„That did’nt age well“ ist ein fast überall verstandener Spruch aus der Sphäre der Sozialen Medien. Politiker, woke Künstler und politische Aktivisten/Journalisten (oft in Personalunion) füllen dank des nichts vergessenden Internets die vorher/nachher-Memes mit Inhalt und findige Leute wie @argonerd buddeln mit schelmischer Freude frühere politische Aussagen, Grundsätze und Versprechen aus und stellen sie der Realität gegenüber. Beides liegt oft kaum länger auseinander, als ein gutes Stück Fleisch braucht, um trocken zu reifen. Was dem Geschmack des Fleisches jedoch gut tut, erzeugt bei schlecht gealterten Politikerreden und Propagandaartikeln einen fürchterlichen Beigeschmack und trägt zu einem guten Teil zum Vertrauensverlust von Politik und Medien bei.

Die einen sagen, das sei schon immer so gewesen, nur sei uns das lange nicht aufgefallen, weil es Twitter, Facebook, Google oder YouTube noch nicht so lange gibt. Andere wiederum glauben – und zu denen zähle ich mich heute –, dass nicht nur die Qualität vieler Politiker und ihres Umfeldes stark nachgelassen hat, sondern ganz entscheidend auch der Wahrheitsgehalt und sogar die Zweckmäßigkeit ihrer Reden, was beim Zuschauer oder Zuhörer zu einer zumindest unbewusst empfundenen mangelnden Wahrhaftigkeit des Absenders, also des Politikers führt. Man spürt die Absicht und man ist verstimmt. Sicher, Politiker haben zu allen Zeiten Fehler begangen, gelogen und betrogen. Es gab intelligente und minderbegabte, ehrliche und Halunken. Heute sogar reichlich minderbegabte Halunken. Und doch gelang es den besseren und wirkmächtigeren in vergangenen Zeiten, im richtigen Moment den richtigen Ton zu treffen und in den entscheidenden Augenblicken großer Krisen mit der Kraft ihrer Worte (die ja meist die Worte eines ganzen Teams für gewöhnlich heller Köpfe sind) etwas zu bewirken.

Das kann schonungslose Ehrlichkeit vermitteln wie in Churchills berühmter „Blood, Sweat, Tears“ Ansprache, zukunftsweisend versöhnend sein wie Lincolns „Gettysburg Address“ oder der Trauerbewältigung dienen wie im Fall jener Rede, die Ronald Reagan am 28.1.1986 hielt, am Tag des tödlichen Unfalls der sieben Astronauten des Space Shuttle „Challenger“. Als ich Reagans Rede vor einiger Zeit wieder hörte, fand ich sie noch genauso bewegend und passend, wie sie damals von den Amerikanern aufgenommen wurde, ohne dass ich im Detail verstanden hätte, warum ich die Ansprache immer noch so gut fand. Das konnte aber nicht nur mit der schauspielerischen Vergangenheit des damaligen Präsidenten zusammenhängen. Die Erklärung für die Wirkmacht und die Perfektion dieser Rede fand ich schließlich bei Alex Lyon, einem Kommunikationstrainer, der Reagans Ansprache hier im Detail analysierte.

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Seit dem Unglück der Challenger sind mehr als 35 Jahre vergangen, eigentlich eine lange Zeit, um Kontexte zu verwischen oder Andeutungen und Anknüpfungen ins Leere laufen zu lassen. Doch nichts von alledem ist geschehen und sofern man sich von dem durch das verkorkste deutsche Bildungssystem (hüben wie drüben!) anerzogenen Hass auf Reagan emanzipiert hat, wird man die Rede noch genauso wahrhaftig, berührend und stärkend empfinden, wie sie einst beabsichtigt war und gehalten wurde. Wir vergessen oft, dass wir Politiker eigentlich für genau solche Augenblicke auswählen und wählen, nicht dafür, dass sie sich fortlaufend in unseren Alltag einmischen, den wir am Ende dennoch jeden Tag selbst bewältigen müssen.

Überlegen sie kurz, ob unser heutiges Politpersonal, ganz gleich ob in den USA oder in Deutschland, zu solch einer Rede fähig wäre. Überlegen sie auch, ob solche Reden glaubhaft in einem nicht an eine Nation, sondern an eine anonyme Weltgemeinschaft adressierten Kontext gehalten werden könnte, wenn etwa Frau von der Leyen von Brüssel aus in ihrem Ponyhofenglisch den kalabrischen Fischer wie den finnischen Holzfäller gleichermaßen bewegen wollte. Lachen müsste man und tut es ja anlässlich der gegenwärtigen Politikerreden auch täglich, denn nach dem „dry aged beef“ Reagan und auch unserem haltbar geräucherten Helmut Schmidt ist kaum noch besseres als Fünf-Minuten-Terrinen in der Politik zu finden.

Das betrifft leider sowohl das Material auf der Bühne wie das dahinter, denn Politikerreden sind Teamleistungen. Wenn etwa Kamala Harris in einem stümperhaften Video gecasteten „spontanen“ Kindern von ihrer Begeisterung berichtet „das Unbekannte zu entdecken“, während in dem Land, dessen Vizepräsidentin sie ist, ausgerechnet die Statuen von Columbus unwidersprochen abgeräumt werden und der Feiertag „Columbus-Day“ zum Indigenous Peoples Day umgewidmet wird oder wenn Harris‘ Chef Joe Biden immer und immer wieder kukidentgrinsend „wear a mask or get vaccinated“ in die Kamera zischt wie in dieser Rede vom 13.5.2021, ist das Publikum peinlich berührt und die Haltbarkeit der Aussagen gering.

Die Adressaten sind zwar nicht mehr dieselben, aber doch im Prinzip die gleichen Amerikaner, an die sich einst Reagan wandte, inklusive vieler Schulkinder, die heute mental angeschlagen hinter Masken oder im Homeschooling sitzen, während sie 1986 geschockt im Fernsehen verfolgten, wie die Lehrerin Christa McAuliffe bei der Explosion der Challenger ums Leben kam. Bidens Rede ist erst fünf Monate alt und schon aus heutiger Sicht voller Lügen und Falschaussagen, selbst wenn man sie nur an seinen heutigen Aussagen messen würde wie @argonerd dies tut. Harris kleines Video wurde schon bei der Ausstrahlung vor wenigen Tagen nur belacht. Wie werden beide wohl in 35 Jahren wirken? „That did’nt age well“ wird noch eine Steigerung brauchen.

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3 Kommentare

  1. Nein Herr Letsch, solche Reden, solche Staatsmänner werden nicht mehr wiederkehren.
    Ich habe die Autobiographie Reagan’s gelesen, ich glaube rund 700 Seiten dick ist das Buch.
    Wer dieses Buch liest versteht, warum Reagan solche Reden halten konnte: er liebte die USA, die Menschen die darin wohnten, er wollte seine Nation beschützen, ihr die FREIHEIT bewahren!
    Obwohl er -auch- Schauspieler war war er weit autentischer, als jene Studienabbrechenden und Lebenslaufbeschöniger*innen heute. Er war der gute Grandpa und zeigte seinen Bürgern,
    dass er für sie da sein würde, dass er ihnen ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit UND Sicherheit ermöglichen würde. Es waren Reden eines Mensch zu Menschen. Heute sind es Belehrungen, Drohungen und Realitätsverdrehungen von empathielosen Technokraten an eine große, anonyme Steuerzahler- und CO2-erzeugenden Human Resources, die ‚mitgenommen werden muss‘. Schauen Sie Zeitdokumente aus der damaligen Zeit an, und dann welche von heute. Beobachten Sie einen Reagan, und unbedingt auch einen R.v. Weizsäcker! Und dann sehen und hören sie der noch mächtigsten Frau der Welt zu! Sprache, Mimik und Tonfall sind schon längst ins Totalitär-Autoritäre abgedriftet. „Mutti“ weiß was gut für den kleinen Michel ist. Das traurige daran ist dass die Älteren wahrscheinlich noch den Qualitätsunterschied erkennen werden. Bei der jungen Generation hingegen schlägt Social Media und Bildungsreform erbarmungslos zu. Good Night And Good Luck…

  2. Ich weiß nicht, wer der Redenschreiber dieser gewählten Ansprache ist, aber Ronald Reagan ließ viele Reden von Peter Robinson schreiben. Von ihm stammt auch der berühmte Satz „Mr Gorbatschow, tear down this wall!“ Robinson war damals sehr jung. Er ist heute auf Youtube mit einer Interviewsendung für das (Stanford) Hoover Institute vertreten. Sie heißt „Uncommon Knowledge“. Sehr zu empfehlen. Ein beeindruckend gebildeter Typ. 

    https://www.youtube.com/watch?v=u04bvMIhfbM&list=PLKruweaZqDNdG8NeeQPcRZTwpN2k5qylh

  3. Warum fällt mir ausgerechnet jetzt der „Breitscheidplatz“ ein? Ist unsere Politiker Kaste überhaupt fähig noch eine Verbindung zum Volk auch nur zu simulieren?
    Ich erinnere mich noch als Regan President wurde, an die Arroganz der ach so akademisch gebildenden Berufspolitiker für einen Schauspieler ohne Kompetenz. Unsere Worthülsen aneinander reihenden Partei-Apperatschiks und Kompetenz-Simulanten sind zu solchen Reden nicht fähig, dazu fehlt ihnen die Empathie.
    Danke Herr Letsch für diesen Denkanstoß.

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