Der neueste Doku­men­tarfilm von Michael Moore, der seit 22. April bei YouTube zu sehen war, wurde vor eini­gen Tagen von der Plat­tform gewor­fen. Wegen Urhe­ber­rechtsver­let­zung wie es heißt, doch dazu kom­men wir noch. „Plan­et of the Humans“ (ich berichtete darüber) ist eine scho­nungslose Abrech­nung mit den „erneuer­baren Energien“, ihren Apolo­geten und Prof­i­teuren und weil sie von Michael Moore pro­duziert wurde, beste­ht sie natür­lich von vorn bis hin­ten aus Polemik und trägt ordentlich dick auf. Über­raschend ist das nicht, denn auch Moores bish­erige Doku­men­tarfilme steck­en voller Verkürzun­gen, Unter­stel­lun­gen und sind was den Blick­winkel der Betra­ch­tung ange­ht, sehr „eng geführt“. Doch ist sowas natür­lich kein Prob­lem, wenn es gegen Auto-Bosse, Repub­likan­er, Waf­fen­nar­ren, Frack­ing-Fir­men oder George W. Bush geht. Bei Sonne, Wind und Bio­masse hört die Meck­erei gefäl­ligst auf! Mit densel­ben Werkzeu­gen auf diese Branche einzu­dreschen, find­en Moores Fans und die poli­tis­chen Kreise, die ihn son­st über den grü­nen Klee loben, grund­falsch! Und weil ihn die Ent­täuschung Gle­ichgeschal­tetergesin­nter auch noch nicht zur Ver­nun­ft bringt, fährt man schw­eres Geschütz auf.

George Mon­biot jam­merte noch Anfang Mai im Guardian „How did Michael Moore become a hero to cli­mate deniers and the far right?“ und schrieb Moore damit gle­ich in die dop­pelte Schämdich-Ecke für Nazis und „Kli­maleugn­er“. „Vet­er­an cli­mate cam­paign­er“ Mon­biot (George Mon­biot über George Mon­biot) ver­sucht in seinem Artikel den Film zu ver­reißen und die „Erneuer­baren“ zu ret­ten – und kann bei­des doch nur mit gebrem­stem Schaum.

Dem Regis­seur Jeff Gibbs wirft er vor, er hätte nicht tief genug recher­chiert, son­st wäre er sehr wohl auf Leute gestoßen, die der Bio­masse-Indus­trie sehr kri­tisch gegenüber­ste­hen. Doch ist das die Auf­gabe eines Films, der ein­fach dem Geld fol­gt? Wäre das nicht Auf­gabe des „Vet­er­an cli­mate cam­paign­ers“ Mon­biot? Ist es nicht so, dass diese Indus­trie gut geschmiert läuft, beste Presse hat und die Apolo­geten der Dekar­bon­isierung sich viel lieber an Öl und Kohle delek­tieren, statt ihren Ver­bün­de­ten in die nicht ganz so klare Suppe zu spuck­en? Auch Mon­biots Vertei­di­gung von Sonne und Wind ist schwach, wenn er etwa davon spricht, dass „…a solar pan­el gen­er­ates 26 units of solar ener­gy for every unit of fos­sil ener­gy required to build and install it. For wind tur­bines the ratio is 44 to one.“ Was er mit „units“ genau meint und warum er dafür aus­gerech­net eine Arbeit aus „Nature.com“ ver­linkt, die maßge­blich vom PIK stammt und in welch­er diese bei­den Zahlen oder auch nur Mon­biots Schlussfol­gerun­gen über­haupt nicht vorkom­men, bleibt sein Geheimnis.

Die Kri­tik am Film lautet zusam­menge­fasst etwa so: Es gibt heute bessere Solarpan­els als die im Film, das gedrehte Mate­r­i­al geht teil­weise bis 2012 zurück und das aller­schlimm­ste: das gezeigte Ter­mi­nal für LNG-Schiffe ste­he gar nicht nicht in Deutsch­land, son­dern in der Türkei und überhaupt…wer solche Filme macht, wird von der Öl- und Kohlelob­by bezahlt! Bätschi!

Das „wer-bezahlt-dich“ ist übri­gens kein Argu­ment, denn son­st würde man ja genaueres dazu aus­führen – und wie gerne man das täte! Es ist und bleibt ein unbe­wiesen­er Vor­wurf, mehr nicht. Wer bezahlt eigentlich die begeis­terten Filme, die für Son­nen- und Winden­ergie oder Pel­let-Heizun­gen wer­ben? Ich frag ja nur…

Im Jahr 2012, dem Jahr, aus dem die „älteren Teile“ des Films stam­men, war die Energiewende in Deutsch­land übri­gens schon zwölf Jahre alt und deren Vertreter wur­den schon damals nicht müde, die tech­nol­o­gis­chen Meis­ter­leis­tun­gen zu preisen, die die Leute sich auf die Däch­er schrauben soll­ten oder die sich in Sichtweite zur Energiegewin­nung dreht­en. Schön zu erfahren, dass für die Moore-Kri­tik­er der ganze Krem­pel von heute aus betra­chtet schon inef­fek­tiv­er Schrott ist, den wir hierzu­lande noch zwölf weit­ere Jahre kräftig mit EEG-Geldern fördern. So kann ein Argu­ment gegen den Film flugs zum Schuss ins eigene Knie werden.

Doch alle Vor­würfe ändern lei­der so gar nichts an den Haup­taus­sagen des Films: Son­nen- und Winden­ergie sind nicht CO2-neu­tral und der Flächen­ver­brauch aller „Erneuer­baren“ ist viel zu hoch, als dass sich eine Indus­trien­ation damit ver­sor­gen ließe. Wenn das bere­its in den riesi­gen USA erkennbar ist, was gilt dann wohl für das kleine Europa? Die Abwehr gegen den Film ist ins­ge­samt schwach, kratzt vor allem an der Poli­tur und ver­sucht, die Mach­er des Films zu diskred­i­tieren und in die „rechte Ecke“ zu stellen. Der Schaum, den man über der Doku­men­ta­tion auszubre­it­en ver­sucht, ist nicht über­raschend: Der Film sei eine einzige Lüge, Moore/Gibbs hät­ten schlampig gear­beit­et und ihre Aus­sagen stimmten sowieso alle nicht. Doch mit den Gegen­be­weisen ist man nicht ganz so schnell bei der Hand und beg­nügt sich mit pauschal­isiert­er Ablehnung. Die Leute lesen ja doch nur die Head­lines und wer macht sich schon die Mühe, dem Link zu ein­er Studie zu fol­gen und sie zu lesen? Wer erin­nert sich schon an die Ver­sprechen der Poli­tik­er und der Lob­by der „Erneuer­baren“ aus dem Jahr 2012, als uns die Tech­nolo­gie als zukun­ftssich­er verkauft wurde? Doch wenn man Moore und Gibbs sach­lich nicht zu fassen bekommt, ver­sucht man es eben mit juris­tis­chen Mitteln.

Vier Sekunden Mongolei

Toby Smith ist sauer auf Michael Moore! Der hat­te im Film „Plan­et of the Humans“ einige Sekun­den von Smiths Mate­r­i­al ver­wen­det. Es ging um einen Tage­bau für sel­tene Erden in der inneren Mon­golei in Chi­na. Eine kurze Sequenz von vier Sekun­den. Smith, der seine Arbeit nicht mit etwas in Verbindung sehen möchte, wom­it er inhaltlich nicht ein­ver­standen sei, meint dazu: „Ich bin direkt zu YouTube gegan­gen, anstatt mich an die Filmemach­er zu wen­den, weil ich nicht an Ver­hand­lun­gen inter­essiert war. Ich unter­stütze den Doku­men­tarfilm nicht, stimme sein­er Botschaft nicht zu und mag die irreführende Ver­wen­dung von Fak­ten in sein­er Erzäh­lung nicht.“ Von welchen irreführen­den Fak­ten er hier redet, ist nicht ganz klar, sein Film­ma­te­r­i­al ste­ht in Moores Film im sel­ben kri­tis­chen Zusam­men­hang. Die Quelle, Smith’s Film „Rare Earth­en­ware“, stellt sog­ar die argu­men­ta­tive Ver­längerung der Aus­sagen Moores dar, denn die sel­te­nen Erden Chi­nas und dessen Pro­duk­tions- und Logis­tikka­paz­itäten sind der Anfang aller „Green-Energy“-Träume in der Welt.

Nur um das klarzustellen: sollte Moore hier wirk­lich gegen das Copy­right ver­stoßen haben – was ganz schön däm­lich wäre – muss er die Kon­se­quen­zen tra­gen. Die Aus­sage von Smith klingt aber eher so, als sei er gar nicht an der Urhe­ber­schaft inter­essiert, son­dern habe eine poli­tis­che Agen­da. Und die ver­langt, Moores Film zu ver­nicht­en. Doch das Inter­net ver­gisst nichts, wie man so sagt. Und selb­st wenn Moore den Film nicht neu schnei­det, die vier strit­ti­gen Sekun­den schwärzt und YouTube ihn nicht wieder frei gibt, haben wir doch immer noch das Gedächt­nis des Inter­net bei archive.org*, wo das Video nicht weniger als 26 mal gesichert wurde. Der Film, der bish­er über acht Mil­lio­nen mal ange­se­hen wurde, ist jeden­falls in der Welt und ihn zu löschen, zu ver­bi­eten oder zu zen­sieren, erhöht nur die Aufmerk­samkeit, die ihm zuteil wird. Zudem wird der Streisand-Effekt Moore in die Hände spie­len. Auch ich hätte ja kaum Anlass, erneut über den Film zu schreiben, wenn er nicht gelöscht wor­den wäre.

Fazit

Ja, der Film hat Schwächen und Fehler, die zwar die Aus­sage nicht ändern, aber ärg­er­liche Angriff­spunk­te bieten. Ob Moore und Gibbs mit „Plan­et of the Humans“ richtig oder falsch liegen, wird die nähere Zukun­ft zeigen, wenn die „Erneuer­baren“ Kohle, Gas, Öl und Kernen­ergie abgelöst und obso­let gemacht haben – oder eben nicht, wie ich annehme. Das Gezeter der Kri­tik­er über Moores Film kann man in dem Fall für das nehmen, was Sartre, Have­mann und Brecht über Artur Köstlers Roman „Son­nen­fin­ster­n­is“ sagten, den die drei Klassenkämpfer für „klassen­feindliche Pro­pa­gan­da“ hiel­ten. Allen dreien dürften ihre Aus­sagen zu Köstler im Halse steck­en geblieben sein, als die Ver­brechen der Stal­in-Ära offenkundig wur­den. Die kom­mu­nis­tis­che Partei Frankre­ichs ver­suchte damals sog­ar (verge­blich), alle 400.000 franzö­sis­chen Exem­plare des Buch­es zu kaufen, um sie zu ver­nicht­en. Wie gut, dass so etwas im Inter­net-Zeital­ter gän­zlich zum Scheit­ern verurteilt ist. Egal ob es sich um Büch­er oder ein unbe­quemes Video handelt.

* Das Stream­ing des Films bei archive.org ist deut­lich langsamer und weniger kom­fort­a­bel als bei YouTube. Man muss den Film kom­plett durch­laufen lassen, drückt man Pause, läuft er später nicht mehr weit­er. Im Video hin und her sprin­gen wie bei YouTube scheint nicht zu funk­tion­ieren. Kann aber auch sein, dass nur ich dieses Prob­lem habe.

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9 Kommentare

  1. Hm, der Link zu archive[.]org führt zu der Youtube-Seite, auf der der Film gelöscht wurde. Wer den Film im Orig­i­nal sehen oder down­load­en möchte, kann das hier tun: „https://archive.org/details/planet-of-the-humans“ 😉 Der in den Kom­mentaren gepostete Youtube-Link funk­tion­iert auch (noch), sog­ar mit deutschen Untertiteln.

  2. Ich habe mir schon so etwas gedacht und mir zur Ange­wohn­heit gemacht, Filme auf youtube, welche mir gefall­en und einen möglichen his­torischen Wert darstellen kön­nten, sofort runter zu laden. Wer weiss, vielle­icht wird man sich in 20 Jahren ab und zu im geheimen einige dieser gespe­icherten Filme, die dann streng­stens ver­boten sein wer­den, als ein Leck­er­li oder um sich zu motivieren und die Hoff­nung auf bessere Zeit­en nicht zu ver­lieren, anschauen. Hoffe, es kommt nicht so weit.

    • Down­load ver­ste­ht sich von selb­st. Lei­der kann ich aus rechtlichen Grün­den das Video nicht ein­fach hier ein­set­zen. Das muss schon jed­er selb­st machen. 😉

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