Von Schornsteinen und Schweinen oder wie mir die Wurst ausgetrieben wurde

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Quelle: Bart1983 - Fotolia.com
Quelle: Bart1983 – Fotolia.com

Ich will von einer Abneigung berichten. Einer ganz ausgeprägten Abneigung. Weil sich diese dem Außenstehenden aber sicher nicht so leicht erschließt, werde ich einige Zeit vor dem auftreten dieser Abneigung mit meinem Bericht beginnen. Mit meinem Elternhaus. Eigentlich ist es ja das Haus meiner Großeltern. 1949 steht mit kleinen Ziegelsteinchen am Schornstein geschrieben. Mein Großvater hat es nach dem Krieg gebaut. Die Steine dafür stammten aus den Ruinen eines eingestürzten Fabrikschornsteins. Beste Klinker, kein einziger rechteckig, alles Trapeze. Zwar war der „Abbau“ dieser Steine illegal und es stand nur ein kleiner Bollerwagen zur Verfügung, um die Steine vom fünf Kilometer entfernten Abbaugebiet zu fördern und das ging auch nur nachts – aber es wurde geschafft. So war mein Großvater schneller mit dem Transport als die Russen, die – wenig wählerisch – alles vom zerbombten Werksgelände wegschleppten, was ihnen wertvoll erschien. Die Steine ließen sie meinem Opa.

In diesem Haus, in dem ich meine Kindheit verbrachte, regierte meine Großmutter. Emsig wie eine Glucke und stets mit Kittelschürze achtete sie darauf, dass ich immer brav aufaß. „… denk an die armen Kinder in Vittamm…“ sagte sie stets. Ich fand es sehr ungerecht, dass ich mehr essen musste, nur weil die Kinder in Vietnam nichts zu essen hatten, vermutlich, weil ich ihnen alles weg aß. Auch passte Großmutter auf, das ich im Winter nicht die hübschen Eisblumen am Fenster mit meinem Atem zum schmelzen brachte und dass mein Großvater nicht zu lange mit mir in der Werkstatt zubrachte, wo er mich im Umgang mit Hammer, Meißel und Säge schulte. Es hatte auch wenig Sinn aus mir einen Handwerker zu machen: Für meine Vogelhäuschen interessierte sich nie ein Vogel und meine Boote wollten auch nicht schwimmen.

Besonders aufgeregt war meine Großmutter (die zeit ihres Lebens am Straßenrand liegende Kohlen und Kartoffeln auflas) immer dann, wenn Schlachtfest war.

Wir hatten zwar nie Tiere, die größer als Kaninchen waren, aber auf „so ein fettes Schwein“ wollte man dennoch nicht verzichten – auf dem Dorf wurde das mit einem befreundeten Bauern geregelt, man „teilte“ sich die Sau. Er stellte sie in seinen Stall und zog sie gegen Bares auf. Geschlachtet wurde gemeinsam, dazu bestellte man dann den Scholz (so hieß unser Schlachter) ins „Waschhaus“.

Das „Waschhaus“ ist der Ort, an dem das Schwein dann in die Wurst kommt, sagte Oma. Ich war noch zu klein um dort zu helfen. Zumindest in den ersten Jahren. Aber da das Schlachten immer ganz toll war und Oma häufiger als sonst von den armen Kindern in „Vittnamm“ sprach und wie gut wir es hier doch hätten wo wir ja heute schlachten täten, wollte ich so bald wie möglich auch helfen.

So wurde ich also größer und es konnte losgehen. Wer schon einmal einen Freund oder Verwandten nach einer schweren Operation im Krankenhaus besucht hat, dort in ein sauberes Zimmer kommt und das zufriedene Lächeln der Schwestern („…er hat es gut überstanden“) und der Ärzte („…es gab Komplikationen, aber wir konnten einen Dingsbums an sein Bumsdings legen und nu isses gut“) gesehen hat, der mag sich gar nicht vorstellen, wie das ganze abgelaufen war und welcher Art die Komplikationen gewesen sein mögen. Das Ergebnis zählt. Das Ergebnis meiner bisher nicht selbst erlebten Schlächtereien war leckere Wurst mit dem Gütesiegel „hauschlachten“. Das war schon was und überhaupt besser als der Kram aus dem Supermarkt. „Da hat doch der Bäcker gewonnen“ sagte unser Metzger verächtlich mit Blick auf die mutmaßlichen Inhaltsstoffe dieser Art „Wurst“. Nun aber sollte ich die Komplikationen kennen lernen.

Das erste Problem war, dass das Schwein nicht so einfach in die Wurst hineinwollte. Darüber hatte ich mir nie Gedanken gemacht. „Das ist dann tot“, sagte Oma „und dann kommt es in die Wurst“. Der Metzger half dem Schwein mit einem Bolzenschussgerät beim Sprung in die Wurst und ich rannte entsetzt davon. Oma scheuchte mich wieder zum Richtplatz, wo mir der Metzger einen Quirl in die Hand drückte und „kräftig rühren!“ brüllte. Ich rührte also. Blut rührte ich. „Schneller, stärker, mach das richtig!“ brüllte der Metzger. „Du verdirbst es – da muss ordentlich Schaum drauf!“. Das war dann doch zuviel. Ich floh erneut, diesmal an meiner enttäuschten Oma vorbei.

Beim nächsten Mal wollte der Metzger meine Hilfe nicht mehr. „Der kann ja nicht mal’n Karnickel schlachten“ bemerkte er abfällig. Ich fand mich mit meiner Rolle als „halber Mann“ ab.

Das alles passierte, als ich etwa zehn Jahre alt war und deshalb verschwand das Erlebte auch langsam aus meinem Gedächtnis. Als mein Vater mich, viel viel später, in den Semesterferien fragte, ob ich ihm denn nicht helfen könne, beim schlachten, stellte ich dann auch nur zwei Bedingungen. Erstens, nicht im „Waschhaus“ und zweitens: Ich rühre kein Blut!

Das sei kein Problem meinte mein Vater. Der Metzger (ein anderer diesmal) würde bei sich zu haus ein eigenes Schlachthaus haben und Blut rühren… nein, das könne ich mir doch aussuchen. Und überhaupt solle ich nur immer an die schöne hausschlachtene Wurst denken dann würde das schon gehen.

Wir kamen halb sechs Uhr morgens am Schlachthaus an. Ich war müde und fühlte mich ziemlich flau. Gefrühstückt hatte ich in anbetracht des anstehenden Gemetzels nichts und der Hinweis meines Vaters, ich könne ja nachher „naschen“ verengte meine Speiseröhre zusätzlich. Es gab nun kein Zurück mehr, ich hatte zugesagt. Fortlaufen ging auch schlecht, denn wir waren irgend wo auf einem Dorf, das ich nicht mal kannte. Und im Alter von 20 Jahren vor einem toten Schwein davonlaufen ging schon überhaupt nicht. Ich redete mir also ein, das würde schon alles nicht so schlimm werden.

Wir begrüßen erst mal den Mezger. Klein ist er. Und dick. Gummistiefel, weiße Kittelschürze aus Quietschgummi und ein seltsam weicher, schwammiger Händedruck. Möglicherweise alles Innungsmerkmale. Vater erklärt in kurzen Worten meine Blässe, „…das der mir ja nicht umkippt“ murmelte der Metzger, „nein nein…“ beruhigt ihn mein Vater. Ich sagte nichts.

„Verabschiede dich schon mal von der Sau“ spricht der Meister und meint hoffentlich das Schwein. Er verschwindet mit meinem Vater um das Geschäftliche zu klären. Ich bin also mit der Sau allein. Sie in ihrem kleinen Käfig, ich mit meiner großen Angst. Ich habe der Sau irgend etwas erzählt, das steht mal fest. Vielleicht wollte ich sie beruhigen, sicher aber mich. Solange zumindest bis der Metzger mit großen Schritten auf uns zukam. Nun redete die Sau. Nein, sie schrie! Sie wusste Bescheid!

Die Augen des Metzgers leuchteten, als er die Sau an einer Vorderpfote festband und den Käfig öffnete. Sie wollte wegrennen, konnte aber nicht. Der Metzger hatte den Strick durch einen Ring im Mauerwerk gezogen und war nun doppelt so stark wie eine Sau. Er zog das Tier an die Wand, holte flink wie Copperfield das Schussgerät hinter seinem Rücken hervor und noch eh ich richtig sah, was er damit vorhatte gab es ein trockenes „Plopp“ – eine Mischung aus Stahlfeder-Entspannung und Knochen-Knirschen. Die Sau stand aber noch und musste umgeworfen werden. Was nun kam hatte ich wegen meiner hastigen Flucht in Kindertagen nicht mitbekommen: Das Tier zitterte! Heftige Krämpfe schüttelten die Sau, die offenbar immer noch nicht in die Wurst wollte. Kommandos wurden gerufen. Der Metzger sah das Entsetzten in meinen Augen und stellte mich vor eine grausame Wahl „festhalten oder Blut rühren“. Ich wollte das Tier auf keinen Fall berühren müssen, also wählte das, was ich kannte: Immer schön Schaum drauf! Sicher noch etwas blasser als eben noch rührte ich also Blut. Der Mörder holte sein Messer heraus, durchtrennte der Sau die Halsschlagader und lies die dampfende Flüssigkeit in einen Eimer laufen, den ich mit meinem Quirl malträtierte als könne er etwas für den Tod des Schweins und meine Lage. Meine innere Wut über meine Blödheit, mich auf die Scheiße eingelassen zu haben (freiwillig noch dazu) hielt mich davon ab, dem Metzger auf die Schürze zu kotzen. Anschließend zwei oder drei Korn zur Betäubung und frische Luft in einigen Metern Entfernung.

„Weiter geht’s, wir sind nicht zum saufen hier“ ruft der Meister von Eisbein und Schwarte. Ich folge ihm brav ins Schlachthaus.

Wabernde feuchte Wärme schlägt mir entgegen. Heiß muss es sein in so einem Schlachthaus. Die Kessel dampfen. Die Sau liegt ausgestreckt auf dem Tisch und wartet auf ihre Obduktion. Kochendes Wasser wird herbeigeholt und über das Tier geschüttet. Abbrühen nennt der Metzger das. „Die Borsten müssen runter“ sagt er etwas netter und drückt mir einen Trichter aus Messingblech in die Hand – „so macht man das“. Er schabt mit geübter Hand auf dem Schweineleib herum und sagt, ich solle mir das Kopfende vornehmen.

Der Geruch ist fürchterlich, aber die beiden Schnäpse beginnen zu wirken. Ich schabe. Liebevoll, vorsichtig. In meinem Morgenrausch frage ich ihn dann auch noch, ob es denn keine anderen Arbeiten für ein Weichei wie mich gäbe, so etwas wie Zwiebelschälen, Tütchen mit „MaggiFix für Blutwurst“ aufreißen oder das Telefonbuch vorlesen. Dem Metzger missfallen meine Rede, mein Arbeitstempo und wohl auch meine Demut vor der toten Sau. Er brummt nur und sucht offenbar nach neuen Gemeinheiten.

Ähnlich flink wie vorher mit dem Bolzenschussgerät ist er mit seinem Messer herbeigeeilt und mit geübtem Griff schnippelt er ratz-fatz ein Auge des Schweins heraus, mit dem die Sau mich eben noch beim schaben beobachtete. Die beiden Körner halten es nicht mehr in meinem Magen aus und ich stürze nach draußen.

Nachdem ich die verlorenen Schnäpse durch neue ersetzt habe und wieder etwas bei Atem bin, gehe ich wieder zum Schweinemörder. Nein du Arsch, ich werde nicht aufgeben! Ich steh das durch!

„Empfindlich, was?!“ sagt er zur Begrüßung. „Nee, geht schon. Kam nur etwa überraschend.“ gab ich zurück. Das hätte ich besser für mich behalten, denn nun sann er nach anderen Härtetests.

Die Sau wurde an den Hinterbeinen bis unter die Decke gezogen. „Stell dich hierher“ befahl der Metzger, während er mit seinem Messer einen schnellen Eröffnungsschnitt vom „Schambein bis zur Kinnwurzel“ vollführte. „Auf die Platte damit!“ Noch bevor ich fragen konnte was denn auf die Platte müsse, kamen mir auch schon die Innereien des Tieres entgegen, die er fachmännisch und unheimlich schnell aus der Bauchhöhle ausräumte. Das Gefühl, bis zu den Unterarmen in wabbelig weichen, warmen Schweineinnereien zu stecken, die noch keine Stunde vorher den letzten Pfurz getan hatten, war der Höhepunkt des Tages. Ich schaffte es aber „auf die Platte“, bevor ich mich zurückzog um den beiden Körnchen noch ein weiters hinzuzufügen und war somit schon vor sieben Uhr natterhart.

Von da an prallten die Späße des Metzgers von mir ab, zumal er seine Gemeinheiten nicht mehr steigern konnte (oder wollte: denn das reinigen und „wenden“ der Därme mir Amateur zu überlassen ging wohl über seine Berufsehre).

Eher teilnahmslos schnitt ich noch einige Zeit irgendwelche Teile in kleine und größere Stücke – wobei ich mich dauernd in die Finger schnitt. Das war aber nicht die Schuld des Alkohols! Die Messer waren wirklich derart scharf, dass die kleinste Berührung der Klingen sofort schnittige Folgen hatte. Ich sah anderentags aus, als hätte ich Wolverine im Fingerhakeln herausgefordert.

Der Metzger warf mich schließlich aus seinem Tempel weil ich es gewagt hatte, diesen durch essen einer Scheibe Brot zu entweihen. Da würde die Wurst schlecht meinte er. Auch gut. Draußen fühlte ich mich wohler und zwei Stunden warten bei minus 4 Grad sind ein kleiner Preis für frische Luft.

Als ich am nächsten morgen im Zug zurück an die Uni saß, konnte ich meinen Geruch nicht ertragen. Duschen, baden, wieder duschen – alles half nichts. Ich war Wurst. Es kam aus jeder Pore! Zumindest glaubte ich das. Denn jeder, den ich in den nächsten Tagen zum Geruchstest aufforderte sagte nur „du spinnst!“.

Der „Geruch“ verging nach einigen Tagen, der Ekel blieb. Ich kann bis heute keine Wurst essen, die das Prädikat „Hausschlachten“ trägt. Wurst mit Blut drin schon gar nicht. Am besten überhaupt keine Wurst. Und wenn, dann muss es eine Sorte sein, von der unser Metzger Scholz einst verächtlich meinte, darin hätte „der Bäcker gewonnen“.

Warum Vanilleeis mein Lieblingseis ist

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Quelle: fotolia.de
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Vor vier Tagen brachen wir von Alice Springs auf. Die sommersprossige Dame in der Mietwagenfirma runzelte zwar etwas die Stirn, als wir ihr unsere geplante Strecke auf der Rückseite des Mietvertrages skizzierten, sah aber letztlich doch von einer höheren Kaution ab. Allrad wollten wir sowieso nehmen. Noch Vorräte, Wasser und Diesel für eine Woche kaufen, beim Parkranger ordnungsgemäß abmelden und los geht’s. Ich hätte mich nie darauf einlassen sollen.

Es ist November und der Sommer im vollen Gange. Vor uns liegen 500 km „Simpson desert“, eine der trockensten Orte dieses Planeten. Der „eyre creek“, der im Frühling reißende, gelbbraune Schlammassen am östlichen Rand der wüste vorbeiführt, ist im Sommer restlos ausgetrocknet. Diesen „Flusslauf“ zu finden sollte nicht schwer sein. Von dort sind es nur noch etwas weniger als 40 km bis nach Birdsville, wo wir unser getreues Landrover-Ross auf einen Zug laden können. Die restlichen 1.470 km bis Brisbane sitzen wir dann bequem auf „einer Backe ab“.

So weit der Plan. Veranschlagt sind acht Tage für diese Reise. Nicht etwas, weil das wirklich so lange dauern würde, sondern weil wir vorhaben, zu trödeln: Die Steinformationen der Wüste, Fotos und Filmaufnahmen vom Sonnenauf- und -untergängen. Ungestörtes „in-sich-hinein-horchen“ inklusive.

Wenn ich jetzt nach innen lausche, höre ich nichts. Alle meine Innereien haben sich zu einem Klumpen zusammengeballt, der in meiner Vorstellung Form und Konsistenz einer Backpflaume hat. Heute ist der sechste Tag, erst in zwei Tagen wird man beginnen, nach uns zu suchen. Davids vorwurfsvoller Blick ist kaum noch zu ertragen. Aber wir schauen uns seit zwei Tagen eh kaum noch an. Dem Schock und der Lähmung folgte ein mehrstündiger Streit, der in einem großen Schweigen endete. Seitdem laufen wir schweigend einfach weiter. Ich versuchte anfangs, meine Ironie (und damit mich selbst) am Leben zu halten, indem ich, gespickt mit bissigen Kommentaren, die Hinweise auf der Rückseite der Autokarte vorlas. „whatever happens, don’t leave the car. aid is on the way.”

„Hätten wir das getan,“ sage ich, „wären wir jetzt vielleicht schon tot. Ich werde mich bei diesem Verlag beschweren.“ David kommentiert mich nicht mehr. Er hört mir sicher nicht einmal mehr zu. Ich hätte nicht gedacht, wie schnell der Durst beginnt, einem den Nerv abzunagen. Besonders dann, wenn man sich nicht einreden kann, dass hinter der nächsten Straßenecke ein Lokal wartet. Ich hab’s versucht. Aber hier ist kein Lokal. Nicht einmal eine Strasse. Nur Steine, Staub und Kies. Ich betrachte Davids Haar. Am Anfang unseres Marsches war es schweißnass. Immer wieder wischte er sich mit beiden Händen durch das Haar und brachte so den Schweiß aus seinem Gesicht dorthin. Er sah aus, als käme er direkt aus der Dusche. Jetzt sieht er struppig aus. Staubig. Auch sein Gesicht. Er schwitzt auch nicht mehr. Gut, dass wir keinen Spiegel haben. Mein Gesicht will ich jetzt lieber nicht sehen.

Wir fuhren abwechselnd. Kreuz und quer durch die Wüste. Groß, frei und stark fühlten wir uns mit unserem GPS-System, dass uns auf 10m genau sagte, wohin wir uns gerade hatten treiben lassen mit unseren Wasservorräten, den griffbereiten Schokoriegeln. Unter der Glocke unserer Klimaanlage konnte man es gut aushalten. Wenn wir nachts unter unseren Moskitonetzen unter den Sternen lagen und die Hitze der Erde durch die Schlafsäcke spürten, wussten wir doch, dass wir uns am nächsten Morgen wieder in unser Raumschiff verkrümeln konnten. In Wirklichkeit waren wir noch nicht angekommen auf dem australischen Wüstenplaneten.

Wir laufen, schleichen. Es ist kurz vor vier, der Tag hat seine größte Hitze erreicht. Die Einsilbigkeit des Wortes ‚Durst‘ gibt den Takt der Schritte vor. Links, rechts, Durst, Durst… wie konnte das nur passieren? Die Einöde der Wüste gab uns doch tagelang festen Halt für die weichen Räder unseres Rovers. Als wir vor drei Tagen die Felsgruppe der ‚red pillow mountains‘ erreichten und uns zu Fuß an den Aufstieg machten, war unsere Welt noch in Ordnung.

Beladen mit Kameraausrüstung und Schlafzelten nächtigten wir an der Südseite eines kleinen Hügels, um am Morgen den Sonnenaufgang über den ‚red pillows‘ zu filmen. Es war eine unruhige Nacht. Wind kam auf und wurde zum Sturm, aber so ist es hier oft.

Die Überraschung kam am Morgen. Fertig mit den Filmaufnahmen liefen wir zurück zum Rover. Aber da war kein Rover. „Sind wir hier richtig?“ Fragte David, „vielleicht weiter da drüben?“. Er macht eine flüchtige Handbewegung und schaut mich mit einem hämischen Lächeln und hochgezogenen Augenbrauen an: „Hast du mal wieder die Orientierung verloren?“.

Nein, das hatte ich nicht. Meine Hand glitt in die Hosentasche. Ich bemühte mich, nicht so auszusehen, als suche ich etwas. Aber ich suchte. Fieberhaft. Ich sprang in Gedanken rückwärts durch die Nacht und zurück durch die Zeit. Das Auto. Ankommen, räkeln, Kameras auspacken, den schwarzen Stein dort drüben mit einem persönlichen Wasserzeichen versehen…der Schlüssel! Ich hatte ihn stecken lassen!

Wir hatten den Dieb nicht kommen hören. Der Sturm pfiff uns um die Ohren und wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, uns für den bevorstehenden Sonnenaufgang wach zu halten. Spuren hatte der Rover nicht hinterlassen können. Nichts als grober Kies ringsum. Feinere Spuren hatte der Wind längst gefressen. Und selbst wenn wir welche gefunden hätten, wie sollten wir den Räuber einholen? Hoffnungslos.

Der eyre creek liegt schon seit heute Morgen hinter uns. Wir hofften, dass dieser tote Fluss uns wieder erwarten doch etwas Wasser geben könne, aber stattdessen bettelte uns jede Furche des trockenen Flussbetts um einen Tropfen Schweiß an. Nichts. Nicht einmal ein schlammiges Loch. Wie hatte ich mir ausgemalt, wie ich den Schlamm in mein Shirt legen werde. Ihn langsam auspressend klare, köstliche tropfen Wassers meine Kehle herunterlaufen zu lassen. Aber wir laufen weiter. Das Shirt, das ich als Wasserfilter benutzen wollte, erfüllt längst einen anderen Zweck. Da wir nichts von unserem Equipment hatten (außer der kompletten Kameraausrüstung, die wir wegen ihrer Nutzlosigkeit bei den Felsen zurückgelassen hatten), fehlte uns jeder Sonnenschutz. Anfangs band ich das Shirt als Turban um meinen kopf, was einen höllischen Sonnenbrand auf Schultern und Rücken zur Folge hatte. Ich zog es wieder an, konnte den Stoff aber wegen des Sonnenbrandes nicht ertragen. Jetzt trage ich ein abgerissenes Teil des Stoffes als Mundschutz, um das unerträgliche austrocknen meines Rachens zu verhindern. David macht es ebenso. Zwar atmet es sich schwerer, die Feuchtigkeit wird aber besser zurückgehalten.

Unsere Bewegungen sind mechanisch geworden, der Durst übermächtig. Die Hitze des Landes legt sich wie ein großer schwerer Teig über uns, lässt uns nicht los. Jedes bisschen Luft und Leben muss dem Teig abgerungen werden. Jäh durchfährt mich ein Gedanke: ‚woher weißt du, ob du in die richtige Richtung geht’s?‘. Ich brauche Minuten, um gegen meinen Puls und meine innere Verzweiflung anzukämpfen. ‚Der Weg ist richtig. Wir gehen immer noch in Richtung Osten. Du bist Segler und Amateurastronom, auf deine Navigation ist verlass!‘. Meine innere Stimme gewinnt den Kampf, wenn auch nur knapp. Ich kann wieder in meine laufende Gleichgültigkeit verfallen, das hilft, ich lebe weiter.

Wie aus dem Nichts taucht ein Autowrack vor uns auf. Ein Käfer der alten Art. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, unter dem Deckel des Kofferraums nachzusehen, ob nicht von dem Wasser der Scheibenwaschanlage etwas übrig geblieben ist. Vor dem Autowrack stehend male ich mir aus, wie es wohl schmeckt, das Wasser. Waschanlagenzusatz mit Zitronenduft. Limonadengeschmack. David ruft „Roger, da!“. Dieses Satzfragment werde ich nie vergessen. Und schon gar nicht das Gefühl, welches mich überkam, als ich den Kopf von der rostlosen Oberfläche des Käfers hob und Davids Arm gen Horizont folgte. Da steht ein Haus! keine 500 Meter von uns entfernt. Kaum 50 Meter vor uns schickt sich eine Strasse an, unseren Weg zu kreuzen. Kein Asphalt, nur Staub. Aber Staub, der in wunderbarer Regelmäßigkeit von Nord nach Süd ausgerichtet ist. Oh wunderbare Zivilisation! Das Haus wir größer, wir laufen schneller. Eine Tankstelle, ein Motel. Menschen. Wasser!

Eine Vorstellung ergreift Besitz von mir und lässt mich nicht mehr los. Ich trete durch die Eingangstür, gewahre rings an den wänden Reklame für Bier und Cola, Schokoriegel und Schmieröl, Eis. Eis! Ja, das wäre jetzt was. Eis. Ich sehe die Schöller und Haegendasz-Schilder vor mir. Blau, in Folie laminiert. Mit schwarzem Edding sind die Preise darübergeschrieben. Eis, ja, das wär jetzt was. Ich sehe mich samt staubverkrusteter Klamotten in einer Viehtränke liegen, eisleckend.

Noch bevor ich zu ende träumen kann, stehe ich in der Tür. David ist irgendwo hinter mir. Wenn ich den Geräuschen glauben kann, hat er die Viehtränke schon gefunden. Er grunzt. Ich kann zunächst nicht viel erkennen. Meine Augen sind an die hier herrschende Dunkelheit noch nicht gewöhnt. Umrisse, schemenhaftes. Ein Tresen, ja, ein Barkeeper dahinter. Vielleicht ein Mann. Rechts stehen Tische, alle leer. Ein Spielautomat an der anderen wand glotzt mich blöde an und gibt glucksende Laute von sich. Von dort kommt das einzige Licht in diesem Raum. Doch halt, das stimmt nicht ganz. Links, ich kann schon etwas besser sehen, erkenne ich ein etwa zwei Meter hohes Gerät. Eine Softeismaschine.

Die Eismaschine summt ein beruhigendes Lied. Es hebt sich deutlich ab von allen anderen Geräuschen in diesem laden. Vom Kühlschrank kommt ein sanftes Dauerklirren, als schlügen im Inneren leere Kräuterlikörfläschchen gegeneinander. Das vibrieren des Kühlschrankes kann man schon an der Tür spüren. Die ausgetretenen Dielenbretter, die aussehen, als hätten sich alle Tiger der Welt daran die krallen geschärft, übertragen den Schall.
Die Eismaschine beruhigt aber, so schwer und mächtig steht sie im Raum. Links oben glimmt ein kleines grünes Lämpchen unter dem steht: „ready“. Das Lämpchen flackert in unregelmäßigen abständen als müsse die Maschine immer wieder in ihren laktatgefüllten Eingeweiden nachschauen, ob wirklich alles in Ordnung sei. Vielleicht überlegt die Maschine es sich aber auch noch anders.
Ich muss nicht mehr überlegen. Meine linke Hand gleitet in die Hosentasche und umklammert die letzte münze, die mir noch verblieben ist. Da meine Augen sich an das Dunkel in dem Café gewöhnt haben, ich gehe einige schritte auf die Eismaschine zu. Der Typ hinter der Bar (es ist kein Mann, sondern eine Frau unbestimmbaren Alters mit einem ‚hol-mich-hier-raus-blick‘, wie ich ihn sonst nur in Motels im mittleren Westen der USA gesehen habe) schaut mich an, als käme ich vom Mars. Nun, von dort komme ich auch. Gewissermaßen.

Ich sollte jetzt etwas trinken. Wasser ab besten. Stattdessen deute ich wortlos auf die Eismaschine, lege die Dollar-Münze auf den Tresen und ziehe meine Hand wieder weg. Meine Augen bleiben auf der Eismaschine haften, so als müsse ich genau prüfen, dass der nachfolgende Zapfvorgang auch mit rechten Dingen zugeht.

Der dauert eine Ewigkeit. Mein Gehirn befiehlt indes meinem Mund, Speichel zu bilden, in Erwartung dessen, was gleich auf ihn zukommt. Es klappt nicht. Lediglich ein unerträgliches ziehen, dass zum Krampf wird, erfasst den Bereich von Mandeln bis zu den Schläfen. Ich drücke mit beiden Händen fest gegen meine Wangen, um den Krampf zu brechen.

Die Barfrau ist fertig mit dem Eis. Unendlich langsam dreht sie sich zu mir um und reicht mir den Becher. Ich lasse ihn auf dem Tresen stehen, um ihn nicht in meine zitternde Hand nehmen zu müssen. Es ist mir plötzlich peinlich, direkten Fußes aus der Wüste zu kommen, in der wir durch meine Schuld unser Auto verloren haben. Ich versuche also zu wirken, als sei ich nicht ein gestrandeter Tourist, sondern ein Arbeiter, der gerade von einer sehr anstrengenden und staubigen Arbeit kommt. Der erste Löffel ist Schmerz. Mein Gaumen akzeptiert den Temperaturunterschied nicht, ich kann nicht schlucken. Es vergeht fast eine Minute, bis das nun aufgelöste Eis meine Kehle hinunter rinnt.

Zwei Löffel weiter löst sich der Krampf. Nun beginne ich auch, etwas zu schmecken.

… ich sollte die Geschichte zu ende erzählen

Die halbverlassene Truckstation, die wir durch Zufall fanden, liegt nur etwa 20km von Birdsville entfernt. Es gibt dort ein Funkgerät und schon am nächsten Tag haben wir Besuch vom örtlichen Ranger. Leider funktioniert die umgekehrte Ortung des Autos per GPS nur, wenn das Gegerät auch eingeschaltet ist, was es aber nicht war. das kleine Gerät, kaum größer als ein Handy, hatte den Dieb offenbar nicht interessiert. Mit Sicherheit brauchte er es auch nicht halb so dringend wie wir. Er dachte gar nicht daran, es zu benutzen! So also konnte der Bösewicht nicht gefunden werden.

Von Birdsville aus schickte die Polizei ein kleines Flugzeug los, das Auto und den Strolch zu suchen. Unsere Dieselvorräte waren ja begrenzt und so viele Tankstellen gibt es nicht in dieser Gegend. Er konnte also noch nicht so weit sein. Man fand unseren Rover noch am selben Tag – allerdings ohne Dieb – umgekippt unter einer Böschung liegend. Der Dieb hatte offenbar nicht lange Fahrspaß, denn diese Böschung lag nur etwa 50km von unserem Nachtlager entfernt. Auch Allradfahrzeuge kippen irgendwann um, wenn die Steigung zu groß ist und der Fahrer sich mit solchen Dingen wie Sperrdifferenzial (ich weiß bis heute noch nicht was das ist, außer das es gut ist an Böschungen) nicht auskennt.

Vieles war zerdrückt, auch die Heckscheibe. Der Rahmen war verzogen und die hinteren Türen klemmten. Außerdem war alles Bare verschwunden. Aber sonst hatten wir wirklich noch Glück: Vollkasko. Gott sei Dank wollte die Mietwagenfirma in Brisbane nicht wissen, wie der Dieb an den Schlüssel kam. Vielleicht wollte man sich bei uns Touries auch nur um Wiedergutmachung bemühen. Wir erzählten dort jedenfalls in den empörtesten Tönen nur etwas von „… einfach geklaut, einfach so!“ Und die waren’s zufrieden.

Insgesamt hatten wir nur etwas mehr als A$ 400 verloren und lebten immerhin noch. Die Reiseschecks waren auch noch da. Mit Hilfe des Rangers holten wir das Auto wieder auf die Füße und flickten es an der Truckstation einigermaßen wieder zusammen. Die hinteren Türen brauchten wir eh nicht und die Heckscheibe wurde mit einer plane verklebt.
unsere Kameraausrüstung holten wir auch wieder ab. Nichts fehlte. Misstrauisch fuhr der Ranger mit seinem Auto jetzt aber immer voraus, fast so als wolle er uns ‚Brüder Leichtsinn‘ auf keinen Fall aus den Augen lassen. „Die wherever you want, but not in my desert. But not in my desert!“

David spricht auch wieder mit mir. Den Rest dieses verfluchten Ausfluges verbrachten wir im Zug bis Brisbane und genossen die Langeweile. Die nächste Woche sollte dem Wassersport gehören, kein Gedanke mehr ans verdursten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Auflösung

Die Geschichte ist natürlich vollständig fiktiv, Sie haben es sicher schon gemerkt. Sie ist Ergebnis eines kreativen Experiments, dass ich früher gern verwendete, um angehenden Textern das Schreiben in vorgegebenen Kontexten näher zu bringen. Das Experiment geht so: Schreiben Sie auf kleine Zettel jeweils einen Begriff. Das kann ein Ort, der Name einer Person, ein Gegenstand oder sonst was sein. Falten Sie alle Zettel zusammen, geben sie alle in einen Hut und mischen Sie gut durch. Jeder muss nun drei dieser Zettel zufällig ziehen, um aus diesen drei gezogenen Begriffen eine plausible Geschichte zu bauen, in der alle Begriffe sinnvoll vorkommen. Die Begriffe der Geschichte oben waren: Wüste, Kräuterlikör und – natürlich – Vanilleeis.

Viel Spaß beim spielen!

PS: Dass Vanilleeis mein Lieblingseis ist, stimmt übrigens!