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Oxytocin oder Oxymoron – Hauptsache Merkel regiert!

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Der Ort für unser Treffen ist klug gewählt: Ein abgelegenes Café, wenig Kundschaft, wie verabredet wartet Harald Schön-Reder (Name geändert), einen Spiegel lesend, an einem der Ecktische. Schön-Reder ist Chef einer europaweit tätigen PR-Agentur, die eher im Verborgenen arbeitet und die außer deren illustren Kundschaft kaum jemand kennt.

Ich bestelle Kaffee, Reder nippt an dem Tee, den er bereits bestellt hat. Es ist unser zweites Treffen. Als wir uns vor vier Jahren zum ersten Mal genau in diesem Café begegneten, berichtete er mir noch stolz, dass seine Firma es endlich geschafft habe, für alle großen Parteien gleichzeitig zu arbeiten. Man steuere ihre Kommunikation, berate bei den Wahlprogrammen und hätte endlich auch mit der Initiative „Kampf gegen rechts“ den perfekten Grund dafür gefunden, warum die Parteien sich inhaltlich immer nähergekommen seien. Alles laufe perfekt, denn da man für alle arbeite, setze man automatisch immer auf den Sieger. Die Euphorie dauerte nicht lange. Vor zwei Jahren rief Reder mich an und stammelte, es sei da etwas gründlich schief gelaufen. Die Wähler hätten gemerkt, dass sie von allen dasselbe bekommen und würden anfangen, sich abseits der großen Parteien zu organisieren und dumme Fragen zu stellen. Seine Kunden würden ihn anrufen und verlangen, er solle dafür sorgen, dass die Wähler wieder Vertrauen in die Politik hätten. Reder wirkte gehetzt, erschöpft und überfordert, jedoch hörte ich danach zwei Jahre nichts mehr von ihm. Bis gestern. Wann wir uns treffen könnten, es sei dringend, lautete die Nachricht. Er habe die Lösung für das Dilemma, in das ihn seine Kunden gebracht hätten. Gerade noch rechtzeitig, so kurz vor der Wahl. Er müsse dringend eine Idee für ein Produkt haben, um das sich alle Deutschen reißen würden. Wir können uns treffen, antwortete ich. Morgen, bekannter Ort.

Ein Kopfnicken zur Begrüßung, ich setzte mich Reder gegenüber auf die Bank. Er sieht nicht gerade entspannt aus, nestelt nervös mit der Linken in seiner Jackentasche und wischt dabei mit der anderen Hand versehentlich meine Autoschlüssel vom Tisch. „Nervenbündel,“ denke ich, als ich sie wieder aufhebe. Der Beruf wäre nichts für mich. Also, was gibt’s, frage ich, und er berichtet.

„Unser Problem war, dass die Wähler irgendwann merkten, dass unsere Agentur hinter allen Programmen, Reden und Gesetzen steckte. Das sollte eigentlich nicht passieren und warum machten sich die Leute überhaupt Gedanken über das, was sie von Regierung und Opposition gesagt bekamen? Das waren schließlich alles gut durchdachte und perfekt begründete Ideen, wozu sollte man da im Detail noch was ändern oder kritisieren? Bei uns sitzen schließlich Experten, die wissen was sie tun und die machen auch keine Fehler! Doch je mehr wir den Menschen die Entscheidungen abgenommen hatten, umso renitenter wurden sie. Projekt „Richtige Meinung“ wurde zum Desaster! Das kam soweit, dass wir manche kleinere Projekte gar nicht mehr starten konnten. Die Projekte „Richtige Autos fahren elektrisch“ und „Richtiges Fleisch ist Halal“ mussten wir kurz nach dem Start abbrechen, weil der BRBA unsere Argumente einfach abstieß…“

Ich muss nachfragen. „BRBA, was soll das sein?“

„Belehrungsresistenter Bevölkerungsanteil“, ein Fachausdruck, der die Teile der Bevölkerung beschreibt, die wir mit unseren Argumenten erreichen wollen. Wir kürzen das lieber ab. Jedenfalls hat es nicht funktioniert, obwohl die Wähler von allen Parteien dasselbe hörten, sich also gar nicht falsch entscheiden konnten! Manche Wähler wurden misstrauisch, weil alles zu perfekt war. Können Sie das begreifen? Zu perfekt!“

„Sie meinen, so wie im Film „Matrix“?“ unterbreche ich ihn. Er winkt verächtlich ab.

„Ja, könnte sein. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, dass er sich nicht frei fühlt oder sowas, wenn er nicht das Gefühl hat, wirklich eine Wahl zu haben.“

„Und diese Wahl soll er nun wieder bekommen? Ist es das?“

„Ach was, nein! Wozu soll das denn gut sein! Dann besteht die Gefahr, dass es zur falschen Entscheidung kommt oder zu keiner. Die Leute müssen aber mitmachen, freiwillig. Das ist wichtig.“

Ich nehme noch einen Schluck Kaffee, der schon langsam kalt wird und immer seltsamer schmeckt. „Warum ist das wichtig, manche Menschen interessieren sich eben nicht für Politik.“

„Je breiter die Zustimmung, umso eher sind die Leute geneigt, Entscheidungen mitzutragen, wenn’s mal brenzlich wird.“

„Mitgefangen, mitgehangen?“

„In gewisser Weise. Aber keine Sorge, wir passen schon auf, dass wir nur die richtigen Entscheidungen treffen, da kann nichts schiefgehen. Sie glauben mir doch, oder? Sie vertrauen mir?“

„Ich bin nicht sicher.“

„Na gut. Was würden Sie sagen, wenn es einen Weg gäbe, die Menschen durch ein Medikament dazu zu bringen, uns zu glauben und Vertrauen in die politische Führung des Landes zu entwickeln? Auf die Idee brachte uns Professor René Hurlemann von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Bonn, der durch die Verabreichung des Hormons Oxytocin bei seinen Probanden herausfand, dass sich deren Spenden- und Hilfsbereitschaft signifikant verbesserte. Der WDR sprach sogar von „wichtiger Forschung bei der Flüchtlingsfrage“! An diesen Forschungen konnten wir ansetzen um weitere, akzeptanzfördernde Mittel zu entwickeln.“

„Sie wollen das Zeug doch nicht ernsthaft im großen Maßstab…“

„Aber warum denn nicht? Die Entscheidungen, die die Menschen unter diesen Medikamenten treffen, sind doch schließlich die richtigen! Sie helfen freiwillig, sie spenden mehr und ziehen zudem ihnen völlig Fremde ihren Landsleuten vor. Und sie tun das alles auch noch von Herzen gern! Die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt. Im Laborversuch schafften wir es, den Probanden ein verklärtes Lächeln aufs Gesicht zu zaubern, wenn sie eine Parteitagsrede der Kanzlerin sahen. Vier mal hintereinander, unterbrochen nur von den Neujahrsansprachen! Ein Bescheid über die Verdopplung der GEZ-Gebühren löste in einer WG nur Zustimmung und Jubel aus und eine Familie bot drei Migranten aus dem Südsudan freiwillig das Zimmer ihrer 14-jährigen Tochter als Unterkunft an. Bei höherer Dosierung war ein Proband nicht mal mehr dazu zu bewegen, wegen eines Wohnungsbrandes das Haus zu verlassen oder die Feuerwehr zu rufen. Er ist lächelnd und ohne zu schreien in den Flammen verbrannt. Das ist der vorbildliche Bürger der Zukunft, der nicht wegen jeder Kleinigkeit sofort in Alarmismus ausbricht, sondern Vertrauen hat, selbstlos hilft und nicht an die Folgen denkt!“

„Das ist ja entsetzlich! Und es ist Betrug, nichts davon ist echt! Die Menschen handeln gegen ihren Willen, missachten ohne es zu wollen ihre eigenen Interessen und verhalten sich so, dass es ihrem Überleben eher abträglich ist! Man kann doch nicht jede negative Emotion für unrechtmäßig und unerwünscht erklären! Mit diesem Teufelszeug ist es doch nicht der Mensch, der entscheidet, sondern die Chemie!“

„Ach Papperlapapp, Chemie ist immer! Was glauben sie, wie Entscheidungen sonst zustande kommen. Hormone, Botenstoffe, Enzyme…alles Chemie da in ihrem Kopf. Wo ist da der Unterschied?“

„Ja, aber es ist meine Chemie, nicht ihre!“

„Das Ergebnis unseres Experiments ist aber pure gesellschaftliche Harmonie! Das ist der erste Schritt hin zur absoluten Gleichheit und sozialen Gerechtigkeit! Kein dummer, alberner „freier Wille“ mehr, keine Zweifel, kein Misstrauen! Die Regierung kann endlich und widerstandslos das machen, wozu sie da ist: sich intensiv um alle Belange der Bürger kümmern…“

„Das ist nicht die Aufgabe der Regierung! Die soll lediglich…“

„…nützliche Gesetze verabschieden – statt immer und immer wieder um das Vertrauen der Bürger zu kämpfen und wir können endlich unsere tollen Projekte umsetzen, von denen die Leute begeistert sein werden, wenn sie nicht mehr darüber entscheiden müssen.“

„Bis die Wirkung des Medikaments nachlässt. Was passiert denn dann?

„Das ist derzeit noch ein Problem. Die Eltern des Mädchens haben uns wegen gewisser Vorfälle verklagt, denn wenn das Medikament nicht regelmäßig eingenommen wird, wachen die Probanden mit üblen Gewissensbissen auf und können sich leider auch an jede ihrer Entscheidungen erinnern. Daran arbeiten wir aber. Und da kommen sie ins Spiel…sie müssen das Produkt so beschreiben und bewerben, dass die Menschen es nehmen wollen! Freiwillig! Wir stellen es auch kostenlos zur Verfügung.“

„Anders als ARD und ZDF, für die die Leute auch noch zahlen müssen?“ sage ich im Scherz.

„Na ja, im Grunde zahlen sie natürlich doch dafür. Indirekt, über die Steuern, aber das ist schon ok, oder?“

„Ja… ok, …glaube …ich.“

„Sehr schön! Wie sie bemerken, wirkt unser Mittel innerhalb von nur wenigen Minuten. Gibt’s nämlich nicht nur als Nasenspray, sondern auch in Tablettenform. Ich hab’ ihnen vorhin eine in den Kaffee getan. Etwas bitter, aber man gewöhnt sich daran. Sie machen sich also Gedanken über den Namen, ja? Bis morgen? Wir haben es etwas eilig, sie verstehen sicher…“

„Ich verstehe.“

„Und bitte, nehmen sie davon dreimal am Tag eine. Im Kaffee, wenn sie mögen.“

Er schiebt ein unbeschriftetes Röhrchen über den Tisch, steht auf und geht. Ich muss auch los. Muss mir Gedanken über einen Namen machen. Wenn ich nur wüsste, warum.

—*—

Um aus der Fiktion zurück in die Wirklichkeit zu kommen, hier ein Zitat aus dem WDR-Bericht:

„Es genügt, wenn Menschen zusammenkommen, zusammen tanzen, sich berühren und so weiter. Dann wird jede Menge Oxytocin ausgeschüttet. Und dann tritt auch der Fall ein, dass in Verbindung mit einem positiven sozialen Rollenvorbild Fremdenfeindlichkeit nachlässt.“

Falls die Begegnung nicht ganz freiwillig ist, wird aber leider Adrenalin ausgeschüttet. Das zu verhindern und chemisch durch einen positiven Effekt zu überlagern, hält der WRD für eine tolle Idee im Kampf gegen die Fremdenfeindlichkeit. Oxytocin wird in dieser Anwendung schnell zu Oxymoron. Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke. George Orwell wäre stolz auf euch beim WDR…und auf Forscher, die versuchen, die Akzeptanz von Migration chemisch zu optimieren.

Alpen, Almen, Antisemitismus

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Die Nazizeit hat besonders für Hollywood eine morbide Faszination, weshalb es nicht an filmischen Reminiszenzen mangelt, auch an solchen der durchgeknallten Art. Die Faschisten besiedeln im Film heute die Rückseite des Mondes oder das Innere der Erde, oder sie versuchen in Marvel-Comics als genetisch verbesserte Zombies die Weltherrschaft an sich zu reißen. Am liebsten glauben die Deutschen aber, dass die paar übrig gebliebenen Irren Weltansichreißer und Rassereinhalter nach Argentinien ausgewandert sind, oder sich in der „Colonia Dignidad“ ihren pädophilen Gelüsten nachgehen – ihre kruden Ideen, zu denen man auch gern den Antisemitismus in Gänze zählt, haben sie selbstverständlich mitgenommen! Hier und heute gibt es sowas nicht!

Doch ganz so einfach ist es nicht, wie wir immer wieder erkennen müssen. Schon die Urheberschaft des Antisemitismus können wir kaum den Nationalsozialisten andichten, sie waren es nur, die ihn zur Staatsdoktrin machten um aus einer konstruierten moralischen „Überlegenheit“ heraus effektiver Massenmorden zu können. Antisemitismus gab es bereits vor 1933 und leider auch noch nach 1945. Er wohnt in Islamisten, neuen Rechten, linken „Israelkritikern“ und Verschwörungstheoretikern aller Couleur – und neuerdings auch in Schweizer Hoteliers. Im schönen Arosa gelegen bietet das „Apartmenthaus Paradies“ entspannten Aufenthalt mit Alpenpanorama, gediegener Gemütlichkeit, Pool und Apartheit.

Ein Schild am Eingang zum Poolbereich klärt darüber auf, welche Menschen die Betreiber für schmutzig und absonderlich halten: „To our Jewish Guests, Woman, Men and Children, Please take a shower before you go swimming and althoug after swimming. If you break the rules, I’m forced to close the swimming pool for you. Thank you for understanding. – Ruth Thomas“

Wenn der dreckige Jude im Schweizer Hotel sich nicht benimmt, setzt es was! Auch für die Benutzung des Kühlschranks gibt es besondere Regeln nur für Juden: „For our Jewish guests: You may access the refrigerator only in the following hours: 10:00-11:00 and 16:30-17:30. I hope you understand that our team does not like being disturbed all the time.” Mal ganz abgesehen davon, was es für ein Bild auf ein Hotel wirft, dessen Personal sich von seinen Gästen „gestört“ fühlt, sind diese Aushänge seit langem das widerwärtigste, was ich an Alltags-Antisemitismus in Europa gesehen habe! Die fadenscheinigen Ausflüchte, die das Management auf Anfrage der „Times of Israel“ machte – man habe lediglich zwei Mädchen gemeint, die versucht hätten, ohne duschen in den Pool zu gelangen und diese hätten auf „normal Ansprache“ nicht reagiert, weshalb man zur „Gruppenansprache“ übergegangen sei, macht die Sache nicht besser, sondern schlimmer.

Dieser Vorfall und die Reaktion darauf zeigen wieder einmal deutlich, dass Antisemitismus nichts sein muss, für das man sich bewusst entscheidet und das man auch selbst so nennen muss. Es ist vielmehr ein gesellschaftlicher Virus, der latent vorhanden ist und der an oft unerwarteten Stellen zum Ausbruch kommt. Die Betroffenen merken häufig nicht einmal, dass sie Antisemiten sind und auch die Schweizer Hoteliers sind sich keiner Schuld bewusst. Hier hilft nur noch der weise Spruch des deutschen Alltagsphilosophen Dieter Bohlen bei der Einordnug: „Mach einem Bekloppten klar, dass er bekloppt ist!“

Nachtrag: Die Schilder wurden nach den massiven Protesten entfernt, das Management des Hotels äußert sich auf meine Anfrage leider nicht zu den Vorwürfen. Eine Entschuldigung hält man jedoch offensichtlich für überflüssig. Die Buchung des Hotels ist es damit aber in Zukunft auch.

Ein Requiem für den Diesel?

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„Die Bestrebungen, die zur Einschränkung des Wettbewerbs in einzelnen Produktionszweigen führen, sind in letzter Linie darauf gerichtet, das kapitalistische System der Marktwirtschaft durch ein sozialistisches System der Gemeinwirtschaft zu ersetzen. Es ist dabei ohne Belang, ob dieses Ziel von denen, die es anstreben, als Sozialismus angesehen wird oder nicht.“ (Ludwig von Mises)

Unser Chemielehrer schwenkte den Halbliterkolben bedächtig vor seinem Gesicht. Gelb-Braune Schlieren stiegen an der dünnen Glaswand hoch und kleine Bläschen blieben auf der Oberfläche der zähen, dunkelbraunen Flüssigkeit zurück, als er das Gefäß vor uns auf den Tisch stellte. „Das ist Rohöl. Aus Sibirien, um genau zu sein.“ waren seine Worte. In dieser Flüssigkeit war also der Stoff enthalten, den wir in unsere frisierten Mofas schütteten, wenn wir illegalerweise und noch ohne Führerschein über die Feldwege jagten. Manche Lehrer schaffen es, durch Leidenschaft und Expertise auch langfristig Fakten sogar in die Hirne pubertierender Jugendlicher zu löten und an diese Unterrichtsstunde kann ich mich noch gut erinnern. Da war zunächst der Fakt, dass Erdöl einer der wenigen Rohstoffe sei, die man zu 100% verwertet. Genügend technisches Know-How vorausgesetzt, gibt es bei der Verarbeitung von Erdöl keinerlei Abfälle. Und da war der Fakt, dass all die nützlichen Dinge, die im Erdöl enthalten sind, bei seiner Verarbeitung auch immer anfallen. Laienhaft ausgedrückt macht man unter dem braunen Gebräu ordentlich Feuer und lässt die Dämpfe von oben nach unten, von leicht nach schwer, an unterschiedlich temperierten Stellen kondensieren. So bekommt man Gas, Leichtbenzin, Benzin, das sogenannte Mitteldestillat (Kerosin, Diesel, Heizöl), Schweröle und zuletzt Bitumen. Da die Menschheit deutlich höheren Bedarf an den leichten Komponenten wie Benzin, Kerosin und Dieselöl hat, werden außerdem verschiedene Verfahren angewendet, um durch Druck, Katalyse und Zugabe von weiteren Stoffen die schweren, langkettigen Komponenten aufzubrechen (Cracking), und in leichtere zu verwandeln. So weit, so klar.

Hysterie und die Zusammenhänge

Immer neue Preisrekorde für Rohöl wurden Anfang der 2000er Jahre verzeichnet, begleitet von der medialen Panik, die Fördermengen würden bald komplett einbrechen, China würde den Markt demnächst komplett aufkaufen, und dessen steigender Bedarf würde, befeuert vom zweistelligen Wirtschaftswachstum, die Preise immer weiter steigen lassen. Die Zeiten billigen Öls seien vorbei, mittelfristig werde man wohl mit weit über 200 Dollar pro Barrel rechnen müssen. Im Juni 2008 lag der Preis bereits bei fast 150 Dollar und an den Tankstellen stöhnten die Autofahrer bei Preisen von über 1,70 Euro pro Liter, was umgerechnet bereits jenseits der „Drei-Mark-Zehn-Grenze“ aus dem Song von Marcus liegt. Fürsorgliche deutsche Politiker strichen dem deutschen Michel über den Kopf und sagten, „deshalb haben wir die Energiewende in Gang gesetzt, die uns bald in eine decarbonisierte, elektrische Zukunft tragen wird. Öl werden wir bald keins mehr brauchen, und weil es bald sowieso keines mehr geben wird, ist das auch gut so. Und das Weltklima wird Deutschland ganz nebenbei auch noch retten.“ Doch es kam bekanntlich anders.

Dem energieeffizienten Dieselmotor war zunächst die Rolle zugeteilt, die CO2-Bilanz Deutschlands etwas aufzuhübschen. Waren noch 20 Jahre vorher neben den Nutzfahrzeugen kaum ein paar Prozent Diesel-PKW unterwegs, kehrte sich das Verhältnis zum Benziner in manchen Fahrzeugsegmenten komplett um. Und noch etwas hat sich mittlerweile vollständig gedreht: War vor 15 Jahren noch der Strom die „billige Energie“, muss man beim Blick auf die aktuellen Benzinpreise an den Tankstellen feststellen, dass diese gerade der preiswerteste Teil unseres Energiebedarfs sind. Denn die durch diverse marktfremde Abgaben explodierenden Stromkosten werden kurioserweise ausgerechnet durch moderate Preise für unsere Mobilität aufgefangen. Dabei sollte das doch eigentlich nie wieder passieren! Das Öl hat gefälligst immer teurer und knapper zu werden, das hatten die Eingeweideleser und Experten für heiße Luft so verkündet! Doch die Energiewende mit Decarbonisierung und hin zur Elektromobilität scheitert gerade krachend, alle noch laufenden Modellversuche sind defizitäre, quersubventionierte Ideen aus Wolkenkuckucksheim, die man sich vielleicht in Norwegen schön saufen kann, weil man sie mit dem Verkauf von Erdöl bezahlen kann, überall sonst jedoch nicht. Gerade erst musste die neue Umweltministerin von NRW, Christina Schulze Föcking (CDU), den noch von ihrem grünen Amtsvorgänger angeschafften Dienst-Tesla ausmustern, weil dieser mit seinen knapp 300 km Reichweite den Anforderungen eines ministerlichen Dienstalltags in einem Flächenland wie NRW einfach nicht genügte. Wenn die Theorie nicht zur Realität passt, hat sich die Realität, dieses Miststück, noch nie auch nur ein Stück bewegt!

Diesel-Gate oder Diesel geht?

Wir müssen uns hier nicht darüber unterhalten, ob die Betrügereien der Auto-Branche bezüglich der Schadstoffwerte geahndet werden müssen. Was da ablief, ist kriminell und inakzeptabel. Wir sollten uns aber durchaus Gedanken darüber machen, wie in Europa Umwelt-Normen überhaupt zustande kommen und wie es sein konnte, dass zum Beispiel das Kraftfahrtbundesamt sich derart am Nasenring führen ließ und allem sein Plazet gab, was die Autobauer dort erzählten und zur Zulassung einreichten. Auch wäre es sinnvoll, sich ehrlicher mit der Thematik NOx auseinanderzusetzten, statt Lügen über Todesraten zu verbreiten, wie dies zum Beispiel die Tagesschau in einem alarmistischen Video tat, in dem man einer Studie der WHO kurzerhand die Zahl von 3.000.000 Todesfällen pro Jahr entnahm und zur Folge von NOx erklärte, obwohl die Studie dies so nie behauptete, sondern von Luftverschmutzung allgemein, von Feinstaub und den Folgen des Kochens und Heizens mit Holz und Kohle spricht und in Wirklichkeit auch noch auf keinem einzigen Totenschein die Todesursache „NOx oder Feinstaub“ zu lesen ist. Statistiken sind eben stark interpretative Werke, und wer auf der Entenjagd einmal hinter und einmal vor eine fliegende Ente schießt, kann sich eben nur statistisch auf einen Entenbraten freuen. Satt wird aber weder der Jäger noch der Fernsehzuschauer von derart zubereitetem Wildbret. Auch die Tatsache, dass die Stickoxide nicht sehr langlebig sind und durch Sonnenlicht wieder aufgespaltet werden, bleibt gern unerwähnt. Ebenso die Tatsache, dass auch die statistisch hochgerechneten Todesraten durch Luftverschmutzung seit Jahren kontinuierlich sinken. 2014 rechnet man noch mit sieben Millionen Tote, davon 3,7 Millionen durch Smog. In Europa werde die Luft außerdem immer besser sagte die FAZ damals – und das obwohl die Diesel-Autos damals noch völlig unerkannt die Luft verpesteten.

Im Moment wird der Dieselmotor als Sündenbock durchs Pressedorf getrieben und ich frage mich, was wohl eher eintreten wird: die Rückkehr der Vernunft oder die Forderung nach einem kompletten Verbot der Dieselmotoren. Die Diskussionen um Fahrverbote in Innenstädten lassen mich allerdings daran zweifeln, das wir zuerst wieder vernünftig werden. An die eingangs beschriebene Chemiestunde von vor vielen Jahren musste ich angesichts der aktuell grassierenden Hysterie denken und da die Deutschen dazu neigen, das Kind mit dem Bade auszuschütten, ist der Tag wohl wirklich nicht mehr fern, an dem einige besonders schlaue und progressive Aktivisten das totale Verbot des Dieselmotos verlangen werden. Da wir in Deutschland erprobt sind in Volten der grundsätzlichen Art, deren Umsetzung die Politik der Wirtschaft dann in planwirtschaftlicher Manier aufs Auge drückt, sollten wir diesen Fall ruhig schon mal auf theoretsch nachvollziehen, um zu sehen, was dabei herauskommen würde.

Die Frage, was zuerst da war, der Dieselmotor oder der entsprechende Kraftstoff, ist dabei entscheidend. Als Rudolf Diesel in Augsburg seine Experimente durchführte, probierte er so ziemlich alles aus, bis er ein Destillat für geeignet befand, aus welchem sich unser heutiger Dieselkraftstoff entwickelt hat. Bei der Herstellung von Benzin, Schmieröl und Petroleum ist dieses Zeug nämlich schon immer angefallen, nur fand man anfangs kaum Verwendung dafür. Das änderte sich mit den technischen Verbesserungen des Dieselmotors, der seinen Siegeszug aufgrund seiner Effizienz besonders in Nutzfahrzeugen, der Schifffahrt und später auch durch das etwas leichtere Kerosin in der Luftfahrt jede Menge Verwendung fand. Durch den rasch anwachsenden PKW-Bestand war der Anteil des Benzins bei der Verarbeitung von Erdöl jedoch erheblich größer. Erst als in den 90er und 2000er Jahren der Dieselmotor besonders in Deutschland vermehrt in PKW eingesetzt wurde und auch der Luftverkehr stark zunahm, stieg der Bedarf dieser „Mitteldestillate“ genannten Stoffgruppe erheblich an. Die Umrüstung der Raffinerien auf den neuen Marktmix dauerte etwa zehn Jahre und kostete Milliarden.

Die Frage ist, ob man zukünftig komplett auf die Herstellung von Diesel verzichten könnte, wenn der Motor verboten würde, der ihn benötigt. Die Antwort, welche alle kreischenden Umweltretter und NOx-Teufelsaustreiber enttäuschen wird, ist: Nein! Man kann es drehen und wenden wie man will, man kann die Anteile der Endprodukte variieren, man kann unter hohem Energie- und Kostenaufwand nachträglich unerwünschte Bestandteile weiter verarbeiten… man bekommt die Mitteldestillate jedoch nie auf null. Nicht mal annähernd! Es ist und bleibt einfach die mit Abstand größte Stoffgruppe. Die Frage wäre dann: was machen wir mit all dem Zeug, wenn wir den Dieselmotor verbannen? Wir könnten dann die Innenstädte wieder flächendeckend mit Petroleum-Laternen ausstatten, den Diesel in die Bohrlöcher zurückpressen oder gut gesicherte Endlager für Chemieabfälle in Gorleben bauen – abfackeln oder in die Wupper kippen geht ja wohl schlecht…

Die Zukunft

Für einige besonders „progressive“ Zeitgenossen kommt das Diesel-Desaster gerade zur rechten Zeit. Da sich die Zweifel an den elektrifizierten Zukunftsträumen nicht mehr so leicht ideologisch zudecken lassen, prügelt man umso heftiger auf eine bewährte Technologie ein und dämonisiert damit gleich noch den gesamten Individualverkehr. Denn der Traum, es könne individuelle Mobilität quasi sündenfrei und zum ökologischen Nulltarif geben, funktioniert nicht mal in der Theorie der Elektro-Mobilität, deren Ökobilanz noch verheerender ausfällt, als die des angeblich schmutzigen Dieselmotors. Der Diesel ist bei der beabsichtigen Abschaffung des Individualverkehrs deshalb nur der erste Schritt. Denn es würde infolge eines massenhaften Austausches von Diesel-PKW durch Benziner zwangsläufig als nächstes die erhöhte CO2-Erzeugung am Pranger stehen, während durch die Umstellungen in den Raffinerien und den gestiegenen Benzin-Bedarf gleichzeitig die Preise an den Tankstellen wieder steil aufwärts gehen würden – ein Trend, der dann die ebenfalls immer weiter steigenden Stromkosten im privaten Energiemix noch stärker ins Gewicht fallen lassen wird. Von der Frage, wie ohne Diesel der Güterverkehr auch nur ansatzweise zu bewerkstelligen sein wird, ganz zu schweigen.

Verknappung, Preissteigerung und politische Dämonisierung knabbern dann noch stärker an der individuellen Mobilität, was besonders auf dem flachen Land schnell zu spüren sein wird, wo die Verkehrsanbindung durch Öffentliche Verkehrsmittel schon aus Gründen der Wirtschaftlichkeit erheblich schlechter ist. Um mobil zu bleiben, müssen immer mehr Menschen in die Städte ziehen, besonders in die großen, was dort den bereits völlig aus dem Gleichgewicht geratenen Wohnungs- und Immobilienmarkt weiter aufheizt. Ein Teufelskreis, den man leichtsinnig und kurzsichtig in Gang gesetzt hat, immer in dem Glauben, etwas Gutes zu tun. Doch genauso wie ein Bio-Aufkleber aus einer Tütensuppe kein physiologisch wertvolles Nahrungsmittel macht, ist ein unbedachter staatlicher Eingriff in einen freien, funktionierenden Markt nichts Anderes als ein planwirtschaftliches Instrument, dessen Einsatz eine ganze Reihe anhängender Märkte gleich mit in den Abgrund reißen könnte.

Wenn der letzte Tank vernichtet,
weil der letzte Mensch verzichtet,
wenn Autos uns an Orte fesseln,
die Ladezeiten Tage fressen,
dann wird feststell’n jedermann,
dass Freiheit hat, wer fahren kann.

The Times, They Are a Changing…

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Als ich im März dieses Jahres über die Grünen schrieb, und sie als „Partei des schlechten Gewissens“ bezeichnete, hatte ich eigentlich vor, eine ganze Artikelreihe über sämtliche relevanten politischen Parteien folgen zu lassen, die in den nächsten Bundestag einziehen wollen. Es erwies sich aber als fast unmöglich, hinreichend viele Unterschiede zu finden, die mehrere Artikel gerechtfertigt hätten und ich wollte nicht absichtlich gegen meine Regel Nummer 1 – „langweile die Leute nicht“ – verstoßen. Deshalb habe ich letztlich alle Gedanken zu diesem einen Artikel zusammengefasst und vieles weggelassen. Zudem lässt sich das, was ich selbst mir von dieser Bundestagswahl erhoffe, auf diese Weise am besten darstellen.

Viele Wähler glauben heute schon recht genau zu wissen, was nach den Bundestagswahlen im September – deren Ausgang sowieso schon ausgemacht und sicher sei – passieren werde, und das frustriert sie. Die Wetten stehen derzeit gut für Schwarz/Gelb und falls das nicht klappen sollte, stehen die Sozialdemokraten selbstredend für eine weitere große Koalition bereit, die sie sich natürlich teuer abkaufen lassen werden – vielleicht wird Gabriel fordern, neben dem Amt des Vizekanzlers und Außenministers auch das Ministerium für Nachspeisen übernehmen zu dürfen. Sonst würde sich wenig ändern. Aber egal ob die Kugel auf gelb oder rot fiele, es bliebe doch die Kugel von Merkel. Weitere vier verlorene Jahre also. Ich sage Merkel, nicht CDU, weil das nicht dasselbe ist. Die CDU verliert auf jeden Fall. Das Land leider auch.

Es gibt einige Unwägbarkeiten in den Umfragen, die mir die aktuellen Zahlen als nicht sehr sicher erscheinen lassen. Da wären die überraschend guten Umfragewerte der Grünen zu nennen, die ich nach all den inhaltlichen Nullrunden und personellen Nullnummern eigentlich unter der magischen Fünf sehe. Die FDP wird es wohl schaffen, auch wenn Haltung und Auftreten des Spitzenpersonals dieser Partei mich als liberal gesinnten Menschen ziemlich enttäuschen und Christian Lindners Attitüde eher als Drehbuch für einen weiteren Film der Reihe „Ich, einfach unverbesserlich“ taugt (nur der Titel, nicht der Esprit), als für das Parlament. Der Wähler scheint aber vergessen zu haben, aus welchen Gründen er es 2013 für keine gute Idee gehalten hatte, die FDP wieder mit den anderen Parteien im Bundestag spielen zu lassen. Die Umfragewerte sind überraschend stabil, obwohl (oder gerade weil?) Lindner im NRW-Siegesrausch laut herausbrüllte „Wir werden uns nicht ändern, wir machen genauso weiter wie bisher!“ Na, wenigstens ein kleines bisschen liberaler hätten die Liberalen schon werden können, finde ich.

Gespannt bin ich auf die Handvoll AfD-Abgeordneten, die sehr wahrscheinlich dem nächsten Bundestag angehören werden. Ich bin nicht unbedingt ein großer Fan dieser Partei – auch wenn mir das gelegentlich nachgesagt oder vorgeworfen wird. Meine Artikel befassen sich aber eher mit der undemokratischen Auseinandersetzung der AfD-Gegner mit dieser Partei. Der Ton ist nämlich durchweg nur schrill, unsachlich und unwürdig, was die Kritiker weit mehr herabsetzt, als die Kritisierten – die Umfragewerte belegen das. Diese Erkenntnis in die bis zu den Ohren mit ideologischer Holzwolle gefüllten Köpfe der Politiker in den sogenannten „Altparteien“ hineinzubringen, erweist sich aber als extrem schwierig. Interessant wird die Sache deshalb, weil im Gegensatz zu den recht provinziellen Landesparlamenten, in deren 13 die AfD ja bereits sitzt, über den Bundestag sehr viel mehr Licht der Öffentlichkeit ausgebreitet ist. Parlamentarische Mittelchen der Ächtung, des Sitzungsausschlusses oder der Rüge somit viel transparenter sein werden, als anderswo. Es wird spannend sein, zu beobachten, ob Hände geschüttelt oder brüsk abgewehrt werden wie die von Leprakranken. Ob die gleichen Regeln – auch die der Toleranz und Kollegialität gegenüber dem politischen Gegner, auch für diese Abgeordneten gelten werden? Außerdem könnte ein wenig mehr Leben in die Bude kommen, wie es früher häufiger durch politisch unabhängige, parteilose Parlamentarier der Fall war, die dem heutigen von Kaderparteien geprägtem Politikbetrieb komplett fehlen. Abgeordnete, die ganz allein und als Direktkandidat ihres Wahlkreises und ohne Parteihilfe ins Parlament einziehen, braucht man derzeit nicht mal mit der Lupe suchen. Erika Steinbach als „Ausgetretene“ zählt hier nicht, auch wenn der unwürdige Umgang ihrer ehemaligen Kollegen mit ihr leider genau das belegt, was ich gerade über Toleranz und Kollegialität sagte.

Und die SPD? Kann Schulz es vielleicht doch noch schaffen? Dazu müsste Merkel schon die Grenze öffnen und eine Million Migranten, unter die ich ein paar Flüchtlinge mischen, ins Land lassen. Ach, ich vergaß: hat sie ja schon getan, ohne dass die SPD davon hätte profitieren können – sie beteiligte sich vielmehr selbst kräftig an dem Rechtsbruch. Ich kann auch ehrlich keinen meiner Daumen erübrigen, um den Sozialdemokraten durch kräftiges Drücken ein Quäntchen Glück zu wünschen, weil gut die Hälfte des Regierungspersonals, das meiner Meinung nach in den letzten vier Jahren unser Land in die Seife geritten hat, SPD-Inventar ist. Maas, Gabriel, Schwesig, Barley, Özoguz, Hendricks, Stegner…jeder dieser Namen ist untrennbar mit Gesetzen, Initiativen und „Bewegungen“ verbunden, die mit Demokratie nicht das Geringste zu tun haben und stattdessen an der Abschaffung derselben zugunsten einer staatlichen Bevormundungsdemokratur mit planwirtschaftlichem Antlitz arbeiten. Maas steht für Zensur, Stegner für die rhetorische Gosse, Gabriel für miese Laune und großspuriges Auftreten, Özoguz für eine schleichende, lächelnde Islamisierung, Hendricks für Inkompetenz und das Duo Schwesig/Barley für die Einführung eines würdigen Nachfolgers des Ministeriums für Agitation & Propaganda.

Fürst Frank-Walter I. entzieht sich als Staatsoberhaupt meiner Kritik nur deshalb, weil ich der Würde des Amtes entsprechend versuchen möchte, höflich zu bleiben. Sonst würde ich ihn für den Beweis der Wirksamkeit des „Peter-Prinzips“ halten, demzufolge man in einer Hierarchie immer nur solange aufsteigt, bis man die Stufe seiner absoluten Inkompetenz erreicht hat: Weitgehend unsichtbar im Amt – das ist auch schon das Beste, was man über ihn sagen könnte. Er eckt kaum an und schmutzt fast nicht, weshalb er für Angela Merkel ein weit bequemerer Grüßaugust ist, als es Gauck war – zumal er ja auch noch dazu nur selten grüßt. Hauptsache, die Flugbereitschaft wärmt die Turbinen für einen Kurztrip von knapp 100 km immer gut vor.

Bleibt noch die Linke. Die Gräben, die mich inhaltlich von dieser Partei trennen, sind jedoch breit, tief und mit brennendem Pech gefüllt. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Allerdings gibt es auch in dieser Partei den einen oder anderen Akteur, dessen Arbeit mich positiv überrascht – aber solche gibt es im Grunde in jeder Partei.

Und, was soll nun werden? Das fragen Sie sich doch gerade, oder? Gibt er keine Empfehlung? Nein! Nicht einmal die, überhaupt zur Wahl zu gehen, denn auch das muss jeder selbst entscheiden. Lassen Sie sich nicht einreden, wählen sei die edelste Bürgerpflicht und nur, wenn sie diese wahrnähmen, seien sie demokratisch qualifiziert und mündig. Wenn Sie nicht wissen, wen und weshalb Sie wählen wollen – lassen Sie es. Wenn die Kandidaten Ihres Wahlkreises Ihnen samt und sonders zuwider sind, dann gehen sie nicht zur Wahl! Es gibt andere Möglichkeiten: Wenn Sie nicht aktiv wählen wollen und am 24. September 2017 Zeit haben, melden Sie sich doch als Wahlhelfer oder Wahlbeobachter! Nach einigen bedenklichen Vorfällen bei den Landtagswahlen der jüngsten Vergangenheit müssen wir uns nämlich leider von der arroganten Vorstellung verabschieden, Wahlfälschungen wären nur etwas für Despoten und Diktatoren. Es gilt auch bei uns, lukrative Posten zu verteilen und Einfluss zu gewinnen! Ehrlichkeit ist oft – und leider auch in Deutschland – nur Mangel an Gelegenheit. Umgekehrt gilt natürlich das gleiche.

Changing the Script, not the Szene

Nach 68 Jahren, in denen es nur eine einzige Art des Regierens in Deutschland gegeben hat – nämlich die einer wie auch immer gearteten parlamentarischen Mehrheit – ist es höchste Zeit, mal etwas gänzlich Anderes auszuprobieren. Merkel wird wahrscheinlich so um die 38% erhalten und mit diesem Ergebnis sollte es die Union zur Abwechslung mal allein versuchen. In einer Minderheitsregierung! Ohne Koalitionspartner!

Wenn es so käme, würde endlich wirklich jede Stimme im Parlament zählen, bei jeder Abstimmung! Fraktionszwang würde obsolet, weil Streit in der Sache und ringen um Zustimmung aufgewertet würden und in diesem Kampf wäre eine widerwillige Fraktion der denkbar schlechteste Ausgangspunkt. Kein bequemes Durchwinken von dubiosen Gesetzesentwürfen mit sichereren Mehrheiten mehr, kein abgesprochener Anwesenheitsproporz, der es selbst einem Plenum von knapp 40 Abgeordneten ermöglichte, das NetzDG auf den Weg zu bringen, nachdem eine halbe Stunde zuvor bei der „Ehe für alle“ noch Vollzähligkeit herrschte! Ich will, dass die Regierung um jeden Euro, jedes Gesetz, jeden Rechenschaftsbericht im Parlament kämpft, sich Mehrheiten von Fall zu Fall verschaffen und überzeugen muss. Ich will, dass statt füllenden Textbausteinen, Parteitagsreden und klebrigem Eigenlob wieder eine leidenschaftliche, sachlich fundierte, zivilisierte und engagierte Rhetorik im Plenum herrscht und zittrige Mehrheitsverhältnisse eine Anwesenheitspflicht geradezu erzwingen. Jeder Minister und auch die Kanzlerin sollte, wenn sie das Parlament betreten, wachsweiche Knie haben, anstatt sich von einer zum Jubelchor mutierten Leibwache aus Fraktionsfreunden und Claqueuren getragen und beschützt zu fühlen. Alternativlose Politik wird es erst dann nicht mehr geben, wenn das Parlament seine Aufgabe, die Kontrolle der Regierung, auch mit Macht ausüben kann. Diese Macht besteht in dem kleinen, schönen Wörtchen „Nein!“ und der kurzen, knappen Frage „Warum?“.

Was sagen Sie? Handlungsfähigkeit? Das gehe so nicht und mangelnde Mehrheiten würden dazu führen, dass viele Gesetze es gar nicht durch das Parlament schaffen? Gut so! Vielleicht würden sie aber auch nur besser vorbereitet und viele legislativen Homunculi würden das Licht der Parlamente erst gar nicht erblicken, um danach mühsam in Karlsruhe totgeschlagen zu werden. Vielleicht hätten die Richter am Verfassungsgericht dann endlich mal Zeit, sich mit wichtigeren Dingen zu befassen. Ich will und kann nicht genau quantifizieren, wie groß der Anteil komplett überflüssiger Regelungen, Novellierungen und Gesetze sein mag, die der Bundestag nur deshalb beschließt, weil er die nötigen Mehrheiten mühelos zusammenbringt. Es sind aber mit Sicherheit viel zu viele – das Netzwerkdurchsetzungsgesetz ist das beste Beispiel dafür.

Aber wird es so kommen, wie ich es mir erhoffe? Bekommen wir mal zur Abwechslung eine Minderheitsregierung? Werden SPD oder FDP den Verlockungen widerstehen können, sich mit Ministerämtern, Staatssekretären und anderen Posten und Pöstchen zu versorgen? Ich denke an Schulz, Gabriel, Maas und Lindner und meine Hoffnung schwindet, dass diese sich mit ihrer Rolle als „einfache Abgeordnete“ zufrieden geben würden. Aber auch Frau Merkel wäre mit solch einer Situation komplett überfordert, hieße dass doch, auf der Weltbühne den Nimbus der eisernen Kanzlerin von Germanias Gnade einzubüßen und die „restliche freie Welt“ mangels Hausmacht nicht mehr führen zu dürfen.

Ich weiß natürlich nicht, wie es am Ende kommen wird, aber nun wissen Sie, warum ich gerade keinen Daumen für eine bestimmte Partei frei habe. Ich versuche, auf’s Ganze zu schauen und setze bei diesem Roulette darauf, dass die Kugel weder auf gelb, rot oder gar grün landet, sondern aus der Bahn fliegt. Über den Tellerrand schauen, kann ja manchmal hilfreich sein. Warum nicht gleich einfach mal über ihn drüber springen?

Angesichts der Headline darf der hier nicht fehlen:
Bob Dylan, The Times, They are a Changing.