Bei mod­er­nen indus­triellen Lebens­mit­teln wird heute gern ein „Mehrw­ert“ verkauft, indem man gesund­heitlichen Nutzen oder die Auss­chüt­tung von Glück­shormo­nen ver­spricht. „func­tion­al food“ nen­nt man das dann und es verkauft sich wie geschnit­ten Brot. Die Leute wollen ja nicht nur Geld aus­geben und satt wer­den, sie wollen ein gutes Gefühl oben­drauf. Für sich selb­st, den Nach­wuchs und natür­lich auch für die Umwelt, das Kli­ma und den ganzen Rest. Aber ich will hier eigentlich nicht vom Essen reden, son­dern über einen ver­gle­ich­baren Trend in der Entwick­lung­shil­fe. Also über Entwick­lung­shil­fe mit Mehrw­ert, „func­tion­al aid“ gewissermaßen.

Schauen wir also dor­thin, wo Entwick­lung­shil­fe am lieb­sten hin­schaut: nach Afri­ka. Der Ruf der west­lichen Entwick­lung­shil­fe dort hat in den let­zten Jahren ganz schön gelit­ten, beson­ders an der eige­nen Erfol­glosigkeit, wenn man die einge­set­zten Mit­tel zu dem in Rela­tion set­zt, was erre­icht wurde. Der Recht­fer­ti­gungs­druck ist zwar noch nicht allzu hoch – zum Beispiel hat noch nie­mand Entwick­lung­shil­fem­i­nis­ter Müller gefragt, wie es sein kann, dass all die Mil­liar­den Euro, Dol­lar, Franken, Pfund und Yen nicht ver­hin­dert haben, dass sich Mil­lio­nen Afrikan­er auf den Weg nach Europa machen. Der kleine, ambi­tion­ierte Spender jeden­falls will heute kaum noch anony­men Großpro­jek­te unter­stützen, bei deren Real­isierung vor allem lupen­reine Despoten geschmiert wer­den, europäis­che Entwick­lung­sprak­tikan­ten ein Aus- und Einkom­men find­en und am Ende alles wieder den Bach runter geht. Man möchte lieber direkt helfen und auch möglichst ganz konkret. Was soll schon schief gehen, wenn man doch nur Gutes tun will? Was wir dazu brauchen sind natür­lich Pro­jek­te, die ein­fach und nachvol­lziehbar sind und dazu noch über einen gewis­sen „Ahw-Fak­tor“ verfügen.

Die „Young-Car­i­tas“, Sek­tion Ruhrge­bi­et hat zum Beispiel genau so etwas im Port­fo­lio! Ziegen für Äthiopi­en! Denn die Dür­ren in Äthiopi­en, die schein­bar nur von Über­schwem­mungen unter­brochen wer­den, zwin­gen viele Fam­i­lien, ihre einzige Ziege zu verkaufen – und zwar laut Car­i­tas an „reiche Bauern“. Die Dürre scheint also nicht alle gle­icher­maßen zu betr­e­f­fen, aber das ist nicht das Prob­lem der Car­i­tas. Die Car­i­tas will wieder Ziegen zu den Leuten brin­gen, denn so eine Ziege, ler­nen wir, ernährt eine ganze Fam­i­lie! Also die Milch, nicht dass wir uns da falsch ver­ste­hen! Und falls Sie jet­zt denken, ich würde hier über die Ziegen­hal­tung in Äthiopi­en referieren, liegen Sie auch falsch. Wir haben hier jedoch ein sehr kleines und lokales Entwick­lung­spro­jekt, an dem man exem­plar­isch die Wirkung dieser Art von “Entwick­lung­shil­fe” beobacht­en kann, wie sie in Afri­ka lei­der noch über­all üblich ist.

Die young­car­i­tas ver­an­schlagt auf ihrer Web­seite pro Ziege einen Anschaf­fung­spreis von 50 Euro und ani­miert die Seit­enbe­such­er zum Ziegen­spenden. Ziegen­spenden macht Spaß, kann ich Ihnen ver­sich­ern! Die 50 oder 100 Euro wer­den sie zwar auf­brin­gen müssen, aber das gute Gefühl, unmit­tel­bar geholfen zu haben, wer­den Sie auch dann noch ver­spüren, wenn sie ihre Kon­toauszüge am Monat­sende sehen oder wenn sie die Rubrik „Spenden“ in Ihrer Steuer­erk­lärung aus­füllen. Und dann die Ziegen! Sie sehen sie sich­er bildlich vor sich, wie sie fröh­lich meck­ernd ein­er bedürfti­gen Fam­i­lie aus­ge­händigt wird. Danke für die Ziege, guter weißer Mann, ihre Milch wird uns am Leben halten.

Meine Anfrage bei young­car­i­tas ergab, was ich schon ver­mutete: Die Ziegen wer­den vor Ort gekauft. Wobei mir in der Antwort auf meine Frage bere­its ein ganz ander­er „Ziegen­preis“ genan­nt wurde: 65 Euro. Wer also heute glaubt, für 50 Euro eine Ziege zu kaufen, bekommt schon keine ganze mehr. Nun kön­nen wir nicht wis­sen, wie real­is­tisch die runde Summe von 50 Euro pro Ziege je war oder ob sie ein­fach dem Mar­ket­ing geschuldet ist. Es ist näm­lich psy­chol­o­gisch wichtig die Illu­sion zu erzeu­gen, es wür­den ganze Ziegen in Afri­ka herum­laufen, für die man bezahlt hat. Ein „Ziegenan­teilss­chein“ hat nicht halb so viel Sexappeal.

Der geschlossene Ziegenkreislauf

Was wir aber mit großer Sicher­heit vorher­sagen kön­nen ist, wie die Sache vor Ort ablaufen wird. Denn die Frage ist doch, wo young­car­i­tas die Ziegen vor Ort kaufen kön­nte. Aber klar! Da ist ja noch der reiche Bauer, dem die Ärm­sten in ihrer Not ihre Ziegen verkauft haben – der hat ja nun welche, die er der Car­i­tas verkaufen kann! Und so wird sich ein absur­der klein­er Wirtschaft­skreis­lauf in Gang set­zten, den die glück­lichen Ziegen­spender der Car­i­tas in Deutsch­land durch ihre Gelder am Laufen hal­ten: Der arme Bauer verkauft dem reichen Bauern seine Ziege, der sie gegen kräfti­gen Auf­schlag an die Car­i­tas verkauft, welche die Ziege zurück an den armen Bauern geben kann. Weil dadurch die Ziegen­preise steigen, verkaufen weit­ere Bauern ihre Ziegen, so dass es sowohl nie an hil­fs­bedürfti­gen Bauern als auch an Ziegen fehlen wird, die ihnen zuge­führt wer­den müssen. Solange es nur genü­gend dumme europäis­che Ziegen­böcke gibt, die dieses Sys­tem am laufen hal­ten wer­den. Geld für Ziege, Ziege für Geld und alles zusam­men für ein gutes Gewis­sen. Eine Wihihihin-Wihihihin-Wihihihin-Situation!

Direk­te Entwick­lung­shil­fe – kannst du dir nicht aus­denken sowas!

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3 Kommentare

  1. Super Artikel. Ist zwar nicht zum Lachen, aber ich habe ihn schal­lend lachend mein­er Frau und langjähri­gen Ziegen­spenderin bei “Bet­ter­place” vorge­le­sen. Danke.

  2. So weit so plau­si­bel. Wass Sie allerd­ings unter­schla­gen haben sind die Over­heads. Denn auch die Car­i­tas bietet diesen Ser­vice natür­lich nicht umson­st an.

    • Ach Hein­er, wen­n’s nur das wäre! Umson­st geht ja nie. Aber die Idee hin­ter dieser und viel­er ähn­lich­er Aktio­nen ist so strun­z­dumm, dass sie mehr Schaden als Nutzen erzeugt. Mal ganz abge­se­hen davon, was die Ziegen auf­grund ihrer massen­haften Ver­bre­itung zur Ver­wüs­tung Afrikas beitragen.

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