Obwohl Neusee­land mehr zu bieten hat als traumhafte Natur, Schafe, ikonis­che Film­sets und Abgeschieden­heit im Süd­paz­i­fik, find­et es nur sel­ten ein Plätzchen in unseren Nachricht­en. Aus­nah­men sind, wenn ger­ade ein Erd­beben die Stadt Christchurch in Schutt und Asche legt wie 2010 oder dieselbe Stadt neun Jahre später bei einem ter­ror­is­tis­chen Anschlag, bei dem ein bis unter den Schei­t­el mit wirrer Ide­olo­gie ange­füll­ter Aus­tralier in zwei Moscheen mehr als 50 Men­schen ermordete, in die Schlagzeilen gerät. Die Insel­lage machte die Abschot­tung gegen Covid ein­fach, so dass das Virus bish­er ganze 2.711 pos­i­tive Fälle und nur 26 Tote in der Sta­tis­tik, dafür jedoch viel Hys­terie in der Durch­set­zung der strik­ten Regeln hin­ter­ließ. Eine Bin­sen­weisheit sagt, dass alles, was in den USA geschieht, ein paar Jahre brauche, um nach Europa zu kom­men – bis Neusee­land brauche es dann nochmal einige Jahre länger. Doch das son­st so friedliche Auen­land scheint zwar die Türen gegen das böse Coro­n­avirus geschlossen zu hal­ten, gegen das Woke-Virus halfen alle Abschot­tungs- und Iso­la­tion­s­maß­nah­men nicht. Die Infek­tion ver­lief schnell und umfassend. Hier zwei aktuelle Beispiele.

Jacinda, (k)eine von uns

Die Gren­ze zwis­chen geschick­ter PR und Per­so­n­enkult ist bekan­ntlich schmal. Auf welch­er Seite des Grates Neusee­lands PM Jacin­da Ardern spaziert, möchte ich gar nicht beurteilen. Jedoch nützt ihr offen­bar alles, was sie tut – und seien es Dinge wie Kinder kriegen und im Amt bleiben. Aber Jacin­da ist eben eine Frau, was in heutiger Zeit schon mal für sie spricht und immer­hin führt sie in Neusee­land eine son­st im Com­mon­wealth ger­ade weniger erfol­gre­iche Labour-Par­ty von Wahlsieg zu Wahlsieg. Die Kiwis wollen es so und dann soll es der Welt natür­lich recht sein und unsym­pa­thisch kann man Frau Ardern ja nun wirk­lich nicht nennen.

Im Nach­gang des Ter­ro­ran­schlags auf zwei Moscheen in Christchurch im Jahr 2019 tauchte Ardern in der inter­na­tionalen Presse und weltweit in den sozialen Medi­en auf. Die einen zogen eine Augen­braue hoch angesichts des „Sol­i­dar­ität­skopf­tuchs“, unter welch­es sich MP Ardern duck­te, andere lobten sie für ihre ein­fühlsamen Kon­tak­te zu den Fam­i­lien der Opfer. Die Wahrheit liegt wohl irgend­wo in der Mitte. Ob man die medi­ale Präsenz Arderns 2011 als auf­dringlich, angemessen oder deplatziert wahrnahm, hängt sich­er vom Grad des Betrof­fen­seins ab und entzieht sich mein­er Ein­schätzung. Soviel vorweg.

Nun gab es Pläne, dem Mas­sak­er von Christchurch ein filmis­ches Denkmal zu set­zen. Mit Rose Byrne in der Titel­rolle sollte in „They are us“ der Anschlag aus Sicht von Jacin­da Ardern erzählt wer­den. Das Film­pro­jekt wurde nun gestoppt. „Neusee­land stemmt sich gegen den Christchurch-Film“ titelt die Süd­deutsche und sug­geriert, die Kiwis hät­ten sich in großer Zahl gegen den Streifen empört. Das ist so nicht ganz richtig und der Guardian wird etwas präzis­er: „Many Mus­lim New Zealan­ders crit­i­cised the move as “exploita­tive”, “insen­si­tive”, and “obscene”. A peti­tion to shut down the film’s pro­duc­tion has gained about 60,000 sig­na­tures over the past three days.”

Es waren also nicht die Kiwis in toto, son­dern ganz bes­timmte Neuseelän­der, die mit 60.000 Stim­men ein­er Peti­tion das Film­pro­jekt kippten. „Many Mus­lim New Zealan­ders“ kann man schw­er­lich zur Mehrheit auf­blasen, tonangebend sind sie offen­sichtlich. Um ehrlich zu sein, hielte ich einen solchen Film auch eher für Parteipro­pa­gan­da mit cineast­is­chen Mit­teln, aber es sollte in einem freien Land wie Neusee­land zumin­d­est prinzip­iell möglich sein, jeden zeit­geschichtlichen Plot ins Kino, TV oder zu den Stream­ing-Abon­nen­ten zu brin­gen. Schein­bar ist das nicht mehr der Fall und all das kul­turelle Anbiedern – nicht nur an die Ange­höri­gen der Opfer des Anschlags – die absichtsvolle „kul­turelle Aneig­nung“ des Kopf­tuchs hat nicht dazu geführt, dass Neusee­lands pro­gres­sive Min­is­ter­präsi­dentin aus ihrer kul­turellen Ein­fühlsamkeit poli­tis­ches Kap­i­tal schla­gen kann.

Sicher­heit­shal­ber dis­tanzierte sie sich stattdessen selb­st von dem Film­pro­jekt. Arderns bekan­ntes Zitat „Sie sind wir“, das auch als Filmti­tel dienen sollte, wird stattdessen von mus­lim­is­ch­er Seite kri­tisiert, weil es die „anhal­tenden ras­sis­tis­chen Prob­leme des Lan­des beschönige“. Das sich hier wieder mal eine Reli­gion unwider­sprochen das Män­telchen der „Rasse“ umhängt, weil es ihrer Agen­da nützt, hin­ter­lässt einen unan­genehmen Nachgeschmack. Näm­lich den, dass die empörten Mus­lime wom­öglich eher zur gegen­teili­gen Aus­sage neigen und sich nicht als Teil dieses „wir“ sehen. So fürchter­lich der Anschlag auch war, wenn das die Kon­se­quenz ist, sind das keine ver­söhn­lichen Sig­nale, wie sie Jacin­da Ardern so gern aussendet.

Freitags sind sie nie mehr da

Auch der zweite Fall, der uns nach Auck­land, in die größte Stadt Neusee­lands führt, han­delt von echt­en oder imag­inierten ras­sis­tis­chen Prob­le­men. Denn in Auck­land hat das lokale Chap­ter von Gre­ta Thun­bergs Schul­streik­be­we­gung ger­ade die Segel gestrichen und sich aufgelöst. Nicht etwa, weil das Kli­ma gerettet ist und Fre­itags nun wieder gel­ernt wer­den soll, son­dern weil die Organ­i­sa­tion nach eigen­er Erken­nt­nis ein „ras­sis­tis­ch­er, weiß-dominiert­er Raum“ sei. Auf der Face­book-Seite von „School Strike 4 Cli­mate Auck­land“ ist zu lesen:

„Wir lösen uns auf, weil […] wir nicht in ihrem [gemeint sind Peo­ple of Col­or] Namen sprechen kön­nen und seit 2019 ein ras­sis­tis­ch­er, weiß dominiert­er Raum waren. [Wir haben] Stim­men und Forderun­gen von Pasi­fi­ka und Māori im Kli­maak­tivis­mus-Raum gemieden, ignori­ert und tokenisiert. Sowohl die Ver­ant­wor­tung als auch die drin­gende Notwendigkeit, die Organ­i­sa­tion zu entkolonisieren, wurde viel zu lange ver­schoben. […] Diese Entschuldigung ist nur ein­er unser­er Schritte zur Widergut­machung für unsere Hand­lun­gen. Unsere Auflö­sung war überfällig.“

Bei der Frage, wohin das schrille Auftreten der F4F-Pro­tag­o­nis­ten und deren Naseweisheit noch führen soll und ob man vor ihnen nicht gle­ich kapit­ulieren und ihnen die Schlüs­sel zur Stadt über­re­ichen sollte, wie ex-Siemen­schef Joe Kaeser es tun wollte, haben die Beobachter offen­sichtlich eines völ­lig aus dem Auge ver­loren: die Hack­o­rd­nung inner­halb der ver­schiede­nen Erweck­ungs­be­we­gun­gen, denn die wird täglich neu aus­ge­han­delt und wir dür­fen uns darauf freuen.

Man kann heute näm­lich nicht mehr ein­fach so das Kli­ma ret­ten, man muss in Rech­nung stellen, dass es für PoC und Opfer des Kolo­nial­is­mus noch viel mehr und somit gerechter gerettet wer­den muss! Wenn diese Opfer­grup­pen also nicht voran gehen und stattdessen unter­drück­erische Schneeweißchen wie Gre­ta Thun­berg, Luisa Neubauer oder weiße Auck­lan­der Mit­tel­stands­gören das große Wort führen, denen Priv­i­leg und „white Suprema­cy“ aus jed­er Zeile ihre Lebenslaufes tropft, ist die Bewe­gung moralisch zum Scheit­ern ver­dammt. Muss ja! Und weil „schwarz­er Mann, geht du voran“ bedeutet, die kolo­nial­is­tis­chen Weißbrote in ihre melan­i­n­ar­men Schranken zu ver­weisen, übern­immt nun auch bei der plan­etaren Ret­tungsmis­sion zum Wohle des Kli­mas die „Crit­i­cal Race The­o­ry“ die Führung.

So etwas wie ehrgeizige Zeit­pläne für eine Dekar­bon­isierte Zukun­ft kön­nen wir dann vergessen, denn Zeit­pläne, Ziele oder wis­senschaftliche Meth­o­d­en über­haupt sind laut Nation­al Muse­um of African Amer­i­can His­to­ry & Cul­ture weißes Sklaven­hal­ter­teufel­szeug. Das Kli­ma muss also kün­ftig ohne weiße Kolo­nial­is­ten und deren weiße Suprema­cy-Kinder gerettet wer­den. Auck­land, du hast es bess­er, bei deinen Kli­maret­tern haben in Zukun­ft unter­drück­te Min­der­heit­en das Sagen und nicht mehr weiße Kli­maras­sis­ten. Wer traut sich, diese Erken­nt­nis unseren grü­nen, deutschen und meist sehr weißen Upper­class-Kids mitzuteilen?

Es schein also nicht nur ein amerikanis­ches oder neuseeländis­ches, son­dern bald ein weltweites Phänomen zu sein, dass ger­ade die näch­ste, noch radikalere Ide­olo­gie über die Kli­maret­ter hin­weg an die Spitze der Nahrungs­kette klet­tert, um aus den Gewis­sen und der moralis­chen Hil­flosigkeit der Men­schen den ver­lock­enden Nek­tar aus Geld und Macht zu saugen. Um das Kli­ma müssen wir uns inzwis­chen weniger sor­gen, denn dessen Ret­tung hat Zeit bis nach der Wiedergut­machung und Repa­ra­tio­nen für die ras­sis­tis­che Ver­gan­gen­heit. Wenn das erfol­gre­ich war, wird ohne­hin nichts mehr da sein, was man ver­bi­eten, abschaf­fen, reg­ulieren oder umverteilen kön­nte. Aber wahrschein­lich krabbelt über den Kadav­er der Neo-Ras­sis­tis­chen Ide­olo­gie namens „Crit­i­cal Race The­o­ry“ bald schon der näch­ste Ismus, der die Men­schheit ins Licht und am Ende doch nur wieder hin­ter sel­biges führen will.

Ein beherzt gesun­gener und getanzter Haka kön­nte helfen, die Gedanken wieder ger­ade zu rück­en, liebe Kiwis. Sofern ihr euch das noch traut, wegen kul­tureller Aneig­nung und so.

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8 Kommentare

  1. “Das sich hier wieder mal eine Reli­gion unwider­sprochen das Män­telchen der „Rasse“ umhängt, weil es ihrer Agen­da nützt…”
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    Der zweite Wider­spruch ist, dass es doch “Rasse” gar nicht gibt ?!?
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    Also: immer so wie man’s ger­ade poli­tisch braucht (bemerkt und beklagt nicht nur Danisch).

    • Oh, die gewoohk­te Linke (woke!, das bedeutet nicht etwa aufgeweckt, son­dern in der Tat erweckt, verzückt, und aggres­siv mis­sion­ar­isch die Wahrheit gepachtet habend) glaubt so inständig und obses­siv an Rassen und an Rasseneigen­schaften wie von je her jed­er der übri­gen sieben Ku-Klux-Klan-Mit­glieder. Diese Linke glaubt so erweckt an “inter­sec­tion­al­i­ty”, die Hier­ar­chie aus Rasse und Unter­drück­ung mit­samt Dämon­isierung der ‘weißen Rasse’, dass sie die Recht­sex­tremen links überholen.

      Und ja, genau das wollen die. Weil die glauben, es mache sie zu ulti­mat­en Gutmenschen.

      • … da hab ich aus lauter anti-Wok­e­ness meinen eige­nen Namen ver­hun­zt. Ach, wir leben in einem Zeital­ter der generellen Ver­hun­zung. Wohl denen!, die es schaf­fen, da nicht mitzumachen.

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