maos-kulturrevolution
Foto: Basel­er Zeitung

In mein­er Schulzeit war die Welt noch ein­fach. Es gab die Guten, die baut­en friedlich an unser­er sozial­is­tis­chen Heimat, und es gab die bösen, die rüsteten in Bonn auf. Die bösen Impe­ri­al­is­ten ver­sucht­en alles was sie nur kon­nten, um uns friedliche DDR-Bürg­er am Auf­bau zu hin­dern. Selb­st ihren Wohl­stand schufen sie nur zu dem einen Zweck: uns zu ver­führen und vom Schaf­fen abzuhal­ten. Die Kon­ter­rev­o­lu­tion lauerte über­all, wir mussten also wach­sam sein!

Da den Deutschen offen­sichtlich die Spannkraft ver­loren geht, wenn sie kein großes Ziel vor Augen haben – man kann die Jugend ja nicht ein­fach zu Mei­n­ungs­frei­heit, Tol­er­anz und Demokratie erziehen – mussten nach dem Unter­gang der DDR neue Ziele her. Der Nation­al­sozial­is­mus kam in der Rück­be­tra­ch­tung gar nicht gut an, der Sozial­is­mus war ger­ade in ein­er Wolke aus Bespitzelung, Mis­s­wirtschaft und West-Kaf­feep­ul­ver implodiert und war so gar nicht mehr sexy. Wir brauchen also Ziele! Die Jugend kön­nte auf dumme Ideen kom­men, wom­öglich fan­gen die Kids sog­ar an, sich für Mathe und Physik zu inter­essieren, das musste ver­hin­dert werden.

Vielle­icht sind noch zu viele Alt-68er im Lehrkör­p­er, die sich noch leb­haft und mit verk­lärtem Blick an die Zeit­en des „Große Vor­sitzen­den“ erin­nern, und wie Mao mit sein­er Kul­tur­rev­o­lu­tion gegen die „Vier Alten“ kämpfen wollen? Die alten Ideen, Sit­ten, Gewohn­heit­en und die alte Kul­tur? Die Schüler an unseren Schulen kämpfen natür­lich an anderen Fron­ten, gegen andere „Alte“ – aber sie kämpfen wieder. Da wäre zum Beispiel der Kli­mawan­del, ein ganz har­ter und unbelehrbar­er Brock­en! Während die Gen­er­a­tion meines Vaters noch jeden Tag eine Kohle zur Schule mit­brin­gen musste, damit den Schülern die Krei­de nicht an der Tafel fes­t­fror, bilden die Kinder heute unter sachkundi­ger Anleitung Kli­ma-Komi­tees und überwachen das kor­rek­te Lüften in den Klassen­räu­men. Die kore­anis­chen Kinder mögen gut in Mathe sein, unsere schla­gen sie beim Lüften um Län­gen! Schade nur, dass deshalb die Smart­phones von mor­gen in Korea gebaut wer­den, während wir später jede Menge kom­pe­tente Haus­meis­ter haben wer­den. Nichts gegen Haus­meis­ter! Gott bewahre! Wenn die Bevölkerungsen­twick­lung so weit­erge­ht wie im let­zten Jahr, kön­nen wir nicht genug davon haben! Das wis­sen auch die Schüler in Dormagen.

Die Schüler des Leib­niz-Gym­na­si­ums in Dor­ma­gen kämpfen näm­lich auch gegen einen alten Feind, den Ras­sis­mus. Ihre Schule ist als „Schule ohne Ras­sis­mus“ aus­geze­ich­net und somit dem neuen Denken verpflichtet. Und wenn dann ein örtlich­er Bäck­er, der die Cafe­te­ria der Schule täglich mit 300 Brötchen beliefert, auf Face­book schreibt: „Wenn die Afrikan­er uns über­ren­nen, ist das anscheinend gut. Gut für die Aus­rot­tung der eige­nen Rasse. Der Suizid ist von mir nicht gewollt“, muss ein Exem­pel sta­tu­iert wer­den, indem man die Bäck­erei boykot­tiert. Beschlossen vom Schüler­rat und dem Fördervere­in. Und Dor­ma­gens Bürg­er­meis­ter Lieren­feld stößt in das­selbe Horn: „Herr M. hat in seinen Kom­mentaren Gren­zen über­schrit­ten. Er hat ver­all­ge­mein­ert und Flüchtlinge krim­i­nal­isiert. So spricht man nicht über Men­schen. Nun hat er es in der Hand, das wieder ger­adezu­biegen.“  SPON berichtet begeistert.

Ich schlage vor, auf dem schön­sten Platz in Dor­ma­gen einen Pranger aufzustellen und dem Bäck­er dort Gele­gen­heit zu geben, seine Fehler selb­stkri­tisch und unter Trä­nen zu geste­hen! Er sollte dabei hun­dert­mal laut aus­rufen „Ich werde nie wieder Blödsinn oder gar meine Mei­n­ung sagen, wenn sie poli­tisch nicht kor­rekt ist“ und „Ich soll keine Gren­zen übertreten“. (Hier kommt der Bäck­er auch mal zu Wort)

Welche Gren­ze wurde eigentlich über­schrit­ten? Die zwis­chen Griechen­land und Maze­donien kann es nicht sein, die ist zu. Eine geschmack­liche vielle­icht? Sich­er, denn wer von „Aus­rot­tung der eige­nen Rasse“ spricht, bedi­ent sich an Begrif­f­en, die gelinde gesagt einen bluti­gen Beigeschmack haben. Ein pro­moviert­er Vet­er­inär sollte das bess­er kön­nen. Aber worin lag die Krim­i­nal­isierung? Ren­nende Afrikan­er? Gut, Kenia zum Beispiel ist in Sachen Langstreck­en­lauf ein Spitzen­land und es gibt den Ver­dacht, dass Dop­ing dabei eine nicht unwichtige Rolle spielt. Hat der Bürg­er­meis­ter das gemeint? Und warum soll man darüber nicht reden? Fra­gen über Fragen.

Mei­n­ungs­frei­heit ist doch was Feines, solange sie poli­tisch kor­rekt ist und ihre Gren­zen ken­nt. Das wusste schon der große Vor­sitzende: „Bestrafe einen, erziehe Hundert“.

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