti­gen poli­ti­schen Per­so­nals. Ihre Pha­sen­weise Absenz von der Tages­po­li­tik hebt sie in den Augen ihres Gefol­ges und vieler Jour­na­lis­ten längst über die Nie­de­run­gen des all­täg­li­chen Klein-Kleins, der poli­ti­schen Lager­kämpfe und geschei­ter­ter Groß­pro­jekte. Es ist, als wäre die Kanz­le­rin längst auf ein anderes Level vor­ge­rückt, von wo aus sie huld­voll winkt, Minis­ter tadelt, Viro­lo­gen lobt und ansons­ten das Große und Ganze im nim­mer­mü­den Auge hat. Doch von Zeit zu Zeit steigt sie selbst herab aus den Wolken und legt ihre seg­nen­den Hände auf die müden Häupter aus­ge­wähl­ter Unter­ta­nen. In pan­de­mi­schen Zeiten muss sie dank moder­ner Technik nicht mal ihre Wolke ver­las­sen und kann ihre Hand per Video­kon­fe­renz auf­le­gen. Bür­ger­dia­log nennt sich das Format, „Die Bun­des­kanz­le­rin im Gespräch“.

Friede Valen­tin (92) beein­druckt Angela Merkel im Bür­ger­dia­log“ schreibt RTL über eine freund­li­che ältere Dame im Video­chat mit der Kanz­le­rin. Kein Murren ist von Frau Valen­tin zu hören über die restrik­ti­ven Kon­takt­be­schrän­kun­gen zur eigenen Familie – das wäre der Kanz­le­rin gegen­über auch viel zu unhöf­lich. Frau Valen­tin wünscht sich nur, dass es endlich WLAN im Pfle­ge­heim gibt, damit die Bewoh­ner besser Kontakt zu Familie halten können. „Das wäre wun­der­bar“, schließt Friede Valen­tin ihren Wunsch – und die Kanz­le­rin legt ihre Hand auf:

Da muss ich mal mit dem Herrn Kret­sch­mann reden, dass Sie WLAN bekommen.“

Weih­nach­ten mit der Familie mag viel­leicht aus­fal­len, doch dafür erfüllt die Kanz­le­rin Wünsche im Baden-Würt­tem­ber­ger Pfle­ge­heim. Ein biss­chen kümmern, ein biss­chen segnen, ein biss­chen Königin, der ein treuer Unter­tan eine Beschwerde über den hie­si­gen Vier­tel­fürs­ten vorträgt.

Die Kanz­le­rin wird mit dem Minis­ter­prä­si­den­ten reden und der wird dann liefern, wie ihm gehei­ßen wurde. Ein Gna­den­akt von ganz ganz oben als Ersatz für den abge­räum­ten Grund­satz der Unver­letz­lich­keit der Person und der Familie – ist nur keinem auf­ge­fal­len und wenn doch, nimmt man offen­sicht­lich keinen Anstoß an dieser Art der Politik, die heute je nach Belie­ben und Inzi­denz Kamelle unters Volk wirft oder Kar­ne­val ver­bie­tet. Eine Ret­tungs­mil­li­arde hier, eine Kon­takt­be­schrän­kung da, ein WLAN dort.

Bedenk­lich finde ich nicht so sehr dieses kon­krete Kanz­le­rin­nen­wort, also das Ver­spre­chen, der Senio­rin WLAN zu ver­schaf­fen. Das lasse ich als spon­ta­nen Wunsch zu helfen absolut gelten. Viel erstaun­li­cher finde ich mitt­ler­weile die Selbst­ver­ständ­lich­keit dieser Form der Appel­la­tion einer Bür­ge­rin an die ver­meint­lich aller­höchste Instanz, welche es außer­dem selbst war, die zuvor beschlos­sen hat, dass es für Friede Valen­tin besser sei, wenn sie keinen per­sön­li­chen Kontakt mehr zu ihrer Familie habe. Der Ker­ker­meis­ter hat zwar die Schlüs­sel zum Gefäng­nis, aber er bringt auch das Essen. Doch am Ende ver­lernt man beides: Frei­heit und Kochen.

Und die Kanz­le­rin? Die wird nun mit Win­fried Kret­sch­mann reden und fordern, dass Friede Valen­tin endlich WLAN bekommt und beim ersten Video­tref­fen der Familie Valen­tin mit der Oma in Schutz­iso­la­tion werden die Kameras sicher wieder dabei sein um das im Chor ange­stimmte „Danke, Frau Merkel!“ auf­zu­zeich­nen. Und die Kanz­le­rin wird ein wei­te­res Problem gelöst haben, das es ohne sie viel­leicht nie gegeben hätte.

11 Kommentare

  1. Wieso Kret­schmr anrufen? Ein IT-Man und ein Elek­tri­ker sind da von Nöten, nicht der MP. Das Merkel’sche Ver­spre­chen ist völlig inhalts­leer. Sie hat den Hörer auf­ge­legt und nachher gar nichts gemacht.Sowas fällt keinem auf?

    Medi­zi­ner­frau

    • Naja. Frag­lich wäre da eher, ob das Alten­heim tech­nisch kein WLAN (mit Ver­bin­dung zum Inter­net) hat oder ob die alte Dame einfach nicht drauf zugrei­fen darf.

      Und wäre ich para­noid, könnte ich mir durch­aus vor­stel­len, das Frau Merkel bei Herrn Kret­schmer ange­ru­fen hat.…: „Hör mal, da gibt es eine Alte, die öffent­lich nörgelt. Bring die zum schweigen.”.…..

  2. Diesen Hei­li­gen­schein hat ihr die Staats­presse ver­passt. Ich bewerte nur dass, was viel­leicht direkt aus ihrem Mund kam und nicht abge­le­sen war. Von den Grenzen, die nicht geschlos­sen werden können, bis zu dem Singen von Weih­nachts­lie­dern gegen die Angst vor Isla­mi­sie­rung und der schönen Kind­heit, wo man auch Tier­schlach­tun­gen sehen konnte. Dann die vielen totalen Kehrt­wen­dun­gen ihrer poli­ti­schen Lauf­bahn und .…

  3. Ist doch was für unsere Reichs­bür­ger: Die wollten doch immer einen Kaiser. Jetzt haben sie halt eine Kaiserin.

  4. Was waren das für Zeiten als im Bun­des­tag noch Wehner und Strauß sich duel­lier­ten ohne Rück­sicht auf Gender- sprech aber sehr volks­nah. Wo eine Beate Klars­feld einen Kanzler Ohr­feigte und Fischer aus­fäl­lig wurde.
    Heute kann man den Bun­des­tag mit dem Chi­ne­si­schem Kai­ser­hof ver­glei­chen. Ein Gott*in ist umgeben von hul­di­ge­den Eunu­chen und gewährt dem Pöpel bei einer öffen­li­chen Audienz die Gnade der Erfül­lung eines Wunsches.
    P.S: Die Oma hätte in einem Ent­wick­lungs­land schon längst WLAN. Grüner Strom ist hier flä­chen­de­ckend vor­han­den, WLAN für Bürger muss warten.

  5. Haha! Die uns all-umhül­lende majes­tä­ti­sche Kanz­le­rin­nen-Gnade wurde perfekt beschrie­ben und mit einer köst­li­chen Prise Letsch-Humors fein abge­würzt. Leider bleibt einem das unver­meid­bare Lachen auf Grund der bit­te­ren Rea­li­tät im Hals stecken.…

  6. Meine Bezeich­nung für diese Dame behalte ich lieber für mich. Nur soviel: schrift­li­che Aussagen/Berichte lese ich wohl, sobald sie zum Spre­chen ansetzt, ist der AUS-Knopf aktiv.

  7. Omas sind die absolut treus­ten Mer­ke­lia­ner. Sie beschrei­ben den neu-reli­giö­sen Spuk ganz gut. Ein biss­chen Stock­holm-Syndrom hier, ein wenig sich im ver­meint­li­che gött­li­chen Glanz Sonnen da. So mag es der Deut­sche. Ist das nicht schön, wenn die Kanz­le­rin auf Erden ohne Föde­ra­lis­mus und Gewal­ten­tei­lungs­krims­krams direkt vom Olymp herab, das Wohn­heim-WLAN her­nie­dergna­det? Kann man der Himm­li­chen nicht bei allem einfach Voll­macht geben? Laut Forbes ist sie doch so mächtig; da kann die für uns viele schöne Dinge machen. Hex hex oder wie auch immer das latei­ni­sche Gebet auch geht. Leider geht ihre Amts­zeit aber bald zu Ende. Dann sitzt sie im Himmel zur Rechten von Barack Obama. Das ist von unten betrach­tet zur Linken.

    • Die Amts­zeit geht zu Ende? Na, wenn Sie sich da nicht mal vertun.

      Inzwi­schen hat die Gott­kanz­le­rin ja auch das Zittern wieder unter Kon­trolle, da kann sie auf viel­fa­chen Wunsch noch einmal vier Jahre einlegen.

      Wer würde es ihr auch ver­bie­ten? Das Grund­ge­setz nicht, die Adlaten, die schon im letzten Jahr sagten, dass man die Gott­kanz­le­rin ob ihrer Strahl­kraft brauche, schon gar nicht.

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