„Al Mash­tal“, Gaza

Ob es in den Redak­tio­nen wohl Tele­fon­lis­ten mit Exper­ten gibt, die man im jour­na­lis­ti­schen Not­fall durch­ge­hen kann, wenn ein O‑Ton zu Spe­zi­al­ge­bie­ten gefor­dert ist? Gibt es Erd­be­ben-Exper­ten, Lebens­mit­tel­skan­dal-Exper­ten, Okto­ber­fest-Exper­ten? Sicher, aber die Lis­ten dazu sind wohl recht kurz. Noch kür­zer dürf­te nur die Lis­te der Doku­men­tar­film­ex­per­ten sein, die man durch­ge­hen könn­te, um eine Erklä­rung für „hand­werk­li­che Män­gel“ in einer zurück­ge­hal­te­nen Doku über Anti­se­mi­tis­mus zu erhal­ten. Des­halb schaut man lie­ber gleich in der längs­ten Lis­te der Redak­ti­on des Deutsch­land­funks nach – in der für Nah­ost­ex­per­ten. Als sol­che stand Gemma Pörz­gen dem Sen­der am 15.6.2017 für ein Inter­view zur Ver­fü­gung. Zwar hat Frau Pörz­gen zum letz­ten Mal vor 11 Jah­ren aus Isra­el und den Auto­no­mie­ge­bie­ten berich­tet – und das auch nur knapp zwei Jah­re lang. Außer­dem gilt sie eigent­lich als Exper­tin für den Osten, also für die Nach­fol­ge­staa­ten der Sowjet­uni­on. Egal, Osten…Naher Osten…was macht das schon für einen Unter­schied! Frau Pörz­gen wur­de als Exper­tin vor­ge­stellt, das muss rei­chen. Was ist ihr denn nun auf­ge­fal­len, als sie den Film „Aus­er­wählt und Aus­ge­grenzt“ gese­hen hat? 

Ich habe mir natür­lich auch neu­gie­rig die­sen Film ange­guckt nach der gan­zen Debat­te und war dann doch sehr erschreckt, dass er noch viel schlech­ter ist, als ich es ursprüng­lich gedacht hat­te. Er hat ein­fach eine sehr kla­re pro­pa­gan­dis­ti­sche Linie und zeigt aus mei­ner Sicht eben die­se gan­ze The­ma­tik sehr ein­sei­tig, indem er sehr gezielt bestimm­te Gesprächs­part­ner aus­wählt, ande­re weg­lässt und eben eine ganz kla­re Ziel­rich­tung hat.“

Was bedeu­tet wohl die Phra­se „viel schlech­ter als gedacht“, wenn sie aus dem Mun­de einer „unab­hän­gi­gen Jour­na­lis­tin“ und „Nah­ost­ex­per­tin“ kommt? Und was bedeu­tet es ihrer Mei­nung nach, wenn „die­se gan­ze The­ma­tik ein­sei­tig ist“? Es stimmt schon, Arte woll­te die „Ursa­chen des Anti­se­mi­tis­mus“ erfor­schen, weil man offen­bar davon aus­ging, dass es da etwas gibt, das der Jude macht, wes­halb man ihn nicht so doll mag. Ursa­che halt. Und doch kom­men die Autoren zur „stei­len The­se“, dass am Anti­se­mi­tis­mus letzt­lich nur die Anti­se­mi­ten schuld sind und wie bei der Suche nach den Quel­len des Nils gin­gen die Autoren gegen die Strö­mung zurück zum Ursprung. Was wir heu­te an anti­se­mi­ti­schen Aus­schrei­tun­gen in Euro­pa – spe­zi­ell in Frank­reich und Deutsch­land – erle­ben, die Mor­de, die Über­fäl­le auf Syn­ago­gen, Prü­gel und Beleidigungen…nutzen als Pro­jek­ti­ons­flä­che den Kon­flikt zwi­schen Isra­el und paläs­ti­nen­si­schen Ara­bern und tar­nen sich nur zu gern als Anti­zio­nis­mus. Man gelangt also zwangs­läu­fig nach Gaza. Und nach Ber­lin, wo am 23.Juni 2017 übri­gens der jähr­li­che „alQuds-Tag“ (Jeru­sa­lem-Tag) statt­fin­den wird, auf dem Jahr für Jahr die „Befrei­ung Paläs­ti­nas von den Besat­zern“ gefor­dert wird – und da machen die kei­ne hal­ben Sachen, ganz Paläs­ti­na inclu­si­ve Isra­el ist gemeint. In die­sem Jahr steht die Ver­an­stal­tung übri­gens unter dem Mot­to „Gegen Anti­se­mi­tis­mus und Zio­nis­mus“, was ange­sichts der Vor­lie­be vie­ler Demons­tran­ten für Flag­gen und Sprü­che von anti­is­rae­li­schen Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen nichts ande­res als ein per­fi­der Scherz sein kann.

„Wenn man mit Kol­le­gen spricht, die vor Ort ein biss­chen mit­be­kom­men haben, wie die­se Dreh­ar­bei­ten gelau­fen sind, bestä­tigt sich die­ser Eindruck.“

Frau Pörz­gen hat also Kol­le­gen vor Ort, die „ein biss­chen mit­be­kom­men haben von den Dreh­ar­bei­ten“ und das bestä­tigt uns jetzt was? Dass der Kame­ra­mann sein Hum­mus mit den Fin­gern aß? Die Kunst, wie man aus Andeu­tun­gen und Ver­dacht Gerüch­te zim­mert? Durch Hören­sa­gen näm­lich und durch Leu­te, deren Aus­sa­gen und Ein­schät­zun­gen den Film wie in den Augen von Frau Pörz­gen schon vor des­sen Kennt­nis in schlech­tem Licht sehen wollten.

„Und statt­des­sen sind sie eben mit­ten hin­ein in den Nah­ost­kon­flikt gefah­ren, irgend­wie auch noch nach Gaza, wo natür­lich der Hass hoch­kocht und wo man natür­lich sich sehr leicht­tut als Jour­na­list, Anti­se­mi­tis­mus zu fin­den, weil er ist natür­lich da, er ist Teil sozu­sa­gen auch des paläs­ti­nen­si­schen Nar­ra­tivs in die­sem sehr auf­ge­heiz­ten Konflikt.“

Wir ler­nen also, dass Anti­se­mi­tis­mus in Gaza eine natür­li­che Res­sour­ce sei. Doch wenn es so leicht ist, den zu fin­den, war­um berich­te­te Frau Pörz­gen dann nie dar­über, als sie noch vor Ort war? Zum Teil des „paläs­ti­nen­si­schen Nar­ra­tivs“ wird er aber erst in den Reden der Poli­ti­ker der Hamas. Oder in der Rede von Abu Masen vorm EU-Par­la­ment. Die Nar­ra­ti­ve stimm­ten – und stimm­ten lei­der auch schau­er­lich über­ein mit denen des im Par­al­lel­schnitt gezeig­ten Juli­us Strei­cher, der auch von einer fried­vol­len Welt schwa­dro­nier­te, wenn erst das Pro­blem mit den Juden gelöst sei. Die­se Sze­ne stieß beson­ders den­je­ni­gen sau­er auf, die lie­ber nicht so genau hin­se­hen möch­ten, wenn es um die erklär­ten Zie­le von Hamas und Fatah geht und es für „irgend­wie logisch“ hal­ten, wenn Paläs­ti­nen­ser es kei­nem Juden erlau­ben, in ihren Gebie­ten zu leben und zu arbei­ten. War­um gibt es zwar Mil­lio­nen ara­bi­sche Israe­lis, jedoch kei­nen ein­zi­gen jüdi­schen Palästinenser?

„Aber wenn man auf der israe­li­schen Sei­te gefragt hät­te, hät­te man auch dort sehr viel Hass gegen Paläs­ti­nen­ser geerntet.“

Das war zwar nicht die Fra­ge, die der Film beant­wor­ten soll­te, und klingt doch sehr ver­däch­tig nach dem Ver­such, Anti­se­mi­tis­mus zu recht­fer­ti­gen. Man kann sowas ja ein­fach mal behaup­ten, da es sowohl rich­tig als auch falsch ist. Doch das dum­me am Rela­ti­vis­mus ist, dass er nur in der iso­lier­ten Betrach­tung funk­tio­niert. Ver­schiebt man die Per­spek­ti­ve, rutscht man ins Absur­de: Denn sicher hät­ten sich 1938 auch Juden fin­den las­sen, die ihrem Hass auf die Faschis­ten gern Aus­druck ver­lie­hen hät­ten. Sagt das etwas über die Recht­fer­ti­gung oder gar Begrün­dung der Akti­vi­tä­ten der Nazis aus? Wohl kaum! Ist das viel­leicht Pörz­gens Vor­stel­lung von „Aus­ge­wo­gen­heit“? Hät­te der Film so eine Art run­der Tisch zwi­schen Schul­hof­schlä­gern und ihren Opfern wer­den sol­len, weil ja bei­de den Schul­frie­den stö­ren — der eine durch sein Betra­gen, der ande­re durch sei­ne Schreie? Aber auf solch alber­ne Ideen kom­men Jour­na­lis­ten nur, wenn es um Isra­el geht. Eine klei­ne Mathe-Text­auf­ga­be wür­de ihr viel­leicht hel­fen, die „Nar­ra­ti­ve“ gera­de­zu­rü­cken: Wie­vie­le Juden leben in Ramal­lah und Gaza, wie­vie­le Ara­ber leben in Jeru­sa­lem und Haifa?

„Man hat natür­lich Luxus­ho­tels [in Gaza], es gibt Sushi-Bars, aber es gibt eben auch sehr viel Elend.“

Rich­tig, und in die­sem Film kommt im Gegen­satz zu ande­ren Berich­ten bei­des vor. Von Luxus­ho­tels und Sushi-Bars hört der deut­sche Fern­seh­zu­schau­er von Arte und WDR aller­dings zu ers­ten mal, auch Frau Pörz­gens hielt es in ihrer Zeit als „Nah­ost­ex­per­tin“ nie für nötig, ein gan­zes Bild von der Lage dort zu zeich­nen. Zwi­schen all den „Frei­luft­ge­fäng­nis“, „men­schen­un­wür­di­ge Zustän­de“ und „ein­ge­pfercht“ wäre mir so ein Luxus­ho­tel schon mal auf­ge­fal­len, den­ke ich. Pass­te wohl nicht ins „Nar­ra­tiv“. Und dann kommt so ein Film daher und zeigt, dass all die­se gut bezahl­ten Jour­na­lis­ten­dar­stel­ler jah­re­lang nur eine sehr ein­sei­ti­ge Sicht der Din­ge ver­brei­tet haben. Wo sind denn die „kri­ti­schen Arti­kel“ aus dem Gaza­strei­fen, in denen es um Finan­zen (oder „natür­li­che Kor­rup­ti­on“) geht? Wann stand zuletzt ein ARD-Repor­ter vor einem der Luxus­ho­tels in Gaza und war­um benut­zen die einen Repor­ter Hamas-Tun­nel, wäh­rend ande­re durch Türen gehen?

Pörz­gen wirft sich zudem pau­schal schüt­zend vor die „gute Arbeit“ der NGO’s in Isra­el oder Gaza. Und sicher, gibt es die­se gute Arbeit auch. Zum Bei­spiel bewah­ren „gute NGO’s“ die Paläs­ti­nen­ser davor, mit den „bösen Zio­nis­ten“ Geschäf­te zu machen und falls dies doch ein­mal gesche­hen soll­te, kann es sei­tens der Hamas für den betref­fen­den Paläs­ti­nen­ser töd­li­che Kon­se­quen­zen haben. Aber es gibt eben auch noch Ande­re und sowohl Hamas als auch Fatah haben gro­ßes Talent dafür, Gel­der aus dem NGO-Sys­tem abzu­zwei­gen. So erst letz­tes Jahr im Fall von World­Vi­si­on auf­ge­deckt, einem nicht gera­de klei­nen Anbie­ter in dem Bereich des guten Gewis­sens. Doch nie­mand küm­mert das, weil es nie­mand kon­trol­liert und nie­mand so genau wis­sen will, was mit all dem Schutz­geld pas­siert, dass EU, Deutsch­land und gro­ße NGO’s und Stif­tun­gen über­wei­sen. Und soll­ten doch ein­mal boh­ren­de Fra­gen kom­men, wer­den sie am Ende ein­fach lächelnd igno­riert, wie uns im Film der UNRWA-Mit­ar­bei­ter in Gaza exem­pla­risch vorführte.

Mor­gen wird Frau Pörz­gen also bei Maisch­ber­ger sit­zen und mit­dis­ku­tie­ren über einen Film, den sie schon ver­ur­tei­le, bevor sie ihn gese­hen hat­te. Viel­leicht soll­te sie sich statt­des­sen als „Nah­ost­ex­per­tin“ Geld von Arte holen um einen „aus­ge­wo­ge­nen“ Film über „Natür­li­che Kor­rup­ti­on und Anti­se­mi­tis­mus als Nar­ra­tiv der Hamas in Gaza“ zu machen. Oder über Sushi-Bars. Sie könn­te Jür­gen Toden­hö­fer mit­neh­men, damit sie einen dra­ma­ti­schen Auf­tritt als Maul­wurf hin­le­gen kann und sie einen Film­part­ner hat, des­sen „Nar­ra­tiv“ sie offen­kun­dig teilt.

Anmer­kung: Wer Lust hat, die Behaup­tun­gen der „Nah­ost­ex­per­tin“ Punkt für Punkt wider­legt zu sehen, der lese die­sen offe­nen Brief an den Deutsch­land­funk, auf den der Ver­fas­ser lei­der nie eine Ant­wort erhielt.

Notiz an mich, Vor­schlä­ge für das „Unwort des Jahres“:
3) Propaganda
2) Nar­ra­tiv
1) Nah­ost­ex­per­te

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3 Kommentare

  1. Dan­ke. Ergän­zend möch­te ich hier noch auf­merk­sam machen auf die­sen Arti­kel: http://cicero.de/kultur/antisemitismusdoku-das-geschenk-des-zweifels
    Lei­der zeigt ja schon die Aus­wahl der Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer, dass man nicht gewillt ist, bei­de Mei­nun­gen zu Wort kom­men zu las­sen, das Ver­hält­nis Isra­el-Geg­ner und Isra­el­so­li­da­ri­sche ist nicht aus­ge­wo­gen. Man WILL hier­zu­lan­de den Anti­se­mi­tis­mus als Israel­kri­tik ver­brämt wei­ter­kö­cheln las­sen, ver­mut­lich weil man sieht, wie gut das bei den Ara­bern funk­tio­niert. Deren Füh­rer hal­ten sich selbst damit schon ne gan­ze Wei­le reich und mächtig.

    • Link repa­riert. Die URL wur­de von ver­schie­de­nen Brow­sern unter­schied­lich inter­pre­tiert. Soll­te jetzt über­all funktionieren.

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