Er seufz­te viel und rede­te wie jemand, der sei­nem vier­jäh­ren Kind erläu­tert, war­um der Haus­ar­rest nötig und nur zu sei­nem bes­ten sei. Der Ton­fall sei­ner ein­stün­di­gen Rede ver­rät Putin, der mit bewähr­ter kom­mu­nis­ti­scher Dia­lek­tik ein Gedan­ken­ge­bäu­de vor dem Zuschau­er errich­tet, das schein­bar makel­los und unwi­der­leg­bar ist. Da ist viel von Geschich­te die Rede, von Gemein­sam­keit und Fami­lie. Wie ein Pate beschwört Putin, dass er nur das bes­te wol­le für die Men­schen und dass der böse Wes­ten nichts weni­ger im Schil­de füh­re, als den Frie­den zu zer­stö­ren und die rus­si­sche See­le zu demü­ti­gen. Es gibt „die“ und es gibt „wir“. Ein kal­ter Schau­er läuft einem über den Rücken, denn die Rhe­to­rik kennt man aus alten Zei­ten, als von Mos­kau aus betrach­tet der Wes­ten stets bedin­gungs­los böse und das Reich des „gro­ßen Bru­ders“ bedin­gungs­los gut und fort­schritt­lich war.

Ame­ri­ka­ni­scher Impe­ria­lis­mus gegen kom­mu­nis­ti­sches Über­mor­gen­pa­ra­dies und jedes Argu­ment, dass für den Wes­ten sprach, wur­de flugs in die Abwehr­mau­er der mar­xis­ti­schen Ideo­lo­gie ein­ge­mau­ert. Ja, je fes­ter das Argu­ment, umso höhe­re Mau­ern der Igno­ranz lie­ßen sich dar­aus errich­ten. Putin hat es geschafft, den Mecha­nis­mus die­ser Denk­wei­se von allen sozia­lis­ti­schen Gir­lan­den zu befrei­en und durch natio­na­lis­ti­sches Getö­se zu erset­zen. Den Phan­tom­schmerz ver­gan­ge­ner Grö­ße ver­wan­delt er in ein war­mes Gefühl der Hoff­nung, das vie­le Rus­sen über die Käl­te der indi­vi­du­el­len Aus­weg­lo­sig­keit hin­weg­trös­tet wie eine fer­ne Son­ne. Putin saß gedul­dig am brei­ten Fluss der poli­ti­schen Gele­gen­hei­ten und war­te­te ab, bis der Wes­ten ein edles Prin­zip nach dem ande­ren in die­sem Fluss leicht­fer­tig ertränk­te und an ihm vor­bei schwim­men ließ. Gera­de schwimmt die hal­be Ukrai­ne an ihm vor­bei, er muss nur zugrei­fen. Nur damit das klar ist: die letz­te Ver­ant­wor­tung vor der Geschich­te und den Bür­gern der Ukrai­ne trägt Putin. Aber wie leicht wir es ihm gemacht haben, wie naiv wir sein Spiel mit­ge­spielt und dabei unse­re Fähig­kei­ten über­schätzt haben, ist unser Versagen.

Putin, der Geheim­dienst­ler, Des­pot, Olig­ar­chen­kö­nig, Strip­pen­zie­her einer klep­to­kra­ti­schen Eli­te, der Schmeich­ler und Real­po­li­ti­ker war immer genau das, was er ist. Doch was sehen wir, wenn wir uns den Spie­gel vor­hal­ten? Sind wir bes­ser? Haben wir uns viel­leicht gebes­sert? Han­deln wir klü­ger, rück­sichts­vol­ler und in Über­ein­stim­mung mit unse­ren demo­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en, die wir bei jeder Gele­gen­heit wie eine Mons­tranz vor uns her­tra­gen? Sind wir der Welt das Vor­bild, das wir gern in uns selbst sehen wol­len? Demo­kra­tisch, gerecht, durch­ge­gen­dert und kli­ma­neu­tral? Putins Ver­spre­chen an Russ­land lau­te­te „ich brin­ge euch Ord­nung“ und die hat er aus dem Jel­zin-Cha­os her­aus her­ge­stellt. Sei­ne hohen Zustim­mungs­wer­te kom­men aus den Genera­tio­nen, die die­ses Cha­os durch­lei­den muss­ten und die Scha­den­freu­de des Wes­tens schmeck­te bit­ter. Wie genau Putin das Land und die Olig­ar­chen unter sei­ne per­sön­li­che Kon­trol­le brach­te, wel­che Struk­tu­ren errich­tet wur­den, über all das rümpf­te der Wes­ten zwar gern die Nase, aber solan­ge Gas und Öl flos­sen, woll­te man lie­ber nicht so genau hin­schau­en. Und für all jene, die dem Griff des Bären ent­kom­men woll­ten, gab es ja die NATO und die EU, die im Ver­spre­chen machen auch ganz groß sind. Die NATO ver­sprach Sicher­heit, die sie aber zum Null­ta­rif aus Über­see gelie­fert bekom­men woll­te und die EU moch­te sich gern als die Enti­tät für Huma­nis­mus und Fort­schritt ver­stan­den wis­sen. Jeder kann mit­ma­chen, jeder darf dabei sein und im Wett­lauf um Macht und Ein­fluss­ge­bie­te neh­men es sowohl die Nato als auch die EU nicht ganz so genau mit ihren eige­nen Kri­te­ri­en und Regeln.

Ich sehe förm­lich, wie den Put­in­ver­ste­hern beim Lesen die­ser Zei­len gera­de das Grin­sen im Gesicht fest wird. Denn klingt das nicht wie die Bestä­ti­gung der Exis­tenz von „Enfluss­ge­bie­ten“ und „Sicher­heits­in­ter­es­sen“? Gewiss, kein Staat darf sei­ne Sicher­heit auf Kos­ten eines ande­ren ver­bes­sern. Aber es gibt auch das Selbst­be­stim­mungs­recht der Völ­ker, wel­ches eben­falls in der UN-Char­ta gere­gelt und aner­kannt ist. Die Vor­stel­lung, es kön­ne so etwas wie „Puf­fe­re­staa­ten“ geben, die sich eben damit abfin­den müss­ten, bestimm­te Din­ge nicht tun zu dür­fen und denen ein ande­rer Staat die Freun­de und Fein­de aus­su­chen darf, ist obs­zön! Putins Gejam­mer über den NATO- und EU-Bei­tritt etwa Polens, der Slo­wa­kei, Rumä­ni­ens oder der bal­ti­schen Staa­ten ist schließ­lich die direk­te Fol­ge der impe­ria­len und erdrü­ckend „brü­der­li­chen“ Poli­tik der Sowjet­uni­on, als deren allei­ni­gen Rechts­nach­fol­ger sich Russ­land betrach­tet. All die Satel­li­ten­staa­ten des Sowjet-Impe­ri­ums konn­ten gar nicht schnell genug weg kom­men vom rus­si­schen Bären, der es aller­dings auch ver­säum­te, selbst attrak­ti­ve Ange­bo­te für das har­mo­ni­sche Zusam­men­le­ben in der Bären­höh­le zu machen. Zuge­ge­ben, man hat­te anfangs auch kaum die Kraft dazu und jede Men­ge Pro­ble­me, etwa an sei­ner isla­misch gepräg­ten Süd­flan­ke. Doch wäre es selbst jetzt noch nicht zu spät dafür, sol­che Ange­bo­te zu machen. Doch Putin hat längst ande­re Wege gewun­den, sei­nen Ein­fluss zu ver­grö­ßern – und EU und Nato haben sie ihm geebnet.

Die EU und die NATO

Als wol­le man die Hei­rats­po­li­tik des alten euro­päi­schen Hoch­adels fort­füh­ren, gibt die EU Ehe­ver­spre­chen ab, deren Erfül­lung bes­ten­falls in wei­ter Fer­ne liegt. Man nennt die Braut dann „Bei­tritts­kan­di­dat“ und die­ser Zustand kann Jahr­zehn­te andau­ern und sogar – wie bei der Tür­kei – ewig andau­ern. Die Ukrai­ne erfüllt kein ein­zi­ges Kri­te­ri­um zur Auf­nah­me in die EU außer viel­leicht dem einen, in Euro­pa zu lie­gen und den­noch ver­sucht Brüs­sel den Ein­druck zu erwe­cken, als sei sie schon fast ein Biss­chen dabei. Und nahm man es mit den Kri­te­ri­en ande­rer Erwei­te­rungs­kan­di­da­ten nicht auch eher locker? Es mag sein, dass die Zeit kommt, die Ukrai­ne in die EU auf­zu­neh­men, auch wenn ich ver­mu­te, dass das Ver­falls­da­tum die­ses über­dehn­ten poli­ti­schen Kon­strukts noch davor liegt. Doch schon heu­te durch die Welt zu zie­hen und alles anzu­le­cken, was bald Brüs­sel gehö­ren wer­de, ist gelin­de gesagt dum­me Poli­tik. Die NATO macht es nicht bes­ser, wenn sie direkt und indi­rekt Ein­la­dun­gen nach Kiew sen­det. Da die Sta­tu­ten der NATO einen Bei­tritt ohne­hin nur erlau­ben, wenn das bei­tre­ten­de Land kei­nen akti­ven Ter­ri­to­ri­al­kon­flikt hat, liegt es sogar im Inter­es­se Putins, sol­che Kon­flik­te in sei­ner Reich­wei­te am Glü­hen zu hal­ten. Die Aus­sicht auf die Mit­glied­schaft in der Nato war dem­nach – ganz gleich wie lan­ge er sich noch hin­zie­hen wür­de – sowohl für Geor­gi­en wie für die Ukrai­ne ein ver­gif­te­tes Geschenk.

Die Ukraine

Es war viel von Brü­der­lich­keit die Rede in Putins Anspra­che, davon, wie eng die Bezie­hun­gen doch sei­en zwi­schen Mos­kau und Kiew. Ich muss­te unwill­kür­lich an eine Sze­ne aus dem Film „Djan­go Unchai­ned“ den­ken. Der unter sei­nem Pferd ein­ge­klemm­te Skla­ven­händ­ler rede­te mit Engels­zu­ge auf die näher­kom­men­den und nun befrei­ten und bewaff­ne­ten Skla­ven ein und wie nahe man sich doch sei. „Ger­ry, hab‘ ich dich nicht mei­nen letz­ten Apfel gege­ben?“ Was ist ein Apfel wert, den man in Ket­ten essen muss? Was ist die „brü­der­li­che rus­si­sche Lie­be“ und die beschwo­re­ne gemein­sa­me Ver­gan­gen­heit wert, ange­sichts Mil­lio­nen mit vol­ler Absicht ver­hun­ger­ter Ukrai­ner im Holo­do­mor? Der Impuls der Ukrai­ner, den rus­si­schen Bären lie­ber auf Abstand zu hal­ten, ja, ihn sogar von sich weg­zu­sto­ßen, kann man nur zu gut ver­ste­hen. Doch soll­te man vor­her prü­fen, wie stark die Ket­te ist, die einen noch an den Bären bin­det. Im Osten des Lan­des leben vor­wie­gend Rus­sen, die eine ver­dammt star­ke Ket­te bil­den, an der Putin zerrt. Für ihn – und da endet die brü­der­li­che Lie­be abrupt – gibt es die Ukrai­ne gar nicht. Ein Hirn­ge­spinst der Bol­sche­wi­ken sei die­ses Land! Und er geht weit zurück in der Geschich­te, um sei­ne Ansich­ten zu bele­gen. Wir dür­fen also gespannt sein auf die For­de­rung des ita­lie­ni­schen Prä­si­den­ten, die Krim an Rom zurück­zu­ge­ben, weil er die Gren­zen sei­nes Lan­des aus dem Jahr 180 n. C. im Traum gese­hen habe und nun ein­for­de­re. Wäre das nicht genau­so legi­tim? Aber viel­leicht sind sol­che his­to­ri­schen Begrün­dun­gen für Ter­ri­to­ri­al­kon­flik­te gene­rell eit­le Ver­stie­gen­hei­ten. Hier passt ein wei­te­res Film­zi­tat, dies­mal aus „The Tudors“: „Wir haben alle mal im Para­dies gelebt. Das heißt nicht, dass wir da je wie­der hinkönnen.“

Die USA

In der Fra­ge des Ein­flus­ses Russ­lands und der USA bin ich zuge­ge­be­ner­ma­ßen vor­ein­ge­nom­men. Auf­grund mei­ner DDR-Erfah­run­gen zie­he ich den Adler jeder­zeit dem Bären vor. Doch auch der Adler macht es einem in letz­ter Zeit nicht gera­de leicht. Trump schaff­te es mit sei­ner zur Schau gestell­ten Unbe­re­chen­bar­keit recht gut, den Deckel auf den Kon­flik­ten in Ost­eu­ro­pa zu hal­ten. Doch die Krim ging der Ukrai­ne noch unter Oba­ma ver­lo­ren, ohne dass sich der Wes­ten zu mehr als eini­gen halb­her­zi­gen Sank­tio­nen hät­te auf­raf­fen kön­nen. Das Embar­go der Nord­stream2-Pipe­line war Trumps Idee. Er war es auch, der die Euro­pä­er ermahn­te, ihre Ver­tei­di­gungs­haus­hal­te zu erhö­hen und davor warn­te, sich zu abhän­gig von rus­si­schen Ener­gie­lie­fe­run­gen zu machen. Aber das war eben Trump und wenn der 2+2=4 sag­te, ver­lang­ten die Euro­pä­er die Äch­tung der Algebra.

Eine der ers­te Amts­hand­lung Bidens war es, grü­nes Licht für Nordstream2 zu geben, nur um dann immer wie­der unter­schied­li­che Signa­le in die­ser Sache aus­zu­sen­den. Mal war er dafür, mal dage­gen. Als Russ­land an der Gren­ze zur Ukrai­ne immer mehr Trup­pen sta­tio­nier­te, trau­te man sei­nen Ohren kaum. Wenn der rus­si­sche Ein­marsch nur eine „klei­ne Exkur­si­on“ wäre statt eines umfas­sen­den Angriffs, kön­nen man dar­über hin­weg­se­hen, so Biden. Dass Putin dies als Ein­la­dung ver­stand, dürf­te offen­sicht­lich sein. Auch hat Biden gera­de in Bezug auf die Ukrai­ne ein Glaub­wür­dig­keits­pro­blem. Denn er war es ja in sei­ner Zeit als Vize­prä­si­dent, der für die Ent­las­sung eines ukrai­ni­schen Staats­an­wal­tes sorg­te, der aus­ge­rech­net gegen die Fir­ma wegen Kor­rup­ti­on ermit­tel­te, in deren Auf­sichts­rat sein Sohn Hun­ter fett absahn­te. Die Kor­rup­ti­on gedeiht, wohin auch immer man in der Ukrai­ne schaut. Das „bes­se­re“ Sys­tem, das der Wes­ten in der Ukrai­ne anzu­bie­ten glaubt, besteht in Wirk­lich­keit aus den­sel­ben olig­ar­chi­schen Struk­tu­ren wie es in Russ­land üblich ist und Putin sagt, das könnt ihr auch von mir haben.

Deutschland

Deutsch­land schafft es, sich mit sei­ner Poli­tik gegen­über Russ­land auf allen Sei­ten lächer­lich und ver­hasst zu machen. Die ost­eu­ro­päi­schen Staa­ten stie­ßen wir mit dem Bau von Nordstream2 vor den Kopf, die Rus­sen mit der Nicht-Inbe­trieb­nah­me. Die USA set­zen sich gleich ganz über Deutsch­lands Inter­es­sen hin­weg und ver­fü­gen nach Belie­ben und unge­fragt über den deut­schen Gas­hahn – nicht nur den von Nordstream2. Unse­re Außen­mi­nis­te­rin „droht“ den Rus­sen damit, dass wir bereit sei­en, har­te wirt­schaft­li­che Nach­tei­le in Kauf zu neh­men und unse­re Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin ver­spricht der Ukrai­ne ein paar Hel­me, die dann nicht mal dort ankom­men. Dazu kommt noch die „dümms­te Ener­gie­po­li­tik der Welt“ (Wall­street Jour­nal), denn 50% unse­rer Pri­mär­ener­gie (Öl, Gas, Koh­le) kom­men aus Putin­land. Das ist alles so pein­lich, nutz­los und auf­ge­bla­sen, dass man es am bes­ten auch in einem Film­zi­tat zusam­men­fas­sen kann. Man muss unwill­kür­lich an das „flie­gen­de Sui­zid­kom­man­do“ aus der Schluss­sze­ne in „Das Leben des Bri­an“ denken.

Verfahrene Lage

Die Art von Poli­tik, die Putin macht, wird in Euro­pa in den USA schon lan­ge nicht mehr her­ge­stellt. Und wäh­rend man in Washing­ton gera­de den Abzug aus Afgha­ni­stan gründ­lich ver­mas­selt hat, befas­sen sich unse­re Poli­ti­ker vol­ler Lei­den­schaft mit „unten­rum“ Befind­lich­kei­ten von Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten. Nein, jeder sieht, dass die­ser „Wes­ten“ nur mit sich selbst und ver­spon­ne­nen aka­de­mi­schen Pseu­do­pro­ble­men beschäf­tigt ist und längst zu kei­ner kon­sis­ten­ten Außen­po­li­tik mehr in der Lage ist. Man kann eben nicht jah­re­lang Sank­tio­nen ver­kün­den und gleich­zei­tig mun­ter Gas und Öl in Russ­land kau­fen. Eben­so wie man nicht gleich­zei­tig aus Öl, Gas, Koh­le und Atom­kraft aus­stei­gen kann. Man kann auch nicht Russ­land für sys­te­ma­ti­sches Doping im Sport schel­ten und dann unter einer Pro­xy-Flag­ge mun­ter wei­ter bei Wett­kämp­fen star­ten las­sen. Der Ver­such, Flie­gen zu ler­nen, indem man fällt und absicht­lich den Boden ver­fehlt, ist gescheitert.

Auch der Plan, über die Ein­ver­lei­bung der Krim gewis­ser­ma­ßen „Gras wach­sen“ zu las­sen, ging nicht auf. Denn der Bär hört ein­fach nicht auf zu fres­sen, solan­ge die Spei­se­kam­mer offen steht. Natür­lich wird Putin auch den nächs­ten Raub demo­kra­tisch aus­se­hen las­sen! Erst bit­ten die „Volks­re­pu­bli­ken“ Luhansk und Donezk um „Hil­fe“ wie einst der afgha­ni­sche Kom­mu­nis­ten­füh­rer Nad­schi­bul­lāh und Syri­ens Dik­ta­tor Assad – denn die Rus­sen wür­den sich selbst­re­dend nie in frem­de Ange­le­gen­hei­ten ein­mi­schen. Sie wol­len ein­ge­la­den sein! Dann wird es „Wah­len“ geben und schließ­lich kann Putin vol­ler Stolz ver­kün­den, eini­ge wei­te­re Krü­mel rus­si­scher Erde heim ins Reich geholt zu haben. Und betont der Wes­ten nicht bei jeder Gele­gen­heit, dass es Wah­len sind, die jede Ent­schei­dung demo­kra­tisch legi­ti­mie­ren? Beschwö­ren EU und USA nicht stets, dass die Mehr­heit bestimmt, wo es lang geht? Den bal­ti­schen Staa­ten, wo gro­ße rus­si­sche Min­der­hei­ten leben, schnürt sich bei dem Gedan­ken die Keh­le zu.

Ich fürch­te, dar­an wird sich nichts ändern, solan­ge Putin Prä­si­dent ist. Wer oder was nach ihm kom­men wird, nun, davor soll­ten wir uns viel­leicht erst recht fürch­ten. Bis dahin bleibt nur zu hof­fen, dass Gun­nar Hein­sohn mit sei­ner Ein­schät­zung rich­tig liegt und Putin sich einen ech­ten Krieg innen­po­li­tisch gar nicht leis­ten kann. Da geht es ihm wie uns, die wir zudem auch tech­nisch dazu nicht in der Lage sind. Adres­sat der gan­zen Insze­nie­rung von Stär­ke ist ohne­hin die eige­ne, schrump­fen­de und ent­täusch­te Jugend, die die chao­ti­schen 90er Jah­re und damit die ord­nungs­po­li­ti­schen Erfol­ge Putins gar nicht mit­er­lebt hat. Es kommt des­halb wohl weni­ger dar­auf an, was der Wes­ten jetzt beschließ, son­dern ob die Rus­sen Putin wirk­lich glau­ben, der Wes­ten sei eine Gefahr für das Land. Viel­leicht ist die­se schein­bar unlös­ba­re Ket­te von gegen­sei­ti­gen Dro­hun­gen auch nichts ande­res als eine chi­ne­si­sche Fin­ger­fal­le. Das Pro­blem ist lei­der, dass bei­de Sei­ten gleich­zei­tig auf­hö­ren müs­sen, dar­an zu ziehen.

Und wenn Sie, lie­be Leser, nun ent­täuscht dar­über sind, dass ich gar nicht beschrie­ben habe, was nun zu tun sei, muss ich Sie beun­ru­hi­gen. Genau so ist es näm­lich. Und die Regie­run­gen in Kiew, Washing­ton, Brüs­sel und Ber­lin wis­sen es auch nicht. Einen Plan hat nur Putin.

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22 Kommentare

  1. Es feh­len Bemer­kun­gen zur V3erteidigungsfähigkeit des Wes­tens, oder auch nicht. Denn die gibt es nicht. Gebt mir 100 Mann und genug Spreng­stoff und in einer Woche friert D ahnu­nungs­los im Dunkeln.

    • …und wer sich fragt, wie das kommt, der muss nur mal schau­en, was Genera­ti­on „Kli­ma­ret­ter“ unter „Kampf“ ver­ste­hen. Alle sind stän­dig am kämp­fen, auf der Stra­ße, beim Demons­trie­ren, beim Twit­tern, beim Festkleben…und sol­che Leu­te ste­hen irgend­wann jeman­den mit einem Gewehr gegenüber.

  2. Sehr unan­ge­nehm die­se Wort­wahl, Herr Letsch: „Der rus­si­sche Bär frisst immer wei­ter…“ Ich hal­te sehr viel von Ihren ana­ly­ti­schen Kom­men­ta­ren aber hier haben Sie aus ihrem Her­zen wahr­lich kei­ne Mör­der­gru­be gemacht.
    Für mich als Otto Nor­mal­bür­ger bleibt nur das Fazit ihres letz­ten Absat­zes: Eine glo­ba­li­sier­te Kaba­le spielt ihre Spiel­chen auf mei­ne Kos­ten. Wenn die west­li­chen Demo­kra­tie­dar­stel­ler die Gele­gen­heit bekom­men , zie­hen sie sehr gern die „ent­schlos­se­ner-Herr­scher“ Kar­te zum Woh­le des Vol­kes (Tru­deau et al).
    Ich ent­wi­cke­le mehr Ver­ständ­nis für Ste­fan Zweigs Handlungsweise…

    • Man kann sich natür­lich an den Fabel-Begrif­fen ent­zün­den. Man kann aber auch die Rea­li­tä­ten hin­ter der Meta­pher betrach­ten und ein­fach mal einen aktu­el­len Blick nach Lem­berg oder Kiew wer­fen und bes­se­re Begrif­fe fin­den. Wie wäre es mit dem von RT, dass die Ukrai­ne nun end­lich „ent­na­zi­fi­ziert“ wer­de? Besser?

      • Zitat: „…dass die Ukrai­ne nun end­lich „ent­na­zi­fi­ziert“ wer­de? Besser?“
        Nein, natür­lich abso­lut nicht bes­ser, da stim­me ich Ihnen zu. Aber das zeigt doch nur, dass bei­de Sei­ten ihre Pro­pa­gan­da vir­tu­os beherr­schen. Es ent­wer­tet aus mei­ner Sicht ihren Arti­kel, sol­che emo­tio­nal befrie­di­gen­den Orna­men­te zu verwenden.
        Was spricht dage­gen Putin als einen ratio­na­len Macht­po­li­ti­ker anzu­se­hen, der stra­te­gisch sehr gut auf­ge­stellt ist und auch vor Grau­sam­kei­ten nicht halt macht. Das war doch in der Geschich­te immer eine Quel­le für Lob­ge­sän­ge und Lor­beer­krän­ze /sarc off/?
        Sie wis­sen doch selbst- die nächs­te Stu­fe sind “ mas­si­ve Sank­tio­nen“ und „ent­schlos­se­ne Gegenmassnahmen„und Mah­nung der staats­bür­ger­li­chen Pflicht mit Leib und Habe die „west­li­chen Wer­te“ in der Ukrai­ne zu schützen.
        Ich geste­he, ich habe Angst!

  3. Eine erfri­schend unkon­ven­tio­nel­le und den­noch nach­voll­zieh­ba­re Ana­ly­se. Dass Sie Wlads Fünf­te Kolon­ne zen­sie­ren, ist eben­falls erfreu­lich; so fin­det man die ernst­haf­ten Argu­men­te schnel­ler und muss sie nicht unter so viel Müll erst herausgraben.
    Es gibt zwei zusätz­li­che Argu­men­te, die ich ernst neh­men muss, obwohl sie auch von den Kre­mel­trol­len kom­men: Wie war denn das in Jugo­sla­wi­en? Hat da nicht „die Nato“ auch Gren­zen ver­än­dert mit dem Argu­ment, die Men­schen wür­den unter­drückt und woll­ten mehr­heit­lich eine Sepa­ra­ti­on? Und zwei­tens: Unbe­streit­bar ist die arro­gan­te Ukrai­ni­sie­rung der rus­sisch­spra­chi­gen Bevöl­ke­rung im Osten. Den Men­schen zu ver­bie­ten, Ihre Mut­ter­spra­che in der Öffent­lich­keit (ok, das ist sehr ver­kürzt) zu spre­chen ist ja nur das i‑Tüpfelchen auf der Lis­te der Schi­ka­nen (nein, es ist kein Geno­zid im Gan­ge, wie Wlad behaup­tet). Es ist der bekann­te Teu­fels­kreis: Eine eth­ni­sche Min­der­heit will ihre Sit­ten, Gebräu­che und Spra­che bei­be­hal­ten … die Zen­tral­re­gie­rung wit­tert Abspal­tungs­ten­den­zen und geht gegen Sit­ten, Gebräu­che und Spra­che vor … dadurch ver­stärkt sie die Eigen­stän­dig­keits­be­stre­bun­gen bis hin zur Abspal­tung, im Zwei­fels­fall unter Zuhil­fe­nah­me ande­rer Staa­ten. Bei­spie­le bie­tet die Geschich­te hun­der­te. Geklappt hat das Sprach­ver­bot sel­ten (z.B. bei den „Deut­schen“ in Bra­si­li­en und den USA). Dass man dar­aus kei­ne his­to­ri­schen Leh­ren zieht, ist ein­fach nur frus­trie­rend. Aber das ist ein ande­res Thema .…

    • Ich habe kein Pro­blem damit, wenn hier jemand Par­tei für Putin ergreift. Sei­ten­wei­se Hor­ror­ge­schich­ten zu erzäh­len ist hier aber nicht der rich­ti­ge Ort.

      • Oh, da habe ich mich wohl falsch aus­ge­drückt. Die bei­den von mir vor­ge­tra­ge­nen Aspek­te sol­len kei­nes­falls Putins Raub­zug recht­fer­ti­gen. Sie geho­ren gleich­wohl zum Ursa­chen­kom­plex, den Herr Letsch so tref­fend beschrie­ben hat.

  4. Also ich bin ganz gewiss kein Putin-Ver­ste­her, aber ich sehe auch nicht wirk­lich, für wen sich die Situa­ti­on ver­schlech­tert, wenn sich Gebie­te, die schon ewig von Rus­sen besie­delt wer­den, von der Ukrai­ne los­sa­gen. Es sieht wohl so aus, als ob die über­ra­gen­de Mehr­heit dort das so will und es wohl auch schon eine Ewig­keit so will.

    An der Stel­le muss ich ein­schie­ben, dass bei mir das gan­ze Puf­fer­staa­ten­ge­re­de und das „die ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­stütz­punk­te bedro­hen doch die Russen“-Gelaber auch nicht zieht. Die Rus­sen haben und hat­ten nie Angst davor, vom Wes­ten über­fal­len zu werden. 

    Ich glaub aber halt auch nicht, dass der Bär jetzt ewig wei­ter frisst. Allen­falls wird Süd­os­se­ti­en noch ein Kan­di­dat. Aber Geor­gi­en ist halt wie die Ukrai­ne ein unde­mo­kra­ti­sches Moloch, das sich von Russ­land nicht genug mora­lisch unter­schei­det, als dass es uns zu sche­ren hat. Was uns küm­mern soll­te, ist die Gas und Strom­rech­nung sowie die grü­ne Infla­ti­on und die Migra­ti­ons­er­pres­sung der Weiß­rus­sen. Wir krie­gen Men­schen­rech­te nicht mal gegen Bas­har al Tru­deau in Kana­da durch­ge­setzt, da kön­nen wir uns die angeb­lich gut mei­nen­den Sank­tio­nen gegen­über den Ost­dik­ta­tu­ren auch schenken.

    Und Sie schrei­ben ja zu recht, dass eine krie­ge­ri­sche Eska­la­ti­on Putin innen­po­li­tisch nichts nützt. Wem nüt­zen dann Sank­tio­nen? Was sol­len sie bewirken?

    Komisch auch, dass die glei­chen Leu­te, die über­all Pos­ten für „Paläs­ti­nen­ser“ in inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen ein­rich­ten, die Aner­ken­nung von den ost­ukrai­ni­schen Gebie­ten skan­da­li­sie­ren wol­len. Die Ost­ukrai­ner schie­ßen nicht dau­ern Rake­ten rüber und pre­di­gen nicht die Ver­nich­tung Kiews. Wür­den die Ara­ber in den betref­fen­den Gebie­ten Isra­els auf­hö­ren, um sich zu schla­gen, wür­de ihnen kein Mensch die Unab­hän­gig­keit miss­gön­nen. Und Tai­wan will ich auch vor Peking gesi­chert wissen.

    • Mein Kom­men­tar „did not age well“. Da war der Wunsch Vater des Gedan­kens, Mut­ter der zer­dep­per­ten Por­zel­lan­kis­te und stand Pate. Das hat man davon, wenn man auch nur eine Sekun­de sei­nen Zynis­mus herabstuft.

    • Was für ein Kriegs­het­zer bist du eigent­lich , oder bist du ein russ­kij troll? Oder doch nur ein Idi­ot Na dann los, las­set uns die von Israe­lis besetz­ten Gebie­te mit Gewalt zurückgewinnen…Ben willst einen „tota­len Krieg“?

  5. Mich beazhlt nie­mand dafür, mir Gedan­ken zu machen. Aber schön zu sehen, dass Sie so para­no­id sind.

  6. Ich hät­te natür­lich ahnen kön­nen, dass hier reich­lich Kom­men­ta­re der absichts­vol­len Art abge­setzt wer­den, bei denen schon die Län­ge und der Sub­text klar erken­nen las­sen, wer sie bezahlt. Macht ruhig, das ist kein Pro­blem. Aber ich möch­te noch­mal anmer­ken, dass hier jeder Kom­men­tar von mir frei­ge­schal­tet wer­den muss und hier nicht der Pau­laner­gar­ten ist. 😉

  7. Nicht ganz richtig.…aber völ­lig falsch!
    Es ist ein gemein­sa­mes Spiel aller. Alle hän­gen von ein­an­der ab. Der Impe­ria­lis­mus ist glo­bal, was jeg­li­che Natio­na­li­tät hin­weg­ge­spült hat. Also sehen wir nur noch ein Spiel, um die „dum­men“ Men­schen in Angst und Schre­cken zu versetzen.
    WEF hat vor kur­zem Büro in Russ­land eröffnet!
    Chi­na ist die Werk­bank der Welt — wie von Lenin bereits 1916 vor­aus­ge­sagt. Wird also gebraucht und spielt mit. Müs­sen die auch — ohne Expa­tri­ats wür­den die es noch nicht schaf­fen — aus eige­nem 2‑jährigen Erle­ben abgeleitet.
    Bun­des­deut­sche „Demo­kra­tie“ seit 1949 ein Schau­spiel, um dem „Osten“ wie auch den eige­nen Unter­ta­nen zu zei­gen, dass Kapi­ta­lis­mus bes­ser wäre. hahahaha.…
    Bes­se­re Erkennt­nis mit Hil­fe des dia­lek­ti­schen und his­to­ri­schen Materialismus´.

  8. End­lich mal eine seriö­se Lage­be­schrei­bung. Wie­so traut sich kein ein­zi­ger (west­li­cher) Poli­ti­ker, die­ses Schlüs­se zu ziehen?

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