Ich habe Covid durch­ge­macht, kann es aber dank zwei­er nega­ti­ver PCR-Tests nicht bewei­sen. Was soll ich tun? Was darf ich hof­fen? Was ist der Mensch?

„If you don’t like the vac­ci­ne, then try Covid ins­tead.“ So lau­tet ein schnip­pi­scher Kom­men­tar unter einem Tweet des Chef­pa­ni­kers Karl Lau­ter­bach, wo sich seit vie­len Mona­ten die Jün­ger die­ses Meis­ters der Schwarz­ma­le­rei mit jenen prü­geln, die – um es vor­sich­tig zu for­mu­lie­ren – eher von den Coro­na­maß­nah­men und dem media­len Sire­nen­ge­heul genervt sind als von der Krank­heit selbst. Lau­ter­bach zieht nun also sei­ne Ver­zei­hung an Jan Josef Lie­fers zurück, weil des­sen „Gang nach Canos­sa“, also der Besuch einer Inten­siv­sta­ti­on, Lie­fers nicht aus­rei­chend geläu­tert habe.

Als pro­mi­nen­tes Aus­hän­ge­schild von #alles­dicht­ma­chen in Ungna­de gefal­len und gewis­ser­ma­ßen auf Kon­sens­be­wäh­rung, genüg­te dem Lau­ter­bach der Abstand nicht, den Lie­fers zu den Ver­rä­tern zu mar­kie­ren habe und auch die Lau­ter­bach­lau­da­to­ren fin­den pflicht­schul­dig abfäl­li­ge Wor­te des Miss­fal­lens. Der Lie­fers habe doch den ITS-Mit­ar­bei­tern ohne­hin nur im Weg gestan­den, er ver­brei­te, die Imp­fung selbst gut ver­tra­gen zu haben und deu­te damit an, dass es auch anders sein kön­ne, er ratio­na­li­sie­re die Imp­fung, indem er davon spre­che, sich vor­her kun­dig gemacht zu haben – als hät­te er selbst nur einen Hauch von Ahnung, wovon Medi­zi­ner spre­chen, und außer­dem ver­brei­te er sowie­so nur „Hass und Het­ze“, kurz, die Imp­fung sei weni­ger eine medi­zi­ni­sche Maß­nah­me als ein Akt des Gehor­sams, eine obli­ga­to­ri­sche Mes­se für einen neu­en Gott. (An die­ser Stel­le drei­mal „Ich fol­ge der Wis­sen­schaft!“ rufen und mit der lin­ken Hand Salz auf eine schwar­ze Kat­ze unter einer Lei­ter wer­fen.) War ihnen das zu zynisch? Nun, Wis­sen­schaft, die Wider­spruch aus­schließt, nennt man Reli­gi­on oder Aber­glau­be, je nach Zahl und Orga­ni­sa­ti­ons­grad der Anhän­ger­schaft. Bei den Jün­gern Karls des Ein­zig­ar­ti­gen ist noch nicht ent­schie­den, wohin sich die Waa­ge neigt.

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Die­se knapp zwei Minu­ten BILD-TV-Inter­view mit Lie­fers müs­sen jeden­falls die ruhigs­ten und sach­lichst vor­ge­tra­ge­nen Hass-und-Hetz­mi­nu­ten gewe­sen sein, die ich je sah. In der Fol­ge des Lau­ter­bach­schen Lobes­ent­zugs ent­spann sich ein regel­rech­ter Twit­ter­krieg zwi­schen den Hash­tags #dan­ke­Karl und #esIst­Vor­bei­Karl. Die Mei­nun­gen schwan­ken also stark zwi­schen Hei­lig­spre­chung und Verbannung.

Doch kann man leug­nen, dass Lie­fers mit der Ein­schät­zung rich­tig liegt, der gegen­wär­ti­ge Druck auf Unge­impf­te stel­le Nöti­gung oder Erpres­sung dar? War es nicht Lau­ter­bach selbst, der, sei­ner Lieb­lings­be­schäf­ti­gung „War­nen“ nach­ge­hend, noch im Juli erklär­te, kos­ten­pflich­ti­ge Coro­na­tests sei­en die Impf­pflicht durch die Hin­ter­tür? Das dür­fe nie kom­men, davor war­ne er? Nun, das war im Juli. Nun sind die kos­ten­pflich­ti­gen Tests da und sind plötz­lich nicht mehr pro­ble­ma­tisch? Wenn wir eines gelernt haben in die­ser Pan­de­mie, dann dies: Die Rau­pe Ver­schwö­rungs­theo­rie ver­puppt sich gern in Fak­ten­checks, um nach drei Mona­ten als par­la­men­ta­risch abge­seg­ne­ter Ver­ord­nungs-Schmet­ter­ling kräf­tig mit den Flü­geln zu schlagen.

Einmal Besserwisser sein!

Ich bin mir ziem­lich sicher, die Zahl derer, die nur noch wol­len, dass dies alles ein­fach enden möge, weil nie­mand die 3G-Kako­pho­nie aus Gewar­ne, Geschwur­bel und Gezänk mehr ertra­gen kann, ist min­des­tens so hoch wie die tat­säch­li­che Impf­quo­te, die man prak­ti­scher­wei­se lan­ge als viel nied­ri­ger angab. Nur über die Art, wie es enden möge, herrscht lau­te Unei­nig­keit. Ein Impf­man­dat der Sor­te „Strich drun­ter, Sprit­ze rein und gut ist“, wie in den Lau­ter­bach-Kom­men­ta­ren gefor­dert, wird aber nicht kom­men, eben­so wenig wird die Poli­tik es wagen, den Druck um die Häl­se der Bür­ger zu lockern. Wir haben uns in einem Patt ver­rannt. Man braucht die Frei­wil­lig­keit für die mora­li­sche Mit­haf­tung, ganz gleich, mit wel­chen gera­de­zu mafiö­sen Erpres­sun­gen sie auch zustan­de gekom­men sein mag. Den Druck will man nicht lockern, weil dies die ulti­ma­ti­ve Legi­ti­ma­ti­on des Wider­stands bedeu­ten wür­de. Unse­re Regie­rung ver­han­delt viel­leicht mit Ter­ro­ris­ten, jedoch nie mit ihren Bür­gern! Das ist die Crux bei jedem auto­ri­tä­ren Weg. Ein­mal ein­ge­schla­gen, muss er immer bis zum Ende gegan­gen wer­den. Erst zum Ende der Frei­heit und dann dem Ende der auto­ri­tä­ren Idee selbst. Lei­der kön­nen zwi­schen bei­den Enden oft Jahr­zehn­te liegen.

In der Zwi­schen­zeit setzt man auf die Ver­gess­lich­keit der Bür­ger, und wer sich dar­über beklagt, dass heu­te unwi­der­spro­chen gel­ten sol­le, was ges­tern noch abge­strit­ten und als Ver­schwö­rung gegei­ßelt wur­de, der wird – wenn er Glück hat – mit dem Hin­weis auf die vor­an­schrei­ten­de Wis­sen­schaft abge­speist. Meist aber – weil es schnel­ler geht und Nach­fra­gen und Wider­spruch abschnei­det – gleich per­sön­lich ange­gan­gen und als Cov­idi­ot, Schwur­b­ler oder sonst­was dis­kre­di­tiert. Jede noch so däm­li­che Anschmut­zung geht sogleich als Beweis durch, ein Fest für intel­lek­tu­el­le Min­der­leis­ter, die sich beru­fen füh­len, ihren Mit­men­schen mit „Lass dich end­lich imp­fen, du Sau“-Ratschlägen auf die Ner­ven zu gehen. Ein­mal Bes­ser­wis­ser sein, ein­mal mora­li­sches Ober­was­ser sau­fen, ein­mal auf die her­ab­schau­en, die ihr Wis­sen nicht löf­fel­wei­se aus Tages­schau, taz und Heu­te-Show holen!

Lau­ter­bachs Fans loben sei­ne auf Stu­di­en basie­ren­den Argu­men­te und blen­den mühe­los aus, dass ande­re Stu­di­en zu ganz ande­ren Ergeb­nis­sen kom­men und dass sich ihr Meis­ter oft im eige­nen argu­men­ta­ti­ven Netz ver­fängt und in Ver­le­gen­heit gerät wie neu­lich bei Maisch­ber­ger. Sol­che Inkon­sis­ten­zen las­sen sich im Netz natür­lich mühe­los igno­rie­ren, inhalt­li­che Debat­ten erüb­ri­gen sich, und wenn ein erho­be­ner Mit­tel­fin­ger das Argu­ment ersetzt, reagiert die ande­re Sei­te letzt­lich auf dem­sel­ben Niveau. Man kann nicht mehr mit­ein­an­der reden, also ver­sucht man es auch nicht mehr mit Rede, son­dern brüllt sich nur noch nie­der. Da in etwa ste­hen wir gera­de, und auf dem Weg dort­hin ent­stan­den Ris­se, die sich zu kon­ti­nen­ta­len Gra­ben­brü­chen aus­ge­wei­tet haben.

Was kann ich wissen?

Kurz vor Weih­nach­ten war es, als die Rücken­schmer­zen began­nen, sehr merk­wür­di­ge Rücken­schmer­zen, nicht die einer Ver­span­nung oder Über­an­stren­gung. Unmög­lich, eine Lage zu fin­den, die den Schmerz erträg­li­cher wer­den ließ. Es folg­ten Gelenk­schmer­zen und Mat­tig­keit. Hus­ten und Atem­pro­ble­me kamen hin­zu, als ich bereits mit Fie­ber im Bett lag. Nach zwei Tagen und weil inzwi­schen auch noch Geschmacksir­ri­ta­tio­nen hin­zu­ka­men – alles schmeck­te nach Metall, ledig­lich Mine­ral­was­ser bil­de­te eine Aus­nah­me, das schmeck­te näm­lich nach Zucker­si­rup –, Ter­min zum PCR-Test. Ich lag mit allen Sym­pto­men und im Däm­mer­schlaf im Bett und drück­te das Fie­ber müh­sam mit Par­acet­amol run­ter, als das Ergeb­nis am nächs­ten Tag ein­traf: Covid nega­tiv. Das kam unse­rem Gesund­heits­amt ange­sichts mei­ner Anga­ben beim Test reich­lich selt­sam vor und man for­der­te mich zu einem zwei­ten PCR-Test auf. Erneut mit nega­ti­vem Ergeb­nis. Die Weih­nachts­zeit in Qua­ran­tä­ne ver­brin­gend, brauch­te ich etwa zwei Wochen, um wie­der auf die Bei­ne zu kom­men. Zwar war ich mir sicher, eine Covid-Infek­ti­on durch­ge­macht zu haben, aber was wuss­te ich schon, ich bin ja kein PCR-Test!

Der Janu­ar brach­te die Aus­rol­lung der ver­meint­li­chen Wun­der­mit­tel, die beson­ders gefähr­de­ten Grup­pen krem­pel­ten in echt, Pro­mi­nen­te nur in Simu­la­ti­on die Ärmel hoch. Bei mei­nem Besuch fand ich mei­nen Haus­arzt in ent­spann­ter Stim­mung. Mei­ne Fra­ge nach der Imp­fung, die damals noch stark ver­knappt war, ließ ihn nur abwin­ken. Erst mal abwar­ten, kei­ne Gefahr für Sie, wahr­schein­lich hat­ten Sie es ja ohne­hin schon, und über­haupt sei es viel wich­ti­ger, sich statt gegen Coro­na gegen Pneu­mo­kok­ken zu immu­ni­sie­ren, schon weil kri­ti­sche Covid-Ver­läu­fen häu­fig bak­te­rio­lo­gi­sche Lun­gen­ent­zün­dun­gen ent­we­der begüns­ti­gen oder am Ende noch „on top“ hin­zu­kä­men. Ein durch und durch ratio­na­les und offe­nes Arzt-Pati­ent-Gespräch mit Risi­ko­be­wer­tung. Imp­fung ja, aber eben nicht die gegen Covid.

Der Früh­ling kam, der Lock­down blieb. Die Covid-Imp­fun­gen wur­den aus­ge­wei­tet und in mei­nem Umfeld häuf­ten sich Neben­wir­kun­gen und Fäl­le von „geimpft und trotz­dem krank“. Nichts Erns­tes zum Glück, aber ich woll­te mich vor mei­ner Ent­schei­dung noch mal mit mei­nem Arzt bera­ten. Wel­cher Impf­stoff wird emp­foh­len, wel­che Reak­tio­nen muss ich auf­grund von All­er­gien und ande­ren Vor­er­kran­kun­gen gewär­ti­gen, was emp­fiehlt er, sol­le ich tun ange­sichts die­ser Impf­hys­te­rie. Berech­tig­te Fra­gen, wie ich fand. Und da war ja noch mei­ne mys­te­riö­se von zwei nega­ti­ven PCR-Tests ein­ge­rahm­te Weihnachtsunpässlichkeit…

Genesen, aber nicht dokumentiert

Im August saß ich also wie­der bei mei­nem Arzt, der mir wie ein ande­rer Mensch erschien. Anti­kör­per­test? Ja, kön­ne er ver­an­las­sen. Kos­tet aber. Kein Pro­blem, sage ich. Wel­chen Impf­stoff er emp­feh­le? Wir ver­imp­fen hier ohne­hin nur Bio­N­Tech, alles ande­re sei­en nur „Nischen­pro­duk­te“. Ob ich womög­lich in eine die­ser Nischen pas­sen wür­de, weiß er nicht. Bleibt die Fra­ge nach mei­nem indi­vi­du­el­len Risi­ko auf­grund… – wei­ter kam ich nicht. Das Risi­ko müs­se man ohne­hin gesamt­sta­tis­tisch betrach­ten. Die Schwer­kraft zog hart an mei­nem Unter­kie­fer. Denn wenn ich gesamt­sta­tis­ti­sche Betrach­tun­gen wün­sche, unter­hal­te ich mich für gewöhn­lich nicht mit Ärz­ten, son­dern mit Mathematikern.

Den Anti­kör­per­test ließ ich noch machen und als ich das Ergeb­nis in den Hän­den hielt, hol­te ich mir inter­pre­ta­ti­ve Hil­fe bei ande­ren Medi­zi­nern. Dass mei­ne „Epi­so­de“ aus Dezem­ber 2020 eine Covid-Infek­ti­on war, steht dem­nach fest. Die gemes­se­ne Men­ge ent­spre­chen­der Anti­kör­per bele­ge das. Weil der Wert aber nach fast neun Mona­ten noch so absurd hoch ist, sei es min­des­tens wahr­schein­lich, dass ich einen wei­te­ren Kon­takt zum Virus hat­te. Falls dies so ist, hat mein Immun­sys­tem mir dies­mal nichts davon mit­ge­teilt. Ich bin also im bes­ten Sin­ne des Wor­tes eines der begehr­ten „G“, näm­lich gene­sen und bin es doch ­– ein­ge­rahmt von zwei falsch nega­ti­ven PCR-Tests – gemäß den gel­ten­den Bestim­mun­gen – nur illegalerweise.

Also doch „Strich drun­ter, Sprit­ze rein und gut ist“? Also doch die „gesamt­sta­tis­ti­sche Betrach­tung“, Kol­ben müs­sen gedrückt wer­den für den Sieg? Dan­ke, aber „nein dan­ke“! Ganz ein­fach des­halb, weil ich mit Stand heu­te – wer kennt schon die Zukunft – die ers­te der Kant’schen Fra­gen, die nach dem Wis­sen, wie folgt beant­wor­te: Ich bin ganz offen­sicht­lich den „…then try Covid instead“-Weg gegan­gen. Zwei­fel­los kein ange­neh­mer Weg, so viel kann ich für mei­nen Fall sagen, aber gemäß Stu­di­en – wie die­ser der Yale Uni­ver­si­ty – schützt eine natür­lich erwor­be­ne Immu­ni­tät immer­hin fünf bis 13-mal bes­ser vor schwe­ren Ver­läu­fen als die bis­her ver­füg­ba­ren Imp­fun­gen. Gewiss, die erwor­be­ne Immu­ni­tät lässt mit der Zeit nach, aber das tut der Schutz durch die Imp­fung ja schließ­lich auch.

Sicher ist hin­ge­gen, dass es – wis­sen­schaft­lich betrach­tet – kei­nen Zwei­fel an mei­ner durch­ge­mach­ten Infek­ti­on geben kann, wäh­rend die poli­ti­sche Defi­ni­ti­on „voll­stän­dig geimpft“ eine Schlin­gel­for­mu­lie­rung von gro­ßer Fle­xi­bi­li­tät dar­stellt. Ein Boos­ter hier, eine Auf­fri­schung dort, schon wird emp­foh­len, die Johnson&Johnson-Imp­fung durch eine wei­te­re mit Bio­n­tech zu „ergän­zen“, wel­che sich vie­le nur des­halb inji­zie­ren lie­ßen, weil es dann bei einer Imp­fung hät­te blei­ben sol­len. Was heu­te voll­stän­dig ist, kann mor­gen schon als gefähr­lich lücken­haft, ja cov­idio­tisch gel­ten. Und wer weiß, ob nicht irgend­ei­ne Stu­die dem­nächst zu dem Schluss kommt, dass die Ver­läu­fe umso mil­der wer­den, je öfter man sich infi­ziert? Nun, auch das wis­sen wir bis­lang noch nicht. Auch nicht, ob es eine gute Idee ist, die Impf­wir­kung mit einer nach­träg­li­chen Infek­ti­on zu ergän­zen, wie Chris­ti­an Dros­ten so ganz neben­bei ausplauderte.

Was soll ich tun?

Doch was mache ich hier eigent­lich? Gewiss, ich woll­te mei­ne Geschich­te schon lan­ge auf­schrei­ben, schon weil ich sie immer und immer wie­der erzäh­len muss. Immer dann, wenn ich ange­gan­gen wer­de, mich für mei­ne „Ver­wei­ge­rung“ zu recht­fer­ti­gen. Ich will mich aber nicht recht­fer­ti­gen und das Grund­ge­setz sagt, ich muss dies auch nicht tun. Weder für mei­nen Glau­ben noch für mei­nen Unglau­ben noch für mei­ne Zwei­fel, die auf ganz spe­zi­fi­schen Infor­ma­tio­nen, Gege­ben­hei­ten und Ent­schei­dun­gen fußen. Ich will auch nicht auf die gnä­di­ge Gewäh­rung als Pri­vi­le­gi­en ver­klei­de­ter Grund­rech­te oder die Zuer­ken­nung irgend­ei­nes G‑Status drän­gen. Denn ganz gleich, ob es 2, 3, 4 oder 99G sind, bleibt das G‑schubse doch stets ein nicht durch Wahl zustan­de gekom­me­nes poli­ti­sches Man­dat, mit des­sen Hil­fe unver­äu­ßer­li­che Grund­rech­te dosiert und nach Wohl­ver­hal­ten zuge­teilt wer­den sol­len. Ver­fes­tigt sich die Tole­rie­rung die­ser Ver­knap­pung und Zutei­lung von demo­kra­ti­scher Atem­luft und wird zur Gewohn­heit, ist es aus und vor­bei mit der Freiheit.

Was darf ich hoffen?

Im Ver­ständ­nis Kants bezieht sich alles Hof­fen im reli­giö­sen Sinn auf die Glück­se­lig­keit, im ratio­na­len Sinn jedoch eher auf die Fra­ge, was berech­tig­ter­wei­se zu hof­fen sei – und da ist der lie­be Gott natür­lich raus aus der Haf­tung. Hier bin ich zuge­ge­ben noch rat­lo­ser als Kant. Die Imp­fung erfüllt die Hoff­nung auf den Sieg über die Krank­heit schon mal nicht, wie wir wis­sen, hin­ge­gen sind die durch die Coro­na­maß­nah­men ange­rich­te­ten Schä­den welt­weit äußerst mani­fest. Her­bei­ge­rech­ne­te bes­se­re Sta­tis­ti­ken für Ver­läu­fe und Schutz vor dem Tod hel­fen da wenig, weil sich die sehr rea­le Panik­ma­che bezüg­lich Covid nicht mit sta­tis­ti­schen Wir­kungs­gra­den oder poli­ti­schen Beteue­run­gen besie­gen lässt. Abso­lu­te Ver­spre­chen rufen nach abso­lu­ter Erfül­lung, und letz­te­res ist bei der Imp­fung lei­der ausgeblieben.

Zu hof­fen, eini­ge der befürch­te­ten Neben­ef­fek­te der Imp­fung wür­den bald ein Umden­ken in der Poli­tik bewir­ken, sind jedoch eben­so töricht. Umso ver­bis­se­ner wür­de der Chor poli­tisch gefäl­li­ger Bän­kel­sän­ger gegen jene vor­ge­hen, die ihrer Mei­nung nach von dem Umschwung mora­lisch pro­fi­tie­ren könn­ten. Eine Imp­fung als gericht­lich ange­ord­ne­te Maß­nah­me oder wie in Aus­tra­li­en mit Poli­zei­ge­walt durch­ge­setz­te Inter­nie­run­gen wür­de dann im Zwei­fel jede Kon­troll­grup­pe, die durch ihre blo­ße und hart­nä­cki­ge Exis­tenz Zwei­fel an der all­ge­mein­gül­ti­gen, ewi­gen Wahr­heit auf­kom­men lie­ße, zum Ver­stum­men brin­gen. Den Pfi­zer-Pro­ban­den des Zulas­sungs­ver­fah­rens, die ledig­lich ein Pla­ce­bo erhal­ten haben (Kon­troll­grup­pe), hat man aus­ge­rech­net mit Bezug­nah­me auf ethi­sche Red­lich­keit längst Impf­an­ge­bo­te gemacht. Der ÖRR assis­tier­te bereits seit Ende 2020 mit der Fest­stel­lung, dass „Pla­ce­bo-Stu­di­en bald ethisch nicht mehr akzep­ta­bel“ sei­en. Auf die Rück­kehr wis­sen­schaft­li­cher Red­lich­keit und Gründ­lich­keit ist also auch kaum zu hoffen.

Was ist der Mensch?

Schaut man sich im Land um, dann ist der Mensch der­zeit offen­bar kaum mehr als ein Wei­sungs­emp­fän­ger, eine sta­tis­ti­sche Grö­ße, ein Stör­fak­tor und wahl­wei­se Hin­der­nis oder Hilfs­po­li­zist. Für alle Lau­ter­ba­chia­ner lau­tet die Ant­wort auf die Fra­ge aller Kant’schen Fra­gen natür­lich „zu imp­fen ist er, der Mensch, und zwar voll­stän­dig!“. Mein Leben wäre leich­ter, wenn ich dem blind zustim­men wür­de. Ob es län­ger andau­ern wür­de, ist unge­wiss. Es ist nicht mehr ganz leicht, ille­gal gesund zu sein. Doch wo Kant von der „Befol­gung legi­ti­mer Nor­men“ sprach, stellt sich mir zunächst die Fra­ge nach der Legi­ti­mi­tät der Nor­men, die zu befol­gen sind und wer die Legi­ti­ma­ti­on erteilt hat.

Wo Kant „per­sön­li­che Pflich­ten“ fin­det, tau­chen in sei­ner Glei­chung weder der Staat noch das „gesell­schaft­li­che Wohl“ auf, auf wel­che sich die­se Pflich­ten heu­te bezie­hen sol­len. Was den Men­schen quält, ist, dass er unzu­frie­den mit sich selbst und der Welt ist, seit die Poli­tik ihn von sei­nen Nächs­ten ent­frem­det und die­se zum Feind erklärt hat. Und er prü­gelt des­halb stell­ver­tre­tend auf sei­nen Nächs­ten ein, weil er an die Poli­tik nicht her­an­reicht. Noch. An die­ser ver­ord­ne­ten Span­nung kann er wohl zer­bre­chen, der Mensch. Und er tut dies meist nicht laut­los. Die Poli­ti­ker jeden­falls schei­nen sich heu­te weit weni­ger vor Coro­na zu fürch­ten als vor den Men­schen, die ihre Coro­na­po­li­tik zu erdul­den haben. Zer­bro­che­ne Men­schen tra­gen kei­ne Staa­ten, son­dern Revolutionen.

Zuerst erschie­nen auf achgut.com

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7 Kommentare

  1. In einer Rede über den „Grü­nen Paß”, gerich­tet an den Senat in Rom, erklär­te der ita­lie­ni­sche Phi­lo­soph Gior­gio Agam­ben am 7. Okto­ber 2021:

    „Ich möch­te mich nur auf zwei Punk­te kon­zen­trie­ren, die ich den Abge­ord­ne­ten zur Kennt­nis brin­gen möch­te, die sich zur Umwand­lung der Ver­ord­nung über den grü­nen Paß in ein Gesetz äußern müssen.

    Der ers­te ist die offen­sicht­li­che Wider­sprüch­lich­keit des betref­fen­den Dekrets. Sie wis­sen, daß die Regie­rung sich mit einem spe­zi­el­len Dekret von jeg­li­cher Haf­tung für durch den Impf­stoff ver­ur­sach­te Schä­den befreit hat. Und die Schwe­re die­ser Schä­den ergibt sich aus der Tat­sa­che, daß in Arti­kel 3 des Dekrets aus­drück­lich die Arti­kel 589 und 590 des Straf­ge­setz­bu­ches erwähnt wer­den, die sich auf fahr­läs­si­ge Tötung und fahr­läs­si­ge Ver­let­zun­gen beziehen.

    Wie maß­geb­li­che Juris­ten fest­ge­stellt haben, bedeu­tet dies, daß der Staat nicht bereit ist, die Ver­ant­wor­tung für einen Impf­stoff zu über­neh­men, der sei­ne Test­pha­se noch nicht abge­schlos­sen hat. Gleich­zei­tig ver­sucht er mit allen Mit­teln, die Bür­ger zur Imp­fung zu zwin­gen, indem er sie andern­falls aus dem gesell­schaft­li­chen Leben aus­schließt und nun mit dem neu­en Dekret, das Sie bestä­ti­gen sol­len, ihnen sogar die Arbeits­mög­lich­keit neh­men will.

    Ist es mög­lich, fra­ge ich, sich eine recht­lich und mora­lisch anor­ma­le­re Situa­ti­on vor­zu­stel­len? Wie kann der Staat die­je­ni­gen, die sich ent­schei­den, sich nicht imp­fen zu las­sen, der Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit bezich­ti­gen, wenn der­sel­be Staat for­mell jeg­li­che Ver­ant­wor­tung für mög­li­che schwer­wie­gen­de Fol­gen ablehnt? Weiterlesen:
    https://www.klonovsky.de/acta-diurna/

  2. Ich möch­te das aus per­sön­li­chem Erle­ben gern ergän­zen. Mei­ne Frau und ich haben zwei Enkel im Alter von 2 und 4 Jah­ren und wir hat­ten uns (im Gegen­satz zu den meis­ten Groß­el­tern, die ihre Enkel­kon­tak­te sehr ein­schränk­ten) vor­ge­nom­men, dass wir wei­ter das Leben mit unse­ren Enkeln genie­ßen wer­den. Wir haben also wäh­rend der gesam­ten Pan­de­mie drei bis vier­mal wöchent­lich Kon­takt gehabt. Wir stan­den alle ohne Mas­ke vor der Kita mit ande­ren Eltern, wir waren auf dem Spiel­platz mit fünf­zig Kin­dern und Eltern, alle ohne Mas­ke. Bis auf die Mona­te Janu­ar bis April 2021 als der Bür­ger­meis­ter Tschent­scher durch­dreh­te und Mas­ken auch auf Spiel­plät­zen zu tra­gen waren. Da tru­gen wir die Din­ger wie die meis­ten auf Halb­mast. Wir waren auf Sylt und an der Ost­see in Urlaub. Wir waren in Restau­rants, wenn sie geöff­net hat­ten, etc. Was ich sagen will ist: Wäre Coro­na die Seu­che vor der die Regie­rung warnt, wir hät­ten es sicher bekom­men! Haben wir aber nicht. Mei­ne Frau hat sich im Mai imp­fen las­sen, von einer Ärz­tin, die Bekann­te vor­zog, obwohl sie noch nicht dran waren… Ich bin nicht geimpft. Weil mein Immun­sys­tem per­fekt ist. Ich bin nie krank, habe kaum Erkäl­tun­gen gehabt, war­um soll ich mich spiken las­sen? Mei­ne Frau hat­te Null Impf­re­ak­tio­nen. Aber, sie war jetzt, im Gegen­satz zu sonst bereits zwei­mal erkäl­tet. Ich nicht. In unse­rem Bekann­ten­kreis gab es eine älte­re Frau, die letz­ten Herbst über ihren Schwie­ger­sohn mit COVID 19 infi­ziert wur­de. Sie hat­te eine schwe­re Grip­pe und lag 14 Tage im Bett zuhau­se. Jetzt ist sie Gene­se­ne. Und hat wahr­schein­lich die bes­te Immun­aus­stat­tung von uns allen.

  3. „Alles, was wir brau­chen, ist eine rich­tig gro­ße Kri­se und die Natio­nen wer­den die neue Welt­ord­nung akzep­tie­ren.“ David Rockefeller.

    “In der Poli­tik geschieht nichts zufäl­lig. Wenn es pas­siert, dann war es sicher so geplant.” – Fran­k­lin D. Roosevelt

  4. Wie­der ein­mal den Irr­sinn in die­sem Lan­de und zu die­ser Zeit her­vor­ra­gend in Wor­te gefasst. Bes­ser kann man es nicht auf den Punkt bringen.
    Und die Rau­pe Ver­schwö­rungs­theo­rie ist mein abso­lu­ter Hit.
    Sowas muss einem erst­mal einfallen.
    Chapeau !

  5. „Erst zum Ende der Frei­heit und dann dem Ende der auto­ri­tä­ren Idee selbst. Lei­der kön­nen zwi­schen bei­den Enden oft Jahr­zehn­te liegen.“
    .
    Oder 12 Jahre.

    • Also die 12 Jah­re bis zum Ende der Welt durch Klimawandel?
      Dann hät­ten wir seit die­ser Ankün­di­gung ja fast schon die Hälf­te geschafft.
      Dumm nur, dass die ange­kün­dig­ten 12 Jah­re seit min­des­tens 1980 immer wie­der von vorn los­ge­hen – „gefühl­te“ tau­send Jah­re lang, bis zum aus­ster­ben der Geg­ner der Wahr­heit, oder bis zum Hit­ze­tod des Uni­ver­sums: je nach­dem, was frü­her eintritt.

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