Wann haben Sie zuletzt die zufällige Bekanntschaft eines Menschen gemacht, bei dem Sie im Gespräch nicht rasch auf die politische Großwetterlage zu sprechen kamen? Überhaupt scheint es kaum noch politisch indifferente Menschen zu geben, und wenn einer der Großsprecher der Ampel vor Mikrofone tritt, halten alle die Luft an und wappnen sich für das, was wohl als nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Der erhöhte Adrenalinpegel lässt die Leute alert und nervös werden, und diejenigen, die früher aus einem politischen Urvertrauen heraus „ach, so schlimm wird’s schon nicht werden“ sagten, sind verstummt oder rufen nun verzweifelt „das können die doch nicht machen!“. Doch, sie können. Und sie werden.

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, zeichnet sich der Output unserer Legislative durch einige Mängel aus, die sich erst unmerklich, später beschleunigt als systemisch erweisen. Es gibt zum Beispiel keinerlei Bestandsschutz mehr, neue Gesetze werden hastig und ohne Folgenabschätzung durchgepeitscht und Geld, das nicht eingenommen wird, wird hemmungslos drei- und vierfach ausgegeben. Man muss nicht den Geschäftsklimaindex bemühen oder der OECD lauschen, die Deutschland mittlerweile als Schlusslicht führt, um zu spüren, dass da gerade einiges gewaltig schief geht.

Der Blick geht nach oben, an die Spitze der Regierungsparteien und man postuliert, das sei doch früher ganz anders gewesen. Früher, da hätten die Politiker noch Format gehabt, hätten ruhig und sachlich…ich möchte widersprechen. Das kommt uns mit Abstand betrachtet vielleicht nur so vor. Natürlich haben die „sozialen Medien“ ihren Anteil daran, dass wir heute von Äußerungen und Plänen erfahren, die es früher nicht mal in die Rubrik „Vermischtes“ schafften. Doch früher hätten es solche Äußerungen auch nicht in Gesetzestexte geschafft. Die Qualität des politisch gedachten und geäußerten Schwachsinns war im Schnitt schon immer dürftig bis gefährlich und in vielen Fällen übergriffig. Und doch hat sich etwas Entscheidendes verändert: der politische Unterbau unserer Gesellschaft, also Institutionen wie Bildungssystem, Verwaltung, Justiz, Armee und einiges mehr.

Einem Parteitag der Jusos oder der Grünen Jugend zu lauschen, war auch vor 20 oder 30 Jahren schon eine Zumutung für jeden, der unserem Grundgesetz, der Marktwirtschaft und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zugeneigt war. Nur blieben die angezettelten Revolutionen und abgefeuerten Beschlüsse wie Pistolenkugeln im ballistischen Gel des Unterbaus der Gesellschaft stecken. Die absorbierte Energie ließ sich oft sogar in sinnvolle Beschäftigung lenken, wie etwa der prinzipiell richtige aber in der Umsetzung von ideologischen Absolutismen befreite Umweltschutz zeigt. Kurz: es gab überall in den Entscheidungsgremien von Parteien, Behörden, Universitäten und Ministerien „Erwachsene“, die die Maxime „so schlimm wird’s schon nicht werden“ verwirklichten, die Sauerei wegwischten, welche die geplatzten Seifenblasen hinterlassen hatten, mit sinnvollen Kompromissen den angestrebten Weltverbesserungen die Spitze nahmen und dem gierigen Nachwuchs vor dem Verzehr noch rasch die Alufolie von der Schokolade schälten.

Kinder an der Macht

Diese Leute scheinen größtenteils verschwunden, verdrängt oder kaltgestellt zu sein, die „checks and balances“ die sich wie ein Filter zwischen Revolutionäre und Realität legten, funktionieren nicht mehr, die verrücktesten und am wenigsten erprobten Ideen schlagen ungebremst in unser aller Leben ein. Wir sehen die Alufolie förmlich zwischen den Zähnen der Schokolade schmatzenden Politik. Einwände verhallen ungehört, man möchte wegsehen und kann doch den Blick nicht davon lösen. Niemand ist mehr da, der durch sanften Widerspruch und geschickt eingestreute Expertise das Schiff auf strategischem Kurs hält. Und so wird Misstrauen gegen alle Politik – auch wenn sie nicht immer gerechtfertigt und oft pauschal ist ­– zur Überlebensfrage, weil man sich eben nicht mehr darauf verlassen kann, dass da im System irgendwo noch Erwachsene sitzen, die verhindern, dass die Kinder aus lauter Gestaltungslust an allen Hebeln ziehen.

Auf Twitter und Facebook hochgekochte Meldungen wie die, in Rheinland-Pfalz hätten Bäcker Angst, halbe Brote zu verkaufen, weil man die dann neu und exakt wiegen müsse, hätte man einst als Plombe im Sommerloch betrachtet. Den ihr zugrunde liegende Einzelfall – hier mal ohne Anführungszeichen – hätten die Erwachsenen in den Behörden selbst glattgezogen. Bei Penny, einem Discounter, der sich, wie schon der Name nahe legt, der günstigen Grundversorgung verpflichtet fühlt, hätte das Management eine Abwägung getroffen, ob die paar ESG-Punkte und verzückten Klimaalarmisten es wert sind, seine Kunden mit „wahren Preisen“ zu verprellen, die soviel betriebs- und volkswirtschaftliche Substanz haben wie die im Spielzeug-Kaufsmannsladen.

Die Tagesschau wiederum, neuerdings bekannt dafür, sich gewünschte O-Töne gleich dort abzuholen, wo sie politisch herkommen, hätte zum Penny-Debakel nicht die eigene Mitarbeiterin befragt und dafür die infantile Ausrede benutzt, man habe „ich komme vom WDR“ mit „ich habe es im WDR gehört“ verwechselt. Solche Erklärungen bewegen sich auf dem Niveau wie unsichtbar werden durch Augen schließen. Wo Kinder regieren, sucht sich die Politik jedoch wie selbstverständlich ein kindliches Objekt und so werden wir mit einer Flut von Hinweisen und Ratschlägen belästigt, wie sie üblicherweise Dreijährigen zuteilwerden: bei Hitze trinken, die Mittagssonne meiden oder Ärmel hochkrempeln für den „Pieks“.

Während das nasskalte Sommerwetter gerade die Getreideernte unmöglich macht und der Weizen auf den Feldern stetig von Brotqualität in Richtung Tierfutter absinkt, bestehen die alarmistischen Wettermeldungen auf Hitzerekorden und zu großer Trockenheit. Das eine am Boden gemessen, das andere sogar 1,8 Meter darunter. Für sich betrachtet natürlich alles faktisch richtig, und doch irrelevant für die aktuellen Probleme. Es ist, als zöge der Rettungsdienst einen Ertrinkenden an den Strand, nur um dann dessen Sonnenbrand zu behandeln – wegen Klima und so –, statt ihn wiederzubeleben. Und habe ich erwähnt, dass der Retter Schwimmflügel trägt, auf denen seine Pronomen stehen?

Wenn die gemeldeten Katastrophen nicht zu den realen passen, hat heute stets die Realität das Nachsehen. Kindern steht das durchaus an, aber die betrachten die Welt eben als Simulation ihrer Phantasie. Es braucht am Ende immer auch einige Erwachsene, die den Laden am Laufen halten. Stattdessen feiert die Infantilität fröhlich Urständ‘, wir alle haben uns zum Tee im Puppenhaus niedergelassen und man erwartet von uns, das wonnige „Mnjamm, mnjamm“ und „Schlürf, schlürf“ für sättigend und durstlöschend zu halten.

Leben im Sandkasten

Selbst da, wo scheinbar Rationalität das Schlimmste noch verhindert, waltet in Wirklichkeit kindliches Gemüt. Dass etwa das dreiste Gebäudeenergiegesetz (GEG) noch nicht in Kraft ist, verdanken wir lustigerweise der Tatsache, dass die Ferien dem Hebelziehen und Knöpfedrücken der grünen Politik einen vorläufigen Riegel vorgeschoben haben. Ferien gehen eben vor Sondersitzung…diesmal zu unserem Glück!

Momentan scheint es, dass viele Menschen aus einem Traum erwachen, der „Normalität“ heißt. Das schöne Vorurteil, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird, ist geplatzt. Man findet sich in einer Realität wieder, in der die eigene Empirie nicht zu den Meldungen passen will. Wir waren dank Corona symptomlos krank, der Sommer ist gerade symptomlos heiß und Deutschland immer noch ein reiches Land. Symptomlos, wie zu befürchten ist. Doch die aktuelle Politik hat auch ihr Gutes. Sie kann als starkes Riechsalz dienen, das uns als stechender Schmerz in die Nase fährt und den politischen Schlummer vertreibt. Jetzt sind wir wach, finden uns am Rand des Sandkastens sitzend und klein Robert bietet uns einen frisch gebackenen Sandkuchen an. Sagen Sie „Mnjamm, mnjamm“, aber essen Sie nicht davon. Die Folgen wären nicht symptomlos. Es wird Zeit, dass die Erwachsenen wieder übernehmen.

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15 Kommentare

  1. Bin beeindruckt, Herr Letsch.
    Ebenso beeindruckend sind manche Kommentare. Es ist eine Freude, diese Texte lesen zu können, sie sind ein Labsal in der infantilen Einöde unserer Gesellschaft.
    Danke!

  2. Ich sag nur: Montessori Arbeitsbrett. Gerade zufällig entdeckt im Internet. Einfach mal googeln. Damit kriegen wir es in den Griff!

  3. Es empfiehlt sich tatsächlich ein taktisches löchern, @Maimonides. Dietrich Bonhoeffer beschrieb das Problem mit den sozialen Kosten schon in seinem Rundbrief über die Dummheit. Die Dummen sind selbstgefällig und reizbar. Wenn ich Leute lange nicht gesehen hab, bin ich auch sehr vorsichtig und breche sogar Gespräche frühzeitig ab. Die menschliche Kälte, die die Linken übers Land gebracht haben, ist katastrophal. Aber wie Roger oben schon beschreibt, ändert sich die Stimmung. Mir fällt auf, dass Grünenanhänger sich über die Wut auf die Grünen beschweren.

    Die Linken brauchen unsere Angst und unseren Zynismus. Entsprechend betonen sie unentwegt ihre Autorität und führen Strafmaßnahmen durch. Neulich gab es wieder Hausdurchsuchungen. Fünf Polizisten hätten in einem privaten Chat Nazisymbole verwendet. Bei linken Berichten weiß man nie, ob die Verwendung affirmativ oder ablehnend war. Der Journalist Michael Stürzenberger wurde einmal für ein historisches Foto verurteilt, weil ein Nazi mit Hakenkreuzbinde zu sehen war. Nichts im Kontext des Fotos ließ darauf schließen, dass Stürzenberger die Nazis guthieß. Egal wie die Symbole im privaten Chatverlauf der Polizisten verwendet wurden, waren sie auf jeden Fall vollkommen legal. Der Volksverhetzungsparagraph §130 StGB bezieht sich ausdrücklich auf das Rechtsgut „öffentlicher Frieden“ und betrifft nur die Kommunikation in der Öffentlichkeit. Auch der Straftatbestand 86a StGB zu verfassungsfeindlichen Symbolen bezieht sich nur auf Versammlungen und die große Öffentlichkeit und nicht auf die Privatkommunikation. Das heißt, dass die Polizei die Wohnungen ihrer Kollegen durchwühlt und damit den grundgesetzlich garantierten „Schutz der Wohnung“ (Art 13GG) verletzt hat, obwohl sie wusste, dass überhaupt keine Straftat begangen wurde! Der Fall kam erst vor drei Tagen in die Zeitungen. Ich könnte etliche Fälle heraussuchen, in denen Linke zu brachialen Mitteln der Einschüchterung greifen. Die wichtigste Gegenwehr im Moment ist zu bedeutet, dass man sich trotzdem nicht einschüchtern lässt, damit die sich in ihrer Taktik nicht bestätigt fühlen.

    Die zweite große Waffe in der psychologischen Kriegsführung ist der Zynismus. Ich weiß nicht einmal, ob @Jerabek nicht sogar genau die Aufgabe hat, diffus zu demoralisieren. Die AfD ist auf einem Umfragehoch, was das Timing des „Leute, gebt auf! Es hat eh keinen Sinn!“ merkwürdig macht. Die Nomenklatura kann ja gerne aufgeben. Wenn Thatcher Großbritannien umkrempeln konnte, kann man auch Deutschland umkrempeln. Auf einen Zeitpunkt leg ich mich nicht fest, aber am Vorabend vieler Aufbrüche wogen sich die jeweiligen Eliten noch in Sicherheit.

    Die Leute müssen aber auf allen Ebenen rhetorisch vordringen und aufhören, auf ein Wunder an der Wahlurne zu warten. Selbst wenn die AfD über 50% der Sitze im Bundestag bekäme, könnte der Bundesrat alles sperren. Die Wahlurne ist nur ein Teil der Lösung und die AfD hat auch so manchen Wurm drin. „Ach, wenn die AfD uns nicht rettet, ist erst recht alles hoffnungslos“, könnte man meinen. Aber halt! Hatten die Grünen jemals über 50% der Sitze? Nein! Die starteten als APO. Die hatten Wahlen noch nicht mal im Blick (auch weil sie von Anfang an mit der Demokratie fremdelten).

    Bonhoeffers Wort „Dummheit“ hat zwei Nachteile. Erstens sagt er selbst, dass sie von der kognitiven Leistungsfähigkeit des Betroffenen unabhängig ist und zweitens gilt „dumm“ als Beleidigung, was zur Verhärtung führt. Über den Massenwahn schrieb er, dass er gerade dann auftrete, wenn religiöse oder politische Bewegungen an zu viel Macht gewinnen. Übrigens vertritt der Blogger Yarvin Curtis die Gegenthese. Der behauptet, dass Systeme erst im Moment ihrer Destabilisierung wahnsinnig werden und in Blutbäder münden. Bei allem, was wir momentan erleben, findet wohl Bonhoeffers These mehr dazu passende Beobachtungen. Erst gewinnt eine Bewegung gewaltig an Macht, weil sie z.B. Eliten für sich gewinnt oder Gebiete erobert, und dann zerstören die Mensch in ihrem Fanatismus ihr eigenes Leben. Bei Curtis fällt mir ebenso wie bei der merkwürdigen Abtreibungsromanautorin Margaret Atwood auf, dass sie immer wieder auf die gleichen historischen Perioden eingehen. Bei Curtis sind es das elisabethanische Zeitalter (Shakespeare) und die napoleonischen Kriege. Bei Atwood sind es Henry VIII und die Hexenprozesse von Salem.

    Die „Dummheit“ ist eine Bewegung und als Bewegung muss man sie bekämpfen. Die aktuelle Inkarnation ist eine neureligiöse Erweckungsbewegung der Eliten oder der oberen Mittelschicht, die sich kulturell an den Eliten orientieren wollen. Man kann sich die Mühe machen, eigenständig Muster im Juste Milieu zu entdecken oder man wendet sich an den Holtzbrinck-Doppelverlag, der das alles schon mal satirisch verdichtet. Unter dem Dach des Georg-von-Holtzbrinck-Verlags, im Fischer-Verlag, erschien also die „Bleibefreiheit“ der Großmeisterjahrhundertintellektuellen Eva von Redecker. Ich hab ein bisschen in ein Interview mit ihr reingehört; und wenn ich mal ihr Problem verkürzt wiedergeben darf, dann liegt es wohl im Wesentlichen darin, dass sie als Frau nicht arbeiten gehen möchte. Und du weißt ja wohl hoffentlich, wer daran schuld ist! Richtig! Der Kapitalismus! Da könnt ich mir in die Hosen pissen und Eier legen!

    Also frau will Hausfrau sein, hat aber wohl schon aus Gefallsucht jedem gesagt, wie sehr sie das Hausfrauendasein verachtet. Und jetzt stört sie sich an der Lohnarbeit. Und da muss einfach dieses soziale System her, bei dem gebratene Tauben in den Mund fliegen. Obwohl sie sich mit ihrer Gefallsucht in eine aussichtslose Situation manövriert hat, sieht sie ihren Narzissmus als eher positive Charaktervarianz.
    https://youtu.be/FkP–CozIkw?t=2646
    Und wenn man jetzt denkt, „Boah, kann es eigentlich noch einen schlaueren Menschen auf der Welt geben?“, dann lernt man noch, ja, die Anna. Evas Freundin Anna ist nämlich nach eigener Auskunft sogar tatsächlich der schlauste Mensch auf der Welt.
    https://youtu.be/FkP–CozIkw?t=2586

    Narzissmus gehört zu den Cluster-B-Störungen, zu denen auch die gefährlichen soziopathischen Störungen zählen. Die Schnittmenge ist groß. Es gibt einen Youtube-Kanal eines früheren „fliegenden Affen“ (flying monkey) Joshua Slocum mit dem Namen „disaffected“. Beachtlich ist daran eigentlich nur, dass Slocum die Diagnosen seiner Mutter im Cluster-B-Bereich als Charakteristika des linken Kults wiederentdeckt. Als Flying Monkeys bezeichnet man umgangssprachlich Leute, die von Menschen mit Cluster-B manipuliert werden. Wie Slocum sagt, sollte man nicht versuchen, mit intensiven Affen zu diskutieren. Sie sind so aggressiv wie die direkt Erkrankten. Man muss sie aus ihrer Sektenhaftigkeit abholen, sobald sie etwas abgekühlt sind. Die Kunst besteht nun darin, diese Momente zu erkennen oder die Taktiken an diesen Phasen auszurichten.

    Der Kommentar ist schon lang, aber ich will noch etwas loswerden, was vielleicht auch zeigt, dass mitnichten die Probleme schon alle richtig beschrieben wurden und bereits Einigkeit über die Gegenwehr herrscht.

    Vor Kurzem schaute ich in ein Interview des Komikers Bill Maher mit dem Psychologen Jordan Peterson. Und Peterson bemerkte, dass die Woke-Bewegung Eigenschaften von psychopathischen Personen haben. Das Wort „Psychopathie“ hat ein Problem. Die erste systematische Erfassung wurde von Robert Hare vorgenommen. Er entwickelte eine Sammlung von Kriterien zur Diagnose. Als Forscher hat er aber das Fördermittelproblem und verortet die Zahl der Fälle auf 1% bis 3% der Bevölkerung.

    Jetzt widerspreche ich als absoluter Laie mal der Ikone. Es sind deutlich weniger.

    Vielleicht lässt sich Hares Prozentsatz sogar rechtfertigen, wenn man bei Menschen mit niedrigem IQ davon ausgeht, dass sie zu Manipulation und anderem anspruchsvollen Verhalten wie dem Aufbau komplexer Lügen nicht fähig sind, sich aber so verhalten würden, wenn sie könnten. Im Niedrig-IQ-Bereich finden sich viele Gewalttäter.

    Das Gesamtbild aus Charisma, unauffälligem Auftreten und vollkommen müheloser, seelenruhiger Verlogenheit findet sich nur bei wenigen Personen wie zum Beispiel bei dem Kindermörder Martin Ney. Wobei wir von einer Krankheit sprechen. Man kann sich mit der Veranlagung auch entscheiden, gut zu leben. Ein Beispiel ist der Youtuber David Wood. Er saß im Knast, nachdem er seinem schlafenden Vater mit einem Hammer auf den Schädel schlug. Als Erwachsener. Aus Spaß.
    https://www.youtube.com/watch?v=eGsywJGz_P0
    Das ist natürlich noch nicht das gute Verhalten. Die von Robert Hare aufgelisteten Kriterien weisen unter anderem auf eine Amygdalaunterfunktion hin. Psychopathen empfinden kaum Angst und aller edlen humanistischen Theorie zum Trotz ist es wohl die Angst vor Bestrafung, die Menschen, jedenfalls in der Masse, konditioniert. Sie ist wichtig für die moralischen Grundlagen, auf denen man dann ein auf Einsicht fußendes Verhalten aufbauen kann. David Wood hat sich entschieden. Man kann sich für das Gute entscheiden. Heute nutzt er seine hohe Intelligenz, seine charismatisch ruhige Ausstrahlung und seine Angstfreiheit, um Muslime zum Christentum zu konvertieren und vor dem Islamismus zu warnen.

    Die meisten Menschen haben ein sehr schlechtes Gefühl für sehr kleinen Zahlen, wie man an der Transendebatte sieht. Die Selbstmordrate liegt bei etwa einer Person je 10,000 Einwohnern. Jeder kennt Selbstmordfälle. Kaum jemand kannte vor der Transen-Modewelle eine Person, die ihr Geschlecht ändern wollte. Der Anteil der echten Transsexuellen liegt also bei weniger als einer pro 10,000. Ich habe von mehreren Selbstmorden gehört, aber ich hab nur genau ein einziges Mal in meinem gesamten Leben einen echten Psychopathen erlebt. Es geht um eine Krankheit, deren Wesenszüge Jordan Peterson in einer Bewegung wiederentdeckt. Meine These ist, dass Gruppen Wesenszüge von psychologischen und psychiatrischen Störungen annehmen können, auch wenn die einzelnen Mitglieder diese Erkrankung selbst nicht haben.

    Ein Problem mit der Überschätzung des Anteils an der Bevölkerung ist, dass gruppendynamische Überformungen, die wie Krankheiten aussehen, von den Krankheiten selbst nicht mehr getrennt werden. Psychopathen sind biologisch tatsächlich anders als andere. Wenn Jordan Peterson und Robert Hare bei CEOs, Politikern und Journalisten vermehrt Psychopathen ausmachen, dann fußen sie ihr Urteil auf die in Gruppendynamiken entstandenen Entscheidungen. Mir selbst fällt kein Politiker ein, auf den die Charakteristika wirklich passen. Auch der ängstlich obzessive Putin hinter seinem langen Omikronschutztisch hat wohl einen anders gelagerten Dachschaden.

    Der Anteil von schwulen Männern in der Bevölkerung liegt bei etwa 2%-3%. Hätte Jordan Peterson und Robert Hare recht, dann würde man für jeden Schwulen, den man kennt, auch jemanden kennen, der seinem Vater aus Spaß den Schädel einschlagen würde. Mit der Überschätzung des Anteils der biologisch bedingt Kranken fiel die alte Unterscheidung zwischen Psychopathie und Soziopathie. Das wurde möglich, weil bei einem winzigen Anteil quantitative Untersuchungen unmöglich werden. Zudem ist die Annahme eines Kontinuums aller psychiatrischer Diagnosen und normalen Charaktervarianzen intuitiv. Besonders Erlauchte lassen sich gerne für die Einsicht feiern, dass andere Menschen vielleicht doch gar nicht so viel anders sind als man selbst. Das ist aber keine Einsicht, sondern eine beruhigende und stark vereinfachende Heuristik, von der die meisten von uns sowieso erst einmal ausgehen. Es erfordert eine oft schmerzhafte Einsicht, um zu erkennen, dass andere Menschen tatsächlich, also tatsächlich, anders sein können.

    Ein aktuelles Beispiel für das weitverbreitete Unverständnis der Sprünge in der menschlichen Natur ist diese ganze Queer-Theory. Bis vor Kurzem schützten sich Schwule noch mit der korrekten Aussage, dass sie tatsächlich anders sind und jetzt nicht einfach die Rolle eines guten Familienvaters annehmen können. Heute müssen die Geschlechter wegen der Queer- und Gendertheorie unbedingt in Frage gestellt werden bis hin zur Ersetzung der primären Worte mit Ausdrücken wie „gebährende Person“. Es gibt aber bei Männern keine Kontinuität zwischen Hetero- und Homosexualität. Schwach ausgeprägte Geschlechtsmerkmale sind von beiden Positionen aus weniger attraktiv als stark ausgeprägte. Die Gruppe der Schwulen oder Heterosexuellen, die nach uneindeutigen Geschlechterausprägungen suchen, ist numerisch vernachlässigbar. Und eine solche numerische Ausdünnung, ein solcher Sprung, lässt sich bei den extrem seltenen Fällen echter Psychopathie mit üblichen quantitativen wissenschaftlichen Methoden nicht belegen. Die These der Stetigkeit zwischen den Diagnosen lässt sich bislang also leider nicht widerlegen.

    Nun ist, wie erwähnt, bei echten Psychopathen die Angst vor Rechenschaft reduziert, weil die Amygdala nicht richtig funktioniert. Damit geht eine Thrill-Sucht einher. Auch unsere Eliten haben sich so eingerichtet, dass sie selten noch Rechenschaft ablegen müssen. Ein Blick in die ZEIT verrät deren dröhnende Langeweile. Thrill gibt es erst wieder, wenn sich das Land ändert. Sie freun sich drauf.

  4. Guter anregender Text!
    Aber um einmal beim Bild zu bleiben, früher hätten die Erwachsenen eingegriffen, heute würde ihnen aber, von den Kindern, der Stecker, mittels des Vorwurfs einer „antidemokratischen“ Verschwörung, recht schnell gezogen. Dafür ist der Leidensdruck dann doch (noch?) nicht groß genug. Verantwortung ist ein schwierig Ding. Wenn aber erst einmal ein Sozialpunktesystem wie in China (Wer treibt nicht alles mit diesem „losgelassenen Kinderparadies“ Handel?!), neben elektronischer Währung + Smartphone-Fessel, sich etabliert hat, wird die Historie der Überwindung von Stasi und DDR-Regime, ob der vergleichsweisen Leichtigkeit, nur noch als Petitesse gelten können.
    BTW Das „losgelassene Kinderparadies“ ist die große Sehnsucht der Kinder!

  5. Dieser selbstverliebten Aneinanderreihung von Wörtern von Jerabek kann beliebig unter jeden Artikel im Sommerloch platziert werden. Kein einziger Bezug zu besprochene Materie. Ein klares „argumentum ad hominem“. Eigentor! Ich unterlasse den Beitrag deswegen nicht, damit Jerabek das um die Ohren gedrescht bekommt. Ziemlich sicher, dass er das hier lesen wird, kommen angeblich alle Verbrecher zurück zum Tatort. Des Weiteren; dass Festgestellten (anders als Vorgegaugeltem) von leider immer noch zu wenigen aufgegriffen wird (und werden kann), und man es hier von Herrn letsch, gerne auch satirisch formuliert, im passenden Kontext vorgetragen bekommt. Wie war, wie war das alles ist… Vielleicht ärgert das den J.
    PS
    Gramatische Fehler? Ich bin Niederländer, „eingekartoffelt“ so zu sagen… Hauptsache man versteht sich

  6. Wieviel Sinn ergibt eigentlich das Wiederkauen von schon reichlich Festgestelltem und längst bis zum Überdruß Registriertem, ohne daß gleichzeitig der Finger angeboten wird, ihn am besten schon vor der Lektüre dieses völlig überflüssigen Artikels in den Hals zu stecken? Wahrscheinlich so viel wie das Vortragen von Bemerkungen dem Arzt gegenüber, die dieser in seinen Unterlagen vor allem zwecks Abrechnung seiner Leistungen festgehalten hat. Wenn er sich überhaupt die Zeit dafür nähme, wie sehr würde ihn dieser Zirkus denn interessieren? Nicht minder gelangweilt rackert sich der Leser mit dem Sommerlochfüllsel ab, immer in der Hoffnung, auf etwas substantiell Neues oder vor allem Weiterführendes zu stoßen, was natürlich keinen Grund hat, aus dem Nichts aufzutauchen. Damit unterscheidet sich freilich diese an sich leere Hülse nicht gravierend hinsichtlich des Nährwertes vieler Kommentare in den Foren. Es bleibt allerdings die Frage, ob die Akteure ihren Beitrag unterließen, so man ihnen bedeutete, daß sie nur leeres Stroh dreschen

    • Wäre es schon ausreichend reichlich Festgestelltes, wäre der Spuk vorbei. Die Leute würden sich ein Herz fassen und offen ihre Probleme besprechen. Sie würden mit Streiks und Protesten die Regierung zum Rücktritt und zu Neuwahlen unter einem besseren Wahlsystem zwingen. Aktionäre würden subventionsgierige Vorstände rauswerfen. Mitglieder von Kirchen, Parteien und anderen Einrichtungen würden energisch auf Änderungen pochen. All das kann im Übrigen spontan jederzeit über das Land fegen. Man muss nur geduldig löchern.

      • Ich bin mir nicht sicher, ob das noch übers Land fegen wird. Löchern führt oft zur Verhärtung der Fronten, die Leute machen einfach dicht oder entfreunden sich, wenn die gehörten Worte nicht mit der Narrative übereinstimmen, an die sie selbst glauben.

        Ich wünschte, ich würde mich irren. Aber ich bin Realist genug, um zu wissen: Wenn eine Nummer wie die Gegnwart seit den 1960ern beharrlich vorbereitet ist, wird sich nach rund 60 Jahren so schnell nichts ändern. Ich wünschte wirklich, es wäre anders.

    • Na ja, ein bisschen muß man @Jerabek schon zustimmen. Auch die tausendste Beschreibung des Irrenhauses ändert nichts im Irrenhaus. Das Gleichnis mit dem Arzt gefällt mir, der redet mit mir 1 Minute und schreibt dann 10 Minuten am Abrechnungsbogen. Sonst ist nichts passiert, außer dass gerade in China ein Sack Reis umgefallen ist.

    • Wieviel Sinn, außer reinem trollenwollen, ergibt es denn, Artikel deren Inhalt man vermeint schon bis zum Überdruß gelesen zu haben, überhaupt zui lesen?

      • Als alter weißer Mann weiss ich zwar nicht, was „Trollenwollen“ bedeutet, nehme aber an, es hat was mit „Stänkern“ zu tun. Erstens, der Artikel ist sehr gut geschrieben, aufrichtig und wahr. Was hat das aber damit zu tun, dass man einem Kommentator recht gibt, der meint, dass mit einer x-ten Wiederholung von Bekanntem sich leider absolut nichts mehr ändert? Die Beiträge in Mainstreammedien und „alternativen“ Medien und deren Kommentare sind Spiegelbilder. Kommentatoren unterstreichen in der Regel die ihnen dargestellte Position, abweichende Beurteilungen werden gnadenlos kritisiert, all das passiert aber nur in der eigenen Blase und ist damit zwangsläufig nutzlos.
        PS: Was ist eigentlich aus Nordstream 2 geworden?

  7. Wie immer super beobachtet und formuliert.
    Mir stellt sich bloß die bange Frage: Wo sollen denn die Erwachsenen herkommen, wenn wir, mindestens sei 2015, nur noch Kinder „produzieren“?

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