Man hat sich fast schon daran gewöh­nt, dass die meis­ten Medi­en ihre Leser, Zuhör­er und Zuschauer für stark zurück­ge­blieben, ängstlich, unwis­send und leicht zu übertölpeln hal­ten, weshalb sie den Prozess der Mei­n­ungs­bil­dung, also die inter­nal­isierte Ver­ar­beitung von aufgenomme­nen Infor­ma­tio­nen, gern abkürzen, indem sie uns passende Mei­n­un­gen gle­ich frei Haus mitliefern. Dum­mer­weise rutschen aber immer wieder unge­filterte Roh­dat­en an den offiziellen Fil­tern vor­bei und öff­nen der absichtsvollen „Fehlin­ter­pre­ta­tion“ Tür und Tor. Für solche Fälle gibt es in der besten Welt, in der je gute Europäer lebten, die medi­alen Tatortreiniger von Correctiv.

Datenleck im Mittelmeer

Ein solch­er Roh­date­nun­fall ereignete sich neulich, als die europäis­che Gren­zschutza­gen­tur Fron­tex ein Video veröf­fentlichte, auf dem detail­re­ich und lück­en­los das Treiben eines Men­schen­fis­cher­bootes zu beobacht­en war, welch­es eine kleine, zunächst leere hölz­erne Schaluppe schleppte. Das Video ging viral, wozu deutsche Qual­itätsme­di­en jedoch wenig beitru­gen. Ver­mut­lich deshalb, weil das Ereig­nis nur von lokalem Inter­esse war oder das Mate­r­i­al nicht aus den ser­iösen Inves­tiga­tivquellen von TV-Zeck­en­biss stammte. Doch das Video war in Umlauf und für all jene, die das gese­hene gern für eine Seenotret­tungsübung hal­ten woll­ten, gab es einen Artikel auf achgut.com, in dem das Geschäftsmod­ell der Men­schen­händler einge­hend erläutert wird. Soweit, so normal.

Doch nun kom­men die Fak­tencheck­er von Cor­rec­tiv ins Spiel, dessen Chef David Schraven seine Fak­ten­fes­tigkeit schon 2016 unter Beweis stellte, als er per Rund­mail vom Sieg Hillary Clin­tons berichtete und davon fieberte, wie ein amerikanis­ches Gericht die Kla­gen des schlecht­en Ver­lier­ers Trump abschmetterte. Diesen “Fakt” endlich Real­ität wer­den zu lassen, scheuen deutsche Medi­en seit drei Jahren wed­er Zeit noch Mittel.

Auch der Correctiv-„Faktencheck” zum besagten achgut-Artikel gren­zt an Präkog­ni­tion: Es gäbe „keine Belege, dass Seenot im Mit­telmeer kün­stlich erzeugt wird“ bekrit­telt Cor­rec­tiv den Text von Malte Dahlgrün. Ja, das Video sei schon echt, aber für die Aus­sage, Seenot würde von den Schlep­pern kün­stlich erzeugt, gebe es keine Beweise. Was so klin­gen soll, als hätte man Dahlgrün hier beim Lügen erwis­cht, erweist sich als juris­tisch geschick­te For­mulierung. Cor­rec­tiv hütet sich zu behaupten, die Aus­sage sei falsch – es gäbe nur keine Beweise für ihre Richtigkeit. Na da schau her, wie gut Dreck fliegen kann!

Nun ist in der Tat nicht zu erwarten, dass die ver­hafteten Schlep­per vor Gericht erk­lären wer­den, sie hät­ten Seenot „kün­stlich erzeugt“ und auch Fron­tex ver­wen­det diesen Begriff nicht in Presseerk­lärun­gen. Vielmehr han­delt es sich bei dieser For­mulierung um einen logis­chen Schluss, also eine Imp­lika­tion, die sich aus der Betra­ch­tung der Fak­ten ger­adezu zwangsläu­fig ergibt. Die „Seenot“ ist für das mehrstu­fige Geschäft der Schlep­per näm­lich abso­lut notwendig.

Umdeklarierung auf hoher See

Dieser Zus­tand, ganz gle­ich ob grob fahrläs­sig oder absichtsvoll her­beige­führt, ist die Synapse, an der sich die Inter­essen der bei­den Haup­tak­teure dieses schau­ri­gen Spiels tre­f­fen. Die Schlep­per kön­nen europäis­che Häfen nicht direkt ans­teuern, denn dort wür­den sie aus gutem Grund ver­haftet. Die selb­ster­nan­nten Ret­ter kön­nen nicht direkt in afrikanis­chen Häfen Fracht laden, denn das würde sie unmit­tel­bar zu Schlep­pern und Men­schen­händlern machen. Es braucht die Umdeklar­ierung auf hoher See, ganz gle­ich ob zehn Meilen vor der libyschen Küste oder 30 Meilen vor Lampe­dusa. Erst wenn aus Glück­srit­tern Schiff­brüchige gewor­den sind, ist der moralis­che Par­a­dig­men­wech­sel vol­l­zo­gen. Wie sie das wer­den, ist egal, das Ergeb­nis ist entscheidend.

Wer Leben ret­tet, könne kein Ver­brech­er sein – so denkt es dieser Tage selb­st aus dem Bun­desstein­meier, der aktuell angesichts eines eigen­mächti­gen deutschen Rack­eten­manövers im Hafen von Lampe­dusa gern alle Augen voller Men­schlichkeit zudrück­en möchte, während die Ital­iener ger­ade hellwach gewor­den zu sein scheinen. In Ital­ien muss man derzeit erleben, wer unter der Flagge der Höch­st­moral fährt, den hal­ten Küstenwachen und Fron­tex längst nicht mehr auf und das Rechtsver­ständ­nis von Schlep­pern und Aktivis­ten ste­ht höher im Rang als jedes gel­tende nationale oder Seerecht.

Und während in der deutschen Presse die Imp­lika­tion „selb­ster­nan­nter Seenotret­ter ist gle­ich Held“ erlaubt ist und heftig bek­lin­gelt wird, soll der Leser in waghal­si­gen Off­shore-Manövern wie dem von Fron­tex gefilmten, bei dem 80 Men­schen in eine Nusss­chale umge­laden wur­den, von denen nur wenige über Ret­tungswest­en ver­fü­gen, kein absichtsvolles Her­beiführen ein­er Seenot-Sit­u­a­tion erken­nen. Selb­st dann nicht, wenn die Absicht offen­sichtlich ist.

Das Benen­nen dieses Kalküls, bei dem die eine Seite daran ver­di­ent, Men­schen ins Wass­er zu wer­fen und die andere Seite moralis­chen Honig daraus saugt, diese Men­schen aus dem Wass­er zu ziehen und zum ver­sproch­enen Ziel zu expe­dieren, ist tabu. Erst- und Zweitschlep­per tun so, als sähen sie das Treiben des anderen nicht – dieses Kalkül muss uner­wäh­nt bleiben, weil son­st das ganze Nar­ra­tiv „Ret­tung“ in sich zusam­men­bräche. Das ist dann schon mal einen Fak­tencheck nach Schraven-Art wert.

Also, braves Bürg­er­lein, erkenne hier kein Muster und ziehe keine logis­chen Schlüsse! Wenn etwas wie Pfer­demist aussieht, so riecht und hin­ter einem Gaul zu Boden fiel, heißt das noch lange nicht, dass es auch Pfer­demist ist! Es fehlt der Geschmack­stest! Den freilich liefert uns Cor­rec­tiv, denn mit Dreck ken­nt man sich dort aus. Und wenn die Fak­ten so gar nicht zur gewün­scht­en Hal­tung passen, hil­ft wie in diesem Beispiel die Haarspalterei.

Man kön­nte ja argu­men­tieren, die Seenot sei nicht „kün­stlich“ erzeugt, son­dern die „natür­liche“ Folge des Han­delns der Schlep­per. Doch ich denke, noch fein­er müssen wir das unsicht­bare Haar nicht zerteilen, das Cor­rec­tiv in der Fak­ten­suppe gefun­den zu haben glaubt.


Nach­trag: Das The­ma wurde am 30.6. von der Tagess­chau aufge­grif­f­en und dort wie im Achgut-Artikel als verän­derte Strate­gie der Schlep­per dargestellt. Bis­lang ist jedoch kein Fak­tencheck erfol­gt, der auch bei der Tagess­chau gern die Bedeu­tung der Aus­sage negieren würde. Eine aktu­al­isierte Ver­sion dieses Artikels, hier find­en Sie auf achgut.com

Vorheriger ArtikelKlimarevolution: Ein Morgen im Leben des B. und des G.
Nächster ArtikelWas wäre wohl, wenn…

5 Kommentare

  1. Das beschriebene Ver­fahren ähnelt ja der klas­sis­chen Geldwäsche…

  2. Schön­er, teils iro­nis­ch­er Artikel, der mit sein­er Rhetorik zu begeis­tern weiß.
    Gute Arbeit, Herr Letsch!

  3. Allein schon die Über­schrift — ein­fach nur gut — wie kom­men Sie nur auf so gute Ideen?
    Her­vor­ra­gen­der Artikel!

Kommentarfunktion ist geschlossen.