Die „Große Furcht“ im Frankre­ich des Jahres 1789 fiel in eine Zwis­chen­zeit, ein poli­tis­ches Vaku­um. Der „dritte Stand“ hat­te sich erhoben und die Nation­alver­samm­lung gebildet. Die Bastille war bere­its erstürmt, der König aber noch an der Macht. Wohin die Reise ging, war noch nicht abzuse­hen. Die Stim­mung heute ist eine ähn­liche und auch die Rollen aller Pro­tag­o­nis­ten sind beset­zt. Da wäre zum einen eine dys­funk­tionale Regierung, deren Han­deln sich auf mehr oder weniger sin­nvolle Reak­tio­nen auf große und kleine Katas­tro­phen beschränkt – Lud­wig XVI han­delte kaum anders. Dann ein aus­gemachter Feind, dem man den Willen zur Ver­nich­tung des Lan­des unter­stellt (AfD) und selb­st die Rolle des ver­pön­ten Adels, der auf Kosten von Leben und Gesund­heit der Bevölkerung die Reichtümer des Lan­des ver­prasst, ist vergeben: Es sei der „Kap­i­tal­is­mus“ ganz all­ge­mein und aktuell die Auto­mo­bilin­dus­trie im Beson­deren, deren Vertreter man gern geteert und gefed­ert durch die Gassen treiben würde ­– Banker und Hedge-Fund-Man­ag­er sind da ja auch schon durchgekommen.

Vor welchen Bedro­hun­gen glaubt der Staat und seine Regierung eigentlich, die Bürg­er beschützen zu müssen? Die, für deren Abwen­dung er das Gewalt­monopol erhal­ten hat, oder die, für die er ver­sucht, immer tiefer in unser Pri­vatleben einzu­drin­gen? Man kann heute zwar ohne weit­eres auf der Straße über­fall­en, erstochen oder verge­waltigt wer­den, wer jedoch in der falschen Partei ist, wessen Energie­ver­brauch zu hoch, wessen Haus nicht gedämmt ist oder wenn jemand eine Woh­nung nicht ver­mi­etet hat, hört der Spaß auf! Dann klopft der Staat an und lehrt uns Mores. Und die Medi­en betäti­gen sich als Wasserträger dieser Agen­da aus Banal­itäten, deren Ursachen in per­sön­lich­er Charak­ter­schwäche gesucht wer­den, anstatt in von außen induzierten Bedin­gun­gen. Ein Buch, dass man dem Leser nicht zumuten zu kön­nen glaubt, lässt man ein­fach aus der Best­sellerliste ver­schwinden, während der anhal­tende Sturm auf unsere Sozial­sys­teme und die daraus resul­tieren­den Fol­gen kaum Beach­tung find­en. Auch unser des­o­lates Währungssys­tem ist voll­ständig aus dem Fokus gerückt. Dabei gäbe es auch hier Bericht­ens- und Erk­lärenswertes. Ich wüsste zum Beispiel gern, warum die EZB por­tugiesis­che Staat­san­lei­hen aus den Jahren 1940–1943 aufkauft, die eine Fäl­ligkeit im Jahr 2199 haben (vor kurzem stand ange­blich sog­ar noch die Fäl­ligkeit 9999 in der Liste) und wie das zu der Aus­sage passt, dem Euro gin­ge es Gold. Wie tief in den Keller musste man in Por­tu­gal wohl tauchen, um diese wert­losen und vergilbten Staatspa­piere zu find­en und wie passt das zu den Erfol­gsmeldun­gen, Liss­abon wäre längst wieder aus dem Krisen­modus her­aus? Ein Ver­gle­ich mit den bald nach Aus­gabe welt­losen Assig­nat­en, die zu Zeit­en der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion unter Zwang an die Stelle von echt­en Werten wie Gold, Schmuck oder Immo­bilienbe­sitz trat­en, darf hier zumin­d­est anklin­gen. Doch bleiben wir bei den Medi­en und deren Beitrag zur poli­tis­chen Agenda.

In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt

Die Art und Weise, in der heute ins­beson­dere unsere soge­nan­nten „Leitme­di­en“ häu­fig bericht­en oder Berichte auch ein­fach unter­lassen, möchte ich anhand eines Beispiels aus „Die Zeit“ bzw. dem Online-Ableger “Zeit-Online” verdeut­lichen. Zunächst zum Fall selb­st, der weit­ge­hend unstrit­tig ist: Im Novem­ber 2015 hielt es ein Abge­ord­neter der AfD in Baden-Würt­tem­berg für eine gute Idee, sein Face­book-Pro­fil­bild mit ein­er Fotomon­tage zu verse­hen, welche die Haup­tangeklagten des Nürn­berg­er Kriegsver­brecher­prozess­es zeigt. Nur waren in dem Foto die Köpfe von Göring, Ribben­trop & Co. aus­ge­tauscht gegen die von Merkel, Gauck und eini­gen anderen Poli­tik­ern. Was ich min­destens für eine ziem­liche Geschmack­losigkeit halte, wurde als Belei­di­gung aufge­fasst und führte zu hek­tis­ch­er staat­san­waltschaftlich­er Betrieb­samkeit – soweit, so logisch und kor­rekt. Es geht mir auch nicht um die juris­tis­che Bew­er­tung der Vorgänge, son­dern um die daraus resul­tierende Berichterstattung.

ZON, 22.3.2017

Am 22. März 2017 brachte “Die Zeit” eine AFP-Mel­dung zum The­ma mit fol­gen­dem Wort­laut: „Karl­sruhe (AFP) Der Freiburg­er AfD-Poli­tik­er Dubravko Mandic hat mit der Mon­tage eines Fotos aus dem Nürn­berg­er Kriegsver­brecher­prozess heutige Bun­de­spoli­tik­er belei­digt. Die Gesichter von Nazi-Poli­tik­ern mit Auf­nah­men von Kan­z­lerin Angela Merkel (CDU) sowie von Grü­nen- und SPD-Poli­tik­ern zu überkleben, erfülle “den Tatbe­stand der Belei­di­gung” und sei nicht vom Grun­drecht der Mei­n­ungs­frei­heit gedeckt, entsch­ied das Landgericht Karl­sruhe in ein­er am Mittwoch bekan­nt gewor­de­nen Entschei­dung. (Az: 2 QS 53/16)“

Die Badis­chen Zeitung macht gle­ich ein Urteil daraus…

Der juris­tis­che Laie, der als Leser der „Zeit“ sich­er die Mehrheit stellt, liest: „erfüllt Tatbe­stand“ und „Entschei­dung“ und schließt daraus auf ein ergan­ge­nes Urteil, was das angegebene Akten­ze­ichen noch unter­stre­ichen soll. Einen Tag später berichtete auch die „Badis­che Zeitung“ aus der­sel­ben Quelle – und zwar wortwörtlich. Bis auf einen kleinen Unter­schied: Am Ende der Mel­dung stand zusät­zlich der Satz: „Zugle­ich entsch­ied das Gericht, dass die Durch­suchung der Woh­nung des Freiburg­er Recht­san­walts und AfD-Poli­tik­ers im Okto­ber rechtswidrig war.“ 

So sieht die Suche mit Google aus

Dieser kleine Unter­schied ist auch eini­gen Lesern aufge­fall­en, weshalb sie sich an „Die Zeit“ mit der Frage wandten, wie das wohl zu erk­lären sei. Keine Antwort. Auch nicht auf mehrma­lige Nach­frage. Allerd­ings war den ver­ant­wortlichen ZON-Redak­teuren nicht ganz Wohl bei dem Gedanken, ihre eigen­mächtige Kürzung des Artikels könne noch von anderen ent­deckt wer­den. Ihn zu ergänzen kam nicht in Frage, denn das käme einem Schuldeingeständ­nis gle­ich. Ihn zu löschen auch nicht, denn der Ein­trag bei Google bliebe erhal­ten und ein Blick in archiv.org kön­nte ihn wieder ans Licht zerren.

…nur die Zeit kann den eige­nen Artikel nicht finden.

Man entsch­ied sich stattdessen dafür, den Artikel auf der eige­nen Seite unauffind­bar zu machen, indem man ihn aus der Index­ierung für die Voll­textsuche her­aus­nahm. Die Suche nach „Mandic“ bringt fünf Tre­f­fer auf ZON – der genan­nte Artikel ist nicht mehr dabei. Nur Google mochte sich dieser kleinen „Kor­rek­tur“ nicht anschließen, weshalb der Artikel dort immer noch an erster Stelle in den Suchergeb­nis­sen zu find­en ist.

Das mag wie eine Petitesse ausse­hen, ist es aber nicht. Zumal dann, wenn man weit­er gräbt und der Spur des Akten­ze­ichens nachge­ht. Das Land Baden-Würt­tem­berg bietet eine Online-Daten­bank für Ermit­tlungsver­fahren, Beschlüsse und Urteile an, in der man auch nach Akten­ze­ichen suchen kann. Tre­f­fer zu 2 QS 53/16: keine. Es stellte sich schließlich her­aus, dass die Jus­tizbe­hör­den den Vor­gang – aus welchen Grün­den auch immer – nicht in die Daten­bank eingepflegt hat­ten. Das Akten­ze­ichen jedoch gibt es tat­säch­lich! Und zwar auf einem Beschluss des Landgericht­es Karl­sruhe vom 15.3.2017, welch­er die Rechtswidrigkeit der Haus­durch­suchung bei Dubravko Mandic fest­stellte – und nur dieses stellt der Beschluss fest!

Meine Nach­frage am 28.7.2017 bei Dubravko Mandic bezüglich des Sta­tus des Ver­fahrens ergab fol­gende über­raschende Antwort: „In der Sache selb­st gibt es keinen Fort­gang. Gegen mich ist wed­er ein Straf­be­fehl ergan­gen, noch wurde Anklage erhoben.“

Wo ZON und die “Badis­che Zeitung” also bere­its im März einen fal­l­en­den Richter­ham­mer gespürt hat­ten, ist in Wirk­lichkeit noch nicht ein­mal eine Anklageschrift zu find­en. Zusam­menge­fasst heißt das über den Artikel der Zeit, dass die implizierte Aus­sage falsch ist und durch Weglas­sun­gen glänzt, welche sich aus­gerech­net auf das angegebene Akten­ze­ichen beziehen und dass „Die Zeit“ diesen Artikel im Nach­hinein am lieb­sten unsicht­bar machen würde – es wird schon nie­mand so genau hin­schauen. Die “Badis­che Zeitung” hinge­gen machte sich zwar nicht die Mühe, die AFP-Mel­dung auf ihre Wirkung hin zu opti­mieren, dafür schreibt sie gle­ich “Urteil” darüber, was bedeutet, dass die Redak­teure dort genau­so tick­en wie “Die Zeit” es ihren Leser unterstellt.

Vorgänge wie dieser sind lei­der nicht geeignet, Ver­trauen in die Medi­en herzustellen und der “Großen Furcht” sach­lich etwas ent­ge­gen­zuset­zen, weil der Zweck der Berichter­stat­tung nur allzu offen­sichtlich ist. Es geht nicht um die Fak­ten, son­dern um Stim­mungen. Und die deutschen Leitme­di­en haben sich dazu entschlossen, die Stim­mung in eine bes­timmte Rich­tung zu ziehen. Auch ander­slau­t­ende Fak­ten kön­nen sie davon offen­sichtlich nicht abbringen.

Staat vs. Privat

Wir erleben ger­ade die wohl her­vorstechend­ste Par­al­lele zur Hochzeit der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion – eine Ver­staatlichung und Verge­sellschaf­tung jed­er pri­vat­en Mei­n­ung und Hal­tung. War „Mei­n­ung“ früher etwas zutief­st Pri­vates, soll sie heute im „gesellschaftlichen Kon­sens“ ste­hen – und wie der auszuse­hen hat, legt ein klein­er Kreis auser­wählter “Robe­spier­res der Wahrheit” fest. Durch unkri­tis­ches Mit­machen kann jed­er leicht selb­st in diesen Kreis vorstoßen und dadurch auf die Seite der sicheren und wohlbe­treuten Wahrheit wech­seln. Ini­tia­tiv­en dieser Art wer­den großzügig gefördert, selb­st dann, wenn sie sich bei der Durch­set­zung ihrer Ziele höchst undemokratis­ch­er Mit­tel bedi­enen. Jed­er ist aufge­fordert, Stel­lung zu beziehen, sich ständig lei­den­schaftlich zur Demokratie zu beken­nen und auf Ver­lan­gen jed­erzeit die gekennze­ich­neten Feinde der Demokratie aufzählen zu kön­nen und bekämpfen zu wollen.

Diese Vorstel­lung von Mit­mach-Demokratie führt dazu, dass jed­er, der die aus­gegebe­nen Losun­gen nur aus­re­ichend verin­ner­licht hat, sich zugle­ich als Polizist, Staat­san­walt und Richter über die Mei­n­ung ander­er berufen fühlt. Im Frankre­ich der 1790er Jahre gab den Bürg­er­ausweis, den natür­lich nur diejeni­gen erhal­ten kon­nte, deren Leben und Ein­stel­lung zur Rev­o­lu­tion einen aus­führlichen Test bestanden hat­te. Ehe­ma­lige Adlige (der Stand war ja abgeschafft) kon­nten diesen Ausweis selb­stver­ständlich generell nicht erlan­gen, was ihnen die Teil­habe am gesellschaftlichen Leben oder der Wirtschaft voll­ständig unmöglich machte. Diesen Ausweis musste jed­er stets bei sich tra­gen und auf Ver­lan­gen vorzeigen. Nicht nur der Gesin­nungspolizei, son­dern generell jedem, der danach fragte. Man machte somit jeden Bürg­er zum Gesin­nungspolizis­ten über alle anderen, was die Exis­tenz des Pri­vat­en kom­plett been­dete und die all­ge­meine Denun­zi­a­tion nicht nur förderte, son­dern ger­adezu verpflich­t­end und zur Regel machte. Es existierte keine Gren­ze mehr zwis­chen pri­vater Mei­n­ung und staatlich­er Sank­tion. Der Tatbe­stand der straf­baren Hand­lung wurde erset­zt durch die straf­bare Hal­tung. Ehe­mals straf­bare Hand­lun­gen wur­den somit sakrosankt, wenn sie nur von tugend­haften Bürg­ern began­gen wur­den, die die richtige Hal­tung zur Rev­o­lu­tion hat­ten – ein Schelm, der da an die “gut gemein­ten” Auss­chre­itun­gen beim G20-Gipfel in Ham­burg denkt. Eine Denun­zi­a­tion, die let­ztlich nicht zur Verurteilung des Angeklagten führte, blieb im rev­o­lu­tionären Frankre­ich straf­frei, wenn der Denun­ziant sie nur mit großer Verve und mit rev­o­lu­tionären Absicht vorge­bracht hat­te. Die Idee, dass der Zweck die Mit­tel heiligt, wurde während der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion erst­mals kon­se­quent zum Staat­sziel erk­lärt und es gibt zahlre­iche Extrem­is­ten (linke wie rechte und religiöse), die dieses Prinzip auch heute noch vertreten. Heute fördert der Staat mit Steuergeldern Ini­tia­tiv­en und Aktio­nen, die kaum anders vorge­hen. Und wer fühlte sich nicht berufen, einem anderen ordentlich eine einzuschenken, wenn dieser vorher aus­re­ichend heftig als Nazi beze­ich­net wurde?

Das Aktions­bünd­nis „Auf­ste­hen gegen Ras­sis­mus“ zum Beispiel hat sich dem Kampf gegen falsche Mei­n­un­gen ver­schieben. Dabei geht es, anders als der selb­st­gewählte Name es ver­muten lässt, nicht gegen Ras­sis­mus an sich, son­dern auss­chließlich und erk­lärter­maßen nur gegen die AfD. Dabei ist sehr inter­es­sant, wer sich diesem Kampf so alles ver­schrieben hat und was die Beweg­gründe dafür sind. Die Ini­tia­toren sind näm­lich unter anderem Attac, die Grü­nen, Jusos, LINKE, inter­ven­tion­is­tis­che Linke, die IG-Met­all, DGB-Jugend, ver.di und der Zen­tral­rat der Mus­lime. Ein­er­seits also Gew­erkschaften, die per Selb­st­de­f­i­n­i­tion eigentlich poli­tisch neu­tral sind, weshalb sie ja auch schein­bar „gegen Ras­sis­mus“ kämpfen, um eine poli­tisch unbe­queme Partei zu tre­f­fen. Außer­dem find­et sich das ganze linke Spek­trum von SPD (Jusos) bis Link­sex­trem­istisch (inter­ven­tion­is­tis­che Linke) in der Ein­heits­front. Die inter­ven­tion­is­tis­che Linke ver­birgt ihren Extrem­is­mus übri­gens nicht, son­dern berichtet stolz auf ihrer Web­seite darüber, was auch in ihrer Parole zum G20-Gipfel in Ham­burg deut­lich wird: „Den Gipfel stür­men, die Stadt erobern“. Dazu dann noch der Zen­tral­rat der Mus­lime, dem selb­ster­nan­nten Für­sprech­er des ange­blich ver­fol­gten und zum Opfer gemacht­en Islam in Deutsch­land, der zwar keine “Rasse” ist, Islam­o­pho­bie aber gern und aus­führlich als Ras­sis­mus beze­ich­net. Im Grunde also ein Aktions­bünd­nis von Extrem­is­ten gegen andere Extrem­is­ten, das zu extremen Mit­teln greift, um seine Ziele zu erreichen.

Demokratie ist, wenn alle meine Mei­n­ung teilen und abwe­ichende Mei­n­un­gen niederge­brüllt wer­den. Das glaubt zumin­d­est das Aktions­bünd­nis „Auf­ste­hen gegen Ras­sis­mus“ und bietet auf sein­er Web­seite „Aktion­skits gegen AfD-Wahlkampf­stände“ an. Für 12 Euro (ermäßigt 7 Euro, Solipreis 19 Euro) erhält der betreute Protestier­er einen tod­schick­en Turn­beu­tel fol­gen­den Inhalts:

  • Warn­weste für Aktivist*innen mit der Auf­schrift „AfD? Rechte Het­ze fachgerecht entsorgen!“
  • Blauer Sack, mit dem sich Aktive neben die AfD-Wahlkampf­s­tand stellen, um den Passant*innen aufzu­fordern den ras­sis­tis­chen Müll (Fly­er der AfD) gle­ich fachgerecht zu entsorgen.
  • Absper­rband, um zu ver­hin­dern, dass Passant*innen am Tatort Ras­sis­mus zu Schaden kom­men. Stick­er und Aufk­lärungs­fly­er zum Verteilen an Vorbeigehende
  • Trillerpfeifen, um Lärm zu machen, wenn die AfD aus­fäl­lig wird
  • Beipackzettel, der die Aktion und ihre rechtlichen Rah­menbe­din­gun­gen beschreibt.

Man ist also „vom Fach“, was ja auch dur­chaus stimmt, denn in den eige­nen Rei­hen wim­melt es von Extrem­is­mus, Extrem­istis­chen Ideen und „pos­i­tiv­er Diskri­m­inierung“. Und weil man vom Fach ist, darf man sich auch anmaßen zu entschei­den, was „Schaden“ für Pas­san­ten bedeutet, wie diese Pas­san­ten fachgerecht aufzuk­lären sind und ermächtigt sich gle­ich selb­st, mit Lärm aus­fäl­lig zu wer­den, wenn die AfD „aus­fäl­lig“ wird.

Dieses „Auf­ste­hen“ ist somit nichts anderes als eine Mei­n­ungs­dik­tatur, deren Gedanken­ba­sis etwa so aussieht: „Meine Mei­n­ung ist richtiger als deine und weil ich dich als Ras­sist beze­ichne, gehst du aller dein­er bürg­er­lichen Rechte ver­lustig. Deine Mei­n­ungs­frei­heit ist wert­los, weil sie mir nichts wert ist. Dein Recht auf Wahlkampf ist nut­z­los, weil es mir nichts nützt. Ich bin im Recht, weil ich eine Trillerpfeife habe und lauter bin als du. Weil Pas­san­ten generell dummes Stim­mvieh sind, das leicht bee­in­fluss- und ver­führbar­bar ist und dessen Mei­n­ung und Hal­tung nach Belieben gedreht wer­den kann, wird meine Aktion dazu führen, dass die AfD weniger Stim­men bekommt – wozu soll man sich inhaltlich mit dem poli­tis­chen Geg­n­er befassen, wenn man ihn stattdessen physisch aus der Öffentlichkeit und der Gemein­schaft her­auss­chnei­den kann?“. Da die AfD bis­lang in 13 Land­tage einge­zo­gen ist, wäre es doch eigentlich an der Zeit, auf der Seite der „wahren Demokrat­en“ über ihr Konzept nachzu­denken, dem man im Kampf gegen die AfD fol­gt. Stattdessen heißt die Devise: „Mehr von dem Gleichen!“

Man sollte erwarten, dass an den Wahlkampf­stän­den von CDU, SPD, Linken und Grü­nen inhaltlich gegen die AfD gekämpft wird. Stattdessen wer­den Bünd­nisse mit „bre­it­er gesellschaftlich­er Basis“ nach vorn geschickt, die von sich behaupten, „für die Gesellschaft“ als Ganzes zu sprechen. Die Gesellschaft hat aber keine Stimme und kann auch nicht „mit ein­er Stimme“ sprechen. Das merk­te auch Max­im­i­lien de Robe­spierre, der „le peu­ple“, das Volk, zum Gott erhoben hat­te und in Erman­gelung klar­er Äußerun­gen dieses Gottes gle­ich selb­st in dessen Namen zu sprechen glaubte, indem er seine Vorstel­lung von „Volkes Wille“ als dem „reinen Willen“ durch­set­zte, über den das Volk ver­fü­gen würde, wenn es nicht durch aller­lei schädliche Ideen und falsche Mei­n­un­gen ver­führt wor­den wäre. Er und nur er allein glaubte, diesen anony­men Willen zu ken­nen, weshalb der Hin­weis auf diesen Sou­verän auch in kein­er sein­er Reden fehlte. Es war deshalb kein Wun­der, dass sich viele einzelne Exem­plare dieses „Volkes“, dessen Wille in Robe­spier­res Reden so aus­giebig geheiligt wurde, dur­chaus per­sön­lich ange­sprochen fühlen musste und diesen Willen, der ja der des ganzen Volkes sei, durch sehr konkrete Gewalt zum Aus­druck brachte. Dieser „Wille des Volkes“, den jed­er Dem­a­goge nach Gus­to inter­pretiert, den es als kle­in­sten Gemein­samen Nen­ner in Wirk­lichkeit aber nie gegeben hat, führte die Franzö­sis­che Rev­o­lu­tion ins Verder­ben, beschle­u­nigt durch die Anmaßung des rhetorisch begabten Robe­spierre, der glaubte, diesen Willen zu ken­nen und aus­führen zu müssen.

Es ist noch nicht zu spät, eine erneute Veren­gung der Ideen im Europa des Jahres 2017 hin zu ein­er „all­ge­meinen Dok­trin der kor­rek­ten Hal­tung“ zu ver­hin­dern. Die Tat­sache, dass unser poli­tis­ches Spitzen­per­son­al durch die Bank nicht die Statur eines Robe­spierre hat und beson­ders von der Muse der Rhetorik gän­zlich ungeküsst ist, lässt hof­fen. Denn die Auss­chüsse, Komi­tees und rev­o­lu­tionären Tri­bunale ste­hen längst schon wieder bere­it, den „göt­tlichen Willen des Volkes“ zu exeku­tieren, begleit­et von wohlwol­len­den und gle­ichgeschal­teten Medi­en, die nur zu bere­itwillig die passende Musik zum bestell­ten Autodafé liefern wür­den. Man wartet nur auf das Sig­nal, loszuschla­gen, um alle von der aus­gegebe­nen Parole abwe­ichen­den Mei­n­un­gen zu vernichten.

„Égal­ité“, das war anfangs der Kampf für gle­iche Rechte, dann der für gle­iche Chan­cen. Égal­ité“ wurde in der Hochzeit der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion jedoch zu ein­er fix­en Idee, die bis heute nicht aus vie­len Köpfen her­auszubekom­men ist: der Kampf könne und müsse in eine absolute, tat­säch­liche und totale Gle­ich­heit aller mün­den. Diese ließ sich während der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion nur auf der Guil­lo­tine ver­wirk­lichen, auf der sowohl Lud­wig XVI. als auch Robe­spierre um jew­eils einen Kopf kürz­er gemacht wur­den. Der heutige Kampf um die Gle­ich­heit und Gle­ich­schal­tung der Mei­n­un­gen ließe sich auch nur auf diese Weise gewin­nen. Es bleibt zu hof­fen, dass die Anwohn­er des „Platz der Repub­lik“ in Berlin nie die drei gle­ich­machen­den, met­allis­chen Schläge hören müssen, wie sie im Frankre­ich der Zeit des aus­ge­hen­den 18. Jahrhun­derts allerorts zu vernehmen waren. Es ist schon erstaunlich, dass viele selb­ster­nan­nte Kämpfer für Gerechtigkeit den Wider­spruch in ihren Hand­lun­gen nicht erken­nen, wenn sie ein­er­seits für ein möglichst buntes Mul­ti­kul­ti-Land kämpfen und gle­ichzeit­ig an der Durch­set­zung ein­er einzi­gen, all­ge­meinen und uni­versell gülti­gen poli­tis­chen Monokul­tur arbeiten.

Die heutige Parole sollte deshalb bess­er laut­en: Lib­erté, fra­ter­nité, diver­sité – und Mei­n­ungsvielfalt gehört dazu.

Teil 1: “X. Ther­mi­dor, Ende des Ter­rors im Namen der Tugend” 
find­en Sie hier.

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8 Kommentare

  1. Toller Artikel. Aufs heutige Frankre­ich bezo­gen würde ich von der Parole: Lib­erté, fra­ter­nité, Porte­mon­naie ausgehen.

  2. Noch ein­mal Dankeschön für diesen klu­gen Artikel. “Lasst uns die War­nun­gen erneuern,
    und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind!”, hat Brecht gesagt, der erst am Ende seines Lebens ver­stand, welche Gefahr von dem total­itären Sys­tem aus­ge­ht, das er als Antifaschist meinte unter­stützen zu müssen. Bier­mann war ein später Schüler — und seine kon­se­quente Hal­tung hat das Ende der DDR mit her­beige­führt, so wie Liu Xiaobo und Liao Yiwu ihren Beitrag zum Ende des Mao­is­mus leis­teten. Es gibt diese Hoffnung.

  3. Der Ter­ror der Jakobin­er wurde von der englis­chen Kro­ne finanziert , um die lästige Konkur­renz Frankre­ichs zu lähmen.
    Der Ter­ror hierzu­lande .… nu ? von wem wohl ?

    • Die Jakobin­er­clubs, auf die sich Robe­spierre stützte, sich­er nicht im großen Maße. Für die war alles unrev­o­lu­tionäre ein Gräuel. Von “Pit bezahlt” zu wer­den, also im Namen Eng­lands zu han­deln, brachte einen so zuver­läs­sig wie ein Adelspatent aufs Schafott. Diese Vor­würfe waren eher Bestandteil der per­ma­nen­ten Dro­hung, selb­st in die Mühlen der Rev­o­lu­tion ger­at­en zu kön­nen. “Sendling von Pit” war das, was heute der Vor­wurf ist, “Nazi” zu sein. Nicht, dass es solche Ein­flussnahme generell nicht gegeben hätte, die Regel war das aber nicht.

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