Die Pio­nier-Orga­ni­sa­ti­on der DDR hat­te für ihre blau/rot behals­tuch­ten Knirp­se wich­ti­ge Ämter zu ver­ge­ben, wozu neben dem Grup­pen­rats­vor­sit­zen­den, einer Art Drei­kä­se­hoch-Staats­rats­vor­sit­zen­den auch ein Amt für Agi­ta­ti­on und Pro­pa­gan­da gehör­te: der Wand­zei­tungs­re­dak­teur. Das bedeu­te­te, Kolum­nen aus „Jun­ge Welt“ oder „Neu­es Deutsch­land“ aus­schnei­den, schmis­si­ge Über­schrif­ten dazu basteln…irgendwas mit Kampf, Arbei­ter­klas­se und deren Fein­den, den Impe­ria­lis­ten, ging immer. Dazu Nägel, zwi­schen denen Zwirns­fä­den Tex­te mit Bil­dern von Lenin, Pieck und Thäl­mann ver­ban­den und das gan­ze mög­lichst flä­chen­fül­lend auf dem mit rotem Fah­nen­stoff bespann­ten Brett ver­tei­len. So geht Pro­pa­gan­da… Dach­ten Sie! So geht Pro­pa­gan­da näm­lich nicht, was hin­ge­gen so ging, war ver­ord­ne­te poli­tisch über­frach­te­te Schul­po­li­tik der DDR, der sich die meis­ten Kin­der zwar erga­ben, jedoch nur die wenigs­ten einen inne­ren Bezug zur all­ge­gen­wär­ti­gen, lang­wei­li­gen Poli­tik­sül­ze hat­ten. Man nahm das so hin, wie man das Wet­ter hin­nahm, zog die Kapu­ze über den Kopf und ließ den Regen vorüberziehen.

Das regel­mä­ßi­ge Bestü­cken der Wand­zei­tun­gen anläss­lich revo­lu­tio­nä­rer Jubel­ta­ge wie dem 1. Mai oder dem „Tag der NVA“ geriet im Lau­fe des sich immer schlep­pen­der voll­zie­hen­den Sie­ges des Sozia­lis­mus ohne­hin immer mehr ins Hin­ter­tref­fen, bis in den Acht­zi­ger Jah­ren die­se Bret­ter, wel­che die Schü­ler selbst bestü­cken UND deren Inhal­te sie eif­rig glau­ben soll­ten, nach und nach abge­hängt wur­den und ver­schwan­den. Es war unterm Strich wohl doch alles etwas dick auf­ge­tra­gen und jeder merk­te das. Heu­te wis­sen wir, dass Pro­pa­gan­da, wenn sie wirk­sam sein soll, nie­mals plump und beleh­rend, son­dern sub­til und ver­füh­re­risch sein muss, sonst stößt sie sau­er auf. Die Deut­schen, denen in ARD und ZDF in jeder Nach­rich­ten­sen­dung ver­mit­telt wird, wie gut es ihnen doch gin­ge und wie übel es um sie her­um bestellt sei – von der Welt wei­ter weg, hin­ter den sie­ben Trump-Ber­gen und bei den sie­ben Sal­vi­ni-Zwer­gen ganz zu schwei­gen – die­se Deut­schen haben jedoch in letz­ter Zeit immer öfter das Gefühl, dass in ihrer hei­len Welt irgend etwas nicht ganz in Ord­nung sein kann. Gera­de weil immer wie­der betont wird, dem wäre so. Nur die ande­ren, die wür­den lang­sam alle durch­dre­hen. Gefahr droht der Gegen­wart nur, wenn die Gestal­tung der Zukunft nicht in bewähr­ten Hän­den blie­be. Igno­ran­ce is bliss!

Anders kann man die Leute nicht erziehen*

Das Leben ist zu kurz, um ihm auch noch Zeit für schlech­te Fern­seh­se­ri­en abzu­zwa­cken und aus die­sem Grund habe ich in mei­nem gan­zen Leben noch kei­ne Fol­ge „Tat­ort“ oder „Poli­zei­ruf 110“ gese­hen. Da bei­de mit den Mit­teln staat­lich orga­ni­sier­ter Zwangs­be­glü­ckung finan­ziert wer­den, sage ich mir zudem, dass man zwar mein Geld requi­rie­ren kann, aber nicht auch noch mei­ne Zeit. Und wenn ich doch mal absichts­voll ins Pro­gramm schaue, dann nicht zum Gucken, son­dern zum Beob­ach­ten. Für den Poli­zei­ruf „Für Jani­na“ vom 11.11.2018, der im mora­li­schen Rah­men der statt­fin­den­den „Gerech­tig­keits-los-wochos“ bei der ARD aus­ge­strahlt wur­de, habe ich dank der ARD-Media­thek eine sol­che Aus­nah­me gemacht.

Ver­ges­sen wir mal die Hand­lung, igno­rie­ren wir die Leis­tung der Schau­spie­ler, die ohne erkenn­ba­ren Grund zwi­schen den Modi „Schlaf­ta­blet­te“ und „Speed“ hin und her sprin­gen und wen­den uns der Aus­stat­tung des Sets zu. Bei den Requi­si­ten wird übli­cher­wei­se nichts dem Zufall über­las­sen, um den Schau­spie­lern eine glaub­wür­di­ge Kulis­se zu bie­ten. Ein Ham­let, der sei­ne Mono­lo­ge vom Smart­pho­ne abliest oder ein Ben Hur mit Arm­band­uhr kom­men sicher nicht authen­tisch rüber! Was also dach­ten sich Regie und Set-Design, als die das Büro deut­scher Poli­zis­ten nur so zupflas­ter­ten mit Sym­bo­len einer ver­fas­sungs­feind­li­chen „Orga­ni­sa­ti­on“ wie der Anti­fa, „FCK…“ und„Atomkraft nein danke“-Aufklebern, ver­mumm­ten Anti­fan­ten auf Pla­ka­ten und Flat­ter­band der Mar­ke „Atom­kraft abschal­ten“. Ant­wort des 110-Social-Media-Teams: War schon immer so, gehört alles zur Rol­le der Ermitt­le­rin Kat­rin König, da machst nix dran.

Nun muss man kein Links­ex­tre­mist oder ein Anti­fa-Erz­engel wie Frau Sto­kow­ski sein, um etwas gegen Nazis zu haben. Vor­aus­ge­setzt, es han­delt sich tat­säch­lich um sol­che und nicht ein­fach um die neu­deut­sche Sam­mel­be­zeich­nung nicht­lin­ker Sel­ber­den­ker, die sich unter ande­rem in den Geschmacks­rich­tun­gen Kli­ma­l­eug­ner­na­zis, Anti­fe­mi­na­zis, Die­sel­na­zis, Mei­nungs­na­zis und Nazi­na­zis (AfD) und See­hofer wie die Kar­ni­ckel zu ver­meh­ren schei­nen und umso zahl­rei­cher wer­den, je lau­ter der Kampf gegen sie beschwo­ren wird und je groß­zü­gi­ger das Geld dafür fließt. Man könn­te anneh­men, es han­de­le sich hier um ein dem Kobra-Effekt ähn­li­ches Paradoxon.

Dass sich Poli­zei­be­am­te jedoch in ihren Dienst­räu­men zu grü­nen Kampf­the­men wie Atom­kraft äußern, ist zunächst mal sehr unwahr­schein­lich. Schließ­lich ist es ange­sichts eini­ger noch lau­fen­der AKWs aus­ge­rech­net die Poli­zei, die die erfor­der­li­chen „gro­ßen Sicher­heits­an­fra­gen“ erstellt, die jeder bestehen muss, um über­haupt Zugang zu sen­si­blen Berei­chen eines sol­chen Kraft­werks zu erhal­ten – und das ist auch gut so! Ich kann mit Sicher­heit sagen, dass Fes­sel­kunst­stü­cke auf den Glei­sen bei Gor­le­ben oder „Atom­kraft nein dan­ke“ Auf­kle­ber bei der Erlan­gung einer Sicher­heits­frei­ga­be eher hin­der­lich sind. Die Poli­zei ver­hält sich im ech­ten Leben zum Glück doch noch etwas pro­fes­sio­nel­ler, als sich das ein deut­scher Dreh­buch­schrei­ber aus­den­ken könnte.

Gute und schlechte Sturmmasken

Ermitt­le­rin König in der Poli­zei­ruf- Fol­ge „In Flam­men“. Wie man wohl gute von bösen Ver­mumm­ten unterscheidet?

Völ­lig befremd­lich mutet es hin­ge­gen an, wenn eine Ermitt­le­rin ihr Büro gera­de­zu voll­pflas­tert mit Sym­bo­len einer Orga­ni­sa­ti­on, die wenig bis nichts übrig hat für Poli­zis­ten. Abge­se­hen natür­lich von Stei­nen, Geh­weg­plat­ten, Stahl­ku­geln, Pfef­fer­spray und Mol­lis, die von der Anti­fa bei zahl­rei­chen Demos groß­zü­gig als Sach­spen­de an die Beam­ten ver­schickt wer­den. Man könn­te ver­mu­ten, dass es eine gewis­se Unver­ein­bar­keit gibt zwi­schen dem Dienst­auf­trag der Poli­zei, das staat­li­che Gewalt­mo­no­pol durch­zu­set­zen, und der Bestre­bung der Anti­fa, die­ses Gewalt­mo­no­pol in Anar­chie auf­zu­lö­sen. Die selbst­ge­wähl­te Büro-Deko, die man der Figur König hier gönnt, ist also im bes­ten Fall eine ziem­lich hef­ti­ge Inkon­sis­tenz in der Dreh­buch­rei­he. Wenn König etwa in der Seri­en­fol­ge davor („In Flam­men“) Ermitt­lun­gen gegen eine ver­mumm­te, vor­geb­lich rechts­ex­tre­mis­ti­sche Ent­füh­rer­ge­stalt führt, aber eine ver­mumm­te, links­ex­tre­mis­ti­sche Anti­fa­ge­stalt auf dem Pos­ter an ihrer Tafel ihr in der nächs­ten Fol­ge schon wie­der ihr Herz wärmt, soll­ten die Dreh­buch­schrei­ber der Pro­fi­le­rin König ernst­haft über­le­gen, ob sie die­ser den rich­ti­gen Beruf ver­passt haben. Oder, um es mit den Po-ethi­schen Wor­ten der fein­sah­ni­gen Fisch­lein zu sagen, deren Fan die Kom­mis­sa­rin laut Dreh­buch und Aus­stat­ter auch ist: „Nie­mand muss Bul­le sein!“

Das stimmt zwei­fel­los. Aber bei Kri­mi­se­ri­en gibt es ande­re Maß­stä­be an die Kon­sis­tenz und Plau­si­bi­li­tät von Motiv, Gele­gen­heit, Phy­sik und psy­chi­scher Aus­stat­tung aller han­deln­den Figu­ren, als bei „Bugs Bun­ny“ oder „Prin­zes­sin Lil­li­fee“. Pro­pa­gan­da fällt in einem Kri­mi sehr viel schnel­ler auf. Die Wahr­schein­lich­keit, in einem deut­schen Poli­zei­bü­ro auf ein Pla­kat der Anti­fa zu tref­fen, ist gerin­ger als die, ein signier­tes Por­trät einer bestraps­ten Hil­la­ry Clin­ton in Trumps Büro an der Wand zu fin­den! Und nein, eine Dart­schei­be zählt in bei­den Fäl­len nicht.

Das soll­ten die Pro­du­zen­ten, Regis­seu­re und Dreh­buch­au­toren bei ARD und ZDF spä­tes­tens seit den G20-Riots in Ham­burg wis­sen. Gutes und Schlech­tes hat­te die­ser Poli­zei­ruf zu bie­ten. Gut ist, dass ich nun weiß, war­um ich die­sen ideo­lo­gisch über­la­de­nen Käse nicht gucke. Schlecht: ich bezah­le immer noch dafür.

* O‑Ton aus einem Inter­view von „Leich­te Fah­ne Lit­schie-Tee“: „Wir wür­den kein Fes­ti­val spie­len, wo Frei.Wild spielt oder gespielt hat. Wir spie­len auch in kei­nen Läden, wo Frei.Wild schon gespielt hat. Es ist so mar­gi­nal, natür­lich denkt man sich „Okay, das wäre der per­fek­te Laden.“ Wir machen uns schon sehr vie­le Gedan­ken dar­über und es gibt auch fast gar nicht 100% coo­le Läden. Und da ist es auch toll, dass das Boo­king bei Audio­lith da unse­re Wün­sche respek­tiert. Es gibt auch Fes­ti­vals die uns Buchen woll­ten, wie Wacken, und da kön­nen wir nicht spie­len, weil da dann teil­wei­se Bands spie­len wo wir sagen „ey nee“. Und ich glau­be anders kann man Leu­te nicht erzie­hen.[Anmer­kung: Die Fisch­lein haben indes kein Pro­blem, ihre Sah­ne genau wie Frei.Wild auf Ama­zon gegen kapi­ta­lis­ti­sche Wäh­rung zu ver­kau­fen. Erzie­hung ist wohl doch Glücks­sa­che, da geht es Musi­kern wie Poli­zei­ruf-Ermitt­lern. Gesin­nung hin­ge­gen ist von Dau­er, die über­lebt jede Zah­lung und steht den Ver­ant­wort­li­chen wie eine Wand­zei­tung ins Gesicht geschrieben.]

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10 Kommentare

  1. Nun muss man kein Links­ex­tre­mist oder ein Anti­fa-Erz­en­gel wie Frau Sto­kow­ski sein, um etwas gegen Nazis zu haben. Vor­aus­ge­setzt, es han­delt sich tat­säch­lich um sol­che und nicht ein­fach um die neu­deut­sche Sam­mel­be­zeich­nung nicht­lin­ker Sel­ber­den­ker, die sich unter ande­rem in den Geschmacks­rich­tun­gen Kli­ma­l­eug­ner­na­zis, Anti­fe­mi­na­zis, Die­sel­na­zis, Mei­nungs­na­zis und Nazi­na­zis (AfD) und See­ho­fer wie die Kar­ni­ckel zu ver­meh­ren scheinen .….….….…..…“
    Der Einfal(t)lsreichtum bei den von ARD/ZDF und Co. beauf­trag­ten Dreh­buch­schrei­ber­lin­gen scheint in der Erfin­dung neu­er ‚Nazi-For­ma­tio­nen‘ schier uner­schöpf­lich zu sein. Neu­lich, in einer Fol­ge der Vor­abend­se­rie „Rent­ner Cops des West­deut­li­chen Rot­funks“, einer in ihren Anfän­gen recht unter­halt­sa­men und pro­pa­gan­dis­tisch spar­sam ver­ge­wal­tig­ten Sen­dung, tauch­te der Begriff des*** BIBEL-Nazis*** auf. Ich glaub­te erst mich ver­hört zu haben, doch wur­de der von den Dar­stel­lern in die­ser Fol­ge bei jeder pas­sen­den und unpas­sen­den Stel­le posaunt.
    Die bei­den, von mir sonst geschätz­ten Haupt­dar­stel­ler Tilo Prück­ner (BRD) und Wolf­gang Wink­ler (DDR) sind sich also auch nicht zu scha­de dafür, sich für die Ver­wen­dung solch geis­ti­gen Dünn­schis­ses her­zu­ge­ben. Also auch nur sys­tem­treue Kul­tur­schaf­fen­de. Die­se Vor­abend­se­rie fin­det in unse­rem Fern­se­her nicht mehr statt.

  2. Guten Tag Herr Letsch,

    haben Sie ein Copy­right auf die Wort­schöp­fung „nicht­lin­ker Selbst­den­ker“? Gefällt mir näm­lich sehr gut und wür­de ich ger­ne wei­ter verwenden.

    Zufäl­li­ger­wei­se habe ich heu­te mor­gen mal geschaut, wel­che Beru­fe bzw. Tätig­kei­ten bei den Kan­di­ta­ten der hes­si­schen Land­tags­wahl so ange­ge­ben wur­den. Das Stu­di­um die­ser Lis­te kann ich den Dreh­buch­au­toren vom Staats­funk nur emp­feh­len. Bei der Poli­zei sind oder waren ganz über­wie­gend 164er beschäf­tigt. R2G ist hin­ge­gen mit einer Zahl klei­ner eins deut­lich unterrepräsentiert.

  3. ja, das waren noch Zei­ten als Schi­m­an­ski nur mit Parka,Chaos und Bier „geprof­eilt“ wur­de-und das so ein­deu­tig und unver­gess­lich- dass er heu­te noch bekann­ter ist als all die ande­ren Kom­mis­sa­re danach. Und nie­mand ver­lang­te Ähn­lich­kei­ten mit rea­len Stubenhockern.

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