pixelio​.de (Uwe Wag­schal)

Ich halte ihn nämlich kaum noch aus, diesen „Bun­des­tags­wahl­kampf”. Zuneh­mend werden Bilder und Töne pro­du­ziert, die mir phy­si­sche Schmer­zen berei­ten. Der farb- und chan­cen­lose Her­aus­for­de­rer bedankt sich im „Kanz­ler­du­ell“ vor lau­fen­den Kameras bei seiner Kon­tra­hen­tin und bietet ihr wenige Tage später sogar generös die Vize­kanz­ler­schaft an – Erde an „Fred vom Jupiter”, jemand zu hause? Öffent­lich recht­li­che Bedürf­nis­an­stal­ten senden epische Kanz­le­rin­nen­ge­sänge mit hand­ver­le­se­nem Publi­kum über die Erfolge der Regie­rung, wie es selbst Putin in seinem „Direk­ten Draht” nicht besser hin­be­kommt. Peter Alt­maier feuert unter­des­sen weiter wirre Tweets wie bers­tende Hem­den­knöpfe ab und alle Par­teien, Kom­men­ta­to­ren und Kaf­fee­satz­le­ser sind sich darüber einig, dass das einzig Rich­tige, was die zur Paria erklärte AfD tun könnte, die kom­plette eigen­hän­dige Ersäu­fung der ganzen Partei samt Anhän­ger­schaft im Mit­tel­meer sei, damit sich an ihren sonst nutz­lo­sen Leibern die wirk­lich Schutz­be­dürf­ti­gen und guten Men­schen solange fest­hal­ten können, bis sie von selbst­lo­sen Rettern nach Europa gebracht werden können. (Wer bei diesem Bild inner­lich jubi­liert, dem ist aller­dings längst die mentale Steu­er­kette geris­sen.)

Andere Pro­bleme haben wir im Grunde nicht, denn Deutsch­land gehe es „so gut wie nie”. Ich kann die ganzen Schein­ge­fechte nicht mehr ertra­gen, denn „so gut wie wahr­schein­lich nie wieder“ halte ich für zutref­fen­der. Nur noch eine Woche und ein Biss­chen Klein­zeit, dann ist es endlich über­stan­den! Oder etwa nicht? Was meinst du, liebe Kris­tall­ku­gel? Schau nicht so trüb und berichte mir Erhel­len­des aus der Zukunft hinter dem Wahl­sonn­tag!

Ein Blick in den Nebel

In einem letzten Auf­bäu­men von Selbst­ach­tung gesteht Martin Schulz am 25.9. seine Nie­der­lage ein, knapp über 20% lassen sich beim besten Willen nicht mehr als Sieg und Regie­rungs­auf­trag ver­kau­fen. Als letzten Lie­bes­dienst vor seinem Rück­tritt als Par­tei­vor­sit­zen­der und Ehren­amt­li­cher Bade­meis­ter des Spaß­ba­des Wür­se­len erklärt er, dass die SPD die Legis­la­tur­pe­ri­ode dazu nutzen wolle, alles in ihrer Macht ste­hende zu tun und weiter gegen die AfD zu kämpfen. Angela Merkels Union musste Federn lassen, kann aber mit der bei deut­lich über 10% gelan­de­ten FDP und dem küm­mer­li­chen 5,01%-Rest der Grünen eine Koali­tion bilden, die ihr mit Nibe­lun­gen­treue schwört, genau das­selbe zu tun, wie die SPD – nämlich Oppo­si­tion gegen die AfD, nur eben aus der Regie­rung heraus. Man könne den Feind auf diese Weise in einen Zwei­fron­ten­krieg zwingen, und der sei deut­schen Reichs­bür­gern und Faschis­ten ja noch nie gut bekom­men.

Die AfD schließ­lich landet irgendwo bei 10 ­- 14% und steht nun vor dem Dilemma, dass ihre Abge­ord­ne­ten auf die Besu­cher­tri­büne des Bun­des­ta­ges ver­bannt werden mussten, weil keiner neben ihnen sitzen will und eine Posi­tio­nie­rung „ganz ganz weit rechts“ im Plenum dazu geführt hätte, dass Gauland der Kanz­le­rin beim Sudoku aufs iPad hätte schauen können. Die Stim­mung im Land beru­higt sich leider über­haupt nicht. Die „Demo­kra­ti­sche Natio­nale Front“ aus Juso, FDJ Links­ju­gend, Jun­ge­Union, Jour­na­lis­tik­ak­ti­vis­ten, der Schwe­sig­ju­gend, den Gewerk­schaf­ten, besorg­ten Bürgern, pro­gres­siv-fried­lich-anti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Antifa, Scha­ria­freunde e.V. und Schlep­per-sind-auch-Men­schen gGmbh errich­ten eine per­ma­nente Mahn­wa­che vor dem Reichs­tag unter dem Hashtag #occu­p­y­Be­su­cher­tri­büne, um gegen die Anwe­sen­heit der AfD zu demons­trie­ren und deren Abge­ord­nete durch per­ma­nente Pfeif­kon­zerte, Trom­mel­wir­bel und der Abspie­lung des Horst-Wessel-Liedes dazu zu bringen, ihre bür­ger­li­che Fassade abzu­wer­fen und den Nazi raus­zu­las­sen, welcher ja, das sei sicher, in jedem dieser Pri­mi­tiv­linge stecke. Eine Online-Peti­tion fordert derweil für jeden Nicht-AfD-Abge­ord­ne­ten des Bun­des­ta­ges das Recht, zur Selbst­ver­tei­di­gung eine Waffe tragen zu dürfen – auch offen und im Ple­nar­saal. Geneh­migt wird am Ende zumin­dest Pfef­fer­spray aus kon­trol­liert bio­lo­gi­schem Anbau…ich lege die Kris­tall­ku­gel mal lieber wieder weg, es könnte noch häss­li­cher werden.

Doch auch wenn ich hier zuspitze und Sar­kas­mus ver­spritze: die Stim­mung wird sich sehr wahr­schein­lich in diese Rich­tung ent­wi­ckeln. Die Unfä­hig­keit der Alt­par­teien, der Agenda der AfD in diesem einen ent­schei­den­dem Punkt (man muss ihn nicht einmal nennen, jeder kennt ihn) etwas Sub­stan­zi­el­les und Kon­zep­tio­nel­les ent­ge­gen­zu­set­zen wird nur noch von der Unfä­hig­keit über­trof­fen, zu erken­nen, dass es die eigene Politik war, die das Erstar­ken der AfD erst ermög­licht hat. Die AfD ist nur das sicht­bare Symptom des der­zei­ti­gen poli­ti­schen Total­ver­sa­gens. Es nützt aber nichts, ein Symptom zu bekämp­fen, wenn man dessen Ursa­chen nicht richtig erkennt und glaubt, diese lägen 70 Jahre in der Ver­gan­gen­heit. Statt­des­sen liegen die nämlich 30 Jahre in der Zukunft und die kommt bekannt­lich jeden Tag ein Stück­chen näher. Über die kli­ma­to­lo­gi­sche Kom­po­nente der „glo­ba­len Erwär­mung” kann man treff­lich strei­ten – die durch poli­ti­sche Fehl­ein­schät­zun­gen ver­ur­sachte „deut­sche Über­hit­zung” ist hin­ge­gen schon mit Händen zu greifen. Welches Urteil wohl Herr Alt­maier über die „Leugner” dieses Wandels fällt?

Kein Cool-Down in Sicht

Die Zeit nach dem Einzug der AfD in den Bun­des­tag werden wir wahr­schein­lich in ähnlich hys­te­ri­scher Stim­mung zubrin­gen, wie viele Ame­ri­ka­ner die Zeit nach der über­ra­schen­den Wahl Donald Trumps. Ohn­mäch­tige, pein­li­che, gene­ra­li­sie­rende „Dagegen“-Selbstdarsteller, die sich mit der Wahl einfach nicht abfin­den können und in zuneh­mend mili­tan­te­ren Aktio­nen alles zu stören und zu ver­hin­dern ver­su­chen, was Trump (oder eben die AfD) tut oder sagt. Es werden sich wie in den USA die unna­tür­lichs­ten Alli­an­zen bilden oder ver­fes­ti­gen, deren ein­zi­ger Kit die Ableh­nung dieser Mitte-Rechts Partei ist. Die Neo­fe­mi­nis­tin­nen werden Schul­ter an Schul­ter mit den Befür­wor­tern der Voll­ver­schleie­rung mar­schie­ren und diese für ihre Ver­bün­de­ten halten. Schwule und Lesben werden gemein­sam mit Moschee­ver­ei­nen für die Errich­tung isla­mi­scher Ganz­tags­schu­len in der Hoff­nung demons­trie­ren, nicht die ersten zu sein, die man aus dem Stadt­vier­tel ver­drängt oder verjagt, sobald die Mehr­heits­ver­hält­nisse dort demo­gra­fisch geklärt sind. In Berlin wird der Senat viel­leicht durch­set­zen, dass sämt­li­che Fahr­pläne nur noch in ara­bi­scher Sprache aus­ge­hängt werden und dies als wei­te­ren Mei­len­stein der Will­kom­mens­kul­tur feiern. (Da das Fahr­gast­auf­kom­men sich jedoch auf­grund der zahl­rei­chen unschö­nen Vor­komm­nisse sowieso in die Rich­tung ent­wi­ckelt, dass Deut­sche die öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel zuneh­mend meiden, wird man dies schließ­lich als kon­se­quente Reak­tion auf eine Markt­ent­wick­lung einfach so hin­neh­men.)

Die schrill krei­schen­den Trump-Gegner in den ame­ri­ka­ni­schen Groß­städ­ten und an den Uni­ver­si­tä­ten, die blind vor Hass und mit blut­un­ter­lau­fe­nen Augen unter Miss­ach­tung aller demo­kra­ti­schen Gepflo­gen­hei­ten auf alles ein­schla­gen, was sie selbst mit dem Ras­sis­mus-Stempel ver­se­hen haben, werden weitere dank­bare Nach­ah­mer in Deutsch­land finden und so jede inhalt­li­che Debatte durch Geschrei über­la­gern und tor­pe­die­ren. Es wird sich auch hier­zu­lande eine anar­chis­ti­sche Tole­ranz der Into­le­ranz anderer Mei­nun­gen eta­blie­ren, ange­feu­ert von staat­li­cher Ali­men­tie­rung und der medial ange­fach­ten Gewiss­heit, auf der rich­ti­gen Seite der Geschichte zu stehen. Abge­lenkt durch diese Kako­pho­nie und damit unter dem Radar der bewuss­ten Wahr­neh­mung werden sich im Land Tat­sa­chen eta­blie­ren, die den ein­ge­schla­ge­nen Weg unum­kehr­bar machen.

Die deut­sche Welt­ret­ter-Atti­tüde, gepaart mit einem für unsere Nach­barn uner­träg­li­chen mora­li­schen Über­le­gen­heits­ge­fühl wird dazu führen, dass zahl­rei­che Inter­es­sen wie Hyänen am deut­schen Kadaver zerren werden, solange er noch warm ist. Repa­ra­ti­ons­for­de­run­gen hier, Hilfs­an­ge­bote dort, groß­zü­gi­ger Fami­li­en­nach­zug und staat­li­che För­der­pro­gramme – alles in keyne­sia­ni­scher Manier kre­dit­fi­nan­ziert – werden den Staats­sek­tor auf­bla­sen und für pri­vat­wirt­schaft­li­che Inves­ti­tio­nen das Feld immer unat­trak­ti­ver machen. Die Ener­gie­wirt­schaft liegt bereits am Boden, jetzt ist die Auto­mo­bil­in­dus­trie dran, beides wird nach dem Wegfall auf der Haben-Seite kaum durch das Erstar­ken von Gender- und Migra­ti­ons­for­schung aus­ge­gli­chen werden können. Die ver­dräng­ten Indus­trien und Tech­no­lo­gien suchen sich anderswo in der Welt siche­rere Häfen und sorgen dafür, dass die geis­ti­gen Eliten ihnen folgen werden. Und das werden sie still und leise tun. Keine Demo wird die Unzu­frie­den­heit mit der Ent­wick­lung in Deutsch­land deut­lich machen. Es ist ähnlich wie im Super­markt. Wenn das güns­tigste Produkt ver­grif­fen ist, greift, wer es sich leisten kann, zum nächst­teu­re­ren. Nur der­je­nige wird laut Alarm geben, der sich dieses nicht mehr leisten kann. Die Leisen werden gehen, während die Lauten kommen, bleiben, und mit den Blech­näp­fen klap­pern.

Ich fürchte, wir werden in der vierten Amts­zeit von Angela Merkel die Total­ver­wei­ge­rung von poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen erleben, die zwar drin­gend anste­hen, jedoch unter­las­sen werden, weil die AfD diese Ent­schei­dun­gen ein­for­dern wird oder mit­trüge. Doch das ändert rein gar nichts an dem Fakt, dass im Ber­li­ner par­la­men­ta­ri­schen Sand­kas­ten dieses zornige, grei­nende Kind hocken wird, dass man zwar nicht ein­ge­la­den hat und nicht dabei­ha­ben will, dass nun aber selbst­be­wusst nach Förm­chen, Sand und Schau­fel greift. Und es wird da min­des­tens vier lange Jahre sitzen bleiben. Keine Mama wird es aus der Kiste heben, damit die anderen Kinder wieder unge­stört spielen können. Und es ist ja auch nicht das erste dieser kleinen, grei­nen­den Kinder, die alles anfas­sen müssen und den Laden auf den Kopf stellen. Genau an dieser Stelle saßen früher schon die Grünen und später die PDS und auch mit denen wollte einst niemand spielen. Zumin­dest die Grünen hatten ihre Zeit und ihre Themen, wenn ich auch beim besten Willen nicht sagen kann, wozu die heutige Linke gut war oder ist. Aber man muss ja nicht alles ver­ste­hen.

Es ist jedoch höchste Zeit, den poli­ti­schen Tat­sa­chen in Deutsch­land ins zornige Auge zu schauen, bevor der Blick in die Kris­tall­ku­gel noch schlim­me­res als nur eine neue Oppo­si­ti­ons­par­tei rechts von der Mitte zeigt. Oder, um es mit den Worten der Kanz­le­rin zu sagen, die in bester selek­tiv-fata­lis­ti­scher Tra­di­tion zwar nicht zur AfD, dafür aber in Rich­tung der zum Ober­be­griff „Flücht­linge“ sub­sum­mier­ten Asyl­su­chen­den, Migran­ten, Aben­teu­rern, Beu­tel­schnei­dern, Kul­tur­be­rei­che­rern und Gold­stü­cken sagte: „Nun sind sie halt da.“

In der Hoff­nung auf Wie­der­vor­lage, dass ich mich total geirrt habe, weil ich ver­se­hent­lich in die falsche Kris­tall­ku­gel – die der Kli­ma­for­scher des IPCC – geblickt habe.

6 Kommentare

  1. 87% der deut­schen Bevöl­ke­rung haben für ein „Weiter so!” gestimmt. Da kann man eben nichts machen… (ausser Aus­wan­dern)

  2. Die Alt­par­teien agieren jetzt schon gegen den Willen des Volkes, indem sie eine vom Volk legi­ti­mierte Partei a priori aus­zu­gren­zen ver­su­chen. So viel zur Politik für den Men­schen. Darum geht es längst nicht mehr. Will­kom­men in der Rea­li­tät 2017! Die Wahlen als ein Kas­per­le­thea­ter und wir sitzen alle in der 1. Reihe. Guter Text übri­gens, lange nicht so was Gehalt­vol­les gelesen, danke dafür!

  3. Das alle wahr­haft demo­kra­ti­schen Kräfte die AfD ver­hin­dern müssen ist völlig klar. Deshalb erden Wahlen dem­nächst abge­schafft. Vor­über­ge­hend (bis zum St. Nim­mer­leins­tag) Alle Macht geht vom Volk aus? Das ist doch blanker Popu­lis­mus, der zu ver­ur­tei­len ist!

  4. Soviele Men­schen im Wach­koma. Sie geis­tern wie Zombies umher
    unfähig zu rat­zio­na­len Handeln, gefan­gen in einer von den Medien
    geschaf­fe­nen Welt, torkeln Sie der nächs­ten Kata­stro­phe ent­ge­gen
    Mitleid?? mit Wem denn!!!

  5. …alles in ihrer Macht ste­hende zu tun und weiter gegen die AfD zu kämpfen…
    Wie wäre es denn mal mit der Idee nach Vorn gerich­tet für etwas zu kämpfen? Wenn es die rich­ti­gen Themen sind und der Kampf erfolg­reich ist, erle­digt sich der unbe­queme Rest viel­leicht von selbst. Dieses stän­dige gegen etwas kämfen ist doch wie auf der Stelle treten.

  6. Herr­lich, besser kann man das nicht dar­stel­len! Alles was die Chefin bisher über­haupt mal ange­packt hat, ist voll in die Hose gegan­gen und sie ver­kauft das dann auch noch als alter­na­tiv­los – jedes Unter­neh­men wäre so längst unter­ge­gan­gen!
    Obwohl, wenn die AfD im Bun­des­tag ein­ge­zo­gen ist, wird das Dauer-Bashing doch deut­lich erlah­men – meine Meinung.

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