Glaubt man eini­gen Urtei­len in der Pres­se, ist nach fünf­und­sieb­zig Jah­ren Ruhe erneut jemand aus Öster­reich ins unschul­di­ge Deutsch­land unter­wegs, um hier sei­ner per­ver­sen Lei­den­schaft für Anti­se­mi­tis­mus zu frö­nen. Dies­mal statt in Uni­form mit schril­len Fum­meln und mit Nail-Exten­si­ons, den straf­fen Sei­ten­schei­tel ersetzt die blass-beto­nier­te Kurz­fri­sur. Die Rede ist natür­lich von Lisa Eck­hart, jener öster­rei­chi­schen Kaba­ret­tis­tin, die gera­de von den Reak­tio­nen auf einen ihrer Auf­trit­te aus 2018 ein­ge­holt wird. In den Mit­ter­nachts­spit­zen (WDR) eröff­ne­te Eck­hart 2018 ihren Vor­trag mit einem Sujet, wel­ches man aus heu­ti­ger Sicht als „miss­glückt“ bezeich­nen kann. 2018 jedoch war die Nach­rich­ten­la­ge gera­de eine ande­re als heu­te und dem Publi­kum die genann­ten Namen durch täg­li­che Mel­dun­gen gera­de sehr geläu­fig. Im Fahr­was­ser der Vor­wür­fe gegen den Hol­ly­wood-Pro­du­zen­ten Har­vey Wein­stein, dem einer der erfolg­reichs­ten Hash­tags der Geschich­te gewid­met wur­de, hagel­te es auch gegen Woo­dy Allen neue Miss­brauchs­vor­wür­fe und bei der Gele­gen­heit hol­te man die alten gegen Roman Polan­ski auch gleich wie­der her­vor. Ein unap­pe­tit­li­cher Vor­wurf lag in der sen­sa­ti­ons­gei­len Luft und eine Kaba­ret­tis­tin griff ihn auf. Eck­hart ging davon aus, dass ihr Publi­kum dies schon ver­ste­hen wür­de und setz­te genau dort ihr Skal­pell an.

Miss­ver­stan­den wur­de sie offen­sicht­lich erst mit zwei­jäh­ri­ger Ver­spä­tung. Oder hat­te man Eck­hart nach­träg­lich viel­leicht jetzt erst „rich­tig“ ver­stan­den? Zwar erin­ne­re ich mich, beim ers­ten Hören des Stü­ckes gedacht zu haben, dass man die­se Wor­te schon ver­schie­den aus­le­gen kann – und Dop­pel­deu­tig­keit wird im Land der kla­ren Kan­te nie zuguns­ten des Ange­klag­ten gezählt. Das Ziel Eck­harts war ver­mut­lich die Gewich­tung eines (ver­meint­lich) schüt­zen­den Min­der­hei­ten­sta­tus beim Bege­hen von Straf­ta­ten. Dass sich Eck­hart hier­für aus­ge­rech­net Polan­ski, Allen und Wein­stein her­aus­griff, ent­sprach 2018 zwar durch­aus der Nach­rich­ten­la­ge mit Schlag­sei­te, stellt aus heu­ti­ger Sicht aber den ers­ten Stein des Ansto­ßes dar. Doch spielt der zeit­li­che Kon­text eben eine wich­ti­ge Rol­le, die man mal eben gestri­chen hat.

Der zwei­te Vor­wurf spießt die Ver­wen­dung eines ande­ren ehr­ab­schnei­den­den Ste­reo­typs auf, denn Wit­ze über Juden und Geld…nun, da wo der Spaß für vie­le auf­hört, fängt er für Eck­hart über­haupt erst an. Zuge­ge­ben, das tut der Anti­se­mi­tis­mus auch. In Deutsch­land zumin­dest, wo Vor­wür­fe seit Jahr­hun­der­ten immer in die­se Rich­tung zie­len. Im öst­li­chen Euro­pa rich­te­te sich das Res­sen­ti­ment hin­ge­gen meist gegen die Armut der Juden. Allein dar­an erkennt man schon, dass es in Wirk­lich­keit nie gegen Reich­tum oder Armut ging, son­dern immer nur gegen die Juden. Aber im Kaba­rett? Ist es da erlaubt, Wit­ze über Ste­reo­ty­pe zu rei­ßen? Gele­gent­lich. Aber bit­te nur, wenn der Künst­ler sie gefahr­los auf sich selbst bezie­hen kann! Tus­si-Wit­ze also nur von Frau­en und nur Schwar­zen ist es erlaubt, Wit­ze über Haut­far­ben zu machen. Der Kas­per darf sich nur sel­ber schla­gen, denn das Kro­ko­dil steht unter Arten­schutz. Ein Hof­narr soll er sein, der Kaba­ret­tist, und mir fal­len rei­hen­wei­se Namen ein, die ihre Auf­ga­be genau dar­in sehen: sie amü­sie­ren den Hof auf eige­ne Kos­ten. Dem ent­zieht sich Eck­hart bereits durch ihre zur Schau gestell­te Abge­ho­ben­heit und Distanz: „Das ich heu­te Abend bei ihnen sein darf, das freut mich sehr für Sie!“

Ich kann die Sen­si­bi­li­tät ver­ste­hen, mit der auch eini­ge mei­ner jüdi­schen Freun­de auf besag­ten Auf­tritt reagier­ten. Der Anti­se­mi­tis­mus in all sei­nen Tar­nun­gen rankt an vie­len poli­ti­schen und reli­giö­sen Ecken wie Efeu. Die auf­kom­men­de Befürch­tung hat wahr­lich gute Grün­de. Woll­te man Eck­hart jedoch mit der­sel­ben Gar­ten­sche­re behan­deln, die gegen das wuchern­de Efeu hilft, schnit­te man zu tief. Ob sich jedoch jemand von den Aus­sa­gen Eck­harts ver­letzt fühlt, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Ich fra­ge mich nun, ob mit mir etwas nicht stimmt, weil ich die Grenz­über­schrei­tung Eck­harts zwar wahr­nahm, jedoch im Ver­lauf ihres Vor­trags die sati­ri­schen Brü­che und Spie­ge­lun­gen zu erken­nen glaub­te. Ande­re Beob­ach­ter wol­len dies offen­bar nicht gel­ten las­sen. Bil­de ich mir das also alles nur ein? Wo ich eine Geschmack­lo­sig­keit bemerk­te, die von den nach­fol­gen­den Sät­zen wie­der ein­ge­fan­gen wur­de und durch­aus Refle­xio­nen über Vor­ur­tei­le und Schein­hei­lig­keit ermög­lich­te, erkann­ten ande­re effekt­hei­schen­de Grenz­über­schrei­tung und blan­ken Anti­se­mi­tis­mus. Mit ande­ren Wor­ten: ich fand, dass Eck­hart in ihrem Vor­trag buch­stäb­lich „noch die Kur­ve“ bekam, wäh­rend ande­re sie an der­sel­ben Wand ras­sis­ti­schen Schwach­sinns zer­schel­len sahen, wie wei­land einen ande­ren berüch­tig­ten Öster­rei­cher. Und genau dar­über, über die­se unter­schied­li­che Wahr­neh­mung, kann man strei­ten. Aber auch nur über diese.

Was nach ankla­gen­den Arti­keln in RND und JA (hier und hier), die ich wie gesagt kaum nach­voll­zie­hen kann, beson­ders in den sozia­len Medi­en los­brach, emp­fand ich als ziem­lich unap­pe­tit­lich und wenig sinn­voll. Wüs­te Ver­wün­schun­gen und Inju­ri­en der Art „die ist ja gar kei­ne Frau“, „häss­lich ist sie auch“ und „schreck­lich unta­len­tiert“ gin­gen mir doch sehr von der Sache weg und in die ver­nunft­mä­ßig ver­bo­te­ne Rich­tung „ad homi­nem“. Auch schlägt der Vor­wurf, „so jemand braucht Publi­ci­ty und Publi­kum“ in sehr fla­ches Was­ser, denn schließ­lich trifft die­ser Vor­wurf tat­säch­lich und aus­nahms­los auf jeden zu, der sich für Geld auf eine Büh­ne stellt. Noch bemüh­ter erscheint mir des­halb der Ver­such, in Ana­lo­gie zu dem von Eck­hart bemüh­ten Geld-Nar­ra­tiv („Man dach­te, denen [den Juden] gin­ge es nur ums Geld. Doch es geht ihnen um die Wei­ber und dafür brau­chen sie das Geld.“) Eck­hart zu unter­stel­len, für Geld mache sie alles. Als Retour­kut­schen ver­let­zen sol­che Inju­ri­en nicht, beson­ders wenn sie expli­zit als Sati­re gekenn­zeich­net sind und Erklä­run­gen der Art „mal sehen, wie weit wir gehen kön­nen“ ent­hal­ten. Um die Ant­wort vor­weg zu neh­men: sehr weit offen­sicht­lich, da Eck­hart zu den Vor­wür­fen schweigt. Doch was bleibt von einem Vor­wurf übrig, wenn man dar­aus ledig­lich den Schluss zieht, mit glei­cher Mün­ze Wech­sel­geld geben zu müssen?

Dass jedoch aus­ge­rech­net der WDR sich nun ver­an­lasst sieht, sich ver­tei­di­gend vor Eck­hart zu stel­len, ent­behrt nicht einer gewis­sen Komik. Der Sen­der hat sich in Sachen Anti­se­mi­tis­mus in der Ver­gan­gen­heit nicht gera­de glaub­wür­dig gezeigt, etwa als er ver­such­te, die Aus­strah­lung eines Doku­men­tar­films über Anti­se­mi­tis­mus erst zu ver­hin­dern und dann mit einem haar­sträu­ben­den „Fak­ten­check“ samt Maisch­ber­ger-Son­der­sen­dung ver­se­hen hat­te. Damals war dem WDR die Kunst­frei­heit egal und dem Fil­me­ma­cher Joa­chim Schroe­der ließ man sei­ne sati­ri­sche Stil­mit­tel gera­de nicht durch­ge­hen. Die­sen Fall im Sinn wir­ken die aktu­el­len Demen­tis im Fall Eck­harts lei­der wie Schutz­be­haup­tun­gen. Der WDR hat sei­ne Glaub­wür­dig­keit in Sachen Anti­se­mi­tis­mus schon vor lan­ger Zeit ver­spielt. Aus­ge­rech­net von sol­chen „Anwäl­ten“ ver­tei­digt zu wer­den, scha­det Eck­hart sicher mehr, als es ihr nützt.

Verständnis und Missverständnis

Viel­leicht liegt ja in den Erwar­tun­gen auf allen Sei­ten der Schlüs­sel zu Ver­ständ­nis oder Miss­ver­ständ­nis. Auch in der Fra­ge, auf wel­ches Welt­bild und wel­che Vor­ur­tei­le Sati­re beim Publi­kum trifft. Ob einem Flach­hirn mit federn­dem rech­tem Arm oder lin­ken Welt­re­vo­lu­tio­nä­ren mit Che-Gue­va­ra-Atti­tü­de ein Vor­trag Eck­harts als Hand­lungs­an­wei­sung oder Bestä­ti­gung der eige­nen Vor­ur­tei­le die­nen könn­te? Ich weiß es nicht, ver­mu­te jedoch, dass sol­che Zeit­ge­nos­sen schon von der bour­geoi­sen Affek­tiert­heit Eck­harts auf der Büh­ne abge­sto­ßen wären oder ihr sprach­lich kaum zu fol­gen ver­möch­ten. Auch spricht die Tat­sa­che, dass in Eck­harts Tex­ten aus­nahms­los alle – ein­schließ­lich sie selbst, die Män­ner, die Frau­en, die Habs­bur­ger, die Öster­rei­cher und das Mons­ter aus Brau­nau – ihr Fett abbe­kom­men, gegen eine tat­säch­lich anti­se­mi­ti­sche Agenda.

Viel­leicht funk­tio­niert ihre kaum gebro­che­ne Sati­re ja nur bei jenen Zuschau­ern wie gewünscht, die nicht ange­füllt sind mit anti­se­mi­ti­schem Res­sen­ti­ment, das nur dar­auf lau­ert, her­vor­zu­bre­chen. Es ist lei­der eine trau­ri­ge Tat­sa­che, dass die­se Grund­an­nah­me längst nicht für alle Men­schen zutrifft. Eck­harts „Schuld“ bestün­de dann dar­in, die geis­ti­ge Rei­fe ihres Publi­kums über­schätzt zu haben und es anzu­sta­cheln, anstatt ihm die nöti­ge tole­ran­z­er­wei­tern­de Medi­zin zu ver­ab­rei­chen. Die erwar­te­te Reak­ti­on des Publi­kums, wel­ches natür­lich zu Fackeln und Mist­ga­beln hät­ten grei­fen müs­sen, blieb aller­dings aus.

Dass Eck­hart nicht die Absicht hat, sich zum zahn­lo­sen und wider­spruchs­ar­men Spaß­mach­er­lein degra­die­ren zu las­sen, zu dem sich fast alle ihrer Berufs­kol­le­gen im Lau­fe der Zeit ent­wi­ckel­ten, weil sie um Sen­de­plät­ze besorgt sind, hat sie in ihren Büh­nen­pro­gram­men stets deut­lich gemacht. Sie geriert sich lie­ber als wan­deln­de Lit­faß­säu­le – oder tref­fen­der: Mar­ter­pfahl – all jener Las­ter, Abgrün­de und Sün­den, für wel­che die katho­li­sche Kir­che einst das Fege­feu­er erfun­den hat. Lisa Eck­hart erteilt sich selbst unge­fragt das Pri­vi­leg, Din­ge so aus­zu­spre­chen und zu benen­nen, wie es bis­lang nur einer lite­ra­ri­sche Figur gestat­tet war: Goe­thes Mephisto.

Natür­lich kann ich nicht aus­schlie­ßen, dass Eck­hart all die ima­gi­nier­ten Über­le­gen­hei­ten, Belei­di­gun­gen und sprach­lich bril­lan­ten Unver­schämt­hei­ten gar nicht sati­risch ver­ar­bei­tet, son­dern nichts als den eige­nen kru­den Sub­jek­ti­vis­mus ver­brei­tet, um ihrem Publi­kum Hand­lungs­an­wei­sun­gen zu geben. Schließ­lich strot­zen ihre Meta­phern nur so vor Gewalt, Rache­ge­lüs­ten und öster­reich-unga­ri­schen K&K‑Phantasien. Tabu­brü­che pflas­tern ihren Weg und unter der Paro­le „weh­ret den Anfän­gen“ kann man in Deutsch­land treff­lich mar­schie­ren, sogar gegen Satire.

Viel­leicht muss Deutsch­land tat­säch­lich auch aus die­ser Rich­tung längst wie­der für „in Gefahr“ erklärt wer­den. Dies­mal, weil die zyni­sche und gewalt­af­fi­ne Büh­nen­fi­gur einer Mitt­zwan­zi­ge­rin mit Hang zu Dra­ma­tik und Grenz­über­schrei­tung als Mischung aus Karl Kraus und Jörg Hai­der in Deutsch­land nach der Macht greift. Den wich­tigs­ten Beweis für ihre ver­bre­che­ri­schen Absich­ten hat uns Lisa Eck­hart schließ­lich selbst immer wie­der in ihrem Büh­nen­pro­gramm gegeben.

„Sie jubeln mir zu, die­se Deut­schen! Einer an Kunst­schu­len abge­lehn­ten, gran­teln­den Öster­rei­che­rin. Sie ler­nen ein­fach nicht dazu!“

Wer weiß schon, ob das tat­säch­lich sati­risch gemeint war… Eck­harts Herr­schaft über die Welt wür­de jeden­falls gna­den­los sein, denn jeder wäre sofort ver­lo­ren, der Goe­thes Faust nicht aus­wen­dig und mit Beto­nung (!) auf­sa­gen könnte.

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15 Kommentare

  1. Ich hab den Vor­trag der Dame nicht gehört, aber ich bin mir ziem­lich sicher, dass sie die Argu­men­ta­ti­on des Herrn Hit­ler nicht wie­der­ge­ge­ben hat. Die übri­gens der Argu­men­ta­ti­on des Herrn Solz­he­nit­syn stark ähnel­te, und dar­auf hin­aus­lief, dass Juden den Kom­mu­nis­mus und des­sen Gräu­el zu ver­ant­wor­ten haben, die schon vor Beginn des zwei­ten Welt­kriegs geno­zi­dal waren. Was sich übri­gens stark von der Behaup­tung unter­schei­det, Ost­eu­ro­pä­er haben etwas gegen Juden gehabt, weil die­se arm waren.

    Hier wird das gan­ze mal von nem anti­se­mi­ti­schen Rab­bi zusam­men­ge­fasst: https://www.youtube.com/watch?v=rRkDK00oMxQ

    So geht Anti­se­mi­tis­mus. Wenns sowas in der Glot­ze oder sonst­wo im Main­stream gege­ben hät­te, hät­te mans gehört.

    Abge­se­hen davon den­ke ich, dass heut­zu­ta­ge Anti­se­mi­ten die­je­ni­gen sind, die am ehes­ten Opfer von ehren­rüh­ri­gen Falsch­be­haup­tun­gen wer­den. Weil sie Wahr­hei­ten vor­zu­brin­gen haben, nicht ins Nar­ra­tiv pas­sen. Juden hin­ge­gen wird im Ver­gleich in den Arsch gekro­chen, und jeder Mist abge­kauft, und wenns doch mal auf­fliegt, dann wars halt gelo­gen, ist aber den­noch wahr, sonst hängt’s Welt­bild schief. 

    Wenn Anti­se­mi­tis­mus so ein gro­ßes The­ma ist, das sich ledig­lich aus Unwahr­hei­ten nährt, dann kann man die Argu­men­te auch mal vor­brin­gen um sie zu wider­le­gen. Man könn­te den Herrn Hit­ler dann mal kor­rekt und neu­tral wie­der­ge­ben, oder auch den Herrn Ford, oder den Herrn Solz­he­nit­syn, um auf­zu­zei­gen, wel­cher rele­van­te Teil davon unwahr ist. Oder mein­ent­we­gen auch, was in der Cul­tu­re of Cri­tique steht. Das tut man aber alles nicht. Statt­des­sen errich­tet man Stroh­män­ner, damit man die­se gleich wie­der zer­pflü­cken kann. 

    Mit kri­ti­schem Den­ken hat die­se Her­an­ge­hens­wei­se nichts zu tun. Das ist Dressur.

  2. DER KORSETTIERTE HUMOR

    Wo Jan Böh­mer­mann als Sati­ri­ker gilt kann es mit dem Humor nicht weit her sein. Aber ver­mut­lich liegt es ja wie­der mal an mir und mei­nem Ver­hält­nis zur Klein­kunst. Auch Caro­lin Kebe­kus, Die­ter Nuhr, Oli­ver Wel­ke, Vol­ker Pis­pers, ja sogar Sarah Sil­ver­man brin­gen mich sel­ten, eigent­lich eher gar nicht, zum Lachen. Es ist alles so vor­her­seh­bar. Fast jede Poin­te schon mal gehört. Über Jür­gen von der Lip­pe habe ich mal gelacht, aber das ist Jahr­zehn­te her und da war ich noch jung, uner­fah­ren und leich­ter zufrie­den zu stellen.

    Kann also nur an mir lie­gen. Wie­wohl man die Tra­gik des Lebens mit Wit­zen ent­schär­fen kann, und das mache ich manch­mal selbst, ist nicht jede Plat­ti­tü­de komisch. Sati­re soll­te intel­li­gent sein. Wobei man beim Gril­len nicht immer in Hoch­form sein muß, aber der Sati­re, die auf der Büh­ne prä­sen­tiert wird, geht ja Vor­be­rei­tung und Kal­kül voraus.

    Bevor ich nun zu der Kaba­ret­tis­tin Lisa Eck­hart aus Leo­ben in der Stei­er­mark kom­me, (die ich bis­her gar nicht kann­te) und ihre Sati­re über Juden und Schwar­ze, schwei­fe ich noch ein­mal etwas ab und schöp­fe aus eige­nem Leben und Erfah­run­gen mit dem Witz.

    Mit dem jüdi­schen Witz.

    Einer der bes­ten Freun­de unse­rer Fami­lie, inzwi­schen gestor­ben wes­halb ich sei­nen Namen schrei­ben kann, war Reu­ven San­ders. Rudi, wie wir ihn nann­ten, war Jude, ein deut­scher Jude, beim Secret Ser­vice gewe­sen, bau­te spä­ter die El-Al mit auf und hat­te mit Hel­ga, sei­ner Frau, auch einer Jüdin, einen wun­der­vol­len Sohn der als Pilot im 6‑Ta­ge-Krieg abge­schos­sen wur­de. Eine Tra­gik die die Bei­den zeichnete.

    Aber nicht nur das, die Nazis hat­ten sei­ne gan­ze Fami­lie und die von Hel­ga ver­gast, wes­halb sie, obwohl sie deut­sche Juden waren und z.B. Weih­nach­ten mit dem Weih­nachts­bau fei­er­ten, Deutsch­land nach dem Krieg ver­las­sen hat­ten, obwohl sie sich als Deut­sche fühl­ten, aber nach dem 6‑Ta­ge-Krieg und dem Ver­lust des Soh­nes, zurück­ge­kom­men waren.

    Die Bei­den waren oft bei uns ein­ge­la­den, immer waren sie gut gestimmt und vol­ler Humor. Und manch­mal erzähl­te Rudi Wit­ze, jüdi­sche Wit­ze, so scharf, so hart, daß sich in mir alles zusam­men­zog. Auch konn­te er über Juden so rich­tig abläs­tern. am Anfang mach­te mir das gro­ße Probleme.
    Den­noch wag­te ich fast mein gan­zes Leben nicht die­se Wit­ze zu wie­der­ho­len und/​oder wei­ter­zu­er­zäh­len. Unter den heu­ti­gen deut­schen Humor­po­li­zis­ten hät­te es einen Auf­schrei gege­ben, sie hät­ten ihn, Rudi, der so unend­lich viel gelit­ten hat­te, in die rech­te Ecke gestellt, ihn ange­grif­fen, medi­al fer­tig gemacht. Aber so wenig wie Rudi als Jude Anti­se­mit sein konn­te, viel­leicht nut­ze er die Wit­ze ja auch als Ven­til­funk­ti­on um den Schre­cken bes­ser zu ver­ar­bei­ten, glau­be ich das Lisa Eck­hart Anti­se­mit ist. Nicht­ju­den wer­den eben Juden­wit­ze nicht verziehen. 

    Dar­an also muß ich den­ken wenn ich die Auf­re­gung um die­se Lisa Eck­hart sehe. Ihr piek­sen in die Vor­ur­tei­le der Men­schen neh­men ihr genau die übel, die die­se Vor­ur­tei­le haben. Wie oft höre ich, daß Juden Geld haben, reich sind, Macht aus­üben, die Geschi­cke der Mensch­heit lenken.

    Aber, mei­ne Güte, nicht alle Juden sind so reich und unsym­pa­thisch wie Geor­ge Soros. Den ich nicht mag. Aber nicht weil er Jude ist, mei­net­we­gen kann er vom Mond kom­men. Son­dern wegen sei­nes Auf­tre­tens, sei­ner Ansich­ten, sei­ner Domi­nanz. Und ja, Har­vey Wein­stein fin­de ich auch ekel­haft, jeden­falls äußer­lich und ver­ste­he nicht war­um Frau­en sich ihm hin­ga­ben. Und wenn sie sich ihm hin­ga­ben war­um sie dann hin­ter­her so ein Lamen­to ange­fan­gen haben.

    Und auch das: Ich ken­ne Juden die es gar nicht so dicke haben. Men­schen denen am Monats­en­de heiß und kalt wird, die jeden Pfen­nig umdre­hen müßen. Und denen die­se Emp­find­lich­keit der Moral­apos­tel wahr­schein­lich schon des­halb auf die Eier geht, weil die sich WIEDER anma­ßen für Juden zu spre­chen ohne dar­um gebe­ten wor­den zu sein.

    Als das kom­pri­miert Lisa Eck­hart in eini­gen Sät­zen und legt die Fin­ger in die Wun­de, aber anzüg­lich und doch nicht so, daß man in laut­hal­si­ges Lachen aus­bre­chen könn­te. Wie gesagt, Klein­kunst ist nicht so mei­ne Domä­ne, aber natür­lich darf sie das machen, die Klein­kunst Und auch über die 7 Liter Blut im Penis der Schwar­zen wit­zeln. Wer das ver­neint ist welt­fremd und soll­te ein­fach mal wahr­neh­men, daß es eine gan­ze Indus­trie gibt die die­se Vor­ur­tei­le auf die Spit­ze treibt, es tat­säch­lich Dar­stel­ler gibt die die­sem Kli­schee ent­spre­chen. Sie­he „Blacks on Blondes“.

    Die deut­sche Humor­po­li­zis­ten sind zu 100 Pro­zent Hypo­kri­ten. Anma­ßen­de Bevor­mun­der. Es sind Leu­te die Juden immer noch wie Kin­der­gar­ten­kin­der behan­deln, ihnen das Erwach­sen­wer­den oder Erwach­sen­sein ver­sa­gen. Nie­mand hat sie beauf­tragt für Juden zu spre­chen. Die­je­ni­gen die sich jetzt dar­über echauf­fie­ren sind so Edel­men­schen, genau die, die unse­re Main­stream­pres­se so uner­träg­lich, so unles­bar machen. Wahr­haft, glaub­wür­dig und authen­tisch sind sie nicht.

    Sie soll­ten ein­fach mal die Fres­se hal­ten. Und rich­tig hinhören.

  3. Lisa Eck­hart ist für ihre Genera­ti­on ein genia­les Aus­nah­me­ta­lent aber blei­ben Legen­den wie Die­ter Hil­de­brandt usw. auf ewig unerreichbar! ! !

  4. Wer Lisa Eck­hart ist, ich habe kei­ne Ahnung. Ich bin eine alte (89j.) und nicht ganz gesun­de Frau die immer nur zu Hau­se hockt und im Netz lebt. Aber mit die­sen Sät­zen „Sie jubeln mir zu, die­se Deut­schen! Einer an Kunst­schu­len abge­lehn­ten, gran­teln­den Öster­rei­che­rin. Sie ler­nen ein­fach nicht dazu!“ trifft sie ins Schwar­ze, vor allem mit dem zweiten.
    Das ist genau der Ein­druck, den ich auch lang­sam bekam, seit­dem ich nichts ande­res zu tun habe, als im Netz zu leben.
    lg
    caruso

  5. Mich fas­zi­niert sie. Ich glau­be, ich bin das pas­sen­de Publi­kum. Schon allein, weil sie die Rich­ti­gen her­aus­for­dert, die­je­ni­gen, die sich echauf­fie­ren, die den hin­ter­sin­ni­gen Wink genau so ver­ste­hen, dass sie ihre heuch­le­ri­sche Mas­ke lup­fen. Haha, Sati­re darf alles! Sati­re soll nicht gefal­len, sie soll weh tun, aber gera­de so viel, dass man noch lachen kann. Nach­denk­lich soll sie machen. Ich glau­be, die Zeit ist für Lisa Eck­hard noch nicht gekom­men. Es gibt noch zu weni­ge, die bereit sind zu den­ken. Ich wer­de ihre Auf­trit­te wei­ter mit Genug­tu­ung verfolgen.

  6. Ist Lisa wirk­lich eine Frau oder doch ein Mann oder etwas dazwischen?
    Ich fin­de sie beim links­grü­nen Nuhr letz­te Zeit gar nicht so schlecht.
    Genau wie Nuhr soll­te sich jede/​r zweit­klas­si­ge Clown/​in etwas gemäßigt
    in der Poli­tik zu bewegen.
    Ewi­ge Dis­kre­tie­run­gen ins­bes. von Nuhr gegen die AfD wir­ken in dem
    huma­nen Kör­per wie ein Brechmittel.
    An einen der bes­ten Kaba­ret­tis­ten wie es Hil­de­brand war, kom­men sie alle nicht heran.

  7. Scha­de, das Sie nicht das gesam­te Zitat auf­füh­ren — aber ich hal­te Ihnen sehr zu Gute, das Sie es in den damals all­ge­gen­wär­ti­gen und heu­te nicht mehr ohne wei­te­res prä­sen­ten Zusam­men­hang stellen.
    Mir per­sön­lich ist die Eck­hard nicht wirk­lich sym­pa­thisch. aber ich aner­ken­ne es immer, wenn jemand intel­lek­tu­ell anspruchs­vol­le Sati­re dar­bie­tet. Nur zum Bei­spiel, das Zitat in Ihrem vor­letz­ten Absatz … ein­fach gut!

    • Ich woll­te ver­mei­den, eine Art „Werk­schau“ zu zei­gen und zu Eck­harts „Ent­las­tung“ anzu­fü­gen. You­Tube ist schließ­lich voll von ihren Sachen, da kann sich jeder selbst ein Bild machen. Stun­den­lang, wenn nötig. Man muss sie auch nicht mögen, auch mir gefal­len nicht alle Tex­te von ihr. Aber das tut ja nichts zur Sache.

  8. Ohne, außer dei­ner Schil­de­run­gen, etwas über den Shit­s­torm zu wis­sen (ihr betref­fen­des Pro­gramm ken­ne ich aller­dings), und ohne gar nicht erst abstrei­ten zu wol­len, dass ich sie mag, stellt sich der Vor­gang für mich recht über­sicht­lich dar:
    1. (zu ihr) Was tut man einer­seits, wenn man mit dem Den­ken und rede­ge­wand­ten Zur­schau­stel­len, wie eben Lisa Eck­hart, kei­ne Pro­ble­me hat, also dies­be­züg­lich hoch­ta­len­tiert ist, sich aber einem Publi­kum gegen­über sieht, des­sen grö­ße­rer Teil noch nicht ein­mal den Auf­merk­sam­keits­bo­gen über einen 10 min-WDR-Auf­tritt gespannt bekommt, geschwei­gen denn den intel­lek­tu­el­len Zugang zu ihrer Dop­pel­bö­dig­keit meis­tert, und ande­rer­seits, wenn man, und zwar ohne sei­ne Selbst­ach­tung gänz­lich in die Ton­ne zu tre­ten (indem man das Niveau des Zuschau­ers annimmt), den­noch bei dem Gedan­ke schwach wird, viel­leicht doch etwas Gage vom ÖRR abzu­fas­sen: Man par­odiert das Publi­kum gegen­über (Glot­ze, Stu­dio­büh­ne). Und nichts ande­res tut sie da. Es ist eine Par­odie auf die, die wäh­rend die­ses Vor­trags selbst­ge­fäl­lig über Poin­ten lachen, deren dop­pel­ten oder drit­ten Boden sie über­haupt nicht ver­stan­den haben. Ich den­ke, auf­rech­ter kann man beim WDR sein Geld nicht verdienen…
    2. (zu den Shit­s­tor­mern) Hier läuft im Prin­zip das Mus­ter ab, was in einer immer nar­ziss­ti­scher wer­den­den Gesell­schaft immer häu­fi­ger zu Tage tritt: unge­lieb­ter, also gehass­ter eige­ner Per­sön­lich­keits­an­tei­le ent­le­digt man sich, indem man sie ande­ren zuschreibt (psy­cho­lo­gisch: Pro­jek­ti­on). Das ver­schont einen vor der Refle­xi­on (Auf­ar­bei­tung) die­ser eige­nen Antei­le und sichert einen Platz bei „den Guten“. 

    Obwohl ich es sehr trau­rig fin­de, dass es Lisa Eck­hart jetzt trifft, ver­wun­dert es mich aber über­haupt nicht, dass sie zur Ziel­schei­be wird; da „passt“ eigent­lich alles. Dass eine „Tita­nic“ das gedurft hät­te (und hat), wo man L.E. angreift, offen­bart ihr Kali­ber. Ich hof­fe sehr, dass sie das stolz durchschifft…

    • Ich kann Ihnen nur unein­ge­schränkt zustim­men. Wenn L.E. beim drit­ten Satz ist, haben vie­le im Publi­kum den ers­ten Satz schon wie­der ver­ges­sen. Man hat Geld fürs Ticket bezahlt, sitzt bequem und will mit ein paar Kra­chern unter­hal­ten wer­den. Da ist Böh­mer­mann klar im Vor­teil — obwohl, eine Par­odie ist der Böh­mer­mann auf eine gewis­se Art schon auch.

  9. Was ist eigent­lich der Unter­schied zwi­schen Böh­mer­manns Zie­gen­fi­ckers­sa­ti­re und Lisa Eck­harts Kaba­rett­kunst? Böh­mer­mann kön­nen die Couch­po­ta­toes fol­gen und die „Medi­en­schaf­fen­den“ kön­nen sich sicher sein, der rich­ti­gen Sei­te zu „bei­fal­len“.

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