Wer die Ver­gan­gen­heit nicht kennt, ist dazu ver­ur­teilt, sie zu wie­der­ho­len.
(Georg San­ta­yana, spa­ni­scher Phi­lo­soph)

Fragen sie sich auch manch­mal, warum so wenig Kunst aus ver­gan­ge­nen Zeiten auf die Nach­welt gekom­men ist? Zerrt man diese nicht durch Zufall aus Jahr­tau­sende alten und gut ver­steck­ten ägyp­ti­schen Gräbern wie Howard Carter, sind die Chancen gering, dass bedeu­tende Kunst und kaum weniger bedeu­tende Objekte des Alltags den Weg durch die Zeit unbe­scha­det bis zu uns über­ste­hen. Geraubt, geplün­dert, ein­ge­schmol­zen, umge­formt. Ver­streut, zer­stört, ver­lo­ren. Ganz zu schwei­gen von der Gewalt durch Kriege und reli­giöse Umwäl­zun­gen und der Igno­ranz der Sieger in beiden Fällen. Die ägyp­ti­schen Pyra­mi­den wurden ihres weißen Kalk­steins ent­klei­det, um daraus Moscheen zu bauen. Die gebrann­ten Ziegel Baby­lons spei­chern heute die Wärme pri­va­ter Koch­stel­len und das päpst­li­che Rom hatte keine Skrupel, den antiken Tempeln und Gebäu­den Marmor und Bronze zu rauben, um damit Kirchen und Paläste aus­zu­stat­ten. Es ist anzu­neh­men, dass der große Bernini, der Archi­tekt des Peters­plat­zes, kein schlech­tes Gewis­sen hatte, weil die Bronze für sein Bal­da­chin-Zibo­rium im Peters­dom aus der Decke der Vor­halle des Pan­the­ons ent­nom­men wurde. Warum ich ihnen das alles erzähle? Weil wir es im Westen zu einer Frage von Auf­ge­klärt­heit, Bildung, Kultur, ja Zivi­li­sa­tion erklärt haben, die Zer­stö­rung von Geschichte und deren Hin­ter­las­sen­schaf­ten für Bar­ba­rei und Frevel am Erbe der Mensch­heit zu betrach­ten und ent­setzt auf­schreien, wenn solches heute irgendwo auf der Welt geschieht. Dabei sind die Frevler, Zer­stö­rer und Igno­ran­ten mitten unter uns.

Die Archäo­lo­gie als Wis­sen­schaft und die Ange­wohn­heit, Kunst­ge­gen­stände oder andere Objekte, die mit der Ver­gan­gen­heit und deren Gestal­tern in Berüh­rung kamen oder in Bezie­hung stehen, in Museen zu zeigen oder auf Auk­tio­nen Höchst­preise dafür zu bieten, sind Erfin­dun­gen der Renais­sance und der Auf­klä­rung. Eine Ming-Vase, eine Guten­berg-Bibel oder ein Louis-seize-Sessel sind aus heu­ti­ger Sicht unprak­tisch, ja nutzlos. Viel­leicht, weil sie sich nicht per App steuern lassen. Doch ihr Wert bemisst sich ja nicht aus dem Por­zel­lan, dem ver­gilb­ten Papier oder ein paar wurm­sti­chi­gen Stücken Holz, sondern aus der Geschichte, die sie erzäh­len und der Unwahr­schein­lich­keit, es durch die Zeiten bis zu ihren heu­ti­gen Besit­zern und Bewun­de­rern geschafft zu haben. Und doch sind wir immer noch und immer wieder in der Lage, Zeug­nisse der Ver­gan­gen­heit zu zer­stö­ren, wenn sie uns nichts mehr gelten oder wir glauben, uns von einer unlieb­sa­men Ver­gan­gen­heit zu befreien, indem wir deren Zeug­nisse ver­nich­ten. Dieses „wir” ist natür­lich die Mensch­heit als Ganzes. Doch jeder meiner Leser ist ein­ge­la­den, sich dieser destruk­ti­ven Gruppe in den beschrie­be­nen Fällen nicht zuge­hö­rig zu fühlen.

Historisches und Aktuelles

2001 schoben sich die Taliban in Afgha­ni­stan durch eine Zer­stö­rung jäh in die Auf­merk­sam­keit des Westens. Und zwar nicht erst im Sep­tem­ber, sondern schon im März, als sie die rie­si­gen Buddha-Statuen von Bamiyan spreng­ten, die bereits im 6. Jahr­hun­dert aus dem Fels gehauen wurden und nun der isla­mis­ti­schen Doktrin vom Bil­der­ver­bot zum Opfer gefal­len waren. Der Auf­schrei im Westen war groß und ein­hel­lig. Kunst­werke zer­stö­ren, sowas geht gar nicht!

2015 sprengte die IS-Miliz im syri­schen Palmyra die Ruinen des antiken Baal-Tempels in die Luft und ver­such­ten genau wie die Taliban, Tabula rasa mit der „heid­ni­schen“ Ver­gan­gen­heit zu machen. Das Inter­net machte es möglich, dass die Welt dabei zusehen musste, wie die selbst­er­nann­ten Got­tes­krie­ger die Zeug­nisse Jahr­tau­sende alter Mensch­heits­ge­schichte aus­lösch­ten, auch indem sie etwa in den Museen Syriens und im Irak Reliefs und Plas­ti­ken zer­schlu­gen.

Was man auf den ersten Blick erkennt, ist die ideo­lo­gi­sche Gemein­sam­keit dieser Ereig­nisse. In beiden Fällen glaub­ten die Abriss­be­voll­mäch­ti­gen, recht­mä­ßig zu handeln. Doch wer hat sie bevoll­mäch­tigt? Das Zer­störte sei schließ­lich falsch, het­ze­risch, unrein und das Böse selbst und wenn solche Hin­ter­las­sen­schaf­ten einer fernen, unver­stan­den Ver­gan­gen­heit auf Men­schen treffen, die sich im Besitz der Wahr­heit befin­den, geschieht zu allen Zeiten das­selbe. Ich gebe hier schon mal pau­schal man­gel­haf­ter Bildung eine Mit­schuld.

Im Juni 2020 kommt es in zahl­rei­chen Städten in den Ver­ei­nig­ten Staaten zu extrem gewalt­sa­men Pro­tes­ten in Folge des Todes von Georg Floyd. Aber auch in London, Brüssel und sogar im weit ent­fern­ten und auf Diver­si­tät, Tole­ranz und Selbst­ver­leug­nung gebürs­te­ten Deutsch­land geht die Post ab. In London werden Statuen beschmiert und umge­wor­fen und die Liste der „ras­sis­ti­schen Ehren­male“, die gefäl­ligst ent­fernt gehören, ist allein in Groß­bri­tan­nien 60 Ein­träge lang. Winston Chur­chill, Oliver Crom­well und König Charles II (ja, beide!), Chris­toph Colum­bus, Francis Drake und Horatio Nelson stehen auf der Liste, um nur einige Namen zu nennen, die auch in Deutsch­land all­ge­mein bekannt sind.

In den USA fordert Nancy Pelosi, dass man aus dem Kon­gress die von diver­sen Bun­des­staa­ten gestif­te­ten Stand­bil­der bekann­ter Kon­fö­de­rier­ter ent­ferne, dar­un­ter übri­gens pikan­ter­weise das ihres demo­kra­ti­schen Par­tei­ge­nos­sen Jef­fer­son Davis, dem ein­zi­gen und glück­lo­sen Prä­si­den­ten der Kon­fö­de­ra­tion, welche den Ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg 1861–1865 gegen die Union verlor. Motto: kommst du in der Gegen­wart poli­tisch nicht weiter, ver­leugne, ver­damme und bekämpfe öffent­lich­keits­wirk­sam deine eigene Ver­gan­gen­heit. Seine Feinde mit Respekt und Anstand zu behan­deln, sobald sie besiegt sind, soviel Größe brach­ten die Poli­ti­ker im Jahr 1865 noch auf, heutige schreien nach Rache.

In Ports­mouth (Vir­gi­nia) knöpf­ten sich in der Nacht zum 11.6.2020 die Skla­ven­be­freier von heute das dortige Bür­ger­kriegs­denk­mal vor. Die vier Statuen, dar­un­ter Robert E. Lee und Jef­fer­son Davis, wurden erst ent­haup­tet und dann umge­sto­ßen. Die her­ab­stür­zende kopf­lose Statue von Davis traf einen der Pro­test­ler, einen Afro­ame­ri­ka­ner, aus­ge­rech­net am Kopf und ver­letzte ihn schwer. Der Zustand des Mannes ist wohl kri­tisch und man kann nur hoffen, dass er die Selbst­er­mäch­ti­gung seiner gleich­ge­sinn­ten Freunde über­le­ben wird. Falls nicht wäre er nicht das erste „Kol­la­te­ralop­fer“ durch „friendly fire” der per­ver­sen Bestat­tungs­fei­er­lich­kei­ten zu „Ehren“ von George Floyd.

Was genau unter­schei­det eigent­lich das Vor­ge­hen der Taliban in Afgha­ni­stan oder des IS in Syrien von dem, was „Pro­test­ler“ in London oder Ports­mouth machen? In allen Fällen werden his­to­ri­sche Tat­sa­chen und wehr­lose Monu­mente im Namen einer ideo­lo­gi­schen Selbst­über­hö­hung zer­stört, ohne dass dadurch der Bud­dhis­mus vom his­to­ri­schen Afgha­ni­stan fern­ge­hal­ten, das römi­sche Reich aus dem his­to­ri­schen Syrien ver­trie­ben oder der ame­ri­ka­ni­sche Bür­ger­krieg nach­träg­lich ver­hin­dert werden kann. Die reli­giöse Inbrunst, mit der die Zer­stö­rer zu Werke gehen, hat also min­des­tens die Par­al­lel der Sinn­lo­sig­keit.

Wie gute Menschen entstehen

In Seattle ist mitt­ler­weile eine mehrere Blocks große „befreite Zone“ ent­stan­den, in welcher Akti­vis­ten und „frei­wil­lig“ Schon-länger-da-woh­nende ein sozia­lis­ti­sches Utopia ohne Polizei und ohne Gerichte ver­wirk­li­chen wollen. Außer durch einen Twitter-Aufruf zu Lebens­mit­tel­spen­den (nur vegan), weil die Obdach­lo­sen den Sozia­lis­ten alle Lebens­mit­tel weg­ge­fut­tert hätten und einer Wiki­pe­dia-Seite hat diese Com­mu­nity aller­dings noch nicht mehr geschafft als zu bewei­sen, dass die Abschaf­fung der Polizei kei­nes­wegs zu mehr Sicher­heit führt. Wer hätte das gedacht.

Das erste, was der neue „Staat” namens CHAZ inmit­ten Seat­tles ein­führte, ist Grenz­si­che­rung – man lässt nicht jeden rein und macht im Grunde das­selbe, was man dem Prä­si­den­ten an der Grenze zu Mexiko vor­wirft. Dann stellt man eine eigene „Polizei” auf, die schwer bewaff­net die Ordnung auf­recht erhält und der Pavian mit dem rötes­ten Arsch schwingt sich zum Anfüh­rer auf und hofft auf Expan­sion. Ein Hort der Feig­heit, Geil­heit und Lie­der­lich­keit, wie ihn die Welt schon so oft gesehen hat.

Eine zen­trale For­de­rung dieser „People’s Repu­blic of Capitol Hill“ ist übri­gens „[to] drop charges against the pro­tes­ters“. Über­ge­hen wir hier mal die „Unge­nau­ig­keit“, dass von Pro­test­lern die Rede ist, obwohl sich die Ermitt­lun­gen mit Plün­de­run­gen und anderen unan­ge­neh­men „Begleit­erschei­nun­gen“ dieser Art von „Befrei­ung“ befas­sen. Denn hier sind wir beim Kern des Pro­blems, welches sich aus der Selbst­er­mäch­ti­gung dieser Akti­vis­ten ergibt:

Die­sel­ben Akti­vis­ten, die nun für Kör­per­ver­let­zung, Raub und Plün­de­run­gen Straf­frei­heit fordern, schwin­gen sich gleich­zei­tig zu Scharf­rich­tern der Geschichte auf. Man fordert also „Gerech­tig­keit” von der Geschichte und ent­zieht sich dieser in der Gegen­wart. Doch wer richtet die Scharf­rich­ter? Diese laufen mit den Maß­stä­ben ihrer schon auf­grund gerin­gen Lebens­al­ters beschränk­ten Welt­sicht zurück durch die Zeit, um his­to­ri­sche Ereig­nisse und die dort han­deln­den Per­so­nen nach ihren eigenen, nur bedingt auf die Ver­gan­gen­heit anwend­ba­ren Moral­vor­stel­lun­gen in „muss weg“ und „darf bleiben“ ein­zu­tei­len.

In London heißt es nun: Chur­chill war ein Rassist und seine Statue soll ent­fernt werden. Die Denk­male von Marx und Engels aber bleiben unan­ge­tas­tet. Nun fordere ich nicht, Marx Stand­bild zu beschmie­ren, auch wenn seine Theo­rien sicher deut­lich mehr Men­schen­le­ben gekos­tet haben, als alle impe­ria­len Husa­ren­stü­cke Chur­chills, von welchen er nicht ohne Selbst­kri­tik frei­mü­tig in seinen Büchern und Pres­se­be­rich­ten aus dem Sudan oder Süd­afrika berich­tete. Es ist ja gene­rell nicht so, dass die Bil­der­stür­mer aus 2020 die ersten sind, die Ras­sis­mus im bri­ti­schen Kolo­ni­al­reich erken­nen, die Dar­stel­lung der Skla­ve­rei in „Vom Winde verweht” kri­tisch sehen oder das Vor­ge­hen Kit­che­ner beim Mahdi-Auf­stand als unver­hält­nis­mä­ßig grausam beur­tei­len. Das taten schon die Zeit­ge­nos­sen und die kri­ti­schen Rezen­sio­nen reißen nicht ab. Jeder von einer Wiki­pe­dia-Seite abge­schrie­bene Schul­auf­satz zu bekann­ten Per­so­nen der Geschichte enthält heute mehr reflek­tierte und fun­dierte Kritik als alle Pro­test­schil­der in den Straßen Londons oder Seat­tles zusam­men.

Chur­chills Ver­dienste für das Über­le­ben Groß­bri­tan­ni­ens liegen zudem über­schwer in der Waag­schale, als dass er sich eine Behand­lung wie die durch seine igno­ran­ten kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­ren Urur­en­kel ver­dient hätte, die ver­ges­sen haben oder nie wussten, dass sie ihr ver­gleichs­weise kom­for­ta­bles Leben nicht zuletzt diesem vor 55 Jahren gestor­be­nen Mann auf dem beschmier­ten Sockel ver­dan­ken.

Bürgerkrieg im LARP-Modus

Durch das Shen­an­doah-Valley in den Vir­gi­nias zog 1864 auf einem Ver­gel­tungs­zug Philip Sheri­dans Armee. Die Taktik der „ver­brann­ten Erde“ wurde hier erst­mals ange­wen­det. Man wollte sicher­stel­len, dass die Kon­fö­de­rier­ten diese Gegend nie wieder nutzen können, um sich zu ver­sor­gen. Im dar­auf­fol­gen­den Jahr kapi­tu­lierte die Süd­staa­ten­ar­mee unter Robert E. Lee und die Nord­staa­ten hatten den Bür­ger­krieg gewon­nen. Die Skla­ve­rei im Süden, ein Momen­tum, das im Verlauf des Krieges immer bestim­men­der wurde, war zwar abge­schafft, doch die Ras­sen­tren­nung dauerte noch bis in die 1960er Jahre in unter­schied­li­chen Graden an.

Die demü­ti­gende Nie­der­lage für den am Boden lie­gen­den Süden wurde beglei­tet von annehm­ba­ren Bedin­gun­gen, auch wenn es lange dauerte, bis das gegen­sei­tige Ver­trauen sich wieder bes­serte. Die Popu­la­ri­tät gerade von Robert E. Lee beschränkt sich indes nicht auf den Süden. Der Prag­ma­tis­mus, ihm zuzu­ge­ste­hen, der mili­tä­risch wohl fähigste Befehls­ha­ber im Bür­ger­krieg gewesen zu sein, der leider aus der Sicht des Siegers auf der fal­schen Seite stand, ist im US-Militär, wo man stets von fähigen Gegnern zu lernen bereit ist, bis heute leben­dig.

Die Kids, die heute in einer Art „Live Action Role Play Modus“ Lees Statuen köpfen und sich dabei viel­leicht wie Aboli­tio­nis­ten der gefahr­vol­len ersten Stunde fühlen, glauben sich mora­lisch dazu berech­tigt. Doch es gibt gute Gründe, warum man (in Demo­kra­tien) Statuen zur Erin­ne­rung an eine Person erst nach deren Tod auf­zu­stel­len pflegt: Alles liegt dann auf der Waage. Das Gute wie das Schlechte. Bei Lee neben seinen Ver­diens­ten im Mexi­ka­nisch-Ame­ri­ka­ni­schen Krieg (1846−1848) auch, dass er seine Offi­ziere davon abhielt, statt 1865 zu kapi­tu­lie­ren, in einem end­lo­sen Gue­rilla-Krieg gegen die Union wei­ter­zu­kämp­fen.

Welchen wei­te­ren Lebens­weg die­je­ni­gen vor sich haben, die heute die Statuen von Colum­bus umwer­fen, Robert E. Lee’s Stand­bild köpfen oder die Bronze des alten, gebeug­ten Winston Chur­chill beschmie­ren, ob in 50 Jahren also eine Straße oder ein blu­ti­ger Schul-Amok­lauf mit 50 Todes­op­fern nach ihnen benannt sein wird, ist offen.

Also halte man sich mit Hammer, Farbe und Sichel besser fern von Denk­mä­lern, von deren Bedeu­tung man ledig­lich mehr zu wissen glaubt als jene, die sie bauten und jene, die die Wider­sprü­che der Dar­stel­lung sehr wohl kennen und sich in demo­kra­ti­schen Abstim­mun­gen immer wieder fragen, ob und warum eine Statue stehen bleiben darf. Wer bist du, Floy­dia­ner dass du glaubst, diese Ent­schei­dun­gen igno­rie­ren zu dürfen? Wer bist du, dass du dich für einen bes­se­ren Men­schen, ja, für den ersten wirk­lich guten und gerech­ten Men­schen der Geschichte hältst, der über den Wert von Sym­bo­len urtei­len darf, weil er frei von Sünde ist und „erkannt” hat, was richtig und was falsch ist in der Welt?

Kannst du eine Statue wie­der­auf­rich­ten, wenn sich erweist, dass aus dir Bil­der­stür­mer ein noch mie­se­rer Cha­rak­ter wurde als jener, den du noch posthum ver­nich­ten und aus­lö­schen woll­test? Als Atheist komme ich meinen Lesern ja nur selten mit Bibel­zi­ta­ten, aber hier passt mal eines. Nämlich Mat­thäus 7.2: „Denn mit wel­cher­lei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerich­tet werden; und mit wel­cher­lei Maß ihr messet, wird euch gemes­sen werden.“

Oder kürzer und weniger pathe­tisch: Urteile nicht leicht­fer­tig über die Geschichte, wenn deine noch nicht geschrie­ben ist. Und lass die Finger von Dingen, die aus der Ver­gan­gen­heit zur Gegen­wart spre­chen. Höre ihnen lieber zu.

16 Kommentare

  1. Es ist alles gut gesagt, Herr Roger. Mich beun­ru­higt weniger diese Kin­de­rei, sondern dass es jetzt bereits die dritte oder vierte Kin­de­rei in dichter Abfolge ist. Mich beun­ru­higt der Zusam­men­hang schein­ba­rer Kin­de­reien. Radi­ka­ler Umwelt­schutz, radi­kale Zuwan­de­rungs­po­li­tik, radi­kale Gesund­heits­po­li­tik und radi­ka­les Gerech­tig­keits­stre­ben. Die Muster der Eska­la­tion sind immer die glei­chen. Die Wirkung ist jetzt nach der Abschaf­fung der Natio­nal­staats­idee, der Ein­füh­rung der Plan­wirt­schaft, der Abschaf­fung der Grund­rechte – nun die Erschüt­te­rung der öffent­li­chen Ord­nungs­macht Polizei. Was ist da los, was ist die Agenda. Kann es sein, dass dies alles in kurzer Folge zufäl­lig geschieht? Nein, hier wird sys­te­ma­tisch unsere Zivi­li­sa­tion zer­stört. Es findet eine Revo­lu­tion statt. Neu ist, dass niemand ausruft, wohin die Reise gehen soll, nicht mal die Aktiven Teil­neh­mer wissen es. Das ist nun wirk­lich neu.

  2. @Aristobulus

    Es gab noch einen wei­te­ren, 5. Bilder- oder besser Denk­mal­ver­nich­tungs­sturm: Die zum Teil rest­lose Zer­stö­rung kriegs­ge­schä­dig­ter Alt­städte in Deutsch­land. Gefor­dert von vielen deut­schen Archi­tek­ten und zukunfts­be­geis­ter­ten Poli­ti­kern. Den Rest besorg­ten die großen Han­dels­kon­zerne Kar­stadt, Herti ua. Am slimms­ten die hei­mat­los umher­ir­ren­den Inva­so­ren- ent­schul­di­gung, es sollte heißen Inves­to­ren, oft mit ergau­ner­tem Geld anderer Leute. Nochim­mer wird abge­ris­sen, was das Zeug hält. Han­no­ver oder Köln, die Bei­spiele sind legion. Was hätte nach 1945 getan werden sollen, haben uns auf beschä­mende Weise die Polen vor­ge­macht. Alleine in War­schau wurden etwa 740 Alt­stadt­häu­ser, von denen nur noch ein paar Trppen­stu­fen und das Fun­da­met vor­han­den waren, ori­gi­nal­ge­treu wie­der­auf­ge­baut, ebenso das Stadt­schloß. Genauso Elbing, Danzig, Stettin; um nur einige zu nennen. Man muß aus dieser Per­spek­tive dankbar sein, daß Danzig unter pol­ni­scher Ver­wal­tung steht, sonst würden wir es heute nicht mehr wie­der­erken­nen!

  3. Groß­ar­tig! Es gibt fast nichts, was hin­zu­fü­gen wäre. Trotz­dem möchte ich, alte Hexe, was dazu sagen. Zwar ver­ab­scheue ich Luther als Mann der Reli­gion ebenso wie die Aja­tol­lahs im Iran. Aber, ob er es wollte oder nicht, er brach die Macht der allein selig­ma­chen­den Kirche und schuf die deutsch Hoch­spra­che. (Auch wenn er Vor­gän­ger hatte, sein Beitrag war ent­schei­dend). Beide waren/sind her­aus­ra­gende Ver­dienste, die nicht nur D auf Jahr­hun­derte beein­fluß­ten, sondern ganz Europa. (Amerika gab es noch nicht:-))) –
    Men­schen frü­he­rer Zeiten nach heu­ti­gen Maß­stä­ben zu beur­tei­len ist dumm, zeugt allen­falls von Unbil­dung. Statt Zer­stö­rung wäre es viel viel besser, solch umstrit­ten Statuen, Bilder, Stra­ßen­na­men mit erläu­tern­den Texten zu ver­se­hen, in denen man sowohl die guten, auch für die Zukunft bedeu­ten­den Taten erklärt wie auch die schwar­zen Seiten der Per­so­nen. Dann hätte man eine Chance was zu lernen. Und womög­lich ver­hin­dern, daß Men­schen ihre mehr oder weniger berech­tigte Wut an denen aus­le­ben. Was an der (ver­gan­ge­nen?) Geschichte sowieso nichts ändert. Die Ver­gan­gen­heit kann man nicht ändern, nur seine Bewer­tung, – Hin­ge­gen könnte man die Denk­mä­ler, Stra­ßen­na­men der zu ihrer Zeit bekann­ten, aber für die Zukunft unbe­deu­ten­den Men­schen ruhig strei­chen. Wer zu welcher Sparte gehört sollte in öffent­li­che Debat­ten ent­schie­den werden. Besser wäre viel­leicht: Debatte öffent­lich, Ent­schei­dung durch Fach­leute aller poli­ti­schen Rich­tun­gen. – Soweit die alte Quatsch­tante namens
    caruso mit lg-en

  4. Es ist wichtig, dass wir wissen, woher wir kommen, denn wenn man nicht weiß, woher man kommt, weiß man nicht, wo man ist, und wenn man nicht weiß, wo man ist, weiß man nicht, wohin man geht. Und wenn man nicht weiß, wohin man geht, geht man wahr­schein­lich in die Irre.“
    Terry Prat­chett (1948−2015) bri­ti­scher Fantasy Phi­lo­soph

    Wer beim Blick über den Atlan­tik meint, wir kämen noch einmal davon da bei uns noch keine Statuen gestürzt wurden, irrt sich leider.
    Bei idio­ti­schen Ideen ist Deutsch­land immer vorne mit dabei.
    So hat bereits 2018 die Uni­ver­si­tät Greifs­wald ihren Namens­pa­tron Ernst Moritz Arndt ver­lo­ren. Arndt deutsch-natio­na­ler Schrift­stel­ler und Abge­ord­ne­ter der Frank­fur­ter Natio­nal­ver­samm­lung schrieb auch einige umstrit­tene anti­se­mi­ti­sche Texte. Das reichte der Uni­ver­si­täts­lei­tung der Namen abzu­le­gen obwohl es dagegen viel Protest gab.
    Auch das RKI soll seinen Namen ver­lie­ren, da der Namens­ge­ber an medi­zi­ni­schen Expe­ri­men­ten in Afrika teil­nahm.
    Und wenn man erst die juden­feind­li­chen Schrif­ten Martin Luthers richtig auf­ge­ar­bei­tet hat, dann Gnade ihm Gott. Dann ist die evan­ge­li­sche Kirche aber sowas von am Arsch, daß glaubst du nicht.
    Und ob dann das Luther Denkmal vor der Frau­en­kir­che stehen bleiben kann oder in der Elbe ver­senkt wird, ist noch nicht ent­schie­den.
    Aller­dings, Luther hat sich nicht abfäl­lig über PoC geäu­ßert (also soweit mir bekannt), hatte keine Sklaven, viel­leicht kommt er in der gegen­wär­ti­gen Situa­tion noch mal mit einem blauen Auge davon.
    Wahr­schein­lich gibt es nur einen Warn­hin­weis am Denk­mals­so­ckel.

    Ich bin also gespannt, welche Person aus der deut­schen Geschichte es als erstes trifft, welches Denkmal als erstes geschleift wird.

    • … nun ja, was sind „umstrit­tene anti­se­mi­ti­sche Texte”? Müssen sie umstrit­ten sein, um als anti­se­mi­tisch zu gelten? Also, Arndt hat ein­deu­tig anti­se­mi­ti­sche Texte geschrie­ben, da beißt die Maus nun mal keinen Faden ab. Zitate erspare ich uns allen hier, man findet sie leicht; und nein, sie sind dann nicht einmal aus dem Zusam­men­hang geris­sen, sondern sie beglei­ten sein gesam­tes Werk als roter Faden. Dazu hat er pathe­tisch gegen die leicht­le­bi­gen usf. Fran­zo­sen geschrie­ben, Arndts Kol­lek­tiv­hass gegen Fran­zo­sen und Juden war schon unge­heuer – völ­kisch-kol­lek­ti­vis­ti­scher Pro­vin­zia­lis­mus in seiner hilf­lo­sen Unge­heu­er­lich­keit. Frei­heit galt ihm nicht als Eigen­schaft des Indi­vi­du­ums, sondern als Eigen­schaft des Volks­gan­zen, worin er sich mit dem Turn­va­ter Jahn traf, der das auch so sah. Arndts Frei­heits­be­griff ist also eine natio­nal geis­ternde Fan­ta­sie.
      Warum soll man sich dann den Namen anhef­ten, als Uni­ver­si­tät?
      Fritz Reuter hätten sie als Namens­pa­tron aus­wäh­len sollen. Dem Reuter ist nun wirk­lich nichts vor­zu­wer­fen.

  5. Neger sind die Frauen der Juden. Unserer Zeit.”
    .
    Mit dieser ver­dreh­ten Logik ent­larvte schon E. Hen­scheid vor 40 Jahren die Sprach­hül­sen…

  6. Es geht nicht um Inhalte. Es geht ledig­lich um Oppo­si­tion. Wir sind die, die alles anders machen. Und die Alten machen einen Kotau statt ihre Kids zu erzie­hen.

    In Gebie­ten mit Fasnets-Kultur heißt es eben­falls: „’S gôht drgegà.“ Aber das ist nur die dia­lek­tisch gemeinte spie­le­ri­sche Umkeh­rung der Ordnung wie einst bei den Satur­na­lien. Hier glauben allen Ernstes Kinder und infan­tile Seelen, sie könnten die Welt besser orga­ni­sie­ren als Erwach­sene.

    Ein Sinn­bild ist der Gemü­se­gar­ten von CHAZ, in dem zwei Dutzend Pflänz­chen vor sich hin­mi­ckern, sowie die dor­ti­gen Appelle: Schickt vege­ta­ri­sches Essen, schickt Schicki-Micki-Getränke, schickt Solar-Lade­ge­räte, schickt „ICE (the good kind)“, also Crystal Meth.

  7. Sehr guter Artikel :-), wieder voll auf den Punkt gezielt und mitten ins Schwarze getrof­fen.
    Nur der Anfang („jedem Anfang wohnt ein Zauber inne”) hat ein paar Dinge zuviel, oder ein paar Aus­las­sun­gen.
    „… das päpst­li­che Rom hatte keine Skrupel, den antiken Tempeln und Gebäu­den Marmor und Bronze zu rauben, um damit Kirchen und Paläste aus­zu­stat­ten…”
    Nun, warum denn nicht?, was war daran falsch? Die antiken Gebäude waren alle Ruinen außer wenigen völlig umge­bau­ter Gebäude wie dem Tabu­la­rium. Die waren seit dem 5. Jahr­hun­dert geplün­dert, und der Rest war im dau­er­rui­nö­sen Zustand, sehr gut zu sehen auf Pira­ne­sis Kup­fer­sti­chen. Indem das päpst­li­che Rom seit dem 15. Jahr­hun­dert plan­mä­ßig antike Statuen und Obe­lis­ken neu auf­ge­stellt hat, wurden sie immer­hin erhal­ten und gepflegt.

    … Es ist anzu­neh­men, dass der große Bernini, der Archi­tekt des Peters­plat­zes, kein schlech­tes Gewis­sen hatte, weil die Bronze für sein Bal­da­chin-Zibo­rium im Peters­dom aus der Decke der Vor­halle des Pan­the­ons ent­nom­men wurde.”
    Die Bronze aus dieser Vor­halle war zwar römisch (2. Jahr­hun­dert), aber keine große Kunst. Bernini hat daraus große Kunst gemacht, nicht? Übri­gens war das Pan­theon seit Jahr­hun­der­ten eine Kirche. Bernini hat also Bronze aus einer Kirche ent­nom­men, um große Kunst für eine andere Kirche zu schaf­fen. Also musste er alles Andere als ein schlech­tes Gewis­sen haben.

    Dabei sind die Frevler, Zer­stö­rer und Igno­ran­ten mitten unter uns.”
    Ähm, nein :-), nicht in diesm Sinne. Die Igno­ran­ten wohl schon unter uns, und täglich werden sie mehr (Ex-Bun­des­kanz­ler Schrö­der, jetzt rus­si­scher Olig­arch, sagte über das Ber­li­ner Holo­caust-Denkmal, es sei ein Ort, wo man gerne hingeht), aber wo sind die Frevler und Zer­stö­rer alter Kunst? Merkel zer­stört das Land, und Minis­ter Maas zer­fre­velt die Mei­nungs­frei­heit. Aber an alter Kunst vergeht sich keiner. Nur an neuer Kunst. Das Ber­li­ner Regie­rungs­vier­tel steht voller prot­zi­ger Beton­klötze, wo man vom Nir­gendwo ins Nir­gendwo gehen kann, während der Staat scham­los den Bürgern in die Taschen greift. Tja.

    • Die Bronze-Decke des Pan­theon-Portals war intakt. Da lag nichts in Trüm­mern. 91 Tonnen hat man da raus­ge­schleppt. Hätte ich gern gesehen, diese Decke. Der Bal­da­chin ist einfach nur mons­trös und häss­lich. Aber das ist ja Geschmacks­sa­che.

      • Klar lag da nichts in Trüm­mern; das Pan­theon wurde ja in Bern­inins Zeit schon seit etwa tausend Jahren als Kirche benutzt, Roger. Übri­gens ist es des­we­gen so gut erhal­ten. Alles, was benutzt wurde, ist erhal­ten – etwa auch ein römi­scher Ther­men­saal, Santa Maria degli Angeli e dei Martiri seit dem Umbau durch Michel­an­gelo, hier ist er:
        https://it.wikipedia.org/wiki/Terme_di_Diocleziano#/media/File:3222_-_Roma_-_Santa_Maria_degli_Angeli_-_Interno_-_Foto_Giovanni_Dall’Orto_17-June-2007.jpg

        Berni­nis Bal­da­chin ist riesig, aber mons­trös?
        https://​it​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​G​i​a​n​_​L​o​r​e​n​z​o​_​B​e​r​n​i​n​i​#​/​m​e​d​i​a​/​F​i​l​e​:​B​a​l​d​a​c​c​h​i​n​o​_​d​i​_​S​a​n​_​P​i​e​t​r​o​,​_​G​_​L​_​B​e​r​n​i​n​i​.​jpg
        Luftig ist er :-), die Pro­por­tio­nen sind gelun­gen. Die gedreh­ten Säulen sind ein Zitat römi­scher Säulen, die schon als Spolien in der vorigen Peters­kir­che aus dem 4. Jahr­hun­dert standen (ich denke, das sind die aus Marmor in den Emporen an der Seite, ein Bei­spiel mehr von Erhal­tung durch Benut­zung). Wenn Berni­nis Bal­da­chin da nicht stände, wäre der Raum tat­säch­lich mons­trös.

        P.S. Wie kommen wir jetzt zurück zum Thema des Arti­kels?, Bil­der­sturm, der Geschichte und Kunst ersatz­los auf­frisst. Zwei, nein drei, nein vier geschicht­li­che Bil­der­stür­me­reien fallen mir ein. Der erste Bil­der­sturm fand im Kon­stan­ti­no­pel des 8. Jahr­hun­derts statt, als Fana­ti­ker alle Statuen und Mosai­ken ver­nich­tet haben, die sie finden konnten; wes­we­gen dort kaum byzan­ti­ni­sche Mosai­ken erhal­ten sind. Den zweiten Bil­der­sturm am selben Ort erle­dig­ten die Türken ab 1453, und er war voll­stän­dig. Den nächs­ten Bil­der­sturm haben die Pro­tes­tan­ten im 16. Jahrund­ert ver­bro­chen, als sie in Frank­reich und Deutsch­land alle Kunst­werke zer­stört haben, die sie finden konnten; und der vierte pas­siert anno 2020 durch fana­ti­sche Linke in den USA, die alle Denk­mä­ler umstür­zen, die ihnen nicht gefal­len.

        • Zwei, nein drei, nein vier geschicht­li­che Bil­der­stür­me­reien fallen mir ein”
          Das begreife ich nicht. Wieso so wenige? Die Geschichte ist voll davon und die Chris­ten haben wohl das meiste zer­kloppt, ver­brannt, ver­nich­tet. Ange­fan­gen mit den Kopten, die wun­der­bare ägyp­ti­sche Reliefs ver­nich­te­ten, über die Ver­nich­tung jeg­li­cher Maya­schrif­ten (bis auf fast nix), sons­ti­ger india­ni­scher Kultur(stätten) bis zu den geseg­ne­ten Wehr­machts­trup­pen, die began­nen, gna­den­los die bol­sche­wis­ti­sche Brut aus­zu­rot­ten. Auch könnte man die profane Bil­der­stür­me­rei nach jeg­li­chen Kriegen und vielen Macht­wech­seln anfüh­ren, so wie das Schlei­fen der Denk­mä­ler im Osten der Repu­blik nach 1989, oder jetzt in Polen etc. Somit: was derzeit in der USA von­stat­ten geht ist ein Flie­gen­schiß zu dem, was die letzten 30 Jahre in Neu­fünf­land abging.

  8. Es kommt noch besser: Das Denkmal des 54sten Mas­sa­chu­setts Regi­ments wurde während der Demos beschmiert.

    Was diese Kretins nicht wussten: Das 54ste bestand zu 100% aus „PoC”, die regel­recht darum bet­tel­ten, bewaff­net an die Front zu dürfen und dort zur Ver­blüf­fung ihrer weißen Kame­ra­den überaus tapfer und auf­op­fe­rungs­voll kämpf­ten.

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