„Die Show star­tet in etwa 20 Minu­ten“ twit­ter­te Elon Musk am 8. April 2022 über den Beginn des Live­streams einer Tes­la-Road­show in Texas. Am 9. April frag­te er sei­ne 81 Mil­lio­nen Fol­lower auf Twit­ter, ob Twit­ter gera­de ster­be, eine Fra­ge, die ange­sichts der weni­gen Inhal­te berech­tigt ist, wel­che aus­ge­rech­net die Top-Accounts mit nahe 100 Mil­lio­nen Fol­lo­wern dort pro­du­zie­ren. Musk gehört selbst zu die­sen Groß­ac­counts, pro­du­ziert im Gegen­satz zu vie­len ande­ren jedoch reich­lich Inhal­te. Ob Start­an­kün­di­gun­gen für SpaceX, Fabri­ker­öff­nun­gen bei Tes­la, Star­link-Unter­stüt­zung der Ukrai­ne oder Memes und alber­ne Wit­ze wie „Wea­ther is fake. I see Tru­man Show!“. Das war am 10. April. Über­haupt ist Musk viel beschäf­tigt, was sich für jeman­den mit einem 300-Mil­li­ar­den-Impe­ri­um ja auch so gehört.

Seit dem 4. April ist Musk mit 9,2 Pro­zent größ­ter Ein­zel­ak­tio­när bei Twit­ter (* bis die pri­va­te equi­ty Fir­ma Van­guard ihren Anteil auf 10,3 Pro­zent auf­stock­te, um im Spiel um den Kauf von Twit­ter als „Wei­ßer Rit­ter“ auf­tre­ten zu kön­nen). Sein mil­li­ar­den­schwe­res Invest­ment schlug nicht nur auf der Platt­form ein wie eine Bom­be. Es war eine Explo­si­on mit Ankün­di­gung. Denn kurz zuvor wur­de die Sati­re­sei­te Baby­lon­Bee auf Twit­ter gesperrt, weil die Spaß­vö­gel Admi­ral Rachel Levi­ne zum „Man of the year“ ernannt hat­ten. Falls es Musk bis­her noch nicht bemerkt haben soll­te, wuss­te der Baby­lon­Bee-Fan spä­tes­tens jetzt, dass es mit der Mei­nungs­frei­heit auf Twit­ter nicht weit her sein kann, wenn Sati­re zu Ver­ban­nung füh­ren kann.

„Mei­nungs­frei­heit ist für eine funk­tio­nie­ren­de Demo­kra­tie unab­ding­bar. Glau­ben Sie, dass sich Twit­ter strikt an die­ses Prin­zip hält?“ frag­te Musk sei­ne Fol­lower und 70 Pro­zent von zwei Mil­lio­nen sag­ten „Nein“.

Nach dem Ein­kauf währ­te das „Will­kom­men“ der Twit­ter-Chef­eta­ge nicht lan­ge, denn die Ein­la­dung an Musk, dem Direk­to­ri­um bei­zu­tre­ten, war ver­gif­tet. Da wäre eine sehr nebu­lö­se Haf­tung gegen­über den „Inter­es­sen der Eigen­tü­mer“, das gerin­ge Stimm­recht und die Klau­sel, als Mit­glied des Board of Direc­tors kaum mehr als 14 Pro­zent der Akti­en hal­ten zu dür­fen. Schlim­mer noch war die Ankün­di­gung des CEO Parag Agra­wal, die Fir­men­po­li­tik in kei­nem Punkt ver­än­dern zu wol­len. Soll­te Musk also gedacht haben, Twit­ter allein durch sei­ne Anwe­sen­heit vom Löschen, Zen­sie­ren und Blo­ckie­ren abhal­ten zu kön­nen, lag er falsch. Was also soll man mit Antei­len einer Fir­ma machen, die kein Geld ver­dient und die­ses Pro­blem auch nicht lösen will? Musk zün­de­te die zwei­te Stufe.

Der Versuch der Übernahme

Die Empö­rung der woken Twit­ter­meu­te über die­sen schrä­gen Mul­ti­mil­li­ar­där, der so frech sein Schäu­fel­chen in ihren gelieb­ten umfrie­de­ten Sand­kas­ten steck­te, war noch nicht ver­flo­gen, da leg­te Musk mit dem Ange­bot nach, den Laden für $54,20 pro Aktie oder ins­ge­samt 41 Mil­li­ar­den Dol­lar ganz zu über­neh­men, was für die Eigen­tü­mer einer Fir­ma mit einer Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung um 30 Mil­li­ar­den Dol­lar kein schlech­tes Ange­bot ist. Doch, oh weh! Die Rich­tungs­wei­ser und Tor­wäch­ter sind empört! Twit­ter in der Hand eines exzen­tri­schen Super­rei­chen, der offen erklärt, die Mei­nungs­frei­heit auf der Platt­form wie­der­her­zu­stel­len? Als ob es davon nicht schon genug gäbe, jetzt, wo böse Falsch­mei­ner wie Donald Trump, Alex Jones oder Milo Yianno­pou­los ent­fernt wurden.

Nicht dass auch nur einer von denen gegen irgend­ein Gesetz ver­sto­ßen hät­te. Deren Mei­nun­gen pass­ten den Betrei­bern der Platt­form nur nicht, wes­halb sie mit eiser­nen Besen her­aus­ge­kehrt wur­den. Con­tent ging ver­lo­ren und User gleich mit. Zwar brach­ten sol­che Maß­nah­men besag­te Per­so­nen nicht zum Ver­stum­men, doch was auf Twit­ter nicht zu fin­den ist, kommt auch im Stoff­kreis­lauf der Nach­rich­ten nicht vor, weil all die woken Jour­na­lis­ten­zwit­sche­rer ihre täg­li­chen Bro­sa­men aus die­sem einen Fut­ter­napf picken. Was tren­det heu­te? Was bringt Klicks? Was ist rele­vant? Wor­über schrei­ben die Kol­le­gen? Wor­über schrei­ben sie nicht? Wie lau­tet das aktu­el­le Framing?

Die Rele­vanz von Twit­ter, dem kleins­ten aller gro­ßen Social­me­dia-Platt­for­men, ent­springt also nicht aus so öko­no­mi­schen Para­me­tern wie Nut­zer­zah­len, Wachs­tum und Gewinn. Ja, nicht ein­mal aus tech­no­lo­gi­schem Fort­schritt oder Benut­zer­freund­lich­keit („Wollt ihr einen Edit-But­ton?“ frag­te Musk), son­dern aus dem ideo­lo­gi­schen Brei aus laut­stark ver­tre­te­nen Medi­en­platt­for­men und Poli­tik. Und wäh­rend Fir­men wie Face­book und Goog­le von Jahr zu Jahr grö­ßer wer­den, sta­gnier­te und schrumpf­te Twit­ter bis etwa 2016. Die Finanz­be­rich­te wie­sen sat­te Defi­zi­te auf, was sich erst änder­te, als ein Mann die poli­ti­sche Büh­ne betrat, der durch sei­ne Art zu pola­ri­sie­ren nicht nur Twit­ter, son­dern ein gutes Dut­zend Medi­en­häu­ser gleich mit ret­te­te. Trump war Twit­ter­gold, TV-Gold, NYT-Gold, Klicks, Ein­schalt­quo­ten und Auf­la­gen gin­gen durch die Decke. Bis Twit­ter den Gold­esel von der Platt­form kegel­te. Der Rest ist Geschich­te. Und die „Gefahr“, dass Elon Musk an den Ergeb­nis­sen die­ser Ent­wick­lung eini­ges ändern wür­de, war groß.

„A Dangerous Nonsense“

Gefahr ist im Ver­zug für die woke media­le Twit­ter­bla­se, wel­che bis­her so mühe­los den Dis­kurs bestimm­te. Wenn die Spie­ler der ande­ren Sei­te sämt­lich mit roten Kar­ten vom Platz gestellt sind, spie­len selbst die Senio­ren des FC Hin­ter­tup­fin­gen erstaun­lich erfolg­reich gegen Bar­ça. Höchs­te Zeit also, der dro­hen­den Wie­der­her­stel­lung des Kräf­te­gleich­ge­wichts auf dem Platz eine mora­li­sche Ohr­fei­ge zu ver­pas­sen. Für die Medi­en über­nimmt das im Guar­di­an Robert Reich, der ehe­ma­li­ge Arbeits­mi­nis­ter unter Bill Clin­ton. Musks Visi­on für das Inter­net sei gefähr­li­cher Unsinn! Dik­ta­to­ren und Dem­ago­gen wie Putin und Trump hät­ten sich für ihre Lügen und Pro­pa­gan­da Zugang zum Netz ver­schafft und flu­te­ten auch Twit­ter mit Lügen – womit Musk schon mal in die böse Ecke der Puti­nis­ten und Trumpis­ten geframed ist. Es sei gut und not­wen­dig gewe­sen, Trump von der Platt­form zu neh­men, um „die ame­ri­ka­ni­sche Demo­kra­tie zu schüt­zen“, meint Reich. Er klingt, als stün­de er vor Gericht und ver­tei­di­ge sich selbst.

Im Fall der Ver­ban­nung Trumps strei­ten sich übri­gens zwei Inter­pre­ta­tio­nen der Rechts­la­ge. Die eine sagt, es gäbe nichts Gerichts­fes­tes gegen Trump, was die Ver­ban­nung recht­fer­ti­ge. So ist es in der Tat, aber die Befür­wor­ter die­ser roten Kar­te füh­ren an, Twit­ter sei nun mal eine pri­va­te Fir­ma, und man kön­ne dies abseits der Geset­ze hand­ha­ben, wie man wol­le. Gesperr­ten und gelösch­ten Usern warf man dann gern noch den Tipp hin­ter­her, wem die Fir­men­po­li­tik nicht pas­se, der kön­ne sich ja eine eige­ne Platt­form bau­en. Doch gel­ten sol­che Hin­wei­se und Vor­schlä­ge nicht in bei­de Rich­tun­gen? Wenn Musk die Fir­ma kauft, ist sie ja immer noch pri­vat, oder? Den Begriff der Mei­nungs­frei­heit näher an der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Defi­ni­ti­on als bis­her aus­zu­le­gen, ent­sprä­che immer noch den Geset­zen, und auch ent­täusch­ten woken Usern blie­be es unbe­nom­men, sich einen neu­en, sau­be­ren und mit „har­ter ideo­lo­gi­scher Tür“ ver­se­he­nen Safe­space im Inter­net zu suchen, wo ihre Mei­nung nicht von abwei­chen­den Mei­nun­gen gestört wird. Was wür­de sich also ändern?

Im Guar­di­an offen­bart Reich sei­ne gera­de­zu nai­ve Vor­stel­lung von Mei­nungs­frei­heit. Musk, so erfah­ren wir, hat­te Reich auf Twit­ter näm­lich schon vor eini­ger Zeit blo­ckiert, so dass die­ser nun nicht mehr sehen kann, was Musk so alles schreibt, und er ihm nicht mehr das Wort zum Sonn­tag dik­tie­ren kann. Reich:

„Ein selt­sa­mer Schach­zug für jeman­den, der sich selbst als „Abso­lu­tist der Rede­frei­heit“ bezeich­net. Musk befür­wor­tet Rede­frei­heit, aber in Wirk­lich­keit geht es ihm nur um Macht. […] Wel­che „Ver­bes­se­run­gen“ hat Musk für Twit­ter im Sinn? Wird er sei­ne Schlag­kraft bei Twit­ter nut­zen, um zu ver­hin­dern, dass Benut­zer mit zig Mil­lio­nen Fol­lo­wern Per­so­nen blo­ckie­ren, die sie kri­ti­sie­ren? Ich bezweif­le das.“

Nur keine Transparenz, wenn es gerade nicht in den Plan passt!

Reich möch­te also, dass kei­ne Per­son die „Macht“ hat, sich sei­nen Aus­füh­run­gen und Kom­men­ta­ren zu ent­zie­hen. Ihn ein­fach blo­ckie­ren? How dare you! Gleich­zei­tig begrüßt es Reich, dass Twit­ter Trump blo­ckiert. Reich möch­te also sei­ne per­sön­li­chen Befind­lich­kei­ten vom Betrei­ber der Platt­form umset­zen las­sen. Pri­va­te Fir­ma eben, da machs­te nix dran! Zumin­dest solan­ge dir gefällt, was sie macht. Solan­ge die Fir­men­po­li­tik mit dem eige­nen Poli­tik­ver­ständ­nis über­ein­stimmt, ist die Fir­men­po­li­tik für Reich gut. Doch war­um muss Twit­ter tun, was Reich auch selbst tun kann? Nicht Twit­ter soll­te es sein, der Trump blo­ckiert, son­dern Reich! Wenn er jeman­den für unzu­mut­bar, häss­lich, dumm oder sonst­was hält, ist es doch nicht die Auf­ga­be einer pri­va­ten Fir­ma, dies zu exe­ku­tie­ren. Die Ver­ant­wor­tung liegt beim User, nicht der Platt­form. Auf Twit­ter zu blo­ckie­ren, ist eine indi­vi­du­el­le Funk­ti­on, die man ein­set­zen kann, aber nicht muss. Trump oder irgend jemand ande­res von Twit­ter zu kegeln, ist eine zen­tra­lis­ti­sche Ent­schei­dung, die alle betrifft. Auch die­je­ni­gen, die wie CNN-Autoren davon leb­ten, sich an den Anzüg­lich­kei­ten in Trumps Tweets die Fin­ger wund­zu­schrei­ben. Reich weiter:

„Jemand muss auf jeder Platt­form über die Algo­rith­men ent­schei­den – wie sie gestal­tet sind, wie sie sich wei­ter­ent­wi­ckeln, was sie ent­hül­len und was sie verbergen.“

Ent­hül­len und ver­ber­gen also. Nur kei­ne Trans­pa­renz, wenn es gera­de nicht in den Plan passt! Etwa kurz vor der Prä­si­dent­schafts­wahl 2020, als Twit­ter die New York Post sperr­te und gewis­se Arti­kel über einen gewis­sen Lap­top eines gewis­sen Hun­ter Biden nicht mal per Pri­vat­nach­richt ver­teilt wer­den konn­ten. Heu­te schreibt die NYT dar­über und es steht fest, dass es sich weder um eine rus­si­sche Des­in­for­ma­ti­on noch um gefälsch­te Bewei­se han­del­te. Doch nicht ein Algo­rith­mus hat ent­schie­den, was auf Twit­ter in die­sem Fall ver­bor­gen blei­ben sollte.

„Mil­li­ar­dä­re wie Musk haben immer wie­der gezeigt, dass sie sich über dem Gesetz ste­hen sehen. Und zum gro­ßen Teil ist es auch so.“

Das ist natür­lich kom­plet­ter Unsinn. Der Vor­teil liegt woan­ders: Man hat eine grö­ße­re Aus­wahl, wel­che Geset­ze gera­de pas­send sind. Mich stört auch das „Mil­li­ar­dä­re wie Musk“. Denn Musk hat in der Cau­sa Twit­ter aus­drück­lich kein Gesetz über­tre­ten. Er durf­te die Antei­le erwer­ben. Er durf­te den bedeu­tungs­lo­sen Vor­stands­pos­ten ableh­nen und er durf­te auch das Über­nah­me­an­ge­bot machen. Wo ist das Gesetz, das Reich hier über­tre­ten sieht? Ist es das der Moral? Oder das der „the­men­be­zo­ge­nen Mei­nungs­frei­heit“? Und was ist mit all den Mil­li­ar­dä­ren, denen Twit­ter heu­te gehört?

„Musk sagt, er wol­le das Inter­net „befrei­en“. Aber was er wirk­lich will, ist, es noch weni­ger rechen­schafts­pflich­tig zu machen als jetzt, wo es oft unmög­lich ist, her­aus­zu­fin­den, wer die Ent­schei­dun­gen dar­über trifft, wie Algo­rith­men ent­wor­fen wer­den, wer die sozia­len Medi­en mit Lügen füllt, wer unse­ren Ver­stand mit Pseu­do-Wis­sen­schaft und Pro­pa­gan­da, und wer ent­schei­det, wel­che Ver­sio­nen von Ereig­nis­sen viral wer­den und wel­che unter Ver­schluss bleiben.“

Dem Zauberer von Oz gleich, hinter dem Vorhang

Was Musk wirk­lich will, ist, zum Mars zu flie­gen. Doch es scheint, als hät­te er auf der Erde noch genug zu tun. Der trei­ben­den Kraft hin­ter SpaceX und Tes­la indi­rekt vor­zu­wer­fen, Pro­pa­gan­da zu för­dern und die Wis­sen­schaft zu unter­drü­cken, ist schon ein star­kes Stück. Zumal die Vor­wür­fe aus­ge­rech­net dann zutref­fen, wenn man sie auf die aktu­el­le Situa­ti­on von Twit­ter anwen­det. Wo ist denn die Trans­pa­renz der Algo­rith­men heu­te? Wie berech­net Twit­ter Rele­vanz, wie Wahr­heits­ge­halt, Hass und Hoax? Der neue CEO der Fir­ma mach­te im Novem­ber 2021 jeden­falls sehr deut­lich, dass sei­ne Fir­ma sich nicht so sehr an „Free Speech“ ori­en­tie­ren wer­de. Doch wenn es nicht finan­zi­el­ler Erfolg ist und auch nicht die Mei­nungs­frei­heit, was könn­te dann der zen­tra­le Grund für die Exis­tenz von Twit­ter sein? Wer soll­te über­haupt Antei­le einer sol­chen selbst­zer­stö­re­ri­schen Fir­ma hal­ten wollen?

„In Musks Visi­on von Twit­ter und dem Inter­net wäre er der Zau­be­rer hin­ter dem Vor­hang – er pro­ji­zier­te auf die Lein­wand der Welt ein fal­sches Bild einer schö­nen neu­en Welt, die jeden ermäch­tigt. In Wirk­lich­keit wür­de die­se Welt von den reichs­ten und mäch­tigs­ten Men­schen der Welt domi­niert, die nie­man­dem gegen­über für Fak­ten, Wahr­heit, Wis­sen­schaft oder das Gemein­wohl ver­ant­wort­lich wären.“

Auch hier beschreibt Reich den Ist-Zustand. Es sei denn, in sei­ner Vor­stel­lung gibt es gute und schlech­te „Zau­be­rer“ hin­ter Vor­hän­gen. Eini­ge Namen die­ser Zau­be­rer gefäl­lig? Marc Zucker­berg, Face­book und Insta­gram. Micha­el Bloom­berg: Bloom­berg Media. Rupert Mur­doch: Fox News, Wall Street Jour­nal. Jeff Bezos: The Washing­ton Post. John Hen­ry: Bos­ton Glo­be. Car­los Slim: New York Times. Die Lis­te derer, die laut Reich dem Gemein­wohl nicht ver­ant­wort­lich sind, weil sie dem Zau­be­rer von Oz gleich hin­ter dem Vor­hang agie­ren, mag lang sein. Reich regt sich jedoch nur über Musk auf. Aus­ge­rech­net über den also, der als Ein­zi­ger ein erklär­tes und nach­prüf­ba­res Ziel für sei­ne Akqui­si­ti­on genannt hat: die Mei­nungs­frei­heit auf einer Platt­form wie­der­her­zu­stel­len, die an ihren selbst auf­er­leg­ten Zen­sur­maß­nah­men zu ersti­cken droht.

Das Paradox

Die Paro­le „Hän­de weg von Twit­ter“ ist aus­ge­ge­ben und es wird aus allen Roh­ren geschos­sen. Ver­tei­di­ger sind aus­ge­rech­net jene, denen Twit­ter nie schnell und hart genug gegen ver­meint­li­chen Hass und Het­ze vor­ge­hen konn­te. Nun schwin­gen sie sich zu Hütern und Ver­tei­di­gern der Mei­nungs­frei­heit auf wie die Süd­deut­sche Zei­tung. Doch wer wird hier eigent­lich vor Elon Musk in Schutz genom­men? Stellt sich da die media­le Wache auf der Bar­ri­ka­de hel­den­haft vor den macht­lo­sen Klein­an­le­ger, der sei­ne Spar­gro­schen in Twit­ter­ak­ti­en in Sicher­heit bringt? Die Aktie ist nicht gera­de der Ren­ner, und wie wir aus den ver­schnupf­ten bis belei­dig­ten Reak­tio­nen auf Musks Ange­bot schlie­ßen kön­nen, soll sie das auch nicht sein. Man müss­te schon Van­guard, Black­Rock oder Mor­gan Stan­ley hei­ßen, um die ideel­le Kraft hin­ter dem schlech­ten Invest­ment zu sehen. Und so hei­ßen sie ja auch, die Top-Inves­to­ren. Van­guard hat sei­nen Anteil nach der Offer­te Musks sogar noch erhöht, um im Not­fall (even­tu­ell) als „Wei­ßer Rit­ter“ auf­tre­ten zu können.

Zu allem Über­fluss hat ein wei­te­rer gro­ßer Aktio­när von Twit­ter bereits ange­kün­digt, Musks Ange­bot sei viel zu gering und er wür­de dan­kend ableh­nen. Es han­delt sich um den sau­di­schen Prin­zen Alwa­leed bin Tal­al Al Saud. Aus­ge­rech­net. Ein sie­ben Bil­lio­nen Dol­lar schwe­rer Finanz­dienst­leis­ter will also Twit­ter gemein­sam mit einem sau­di­schen Prin­zen vor der Absicht eines risi­ko­freu­di­gen süd­afri­ka­nisch-ame­ri­ka­ni­schen Tech-Mil­li­ar­därs „ret­ten“, der Platt­form Mei­nungs­frei­heit zu ver­ord­nen, und die glo­ba­le Lin­ke applau­diert begeis­tert. Vor so viel dia­lek­ti­scher Igno­ranz müss­te selbst ein Stamm­tisch aus Mises, Marx und Moha­med sprach­los kapitulieren.

Wozu das alles?

Die Mög­lich­keit, Twit­ter wie­der in einen Ort der frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung zu ver­wan­deln, jagt der Chef­eta­ge der Platt­form eine Hei­den­angst ein. Die Intrans­pa­renz der Fir­men­po­li­tik und die Macht über den Algo­rith­mus, die Reich Musk unter­stellt, möch­te man selbst gern behal­ten. Man möch­te die Platt­form „sau­ber“ und Leu­te wie Trump drau­ßen hal­ten. Eine lächer­li­che Fas­sa­de ange­sichts der Tat­sa­che, dass die Hamas, die KP Chi­nas, die rus­si­sche Regie­rung und die ira­ni­schen Mul­lahs mit von der Par­tie sind und sich aus­ge­rech­net sau­di­sche Inves­to­ren zu Beschüt­zern aufschwingen.

Nein, Mei­nungs­frei­heit ist kein Ziel, dem man sich im Board ver­pflich­tet fühlt. Eben­so wenig dem wirt­schaft­li­chen Erfolg. Es sind nicht die Share­hol­der, son­dern die Sta­ke­hol­der, die den Ton vor­ge­ben. Und die haben noch viel vor mit Twit­ter. Es ist nur noch nicht klar, was genau die nächs­te Ver­ne­be­lung sein wird, für die man „ent­hül­len oder ver­ber­gen“ muss, wie Reich es aus­drück­te. Sup­port the cur­rent thing, wha­te­ver it may be.

Auch gegen Musks „Plan B“, Twit­ter in klei­ne­ren Tran­chen solan­ge auf­zu­kau­fen, bis er über eine beherr­schen­de Mehr­heit ver­fügt, macht man gera­de mit einem „Share­hol­der Rights Plan“ mobil. Für jede Aktie, die Musk erwirbt, gibt man dank die­ser „Gift­pil­le“ ver­bil­lig­te Akti­en an ande­re, geneh­me­re Anteils­eig­ner her­aus. So ver­hin­dert man, dass Musk jemals genug Antei­le erhält, um in dem Laden tie­fe Fur­chen zie­hen zu kön­nen. Doch das Gift wirkt natür­lich auch auf Twit­ter selbst, denn der Kurs der Aktie wür­de durch die infla­tio­nier­te Anzahl in den Kel­ler gehen, was dem Ursprungs­ar­gu­ment gegen die Über­nah­men, Twit­ter sei viel mehr wert, den Wind aus den Segeln näh­me. Dum­mer­wei­se segelt das Nar­ra­tiv schon heu­te nicht gut. Im Febru­ar stuf­te die Abtei­lung für Anla­ge­re­cher­che von Gold­man Sachs die Aus­sich­ten für die Twit­ter-Aktie bei 30 Dol­lar ein. Ein Abschlag von 20 Pro­zent  zum dama­li­gen Kurs.

Hier möch­te ich Robert Reich noch ein­mal das Wort geben: „In Wirk­lich­keit wür­de die­se Welt von den reichs­ten und mäch­tigs­ten Men­schen der Welt domi­niert, die nie­man­dem gegen­über für Fak­ten, Wahr­heit, Wis­sen­schaft oder das Gemein­wohl ver­ant­wort­lich wären.“ Strei­chen Sie nur die Kon­junk­ti­ve, lie­be Leser, dann liegt die Cau­sa Twit­ter auf­ge­blät­tert vor Ihnen. Sicher, Musk ist auch reich. Aber er gehört nicht zum Club und das gibt man ihm deut­lich zu ver­ste­hen. Oder, um es so zusam­men­zu­fas­sen, wie es der User Erich Hart­mann bei Twit­ter tat: „So let me get this strai­ght: The pro­gres­si­ve left is now roo­ting FOR Sau­di Ara­bia, Wall Street, Vanguard/Blackrock and AGAINST free speech, liber­ty and the dude who makes electric cars and is going to Mars?“

Viel­leicht wird Musk also dem­nächst fol­gen­den Tweet abset­zen: „Ich kau­fe Twit­ter nicht, denn es IST die Tru­man Show!“

Zuerst erschie­nen auf Achgut.com

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1 Kommentar

  1. Ich hab schon län­ger kei­nen Zugang mehr zu Twit­ter, aber … hm … gibt es über­haupt pri­va­te Tweets? Also wenn Robert Reich von jeman­dem geblockt wur­de, heißt das eigent­lich doch, dass er den ande­ren nicht behel­li­gen kann und an des­sen Tweets nichts dran­hän­gen kann. Er kann den Tweet selbst aber anschau­en. Das ist viel­leicht nicht so, wäh­rend er ein­ge­loggt ist, aber doch, wenn er sich ausloggt. 

    Oder bin ich da auf dem Holz­weg? Ich hab gese­hen, dass man beim Scrol­len eine Nach­richt kriegt, ob man denn nicht ein­log­gen möch­te. Die ver­hin­dert, dass man wei­ter­scrollt. Aller­dings kann man sie umge­hen, indem man etwas schnel­ler scrollt und unter die ers­te Sei­te kommt. Erst beim hoch­scrol­len an die Bruch­stel­le zwi­schen der ers­ten und zwei­ten Sei­te fliegt man wie­der raus, womit ein paar weni­ge Tweets am Tag nicht les­bar sind. Und Twit­ter ist doch eigent­lich eine Blog-Platt­form, die auch will, dass Tweets von ande­ren Sei­ten ein­ge­bun­den und refe­ren­ziert wer­den. Es gibt ver­mut­lich ohne­hin etli­che Spie­gel­sei­ten, auf denen man alle mög­li­chen Tweets fin­den kann, wenn man will.

    Was ich damit sagen will, ist, dass Robert Reich sei­ne Leser ver­mut­lich nur noch ein­mal wis­sen las­sen woll­te, dass er einen nied­ri­gen IQ hat.

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